Harzer Hexen-Stieg #1: Von Osterode nach Altenau

Harzer Hexenstieg- Tag 1: Von Osterode nach Altenau #harz #hexenstieg #deutschland #wanderung #fernwanderung #wandern #fernwandern #rucksack #wanderblog #wanderblogger #outdoorblog #wald #läuftbeiihr

Tag Eins auf dem Harzer Hexenstieg: wir werden von einer schwarzen Katze verfolgt, treffen verschiedene Holzhexen, ächzen unerwartet fiese Steigungen empor, leben von der Hand in den Mund, laufen zwischen Ziegen und Bären quer durch das Wasser, versagen als Harz-Kamel-Ersatz und wären fast verhungert (11. Juli, 25 Kilometer)

Um halb acht reißt uns der Wecker aus unseren Träumen. Was sich für Julie, die als Konditorin arbeitet, wie ausschlafen anfühlt, ist für mich Alltag, und so muss ich mich kurz daran erinnern, dass ich im Urlaub bin. Heute geht das Abenteuer „Wandern mit der besten Freundin“ also los. Man darf gespannt sein. Vor uns liegen 23 Kilometer – so glauben wir zumindest.

Sexy Hexy geht anders

Bevor wir loslaufen, gönnen wir uns erst mal ein ausgebreitetes Frühstück in unserem Hotel Harzer Hof. Das Buffet kann sich wirklich sehen lassen, und zu meiner Begeisterung gibt es sämtliche Kaffeevariationen. Es soll eins der besten Frühstücke auf dem ganzen Weg werden. In den nächsten Tagen werden wir noch ein paar Mal sehnsüchtig an diesen Kaffee zurückdenken.

Im Speisesaal sitzen noch drei jüngere Handwerker, die offensichtlich auf dem Weg zur Arbeit sind und die beiden Damen, die gestern vor mir hergelaufen sind, als ich zum Hotel ging. Sie sind wie wir in schicken Wanderklamotten unterwegs.

Wir machen uns über das reichhaltige Angebot her und schmieren uns noch jede ein Brötchen für unterwegs, packen außerdem noch je ein hartgekochtes Ei und etwas Obst ein. Wir müssen mit unserem Proviant bis Altenau hinkommen, denn es scheint nicht so, als gäbe es unterwegs viele Einkehrmöglichkeiten.

Julie verstaut mit wehmütigem Gesichtsausdruck ein paar Sachen im Kofferraum ihres Autos. Das Hotel hat ihr netterweise erlaubt, ihr Auto für eine Woche in der hiesigen Tiefgarage stehen zu lassen, ohne dafür etwas zu berechnen. Super Laden! Meine Freundin folgt meinem Rat und lässt schweren Herzens alle normalen Klamotten in Osterode. Selbst die Jeans. Der erste abfällige Kommentar mit Blick auf ihre angeblich unvorteilhafte Zipp-Hose fällt. Die Hose wird sich in den nächsten Tagen noch die ein oder andere Beleidigung gefallen lassen müssen.

Ich habe nichts zurückzulassen, weil ich ja bereits gestern in Wandermontur angereist bin. Nun sind wir also beide gleich, oder wie Julie sagt: „Hättest du mir vor ein paar Jahren gesagt, dass ich mal mit Outdoor-Klamotten und dann auch noch einer Hose in dieser Farbe Urlaub machen würde, ich hätte dir einen Vogel gezeigt.“ Sexy hexy, here we go.

Wieso genau aufwärts?

Unser Weg führt entlang des Flüsschens Söse zum Ausgangspunkt des offiziellen Weges. Ausgangspunkt Osterode - hier beginnt der Hexenstieg

Ein Schild samt fliegendem Besen dokumentiert den offiziellen Beginn unseres Abenteuers. Nach einem kleinen Fotoshooting am Wegweiser, gefolgt von Selfies mit der holzgeschnitzten Hexe, die sich gleich daneben befindet, laufen wir ambitioniert los, nur um wenig später um die Wette zu schnaufen. Mit einem Anstieg haben wir beide nicht gerechnet.

Es geht durch die Ausläufer Osterodes in Richtung Wald, dabei aber immer ordentlich aufwärts. Mit roten Wangen und etwas außer Atem marschieren wir grüßend an einem Anwohner vorbei, der gerade seine Mülltonnen inspiziert. Er dankt es uns mit einem leicht irritierten Blick.

