Albsteig, Etappe 7: Vom Wasserberg zum Boßler

Tag Sieben auf dem Albsteig (HW1) vom Wasserberg zum Boßler mit einem Nebenjob als Produkttester, ausbaufähigen Skills beim Langlauf, Styling-Tipps von Oskar und Gulasch-Tipps von Albert, der längsten Abkürzung aller Zeiten und der Erkenntnis, dass Pläne zum Ändern da sind (26.9.2020, 15,5 km)

Meine Nacht mitten im Wald jenseits der Zivilisation im kuscheligen Bett des Wasserberghauses ver(sch)lief ganz hervorragend. Der Schnaps tat sein übriges. Gut gelaunt begebe ich mich in den Frühstücksraum, wo Linsen-Boy, mein Flirt-Freund von gestern Abend, tunlichst vermeidet, jegliche Art von Blickkontakt aufzubauen. Stattdessen unterhält er sich extra laut und übertrieben gut gelaunt mit seinen Homies. 

#albsteig #hw1 #schwäbischealbnordrandweg #badenwürttemberg #deutschland #wanderung #fernwanderung #wandern #fernwandern #rucksack #läuftbeiihr

Produkttesten für Fortgeschrittene

Ich kralle mir derweil den Pächter und befrage ihn nach dem besten Abstieg. Das hat mich gestern ja doch ziemlich beschäftigt. Die neue Wegführung des Albsteigs sei auch gleichzeitig die leichtere, versichert mir Philipp, der es wissen muss. Ich kann also ganz gemütlich den Markierungen folgen. Um völliger Langeweile vorzubeugen, zeigt sich dafür das Wetter von seiner ungemütlichsten Seite. Die Prognosen versprechen konstanten Regen. Warten lohnt sich nicht, sonst sitze ich noch heute Abend hier.

Nebliger Ausblick vom Wasserberghaus, Albsteig bei Gruibingen
Mit ein wenig Fantasie kann man auch diesen Ausblick genießen

Für gewöhnlich hätte man vom Wasserberg sicher einen wunderbaren Blick ins Tal, in meinem Fall bietet sich nichts als Nebelsuppe. Getreu dem Motto „Gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen“ starte ich um halb zehn meinen Wandertag mit freundlicher Unterstützung meiner Regenjacke und der wasserdichten Schuhe. Sollen die Freunde mal zeigen, was sie können.

Wandern im Regen auf dem Albsteig
Kalt und nass, aber die Jacke hält zumindest den Wind und Regen wie versprochen von mir

Der Abstieg ist in der Tat eigentlich gut machbar. In meinem Fall kommt das Adrenalin eher, weil die Wege stellenweise glitschig sind. Das nasse Laub und die matschige Erde finden zu einer wunderbaren Melange zusammen,  auf der ich teils ungewollt Schritte mache, die an Langlauf erinnern. Aber dank dicker Wurzeln, die ich als Fußblockade nutze, komme ich heil hinab.

Natürliche Steigeisen – die Wurzeln helfen mir, auch auf rutschigem Untergrund Halt zu finden

Den erfahrenen Leser der bisherigen Albsteig-Episoden werde ich nicht wirklich überraschen, wenn ich verrate, dass es – kaum habe ich das Tal erreicht – gleich wieder hinauf geht. Diesmal steuere ich das Fuchseck auf 762 Metern Höhe an.

Aufstieg zum Fuchseck über Stock und Stein
Stock und Stein in seiner schönsten Form

Auch hier bleibt die Aussicht aussichtslos. Die Kaiserberge verstecken sich in dichtem Regengrau. Grau ist auch meine Stimmung, denn eine kleine Tafel erinnert an Tom, der am Tag seines Todes noch einmal hierher kam. Den Bildern nach zu urteilen, ging Tom viel zu früh und hinterließ Menschen, die seiner noch heute gedenken.

Erinnerungstafel an einem Baum am Fuchseck auf dem HW1
Eine Tafel erinnert an den verstorbenen Wanderliebhaber, das trübe Wetter passt sich der Melancholie an

Solche Schicksale machen mich betroffen. Noch länger hänge ich meinen Gedanken an den Unbekannten nach, der mich von seinem Bild lebensfroh und fit angestrahlt hat, während der Wind um mich herum pfeift, die Äste hin und her geschleudert werden und der Regen von allen Seiten kommt. Fernwandern ist kein Ponyhof.

