Harzer Hexen-Stieg #2: Von Altenau nach Torfhaus

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An Tag 2 auf dem Harzer Hexenstieg treiben wir als Schlümpfe verkleidet unser Unwesen zwischen Wasserknechten und Wölfen, erfinden die sportliche Wäscheleine und beschließen, unseren Erstgeborenen auf keinen Fall Marvin zu nennen (12. Juli 2018, 14 Kilometer)

Nachdem wir gestern so weit gewandert sind, lassen wir es heute langsam angehen. Wir schlafen gemütlich in unserem Zwergenzimmer aus. Um viertel vor neun geht es in das Wohnzimmer unseres Hostels zum Frühstück. Überrascht stellen wir fest, dass mindestens vier Tische besetzt sind. An allen wird fröhlich gegessen.

Christiane begrüßt uns gut gelaunt, während Dini sich wie gestern im Hintergrund aufhält und in der Küche herumfuhrwerkt. Sie kümmert sich um die Spezialwünsche der Gäste, sowohl mit Blick auf den Kaffee als auch auf Eierspeisen. Wir begutachten das Buffet. Hier findest jeder etwas, das er mag. Christiane will wissen, ob wir gut geschlafen haben. Haben wir – wie die Steine, um genau zu sein.

Poolitisch korrekt

Ich flitze, meinen schlechten Angewohnheiten folgend, erst mal mit der Kaffeetasse nach draußen. Rauchend begutachte ich den Garten. Hier befindet sich auch der Pool, bzw. das etwas größeres Planschbecken. Gut dass das Wetter gestern nicht so toll war.

Ich hatte mich anfangs wahnsinnig über die Aussicht einer Unterkunft mit Pool gefreut. Als ich die Schlafplätze recherchiert hatte, sah ich uns bereits bei eitlem Sonnenschein gegen Ende des ersten Tages mit unseren Bikinis die letzten Sonnenstrahlen am Beckenrand auffischen. Das wäre sicher auch super als Massage nach der Tagesetappe gewesen.

Wie enttäuscht wäre ich gewesen, wenn gestern Traumwetter gewesen wäre und ich dann gesehen hätte, dass der Pool meinen Anforderungen nicht gerecht wird. Gut für uns also, dass unser Timing und das Wetter so schlecht waren – poolitisch korrekt sozusagen.

Reserven anfuttern

Zurück im Frühstücksraum balanciere ich kurz darauf mit meinem vollbeladenen Teller vom Buffet zurück zu Julie. Satt essen und auf Vorrat schmieren lautet unser Motto. Nur weil laut meinen Informationen der Weg heute kurz ist, muss das noch gar nichts heißen. Die Hexe macht bekanntlich ihr eigenes Ding, also wappnen wir uns lieber für alle Möglichkeiten.

Mit einem Blick auf die Karte und in Erinnerung an die Skipiste, die wir gestern runtergekraxelt sind und demnach heute wieder hinauf müssen, überlegen wir kurz, einen anderen Zuweg zu wählen. Dann haben wir aber irgendwie kein gutes Gefühl dabei, die Hexe zu bescheißen und beschließen, angesichts der Kürze der heutigen Etappe, dem offiziellen Pfad zu folgen.

Zurück in unserem Zwergenzimmer packen wir entspannt unsere Rucksäcke. Gerade an den ersten Tagen dauert das irgendwie immer länger, als man denken würde. Die Sachen haben noch nicht ihren angedachten, festen Platz, die perfekte Gewichtsverteilung muss noch gefunden werden, und das Wetter lässt sich noch nicht so gut einschätzen, als dass man wüsste, was man griffbereit braucht und was nach ganz unten kann.

Apropos Wetter – das sieht für heute leider alles andere als glorreich aus. Draußen ist es grau in grau, und wir werden wohl mit dem ein oder anderen Schauer rechnen müssen, auch wenn am frühen Nachmittag die Sonne rauskommen wird.

Wo ist der Skilift, wenn man ihn braucht?

