Albsteig, Etappe 3: Von Bopfingen nach Unterkochen / Aalen

Tag drei auf dem Albsteig von Bopfingen nach Unterkochen bietet Abschiede und Neuzugänge, Sonne und Starkregen, Irrungen und Wirrungen, kleine Jägermeister im kochenden Nebel und besticht mit Hanf-Dampf beim Hexenhäuschen und einem Ouzo bei ausgestreckter Zunge (22.09.2020, 29 km, neun Stunden mit Pausen)

Nach einer Nacht mit ausreichend viel Schlaf versammelt sich unser läuferisches Trio morgens um einen der großen Holztische im Gasthof Bären. Oliver und Susanne haben den Weg zu mir gemacht, und das Frühstück hier kann sich wirklich sehen lassen kann. Vor allem die Brötchen sind Weltklasse: frisch, knackig und in ausreichender Menge vorhanden, um auch noch die Tüte für die Mittagspause zu füllen.

Auf Wipfelsehen in Endlosschleife

Vorbei an ein paar hübschen Fachwerkhäusern suchen wir uns um kurz nach neun den Weg aus dem Ort zurück in Richtung Albsteig. Der Brunnen am roten Rathaus sorgt für Gelächter, denn der Neptun-Statue wurde sicherheitshalber eine Maske aufgesetzt. 

Albsteig HW1, Etappe 3 Bopfingen Unterkochen, Start am Rathaus
Das Rathaus von Bopfingen mit dem Brunnen. Neptun hat sich Corona-konform mit Maske gerüstet. Man weiß ja nie

Die obligatorischen ersten Höhenmeter gleich zu Beginn der Etappe dürfen natürlich auch auf der Etappe nach Unterkochen, einem Stadtteil von Aalen, nicht fehlen. Ich empfinde das persönlich ja immer als Frechheit, wenn man mit unaufgewärmten Beinen, die noch leicht sauer vom Vortag sind, Anstiege meistern muss. Entsprechend mäkelig bahne ich mir den Weg durch die Straßen.

Eigentlich stehen heute „nur“ 26,5 Kilometer an, doch – Spoiler – wie schon an den Vortagen wird uns das auch heute nicht gelingen. Die ersten Zusatzmeter sammeln Oli und ich gleich bei unserem wehmütigen Auszug aus Bopfingen. Eine Abbiegung, die uns in einer Mini-Serpentine einen Hügel hochschicken will, übersehen wir glatt und gehen einfach weiter geradeaus.  

Dies wäre Ihr Weg gewesen – Oli und ich laufen dran vorbei

Wir sind wohl einfach zu sehr damit beschäftigt, uns vom Ipf zu verabschieden, der sich noch einmal majestätisch in Pose wirft. Vielleicht liegt es auch an unserem Schwelgen in Erinnerungen an den genialen, gestrigen Abend, oder der herrliche Obstbrand selbst zeigt Nachwirkungen. 

Gott sei Dank bemerken wir unseren kleinen Abstecher nach ca. 350 Metern. Nicht dramatisch, aber bei kontinuierlicher Wiederholung verlängert man so gekonnt die Strecke um ein paar Kilometer. „Auf W-IPF-elsehen“, denke ich. „Bis bald an der Nordwand“, haucht Oli, dann ist der Hügel wirklich verschwunden, und es geht auf schmalen Pfaden berghoch in den Wald.

Blick auf den Ipf. Albsteig, Etappe 3 hinter Bopfingen
Ein letzter Blick auf den Ipf. Die Witze werden mir fehlen.

Oben angekommen wartet das wenig ansprechende Gelände eines Steinbruchs. Während Oli und Susanne, die wir inzwischen eingeholt haben, fröhlich vorweg gehen, trotte ich etwas motzig hinterher.

Tag Drei sorgt bei mir wie eigentlich bei jeder Wanderung nicht für Begeisterung in den Beinen. Es ist der Tag, an dem mein Körper am lautesten über die neue Belastung quengelt, und das wird nicht besser, wenn es gleich zum Start so viel bergauf geht. Eine weitere Ladung wenig inspirierender, weißer Schotterwege gibt sich die Klinke in die Hand und mir den Rest. Das hatten wir gestern eigentlich zu Genüge.

