Albsteig, Etappe 2: Von Mönchsdeggingen nach Bopfingen

Etappe zwei auf dem Albsteig von Mönchsdeggingen nach Bopfingen in Gesellschaft von Katzen, Wildschweinen und Meerjungfrauen, durch Klosterruinen, Funklöcher und Schotterpisten mit Schneewittchen und der eisernen Lady auf dem Weg zu einem der bedeutendsten Berge Deutschlands, wo die Mutter der Buche und die Chefin des Bären warten (21. September 2020, 28 km, 8 Stunden inkl. Pausen)

Albsteig (HW1), Etappe 2: Mönchsdeggingen - Bopfingen: Auf weißen Schotterwegen zwischen Katzen, Nixen und Klosterruinen zum legendären Ipf  #albsteig #hw1 #schwäbischealbnordrandweg #badenwürttemberg #deutschland #wanderung #fernwanderung #wandern #fernwandern #rucksack #läuftbeiihr

Nach unserem geselligen Abend gestern steht heute völlig außer Frage, dass ich gemeinsam mit Oliver und Susanne frühstücke. Ob wir auch gemeinsam laufen werden, wird sich zeigen. Der Tisch im Gasthof am Buchberg kann sich wirklich sehen lassen: von Brötchen und Eiern bis Joghurt mit frischem Obst ist alles da.

Frühstück Gasthof am Buchberg Mönchsdeggingen
Das Frühstück lässt keine Wünsche offen und  sollte uns bis Bopfingen eine solide Grundlage verschaffen

Während wir uns am kulinarischen Feuerwerk gütig tun, fällt mein Blick auf zwei Bretter hinter der Theke, die alles tragen, was das Wanderherz begehren könnte. Wirtin Hanna hatte eine Art Miniaturladen ins Leben gerufen, in dem von Taschentücher über Süßigkeiten bis hin zu Blasenpflastern alles erworben werden kann.

Gasthof am Buchberg Mönchsdeggingen, Minilädchen, Albsteig HW1 Etappe 2 nach Bopfingen
Von Energy-Drink über Tape bis hin zu Mückenspray – Hannas Minilädchen hat alles, was man gegebenenfalls vergessen hat 

Seelischer Beistand und keltische (G-)Ipf(el)  

Nach meiner gestrigen Niederlage an der verschlossenen Klosterkirchenpforte will ich heute vor dem Wanderstart einen neuen Versuch wagen. Hanna ist optimistisch, dass die „Wies am Ries“ ab neun geöffnet sei. Wissend, dass mich rund um Christgarten ein Wildgehege inklusive Wildschweinen erwartet, wäre es mir mehr als Recht, zumindest bis zur Durchquerung dieses Schweinerefugiums Wanderbeistand zu haben.

In halbstündiger Überzeugungsarbeit, bei der ich alle Register ziehe, lässt sich Oliver erweichen, mit mir zum Kloster zurückzugehen. Eine wilde Mischung aus Rettung seines Seelenfriedens, himmlischem Wanderbeistand, persönlichem Herzenswunsch und Bettelfeuerwerk tun ihren Dienst. Vermutlich ist der Berliner einfach nur froh, als nach seinem „Na gut“ Ruhe einkehrt [auch wenn er das bis heute fleißig negiert].

Derweil wird Susanne nicht müde, uns auf den eigentlichen Höhepunkt des heutigen Tages, ach was, der ganzen Wanderung vorzubereiten. In Bopfingen würden wir den sagenumwobenen, wunderschönen, mystischen Ipf vorfinden. Ich verschluckte mich fast am Kaffee. Wer oder was ist ein Ipf? Es klingt so possierlich. Dahinter könnte sich ein kleines Vögelchen verbergen, genauso gut aber auch eine Märchenfigur oder ein Aussichtsturm.

Auch Oliver schaute eher fragend drein. „Kennsch‘ den ned?“, erkundigt sich unsere Biolehrerin fast schon pikiert. Der Ipf sei einer der bedeutendsten Berge Baden-Württembergs, um nicht zu sagen Deutschlands! Ich bin mir keiner Schuld bewusst, muss aber zugeben, dass Geografie nie zu meinen Kernkompetenzen zu Schulzeiten zählte. Der bedeutendste Berg Deutschlands war für mich bis dato die Zugspitze, vielleicht noch der Brocken. Vom Ipf höre ich hingegen definitiv zum ersten Mal.

