Albsteig, Etappe 5: Von Heubach nach Weißenstein

Tag fünf auf dem Albsteig von Heubach nach Weißenstein mit einem Date am Dorfbrunnen, Mittagsüberraschungen am Morgen, einem Himmelreich mit zwei Kaisern, Rotkäppchen im Wald, Adios Amigo und Moin Monteure und einer Schatzsuche in der Zukunft (24. September, 18,5 km, fünfeinhalb Stunden)

Zu meiner großen Begeisterung waren die Fenster meines Hotels so gut isoliert, dass ich von dem Verkehr auf der Straße gegenüber und der emsigen Betriebsamkeit an der Brauerei nicht viel mitbekommen habe. Ausgeruht, mit einem kleinen Hauch von Wehmut, mache ich mich auf den Weg zum Frühstück, das keine Wünsche offen lässt.

Heute heißt es Abschied nehmen, denn Oliver und ich gehen künftig getrennter Wege, da wir uns die Etappen unterschiedlich eingeteilt haben. Ich mache heute einen kurzen Tag und wandere bis Weißenstein. Der Berliner geht bis Donzdorf und wird dann künftig einen halben Tag Vorsprung haben.

Date am Dorfbrunnen

Um kurz nach neun mache ich mich auf den Weg zu unserem Treffpunkt am Dorfbrunnen. Noch einmal geht es am Outlet der hier ansässigen Wäschemarke Triumph vorbei, und ich erfahre, dass Heubach Deutschlands einziges Miedermuseum sein Eigen nennt. Man findet es im Heubacher Schloss, und ich wäre durchaus neugierig gewesen, die Evolution der Damenunterwäsche zu begutachten, aber das muss ich wohl auf ein anderes Mal schieben.

Fachwerkhäuser in Heubach, Albsteig HW1 auf dem Weg nach Weißenstein
Fachwerk begleitet mich auf dem Weg zum Dorfbrunnen

Ein paar dekorative Fachwerkhäuser säumen die Straße in diesem Ortsabschnitt, und auch der Brunnen mit seinen vielen Wappen, Engeln und Verzierungen bietet ausreichend Zerstreuung bis Oli wenig später auftaucht.

Dorfbrunnen Heubach
Der kitschige Engel hat es mir angetan

Morgendliche Mittagsüberraschung

Mein Wanderkumpane überreicht mir vorsorglich jetzt schon die heutige Mittagsüberraschung. Diesmal gibt es in der Kategorie „süß“ eine Nussschnecke. Keine Ahnung, ob Oli befürchtet, dass ich mich frühzeitig aus dem Staub mache oder sein Rucksackgewicht optimieren will? Ich packe sie jedenfalls für später ein. Es ist an der Zeit, aufzubrechen.

Wie bereits gestern geht es auch heute (und wohl auch fortan) gleich zu Beginn nach wenigen Metern aufwärts. Gerade noch grüßten wir entspannt Anwohner in ihren Vorgärten, nun gilt unsere ganze Konzentration den vor uns liegenden Höhenmetern. Gleich hinter Heubach will der Albsteig den Scheuelberg erklimmen.

Wer genau hinschaut, erkennt den Weg, der sich vor allem durch Steine und Wurzeln auszeichnet. Bei Nässe sicher kein Vergnügen

Als wir eine Dreiviertelstunde später oben ankommen, entlohnt uns der schöne Blick zurück auf den Ort und hinüber zur Ruine Rosenstein. Wer mich kennt, ahnt, dass wir bei der Aussicht eine erste Pause machen. Die Bank am Aussichtspunkt ist offensichtlich für Riesen konstruiert, stelle ich amüsiert fest, als Olis Beine verdächtig weit über dem Boden baumeln.

Albsteig HW1 von Heubach nach Weißenstein, Rückblick Ruine Rosenstein
Rückblick auf Heubach und die Ruine Rosenstein, unserem gestrigen Etappen-Abschluss

Himmelreich mit zwei von drei Kaisern  

Der Albsteig führt uns nun auf die andere Seite, wo uns nach zwei Kilometern ein riesiges Gipfelkreuz erwartet, das einen weiten Blick ins Land erlaubt, wir vermuten in Richtung Schwäbisch Gmünd.

The Sky is the limit oder so ähnlich

Nur zehn Minuten später erreichen wir das leider geschlossene Wanderheim Himmelreich. Zeit für eine Schaukelpause auf dem Spielplatz. Ich liebe Schaukeln und freue mich, dass keine Menschenseele da ist, um meine Reise in die Kindheit zu stören, während ich immer höher abhebe.