Steinbruch über Bopfingen, Albsteig HW1, Etappe 3 nach Unterkochen
Idylle pur. Hat man die Mondlandschaft des Steinbruchs umrundet, wird es wieder schöner

Wo Grabsteine aus dem Boden wachsen

Als der Steinbruch umlaufen ist, wird auch der Weg bedeutend ansprechender. Kleine Waldpfade führen uns an Gesteinsbrocken vorbei und wecken bei mir Erinnerungen an das Elbsandsteingebirge und den Malerweg. Hier ein Riese, dort ein gefalteter Steinquader, vor mir die Rucksäcke meiner beiden Mitläufer. 

Albsteigmarkierung
Endlich wieder hübsche, schmale Waldwege

Der Weg fällt nun steil ab und Wurzeln und andere Hindernisse lassen mich fast ein wenig klettern. Konzentration hilft auf jeden Fall, damit es nur der Weg ist, der abfällt. Im Tal erwarten uns im Örtchen Aufhausen gleich zwei Highlights. Rechts von uns ragt die Burgruine Schenkenstein empor.

Burgruine Schenkenstein Aufhausen, Etappe 3 des Albsteigs nach Unterkochen
Ein in die Jahre gekommenes Mahnmal, die mittelalterliche Burg(ruine) Schenkenstein

Gleich gegenüber, zu unserer Linken, erstreckt sich, mit einer Mauer von der Straße abgetrennt, ein alter, jüdischer Friedhof, dessen Grabsteine teils 450 Jahre zurück datieren. Verwittert und kaum lesbar recken sie sich aus dem Gras empor, als wären sie mit dem Ort verwachsen. Gern hätte ich mir den Friedhof in Ruhe angesehen, aber wir haben noch zu viel Weg vor uns. Wer mehr sehen möchte, findet weitere Bilder auf dem Blog von Traudi.

Jüdischer Friedhof Aufhausen, Etappe 3 Albsteig HW1 von Bopfingen nach Unterkochen
Gern hätte ich mir den Friedhof genauer angeschaut, aber aus Zeitgründen muss der Blick über die Mauer reichen

Nach einem Abstecher durch das Dorf und über das Flüsschen Eger geht es, vorbei an den gut riechenden Holzwerken, in den nächsten Waldabschnitt, der uns immer wieder mit dekorativen Pilzformationen grüßt.

Sieht er nicht aus wie eine vertrocknete Riesenhortensie?

Rentneraccessoire mit Lieblingspotenzial

Wir laufen gerade durch den Halbschatten der Bäume, als es von einer Bank silbern zu mir herüberblitzt. Zu meinem großen Erstaunen liegt dort zusammengefaltet ein kleines Isositzkissen, verschnürt mit hellblauen Bändchen, die mich an die dunkelgrünen Bänder erinnern, mit denen in den Achtzigern Strandmatten zusammengebunden wurden und die immer irgendwann abrissen.

Erst vor zwei Wochen war ich mit einer Chor-Kollegin in der Hamburger Umgebung wandern und beneidete sie um genau so ein Sitzunterlage. Nun frage ich mich, ob ich reif genug für dieses leicht spießige Accessoire bin und ob es wohl jemand vermisst oder aber ganz bewusst hier hat liegen lassen. Die Entscheidung ist schnell getroffen, das Utensil kommt mit. „Willkommen in der Ausrüstungsfamilie, kleine Unterlage.“ Entzückt klemme ich sie mir an den Rucksack. Wir werden noch viele, grandiose Momente teilen, und ich bin dem edlen Spender sehr dankbar.

Als Oliver und ich den Wald verlassen, wartet gleich das nächste Accessoire auf uns. Ein Pullover sucht auf einer Parkbank einen neuen Besitzer. Sein Etikett sorgt für Erheiterung: „Halt mich, trag mich, lass mich nie mehr gehen“, lesen wir. Das scheint ja nicht so gut geklappt zu haben. Da weder Oliver noch ich Verwendung für ihn haben, bleibt er, wo er ist.