Styling-Vorbild Oskar aus der Mülltonne

Während Regenjacke und Schuhe ihren Dienst mit Bravour leisten, klebt mir die Hose an den Beinen. Für Notfälle habe ich mir zuhause aus einem Laubmüllsack einen Regenrock gebastelt, doch nirgends bietet sich eine Möglichkeit, ihn aus dem Rucksack zu fischen, ohne dabei dessen Inhalt in ein Aquarium zu verwandeln. Derweil führt der Weg erneut durch den Wald hinab und dann vorbei an Feldern, die mir so gar keinen Schutz bieten wollen.

Zweieinhalb Stunden sind vergangen, als ich eine verkehrsreiche Landstraße queren will. Autofahrer düsen mit mitleidigem Blick an mir vorbei, während ich leise über Spritzwasser fluche und je nach Situation auch schon mal beiseite springe. Aus dem trockenen Auto betrachtet, biete ich mit Sicherheit eine unterhaltsame Performance. 

Feld vor Dunsthimmel, wandern auf dem Albsteig
Kein Regenschutz in Sicht

Das Schicksal hat ein Einsehen mit mir. Kaum wieder in den Wald eingetaucht, tut sich ein kleines Paradies auf. Ein Schuppen aus Holz verspricht potenziellen Schutz vor der Nässe.

Während ich mich durch das Gebüsch schlage, um den Eingang zu erreichen, schießen mir kurz sämtliche Horrorszenarien durch den Kopf. Was, wenn dort jemand haust? Was, wenn ich auf die leblosen Überreste von Mensch oder Tier stoße? Der tosende Wind und platternde Regen kürzen meine Gedankengänge ab, und ich reiße ambitioniert die Tür auf, um mir im nächsten Moment amtlich den Kopf zu stoßen.  

Im Inneren befindet sich wenig überraschend nichts, was ich fürchten müsste. Spinnenweben zieren Fenster und Deckenbalken, ansonsten wartet gähnende Leere. Immerhin dient der Balken über mir wenig später als Wäscheleine für den Rucksackschutz und ein Nagel am Fenster als Aufhänger für meine Jacke.

Ich fühle mich wie ein Clochard, während ich mir hungrig mein Brötchen im Stehen einverleibe und meiner Wäsche beim Trocknen zuschaue. Meine Oberschenkel sind nach wie vor klatschnass, und ich fröstle. Zeit, dass meine Geheimwaffe zum Einsatz kommt.

 

Der umfunktionierte Plastikmüllsack wird aus den Tiefen des Rucksacks ans Licht gezerrt. Wenig später freue ich mich über erste Wärmeeffekte. Auch die beiden zusätzlichen Fleece-Oberteile helfen. Eine Erkältung braucht ja nun wirklich niemand. 

Die Pechmarie unter den Etappen

Wissend, dass mich noch mindestens zwölf Kilometer erwarten, verlasse ich meinen Unterschlupf nur widerwillig und breche auf. Wieso ist ausgerechnet heute der weiteste Tag von allen?

Von Beginn an stand diese Etappe unter keinem guten Stern. Als ich sie plante, hatte ich noch die Hoffnung, bei den Eckhöfen unterzukommen. Beim Buchen der Unterkünfte stellte sich dann heraus, dass die Corona-Auflagen es der Betreiberin unmöglich machten, den Betrieb aufrechtzuerhalten, sodass ich mich nach Alternativen umschauen musste.

Auf dieser Etappe hätte es mit dem Naturfreundehaus auf dem Boßler ein weiteres Wanderheim gegeben. Doch auch dieses war pandemiebedingt geschlossenen. So blieb nur die Variante, den Albsteig zu verlassen und ins zwei Kilometer entfernte Wiesensteig auszuweichen.

Der Ort verfügt über zwei schöne wenn auch teure Hotels, die sicherlich jeden Cent wert sind, wenn man dort urlaubt. Wenn man lediglich mit einem Schlafplatz liebäugelt, belasten sie das Wanderbudget überdurchschnittlich. Mangels Alternativen (in einen anderen Ort mit Bus oder Taxi zu fahren, ist irgendwie nichts für mich) buchte ich mich also in einem der beiden ein.

Feldweg auf dem Albsteig HW1
Bonjour, Tristesse – es gibt so Tage, da läuft es eben nicht wie geschmiert

Als sei das nicht genug, kommt die nächste Wiesensteig’sche Hiobsbotschaft von Oli, der einen Tag vor mir unterwegs ist. Er ist, der gleichen Logik folgend, gestern Nacht in meinem Hotel in Wiesensteig untergekommen. Nun weiß er zu berichten, dass dort heute eine Hochzeit ausgerichtet wird. Ich freue mich schon auf Musik bis spät in die Nacht.