Er weise keltische Spuren auf und sei über die Grenzen bekannt. Susanne schüttelt nur ungläubig den Kopf angesichts unserer Bildungslücke. Gut, dass sie uns Banausen noch etwas beibringen kann. Das Internet wird bemüht, und ich starre auf die Bilder eines begrünten, kegelförmigen Hügels, dessen Faszination sich mir nicht so recht erschließen will. Nun denn, am Tagesziel in Bopfingen kann ich mir dann ja mein eigenes Bild machen.

Gitarrengötter

Während die Studienrätin unseres Vertrauens in Richtung Albsteig aufbricht, schnappe ich mir Oli und versuche mein Glück ein weiteres Mal an der Pforte der Klosterkirche, bin aber leider genauso erfolglos wie gestern. Die Kirchentür bleibt zu und der Herr, der sich unter meinem optimistischen Blick nähert, schließt keineswegs auf, sondern biegt flugs in Richtung Friedhof ab.

Leise meckernd schlucke ich meinen Ärger hinunter, und wir gehen den Weg zurück, den wir gekommen sind und starten dann ebenfalls in Richtung Christgarten. 

Albsteig HW1, Etappe 2 Mönchsdeggingen, Bopfingen
Für den Albtrauf ist es noch zu früh, aber er kündigt sich schon mal in Miniversion an

Während wir durch Wiesen geleitet werden, an deren oberem Ende kleine Gesteinsformationen warten, kommen wir schnell auf Musik zu sprechen. Auch Oliver ist erklärter Fan und spielt begeistert Gitarre. Die Zeit vergeht wie im Flug, während wir uns über Bands und Künstler austauschen und unseren letzten Konzerten vor der Pandemie hinterhertrauern.

Für Verpflegung unterwegs ist übrigens gesorgt, denn die dicht behangenen Apfelbäume lassen uns ihr reifes Obst immer wieder vor die Füße fallen. Beim dritten Mal greife ich zu und erwische ein süß-säuerliches Traumexemplar.

Albsteig HW1 - Etappe 2 von Mönchsdeggingen nach Bopfingen
Die Äpfel drängen sich einem förmlich auf. Noch zögert Oli

Nix‘ mit Autorennen

Unterhalb von Hohenaltheim wartet nach dreieinhalb Kilometern der kleine Quellweiher mit seinem mystisch grünen Wasser auf uns. Die Algen an seinem Boden und das frische Grün am Rand überbieten sich geradezu darin, Hoffnung zu verbreiten. Es funkelt in allen Grünschattierungen.

Albsteig HW1, Etappe 2, Quellweiher Hohenaltheim
Es grünt so grün – grünes Wasser, grüne Algen, grünes Drumherum. Der Quellweiher Hohenaltheim

Nur ein paar Schritte weiter beobachte ich fasziniert ein Miniatur-Autorennen, für das jemand zwei Spielzeugautos auf einem Baumstamm platziert hat. Vermutlich sind die beiden volle Fahrt voraus zur Nixe in der Quellgrotte, die uns gleich als nächstes grüßt.

Auf die Plätze, fertig, los: Wer zuerst bei der Nixe ankommt

Während Oliver mutig durch die Grotte turnt, um die besten Winkel für seine Bilder zu bekommen, sehe ich lieber zu, dass meine Füße trocken bleiben. Wir wollen die Wirkung von Goretex nicht überstrapazieren.

Quellgrotte Hohenaltheim, Albsteig HW1, Etappe 2 nach Bopfingen
„Grüß Gott, die feine Dame.“ Was dem Rhein die Loreley, ist dem Albsteig die Nixe der Quelle. Der Ort heißt übrigens auch „Der Ursprung“ – ganz schön mystisch. Ihr zu Füßen sitzt im Wasser angeblich ein kleiner Engel, den ich aber übersehen habe

Der Hausherr von der Hoppelmühle

Nachdem wir die schattige Nixe ausgiebig bewundert haben, geht es zurück ins Licht. Vorbei an einem Dammwildgehege laufen wir auf einem breiten, staubigen Weg zwischen Feldern weiter in Richtung Christgarten. Spektakulär ist es hier nicht gerade. 

Auf dem Weg nach Christgarten, Albsteig HW1, Etappe 2
Auf diesen breiten, weißen Wegen, die uns noch den ganzen Tag begleiten, ballert die Sonne ganz schön. Oliver und Susanne gehen schon mal vor

Gute anderthalb Stunden später macht sich leises Rauschen bemerkbar. Als ich genauer hinschaue, entdecke ich einen kleinen Wasserfall, der hinter der Hoppelmühle plätschert. Den muss ich mir näher anschauen. 

