Caminho Portugues: Prolog – Start in Porto

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Zwei Tage Aufenthalt in Porto vor dem Caminho Portugues: Ich werde Wiederholungstäter, führe meinen Eltern disruptive travelling vor, fühle mich wie die Supernanny und mache einen polnischen Abgang. (1./2. Mai 2017)

Wir haben Mai 2017, mein erster Camino liegt ein Jahr zurück, und es gibt nur wenige Tage, an denen ich nicht an ihn zurückgedacht habe. Die Zeit in Spanien liegt auf einem rosaroten Wölkchen in meinem Kopf. Auf dem Camino war alles leicht, alles richtig, ich hatte meine Prioritäten vom Kopf in den Bauch geschoben, ich war frei, ich war luftig, ich war glücklich und ganz bei mir.

Zurückspulen geht nicht

Ein Jahr später fühlt sich das schon etwas anders an. Der gute Camino-Effekt hat sich arg abgenutzt. Ich habe die Trennung von meinem Freund gut verdaut, fühle mich in meiner neuen Wohnung pudelwohl, aber dafür werde ich zunehmend von meinem Job aufgefressen. Deswegen muss ich ja auch zurück auf den Camino und den Kopf frei kriegen. Ich sehne mich nach Ruhe und Einsamkeit. Also nichts wie los.

Was sich einfach anhört, wird sich als heftiger Trugschluss herausstellen. Man kann Dinge nicht eins zu eins wiederholen. Das gilt für gelungene Kochrezepte genauso wie für Ausgeh-Abende und eben auch für den Jakobsweg. Camino ist nicht gleich Camino und das trifft nicht nur auf den Weg und seine jeweilige Beschaffenheit zu, sondern auch mit Blick darauf, was er einem gibt und wie es sich anfühlt.

Ein Miesepeter auf Wanderschaft oder Camino provides

Camino provides, heißt es in den einschlägigen Foren und Fangruppen. Will heißen: der Weg gibt dir nicht, was du willst, sondern was du brauchst. Ohne zu viel vorwegzunehmen, kann ich verraten, dass dies auch in meinem Fall so sein wird. Das ändert aber nichts daran, dass ich die ersten Tage auf dem Weg durch Portugal als ausgemachter Miesepeter unterwegs sein werde. Ich werde die Hitze verfluchen, die Einsamkeit hassen, das Laufen auf den Holzplanken als extrem beschwerlich empfinden und den Atlantik anschreien, weil sein Tosen mich wahnsinnig macht.

Für das anhaltende Gemecker dieser ersten Tage möchte ich mich schon jetzt in aller Form entschuldigen. Da dies aber ein authentischer Bericht werden soll, müsst ihr da mit mir durch. Umso besser fühlt sich anschließend das Happy End an. Aber jetzt Vorhang auf, für den Camino Portuguese.

Familientrip ins Glück

Der portugiesische Jakobsweg beginnt als Familienprojekt. Ich habe meiner nach Reisen lechzenden Mama zu Weihnachten ein paar Tage Porto geschenkt. Dies natürlich nicht ohne meinen Vater vorher einzuweihen. Als erklärter Reisegegner (zuhause ist es nun mal am schönsten) muss er mitziehen, sonst wird das nichts. Meine Überraschung, als er gleich einwilligt und das sogar für eine gute Idee hält, ist demnach exorbitant. So machen wir uns am 1. Mai 2017 bei strömendem Regen auf ins Land von Fado, Fußball und Pastel de Nata.

Die Entscheidung zugunsten des portugiesischen Weges fiel leicht. Er lässt sich problemlos mit einem regulären Urlaub umsetzen, denn in zehn Tagen ist man in Santiago und weitere dreieinhalb Tage danach hat man Finisterre erreicht. Vorteil der Anreise mit den eigenen Eltern: man kann in Sommerkleid und Sandalen samt Handtasche durch Porto schlendern und die Sachen von ihnen zurücktransportieren lassen, ohne sie später über den Camino schleppen zu müssen.