Wanderheim Himmelreich am Albsteig HW1
Es wirkt ein wenig verlassen, aber vor nicht allzu langer Zeit haben sie noch geschaukelt

Von hier oben erspähen wir erstmals zwei der Kaiserberge. Insgesamt drei kegelförmige Erhebungen wachsen mitten aus der Landschaft: der Stuifen, der Rechberg und der Hohenstaufen. Letzterer versteckt sich aber vorerst noch.

Sie werden unseren Weg in den nächsten Tagen begleiten und Mittelpunkt vieler Panoramen sein. Kaiserberge hießen sie übrigens, weil die Staufer auf dem Hohenstaufen ihre Burg hatten.

Blick auf Rechberg und Hohenstaufen vom Albsteig Hw1 auf dem Weg nach Weißenstein
Zwei Kaiser und ein Wandersmann

Der Albsteig schlängelt sich nun als schmaler Pfad durch Buchenwälder, deren Eckern sich fröhlich auf dem teils wurzeligen Untergrund verteilt haben. Einmal mehr bin ich froh, dass es trocken ist, sonst müsste man bedeutend mehr Konzentration in seine Schritte legen.

Vom Kreuz mit den Kreuzen 

Kurz geht es bergab, bevor wir erneut Anlauf nehmen und den Anstieg zum Bargauer Kreuz auf uns nehmen. Der Weg hat sich inzwischen wieder in eine stattliche Wanderautobahn verwandelt. Während mein Wanderbegleiter frisch vorneweg marschiert, verliere ich wie so häufig den Anschluss und beobachte, wie Oli auf ein Paar aufläuft und wenig später im Gespräch ist.

Wie immer zieht mir Oliver beim Anstieg davon

Als ich das Trio erreiche, bin ich ziemlich außer Atem. Meine Kondition war wirklich schon mal besser. Vor uns ragt bereits das zweite imposante Kreuz des Tages in den Himmel. Meine Aufmerksamkeit ist aber weniger beim Gekreuzigten als bei der kleinen Mutter Gottes, die am Pfahl in eine eigene Mini-Kapelle mit geschwungenem Bogen eingefasst ist.  

Rotkäppchen im Wald

Die nächste Stunde ist eher unspektakulärer Natur. Wir laufen durch den Wald, und es schwingt ein wenig Melancholie mit. Der Abschied rückt näher. In spätestens drei Stunden trennen sich die Wege der so gut funktionierenden Lauf- und Trinkgemeinschaft.

Wirklich schade, dass wir es uns hier in der Sonne nicht gemütlich machen können

Inzwischen ist die Sonne herausgekommen, und wir schauen uns nach einem passenden Pausenplätzchen um. Das wirklich hübsche Jägerhaus mit der einladenden Holzbank befindet sich leider in Privatbesitz, sodass wir stattdessen auf gestapelte Baumstämme am Wegesrand zurückgreifen.

Während wir unser Gesicht von den Strahlen bescheinen lassen, düst ein Postwagen an uns vorbei. Als dieser wenig später noch einmal vorbeifährt und im Anschluss gleich ein drittes Mal, überlege ich, ob er vielleicht etwas vergessen hat.

Oli witzelt, dass er mein „Päckchen“ abholen wollte. „Paket“ hatte ich mein kleines Trennungsthema getauft, von dem ich dachte, dass es auf dem Weg auf mich warten würde. Die Vorstellung, wie ich es einfach zur Post bringe und los bin, erheitert mich durchaus.

Mein Berliner Wanderfreund kramt derweil in seinem Rucksack. „Gute Nacht, Freunde, es ist Zeit für mich zu gehen“, stimmt er an. Mir fällt alles aus dem Gesicht, denn er zaubert zwei kleine Flaschen Sekt aus dem Inneren.

Da die „Mittagsüberraschung“ bereits heute Morgen überreicht wurde, hatte ich mit nichts mehr gerechnet. Umso schöner, dass wir nun in der Sonne Sekt trinken können. „Was ich noch zu sagen hätte, dauert eine Zigarette und ein letztes Glas im Stehen“, stimme ich mit ein und stoße mit ihm an. Das ist doch mal ein Abschied nach Maß, den wir eine gute Stunde zelebrieren, bevor es widerwillig weitergeht.

Gleich zwei Rotkäppchen im Walde – da kann die Stimmung ja nur bombig sein

Während ich die Sonne und den Sekt genieße, kritzelt Oliver mit einem leichten Grinsen in einem kleinen Notizbuch. Als er fertig ist, reißt er die Seite raus, überreicht sie mir und bringt mich wirklich zum Lachen.