Das verlorene Schaf

Apropos „wo er ist“ – wo ist eigentlich sie? Oli und ich haben es uns nach einem weiteren Stück auf den Schotterwegen zur Pause an einer Weggabelung unter einem Baum gemütlich gemacht (ich natürlich stilecht auf meiner neuen Unterlage), als uns auffällt, dass wir Susanne länger nicht gesehen haben. Heute Morgen hat sie bereits angekündigt, dass sie aufgrund ihrer Hüftprobleme auf der Hälfte der heutigen Etappe in Hülen aussteigen wird und nicht mit nach Unterkochen geht. Gern möchten wir dieses letzte Stück als Trio bestreiten, doch von ihr fehlt jede Spur. 

Das letzte Mal gesehen haben wir sie vor einer halben Stunde. Wir warten zwanzig Minuten, doch sie kommt und kommt nicht. Langsam machen wir uns Sorgen, zumal natürlich ausgerechnet in diesem hinterletzten Waldwinkel Handyempfang Mangelware ist.

Je länger wir warten, desto überzeugter sind wir, dass unserer Lehrerin etwas zugestoßen ist, bzw. sie mit ihren Schmerzen nicht mehr weitergehen kann. Die Szenarien vor unserem inneren Auge werden immer bedrohlicher, sodass Oli kurzerhand beschließt, sie zu suchen. So weit kann sie ja nicht sein.

Breiter Kiesweg, ein Klassiker auf dem ersten Teil des Albsteigs
Einer der vielen, weißgekieselten, breiten Wege, die so symptomatisch für die ersten Tage auf dem Albsteig sind. Von Susanne keine Spur

Während ich auf unsere Rucksäcke aufpasse, joggt der Berliner los, um das verlorene Schäfchen aufzuspüren. Wir würden es uns nie verzeihen, wenn wirklich etwas passiert wäre. Mein Mitwanderer kommt nach einer Viertelstunde unverrichteter Dinge zurück. Ich habe zwar inzwischen Handynetz, erreiche aber nur Susannes Mailbox. Oliver und ich beratschlagen, was wir tun sollen. Weitergehen? Weiter warten? Umkehren? Was, wenn sie eine Abkürzung nach Hülen genommen hat?

Und während wir noch diskutieren, kommt unsere Susi vom Ipf gemütlich um die Ecke gebogen. Wie sich herausstellt, hat sie pausiert und ist total gerührt, dass wir uns gesorgt haben. Wandererehre eben.

Guter und schlechter Regenwald

Der Albsteig schlängelt sich nun auf breiten Forstwegen am Waldesrand entlang und schließlich in diesen hinein. Schien gerade noch die Sonne, zieht der Himmel innerhalb kürzester Zeit zu.

Albsteig HW1, Etappe 3 nach Unterkochen, in der Nähe von HüLEN
Alle Schäfchen sind wieder vereint. Dass es gleich heftig regnen wird, vermutet in diesem Moment noch keiner von uns

Es donnert bedrohlich, die Luft ist schwül, und um uns wird es immer dunkler. Mitten im Nadelwald bleibe ich stehen und hole meinen Rucksackschutz raus. Gerade rechtzeitig, denn die Tropfen, die urplötzlich fallen, sind so dick, dass meine Klamotten binnen kürzester Zeit feucht sind.

Die Regenjacke ist natürlich im Rucksack, der wiederum inzwischen durch den Regenschutz versperrt ist. Die Bäume werden das Schlimmste abhalten, denke ich, und versuche es erst einmal ohne. Von wegen. Schnell lerne ich, dass Nadelwald der eigentliche Regenwald ist. Er bietet nämlich absolut keinen Schutz vor selbigem. Die Tropfen knallen nur so auf mich runter.

Meine Klamotten sind komplett durchnässt, als ich erneut anhalte und die Regenjacke aus den Untiefen grabe. Immer wieder donnert es über mir. Meine Mitwanderer sind verschwunden, und so eile ich schimpfend des Weges, bis ich in einem laubenartigen Gang voller Pilze lande, in dem die beiden schutzsuchend warten, dass das schlimmste Unwetter abzieht.

Zumindest der „Schwarze Blumenkohl“, wie ich ihn taufe, fühlt sich in der Nässe pudelwohl.