Wasserfall an der Hoppelmühle, Albsteig Etappe 2 nach Bopfingen
Der Wasserfall an der Hoppelmühle ist zwar noch nicht ausgewachsen, plätschert aber laut genug, als dass er uns nicht verborgen bleibt

Wenn wir schon mal dort sind, nehmen Oliver und ich auch gleich noch die Mühle selbst in Augenschein. Die latente Hoffnung, dass es dort vielleicht etwas zu trinken geben könnte, treibt uns. Fehlanzeige. Die Mühle ist in Privatbesitz und kein Ausflugslokal.

Der Abstecher lohnt sich dennoch. Am Gebäude treffen wir zwar keinen Hasen, wie der Name vermuten lassen könnte, dafür aber eine sehr süße, sehr anhängliche Katze, die sich in einer unnachahmlichen Charmeoffensive an Oli ranmacht und ihm schnurrend um die blauen Beine streicht.

Wer könnte ihr widerstehen? Die kleine Katze verliebt sich schlagartig in Olis blaue Hose

Es handelt sich nicht um irgendeine Katze, sondern um den Hausherrn, denn ein Schild an einem kleinen Verschlag verkündet „Hier ist mein Zuhause“, passendes Katzen-Fahndungsbild inklusive. Dass der kleine Vierbeiner auf eine traurige Vorgeschichte zurückschaut, liest sich eine Zeile weiter unten. Er wurde ausgesetzt. Da scheint das Schicksal ja noch mal eine positive Wendung genommen zu haben.

Fahndungsfoto der Herzensbrecherkatze, die offensichtlich auf eine traurige Geschichte zurückblickt

Ein Dorf leistet Erste Hilfe

Zwanzig Minuten später erreichen wir Christgarten, eine Ansammlung von etwa fünf Häusern nebst Kapelle und Klosterruine. Dieser Lost Place hat etwas Malerisches.

Klosterruine Christgarten, Albsteig HW1, Etappe 2 Mönchsdeggingen - Bopfingen
Was vom ehemaligen Kartäuserkloster in Christgarten übrigblieb

Vor der Ruine wartet eine neuerliche Streuobstwiese auf die Ernte. Ein Apfelbaum zieht mich besonders in seinen Bann, denn es sieht aus, als befände sich in seinem Stamm ein großes Maul.

Sofort geht meine Fantasie mit mir durch. Ich habe als Kind einfach zu viele Märchen gelesen, und so bin ich überzeugt, dass sich der Baum von seinen eigenen Äpfeln ernährt und manchmal nach den Armen derer schnappt, die sie zu pflücken versuchen.

Vielleicht ist meine Fantasie zu lebhaft, aber ich sehe ein großes, schmachtendes Maul, das auf Äpfel und Menschenarme lauert

Irgendwo auf dem Gelände verliere ich Oli, finde dafür aber an der nächsten Ecke Susanne, die mit starken Schmerzen in der Hüfte kämpft. Sie wird nicht weiterlaufen können, so viel steht fest. Dummerweise erweist sich der Ort als ein einziges Funkloch, und der Gasthof wurde geschlossen. Oliver ist immer noch nicht wieder aufgetaucht und anrufen kann ich ihn nicht.

Etwas überfordert laufe ich mehrfach die Straße auf und ab, während Susanne ihr Glück bei den Anwohnern versucht. Wir sind mitten im Nirdgendwo und mir ist schleierhaft, wie wir sie hier wegbekommen sollen, wenn sie nicht mehr laufen kann. Die kleine Bushaltestelle verrät nicht, wann und ob hier noch Busse fahren.

Wenigstens mein Berliner Kompagnon taucht kurz darauf auf, was mich gleich mehrfach beruhigt. Sobald das Problem mit Susanne gelöst ist, gilt es, das Wildschweingehege auf der anderen Straßenseite zu durchschreiten, das ich nur höchst ungern ohne ihn riskieren möchte.

Derweil hat Oliver zwei Frauen, die mit ihren Kindern unterwegs sind, angesprochen. Sie erklären sich gerne bereit, Susanne mitzunehmen, wenn sie später zurückfahren. Das wird allerdings leider noch etwas dauern, denn ihr Ausflug beginnt gerade erst. Ihre Hilfe wird aber schon gar nicht mehr benötigt, stellen wir fest. Susanne hat inzwischen Anwohner erwischt, die mehr als hilfsbereit sind.

