Camino Frances #1: Von Hamburg nach Biarritz

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Camino Francés - Tag 1: Von Hamburg nach Biarritz. #fernwanderung #wandern #caminodesantiago #camino #caminofrances #spanien #frankreich #läuftbeiihr

Tag 1 auf dem Camino: mein Rucksack macht einen Städtetrip, meine Wanderschuhe sitzen am Strand, mein Gesicht gönnt sich einen Sonnenbrand, mein Busfahrer nimmt mich an die Hand und ich lobpreise die Existenz meiner SIM-Karte und lerne meine erste Camino-Lektion (27.04.2016).

Um 4:50 Uhr werde ich aus dem Tiefschlaf gerissen und sitze schlagartig hellwach im Bett. Es geht los. Wie schon gestern treffen sich Begeisterung und Panik zu einer kleinen Gruppenarbeit. Ein letzter Kaffee zuhause, ein letztes Mal durch die Wohnung laufen und ein letztes Mal meinen Freund drücken, der sich netterweise erboten hat, mich um diese wundervolle Uhrzeit zum Flughafen zu fahren. Herrje, was bin ich aufgeregt.

Ich ziehe meinen farbenfrohen Zwiebellook an: pinkes Shirt, orangefarbener Kapuzenpulli, dunkel violette Softshell-Jacke, khakifarbene Hose und natürlich die Wanderschuhe. Natürlich? Selten dämliche Entscheidung, denn die klobigen Treter sind alles andere als angenehm, wenn man damit im Flieger sitzt. Aus irgendwelchen Gründen möchte ich aber nicht noch mehr in meinem doch recht vollen Rucksack unterbringen, als unbedingt nötig ist. Aber dazu später mehr.

Alles, was ich sonst noch brauche, also Wanderführer, Tagebuch und ein paar Snacks, sowie eine himmelblaue Windjacke landen in einer dieser Stofffalttaschen aus dem Drogeriemarkt, meiner Handtasche für die nächsten sechs Wochen. Geld, Ausweis und Handy verstaue ich in meiner Bauchtasche. Habe mich selten so sexy gefühlt.

Ein Sprint zum Frühstück

Wir fahren pünktlich um 5:10 Uhr zum Flughafen, denn ich vermute, dass ich meinen Rucksack beim Sperrgepäck abgeben muss. Eingecheckt bin ich, aber der Herr am Sperrgepäck sagt, dass das die Airline entscheidet und ich erst zum Schalter müsse. Na großartig, Air France scheint noch keine Lust zu haben, denn der Schalter ist noch nicht besetzt. Endlich kommt ein Mitarbeiter und nimmt gemütlich hinter dem Tresen Platz. Vor mir hat sich eine Schlange von Leuten gebildet.

Ich schaue leicht nervös auf mein Handy. Die Zeit läuft eindeutig gegen mich und ausnahmsweise kann ich nichts dafür. Auch mein Freund wird nicht gerade entspannter. Der einzige, der die Ruhe weg hat, ist der Typ am Schalter. Ich weiß nicht, ob er seinen ersten Tag hat. Fakt ist: als ich endlich dran bin, ist es viertel vor sechs und damit fünf Minuten vor Boarding.

Der Schaltermann wirft einen kurzen Blick auf meinen Rucksack, händigt mir meine beiden Tickets in Papierform aus und sagt: „Damit müssen Sie zum Sperrgepäck!“ Ich möchte beide umbringen: den Schaltermann und den Sperrgepäckmann. Was für eine überflüssige Hetzerei. Aber es nützt ja alles nichts, und so sprinte ich, gefolgt von meinem Freund, erneut zur Sperrgepäckabgabe, wo eine Familie mit mehreren Kindern gerade in Ruhe Kinderwagen etc. verladen lässt. Inzwischen ist es Zeit für das Boarding und ich habe noch nicht mal die Sicherheitskontrolle hinter mir. „Schön der Reihe nach“, sagt der Mann am Band, als ich frage, ob ich kurz vor dürfe, mein Flieger gehe gleich.