Ich bin ebenfalls leicht irritiert. Irgendwie muss ich bei der Vorbereitung etwas übersehen haben. Ich war der festen Überzeugung, dass heute zwar der weiteste Tag sei, uns dieser aber flache Wege beschere, während es morgen steil hochgehe, dafür aber auf einer mit 15 Kilometern recht kurzen Strecke. Entsprechend habe ich es Julie verkauft: am ersten Tag sind wir noch fit und voller Anfangseuphorie, da laufen wir etwas weiter. Es soll nicht mein einziges Versehen sein. Im Hintergrund kichert hämisch die Hexe.

Ist das Kunst oder kann das weg?

Wir nähern uns einem Haus mit abenteuerlich dekorierter Hecke. Sie ist mit abstrakten Figuren, Köpfen und allerlei Getier versehen. Ob es sich dabei um moderne Kunst handelt, oder jemand das Thema Hexenstieg aufgreifen wollte, ist nicht überliefert.

Immerhin ist es das letzte Haus vor dem Wald, da darf man ruhig mal etwas exzentrisch unterwegs sein. In unserer Vorstellung wohnt dort auf jeden Fall die Hexe. Wir bekommen sie leider nicht leibhaftig zu Gesicht.

Dreimal schwarzer Kater

Als wir genug geschaut haben und weiter in Richtung Wald laufen, sind wir plötzlich zu dritt. Eine schwarze Katze hat sich uns angeschlossen und läuft so selbstverständlich neben uns her, als sei es das Normalste der Welt. Sie streicht begeistert um unsere Beine. Weitergehen ohne zu stolpern ist quasi unmöglich. Vor allem an Julie frisst sie einen Narren und weicht gar nicht mehr von ihrer Seite.

Ich kann nicht aufhören zu kichern. Es ist wirklich absolut bezeichnend, dass ausgerechnet auf dem Hexenstieg eine schwarze Katze unser neuer Freund sein will. Julie kuschelt ausgiebig mit dem Vierfüßler und geht dann weiter. Unser tierischer Freund läuft noch ein ganzes Stückchen mit. Gassi gehen in der Hexenstieg-Variante.

Gerade mache ich mir Gedanken, wie wir unseren ungebetenen Gast loswerden, als sich die Überlegungen als unnötig erweisen. Die Katze bleibt urplötzlich stehen, schaut erwartungsvoll und kehrt uns dann angesichts unserer Ignoranz den Rücken. Sie schleicht von dannen, allerdings nicht ohne sich noch einmal umzuschauen und Julie vorwurfsvoll anzumaunzen. Ich meine, ein „Pfff, dann halt nicht“ zu vernehmen.

Harz-Kamels Nachfolger – wir nicht

Inzwischen sind wir im Wald angekommen. Es ist heute ziemlich schwül, und wir gehen weiterhin bergauf. Wo soll das nur hinführen? Schon eine Viertelstunde später wartet die nächste Attraktion auf uns. Am Wegesrand hockt eine Holzfigur, die wir erst fälschlicherweise für eine Hexe halten. Nach ausgiebigem Studieren der Informationstafel erfahren wir, dass es sich dabei um die (nicht das) Harz-Kamel handelt.

Diese legendäre Dame machte mit einer Kiepe bepackt, Sommers wie Winters Transportgänge. Um uns verwöhnten Neuzeit-Tussis mal ein Gefühl dafür zu geben, wie sich das angefühlt hat, steht neben ihrer Figur ihre originalgewichtige Kiepe, die man anheben kann – beziehungsweise könnte, wenn man genug Kraft hätte. Wir mühen uns vergeblich an den 40 Kilo ab und geben dann auf. Hut ab vor der Harz-Kamel.

Die nächste Viertelstunde philosophieren wir über die angenehmen Begleiteffekte der heutigen Zeit. Die vorhin noch verfluchten Multifunktionsklamotten und Schuhe feiern wir mit Blick auf Harz-Kamels Ausrüstung als riesige Errungenschaft der Neuzeit. Wir keuchen hier bestens gerüstet mit Stöcken und weniger als zehn Kilo auf dem Rücken über die gleiche Strecke, die unsere Vorgängerin mit 40 Kilo in Holzpantinen bestritt.

Müllergelüste

Auf den nächsten Kilometern beschert mir Julie eine beruhigende Erkenntnis. Sie stöhnt, dass sie „Das Wandern ist des Müllers Lust“ nicht aus dem Kopf bekomme. Bei jedem Schritt stehle es sich in ihre Gehirnwindungen. Ich atme auf. Erstaunlicherweise scheine nicht nur ich dazu zu neigen, beim Wandern ungefragt eine Jukebox im Kopf zu haben. Wir versuchen uns am Singen, geben aber mangels Textkenntnis schnell auf.