So löst man Probleme

Die obligatorischen Extrameilen

Die nächsten fünf Kilometer laufen wir auf einem Plateau. Erst gilt es, einen Wald zu durchqueren, bei dem sich uns eine Vielzahl Bäume in den Weg geworfen haben, danach schlendern wir entspannt durch Feldlandschaft.

Ein bisschen Hindernislauf steigert die Konzentration…
…dann ist der Weg auch schon wieder komplett frei, während es sich über uns langsam zuzieht

Die Wolken hängen inzwischen ganz schön tief über uns und unsere Auszeit in der Sonne scheint an einem anderen Tag stattgefunden zu haben. So perfekt diese Pause war, so unperfekt verläuft nun unser Abstieg nach Weißenstein. Verlaufen ist das zentrale Motto, denn wir nehmen gleich zweimal den falschen Weg, was uns die inzwischen schon fast obligatorischen Zusatzkilometer beschert. 

Wegwarte unter Wolken

Ich nehme es mit Humor. Meine geplante Strecke war heute sowieso nur 15 Kilometer lang, da stört es mich nicht weiter. Und wie so häufig hat auch der unfreiwillige Umweg sein Gutes. Von unserem ungeplant eingeschlagenen Panoramaweg oberhalb des Ortes hat man nämlich einen wirklich tollen Blick auf die Kirche und das Schloss von Weißenstein.

Weißenstein übt sich als Postkartenmotiv

Adios, Amigo 

Weißenstein einen Ort zu nennen, wäre geradezu übertrieben. Die kleine Ansammlung von Häusern mit einem großen Gasthof, der das aus unserer Sicht falsche Bier verkauft, lädt nicht zu üppigen Abschiedszeremonien ein. Und so fällt unser Goodbye kurz aus.

Ich bedanke mich von Herzen für die tollen Gespräche, unser gelegentliches Singen, die Mittagsüberraschungen, vor allem aber für den rückversichernden Schulterblick. Auch wenn wir nicht jedes Stück gemeinsam gelaufen sind, wusste ich, dass Oliver an den Stellen, die entweder etwas schwieriger oder zum Verlaufen geeignet waren, einen Blick auf mich hatte. Er war für mich wirklich eine Glücksbegegnung.

Und auch der Berliner scheint die gemeinsame Zeit genossen zu haben. Auf seinen vielen Touren habe er noch nie eine so tolle Wanderbegleitung gehabt, sagt er. Wir sind also quitt.

Moin, Monteure

Alleine mache ich mich an die verbliebenen anderthalb Kilometer. Die einzige Unterkunft, die ich finden konnte, liegt abseits des Weges im nächsten Dorf. Nach einem Spaziergang durch Weißenstein geht es über eine stark befahrene Straße ins Wohngebiet von Lauterstein zur Silberdistel, meiner Bleibe für heute. 

Auf mein Klingeln reagiert niemand. Als ich die im Fenster ausgehängte Handynummer wähle, gibt mir der nette Herr den Code für den Tresor durch, in dem mein Schlüssel wartet. Das Zimmer im ersten Stock ist nicht das Neuste, aber sauber und geräumig.

Es handelt sich um eine typische Monteursunterkunft. Eine halbe Stunde später hält ein Kleintransporter, dem ein Trupp Männer in Arbeitsklamotten entsteigt, die mit Pizzakartons und Bier bewaffnet sind. 

Wegwirrwarr

Ich durchleide derweil einen kleinen Panikmoment, als mir auffällt, dass ich in der Vorbereitung gepennt habe. Dummerweise habe ich für morgen nicht etwa die Strecke ab Weißenstein als GPX-Track runtergeladen, sondern einfach noch mal die heutige Tour.

Was mache ich, wenn der Weg schlecht markiert ist? Das wäre richtig blöd, zumal in den Hügeln das Internet nicht unbedingt das Beste ist. Mich kann man aber auch nicht alleine lassen. Wie gut, dass ich jemanden kenne, der dieses Stück gelaufen ist. Oliver meldet sich nur leider nicht umgehend, als ich mich nach der Markierungsqualität erkundige.

Gott sei Dank habe ich einen Geistesblitz. Zum Rother Wanderführer gehört ein Zugangscode für das GPX der Etappen. Schnell lade ich mir den morgigen Tag erneut herunter und atme danach durch. Das wäre es wirklich noch gewesen. Im Rückblick ist diese kleine Panikattacke übrigens nicht wirklich nachvollziehbar. Der Albsteig ist in der Regel gut markiert. Aber doppelt hält bekanntlich besser.