Bis zur Nacht muss ich gar nicht warten, denn wenig später klingelt mein Telefon. Das Hotel teilt mir mit, dass man sich zwar auf meine Anreise freue, es aber aufgrund einer Hochzeitsgesellschaft keine Möglichkeit für mich geben werde, dort zu essen. Mein Zimmer gehe zwar in eine andere Richtung als der Festsaal, aber es könne durchaus sein, dass es etwas lauter werde. Wenn ich unter diesen Umständen absagen möchte, wäre das nachvollziehbar.

Den Anruf weiß ich wirklich zu schätzen. Nett, dass sie mich informieren und mir die Wahl lassen. Leider habe ich nur keine und ergebe mich in mein Schicksal: Schlechter Schlaf und knurrender Magen zum Wander-Mondpreis. 

Auf guten Abwegen

Etwas übellaunig nehme ich das nächste Stück in Angriff (ein Anstieg, wie sich von selbst versteht). Oben angekommen darf ich auch umgehend wieder abwärts. Ein steil abfallender Matschweg wirft sich mir vor die Füße. Kaum habe ich das Stück im erprobten Schlurfgang gemeistert, verlaufe ich mich offensichtlich. Fortan bewege ich mich auf einer Mountainbike-Strecke, die aber mehr oder weniger parallel zum Wanderweg verläuft und griffigen Gravel im Angebot hat, sodass ich mich wenigstens nicht mehr rutschend fortbewege. Glück im Unglück, möchte ich meinen.

Zumindest für Mountainbiker hat die Strecke dann aber doch noch eine kleine Herausforderung im Angebot. Wie gut, dass ich nicht auf einem Fahrrad sitze, denke ich und klettere über den umgestürzten Baum.

Abruptes Ende und ultimativer Bremstest für Radfahrer

Ein kurzes Stück auf Asphalt, um an der A8 vorbeizukommen, dann kündigt mir ein steinerner Wegweiser das nächste Zwischenziel an. Das Boßler Haus, besagtes Wanderheim, das eigentlich Übernachtungen anbietet, liegt etwa zwei Kilometer und 150 Höhenmeter von hier. Ich hoffe innerlich, auf einen geeigneten Pausenplatz.

Ein Markierungsstein zeigt den Weg zum Boßlerhaus
Der große Stein wirkt etwas verloren, kündigt mir aber mein nächstes Zwischenziel an

Mein Wanderwunder

Eine halbe Stunde kostet mich der Aufstieg bei weiterhin anhaltendem Nieselregen. Die Ausblicke fallen tiefhängenden Wolken weitestgehend zum Opfer. Eigentlich würde man hier einmal mehr die Kaiserberge bewundern dürfen. Immerhin bewundere ich das satte Grün und allererste Herbstboten, als ich zurückschaue. So in etwa stelle ich mir Irland vor.

Weite Landschaft in der Nähe Boßler am Albsteig HW1
Grün in allen Facetten – ich bekomme Lust auf ein Guinness

Vor dem Boßler Haus angekommen, schaue ich doch reichlich verdutzt. Eine Armada von PKW bevölkert den Parkplatz. Beim Näherkommen wird schnell klar, dass es sich nicht um vereinzelte Wanderer und Gassigeher handeln kann. Aus dem Naturfreundehaus erklingt eindeutig das Geplapper und Gelächter einer größeren Gruppe, die vermutlich nicht beim ersten Bier sitzen.

Einerseits bin ich mehr als verwundert, das Boßler Haus offen vorzufinden. Andererseit stellt sich Enttäuschung ein, dass somit auch dieser Ort zum Pausieren ausscheidet. Draußen ist alles nass und drinnen befindet sich aller Wahrscheinlichkeit nach eine geschlossene Gesellschaft. 

Es ist schon faszinierend, was für ein Bedenkenträger ich manchmal bin. Statt wie jeder halbwegs normale Mensch die Tür zu öffnen, Trockenheit und Wärme zu genießen und dann weiterzuschauen, krame ich bereits vorab sämtliche Argumente hervor, die dagegen sprechen. Während ich mit mir selbst diskutiere, ob ich mich unter Menschen wagen soll, begutachte ich den Biergarten links des Gebäudes, der bei klarem Wetter sicherlich traumhafte Aussichten bietet.