Der Hexenstieg schlängelt sich derweil in einer Rundung durch den Wald und liefert uns den Bilderrahmen für die erste Aussicht gleich mit.

Wie schade, dass es diesig ist. Ob der Höhe, schaue ich mir noch einmal genauer die heutige Strecke an und erkenne meinen Fehler. Wir werden gut 450 Höhenmeter machen. Julie schaut mich nur mit hochgezogener Augenbraue von der Seite an und sagt: „Flach, was?“ Wir nehmen es mit Humor.

Als wir an einem überdachten Rastplatz vorbeilaufen, knurrt unser Magen das erste Mal. Eine Pause wäre perfekt, doch das Plätzchen ist bereits in fester Hand der beiden Damen aus unserem Hotel. Eine halbe Stunde später schenkt uns der Hexenstieg dann den Lohn für unsere Mühe. Auch wenn wir gemerkt haben, dass es viel bergauf ging, sind wir doch mehr als erstaunt, als wir den Aussichtspunkt Marienblick erreichen und an einer Skilift-Anlage stehen und ins Tal hinabblicken können. Wir sind ganz schön hoch oben.

Kurz nach uns kommen die beiden Ladies ins Ziel. Es entwickelt sich ein Gespräch, und ich biete ihnen an, ein Foto zu machen, wenn sie sich anschließend revanchieren.Am Aussichtspunkt Marienblick gleich am Harzer Hexen-Stieg

Die beiden sind schon ewig befreundet. Sie kommen aus der Gegend, allerdings Sachsen-Anhalt, und wollen drei Tage wandern. Gemütliche zehn bis zwölf Kilometer-Etappen lautet ihr Plan. Heute gehen sie bis Buntenbock. Wir berichten von unserem Ansinnen und dass wir heute bis Altenau gehen werden. Sie staunen nicht schlecht. Das seien ja zwei Etappen. Nein, das sei ihnen zu weit. Ich erkläre im Brustton der Überzeugung, dass das nur 23 Kilometer seien und von daher gut machbar. Die Hexe grunzt im Hintergrund einmal mehr.

Ein Männlein stört im Walde

Plötzlich heult hinter uns ein Motor auf. Ich zucke zusammen. Da fährt jemand in unsere Richtung. Seltsam, so mitten im Wald. Wie sich kurz darauf herausstellt, steckt hinter dem vermeintlichen Störenfried der zuständige Förster. Er gesellt sich zu uns. Nachdem er interessiert unsere jeweiligen Tagespläne in Erfahrung gebracht hat, bittet er uns, später unseren Müll mitzunehmen. Hier oben gäbe es keine Eimer, und es sei frustrierend, wie viele Leute ihren Mist dann einfach hier ließen. Machen wir doch glatt, versprechen wir. So viel Respekt vor der Natur muss wahrlich sein.

Als alle anderen weg sind, der Energieriegel verputzt und der Müll verstaut ist, ziehen wir uns noch zu einer kleinen Pipipause zurück. Sicher ist sicher. Danach kann es befreit weitergehen.

Wir kommen nicht weit. Direkt gegenüber gibt es einen Holzstand mit geschnitzten Eulen und Hexen.

Daneben befindet sich ein kleiner Tresor, in dem ein Gästebuch auf uns wartet. Ehrensache, dass wir uns verewigen.

Ich übernehme das Texten, Julie die Illustration. Wenig später ist unser Eintrag in Erinnerung an unseren morgendlichen Begleiter mit einer Katze verziert. Wenig überraschend können wir auch diese Hexen unmöglich stehen lassen, ohne mit ihnen gemeinsam für ein paar Selfies posiert zu haben. Die Ähnlichkeit ist frappierend.

Nachdem wir gerade ganz oben waren, ist es doch mehr als naheliegend, dass wir wieder nach ganz unten müssen. Ihr wisst schon, Flachetappe und so. Doch der Energieriegel bietet Schützenhilfe, so dass wir einigermaßen beschwingt das Tal anpeilen. Der Hexenstieg verschwindet mit uns zwischen den Bäumen.

Als ausgemachtes Waldkind, freue ich mich an dem satten Grün um uns herum. Wälder schenken mir immer ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit, und so genieße ich jeden Schritt.

Heute ist Obsttag

Als wir das Tal erreicht haben und uns an einem flachen, geradeaus verlaufenden Pfad erfreuen, erspäht Julie auf einmal Blaubeeren und kurz darauf riechen wir den süßen Duft wilder Himbeeren. Wir können unser Glück nicht fassen. Brombeeren gibt es auch.