Dann geht alles sehr schnell – ich darf endlich mein Gepäck aufgeben und rase Richtung Security. In der Hetze bleibt keine Zeit für große, emotionale Verabschiedungen von meinem Freund und so drücken und küssen wir uns schnell und dann bin ich auch schon weg. Das hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt. Aber vielleicht ist es auch gut so. Tränenreiche Abschiede machen das Ganze ja auch nicht unbedingt schöner.

Ich schaffe es tatsächlich in wenigen Minuten durch die Sicherheitskontrolle, sicher auch, weil ich gleich vorsorglich ungefragt meine Schuhe ausziehe, rase, so schnell einen Wanderschuhe rasen lassen, zum Gate und schaffe es, pumpend wie ein Maikäfer, in den Flieger. Der emotionale Minibreakdown erfolgt dort. Ich schaue aus dem Fenster und vergieße ein paar Tränchen, als wir um 6:20 Uhr Hamburg verlassen und nach Paris aufbrechen.

Unterwegs lese ich zur Abwechslung mal wieder die Routenbeschreibung von Etappe 1 und mache mir so meine Gedanken. Ich bin langsam an einem Punkt, wo ich den Text auswendig mitsprechen kann. Obwohl ich nun im Flieger sitze, scheint es nicht real. Ich bin auf dem Weg. Ich bin tatsächlich auf dem Weg zu Dem Weg. Heute Nachmittag werde ich in Saint-Jean-Pied-de-Port sein und morgen loslaufen. Zu Fuß. Wenn ich nicht noch irgendwo einen Esel find, der mich netterweise trägt. Denke ich.

Zwischenstopp mit Hindernissen

Pünktlich um kurz vor acht landen wir in Paris, wo mir gerade genug Zeit bleibt, um mir einen richtigen Café au Lait zu kaufen. Mit €4,90 ein absolutes Schnäppchen. Den Preis macht der alte Franzose hinter der Bar aber mit sehr viel Charme wieder wett, der mich mit Komplimenten überhäuft und wissen will, wo es hingeht. Biarritz, sage ich, und dann Bayonne und Saint Jean und Le Chemin. „Oh la la“, na dann „bon chemin“, staunt der Herr. Und da ist er: mein erster Pilgergruß.

Ich schreibe noch ein paar WhatsApp an meinen Freund und meine Eltern. Ein Hoch auf das Wlan am Flughafen. Bisher klappt alles, auch wenn ich mir latent Sorgen mache, ob mein Rucksack es genau wie ich in den Flieger geschafft hat, oder eventuell noch ein bisschen in Hamburg bleibt. Dann geht es weiter. Es ist halb acht. Aufruf nach Biarritz. Bisher sehe ich vier Leute, die auf die Beschreibung Pilger passen würden. Man grüßt allerdings noch nicht, sondern beäugt sich eher skeptisch.

Die kleine Maschine fliegt uns bei wunderbar klarem Wetter aus der Hauptstadt. Es ist so gute Sicht, dass ich sowohl den Arc de Triomphe als auch sein Pendant in La Défense, die Grande Arche, ausmachen kann. Letztere befindet sich ganz in der Nähe unseres Pariser Büros und in Gedanken winke ich meinen französischen Kollegen zu. Ich möchte wirklich nicht mit ihnen tauschen. Muss ich auch nicht, denn im Gegensatz zu ihnen habe ich jetzt noch ganze acht Wochen frei.

Englische Fehlanzeige

Wie geplant landen wir um viertel nach zehn in Biarritz. Der kleine Flughafen ist wirklich überschaubar und die wenigsten Leute, die mit mir ankommen, haben mehr als lediglich Handgepäck dabei. Ich warte am Gepäckband darauf, dass es zu drehen beginnt. Schnell ist es soweit und schneller, als mir lieb ist, hört die Rotation auch schon wieder auf. Alle Leute haben ihren Kram. Also alle außer einer. Und das bin natürlich ich.