Die Reise beginnt – Papa ist schlecht

Der Tag der Abreise zeigt mir in einem Mikrofenster, was mich die nächsten Tage erwarten wird. Beide Eltern sind auf ihre Art vom Abenteuer gezeichnet. Mama ist hyperaktiv, Papa hat vor Aufregung kaum geschlafen, und nun schlägt ihm selbige auf den Magen. Er hustet in einem fort, und ich fürchte bei jedem Mal, dass er sich gleich übergeben muss. Derweil plappert es aus Mamas Mund ohne Punkt und Komma.

Ich bin eigentlich mit mir selbst, meiner jobbedingten Grundanspannung und der Vorfreude auf den Weg beschäftigt, kann mich aber kaum auf mich selbst konzentrieren, weil ich irgendwo zwischen Supernanny und dem genervten Kind, das sich über die Eltern ärgert, hin und her schwanke.

Exzellentes Zeitmanagement

Sicherheitshalber fahren wir früh genug los, um nach meiner Rechnung fast drei Stunden vor Abflug am Eurowings-Terminal in Köln zu sein. Ich halte mich mit schlauen Kommentaren bezüglich der überfrühten Uhrzeit weitestgehend zurück. Ich befinde mich in einem elterlichen Dynamitfass, da könnte jeder Spruch schnell die Stimmung kippen lassen.

Unsere Fahrt zum Köln-Bonner Flughafen dauert laut Google 1:15 h. Natürlich kann immer etwas passieren. Das sollte man einkalkulieren. In unserem Fall sind wir aber wirklich für alle Eventualitäten gewappnet: ob Schwertransporter beim Schneckenrennen, 1. Mai Demos, Staus und Straßensperren, gegebenenfalls sogar für eine Entführung durch Außerirdische – uns versaut ganz sicher niemand den Trip.

Anders als meine Eltern, die selten fliegen, bin ich beruflich mehrmals im Monat am Flughafen. So hält sich meine Lust, dort Zeit totzuschlagen, in Grenzen. Ich schreibe meiner besten Freundin Julie, ob sie bereit wäre, auf einen Kaffee am Flughafen vorbeizukommen. Sie wohnt nur eine Viertelstunde entfernt. Julie stimmt zu und so werden meine Eltern sie nach 17 Jahren Freundschaft endlich einmal persönlich kennenlernen.

Die sind ja alle nett hier

Wir erreichen Köln/Bonn zur großen Überraschung meines Vaters ohne Schneckenrennen, Demos, Staus oder Umwege. Es gießt immer noch in Strömen. Das Parkhaus, das wir wählen, ist gefühlt dasjenige, welches am weitesten entfernt ist, aber wir haben ja Zeit.

Beim Aussteigen heißt es Rucksack mit Regenschutz versehen und Regenjacke anziehen. Da kann ich gleich schon mal für den Weg üben, denn auch wenn die Aussichten für Porto gut sind, wird es mich in Galizien ganz sicher erwischen. Diese Provinz ist schließlich für ihren Regen bekannt und nicht umsonst so grün.

Im Terminal angekommen dürfen wir zu meiner großen Erleichterung bei Ryanair bereits um diese Uhrzeit unser Gepäck abgeben. Was für ein Glück. Meinen Rucksack werde ich in naher Zukunft noch lange genug selbst durch die Gegend tragen.

Nach der problemlosen Anreise erwartet Papa am Schalter gleich die nächste Überraschung: das Personal des Billigfliegers ist äußerst nett und hilfsbereit – an Freundlichkeit wird hier offensichtlich nicht gespart. Wir werden auch nicht wie Massenware abgefertigt. Eine kleine Euphoriewelle trägt unsere kleine Reisegruppe von dannen. Läuft doch alles!

Kennenlernrunde

Eine halbe Stunde später ist meine Freundin da. Sie wirkt auf mich wie ein Mediator. Meine Anspannung ob des Hindernislaufs mit Eltern ebbt ab, Papas Würgehusten ebenfalls. Wir unterhalten uns bei einem Kaffee. Die Zeit vergeht wie im Flug. Alle verstehen sich blendend.

Schneller als gedacht ist es Zeit für unseren Check-In. Es läuft wie am Schnürchen, auch später im Flieger. Die Maschine ist nicht alt und klapprig, die Stewardessen wahnsinnig gut gelaunt und auch den Flug überleben wir. Pünktlich ist er noch dazu. Das nächste Vorurteil geht in Rauch auf.