Die Sträucher sind reich behangen. Wir läuten den Obsttag ein. Doch obwohl wir pausenlos naschen, gibt es hier mehr, als wir wegschnabulieren könnten! Wir hüpfen von Strauch zu Strauch und strahlen über das ganze Gesicht. Schneller werden wir davon nicht, auf jeden Fall aber glücklicher.

Viele Wanderer scheinen hier nicht vorbeizukommen. Anders kann ich mir die Fülle an Früchten nicht erklären. Vielleicht ist uns die Hexe aber auch ausnahmsweise gut gesonnen. Wir fragen nicht weiter nach und leben von der Hand in den Mund.

Ich mache mein Häufchen

Als wir endlich wieder Fahrt aufgenommen haben, kommen wir erneut nicht allzu weit. Wir entdecken eine Ansammlung kleiner Steinmännchen. Daran kann ich nicht einfach vorbeigehen, ohne selbst einen kleinen Haufen zu stapeln. Gesagt, getan, verewige ich mich auch an dieser Stelle.

Wir traben weiter durch den Wald. Verwundert lauschen wir, als das Jauchzen eines Kindes zu hören ist. Der Weg macht eine Biegung. Hinter den Bäumen spiegelt etwas. Wir laufen auf einen See zu, und das Wasser blitzt uns entgegen. Wir sind in unmittelbarer Nähe von Buntenbock. Wie schön wäre es, wenn wir hier bereits am Ziel wären. Es ist halb zwei, fühlt sich aber irgendwie später an.

Am Ufer des Sees entdecken wir einen Jungen, der vor Vergnügen quietscht, während er sein kleines Elektroboot ausprobiert. Sein Vater feuert ihn begeistert an, die Mutter steht mit besorgtem Gesicht daneben und fürchtet vermutlich, er könne ins Wasser fallen.

Zwischen Ziegen und Bären

Wir entscheiden uns gegen einen Abstecher nach Buntenbock. Der See fasziniert uns viel zu sehr. Blick auf den Bärenbrucher Teich in Buntenbock am Hexenstieg

Es ist aber auch wirklich hübsch hier. Das Wasser liegt so ruhig da, dass sich die Bäume und Wolken darin spiegeln.

Blick auf den Bärenbrucher Teich in Buntenbock am Hexenstieg

Wir umrunden das Biotop und machen große Augen. Gegenüber ist ebenfalls ein Teich. Zwischen beiden führt der Hexenstieg hindurch, der um diese Jahreszeit von leuchtenden Blumen flankiert wird.

Das Wasser hat die Wärme der letzten Tage gespeichert. Auf dem Damm sind es mit Sicherheit fünf Grad mehr als zuvor.

Die Idylle ist nah am Kitsch. Links der Ziegenberger Teich, rechts der Bärenbrucher Teich. Unsere Energie kommt augenblicklich zurück. Es ist so unglaublich schön. Was für ein Glück, hier wandern zu dürfen.

Wenig später teilen wir uns die Strecke kurzfristig mit Rad- und Autofahrern, dann taucht der Hexen-Stieg schon wieder in den Wald ab. Die Pfade sind klein und erdig. So stellt man sich Wandern vor. Ich fühle mich, als sei ich komplett außerhalb der Zivilisation. Von der Straße ist schon lange nichts mehr zu hören.

Gegen halb drei gelangen wir an den nächsten See. Auch der Obere Nassewieser Teich wird dekorativ von Blumen eingerahmt.

Highlight am Harzer Hexen-Stieg der Obere Nassewieser Teich

Wir finden zu unserem großen Glück eine freie Parkbank und machen Mittagspause. Der Energieriegel liegt schon wieder einige Zeit zurück. Mit Blick auf das Wasser freuen wir uns diebisch über unsere Brötchen, mindestens aber genauso über das gekochte Ei und einen Pickup zum Abschluss. Es könnte einem schlechter gehen.

Inzwischen ist mir mein kleiner Planungsfehler aufgefallen. Wir sind heute keineswegs nur 23, sondern gute 25 Kilometer unterwegs. Dass ich da etwas durcheinander gebracht hatte, war ja eigentlich spätestens ab dem Moment klar, an dem ich behauptet hatte, die erste Etappe verlaufe flach. Das kommt davon, wenn man recht spontan wandern geht und ein absolutes Ass im Kartenlesen inklusive der Höhenlinien ist. Julie trägt es mit Fassung, als ich ihr meinen Fehler kleinlaut beichte.