Kleine Jägermeister auf dem Absprung

Um kurz vor eins trauen wir uns weiter und verlassen wenig später den Wald. Vor Oli reißt der Himmel auf, während er wie die Christus-Statue von Rio die Arme ausbreitet. Das Gewitter hängt über den Wäldern und bei den herrschenden Lichtverhältnissen könnte man meinen, es sei früher Abend.

Rio kann einpacken, der echte Jesus befindet sich am Albsteig

Wir verabschieden uns von Susanne, machen unser einziges, gemeinsames Selfie, stellen kurz darauf fest, dass wir in die falsche Richtung gehen und laufen ihr hinterher. Kaum ist der Ortseingang erreicht, reißen die Schleusen ein weiteres Mal auf und einmal mehr gibt es wenige Schutzmöglichkeiten. Eine Hecke, die ein wenig nach vorn gewachsen ist, muss für uns drei herhalten. 

Abschied vom Dreigespann – danke für das Bild, liebe Susanne

Wenigstens lässt sich von unserem Standort die hübsche Kapfenburg bewundern, deren Besichtigung wir uns zeit- und wetterbedingt schenken. Nach einem neuerlichen und diesmal finalen Abschied von Susanne, geht es für Oli und mich auf die verbliebenen 14 Kilometer Richtung Unterkochen. 

So schnell kann es gehen. In der Tradition der zehn kleinen Jägermeister erreichen wir die Phase „Da waren’s nur noch zwei“ und auch das ist nur eine Frage der Zeit. Oli hat sich den Weg anders eingeteilt als ich. Auch von ihm werde ich mich in zwei Tagen verabschieden müssen. 

Hanf-Dampf im Hexenhäuschen

Gleich hinter der Straßenkreuzung wartet eine spektakuläre Aussicht auf die Kapfenburg vor idyllischem, blau-weißen Himmel auf uns. Es scheint sich ausgeregnet zu haben, auch wenn es durch den Regen weiterhin schwül bleibt, gerade jetzt, wo die Sonne raus kommt. 

Blick auf die Kapfenburg. Albsteig HW1, Etappe 3 von Bopfingen nach Unterkochen / Aalen
Die schwüle Luft wirkt wie ein Weichzeichner. Dieser Ausblick gleicht einem Gemälde

Wir folgen dem Albsteig über Feldwege und staunen nicht schlecht, als das Maisfeld zu unserer Linken von riesigen Hanfpflanzen flankiert wird. Kichernd malen wir uns aus, wie die Dorfjugend völlig unbemerkt ihr eigenes Stöffchen anbaut.

Beeindruckende Hanfpflanzen rahmen das Maisfeld ein. Sind wir einer großen Geschichte auf der Spur?

Der Spaß wird uns ein wenig genommen, als wenige Meter weiter ein Schild Aufklärung leistet: Ja, das sei tatsächlich Hanf, aber eben die Variante ohne THC. Nun gut, dann sind wir doch keinem Kleinkriminellenring auf der Spur.

Doch auch ohne THC verleiht mir der Hanf Visionen oder zumindest eine blühende Phantasie, denn ich erkläre Oli im Brustton der Überzeugung, dass uns hinter der nächsten Kurve (gut, vielleicht auch hinter der übernächsten) ein perfekter Pausenplatz erwartet. Schon die ganze Zeit schauen wir uns nach einem geeigneten Ort zum Essen um. Auf dem ersten Teil gab es keine Bänke, anschließend waren sie alle nass.

Wir überqueren eine Schnellstraße und steuern auf ein neuerliches Waldstück zu, als ich aus dem Augenwinkel am Ende einer Wiese recht versteckt ein hölzernes Hexenhäuschen liegen sehe. Da ist es!   

Pausenplatz Albsteig HW1, Etappe 3 Bopfingen Unterkochen/Aalen
Wenn das nicht geradezu auf uns gewartet hat, weiß ich es auch nicht

Oli lacht schallend, als ich erkläre, dass meine Bestellung wie schon am Vortag vom Universum erhört wurde. Der Platz ist perfekt, denn unter der überdachten Veranda können wir unsere nassen Hüllen zum Trocknen aufhängen. Das Warten hat sich eindeutig gelohnt.