Um viertel vor elf sind wir endlich soweit. Der Anstieg der Straße vor unserer Unterkunft ist perfekt zum Warmlaufen für die besagte Skipiste, die auf uns wartet. Quer über die Wiese geht es steil nach oben und zurück auf den Hexenstieg.

Unsere vorsichtigen Blicke nach links und rechts, ob es nicht vielleicht doch irgendwo einen Skilift gibt, führen zu keinem Ergebnis. Wir müssen wohl tatsächlich aus eigener Kraft hoch. So ist es dann auch. Als wir unseren Fernwanderweg erreichen, haben unsere Gesichter Zimmertemperatur.

Karrierechance Wasserknecht, nein Danke

Wir nähern uns nach einer halben Stunde dem Denkmal für die Wasserknechte.

Was wir schon von weitem sehen, sind eine Brücke und ein verwunschenes, kleines Häuschen. Als wir näher kommen, entdecken wir ein Regal voller Holzeimer.

Denkmal für die Wasserknechte am Harzer Hexenstieg

Die Infotafel verrät uns, was es damit auf sich hat. Wir befinden uns hier bereits mitten im Bergbaugebiet. Die sogenannten Pfützeimer wurden benutzt, um von Hand Grundwasser abzuschöpfen, das sich seinen Weg in die Schächte gebahnt hatte.

Da die Hexe offensichtlich Besseres zu tun hatte und ihr wohl auch kein Zauberlehrling zur Seite stand, um mit magischen Kräften die Eicheneimer für sich arbeiten zu lassen, mussten das die sogenannten Wasserknechte von Hand erledigen. Auf Leitern stehend, reichten sie sich die Eimer weiter und schöpften das überflüssige Wasser ab.

An einer Kette gibt es einen Eimer, mit dem man selbst sein Glück versuchen kann, um ein ungefähres Gefühl für die damit verbunde Anstrengung zu bekommen. Julie und ich sind uns einig. Eine Karriere als Wasserknecht scheidet genauso aus, wie in die Fußstapfen der Harz-Kamel (gestern) zu treten.

Märchenstunde

Der Harzer Hexen-Stieg verläuft entlang des Dammgrabens
Ein Männlein geht im Walde

Wenig später laufen wir am Dammgraben entlang, seines Zeichens Teil des UNESCO Welterbes Oberharzer Wasserwirtschaft. Ein herrlich federnder Waldweg wird uns geboten. Daneben verläuft besagter Graben, der um diese Zeit gut mit Wasser gefüllt ist und uns fortan begleitet.

Ich seile mich ein wenig von Julie ab. Mir ist bei so viel Waldromantik nicht nach quatschen. Zu sehr genieße ich die Ruhe, das Gezwitscher der Vögel und die eintretende Leere in meinem Kopf. Ich begegne in der ersten Stunde keiner Menschenseele. Der Wald neben mir ist dicht, tief und stellenweise geradezu verwunschen. Kein Wunder, dass eine Vielzahl Grimmschen Märchen ihren Ursprung im Harz hat. Die Gegend ist geradezu prädestiniert.

In unregelmäßigen Abständen klären uns Hinweistafeln, markiert mit einer kleinen, gelben Tanne, über die Hintergründe unserer Umgebung auf, in diesem Fall über die Geschichte der Fassung der Kleinen Ocker. Ganz in der Nähe gibt es auch wieder eine Stempelstelle.

Umleitung über Stock und Stein

Nachdem wir anderthalb Stunden unterwegs sind, gibt der Wald uns frei. Ein Schild weist deutlich eine Umleitung aus. Der Magdeburger Weg ist wegen Sturmschäden gesperrt. Es wird eindringlich vor den Gefahren gewarnt. Ein Wanderpärchen vor uns lässt sich davon nicht abhalten und schlägt den Weg trotzdem ein.

Kurz sind wir ratlos. Sollen wir unser Glück dort ebenfalls versuchen? Meine Wandererfahrung belehrt mich eines Besseren. Die Beschilderung wirkt neu, also sollten wir ihr lieber vertrauen. Umleitung über die Wolfswarte hört sich außerdem deutlich spektakulärer an als Magdeburger Weg.