Der Hexenstieg umrundet nun den See und verschwindet zur Abwechslung wieder im Wald, nur um uns eine Viertelstunde später den nächsten Teich zu schenken. Diesmal hört er auf den wenig schmeichelhaften Namen Entensumpf. Es ist jedoch weder sumpfig, noch sehen wir Enten. Dafür steht hier erneut ein überdimensionaler, dunkelblauer Bilderrahmen, um die Idylle ordnungsgemäß einzurahmen oder um müden Wanderinnen die Möglichkeit zu bieten, sich anzulehnen.

Stempeln gehen

Das nächste Highlight finden wir zehn Minuten später recht unerwartet an der Huttaler Widerwaage.

Stempelstelle 128, die Huttaler Widerwaage am Hexenstieg Harzer Wandernadel

Hier sieht es nicht nur aus wie bei den Hobbits, hier stoßen wir auch auf unseren ersten Stempel.

Im Harz gibt es – so wie ich es von meinen Jakobswegen kenne – überall Stempelstellen, die sich erlaufen lassen. Wer alle Stempel beisammen hat, erhält die Harzer Wandernadel. In Ermangelung eines Stempelpasses, missbrauchen wir kurzentschlossen meine Wanderkarte. Die kleine Hexe mit der 128 ist somit für immer verewigt.

So langsam verstehe ich, wieso wir so zäh vorankommen. Es gibt hier einfach zu viel zu sehen, das bestaunt und dann fotografiert werden muss. Es ist schon drei Uhr, und wir sind immer noch nicht annähernd am Ziel. Stattdessen bietet sich uns wenig später ein weiterer, beeindruckender Blick auf die Wälder, der einmal mehr bestätigt, dass wir es heute wahrlich nicht mit einer flachen Etappe zu tun haben. Wir genießen plappernd den Ausblick.

Es geht wieder abwärts, vorbei an verschiedenen Wasserläufen, die wir dem Oberharzer Wasserregal verdanken. Sie wurden vor mehreren Jahrhunderten angelegt, um Wasser in die Bergwerke zu den dortigen Wasserrädern zu leiten.

Hämisches Kichern im Hintergrund

Gegen halb fünf machen wir einen kurzen Abstecher in die normale Welt. Wir laufen oberhalb eines Dammes, der uns von einer stark befahrenen Straße trennt. Auf dem Damm gibt es zwei schmale Wege, die von einem Graben getrennt sind.

Es dauert, bis wir uns für eine Seite entscheiden. Die Hexen-Markierung ist nicht eindeutig, und wir wissen nicht, ob die beiden Pfade an späterer Stelle wieder zusammengeführt werden. Werden sie – so viel kann ich an dieser Stelle verraten.

Das Dammhaus, ein Restaurant am Straßenrand, oberhalb dessen wir nun vorbeiflanieren, ist zwar nicht besonders idyllisch gelegen, wirkt aber trotzdem verlockend. Kaffee und Kuchen, das hätte jetzt schon etwas. Doch wir reißen uns zusammen. Wir sind eh schon so spät dran. Ich für meinen Teil hätte heute Morgen zumindest erwartet, dass wir um fünf am Ziel wären. Fehlanzeige. Es ist halb fünf, und zwischen uns und unserem Ziel liegen immer noch mindestens fünf Kilometer, was zu Fuß mit Rucksack ein bis anderthalb Stunden bedeutet.

Wir steigen vom Damm hinunter und biegen nach links in den Wald ab. Reden, Laufen, Staunen. Unser kleines, verwunschenes Pfädchen führt uns über Wurzeln und vermooste Stellen immer tiefer in den Wald. Es ist hier so idyllisch, dass es eine Viertelstunde dauert, bis ich mich frage, wann wir eigentlich das letzte Mal eine Hexe oder sonstige Markierung gesehen haben. Schnell wird klar, dass wir auf dem falschen Weg sind.

Google Maps verrät, dass auch dieser Weg nach Altenau führt, aber auf Experimente hat an dieser Stelle keine von uns Lust. Was, wenn der Weg wegen Sturmschäden irgendwo gesperrt ist? Dann müssten wir nachher noch weiter zurück.

Zähneknirschend kehren wir um. Unseren Weg bis zum Ende des Damms zurückzulaufen, scheint uns das Vernünftigste. Die Laune kippt. Wir sind müde, müssen sowieso schon weiter laufen, als ursprünglich gedacht und nun machen wir auch noch unnötige Extrakilometer? Im Hintergrund schlägt sich die Hexe vor Lachen auf die Schenkel.

Von nun an geht’s bergab

Beim zweiten Anlauf finden wir den richtigen Weg. Wir hätten gar nicht erst so weit vom Damm weg in den Wald gemusst. Zumindest bleibt unser Wegeprofil nun flach. Es könnte herrlich sein, würde unser innerer Schweinehund nicht inzwischen bei jedem zweiten Schritt „Sofa!“ schreien.