Ich schaue, ob es irgendwo eine gesonderte Ausgabe für das Sperrgepäck gibt, werde fündig, frage den wenig ambitionierten Herrn dort auf Englisch, ob noch Gepäck käme, doch er schaut mich nur völlig verständnislos an. Ach ja richtig, da war ja was. Der Franzose an sich spricht ja nicht zwangsläufig Englisch. Und so radebreche ich und frage, auf das Gepäck zeigend:“C’est tout?“ Er nickt. Ich stöhne auf. Er zuckt mit den Schultern, zeigt irgendwo in die Halle und murmelt etwas von Information.

Ich begebe mich in Richtung seines Fingerzeigs zu dem kleinen Info-Schalter und frage die Dame dort, ob sie Englisch spräche. Ein entschuldigendes Lächeln. „Non“. Ich bleibe gelassen. Wieso sollte man an einem Flughafen im Bereich Information auch Englisch sprechen? Wir sind schließlich in Frankreich und so radebreche ich in einem wilden Mix aus Englisch und Französisch, und es gelingt mir, ihr zu erklären, mit welchem Flug ich gekommen bin und dass mein Gepäck fehlt. Sie gibt meine Gepäcknummer in ihr System ein und wird schnell fündig. Da haben wir ihn ja. Der Rucksack ist noch am Flughafen Charles-de-Gaulles in Paris. Phantastisch.

Wie es denn jetzt weiter gehe, frage ich die Frau. Der Rucksack würde mit der nächsten oder übernächsten Maschine hierher gebracht, erklärt sie mir. Das sei also entweder heute Nachmittag um 17:45 Uhr oder im schlimmsten Fall morgen früh. Und dann könne ich ihn hier abholen oder sie würden ihn zu mir nach Hause bringen. Wo ich denn wohnen würde? Mit einer weiteren Portion Pantomime, Französisch und Englisch erkläre ich ihr, dass ich nur auf der Durchreise bin und aktuell überhaupt nicht weiß, was ich machen soll, weil ich ihr auch nicht sagen kann, wo ich morgen sein werde oder heute Nacht schlafe, weil ich nämlich eigentlich nach Saint Jean wollte.

Nachdem sie extra noch die französischen Nahverkehrsverbindungen geprüft hat, spricht sie aus, was ich schon befürchtet habe: selbst wenn der Rucksack heute kommt, schaffe ich es heute auf keinen Fall mehr nach Saint Jean. Aber Biarritz sei auch sehr schön. Dann solle ich mir doch einfach einen schönen Tag hier machen und morgen in Ruhe starten. Sie drückt mir ein Survival-Kit von Air France in die Hand, in dem sich Zahnpasta, ein Shirt und noch ein paar Kleinigkeiten befinden, außerdem einen Stadtplan und einen Busfahrplan und fragt nach einer Telefonnummer, unter der sie mich erreichen kann. Ich schlage drei Kreuze, dass ich auf mein Bauchgefühl gehört habe und ein Handy samt aktiver SIM-Karte mit mir führe. Andernfalls wäre das mit dem Anrufen etwas schwierig geworden.

Et Rheinisch Jrundjesetz

Und so verlasse ich den Flughafen und rufe von draußen erst einmal meinen Freund und anschließend meine Eltern an, denen ich halb lachend, halb konsterniert erzähle, was sich zugetragen hat und dass ich mich dann jetzt mal auf die Suche nach einem Hotel begeben werde und dabei die Daumen gedrückt halte, dass der Rucksack noch heute kommt. Ich habe nämlich quasi nichts bei mir. Keine Wechselklamotten, keine Medikamente, keine Sonnencreme.