Kurz darauf, wir befinden uns gerade an einem Feld, öffnet der Himmel kommentarlos seine Schleusen. Wir sehen zu, dass wir uns unter einen am Wegesrand stehenden, großen Baum retten. Dahinter liegt aufgestapeltes Holz, auf dem wir in Windeseile erst die Rucksäcke unter Regenhüllenverpacken und dann uns selbst.

Ein Radfahrer fährt an uns vorbei und lächelt huldvoll. Sekunden später verzieht er das Gesicht. Der Regen wird zum Platzregen und der Radfahrer nass. Aus unserem halbwegs trockenen Unterschlupf lächeln wir huldvoll zurück.

Nun ist Warten angesagt. Immer, wenn wir denken, es könnte gehen, belehrt uns der Regen eines Besseren. Wir wenden uns unserem Energieriegel zu. Nach einer guten halben Stunde können wir die Tour endlich fortsetzen. Wir haben es so gut wie trocken überstanden. Dann also mit frischen Kräften zur Wolfswarte.

Über die Wölfe heulen

Die nächste Stunde erwartet uns ein stetig ansteigender Weg. Anfangs sind wir noch überrascht, schließlich sollte heute eine Flachetappe sein. Doch je weiter wir uns über Wurzelwerk und Gesteinsbrocken aufwärts winden, desto mehr sehen wir vor unserem inneren Auge den lauernden Blick der Hexe, die nur darauf wartet, dass wir uns ärgern.

Wir halten uns mit Sprüchen über Wasser, dass das Beste an Aufstiegen ja bekanntlich die Aussicht sei. Ich wage das angesichts der aktuellen Wetterlage zwar ein wenig zu bezweifeln, aber das muss die Hexe ja nicht wissen.

Zwischendurch entfährt Julie der ein oder andere Fluch auf den Wolf, während sie sich weiter nach oben kämpft. Man muss aufpassen, wo man seine Füße hinsetzt. Gerade die Steine sind nach dem Regen ziemlich rutschig. Ich für meinen Teil freue mich tatsächlich über den Anstieg. Wenn ich dauerhaft flach geradeaus laufe, ermüdet mich das oft mehr, als wenn ich Anstrengung gepaart mit Abwechslung durchmache.

Die Schlümpfe auf Tour

Um halb zwei fühlt sich der Dauerniesel zu Höherem berufen und platscht munter drauf los. Wir haben erneut großes Glück, dass ein Baum mit ausgebreitetem Blätterdach zur Stelle ist und stellen uns unter. Zeit für die Mittagspause.

Kennt ihr das Phänomen, dass es selten so gut schmeckt, wie an der frischen Luft? Wir genießen unsere Altenauer Brötchen und werfen zur Abwechslung eine Vitaminbrausetablette Geschmacksrichtung Johannisbeere in unser Wasser. Es könnte schlimmer sein.

Als ich uns beide so anschaue, entfährt mir ein hysterisches Kichern. „Sag mal wo kommst du denn her?“ singe ich leise und dann brechen wir beide in schallendes Gelächter aus. Wir sehen aus wie die Schlümpfe in unseren blauen Windjacken. Wie gut, dass wir hier alleine sind.

Schlumpf-Time auf dem Weg zur Wolfswarte

Während wir darauf warten, dass der Regen weniger wird, rätseln wir, was sich wohl hinter der Wolfswarte verbirgt. In unserer Vorstellung handelt es sich entweder um eine Aufzuchtstation für Wölfe oder eine Einrichtung, die selbige beobachtet. Ob wir einen Wolf zu Gesicht bekommen? Wir sind mal wieder bestens informiert. Die Wolfswarte ist in Wahrheit Teil des Bruchbergs, seines Zeichens mit über 900 Metern zweithöchster Berg Niedersachsens, wir Trottel. Mit einer Aufzuchtstation hat das wahrlich nichts zu tun.