Ohne Abendessen ins Bett

Nach dem Waschen und Duschen chille ich eine Stunde später zufrieden auf meinem Balkon mit Ausblick. Ich bin in einem solchen Faulenzermodus, dass es mir zu aufwändig scheint, mich um das Abendessen zu kümmern. Es hätte ein – nach Eigenaussage – „Kneip-o-rant“, den Motorrad-Treff Ställe gegeben, der sicher noch die ein oder andere unterhaltsame Begegnung neben seinen Burgern bereitgehalten hätte.

Die wichtigsten Körperteile des Tages genießen den Ausblick vom Balkon

Doch auch wenn es Luftlinie nur wenige Meter sind, liegt zwischen uns der Fluss Lauter, der einen ziemlichen Umweg entlang der befahrenen Straße erforderlich gemacht hätte. Wenn man erst mal sitzt, sitzt man, und so sitze ich einfach weiter, erfreut, dass der Zimmerkühlschrank preisgünstiges Bier bereithält. Meine verbliebenen belegten Broten, Olis Nussschnecke und das Studentenfutter kommen zum Zuge, während ich mal in Ruhe mit Familie und Freunden telefoniere und mit Oliver chatte.

Kleiderbügel aus der Hölle

Der hat sein Ziel Donzdorf zwei Stunden nach mir erreicht und ist ordentlich platt, schreibt er. Hinter Schloss Weißenstein ging es über Treppen und Serpentinen noch mal ordentlich aufwärts. Nach dem Höhenmeterpensum des heutigen Tages beneide ich ihn nicht. Immerhin hat seine Unterkunft eine Badewanne. Weniger erfreulich ist der Inhalt des Kleiderschranks.

Heute Mittag hatte ich noch ausgeführt, wie ich meine gewaschenen und im Handtuch ausgewrungenen Klamotten in der Regel auf Kleiderbügel hänge und im Zimmer verteilt zum Trocknen aufhänge. In dem Zuge echauffierten wir uns gemeinsam über die Hotelkleiderbügel, die keinen Haken haben, sondern eingehakt in einer Öse, untrennbar an der Stange des Kleiderschranks befestigt sind. Und eben diese Ungetüme erwarten Oli nun in seinem Schrank.

Man fragt sich, wie viele Menschen Kleiderbügel klauen, als dass sie diese Konstruktion aus der Hölle rechtfertigen?

Auf Schatzsuche

Und dann überrascht mich mein ehemaliger Wandergefährte: er habe in Ermangelung einer Mittagsüberraschung auf dem morgigen Wegstück eine Überraschung für mich versteckt. Als Hinweis erhalte ich einen kryptischen Text rund um einen Jäger aus Kurpfalz, einen im Morgenrot erlegenen Freund und ein archaisches Wegzeichen und stehe erst mal ordentlich auf dem Schlauch. Wer ist denn um Himmels Willen morgens erloschen? Der Mond? Jesus?

Eine Stunde später gibt es nach vielen aufgeregten Rückfragen meinerseits weitere Indizien. Zu jedem Hinweis trudelt ein Bild bei mir ein: ein Hochsitz, ein toter Baum und eine Sammlung von weißen, spitzen Steinen. Und unter eben diesen werde ich morgen etwas finden.

Ich bin mehr als begeistert. Schon als Kind habe ich Schnitzeljagd geliebt. Morgen früh heißt es dann also „Augen auf auf den Wanderwegen“, damit mir mein Schatz bloß nicht durch die Lappen geht. 

 

Kommentare und Feedback

Wie viel Glück kann man eigentlich mit einer Wanderbegleitung haben? Ich bin immer noch ganz gerührt, wenn ich an Olis Mühe denke. Sei es, wenn es darum ging, mich unterwegs zu bespaßen oder eben im Nachgang für gute Laune zu sorgen und eine Schatzsuche aus dem Boden zu stampfen.

Kennst du das heutige Stück des Albsteigs? Hast du Ergänzungen oder Fragen? Wie immer freue ich mich über deine Rekation in den Kommentaren.

Verfolgungswahn

 

Zeitreise

Rückwärts: Willst du nachlesen, was ich auf der vorangegangenen Etappe erlebt habe? Dann geh mit mir von Unterkochen nach Heubach zur Länge der Kürze, einem Fast-Banküberfall, Hamburger Forstexperten vor betrunkenen Aussichtstürmen und ruinösen Ruinen mit eleganten Brücken.

Ich muss das weitersagen

2 Gedanken zu „Albsteig, Etappe 5: Von Heubach nach Weißenstein&8220;

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