Einbrechende Hausbesitzer

In Porto angekommen, organisiere ich uns ein Taxi. Nach einer kurzen Anspannungsphase beruhigt man sich um mich herum. Auch wenn man den Fahrer nicht versteht, ist sein Lachen auch für meine Eltern ansteckend. Ist ja doch nicht so schlimm hier.

Der nette Herr setzt uns an der gewünschten Adresse ab, ohne einen massiven Umweg zu fahren. Jetzt noch das Wohnungsthema überstehen, dann kann der Urlaub beginnen. Ich habe uns in einem AirBnB untergebracht. Diese Art der Absteige hatte zwischenzeitlich für Unruhe gesorgt. Papa ließ immer mal wieder fallen, dass ein Hotel doch viel schöner sei. Mama fragte derweil, ob diese Leute, denen das Apartment gehört, auch wirklich nicht unangekündigt vorbeikämen.

Ich ließ das alles nicht gelten. Kein Hotel der Welt würde uns zu diesem Preis eine riesige Dachterrasse mit Blick auf den Douro zur Verfügung stellen, das noch dazu so zentral gelegen wäre. Meine Eltern ließen sich also überzeugen. Das waren dann wohl die Konsequenzen, die man in Kauf nehmen muss, wenn man der Tochter die Organisation überlässt.

Ich rufe meine Gastgeberin Anna Sophia an, die wenig später samt kleiner Tochter vor dem Altbau aufschlägt. Anna Sophia ist ein solches Herzchen, dass meine Eltern sofort hin und weg sind. Was für eine nette Frau, was für eine tolle Wohnung, und mit der Unterhaltung auf Englisch klappt es auch besser als gedacht. Anna Sophia erklärt sich auf mein zaghaftes Fragen sofort bereit, sich um die Abreise meiner Eltern zu kümmern. Sie wird am Abend vorher ein Taxi zum Flughafen organisieren, das sie dann vor der Haustür einsammelt und zum Flughafen bringt. Sie findet es toll, dass eine so nette Familie hier wohnt und gibt uns noch ein paar Tipps für ihre Stadt. Wir dürfen sie gerne auch jederzeit anrufen, wenn wir etwas brauchen.

Schlechte Stimmung mit Panoramablick

Um sieben haben wir uns sortiert und erkunden die nähere Umgebung. Die Universität ist gleich um die Ecke, genau wie der leicht schiefe Glockenturm Torre dos Clérigos. Damit haben wir ein weithin sichtbares Wahrzeichen als Orientierungspunkt.

Diesmal bin ich diejenige, die beruhigt ist, denn ich muss zugeben, dass ich mir zwischenzeitlich Sorgen mache, wie es meinen Eltern ergehen wird, wenn ich weg bin.

Blick von unserer Dachterrasse

Dann erinnere ich mich, dass sie erwachsen sind, noch dazu älter als ich und zu zweit und entscheide, dass sie das hinkriegen werden. Sie sind vor meiner Zeit ja auch schon unterwegs gewesen, wenn auch nicht unbedingt in Ländern, deren Sprache sie nicht beherrschen. Das wird schon. Man sollte die eigenen Eltern nicht unterschätzen.

Wir machen uns auf die Suche nach etwas zu essen und werden gleich gegenüber fündig. Vor unserem Haus erstreckt sich ein Park, davor gibt es ein paar Bars und Restaurants. Wir finden eins mit Panoramablick auf den Fluss.

Mama und ich bewundern die Aussicht, bei Papa kommt die Nervosität von heute Morgen wieder durch. Es passt ihm alles nicht so recht. Die Tatsache, dass der Portugiese die Speisekarte nur auf Portugiesisch hat, die Preise für Gerichte, die wir uns kreativ erschließen müssen und schließlich der Salat, der nicht schmeckt.

Während Mama sich an allem erfreut, wird von der anderen Seite des Tisches mit Leidensmiene am Salt herumgekaut. Mama kann es nicht mitansehen und bietet nach fünf Minuten an, ihr Essen zu tauschen. Papa lehnt mit großer Geste ab, nein, das wolle er nicht, Hauptsache uns gefalle es, wir sollten uns um ihn keine Sorgen mach. Er zieht den Hungerstreik vor – da nützt auch die schöne Aussicht nichts. Dass seine Stimmung auf uns abfärbt, mal ganz dahingestellt. Kaum mit dem Essen fertig, gehen wir zurück ins unser Apartment und liegen wenig später im Bett.