Let the sunshine in

Um eins hat das Wetter ein Einsehen, und die Sonne kommt durch. Uns wird beim Laufe muckelig warm, doch vorerst lassen wir die Windjacken an. Wir trauen dem Braten noch nicht so ganz. Zu schnell ändert sich das Wetter hier. Um halb drei liegt die Wolfswarte vor uns. Beim Anblick des Felsens wird selbst uns klar, dass es sich nicht um eine Tierstation handeln kann.

Blick auf die Wolfswarte

Wir haben großes Glück, denn die Regenwolken machen sich vom Acker, der Himmel klart auf. Als wir uns ein gutes Plätzchen gesichert haben, um den Ausblick zu genießen. In direkter Nähe wachsen keine Bäume, so dass man einen tollen Blick über den Harz bis zum Brocken hat. Wie toll muss das erst bei klarem Wetter sein?

Als wir genug geschaut haben und einen Blick zurück auf die Wolfswarte werfen, beobachten wir fasziniert das Abziehen der Wolken. Natur ist schon gewaltig. Vielleicht hat aber auch die Hexe ihren Kamin angeworfen. Ich komme mir jedenfalls sehr klein vor.

Die Sonne lässt sich von nun an nicht mehr unterkriegen. Wenig später laufen wir im strahlenden Sonnenschein einen ruckeligen Weg abwärts.

Rot, steinig und schnurgerade ist unser Pfad nach unten. Je weiter wir gehen, desto mehr sehnt Julie eine Biegung herbei. Ihr Johannisebeerwasser will raus. Endlich bietet sich eine Möglichkeit, auf eine Graszunge rechts von uns auszuweichen. Ich bleibe auf dem Weg und schiebe Wache.

Wir sind auch auf diesem Stück wie schon beim Aufstieg froh, unsere Stöcke zu haben. Zwei Frauen kommen uns entgegen. Sie keuchen heftig, die Jacken haben sie umgeknotet, das Gesicht bei der dickeren der beiden dunkelrot. Ob es noch weit sei, will sie japsend wissen. Gute 20 Minuten vermuten wir.

Mit Blick auf ihre abgekämpfte Freundin fragen wir die andere, wie weit sie gehen wollten. Bis nach Altenau. Ich mache ein zweifelndes Gesicht. Julie und ich haben uns eben noch gegenseitig bestätigt, wie froh wir sind, dass wir den Weg zur Wolfswarte hoch und nicht runter mussten. Die Steine waren im Regen ganz schön rutschig.

Wir versuchen, den beiden ein Gefühl davon zu geben, was sie auf dem Abstieg erwartet. „Schlimmer als das hier, kann es ja nicht sein“, sagt die Keuchende. Wir versuchen, ihr klar zu machen, dass „das hier“ Peanuts sind im Vergleich zu dem, was noch kommt. Die beiden wollen es trotzdem versuchen. Auch ohne Stöcke. Ich hoffe, sie haben es unbeschadet wieder nach unten geschafft.

Vom Winde verweht

Unbeschadet ist nicht unbedingt das, was uns eine Stunde später erwartet. Auch wenn Julie und ich nicht betroffen sind, sind wir doch sehr betroffen, als wir sehen, welche Schäden der Sturm hier angerichtet hat. Wir laufen an etwas vorbei, das man guten Gewissens den Baumfriedhof von Torfhaus nennen kann.

Der Wind muss sich hier gar fürchterlich gefangen haben, denn riesige, uralte Fichten sind wie Zahnstocher samt Wurzeln umgekippt. Um die Größe einmal annähernd zu illustrieren: ich passe problemlos unter das in die Luft ragende Wurzelwerk.

Dass in dieser Gegend auch der gemeine Borkenkäfer sein Unwesen treibt, hilft natürlich auch nicht. Das Insekt hat es sich hier gemütlich gemacht und sorgt für flächendeckendes Baumsterben. Die Gerippe der Fichten werden wir morgen noch mal besonders krass mit eigenen Augen sehen können.