Biergarten des Boßler Hauses am Albsteig HW1
So sieht es hier übrigens aus, wenn die Sonne scheint (am nächsten Morgen)

Man nimmt mir die Entscheidung ab. Zielstrebig kommt ein Herr mit Karohemd, Bart und langem, weißem Zopf auf mich zugelaufen. Was ich denn hier draußen herumstehe. Drinnen sei es warm und ich ganz nass. Ich solle jetzt mal schleunigst mit hineinkommen.

Ich ziere mich noch eine kleine Runde (wie schon erwähnt, ich mache mir mein Leben gerne unnötig kompliziert). Da seien ja Gäste, ich wolle nicht stören. Und überhaupt, so schlimm sei es nicht. Mein Gegenüber lässt das nicht gelten. Wir beide würden erst einmal gemeinsam drinnen anstoßen und dann könne ich ja überlegen, was ich als nächstes täte.

Ein Stammtisch leistet Überzeugungsarbeit

Ich lasse mich in den Eingang schieben und muss erst einmal aus meinem Mülltüten-Regenrock heraus. Mein neuer Kumpel ist begeistert. So etwas habe er ja noch nie gesehen! Dabei sei das wirklich eine prima Idee, um sich den Regen vom Hals bzw. den Beinen zu halten und dann auch noch platzsparend und günstig (sag ich ja – Grüße gehen raus an Christine Thürmer).

Als ich meine Schuhe gegen trockene Exemplare aus dem Rucksack getauscht habe, betrete ich hinter ihm die Wirtschaft. „Ich bringe euch eine Wanderin“, verkündet Michel und versorgt mich – wenn auch unter Protest – antialkoholisch mit Spezi und Kaffee.

Er scheint an seinen übrigen Gästen nur bedingtes Interesse zu haben und hockt sich zu mir. Das seien alles Bekannte vom Stammtisch bzw. deren Freunde, die kenne er gut. Was mich denn hierher verschlagen habe? Wo ich gestartet sei? Und wo ich noch hin wolle? Ich berichte vom HW1 und meiner etwas sperrigen Etappe heute, vor deren letztem Stück mir graut, weil immer noch gute zwei Stunden auf mich warten.

Das Kompetenz-Team vom Boßler, Markus und Michel

Mit Sicherheit gäbe es einen kürzeren Weg als über den HW 1, mutmaßt Michel, und für diesen Trick 17 habe er den passenden Mann für mich. „Albert, komm mal rüber“, ruft er einen anderen Herrn, der auch zum Stammtisch gehört. Wenn jemand die Gegend wie seine Westentasche kenne, dann der Albert. Abgesehen davon mache der das beste Gulasch. Und zwar heute Abend. Ob ich nicht bleiben wolle. Ich könne hier übernachten.

Meine Verwunderung ist riesig. Es hieß, das Haus sei geschlossen. Ja, das stimme wohl, erklärt man mir, aber die Entscheidung, an diesem Wochenende Hüttendienst zu machen, wäre vom Stammtisch eher spontan getroffen worden, damit die Feier stattfinden könne. Und wenn man jetzt schon mal oben sei, würde man auch gleich über Nacht bleiben. Somit bestünde die Möglichkeit, Gäste unterzubringen, übrigens zum ersten Mal in diesem Jahr. Das könne ich doch wohl nicht verpassen wollen?

Ich stehe mir mal wieder klassisch selbst im Weg. Eigentlich klingt der Vorschlag wie die beste Idee seit langem. Im Trockenen bleiben, nette Gesellschaft haben und nicht noch mal vor die Tür gehen, um in einen Ort zu wandern, in dem das Abendessen ausfällt und der noch dazu abseits der eigentlichen Strecke liegt. Aber bei so etwas kann ich stur sein. Ich habe das so geplant, also ziehe ich das durch. Zu Michels Enttäuschung schlage ich sein Angebot aus.

Pläne sind zum Ändern da

Michel trollt sich zum Dienst hinter der Theke. Wenig später sitzt Albert neben mir, und ich schließe ihn bereits nach wenigen Minuten ins Herz. Es gibt Menschen, die eine so wunderbare Ausstrahlung haben, dass man ihnen gleich sein ganzes Leben anvertrauen würde und die Kreditkarte und den Haustürschlüssel. So jemand ist Albert, der die Gegend hier tatsächlich aus dem Effeff kennt.