Disruptive Travelling, Teil II

Mit einer recht kleinen Portion Schlaf, die ich drei Möwen verdanke, die auf der Dachterrasse vor meinem Fenster wohnen und seit heute Nacht Theater gemacht haben, beginnt Tag zwei. Wahrscheinlich haben die gefiederten Kollegen einen Untermietvertrag und fühlten sich ebenfalls gestört.

Wir setzen unser Projekt disruptive travelling heute fort. Nach dem Frühstück werden wir zu einer Free Walking Tour gehen. Einheimische führen auf Spendenbasis durch ihre Stadt. Ich fürchte schon eine Eskalation beim Frühstück, weil der Portugiese keine deutschen Brötchen haben wird, doch ich täusche mich. Die Nacht hat uns akklimatisiert.

Auf unserem Weg zum Treffpunkt der Tour streifen wir durch Porto. Ich war letztes Jahr schon einmal hier und erinnere eine Menge dieser schönen Stadt. Mich fasziniert sie mit ihrer bunten Vielfalt und dem runtergerockten Charme. Mama geht es ähnlich, während ich meine, von Papa leise zu vernehmen, dass die hier ruhig auch mal renovieren könnten.

Spätestens als wir den Bahnhof São Bento betreten, erliegen wir alle dem Zauber der blau-weißen Fliesen, den sogenannten Azulejos. Sie erzählen bildreich Auszüge aus der portugiesischen Geschichte.

Bahnhof São Bento in Porto

Wir treffen uns um halb elf am Praça da Liberdade, einem der vielen, riesigen Plätze, die es in Porto gibt. Bestimmt 60 Leute warten hier auf ihre Führung. Wir werden auf drei Guides verteilt. Die Führung ist auf Englisch.

Wir kommen in die Gruppe einer jungen Spanierin namens Maria, die erzählt, dass sie seit mehreren Jahren in Porto lebe, eigentlich Lehrerin sei und uns neben den üblichen Sehenswürdigkeiten auch ein paar ihrer eigenen Lieblingsplätze zeigen möchte.

Unsere Truppe setzt sich in Bewegung und in den nächsten drei Stunden kommen wir aus dem Staunen kaum heraus. Wir sehen aberdutzende Gebäude, die von außen mit Kacheln verziert sind, hören spannende Geschichten und erfahren, dass Porto die höchste Dichte an Kirchen und Klöstern hat, weil es einst ein Geschenk des Königs an die Kirche war. Mir gefallen außerdem die vielen Jugendstil-Elemente, die immer wieder die Straßen und Fassaden zieren.

Nachdem wir die Innenstadt gesehen haben, geht es hinauf zur Kathedrale, wo ich den ersten Hinweis auf meinen Camino glatt übersehe. Das Anfangsstück von der Kathedrale bis an den Douro werde ich nach Beendigung des Weges an meinem freien Tag vor der Rückreise nachholen.

Von hier oben hat man einen tollen Blick über die Altstadt. Ich flitze noch schnell hinein und besorge mir vor Ort mein Credencial und dazu auch gleich den ersten Stempel.

Wir kommen an einem hübschen Häuschen vorbei, das mir mit seinen dunkelblauen Kacheln bereits letztes Jahr aufgefallen ist, weil die leuchtenden Orangen an den Bäumen drum herum einen so schönen Kontrast bildeten.

Dann stehen wir an der beeindruckenden Brücke Ponte Dom Luís, die über den Fluss hinüber nach Nova Gaia führt.

Blick von der Ponte Dom Luís auf Porto

In beide Richtungen genießen wir zauberhafte Aussichten.

Blick von der Ponte Dom Luís auf Porto

Im Stadtteil auf der anderen Flussseite werden die exzellenten Portweine hergestellt. Die Landgüter namhafter Größen wie Sandeman oder Graham liegen malerisch in den Hügeln und warten auf Gäste. Man kann hier natürlich überall Portwein kaufen, aber auch an Verkostung teilnehmen.

Der erste Weggefährte

Für einen Abstecher auf die andere Seite bleibt uns innerhalb dieser Tour keine Zeit. Wir gehen weiter und schlängeln uns durch kleine Gässchen laut Maria einem ganz besonderen Highlight entgegen. Unser Guide hält die Spannung hoch. Sie hoffe, dass wir Glück hätten und gleich eine süße Überraschung bekämen.