Die Highlights machen Pause

Über die nun folgenden drei Stunden mit weiteren zehn Kilometern auf dem Albsteig lässt sich wenig Erkleckliches sagen. Nur so viel: wir bringen sie hinter uns. Es ist so langweilig und bietet so wenige Höhepunkte, dass ich ein einziges Foto mache. Wäre ich allein unterwegs, wäre dies ein perfektes Wegstück, um meinen Gedanken nachzuhängen.

In Gesellschaft will mir das nicht so recht gelingen. Auch wenn Oliver und ich nicht permanent nebeneinander her laufen, fühle ich mich zu loser Konversation verpflichtet. Wo es nichts zu sehen gibt, gibt es nichts zu kommentieren und auch sonst fällt mir gerade wenig ein, über das wir sprechen könnten, sodass sich die Kilometer umso heftiger in die Länge ziehen.

Der einzige Schnappschuss, den ich im Gepäck habe. Geschwungene Feldwege sind eben nicht sonderlich inspirierend

Als der Weg uns zwei weitere Stunden später nicht direkt über eine kurvenreiche Straße schickt, sondern stattdessen eine unnötige Schleife abwärts laufen lässt, habe ich die Nase voll. Es ist mir schnurz, dass wir kurz vor Unterkochen sind. Ich brauche noch mal eine Pause und zwar jetzt und hier.

Entschlossen erklimme ich eine Ansammlung lagernder Holzstämme und richte mich oben wohnlich ein. Oli, der seine gute Laune nicht ansatzweise verloren hat, klettert gutmütig neben mich, auch wenn es sicher schönere Plätze gäbe. Wäre er ohne mich unterwegs, würde er vermutlich gar keine Pause machen, sondern bis Unterkochen durchlaufen und wäre dort dann schon vor zwei Stunden angekommen. Über sein eigentliches Lauftempo konnte ich mir ja am ersten Tag ein gutes Bild machen, als er doppelt so weit lief und dennoch vor mir am Ziel war. 

Grummelnd knöpfe ich mir, wieder etwas mehr bei Kräften, im Anschluss den kleinen, steilen Aufstieg in Richtung Straße (die man nun dann doch überqueren darf) vor. Die wenigen Meter machen mich fertig, und ich stöhne schon wieder.

Der Ausblick, der sich dann aber von der gegenüberliegenden Straßenseite bietet, bringt mich augenblicklich zum Schweigen. Er entschädigt für alle Mühe und fällt endlich wieder in die Kategorie Highlight, denn vor uns liegt ein bewaldetes Tal, das von der Abendsonne idyllisch beschienen wird. Dort unten wartet die Quelle des weißen Kochers auf uns.

Spätnachmittägliche Idylle. Da kann man sich auch gleich noch mal hinsetzen

Eine Holzbank lädt an diesem Aussichtspunkt zum Verweilen ein, und so verweile ich. Meine Berliner Wanderbegleitung verkneift sich jeglichen Kommentar ob der erneuten Pause. Gemeinsam genießen wir den Blick und die Abendstimmung. Es ist zwanzig vor sechs. Wir haben ganz schön lange gebraucht mit unseren Regen- und sonstigen Pausen. Aber, wen kümmert es? Bis Unterkochen sind es gerade mal noch drei Kilometer.

Kochende Nebel-Idylle

Gleich hinter der Bank will der Albsteig nun schnellst möglich abwärts. Während Oli die wurzeligen Passagen nach unten teils springend bewältigt, bin ich vorsichtiger. Gerade gegen Ende des Tages habe ich immer Angst, mangels Kraft und Konzentration umzuknicken oder wegzurutschen. 

Steinige Bachbetten begleiten unseren federnden Waldweg in Richtung einer hübschen Holzbrücke. Der warme Sommer hat seine Spur hinterlassen, denn es fließt nur wenig Wasser.

Quelle des weißen Kochers, Albsteig HW1, Etappe 3 nach Unterkochen
Traumplätzchen an der Quelle des weißen Kochers

Vor uns entsteht ein Bild mit geradezu magischer Stimmung. Über dem Wasser des Weißen Kochers dampft es neblig. Die Schwaden breiten sich über das Flussbett auf den Weg aus, was im Dämmerlicht eine unglaubliche Atmosphäre kreiert. 