Nun ist zwar dummerweise auch noch das Festnetz im Ort ausgefallen, doch man setzt sich gemeinschaftlich in Bewegung, um Susanne zurück in die Zivilisation zu bringen. Nach kurzer Beratung bietet die Wirtin des Gasthofs, die gerade zurückgekommen ist, an, unsere Wanderfreundin mit dem Auto zum nächsten Bahnhof zu fahren. Sie müsse eh noch mal los. Wir sind alle erleichtert.

Kein Schwein da 

Kümmern wir uns also um das nächste Sorgenkind: meinen Trip durch das Wildgehege. Wildgatter und Schilder, die um Ruhe und Müllvermeidung bitten, grüßen am Eingang. Meine Anspannung steigt, und ich horche aufmerksam, kann aber außer dem Gezwitscher der Vögel und dem Gekeuche meines Atems beim recht steilen Aufstieg nichts Verdächtiges hören. Oli läuft derweil entspannt vorweg. Ihm scheinen weder die potenziellen Weggefährten noch die Steigung etwas auszumachen. 

Oben angekommen, traben wir fortan auf breiten, weißen Kieswegen durch den Wald. Diese Wege werden uns heute im Verlauf des Tages langsam aber sicher in den Wahnsinn treiben. Noch ist es jedoch nicht so weit, und ich bin sogar tendenziell dankbar für diese straßenähnliche Albsteig-Passage in sicherem Abstand zum Dickicht. Da gibt es zumindest keinen Überraschungsbesuch aus dem Gebüsch.

Und tatsächlich strafen uns die Wildschweine mit Ignoranz. Meine Anspannung war wie so häufig völlig unnötig und das gefährliche Drachenkrokodil am Wegesrand bezwinge selbst ich ganz entspannt.

Wer auf dem Albsteig bleiben will, muss am Drachen vorbei. Oder ist es ein Krokodil?

Zunehmend träume ich von einer Mittagspause. Es ist bereits nach eins. Unsere Rettungsaktion in Christgarten hat Zeit gekostet, und mein Proviant will in meinen Bauch. Leider hat der Wald keinerlei Sitzgelegenheiten im Angebot und so schaue ich Oli todernst an und prophezeie mit dramatischer Stimme, dass wir eine wunderbare Bank finden werden, sobald wir den Wald verlassen.

Mein Wort in Gottes Ohr! Manchmal klappt es mit dem Bestellen beim Universum. Kaum haben wir den Waldrand erreicht, erspähe ich eine Bank im Schatten am Rande einer Wiese. Meine Berliner Begleitung ist sichtlich beeindruckt von meinen prophetischen Fähigkeiten, und wenig später verspeisen wir unsere Brötchen mit Ausblick auf das Ries.

Frisch gestärkt nehmen wir eine halbe Stunde später Anlauf auf das Dorf vor uns, das auf den wundervollen Namen Schweindorf hört. Auch hier gilt: wo Schwein drauf steht, ist noch lange kein Schwein drin, denn wir treffen weder Menschen noch Schweine, während wir kurz die Markierung aus den Augen verlieren und einen Umweg an den Feldern vorbei machen.

Wo der Name kein Programm ist: kein Schwein da, in Schweindorf

Aussichtsloser Höhepunkt für Schneewittchen und die Eiserne Lady

Die Strecke ist heute von der eher unspektakulären Sorte. Erneut folgt ein Waldstück, das abwechselnd Trampelpfade und breite Kieswege im Angebot hat. Es gilt, den Ohrengipfel (650 m) zu erklimmen. Die Erwartung einer hübschen Aussicht treibt mich an. Umso enttäuschter bin ich, als uns zwar ein Schild darauf hinweist, am Ziel zu sein, es aber an selbigem absolut nichts zu sehen gibt: wir stehen mitten im Wald. 

Gut, dass es dran steht. Ohne das Schild hätten wir diesen „Höhenpunkt“ glatt verpasst

Die Unendlichkeit der Schotterwege geht in Phase Drei. Ich fühle mich wie auf dem Laufband, weil der Boden unter mir immer gleich bleibt, während links und rechts identischer Wald vorbei zischt. Gott sei Dank bin ich in Gesellschaft, und so vertreiben wir uns die Zeit mit „Wer bin ich?“ Während ich Margaret Thatcher recht schnell errate, beißt sich Oliver an Schneewittchen die Zähne aus. Aber wenigstens vergeht die Zeit auf diese Weise schneller.

Eine gute Stunde und zwei Persönlichkeiten später erreichen wir gegen vier die Mutterbuche. Uns werden noch ein paar Mutterbuchen auf dem Weg begegnen. Was es damit genau auf sich hat, erschließt sich mir nicht ganz.