Verwinkelte Altstadtgässchen in Porto

Und tatsächlich, vor einem unscheinbaren Haus, mitten zwischen anderen Häuschen und mitten im Abstieg in Richtung Douru, öffnet sich auf ihr Klopfen hin eine Tür, die in einen improvisierten Verkaufsraum führt.

Urplötzlich befinden wir uns im Epizentrum Porto’scher Backkunst. Die Inhaberin produziert hier die weltbekannten, süßen Schweinereien für die umliegenden Hotels. Es gibt Natas und anderes mit Pudding gefülltes Gebäck in rauen Mengen.

Das lassen sich die wenigsten von uns zweimal sagen. Schon bald stehen wir selig kauend um unsere Reiseleitung drapiert. Ich stehe neben einem Typ, dessen bis zur Hälfte gebräunte Beine klar auf ausgiebiges Radfahren schließen lassen. Wir kommen ins Gespräch, und wie sich schnell herausstellt, haben wir eine Gemeinsamkeit. Wir starten beide morgen von hier auf den Camino. Wobei er mir um Längen voraus sein wird, da er sich als Bicigrino zu erkennen gibt.

Mysterium Süßgebäck gelöst

Unsere Reiseleitung nutzt die durch das einträchtige Kauen verursachte Ruhe, um uns mit ein paar neuen Informationen über die Stadt zu versorgen. Ob wir eigentlich wüssten, wieso es in Portugal und vor allem in Porto eine so vielfältige Bandbreite an vorzugsweise mit Pudding gefülltem Süßgebäck gäbe. Wir müssen passen. Ja, die Portugiesen mögen es süß, aber es hat einen weiteren Grund, dass man hier auf Puddingteilchen spezialisiert ist.

Sie hat uns ja bereits vorhin erklärt, dass Porto ein Geschenk des Königs an die Kirche war. Aus diesem Grund wurden hier wie verrückt Klöster, Konvente und Abteien gebaut. Und wo viele Klöster sind, gibt es auch viele Nonnen. Kunstpause.

Wir warten verwundert, was die Nonnen mit dem Gebäck zu tun haben. Die Nonnen benötigten Unmengen von Stärke, um ihren Schleiern die nötige Standhaftigkeit zu geben. Das natürliche Stärkungsmittel war Eiweiß. Was tut man aber mit dem ganzen Eigelb, das übrig bleibt? Man vermischt es mit Zucker und Butter und verarbeitet es zu einer Füllung für Gebäck.

Und so haben sich über die Jahrhunderte eine Vielzahl von Rezepten gefunden. Das bekannteste ist mit Sicherheit Pasteis de Nata, die Blätterteigtörtchen, die auch sonst Bestandteil meines Lebens sind, denn zuhause in Hamburg werden sie dank einer großen portugiesischen Community stadtweit feilgeboten.

Unsere kleine Tour endet bei strahlendem Sonnenschein am Ufer des Douros, wo sich Restaurants und Bars aneinanderreihen und um Kundschaft buhlen. Meine Eltern und ich lassen uns von Maria ein Restaurant empfehlen und essen.

Den Nachmittag streunen wir weiter durch Porto. So sehr ich die Stadt mag, so stark zieht es mich doch auf den Camino. Mein eigentlicher Plan war, erst übermorgen zu starten. Ich empfinde es stellenweise anstrengend, auf meine Eltern Rücksicht zu nehmen. Je länger ich im familiären Trio unterwegs bin, umso gereizter werde ich.

Polnischer Abgang

Mein Entschluss reift binnen anderthalb Stunden. Ich werde einen Tag früher auf den Camino starten. Ich brauche wirklich Ruhe. Die Aufgabe als Reiseleitung war nur ein Randprodukt der geplanten Tour und, macht mir zudem auch nicht gerade übermäßigen Spaß.

Ich bin hergekommen, weil ich meinen Jakobsweg gehen möchte und damit werde ich gleich morgen anfangen. Als ich meine Entscheidung verkünde, hält sich die Begeisterung meiner Eltern gelinde gesagt in Grenzen. Sie finden es blöd, dass ich sie einen Tag früher als gedacht allein lassen will.