Als er hört, dass ich auf dem kürzesten Weg nach Wiesensteig möchte, weiß er wie vermutet eine Abkürzung, die er mir wenig später auf einen Zettel kritzelt. Ich höre der Wegbeschreibung aufmerksam zu, bin mir aber jetzt schon sicher, dass ich das nicht hinkriege. Navigation und ich sind nicht unbedingt beste Freunde. Albert wird während seiner Ausführungen von Markus, dem Dritten aus dem Hüttendienst-Team, kritisch beäugt. Wehe, wenn er mich auf den falschen Weg schickt! Wieso ich nicht einfach hier bleibe, ist beiden schleierhaft. 

Die Abkürzung vom Boßler nach Wiesensteig – ist klar, oder?

Bald schon reden wir über das Wandern und die wunderbare Freiheit unterwegs. Ich renne offene Türen ein. Vor allem Albert ist passionierter Wanderer. Auch Michel erscheint von Zeit zu Zeit am Tisch und sieht nach dem Rechten oder nimmt mich zum Rauchen mit vor die Tür. Und jedes Mal fragt er hartnäckig nach, ob ich nicht doch bleiben wolle. Schließlich regne es immer noch, und ich verpasse das beste Gulasch der Region.

Raucherpäuschen mit Michel, den irren Blick von mir gibt es gratis dazu

Inzwischen würde ich wirklich gerne bleiben, doch es gibt einen gewaltigen Haken: der weitere Streckenverlauf. Da die Unterkünfte stellenweise rar gesät sind, habe ich jedes Bett vorab gebucht. Bleibe ich heute auf dem Boßler, muss ich die fehlenden sieben Kilometer morgen anhängen, und das wird zu weit.

Michel versteht mein Problem, hat aber im nächsten Moment eine pragmatische Lösung: irgendjemand wird mich morgen per Auto an einen Ort meiner Wahl fahren, damit ich von dort weiterwandern kann. Großes Indianerehrenwort. Es sei doch kein Zufall, dass ich am ersten offenen Tag in diesem Jahr hereingeschneit käme. Außerdem gäbe es noch so viel zu bequatschen und dann auch noch das besagte, legendäre Gulasch. Er bekommt breite Unterstützung von allen Beteiligten. Für sie sei es viel schöner, wenn sie einen „echten Gast“ beherbergen würden.

Und endlich gebe ich mir einen Ruck. Was soll der Quatsch? Pläne sind zum Ändern da – zumindest wenn es sich richtig anfühlt, und so tue ich genau das. Ich ahne jetzt schon, dass das heute Abend einer der schönsten Abende auf dem Weg werden wird, weil Gesellschaft einfach unbezahlbar ist und storniere kurzerhand mein viel zu teures Hotel. 

Gulasch-G’schichten

Meine Entscheidung wird begeistert aufgenommen. Karin, die bisher in der Küche fleißig war, eilt mit mir nach oben, wo wir ein Zimmer für mich aussuchen. Ich bin ganz verlegen, weil sich meine Gastgeber:innen fast noch mehr freuen als ich.

Gästezimmer im Boßler Haus
Meine gemütliche Bleibe für die Nacht

Nach dem Duschen komme ich umgezogen nach unten. Man habe mich fast nicht wiedererkannt, so die einhellige Meinung. Das nassgeregnete Häufchen Elend hat sich wieder in ein Menschenkind verwandelt. Derweil sind die Stammtisch-Mitglieder leicht angespannt. Am Abend kommen Abgesandte der Naturfreunde, die dieses Haus verantworten und nach dem Rechten sehen werden. Hoffentlich passt alles.

Auf ein Bierchen mit dem Koch – der wunderbare Albert

Per Chat benachrichtige ich Mitwanderer Oli von meiner glücklichen Fügung und ernte Glückwünsche. Der nasse Weg habe ihm heute einiges abverlangt. Gott, wie froh bin ich, dass ich nicht mehr weitergegangen bin.

Auf dem Boßler ist Ruhe eingekehrt. Die 20-köpfige Gruppe ist zurück im Tal und wir haben die Hütte für uns allein. Alberts Gulasch ist verzehrfertig und weitere Familienmitglieder sind samt Kindern und Hunden hergekommen. Bald sitzen alle zusammen und stürzen sich auf das wirklich grandiose Essen samt geschichtetem Dessert zum Abschluss.