Beide Parteien sind mehr als verwundert, dass ich die Erzählung mit „ich kann es eh nicht ändern“ schließe. Sie kennen mich. Ich bin normalerweise der Planer vor dem Herrn und rege mich heftig auf, wenn dann nicht alles hinhaut. Ob wirklich alles okay mit mir sei, ich ginge mit der Situation so unfassbar gelassen um, will man wissen. Ja. Ist es. Nicht bombastisch, aber es ist okay. Gott sei Dank habe ich ausreichend Puffertage für die Reise eingeplant, so dass ich mir die Verspätung leisten kann.

Der Weg geht seine eigenen Wege, schießt es mir durch den Kopf, als ich aufgelegt habe. Wenn ich heute nicht starten soll, dann hat das wohl seine Gründe. Doch auch ich bin ein bisschen über meine eigene Tiefenentspanntheit verwundert. Muss an meinem rheinischen Background liegen – bei uns sagt man ja auch et es wie et es und et kütt wie et kütt und außerdem et hätt noch emmer joot jejange. Rheinisch Jrundjesetz, Artikel 1-3. Passend zu meiner Situation auch noch Artikel 4: wat fott is, is fott – wobei ich wirklich hoffe, dass der Rucksack schnell wiederkommt.

Ich suche nach der Telefonnummer der Pilgerunterkunft in Bayonne. Das wäre ja vielleicht auch noch eine Option, dann wäre ich meinem Ziel immerhin ein paar Meter näher. Die Inhaber sind sehr nett, haben aber schlechte Nachrichten, denn sie sind ausgebucht. So bleibt mir wohl nur Biarritz. Na dann mache ich mich doch mal auf die Suche nach einem Bus in die Stadt. Man sollte denken, das sei an einem Flughafen selbsterklärend, ist es aber nicht. Direkt vor dem Gebäude finde ich keine Haltestelle, und so laufe ich erst zehn Minuten in die eine Richtung und dann 20 in die andere, bis ich endlich in einiger Entfernung sehe, wie ein Bus anhält. Haltestelle gefunden.

Ein älterer Herr spaziert mir entgegen, mustert mich und fragt, ob ich wisse, wie man nach Bayonne komme. Ich kann helfen, die Busse würden auf der anderen Seite abfahren, erkläre ich ihm. Im Nachhinein vermute ich, dass er das wusste, aber sicher gehen wollte, dass mir bewusst ist, dass ich hier falsch stehe, wenn ich nach Bayonne will.

Hand in Hand mit dem Busfahrer

Nach zwanzig Minuten an der Bushaltestelle in der prallen Sonne geht es dann auch für mich los. Ich habe keine Ahnung, wo ich hin soll. Biarritz stand bis dato absolut null auf meinem Zettel. Rathaus heißt Hôtel de Ville, erinnere ich mich, und da Rathäuser in der Regel eher zentral gelegen sind, schlage ich das dem Busfahrer vor, der natürlich wissen will, wo es hingehen soll. Er nickt. „Oui, oui, on y va“ und so und empfiehlt mir ein 24-Stunden-Ticket für gerade mal zwei Euro. Das könne ich auch morgen noch nutzen, zwinkert er mir zu.

Es ist, als wüsste er, dass ich spätestens morgen weiter will (vielleicht kann er sich das aber auch denken, ohne Sherlock Holmes zu sein, weil er bei meinem Anblick eins und eins zusammenkombiniert). Ich kann nur hoffen, dass er auch den Rest tatsächlich verstanden hat und ich mit diesem Bus in Richtung Zentrum komme. Sicherheitshalber schaue ich mich bei jeder Station suchend um. Ich habe ja leider keinen Schimmer, wie die Haltestelle heißen wird, an der ich aussteigen muss. Der Busfahrer fängt meinen suchenden Blick auf und sagt etwas von „pas de problème“ und ich glaube zu verstehen, dass er mir gerade verspricht, mir Bescheid zu geben, wenn wir an meinem Ziel sind.