Um zehn nach sechs gelangen wir an ein Gebäude am Waldesrand, das Grabenhaus Rose. Ein Schild zeigt uns, wo der Hexenstieg weitergeht, ein anderes, wo man nach Altenau hinunterkommt. „Das ist nicht deren Ernst“, murmelt meine Freundin. Gemeinsam starren wir auf eine steile Piste.

Doch genauso ist es. Wo im Winter Menschen auf Skiern jauchzend hinabdüsen, dürfen wir jetzt unseren Abstieg machen. Einmal mehr sind wir beide froh, Stöcke zu haben, mit denen wir uns nun talwärts tapern. Wir haben Glück. Unseren Trampelpfad trennt eine Brombeerhecke von der Wiese ab, die gerade von zwei Männern mit Handmähmaschinen gestutzt wird. Unsere natürliche Schutzvorrichtung weiß zu verhindern, dass die herumfliegenden Grashalme auf unserer verschwitzten Stirn kleben bleiben.

Endlich sind wir in Altenau. Die letzten Meter Skipiste legen wir mit zitternden Beinen zurück. Auf der Suche nach unserer Unterkunft geht es vorbei am Hotel Drei Bären (mit drei Bären als naiver Malerei an der Außenwand und einem überdimensionalen Meister-Petz-Maskottchen im Vorgarten), dann an der selbsternannten Kultkneipe Schneewittchen. So märchenhaft die Namen um uns herum, so unschön die Erkenntnis, dass sich unser Bed & Breakfast keineswegs auf diesem touristischen Streifen befindet, sondern sich im Ortskern versteckt.

Hollands glorie

Wir schleppen uns Meter für Meter weiter zu einer größeren Straßenkreuzung. Da ist ja unserer Straße. Und sie fällt steil bergab. Julie und ich fluchen unabhängig voneinander laut. Diese letzten Meter fühlen sich härter an als die gesamte Strecke. Was haben wir verbrochen, dass wir so bestraft werden? Alles Jammern nützt nichts. Sein Bett muss man sich erarbeiten, von Nichts kommt Nichts.

Gefühlt auf allen Vieren stehen wir dann endlich vor der Pension De Orchidee. Eine resolute, großgewachsene Dame namens Christiane begrüßt uns herzlich. Ich fühle mich dank ihres niederländischen Akzents gleich wie zuhause, und wir quatschen kurz auf Niederländisch. Sie lässt uns in ein großes Wohnzimmer, das auch als Frühstücks- und Aufenthaltsraum fungiert. Hund Zoë schnüffelt begeistert an den 25 Kilometer Hexenstieg an unseren Sohlen.

Christiane versorgt uns mit Getränken, und wir sind vorerst damit beschäftigt, uns zu sortieren und durchzuatmen. Wir haben es geschafft. Ein gewisser Stolz macht sich auf unseren Gesichtern breit. In der Küche hantiert währenddessen Dini. Die beiden Damen führen ihre Pension seit 2011 und haben sichtlich Spaß daran. Es ist urgemütlich hier, und wir verquatschen uns mit unserer Gastgeberin.

Bei den sieben Zwergen

Nach einer halben Stunde fragen wir Christiane, ob sie uns Tipps für unser Abendessen geben kann. Es ist inzwischen kurz vor sieben, und unsere Gastgeberin empfiehlt, zeitnah aufzubrechen. Die Küchen im Ort schließen früh, vermutlich schon gegen halb acht. Auch das wird uns im Harz noch häufiger begegnen.

Wir bringen unsere Sachen in unser gemütliches, kleines Zimmer und stöhnen mit jeder Stufe, die wir auf dem Weg in den zweiten Stock nehmen müssen. Dort erwartet uns ein winziger Raum, unter dessen Dachschräge das Queensize-Bett steht, das das Zimmer fast zur Gänze ausfüllt. Es gibt Blümchentapete und pink farbige Vorhänge – wir fühlen uns wie Schneewittchen. Eine kleine Tür führt zu unserem klitzekleinen Bad. Das müssen wir uns für später aufheben. Zeit zum Duschen bleibt in Anbetracht der fortgeschrittenen Uhrzeit nicht mehr.

Haute Cuisine mit Schuss

Widerwillig machen wir uns müffelnd in unseren Wandersachen auf den Weg tiefer in den Ort. Zumindest die Schuhe haben wir gewechselt. Damit läuft es sich angenehmer, wenn auch die vielen, zurückgelegten Kilometer an uns nagen. Über uns ziehen beeindruckende Regenwolken auf.