Eine besonders prägnante, große Buche, umringt von lauter kleinen Jungbuchen, finde ich jedenfalls nicht, dafür aber einen hübschen Pavillon mit Bank, in dem wir eine letzte Pause machen, Pilze bewundern und Olivers Spezial-Mischung verköstigen, in der zwischen lauter gesunden Nüssen süße M&Ms warten.

Rastplatz Mutterbuche kurz vor Bopfingen, Albsteig HW1
Auch wenn die Mutterbuche (rechts) nicht sonderlich spektakulär ist, kommt der überdachte Pausenplatz wie gerufen

Den Ipf sehen und sterben

Erstaunlich beschwingt nehmen wir das letzte Stück des Weges in Angriff, das zu unserer Freude abschüssig ist. Ausnahmsweise habe ich an den breiten Schotterwegen auch nichts mehr auszusetzen, denn so müssen zumindest weder Wegmarkierungen noch potenzielle Stolperfallen beachtet werden.

Gemütlich auslaufen ist die Devise, und das kommt mir entgegen, denn so langsam spüre ich meine Beine. Durch den Umweg zur Kapelle und ein paar kleine Extraschlenker haben wir bereits knapp 27 Kilometer auf dem Tacho, und wir sind ja noch nicht am Ziel. Gerade am zweiten Tag reicht das.

Zwanzig Minuten später erhaschen wir den ersten Blick auf den Ipf. Bopfingen liegt vor uns und links davon erhebt sich ein plattgedrückter, grüner Hügel mit vereinzelten Sträuchern, die wie Tupfen verteilt sind. Es hat ein bisschen was von Mondlandschaft.

Eine gewisse Faszination kann ich dem Bild aber nicht absprechen, da hat Susanne schon Recht, zumal sich auf einer weiteren Erhebung rechts im Hintergrund die Ruine der Burg Flochberg abzeichnet.

Ausblick auf den Ipf in Bopfingen
Das ist doch der (G-)Ipf(el) – Deutschlands legendärster Berg. Na also. Wer genau hinschaut, kann dahinter die Burg ausmachen und noch weiter hinten unser Ziel (keuch)

Wie so häufig auf Wanderungen zeigt sich auch heute, dass „das Ziel sehen“ und „das Ziel erreichen“ zwei Paar Schuhe sind und dass dazwischen noch ein kleines bisschen Frust gesammelt werden darf. Versteht sich von selbst, dass der Ortskern hinter besagte Burg schlummert, was von hier noch mal knapp drei Kilometer sind.

Auf diesem letzten Stück des Weges möchte ich mich am liebsten einfach auf die Straße legen. Ich habe keine Lust mehr. Ich habe den Ipf gesehen, nach mir die Sintflut. Kann mich bitte jemand abholen?

Es gibt wenig zu lachen auf diesen recht trostlosen Kilometern auf Asphalt, wenn man von meinem Lachanfall absieht, als ich auf die Schilder des Ipf-Expresses aufmerksam werde. Für mich klingt das nach einem ICE für Zwerge und automatisch wird das Areal meines Gehirns stimuliert, das für schwachsinnige Marketing-Sprüche zuständig ist: „Wir bringen sie auf den (G)Ipf(el)“ oder „Werden sie zum (G)Ipf(el)stürmer“, um mal nur ein paar zu nennen.

Zitternde Zimmerübergabe

Oli erträgt den Wahnsinn mit stoischer Gelassenheit und einem Lächeln. Vermutlich ist er aber nicht ganz undankbar, dass wir in zwei verschiedenen Lokalitäten nächtigen und er gleich mal Pause von „Radio Audrey“ haben wird.

Während er genau wie Susanne im Hotel Leonardo übernachtet, habe ich den günstigeren Gasthof zum Bären bei Google Maps ausfindig gemacht. Hier habe ich vor ein paar Wochen telefonisch reserviert und nichts, außer einer mündlichen Zusage erhalten. Ich hoffe, das haut alles hin! 

Aufatmen, als ich an der Theke stehe und der junge Mann sagt: „Da hängt ein Zettel in der Küche, aber ich frag noch mal die Chefin.“ Auf die patente Dame, mit der ich telefloniert hatte, scheint Verlass zu sein, denn wenig später erklimme ich mit dem Schlüssel in der Hand die große Treppe in den ersten Stock des Gasthofs. Natürlich hat alles geklappt, wieso auch nicht?