School’s out for summer

Gegen viertel vor vier erreichen wir Torfhaus, die höchstgelegene Siedlung Niedersachsens, weiß Wikipedia. Hierher verschlägt es vor allem Leute, die zum Brocken wollen. Bis zum Mauerfall wurde von hier gern der Blick auf den damals so unerreichbaren Blocksberg gerichtet. Auch ich habe mich für diesen Zwischenstopp entschieden, um möglichst nah an den Brocken heranzulaufen, den wir morgen überqueren werden.

Von Torfhaus sehen wir außer der riesigen Jugendherberge nicht allzu viel, denn wir durchqueren den Ort zügig, auf dem Weg zu unserem Landschulheim, das am Ortsende im Wald liegt. Wie froh bin ich, dass wir hier unterkommen können, denn es ist nicht nur direkt am Hexenstieg gelegen, sondern auch noch vergleichsweise günstig. Wir zahlen gerade mal etwas mehr als 30 Euro pro Nase, Abendessen und Frühstück inklusive.

Wie von den netten Betreibern der Einrichtung im Vorfeld angekündigt, finden wir einen Tresor am Eingang und darin, nach Eingabe unseres Codes, den Schlüssel zu unserem Zimmer. Als wir unser Domizil betreten und uns durch die hiesige „Bedienungsanleitung“ lesen (Betten bei Auszug abziehen, Laken zusammen mit den Handtüchern in einen gesonderten Raum bringen), fühlen wir uns in Schulzeiten zurückversetzt. Die Schlafplätze sind schnell verteilt. Wir haben sogar unser eigenes Bad, da das Zimmer neben uns nicht belegt ist.

Mit uns befindet sich eine Großgruppe Kinder aus Berlin, Tendenz Problembezirk, in der Unterkunft. Sie staunen nicht schlecht, als wir mit unseren Rucksäcken auftauchen. Aus den Handys dudeln die neusten Hits – alle gleichzeitig und durcheinander versteht sich.

Sportliche Wäscheleine

Draußen scheint nach wie vor die Sonne. Wir ergreifen die Gelegenheit beim Schopfe und waschen unsere verschwitzten Sachen per Hand im Waschbecken. Ich weihe Julie in meinen Wander-Waschtrick ein und empfehle, die Sachen nach dem Auswringen noch einmal in das Mikrofasertuch zu legen und es zu zwirbeln, so dass ein erneuter Auswring-Effekt eintritt. Das hat mir auf dem Rheinsteig so manchen Morgen in nassen Klamotten erspart.

Wir sehen uns nach Möglichkeiten zum Fixieren meiner Paketschnur um, die als Wäscheleine fungieren soll, werden aber nicht so recht fündig. Dann entdecken wir das ungenutzte Volleyballnetz auf der Wiese vor dem Landschulheim und funktionieren es kurzerhand um. Bis heute eines meiner Lieblingsbilder unserer Tour.

Wir bleiben draußen, damit wir unsere Wäsche im Blick haben und ziehen eine Bierbank in die richtige Position, um etwas Sonne abzugreifen. Um uns herum spielen die Zehn- bis Vierzehnjährigen Fußball, und eigentlich warten wir nur darauf, dass wir einen Ball ins Gesicht bekommen, aber die Kids haben ihr Spielgerät bestens im Griff. Auch an unserer Wäsche scheinen sie kein gesteigertes Interesse zu haben.

Pädagogik hautnah

Wir amüsieren uns königlich über die Aufpasser der Bande. Neben zwei bis drei Pädagogen im fortgeschrittenen Alter gibt es zwei Jungs mit Migrationshintergrund, die vermutlich jeweils knapp 20 sind, die ebenfalls aufpassen. Sie sind für die Bespaßung und Beaufsichtigung der Kids zuständig und nehmen ihre Aufgabe sehr ernst, vor allem angesichts der Tatsache, dass Julie und ich in der Nähe sind.