Auf dem Bild kommt der Nebeldampf leider nicht ganz so plastisch rüber, aber glaubt mir, es war magisch

Wieder alles richtig gemacht, denke ich mit Blick auf die fortgeschrittene Uhrzeit. Ein paar Stunden früher hätten wir auf diesen besonderen Moment vermutlich verzichten müssen. Beschwingt nehme ich die letzten zwei Kilometer in Angriff, die uns schon bald über die Bürgersteige von Unterkochen führen, während langsam Dunkelheit einsetzt. Reicht dann auch für heute.

Kein erster Platz beim Tagesrennen

Just in dem Moment, als wir im Ortskern vor unserer Unterkunft stehen, tritt unser Mitwanderer vom ersten Abend in Mönchsdeggingen aus der Hoteltür. Den hatte ich völlig verdrängt, doch binnen Sekunden erinnert er mich, wieso er mir vorgestern so auf die Nerven ging: Theatralischer Blick auf seine Armbanduhr, leichtes Seufzen, Kopfschütteln und im spöttisch-ungläubigen Ton kommt: „Seid ihr jedschd erscht da?“

Er selbst sei bereits seit Stunden am Ziel, werden wir ungefragt informiert. Die Strecke sei ja einfach gewesen, die ließ sich in ein paar Stunden wegballern. Was wir die ganze Zeit gemacht hätten? Ich werfe Genusswandern, Pausen und Regen in den Raum, während Oli nicht weiter auf die Sticheleien eingeht und das Thema wechselt. Wo man denn zu Abend essen könne?

Unser Kollege will zum Griechen nebenan. Da könnten wir uns ja später treffen, wenn wir dann auch soweit wären. Ich schicke ein Stoßgebet ab, dass es noch andere Lokale im Ort geben möge. Vielleicht fahren wir nach Aalen rein und schauen uns dort um.

Glückliches Händchen beim Umzug 

Aus dem Hotel Imperador schlägt uns beim Eintreten fröhliche Salsa-Mucke entgegen. Erst mal ein Belohnungsbier, so viel Zeit muss sein. Um alles Weitere kümmern wir uns im Anschluss. Meine gute Laune kehrt mit dem kalten Getränk umgehend zurück.

Spaß in Tüten – soll keiner sagen, ich würde nicht fix wieder zu bester Laune zurückfinden

Derweil informiert uns die Dame im Restaurant, dass es leider einen kleinen Überbuchungsfehler gegeben habe und nur noch ein Zimmer frei sei. Die andere Person käme zu identischen Kosten in ein anderes Hotel in der Nachbarschaft. Wer von uns bleiben wolle?

Nach einer kurzen Besprechung melde ich mich für den Umzug bereit, was sich als Glücksfall erweist. Während Oli in einem nicht sonderlich schönen Zimmer landet, das gemäß seinen Beschreibungen fast vollständig gefliest ist und Einrichtungs-Highlights der 70er und 90er mischt, erwartet mich im Goldenen Lamm ein übertrieben großes Zimmer, mit hübschem Bad und genug Platz, um die in der Dusche gewaschenen Sachen trocknen zu lassen. Bis auf das nicht funktionierende WLAN habe ich eindeutig den Jackpot.

Ätschibätschi beim Griechen 

Um acht treffe ich Oli vor dem Imperador. Es ist uns beiden zu aufwändig, extra nach Aalen zu fahren, nur um das Gemeinschaftsessen zu umgehen. Vielleicht ist unser Wettbewerbsfreund ja schon fertig, hoffe ich vergebens, denn er sitzt gleich an einem der ersten Tische beim Griechen und schreibt in ein Buch. Knapp grüßend gehen wir weiter und bekommen einen eigenen Tisch. Ob er sich noch auf ein Bier dazu setzen könne, fragt unser Freund, das Bier schon in der Hand nur wenige Minuten später. Schicksalsergeben nicken wir.

Die Unterhaltung läuft zäh. Egal, was der Berliner oder ich über unsere bisherigen Wanderungen erzählen, unser Gegenüber hat das alles auch schon gemacht, krasser gemacht, besser gemacht oder aus guten Gründen nicht gemacht. Es ist anstrengend, und ich frage mich, wie lange man braucht, um ein Bier zu trinken. Doch spätestens nach dem Essen ist klar, dass er nicht vorhat zu gehen, denn er kündigt an, eine Runde Ouzo auszugeben.