Wir fahren durch kleine Dörfer und nähern uns dem Meer. Es wird lebhafter. Und tatsächlich, kurz darauf hält der Bus und der Fahrer ruft „Mademoiselle“, dreht sich zu mir um und lächelt. Ich packe meine sieben Sachen – geht schnell, ich habe ja nur den ausgebeulten Stoffbeutel, in dem sich inzwischen übrigens zusätzlich die viel zu warme Softshelljacke befindet – und steige aus.

Der Busfahrer macht eine kleine Durchsage und kommt ebenfalls nach draußen, wo ich mich gerade sortiere. Vor dem Bus nimmt er mich kurzerhand an selbige und geht ein paar Schritte mit mir, wild gestikulierend. Mehrfach fällt das Wort Hôtel de Ville. Als wir die erste Kreuzung erreichen, weist er noch mal à droite, à gauche und dann tout droit, lächelt mir zu, wünscht Bon Chance und geht zurück zu seinem Bus.

Ich bin absolut fassungslos. Mit so viel Hilfe hätte ich nicht gerechnet. Da kann sich der deutsche Busfahrer echt mal ne Scheibe von abschneiden. Gleiches gilt für die Fahrgäste, die ob der Ansage, dass er der jungen Dame jetzt mal kurz den Weg zeigt, völlig ruhig geblieben sind. Bei uns hätte sich mit Sicherheit der erste Experte längst selbst hinter das Lenkrad geklemmt und hätte den Bus persönlich weiter gefahren, von dem Gemecker der anderen Fahrgäste mal ganz zu schweigen.

Quelque chose a dormir

Hier stehe ich also in Biarritz und weiß nun, wo das Rathaus ist, aber nicht, wo ich ein Hotel finde. Ich hocke mich auf eine Bank und werfe Booking.com und die dazu gehörige Umkreissuche an. Ein Hoch auf das Internet und das Abenteuer, in dem ich mich befinde. Der Camino-Gott scheint auf meiner Seite zu sein, denn es befindet sich ein gut bewertetes, nicht zu teures, kleines Hotel gleich am Ende der Straße, auf der ich gerade stehe, das angeblich auch noch Zimmer hat und so mache ich mich mit Google Maps auf den Weg.

15 Minuten später komme ich an der Rezeption an. Die kleine, ältere Dame dahinter staunt nicht schlecht, als sie mich sieht. Wanderschuhe, Khakihose, pinkfarbiges Oberteil, Stoffbeutel und sonst nichts. Mir fällt partout das Wort Chambre nicht ein, und so improvisiere ich, dass ich ein Bett brauche, quelque chose a dormir (oder so ähnlich). Sie antwortet in einem Schwall französischer Worte, scheint aber zu verstehen, was mein Begehr ist und schreibt schlussendlich einen Betrag (55€ inkl. Frühstück), der für Biarritz sicher günstig ist, für den ich aber locker in fünf Pilgerherbergen hätte schlafen können, auf einen Zettel und fragt: „D’accord?“

Ich nicke und sie will wissen, wo denn mein Gepäck sei. Ich erkläre einmal mehr in einem Misch aus Pantomime (was weiß ich, was Rucksack heißt? Wen es  interessiert, es ist „sac à dos“) und französischen Brocken, dass selbiger noch in Paris ist, während ich schon hier bin. Und ich erzähle vom Chemin. Das sagt ihr gar nix, also werfe ich Santiago, à pied und 800 km in den Raum. Nun versteht sie und versteht noch umso weniger. Courageuse sei ich (und ein bisschen wahnsinnig, aber das denkt sie sich vermutlich nur).

Ein letzter Luxus

Sie bringt mich zu meinem Zimmer im Nebengebäude. Es ist ein Miniraum mit Bett, kleinem, leider nicht funktionierendem Fernseher und Zwergenbad, aber es hat Wlan. Und es ist sauber, und ich habe es ganz für mich allein. Diese 2-Sterne-Zelle ist mit Sicherheit die dekadenteste Bleibe, die ich in den nächsten Wochen von innen sehen werde. Ich sage ihr, dass es sein kann, dass später mein Rucksack gebracht wird, und sie versichert mir, dass sie da sein wird, falls ich im Ort bin. Und dann wünscht sie mir viel Spaß – Biarritz sei toll.