Immer wieder ertappen wir sie dabei, wie sie sich Beifall heischend nach uns umdrehen, wenn sie für Ordnung sorgen. Vor allem Marvin muss sich die ein oder andere Ermahnung gefallen lassen. Der Satz „Mensch Marvin… Maarvin…. Maaaaaaaarvin, ich hab dir schon tausendmal gesagt, du sollst es lassen“ wird zum Ohrwurm des Aufenthalts.

Während sich der Eine der Beiden hauptsächlich um Marvin und die anderen Fußballer kümmert, wird der andere von drei pubertierenden Mädchen belagert. Eine von ihnen will ihn vermutlich besonders beeindrucken und raucht mit ihm. Es ist wie im Kino.

Raubtierfütterung

Julie und ich vertreiben uns die Zeit bis zum Essen mit Kartenspielen. Dann machen wir uns auf den Weg zum Speisesaal. Man muss nur dem Geräuschpegel folgen. Das Landschulheim hat ordentlich aufgetischt. So gibt es verschiedenste Salate, einen Nudelauflauf und außerdem ein komisch schmeckendes Gesöff auf Sirup-Basis, das mich erneut sofort auf eine Zeitreise zurück zu meinen Klassenfahrten zurückkatapultiert.

Auch beim Essen passt der dickere der beiden großen Jungs auf, dass sich alle benehmen und kontrolliert parallel, ob Julie und ich das auch wohlwollend registrieren. Und Marvin? Na, ihr wisst schon. „Maaaarvin, ich hab dir schon tausendmal gesagt, du sollst es sein lassen!!!“ Lässt Marvin aber nicht.

Wir schnappen auf, dass bei den Kids eine Nachtwanderung zum Brocken ansteht. Die Aufregung ist groß. Cleverer Schachzug, denke ich mir, dann sind die kleinen Rabauken im Anschluss ordentlich ausgepowert.

Nach drei Gängen ans Buffet bin ich ebenfalls ausgepowert. Wandern macht hungrig, das bemerke ich immer wieder. Das Beste ist aber mit Sicherheit, dass man dafür auch guten Gewissens zuschlagen kann und nach dem Essen in eine gemütliche Trägheit verfällt.

Im Anschluss an das Essen, werden die Tische abgewischt. Auch hier wird penibel von den beiden Jungs darauf geachtet, dass Julie und ich mitschneiden, wie super sie die Truppe im Griff haben. Zur Unterstreichung trifft es mal wieder Marvin, der gerade aufgeregt rumschreit. „Maaarvin, wir sind hier nicht alleine!“, dazu ein entschuldigender Blick in unsere Richtung. Mir tut Marvin inzwischen ein wenig leid. An ihm wird immer wieder das Exempel statuiert. So sehr daneben benimmt er sich gar nicht. Da an Marvin jedoch alles abprallt, muss ich wohl keine weiteren Gedanken an sein Seelenheil verschwenden.

Bier her

Wir begutachten draußen die Volleyballnetz-Wäscheleine. Alles hängt unverändert. Die Befürchtung, dass Marvin mit einem unserer Schlüppis auf dem Kopf, über den Rasen rennt, ist unbegründet. Die Wäsche ist schon weitestgehend angetrocknet. Den letzten Rest wird die Nacht in unserem Zimmer erledigen. Wir hängen kurzerhand alles auf Kleiderbügel und lassen die Schranktüren offen. Sieht nicht gerade gemütlich aus, ist uns aber egal.

Auf der Suche nach einem Bierchen zum Ausklang des Abends werden wir im Gemeinschaftsraum im Keller fündig. Der Kühlschrank wartet mit verschiedensten Getränke auf Interessenten. Den Verbrauch trägt man einfach in eine Liste ein. Ich liebe solche Vertrauensbeweise. Wir sind zu faul, um noch mal in den Ort zu gehen. Außerdem ist das dortige Unterhaltungslevel vermutlich deutlich überschaubarer als bei Marvin und Co.