Gott sei Dank kommt mir das Wetter zur Hilfe, denn eine Schlechtwetterfront ist auf dem Weg und wird das Wetter in zwei Tagen von Sonne auf Regen umlegen.

Nach schwachem Protest arrangieren sich meine Eltern damit. Vielleicht sind sie ja auch ein wenig froh, wenn ich mit meinen Klugscheißersprüchen und vielen „Kenn ich schons“ aus dem Weg bin.

Happy End in Porto

Kaum steht fest, dass ich mich morgen abseilen werde, kann ich mich auch gleich viel besser entspannen. Die zweite Hälfte des Tages genieße ich mit meinen Eltern. Wir streunen durch ein ziemlich heruntergekommenes Viertel, gehen durch einen wenig einladenden Torbogen und stehen auf einmal auf einem kleinen Platz, der einen prachtvollen Blick auf Porto erlaubt.

Der beste Blick auf Porto

Bei unserem Streifzug durch Porto zeige ich den beiden später außerdem, wo der berühmte Buchladen Lelo ist, damit sie ihn sich morgen früh von innen anschauen können. An diesem besonderen Ort hat J.K.Rowling Stücke von Harry Potter geschrieben. Die wunderschön geschwungene Treppe ist sogar in ihrer Buchreihe aufzuspüren. Leider habe ich kein Bild davon, aber schaut doch mal hier.

Bei einem kleinen Zwischenstopp in unserem Apartment überprüfe ich zum letzten Mal die Inhalte meines Rucksacks. Ich habe vorhin noch eine neue Jakobsmuschel gekauft, das Erkennungszeichen der Pilger auf dem Weg nach Santiago. Die Muschel von meinem Camino Frances habe ich irgendwo auf den 100 Kilometern vor Santiago verloren. Eine neue muss her, und ich finde Sie in einem der Souvenir-Shops in der Nähe des Glockenturms. Anders als in Saint-Jean Pied de Port ist Porto noch nicht so offensichtlich in das Geschäft mit den Jakobspilgern eingestiegen. Wer suchet, der findet, aber es drängt sich einem nicht so auf.

Abendessen auf Französisch – Bon Appétit

Bei der Suche nach einem Restaurant für das Abendessen, haben wir richtig Glück. Wir gehen die Straße hinab, die wir vor wenigen Stunden bereits hinaufgegangen sind und erkennen sie nicht mehr wieder. Vorhin wirkten viele Gebäude verlassen, mit ihren verschlossene Türen und Fensterläden. Jetzt brummt hier das Leben, denn hinter vielen Fassaden verbergen sich kleine Bars und Restaurants. Wir sind wirklich erstaunt.

Statt wie geplant zu den Touri-Lokalen am Fluss Douro zu gehen, zieht uns eine kleine, schrammelige Kaschemme in ihren Bann. Das Lokal hat Wohnzimmergröße, ist aber gerappelt voll. Die Preise auf der außen hängenden Speisekarte sind so günstig, dass Papas Augen leuchten. Ähnlich wie ich liebt er es, ein Schnäppchen zu machen, also nichts wie rein da.

Drinnen tobt der Bär. Die Leute reden alle durcheinander, man hört verschiedenste Sprachen. Leider ist kein Tisch mehr frei, doch der Wirt lässt sich davon nicht abhalten und setzt uns kurzerhand zu vier Franzosen an den Tisch, die uns freundlich begrüßen. Wenig später sitzen wir vor einer (diesmal tatsächlich englischen) Speisekarte voll mit portugiesischer Küche. Ich entscheide mich für das Nationalgericht Bacalhau (Kabeljau) mit gratiniertem Gemüse.

Während wir bei Wein und Bier auf unser Essen warten, kommen wir mit Händen und Füßen mit den Franzosen ins Gespräch, nachdem Papa, inzwischen allerbester Laune, sein Schulfranzösisch reaktiviert und ihnen „Bon Appétit“ gewünscht hat. Es wird ein äußerst geselliger Abend mit leckerem Essen, der in einem übermütigen Selfie endet, auf dem man uns die gute Laune an der Nasenspitze ablesen kann.

Der Abend klingt bei einer Runde Phase 10 in unserem portugiesischen Zuhause aus. Ich bin so froh, dass ich mit einem einträchtigen, harmonischen Ende beschenkt werde.