Ich rufe die Nummer vom Flughafen an und informiere Air France über meinen aktuellen Aufenthaltsort. Ich sehe in meinen Mails, dass Air France mir parallel geschrieben hat, um mir mitzuteilen, dass mein Rucksack noch in Paris sei. Ach, ist das so? Dann lege ich mich noch mal kurz auf das Bett, bevor ich mich in meinen Wanderschuhen auf den Weg ans Meer mache, vorbei an vielen hübschen Häuschen.

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Verdi on the beach

Tja, was nun? Ich habe nicht viel dabei, was ich für mein Entertainment nutzen kann, aber immerhin ist der MP3-Player im Handtaschenersatzbeutel.

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Kurz entschlossen setze ich mich in den Sand und höre Rigoletto. Verrückte Situation. Ich muss lachen. Hier sitze ich am Atlantik – sechs Wochen früher als gedacht, und höre eine Oper von Verdi in der Sonne am Strand.

Eigentlich war meine Vermutung, dass das Meer und ich uns erst hinter Santiago begegnen würden, wenn ich es bis ans Ende der Welt nach Finisterre geschafft habe. Nun wird der Atlantik also Ausgangs- und Endpunkt meiner Reise. Ein in sich geschlossener Kreis hat ja durchaus auch etwas für sich.

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Als ich mich an den Surfern und Badegästen satt gesehen habe, erkunde ich die Umgebung. Hinter mir befindet sich ein Luxushotel, auf der gegenüberliegenden Seite ist das Casino und einen Leuchtturm gibt es auch. Es ist mir zu warm in der Sonne und so schlendere ich gemütlich an der Strandpromenade unter Bäumen entlang. Ich komme an einem alten Karussell vorbei, das geradezu nostalgisch aussieht.

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Ich laufe so lange am Meer weiter, bis ich das Ortsende erreiche und die Côte de Basques vor mir liegt. An eine Leitplanke gelehnt, lasse ich das Panorama auf mich wirken. Der Atlantik ist so viel wilder als die Meere, die ich sonst so kenne.

Blick auf Biarritz

Als ich mich satt gesehen habe, kehre ich wieder um. Ich möchte noch einen Blick auf den Ortskern erhaschen. Zu gern würde ich mir etwas Passenderes zum Anziehen kaufen, aber das bringt ja nun wirklich nichts. Das werde ich wohl kaum anschließend über den Jakobsweg schleppen. Also muss ich es aushalten, dass ich im hübschen Biarritz leicht deplatziert wirke mit meinen Wanderschuhen und der Ersatzhandtasche.

Es fügt sich

Wenig später erhalte ich den erlösenden Anruf von Air France. Man teilt mir mit, dass mein Rucksack mit dem Flug um 17:45 Uhr kommen wird und man mir diesen dann unverzüglich ins Hotel bringen wird. Ich spaziere durch den Ort und entdecke eine Bar, die auf belgisches Bier spezialisiert ist. Ich frohlocke, als ich entdecke, dass es sogar Pêcheresse gibt, mein erklärtes Lieblingsbier mit Pfirsichgeschmack. Die Kellnerin frohlockt, als sie im Anschluss 0,25 Liter für knapp fünf Euro abkassieren darf. Ich entscheide, dass ich mich nicht ärgern werde – weder über die ungeplanten Hotelkosten noch sonstige Biarritzer Ausgaben. Es ist jetzt halt, wie es ist. Ich laufe den Camino schließlich nicht aus Spargründen und Gott sei Dank ist mein Budget stabil genug, um das zu verkraften.