Die gestörte Frau

Bewaffnet mit zwei Flaschen Radler gehen wir nach draußen, wo es immer noch angenehm mild ist. Ich setze mich zum Telefonieren und Rauchen etwas abseits hin. Nicht weit von mir setzen sich drei ca. 12-jährige Mädchen hin, die Musik hören. Als sie mich sehen, weist die eine die Besitzerin des Handys an, die Musik leiser zu machen. „Sonst stören wir die Frau!“

Die Frau ist völlig verwundert. Was sind das doch für rücksichtsvolle Kids. Ich empfehle ihnen, mich nicht weiter zu beachten. Als mein Telefonat beendet ist, geht das Mädchen, das eben für Ruhe sorgen wollte, mehrfach langsam an mir vorbei. Dann fasst sie sich endlich ein Herz und fragt, wieso Julie und ich so große Rucksäcke dabei hätten. Ich erzähle ihr von unserem Wanderprojekt, und sie ist komplett fasziniert, als ich ihr verrate, wie weit wir insgesamt laufen. Später höre ich, wie sie den anderen Mädchen erzählt, dass die beiden Frauen zu Fuß 100 Kilometer laufen. Also fast bis nach Berlin.

Unser Abend klingt ruhig aus. Die meisten Kinder sind bei der Nachtwanderung. Im Bett resümieren wir Tag Zwei. Er hat sich sehr viel besser angefühlt, als sein Vorgänger. Dennoch war es nicht unanstengend. In bester Verfassung freuen wir uns auf den Morgen anstehenden Ritt über den Blocksberg. Unsere Besen sind bereit.

 

Feedback und Kommentare

Bist du selbst schon auf dem Harzer Hexenstieg gewesen oder hast eine Tageswanderung auf unserer heutigen Strecke gemacht? Was hat dir auf der Etappe gefallen, was nicht? Habe ich etwas vergessen oder möchtest du etwas wissen?

Ich freue mich wie immer über deinen Kommentar.

Zeitreise

Vorwärts: Willst du wissen, wie es uns bei der Überquerung des Blocksbergs ergeht? Dann komm mit von Torfhaus nach Drei Annen Hohne und erfahre mehr über das Reich des Borkenkäfers, dämonische Teufelskanzeln und Hexenaltäre, Sperrgebieten und Spionen und der Erbsensuppe an der Zimmerwand der drei Annen.

Rückwärts: Hast du unseren überraschend weiten, ersten Tag verpasst? Dann komm doch noch mal mit von Osterode nach Altenau und sei dabei, wenn die Hexe sich vor Lachen auf die Schenkel klopft, weil wir von Steigungen überrascht werden, den Weg aus dem Auge verlieren, aber mit wunderschöner Landschaft und tollen Aus- und Anblicken belohnt und von einer schwarzen Katze verfolgt werden.

 

Ich muss das weitersagen

15 Gedanken zu „Harzer Hexen-Stieg #2: Von Altenau nach Torfhaus&8220;

  1. „Gefällt mir!“
    Hat es echt geregnet? Im Sommer 2018? Ich muss gestehen, dass ich den vergangenen Sommer komplett regenlos abgespeichert habe 🙂
    Ich mache mal, dass ich meine Berichte vom Ahrsteig fertig bekomme. Es stehen schon wieder die nächsten Touren an und ich schreibe noch an den Herbsttouren….
    Viele Grüße nach HH!
    Aurora

    1. Hey Aurora, ja, hat es ab und an. Freiwillig hätten wir uns nicht in das Schlumpf-Dress geworfen 😉
      Deinen Ahrsteig muss ich mir auch noch mal genauer anschauen. Wobei – nachher komm ich noch auf dumme Gedanken. Ich will schon so viele anderen Sachen 😊

  2. Bei mir war die Baumwelt noch ein Stück weit mehr heile, wobei ich auch schon erschrocken war, wie viele Bäume abgestorben sind. Besonders krass fand ich das beim Rundblick vom Brocken. Ich habe damals in der Jugendherberge übernachtet und meine Erfahrungen waren identisch zu euren.