Trockenen Fußes stehen wir zehn Minuten später vor dem Fachwerkhaus, in dem sich Moocks Hotel befindet. Eine freundliche Dame platziert uns im zugehörigen Restaurant MAy Harz in einen länglichen Raum ans Fenster. Auf dem Boden liegt roter Perserteppich. Es wirkt alles ein wenig angestaubt. Die nette Bedienung macht das aber wett. Wir sind die einzigen Gäste.

Zur Feier des Tages bestellen wir uns jede einen Gin Tonic. Wir witzeln noch ein wenig, dass die Dame die Rezeptur vermutlich erst einmal nachschlagen muss. Hier wird sonst vermutlich eher Bier mit Korn geordert. Als sie mit unseren Getränken und der Speisekarte an unseren Tisch zurückkehrt, staunen wir nicht schlecht. Damit hatten wir nun wirklich nicht gerechnet.

Wir finden Hirschbraten mit Feigen-Blaukraut und Preiselbeer-Salsa neben Schnitzel auf Wodka-Tomaten-Sahne-Sauce, oder Wildschwein-Geschnetzeltes in Gin-Sahne-Sauce. Wer hier schnödes Zigeunerschnitzel oder Schweinshaxe erwartet hat, wird enttäuscht. Wir hingegen sind begeistert von so viel Hippness.

Julie probiert es mit Lachs auf Brandy-Chili-Rahm mit karamellisierten Cherry Tomaten und einer Blätterteig-Spinat-Rouladen. Mich lacht die Schweinerückenroulade mit getrockneten Tomaten, Frühlingszwiebeln und Serrano Schinken an, die auf Thymian-Sahne-Sauce mit einer Blätterteig-Kartoffel-Roulade serviert wird.

Während wir alle Vorurteile hintenanstellen und selig an unseren Longdrinks schlürfen, ergießt sich draußen aus dem Nichts ein Wolkenbruch über die umhereilenden Leute. Regen ist etwas Feines, wenn man selbst im Trockenen sitzt. Das Essen, das uns wenig später serviert wird, ist übrigens hervorragend.

Wir gehen an der Decke

Um viertel vor neun treten wir gesättigt den Rückweg in unsere Pension an. Der Regen hat aufgehört. Nachdem Duschen liegen wir geschafft, dafür aber satt, sauber und glücklich, in unserem Bett. Wir entdecken die therapeutische Kraft unserer Zimmerdecke. Die Schräge, unter der das Bett steht, eignet sich ganz hervorragend, um unsere Beine zu dehnen. Auf dem Rücken liegend, laufen wir die Wand mit unseren frisch massierten, frisch besockten Füßen hoch und strecken uns, was das Zeug hält.

Julie gesteht mir, dass sie heute gegen Ende ganz schön am Limit war und nimmt mir das Versprechen ab, dass die Strecke morgen tatsächlich kürzer wird. Mehrere solcher Tage am Stück packe sie nicht. Ich hingegen bin total beeindruckt, wie gut sie durchgehalten hat. Wir hatten erstaunlicherweise das gleiche Tempo. Meine große Angst, dass Eine von uns schneller oder langsamer gehen müsse, als ihr lieb sei, war völlig unbegründet.

Ich prüfe die morgige Etappe bis Torfhaus auf sämtlichen, mir zur Verfügung stehenden Wegen. Egal ob Outdooractive, Google oder Wanderkarte – sie alle bestätigen, dass es wirklich ein kurzer Tag mit maximal 15 Kilometer wird. Die haben wir uns nach diesem Tag auch wirklich verdient. Genauso wie den Schlaf, der uns kurz darauf beide übermannt.

 

Kommentare und Feedback

Bist du selbst den Harzer Hexen-Stieg gelaufen, oder hast du es vor? Wie hast du dir deinen Weg am ersten Tag eingeteilt und was hast du unterwegs erlebt? Konntest du die Markierung immer finden oder hat auch bei dir die Hexe ab und zu gekichert? Kennst du das Phänomen, wenn der Weg länger wird, als ursprünglich gedacht? Wie motivierst du dich, wenn du müde bist?

Ich freue mich wie immer über deine Rückmeldung.

Zeitreise

Hast du unseren turbulenten Einstieg in das Abenteuer Harzer Hexen-Stieg verpasst? Dann komm doch noch mal mit zum Anfang und finde heraus, wieso wir diesen Weg gewählt haben, wieso in Osterode ein flotten Dreier zu jeder Tageszeit zu bewundern ist, was es mit der griechischen Tragödie auf sich hat und welche Bedenken mir bei meiner ersten Fernwanderung zu zweit durch den Kopf geschossen sind.