Die Kellnerin kommt ihm zuvor und bringt uns den eiskalten Anisschnaps aufs Haus. Unser edler Fast-Spender freut sich derweil – ganz Klischee-Schwabe – auf diese Weise noch ein paar Euros gespart zu haben. Wir setzen unser freundlichstes Lächeln auf und schreiben uns – sehr erwachsen – unter dem Tisch Nachrichten, dass wir genervt sind.

Inzwischen dreht die Unterhaltung um das Thema Streckeneinteilung. Meine Planung fällt durch – setzen, Sechs. Das könne ich aber auch schneller machen. Wieso ich mir so viel Zeit lasse? Mir reicht’s. „Hinten kackt die Ente“,  befinde ich. Wir würden uns am Ende sprechen, vorausgesetzt, wir kommen überhaupt alle an.

Was dann passiert, bringt Oli an den Rande seiner Möglichkeiten, denn mein neuer, bester Freund streckt mir ernsthaft die Zunge raus und dreht mir eine lange Nase. Fehlt nur noch, dass er Ätschibätschi sagt. Und nur, um das noch mal klar zu stellen, der Mann ist in seinen Fünfzigern. Ich verziehe keine Miene und wünsche mir einen zweiten Ouzo, um meine Fassungslosigkeit zu ertränken.

Partyalarm in Unterkochen

Als der Grieche schließt, ist es aus meiner Sicht zu früh fürs Bett. Ich bin merkwürdig fit und möchte mich noch nach einer Gaststube oder Kneipe umschauen. Oli schließt sich, nicht ganz so überzeugt, an. Das fünfte Rad hat zwar keine Lust, kommt aber dennoch mit.  

Unser Abendspaziergang durch Unterkochen zeigt schnell, dass es genau eine Möglichkeit für ein weiteres Bier gibt: die örtliche Kneipe „Alte Post“, die gut besucht ist, und aus der laute Musik erschallt. „Is des jedschd euer Ernscht? Nee, da komm i nimmer mit!“ Spätestens „jedschd“ ist es mein voller Ernst. Auch Oli nickt euphorisch und wünscht unserem Begleiter sicherheitshalber gleich noch eine gute Nacht. 

Endlich in Freiheit sinken wir an einen Tisch und freuen uns über 90er-Jahre Rock von Bon Jovi bis Guns’n’Roses. Ich singe fröhlich mit und bin angesichts der gut besetzten Theke froh, dass wir unser eigenes Plätzchen haben. Am Tresen tummelt sich das Publikum nämlich ohne Masken und ohne Abstand. Hoffentlich werden wir nicht gerade Zeuge eines Superspreader-Events.

Bei den Getränken (es bleibt natürlich nicht bei einem Bier) nehmen unsere Gespräche nun deutlich ernstere und privatere Wendungen. Ich habe mich kurz vor dem Urlaub getrennt und will dieses unliebsame „Päckchen“ unterwegs auspacken und dann loswerden. Wanderungen sind für mich immer ein perfektes Krisenventil, denn sie haben einen geradezu therapeutischen Effekt. Frische Luft, Bewegung und im Bestfall gute Gespräche mit Fast-Fremden sind zumindest für mich ein funktionierendes Rezept. Wie gut, dass mir Oliver über den Weg gelaufen ist.

Morgen erwartet uns übrigens endlich mal ein kurzer Tag. Gerade mal 22 Kilometer sind es von Unterkochen bis Heubach. Abzuwarten bleibt, ob es uns zum ersten Mal gelingen sollte, keine unfreiwilligen Extraschleifen einzubauen.

 

Kommentare und Feedback

Okay, der heutige Tag wird nicht als der spektakulärste seiner Art in die Geschichte des Albsteigs eingehen. Muss er auch nicht. Auf Fernwanderungen kann nicht jede Etappe ein Spektakel sein. Dennoch gab es ein paar tolle Momente, über die ich mich umso mehr freuen konnte, wie etwa das aus dem Nichts auftauchende Hexenhäuschen. Über welche Überraschung hast du dich zuletzt gefreut? 