Das Zimmer ist geräumig genug, um auf dem Boden vor dem Bett ein Ründchen Yoga zur Muskeldehnung einzulegen. Alles ist piccobello, wenn auch von Einrichtung und Stil etwas aus der Mode. Da ich aber angesichts des Preis-Leistungsverhältnisses kein Designhotel erwartet habe, stört es mich nicht im Geringsten. Für meine Bedürfnisse bei einer Wanderung ist es perfekt.

Zimmer im Gasthof zum Bären in Bopfingen
Meine Ruhestätte für die Nacht.

Der beste Kartoffelsalat aller Zeiten

Zum Abendessen treffe ich meine beiden Wanderkumpanen auf der Außenterrasse des Bären. Die unmittelbare Nähe zum Kreisverkehr blenden wir spätestens nach der Hälfte des ersten Bieres aus, und das Essen ist wirklich ein Knaller. Die Kässpätzle sind mega gut, stehen aber im Schatten des besten, lauwarmen Kartoffelsalats, den wir auf dem gesamten Albsteig bekommen werden. Großes Lob an den Küchenchef.

Susanne erzählt von ihrem kleinen Abenteuer, das überraschend glatt über die Bühne gegangen ist. Mit so viel fremder Leute Hilfe hatte sie nicht gerechnet. Doch auch wenn es ihrer Hüfte inzwischen etwas besser geht, traut sie dem Braten nicht so recht und befürchtet, dass morgen ihr letzter Tag sein wird. Wir versichern ihr, ein Auge auf sie zu haben, damit sie nicht fürchten muss, irgendwo im Wald hängen zu bleiben.

Oliver und mir geht es derweil absolut prächtig. Wir überbieten uns mit steigender Bierseligkeit, den herausragenden Ipf mit einem Augenzwinkern in Susannes Richtung zu loben. Auch als diese sich schon längst ins Bett verabschiedet hat, loben wir weiter und ergehen uns in der Planung unseres nächsten Abenteuerurlaubs in Bopfingen, bei dem wir für zwei Wochen im Bären einkehren werden, um dann den Ipf von allen Seiten zu erklimmen, die steile Nordwand inklusive.

Die Chefin des Bären

Die Stimmung auf der Terrasse ist prächtig. Eine gute gelaunte, junge Kellnerin schäkert immer wieder mit Stammgästen und sorgt für Gelächter. Wenig später kommt sie an unseren Tisch. Ich sei doch die Albsteig-Wanderin? Meine Reservierung habe so lange in der Küche gehangen, da wolle sie kurz mal Hallo sagen und gleich klären, ob ich morgen frühstücken wolle. 

Wie sich herausstellt, handelt es sich bei der jungen Frau um die besagte Chefin des Bären. Die hatte ich mir wirklich anders vorgestellt. Vor meinem inneren Auge trug sie Kittelschürze und hatte die 60 längst überschritten. Oli ergreift derweil die Gelegenheit und reserviert für gerade mal acht Euro pro Person ebenfalls Frühstück für Susanne und sich.

Schnell entwickelt sich ein Gespräch, bei dem wir ihr Löcher in den Bauch fragen. Gemeinsam mit ihrem Partner hat sie das Hotel vor nicht allzu langer Zeit übernommen. Zunehmend ruckeln sie sich zurecht. Während er sich um die Küche kümmere, mache sie alles für das Hotel. Da gäbe es noch einiges zu tun. Sie hätten dann doch andere Vorstellungen als der vorherige Besitzer und wollten noch viel ändern.

Ich erzähle, wie ich das Hotel zufällig bei Google entdeckt hätte und latente Sorge hatte, dass die mündliche Reservierung gegebenenfalls nicht klappen könnte. Ach was, der Zettel habe die ganze Zeit in der Küche gehangen und ein Notfallzimmer hätten sie sowieso immer frei. Sei es, weil vom Personal jemand nicht mehr nach Hause wolle oder weil jemand spät ein Zimmer brauche. Außerdem sei es momentan doch sehr ruhig.

Als ich nachhake, ob sie die Anzahl der Gäste nicht mit einer Registrierung bei einer der Hotelplattformen anschieben könnte, erfahre ich, dass das die Hoteliers einiges kostet. Das sei ihnen momentan das Geld nicht wert, gibt sie zu, während Oli und ich erklären, dass wir bei unserer Tourenplanung fast ausschließlich mit diesen Seiten arbeiten würden. Vielleicht lohne es sich ja doch.

Wenn das Obst brennt

Oli berichtet, dass ihm die ehemalige Gasthofinhaberin aus Christgarten erzählt habe, dass sie schließen musste, weil sie es alleine nicht mehr geschafft hätte und sich einfach keine Nachfolger finden ließen. Dieses Schicksal ereile immer mehr Hotels und Gaststätten in der Region.