Willst du wissen, wie diese Etappe im winterlichen Schnee ausschaut? Dann klick mal zu Romy von Etappen-Wandern, die sich vor wenigen Wochen dem Harzer Winterwonderland gestellt hat und neben einem tollen Text auch wunderschöne Fotos gemacht hat.

8 Gedanken zu „Harzer Hexen-Stieg #1: Von Osterode nach Altenau&8220;

  1. Schöner Bericht. Ich bin den Hexenstieg vor ein paar Jahren mit Freunden gelaufen. Beim Lesen kamen schöne Erinnerungen, wir sind die Strecke um Regen gelaufen und sind auch fertig in Altenau angekommen 😉
    Liebe Grüsse Sabine

    1. Hi Sabine, mit Regen macht das sicher nur mäßig Spaß. Nass wurden wir am nächsten Vormittag, auf dem Weg zur Wolfswarte. Dazu nächsten Sonntag dann mehr 🙂
      Liebe Grüße,
      Audrey

  2. Liebe Audrey,

    ich finde es total spannend den Hexenstieg nun noch einmal aus der Sommer-Perspektive zu sehen und war total erstaunt, wie anders alles aussieht. Dein Titelbild an den Stauseen bei Buntenbock wird mein Lieblingsmotiv – es ist wirklich auch im Sommer anscheinend wunderschön dort! Ich kann gut nachfühlen wie es euch auf den letzten Kilometern ging, es gibt nichts schlimmeres beim Fernwandern, wenn der Weg hinten raus schwierig und gar länger wird als erwartet. Auf der anderen Seite ist das Gefühl des Ankommens dann gleich umso intensiver.

    Danke auch für deine Verlinkung zu meinem Blog!

    Liebe Grüße
    Romy

    1. Danke, Romy, ich verstehe gut, was du meinst. Mir ging das so mit deinen Winterbildern.
      In die Teichlandschaften rund um Buntenbock habe ich mich auch verliebt. Das war ein bisschen wie bei „und täglich grüßt das Murmeltier“, weil immer wieder ein neuer Teich auftauchte.
      Aber an den anderen Tagen gab es auch noch ein paar hübsche Motive, also lass dich überraschen 🙂
      Audrey

  3. Hallo Audrey,

    ich habe gerade deinen Tagesbericht schmunzelnd verschlungen. Meine Hexenstiegwanderung war vor zwei Jahren und der erste Tag nur bis Buntenbock. Der Anstieg hatte mich auch kalt, bez. nach einigen Metern heiß erwischt. Freue mich schon auf den nächten Tag. Mal sehen, ob ich mich da auch so wiederfinde.

    Grüße
    Andreas

    1. Hi Andreas,
      das freut mich, dass es nicht nur mir so ergangen ist und die Hexe auch dich ganz schön überrascht hat.
      Nächsten Sonntag geht es weiter. Da hatten wir eine kleine Überraschung, als es auf einmal wegen Sturmschäden die Wolfswarte hoch ging :))

      Grüße,
      Audrey

  4. Super… vielen Dank für den lustigen, informativen Bericht Eurer ersten Etappe. Beim Foto mit der hölzernen Hexe bin ich mir nicht sicher ob ich mehr Angst vor Euch oder der Hexe haben muss 😉
    Wenn ich im Harz unterwegs war, dann bin ich immer mal wieder auch mal auf dem Hexenstieg gestoßen und konnte auch den einen oder anderen Stempel ergattern… deswegen bin ich erstaunt das Du den Stempelkasten am Bärenbrucher Teich nicht erwähnst!!! Verpasst? Ist schon ein bißchen her als ich dort war, aber der Stempelkasten müsste so ungefähr auf halber Strecke zwischen beiden Teichen an/in einer Schutzhütte sein…

    Ich freue mich auf weitere Berichte auf Eurem Weg

    MfG Roy

    1. Hallo Roy,
      den Stempelkasten haben wir definitiv verpasst. Als wir losgingen, war uns das überhaupt nicht bewusst. Wir sind dann total zufällig drüber gestolpert, haben dann die nächsten Stempel verewigt, um ab Tag 3 damit aufzuhören, als klar wurde, dass die bis auf ihre Zahl immer gleich aussehen. Beim Jakobsweg hat jede Unterkunft oder Bar einen eigenen Stempel, so dass man dann wirklich eine breite Sammlung verschiedenster Stempel am Ende seiner Reise hat.
      Freu mich, wenn du auch nächste Woche wieder mitliest.
      Grüße aus Hamburg,
      Audrey

Und was sagst Du?