Der Countdown läuft

So sehr ich mich stellenweise über Papas meckriges Verhalten geärgert habe, so sehr muss ich einräumen, dass ich ihm gar nicht so unähnlich bin. Auch mir schlägt Anspannung oder Nervosität auf die Laune, und so war auch mit mir in den letzten Tagen sicher nicht ausschließlich gut Kirschen essen. Ich bin froh, dass es nun endlich losgeht. Ich habe den Camino nötiger als beim letzten Mal.

Letztes Jahr ging es mir darum, einen Kindheitstraum wahr werden zu lassen. Ich hatte keine Erwartungen und keine Ahnung, was auf mich zukommen würde. Diesmal weiß ich, was auf mich zukommt (zumindest bilde ich mir das an dieser Stelle ein) und so habe ich klare Wunschvorstellungen, was mir der Weg bescheren soll. Ruhe, Einklang mit mir selbst, tolle Leute und generell eine gute Zeit. Camino provides, sage ich nur, oder im Nachhinein ist man immer klüger.

Meine Aufregung steigt stündlich. Morgen geht es also tatsächlich los. Ich habe meinen Eltern vorgeschlagen, mich auf meinem Weg zu begleiten und die ersten Kilometer bis zum Atlantik gemeinsam mit mir zu gehen. Das scheint mir ein schönes Ende für unseren gemeinsamen Trip. Aus diesem Grund werde ich nicht übermäßig früh aufstehen, sondern ausschlafen, frühstücken und die ersten 22,4 km später als geplant, dafür aber einen Tag früher starten.

Bom Caminho oder so!

Nachsatz in familiärer Sache

Ich möchte noch mal explizit darauf hinweisen, dass ich wirklich tolle Eltern habe, die ich sehr liebe. Sie kommen in diesem Bericht vermutlich nicht ganz so gut weg, was ein klein wenig an ihnen lag, zu großen Teilen aber an meiner Anspannung und herausragenden Laune, die mich echt empfindlich gemacht hat.

An dieser Stelle also ein kleines Sorry an die niederländische Grenze. Nehmt es mir nicht allzu übel!

 

Kommentare und Feedback

Bist du auch mehr als einen Camino gelaufen? Was hat sie für dich unterschieden? Und wieso hat es dich erneut auf den Jakobsweg zurückgezogen? Was hast du dir davon versprochen? Und wurde es erfüllt?

Fragen über Fragen und wie immer interessiert mich deine Meinung.

Zeitreise

Vorwärts: Willst du wissen, wie der erste Tag auf dem Caminho Portugues wird? Dann lass dich so wie ich von Porto nach Lavra eskortieren, bezeuge meine Karrierechancen als Räuchermännchen, ertrage die Balkenbeats und triff die gute Seele von Lavra.

Ich muss das weitersagen
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14 Gedanken zu „Caminho Portugues: Prolog – Start in Porto&8220;

  1. Hurra, die „alte“ Audrey ist wieder da!!!

    Liebe Audrey,
    ich habe natürlich auch deine Berichte zum Mosel-Camino und dem Harzer Hexen-Steig gelesen, fand aber, dass diese gegenüber deinem Camino Frances Bericht abfallen. Irgendwie fühlte ich mich nicht „so“ mit auf dem Weg. Das ist bei dieser ersten CP-Etappe gleich ganz anders. Ich war noch nie in Porto aber es hat sich beim Lesen so angefühlt, als wäre ich mit da gewesen. Vielleicht liegt das aber daran, dass meine Eltern sich exakt so hätten verhalten können – mit allen Facetten…..