In Bopfingen scheint ein anderer Wind zu wehen. Die Chefin des Bären berichtet begeistert, wie der Ort sich gerade um eine Generation verjünge. Es gäbe viele junge Leute, die in die Fußstapfen der Eltern treten würden und deren Betriebe übernähmen, sei es als Metzger, Bauer oder Bäcker. Das sei toll, weil man sich seit Jahren kenne, was die Zusammenarbeit enorm erleichtere.

Regionale Produkte würden im Bären groß geschrieben. Das beziehe sich sowohl auf das Essen, als auch auf die Getränke. Ob sie uns einen Schnaps anbieten dürfe? Sie hätten eine ganz tolle Brennerei in der Gegend aufgetan, die hervorragende Tröpfchen aus den Früchten der Streuobstwiesen gewänne.

Streuobst in seiner wohl schönsten Form – mein Favorit ist klar die Schlehe

Ohne unsere Antwort abzuwarten, verschwindet sie und kommt wenig später mit dem Arm voller Flaschen wieder nach draußen. Die Auswahl reicht von Williams Birne, über Himbeere und Pflaume bis zu Schlehe. Wir müssen sie alle probieren und unsere Wirtin trinkt mit.

Und so kommen wir in den überraschenden Genuss einer kleinen Obstbrandverkostung und sind wirklich überrascht, wie gut die Schnäpse schmecken. Die Schlehe wird mein Favorit.

Arm in Arm mit Harald Juhnke

Nur mit Mühe entgehen wir einer weiteren Runde. Wir wollen morgen schließlich wieder wandern. Glückselig, mit leichtem Wanken, mache ich mich auf den Weg ins Bett und fühle mich wie Harald Juhnke. Der definierte Glück einmal als „Keine Termine und leicht einen sitzen.“

Was für ein überraschend toller Abend! Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Wie so oft zeigt sich, dass das Leben eine Reihe von Überraschungen bereithält, wenn man offen ist. Über den Abend im Bären haben Oli und ich jedenfalls bis zum Ende unserer Wanderung immer wieder gern gesprochen und drücken dem jungen Paar alle Daumen, dass sie die Pandemie gut überstehen und bald richtig loslegen können.

Die Webseite des Bären ist nach wie vor nicht auf dem aktuellsten Stand und die hinterlegte E-Mailadresse noch die des Vorgängers. Wer Kontakt aufnehmen möchte, schreibt entweder an diese E-Mail-Adresse oder ruft einfach direkt dort an (0 73 62 / 72 67).  Wanderer mit Hund sind übrigens ebenfalls gern gesehen. Und bitte richtet schöne Grüße aus.

 

Kommentare und Feedback

Jetzt mal Hand aufs Herz: bin ich die Einzige, die den Ipf nicht kannte, oder teile ich diese Bildungslücke mit dem ein oder anderen? Warst du vielleicht schon mal in Bopfingen, gegebenenfalls sogar auf dem Ipf oder dem Albsteig?

Hat dir der Beitrag gefallen? Dann freue ich mich, wenn du ihn teilst. Hast du noch Fragen oder Ergänzungen? Lass es mich wie immer gern in den Kommentaren wissen.

 

Verfolgungswahn

Möchtest du meine heutige Etappe von Mönchsdeggingen nach Bopfingen nachwandern? Ich habe die Strecke mit Komoot aufgezeichnet, so dass du dir den GPX-Track bequem aufs Handy laden kannst.

 

Zeitreise

Rückwärts: Hast du den ersten Tag verpasst und möchtest erfahren, wie ich an meine beiden Mitwanderer geraten bin? Dann komm doch noch mal mit von Harburg nach Mönchsdeggingen zu Abkürzungen und Umwegen, Burgfräuleins und Racheengeln und dem geheimen Rezept für Hamburger Wurstsalat.

Interessierst du dich für den Albsteig (HW1) als Ganzes? Dann schau doch mal in meinen pickepacke vollen Übersichtsartikel mit sämtlichen Informationen rund um Unterkünfte, Packliste und Etappenplanung.