Auf dem Rückweg zum Hotel entdecke ich einen Supermarkt, in dem ich mir mein Abendessen zusammenstelle. Mit einem Taboulé-Salat, einer Banane und Wasser geht es nach Hause. Ich habe wenig Lust, alleine in einem Restaurant zu speisen und werde einfach auf meinem Zimmer essen. Mein Gesicht brennt ein wenig, muss ich feststellen. Ein Blick in den Spiegel des Zwergenbades bestätigt, was ich vermutet habe: Biarritz hat Spuren hinterlassen. Ich habe mir einen hübschen Sonnenbrand eingefangen. Auf die Idee, Sonnencreme vor Ort zu kaufen, bin ich leider nicht gekommen.

Tag der Wiedervereinigung

Kurz darauf klopft es. Vor der Tür steht meine Gastgeberin und überreicht mir strahlend meinen Rucksack. Ich glaube, sie ist mindestens so erleichtert wie ich. Sie teilt mir noch mit, ab wann ich morgen frühstücken kann und wünscht mir einen schönen Abend. Ich begutachte die Schätze in meinem Rucksack. Es ist ja nicht so, dass ich wahnsinnig viel dabei hätte, aber im Vergleich zum Inhalt meiner Handtasche ist das hier geradezu Luxus. Ich mache es mir gemütlich, freue mich über einen Pickup als Dessert, versuche, über das Handy Fußball zu streamen, scheitere und entscheide, früh ins Bett zu gehen, schließlich bin ich seit halb fünf wach.

Morgen werde ich mit dem Bus, der praktischerweise 150 Meter vom Hotel entfernt abfährt, um zehn Uhr nach Bayonne fahren, dann erwische ich dort den frühen Zug nach Saint Jean und bin gegen 12 dort. An dem Tag werde ich vermutlich nichts anderes mehr machen, als anzukommen, mir meinen ersten Stempel für meinen Credencial (Pilgerpass) zu holen und die anderen Pilger unter die Lupe nehmen.

Für die Berg-Etappe, vor der ich ja sowieso einen Heidenrespekt habe, plane ich 10 Stunden Zeit ein, damit ich mich nicht stressen muss. Das heißt aber auch, dass ich frühzeitig aufbrechen muss. Und wer weiß, vielleicht steige ich dann trotzdem schon nach fünf Kilometern im ersten Ort Huntto ab, wenn mir alles zu krass erscheint und falls es dort noch freie Betten gibt. Das entscheide ich alles spontan. Wenn ich heute irgend etwas gelernt habe, dann dass sich der Camino nicht planen lässt, dass es aber trotzdem läuft. Denn dafür dass nichts wie geplant lief, war es eigentlich ein sehr schöner Tag. Wer kann schon behaupten, am Strand Verdi gehört zu haben?

Das Gute ist, dass das Abenteuer langsamer gestartet ist, als gedacht und dass ich auf diese Weise mehr Zeit hatte, um in die richtige Stimmung zu kommen und vom Weg in meinem Tempo gedrosselt wurde. Ich habe einen Tag verloren, aber Zeit für mich gewonnen. Ich hatte einen überraschenden Tag am Meer als erste Etappe. Wer hat das schon. Und mal ehrlich, ob ich nun heute oder morgen starte, ist bei einem Zeitraum von sechs Wochen völlig unerheblich.

Zeitreise

Vorwärts: Du willst wissen, was als nächstes passiert und denkst, dass ab jetzt alles wie am Schnürchen läuft? Weit gefehlt! Sieh nach auf meiner Etappe von Biarritz nach Saint-Jean-Pied-de-Port.

Rückwärts: Du fragst dich, wie man auf die Idee kommt, den Jakobsweg aus dem Stand zu laufen und willst wissen, was einem dabei durch den Kopf geht? Hab ich alles aufgeschrieben und zwar hier: Camino Frances – Vorspiel

Kommentare und Ergänzungen

Warst du selbst auf dem Jakobsweg unterwegs? Hat bei dir alles geklappt? Oder planst du vielleicht selbst, diesen Weg zu laufen?