Abendessen auf dem Boßler
Was für ein Glücksgriff – ein tolles Abendessen ist auf dem Boßler ebenfalls inkludiert

Natürlich gibt es auch mit den Naturfreunden ein Happy End. Die beiden offiziellen Vertreter sind mehr als zufrieden mit dem, was sie vorfinden. Im Laufe des Abends sitze ich bei ihnen und erzähle von Jakobswegen und sonstigen Wanderungen. Zwischendurch schäkere ich mit Michel, diskutiere mit Albert und kichere mit Markus. Was für ein rundum gelungener Abend.

Abendgesellschaft im Boßler Haus
Ein perfekter Abend auf dem Boßler

Um elf verabschiede ich mich schweren Herzens in mein gemütliches Bett und höre dem Regen beim Prasseln und dem Wind beim Pfeifen zu. Lange schon habe ich nicht mehr so viel echte Gastfreundschaft erlebt! Pläne sollte man viel häufiger über den Haufen schmeißen. Es lohnt sich fast immer.

 

Danksagung an das Stammtisch-Team vom Boßler

Die Übernachtung auf dem Boßler war wirklich eines DER Highlights auf meiner Albsteig-Wanderung. Umso mehr tut es mir leid, dass diese feinen Menschen so lange auf meinen Beitrag warten mussten.

An dieser Stelle also noch einmal herzlichste Grüße an den Stammtisch Deutsches Haus. Ihr wart die beste Crew, die man sich wünschen konnte, und ich hoffe, dass ihr auch in Zukunft die ein oder andere Schicht auf dem Boßler übernehmt, sodass Wanderer in den Genuss eurer Gastfreundschaft kommen. Mein ganz besonders dickes Dankeschön geht an Albert und Michel für die charmant-hartnäckige Überzeugungsarbeit, der ich dieses unvergessliche Erlebnis verdanke.

Kommentare und Feedback

Statt Alberts Abkürzung zu folgen, habe ich einfach den kompletten Weg abgekürzt und bin geblieben. Das war dann wohl die längste Abkürzung, die ich je genommen habe. Und die Beste. 

Wann hast du das letzte Mal deine Pläne über den Haufen geschmissen, und was ist dann passiert? Bin ich die einzige, die dazu tendiert, Dinge so unnötig kompliziert zu machen? Kennst du dieses Stück des Albsteigs und hast du noch Ergänzungen für mich? Warst du vielleicht sogar selbst schon einmal auf dem Boßler und hast meine Lieblingsgastgeber getroffen?

Wie immer bin ich gespannt auf deine Kommentare, Anmerkungen und Fragen.

Verfolgungswahn

Wenn du die Wanderung vom Wasserberg zum Boßler selbst laufen möchtest und nach zusätzlicher Orientierung suchst, habe ich die Tour für dich aufgezeichnet:

Zeitreise 

Rückwärts: Es ging so lange nicht weiter, dass du noch mal nachlesen willst, wer zum Teufel Linsen-Boy ist? Dann komm mit mir von Weißenstein zum Wasserberg zu Lurchi und den sieben Weltwundern, märchenhaftem Moos und mörderischem Matsch und dem Linsenzufriedenheitsgesicht.

Gesamtüberblick: Du willst alles über den Albsteig wissen? Dann schau gern mal in meinen Übersichtsartikel hier

Ich muss das weitersagen

3 Gedanken zu „Albsteig, Etappe 7: Vom Wasserberg zum Boßler&8220;

  1. Wieder sehr lebhaft erzählt und eine Freude Deine Erlebnisse zu lesen.
    Wie genau hast Du denn den Regenschutz aus der Tüte improvisiert? Starte am Sonntag den Moselcamino und es ist auch an einzelnen Tagen Regen vorher gesagt und ich suche nach einer leichten Lösung.

    1. Hi Nadine,
      Das war recht simpel. Laubsack mit Schnürverschluss,
      Schlitz reinmachen, damit du laufen kannst, den mit Klebeband an den „Nähten“ abkleben, und ich hab dann einfach die Schnürung genutzt, um ihn zu fixieren. bei YouTube gab es Totorials. Aber das ist wirklich nur Stufe Drei gegen den Regen. Rucksackschutz und Regenjacke würde ich auf 1 und 2 setzen 😂

  2. Hallo Audrey,
    vielen lieben Dank, da fange ich an zu basteln. Regenjacke und auch Regenschutz für den Rucksack sind bereits vorhanden.
    Liebe Grüße
    Nadine

Und was sagst Du?