Kennst du dieses Stück des Albsteigs? Hast du noch Fragen oder Ergänzungen zur Etappe nach Unterkochen? Lass es mich wie immer gern in den Kommentaren wissen.

Verfolgungswahn

Möchtest du meine heutige Etappe von Bopfingen nach Unterkochen nachwandern? Dann hilft dir vielleicht der GPX-Track, den ich mit Komoot aufgezeichnet habe und den du dir bequem aufs Handy laden kannst.

 

Zeitreise

Rückwärts: Hast du den Bericht vom Vortag verpasst und möchtest wissen, was es mit dem Ipf und dem Obstbrand auf sich hat? Dann komm doch noch mal mit von Mönchsdeggingen nach Bopfingen zu Katzen und Meerjungfrauen mit Schneewittchen und der eisernen Lady.

Ich muss das weitersagen

6 Gedanken zu „Albsteig, Etappe 3: Von Bopfingen nach Unterkochen / Aalen&8220;

  1. Überkochen in Unterkochen? 😅

    Ich kann ja Vieles einfach runterschlucken oder im Zweifel ignorieren. Aber Euer Besserwisser-Boy gehört zu der sehr kleinen Gruppe Menschen, bei denen ich mir einen blöden Kommentar nicht hätte verkneifen können. Respekt für Eure Selbstbeherrschung 😇👍🏻

  2. Oh Stefan, welch grandioses Wortspiel mir da durch die Lappen gegangen ist. Einhaust völlig Recht 😂
    Und ja, Besserwisser-Boy hat uns definitiv an unserer Grenzen gebracht. Aber kennst du auch das Problem, wenn du weißt, dass dir Leute noch länger erhalten bleiben und du daher lieber den Ball flach hältst? Das Wissen, dass ich mit dem Kollegen bald allabendlich allein in den gleichen Unterkünften sein würde, ließ mich sämtliche Verwünschungen vorerst parken. Aber da Karma ja eine kleine Bitch ist, gibt es ein Happy End, wenn auch ein leicht schadenfrohes 😉

  3. Hallo Audrey, zwischendurch ein Kurzkommentar von mir. Also Harburg hätte ich auch in deine Heimat nach Hamburg gesetzt. War mir nicht geläufig. Umso mehr allerdings der „Berg“ Ipf, den hier im Bereich der Schwäbischen Alb jedes Kind kennt. In den Schulen wurde/wird hierzulande gelehrt, dass dies der beste Aussichtspunkt für das Nördlinger Ries ist. Na ja.
    Die Besserwisser sind natürlich fürchterlich lästig und es kostet Energie, die wieder loszuwerden. Hast du natürlich geschafft – gut!
    Ich freue mich auf jeden deiner Wandertage die du in deiner locker flockigen Art und Weise und Sprache schilderst. Herrlich !!!
    Grüssle aus dem Schwabenland von Albert

  4. „Auch wenn Oliver und ich nicht permanent nebeneinander her laufen, fühle ich mich zu loser Konversation verpflichtet. Wo es nichts zu sehen gibt, gibt es nichts zu kommentieren und auch sonst fällt mir gerade wenig ein, über das wir sprechen könnten, sodass sich die Kilometer umso heftiger in die Länge ziehen.“

    Kann ich gar nicht nachvollziehen. ICH bin froh, wenn meine Mitwanderer während des Gehens einfach die Klappe halten. Denn nur so bekommt man auch etwas von der Umgebung mit. Nichts schlimmer wie Personen die meinen „Konversation“ betreiben zu müssen.

    1. Hi Dirk,

      wenn ich gar keine Konversation möchte, dann gehe ich doch gleich alleine, oder nicht? Der Sinn von Mitwanderern, deren Hauptaufgabe es ist, mir meine Ruhe zu lassen, erschließt sich mir nicht ganz 🙂
      Ansonsten teile ich deine Meinung. Das Gefühl, reden zu müssen, wenn man nichts zu sagen hat, mag ich auch nicht besonders. Allerdings finde ich Schweigen mit Menschen, die man ganz neu kennenlernt, schwieriger als mit Bekannten. Bei Oli und mir hat sich das im Laufe des Weges schnell gefunden. Aber an diesem Tag war ich noch nicht so weit.
      Viele Grüße
      Audrey

Und was sagst Du?