Hast du Anmerkungen zu diesem Beitrag, Lob, Kritik oder Ergänzungen? Erzähl es mir gern und lasse mir einen Kommentar da.

Ich muss das weitersagen
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8 Gedanken zu „Camino Frances #1: Von Hamburg nach Biarritz&8220;

  1. Liebe Audrey,
    ich liebe deine Erzählung vom Jakobsweg jetzt schon!! Es ist wie das Lesen eines Romans. Und ganz ehrlich, als ich bei der Stelle war, wo du am Flughafenschalter standest, kam mir bereits der Gedanke, dass dein Rucksack am Ende nicht mit dir zusammen ankommen wird.
    Ich muss jetzt immer, wenn ich das Wanderzeichen mit der Muschel sehen an dich denken! Das letzte Mal war vorgestern, denn es gibt ja auch hier bei Bonn Jakobswege.
    Einen wunderschönen lauen Sonntagabend wünsche ich dir und eine gute nächste Woche.
    Bis nächsten Sonntag!
    Aurora

    1. Liebe Aurora, schön, von dir zu hören und wie beruhigend, dass ich dich über den Jakobsweg nicht als Leserin verliere. Die Rucksack-Sache zeichnete sich von Anfang an ab, da gebe ich dir Recht! Ich hätte nur gedacht, dass der Kollege in Hamburg liegen bleibt und nicht in Paris.
      Aber noch heute denke ich, dass es gut so war. Ich hätte sonst die ganzen, tollen Menschen, die mir begegnet sind, verpasst.
      Dir auch noch einen schönen Abend! Was machen die Wetteraussichtenbzw Gewitterwanungen für deine Tour?

      1. Im Moment gibt es für jeden Tag eine Gewittervorhersage oder -möglichkeit. Aber da mach ich mir noch keinen Kopf, denn eine wirklich gute Prognose kann jeder noch so gute Meteorologe nicht viele Wochen im Voraus abgeben.
        Größere Sorgen machen mir derzeit meine Füße. Eine ganze Woche täglichen Wanderns in den Osterferien habe ich ganz gut überstanden und hatte nur die üblichen Fußbelastungsschmerzen, aber vergangenen Freitag habe ich eine 20 km-Tour gemacht und konnte davon am Samstag früh für ca. 4 Stunden nicht mehr auftreten vor Schmerzen. Echt kurios, denn vorher hatte ich extra ordentlich meine Faszien massiert. Da sah ich die Mehrtageswanderung schon schwinden…
        Morgen frag ich mal den Osteopath.

  2. Nett zu lesen, macht viel Lust auf mehr 😉
    Ich hoffe, es geht so turbulent weiter, denn ich liebe es zu lesen, wie die Leutchen ,physisch und psychisch total am Ende, quasi auf allen Vieren mit Mühe und Not ins Ziel kriechen 🙂

    Das mit dem Sperrgepäck wundert mich aber. Normalerweise wird das zwar auf einem extra Schalter aufgegeben, kommt nach dem Flug aber wieder per normalem Fließband zum Eigentümer zurück.

    Gibt es den ominösen Freund denn noch oder war ihm das Warten zu lange?

    1. Das Gepäck war ja netterweise gar nicht erst in den zweiten Flieger geladen worden… insofern war egal, wo der Spaß theoretisch ausgeladen wurde.
      Und was die Zukunft anbelangt (und da zähle ich den Freund mit zu), verrate ich natürlich nicht. Ich brauche ja Cliffhanger, um euch über die nächsten Monate von Sonntag zu Sonntag zu ziehen 😉

  3. Liebe Audrey, mein erster Samstag zurück in der österreichischen Heimat ist gerettet. Wenn ich Deinen Blog lese bin ich sofort zurück am Camino. Danke Dir für die schönen Zeilen LG

Und was sagst Du?