Ich muss das weitersagen

18 Gedanken zu „Albsteig, Etappe 2: Von Mönchsdeggingen nach Bopfingen&8220;

  1. Sehr schöner Blog 😀. Über diese keltische Siedlung habe ich mal eine Sendung gesehen, aber mir den Namen des Hügels nicht gemerkt. Ist wahrscheinlich zu lang 😂😂😂

    1. Danke dir, Hubert. Ich werde Namen vermutlich nie wieder vergessen. Nach den ganzen Wortspielen hat er sich für immer ins Gedächtnis gebrannt 🙂

  2. Ein super Bericht und ein ganz großes Kompliment an den schreibstiel
    Infomativ und trotzdem sehr lustig
    Und übrigens ich kannte den ipf bisher nicht
    Werde ich mir merken für die nächste Stadt Land Fluss Runde. Der Albsteig steht schon lange auf meiner Liste aber eigentlich würde ich gerne in den Hütten übernachten können; vielleicht klappt es ja noch dieses Jahr
    Gruß aus Bayern uli

    1. Vielen Dank, Ulrike! Für die Blumen und dafür, dass ich mit meinem Nicht-Wissen nicht alleine dastehe 😉
      Deinen Plan, den Albsteig in Hütten zu genießen, kann ich nur unterstützen. Aber haben die inzwischen nicht stellenweise wieder auf?
      Und kennst du einen schönen Weg mit Hüttenstruktur? Ich schaue mich gerade um und bin noch recht planlos.
      Lieben Gruß
      Audrey

      1. Vielleicht 🤔 vier Hütten Wanderung am hochköniger oder alpenüberquerung Tegernsee- Sterzing. Gerade im Zillertal gibt es sehr schöne Hütten dann müsste man nicht immer ins Tal absteigen

  3. Hallo Audrey,
    weil wir einen Filmbeitrag über den Albsteig und seinen Beginn mit den vielen breiten, etwas langweiligen Muschelkalksteinschotterwegen gesehen hatten, sind wir überhaupt erst in Bopfingen gestartet. Den Ipf haben wir vor ein paar Wochen nochmal besucht und unglaublicherweise echt bis zu den Alpen geguckt. Da versteht sich’s schon, warum die Kelten diesen Hügel als Wohnort ausgesucht haben…..👍😉

    1. Hi Anne,
      Nicht die dümmste Entscheidung, möchte ich meinen 😂
      Andererseits finde ich es auch in Ordnung, wenn sich die Qualität des Weges langsam steigert. Dann weiß man es definitiv mehr zu schätzen. Von daher würde ich den Albsteig auch nur ungern andersherum laufen wollen.
      Dass man vom Ipf bis zu den Alpen gucken kann, erstaunt mich jetzt aber schon. Damit hätte ich im Leben nicht gerechnet. Vielleicht sollten Oli und ich unsere 2-Wochen-Bopfingen-Pläne wieder aufnehmen 😉

      1. Auch vom Bockberg (bei Harburg) bietet sich an klaren Tagen eine Sicht bis zu den Alpen. 🙂
        Und in nördliche Richtung ins Ries mit dem Kirchturm Daniel als Wahrzeichen für Nördlingen und darüber hinaus zum Ipf.

    1. Danke Inga 🙂 Ich war tatsächlich ganz schön lange schreibfaul. Und es wird mich 100% wieder überkommen, noch bevor der Albsteig fertig ist 😉

  4. Hallo Audrey,
    die Etappen von Bopfingrn nach Gingrn sind wir mit unserer Wanderfreundin Christiane gelaufen und auch wir haben den ganzen Tag über den wunderbaren Namen des Bergs gekalauert. Es würde mich nicht wundern, wenn auch dieser Berg an der Schnittstelle diverser Ley-Linien liegen würde. Bestimmt! 😜

  5. Herrlich, deine Berichte! 🙂 Meine fürs Frühjahr geplante Albsteigwanderung ist leider ins Corona-Wasser gefallen. Aber jetzt kann ich mich wenigstens schon mal mit deinen Erfahrungen vergnügen…..Sehr inspirierend!

    1. Freut mich, Esther, wenn es dich ein bisschen drüberweg tröstet. Ich hatte mich noch gefragt, ob du gestartet bist oder gewartet hast. Hast du ein neues Datum im Auge? Nächstes Jahr oder vielleicht im Herbst?

      1. Leider kann ich mir nicht so bald nochmal so lange frei nehmen und möchte mir den Albsteig deshalb noch aufsparen, bis ich ihn komplett am Stück gehen kann – bei meinem Tempo brauch ich mindestens 3 Wochen. Ich werd jetzt im Herbst erstmal ein Stück auf dem E1 in Schleswig Holstein wandern (hoffe ich mal ganz optimistisch trotz Mutantentenwelle am Horizont….).

  6. Hochrhöner ?
    Vielleicht was für dich.
    Ich lese dann einfach nicht mit, wenn meine große Liebe bewertet wird.
    Lg

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