    Grüße

    Andreas

    1. Hi Andreas,
      ja, die Bäume hat es ordentlich zerlegt. Am nächsten Tag haben wir die ganzen Gerippe gesehen, die der Borkenkäfer zurückgelassen hat. Es hatte etwas gespenstisches. Sah irgendwie cool aus, aber vor einem schlimmen Hintergrund. Das heißt aber, du könntest du Jugendherberge empfehlen? Ich würde jederzeit wieder ins Landschulheim gehen. Die Anzahl an günstigen Unterkünften auf dem Hexenstieg ist ja leider recht überschaubar…
      Viele Grüße,
      Audrey

  3. Hi Audrey,

    ich wollte auch erst ins Landschulheim, weil mir das 5 Sterne Resort zu teuer war für eine Nacht. Da aber nichts frei war, habe ich die Jugendherberge genommen. Im Grunde war alles wie bei euch, nur noch eine Nummer größer. Allerdings musst du dafür in den Jugendherbergsverein eintreten und da wird sofort der volle Jahresbeitrag fällig. Wenn man es öfter nutzt, dann ist es eine preiswerte Alternative. Da es in Torfhaus aber sonst nichts weiter gibt, hab ich das gemacht, und mich wie in meiner Schulzeit dabei gefühlt.

    Grüße
    Andreas

    1. Genau die Tatsache, dass ich das hätte berappen müssen, schied das aus – dazu bin ich zu selten in Jugendherbergen. Und das ist ein stolzes Sümmchen, wenn ich mich recht entsinne.

    2. Das mit dem Mitglieds-Bundle ist eigentlich ein alter Zopf und daher auch nicht in jedem Haus verpflichtend. Preis kann aber höher sein.
      Pilger mit Ausweis erhalten den JHBg-Mitgliedspreis. P

  4. Jetzt bin ich etwas überrascht… beim lesen dachte ich das mit Landschulheim wohl die Jugendherberge Torfhaus gemeint sei… wenn ich jetzt aber die Kommentare so lese, scheinen das ja zwei unterschiedliche Einrichtungen zu sein. Da muss ich mich mal schlau machen. Irgendwie finde ich das mit den DJH Häusern mittlerweile ganz schön nervig, ich denke die sollten langsam mal mit der Zeit gehen… erstens sind die meiner Meinung mittlerweile echt teuer und dann benötigt man diese Mitgliedschaft usw. Irgendwie ist das schade, denn Jugendherbergen hatten für mich immer was ganz besonderes.

    1. Hi Roy, das sind tatsächlich zwei verschiedene Einrichtungen. Die Jugendherberge ist am Ortseingang https://www.jugendherberge.de/jugendherbergen/torfhaus-318/portraet/ , das Landschulheim am Ortsausgang (und direkt am Hexenstieg) https://www.landheime.de/Torfhaus2
      Ob man in Jugendherbergen mit Pilgerausweis Nachlass bekommt, weiß ich nicht. Aber einen Pilgerausweis hätte ich auf dem Hexenstieg eh nicht dabei gehabt 🙂
      Das Landshculheim kann ich jedenfalls absolut empfehlen. Was deine Einschätzung zur Preisgestaltung in JH anbelangt, kann ich auch nur zustimmen. Jedes Hostel ist günstiger und in der Regel auch moderner.

  5. Hi Audrey,
    bin soeben mit dem Lesen von Tag 2 fertig geworden und weiß jetzt, dass ich bis zur letzten Zeile des Abschlusstages durchhalten werde. Nicht, dass es schwierig wäre, aber ein wenig Zeit sollte man für den von dir gelieferten Lesestoff schon haben.
    Was die Ausmaße an Sturmschäden und Borkenkäferbefall betrifft, konnte ich mich im letzten Sommer auf dem Nordwaldkammweg im Böhmerwald selbst überzeugen. Da gibt es gebietsweise wahrlich nicht mehr allzu viele Fichten als Schattenspender.Darüber werde ich demnächst noch berichten.

    Viele Grüße aus Wien
    Bernhard

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