    Ich freue mich schon, wie es weitergeht…. Libe Grüße „aus der alten Heimat“
    Marcus

    1. Hi Marcus,
      Interessant, wie unterschiedlich sich die Berichte für dich lesen.
      Ich glaube, es gibt mehrere Gründe dafür:
      Den Hexenstieg musste ich komplett aus dem Kopf erzählen. Mir fehlten die Details aus dem Tagebuch. Und der Mosel-Camino war mein allererster Schreibversuch.
      Beim Frances hatte ich dann mehr Routine, ein randvolles Tagebuch und ein noch volleres Herz.
      Mal sehen, wie Dir der Portugiese gefällt. Ich war beim Blick ins Tagebuch stellenweise erschrocken, wie mies ich drauf war 😂😂
      Schönen Sonntag und bis zur nächsten Woche,
      Audrey

  2. Deine Eltern erinnern mich an meine😉 in deiner anfangs noch nicht so guten Stimmung wirken auch deine Fotos düster und nicht so farbenfroh wie sonst🤔😉und nun bin ich gespannt, wie es weitergeht, ob du Ruhe findest, ob das neue Erlebnis in etwa an den CF rankommt. Ich starte am 06.06. in Porto und bin voller Vorfreude 😃😎

    1. Gut aufgepasst. Die dunklen Fotos sind tatsächlich weniger meiner Stimmung geschuldet als der Tatsache, dass sie aus dem Vorjahr sind, als das Wetter nicht so gut war.

      1. Juhu, hier ist mein Kommentar also gelandet unter Anonymus 🙈🥴das war ich, die Ulli, die schon deinen CF virtuell mitverfolgt hat. Ich freue mich, dass du nun auch in Annes Gruppe bist und sicher hin und wieder Tipps hast.
        Liebe Grüße von Ulli

  3. Liebe Audrey
    Gespannt warte ich auf die Etappen-Berichte. Der Start war schon mal lebendig. Und: du scheinst wirklich von deinen Eltern abzustammen… ein schönes Gemisch von Vater und Mutter, dachte ich bei mir.
    Ich bin den Weg vor einem Jahr gegangen. Ende Mai.
    Liebe Grüsse
    Josef

    1. Hallo Joseph, ich müsste ihn eigentlich auch noch mal gehen und dann von Anfang an genießen. Der arme Weg wird die nächsten zwei Sonntage ganz schön Kritik einstecken müssen 😂😂

  4. Hey Audrey 🙂

    Nachdem du bei mir schon so fleißig kommentiert hast, musste ich mich bei dir auch mal umsehen. Klingt nach leeeeichten Startschwierigkeiten, aber ich bin gespannt auf deinen Camino Portugués – den möchte ich nämlich auch irgendwann noch gehen, nachdem ich den französischen ja schon „erledigt“ habe 😉

    Schöne Grüße
    Caro

    1. Caro – wie schön, von dir zu hören 😊
      Ja, der Portugues, der hatte zu Anfang ein schweres Standing. Dabei ist er eigentlich auch gerade am Anfang sehr schön (wenn man denn ein Auge dafür hat, aber das muss ich dir ja nicht sagen).
      Verglichen mit meinen Startschwierigkeiten auf dem Frances war das diesmal aber easy 😉 Ich habe ja einen Tag gewonnen, statt einen zu verlieren.
      Liebe Grüße,
      Audrey

  5. „Auf ein neues Abenteuer“, wie eine Vorkommentatorin schon schrieb. Den Sprung von Quedlinburg nach Porto schaffe ich (beim Lesen) mühellos in Stundenfrist. Bin ich also nun beim Camino Portugues gelandet, obwohl ich ursprünglich den Norte bei der Abstimmung präferierte. Landschaftlich wirkt Letzterer auf mich zwar reizvoller, weil aber Bekannte den Portugues im Mai gehen wollen, werde ich deine Beiträge über diesen genauso interessiert verfolgen, wie ich es beim Norte getan hätte. Nach dem Lesen des Prologs sage ich nur: Die Spannung steigt…

    Liebe Grüße,
    Bernhard

    1. Vielleicht sagst du deinen Bekannten besser nichts über diesen Blog – der Anfang könnte sie sonst verstören 😉
      Was die Abstimmung anbelangt, so hätte ich auch eine deutliche Tendenz zum Norte gehabt, zumal es da ja Ende Mai weitergeht. Das Gute daran ist aber, dass ich, wenn ich danit loslege, gleich 2 Abschnitte von ca 25 Tagen (also beim Schreiben Wochen) verhackstücken kann. Und bis ich damit durch bin, habe ich ihn vermutlich in Abschnitt drei komplettiert.
      Jetzt macht es mir aber gerade doch wieder großen Spaß, über Portugal und meine ausbaufähige Laune zu schreiben. Das wird eine krasse Stimmungsklimax.
      Dir schöne Ostern
      Audrey

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