XIV (Rheinsteig) – Von Schlangenbad nach Wiesbaden

Tag 14 auf dem Rheinsteig verläuft unter dem Stichwort Ende: mein Weg geht zu Ende, ich bin am Ende und ich verlaufe mich ohne Ende. Vorher gibt es noch eine Begnung mit dem Mördermarder vom Bestattungswald – aber das ist ja auch ein Endzeitthema (14. Oktober 2017, 16 km)

Da ist er. Der letzte Tag meiner Reise ist angebrochen. Das ist vermutlich auch gut so, denn wie der Teufel es will, gibt mein Deo nach dem Sprühen heute Morgen den Geist auf. Ich werte das mal als ein Zeichen.

Mit wackeligen Beinen und der seit Tagen drückenden Stelle unter dem linken Fuß wackele ich die Treppe zum Frühstück runter, immer schön eine Hand am Geländer, weil ich meinen eigenen Beinen nicht so recht traue. Noch einmal Zähne zusammenbeißen und den letzten 16 Kilometern fest in die Augen blicken. Dann ist der Rheinsteig vollbracht.

Der Frühstücksraum ist bis auf ein anderes Paar menschenleer. Ich lasse mir Zeit. Laut Tourenplaner erwartet mich heute ein Misch aus städtischen und naturbelassenen Arealen. Von der Rheinsteig-Webseite weiß ich, dass ich außerdem ein paar Umleitungen wegen Bauarbeiten an einer Autobahnunterführung über mich ergehen lassen muss, aber eben auch ein letztes Mal durch Wingerte und Wälder und außerdem ein ganzes Stück direkt am Rhein entlang laufen werde. Rhein zum Anfassen hatte ich ja die ganze Zeit so gut wie gar nicht.

Der Mörder-Marder vom Bestatterwald

Um zehn starte ich die letzte Etappe. Ich komme noch einmal am Schlangenbrunnen vorbei und tauche dann recht bald in den Wald ein, der am Rande einer Ortschaft verläuft. Ab und zu sehe ich Häuser durchscheinen oder höre einen Hund bellen. Es ist absolut friedlich, und wie angekündigt blitzen Sonnenstrahlen durch das Blätterdach über mir.

Nach einer Dreiviertelstunde erreiche ich die Ludwig Schenk Hütte, eine Holzhütte mit Blick auf den beeindruckenden „Grauen Stein“. img_8120Wie aus dem Boden gewachsen liegt dieser Gigant vor mir, als hätte ihn irgendein urzeitlicher Riese hier fallen lassen. Er wird übrigens als Übungsplatz zum Klettern genutzt. Neben meiner Hütte ist eine Bushaltestelle mit dem wenig aufmunternden Hinweis „Bestattungswald“. Klingt etwas morbide!

Auf dem Weg vor mir läuft ein älteres Paar, bei dem auf einmal Unruhe ausbricht. Ein kleiner, flauschiger Hund kommt durch das Laub auf uns zu gestürmt. Die Frau vor mir schreit: „Oh Gott, ein Marder!“ und klammert sich panisch an ihren Gatten, während ich mir einmal mehr vorkomme, als befände ich mich urplötzlich in einem Loriot-Sketch .

Die junge Frau, der der Hund gehört, ruft aus der Ferne: „Der tut nichts!“. Parallel schreie ich von hinten: „Das ist nur ein Hund.“ Es dauert ein paar Sekunden, bevor die Dame vor mir das Szenario in seiner Gänze erfasst hat. Ich sah sie schon mit einem Herzkasper zu Boden sinken. Wir befinden uns schließlich in der Nähe des Bestattungswaldes, da weiß man ja nie. Vielleicht fordert dieses Fleckchen Erde ja ein tägliches Menschenopfer, bzw. einen neuen Mitbewohner.

Als wir alle zusammenstehen, kann sie darüber lachen. Der perplexen Hundebesitzerin, mit der ich mich im Anschluss noch ein wenig unterhalte, erkläre ich, wieso die ältere Dame auf ihre kleine Flauschkugel so panisch reagiert hat. Als sie von der Verwechslung mit dem Marder hört, kann sie gar nicht mehr aufhören zu lachen. Das ist ihr auch noch nicht passiert.

Der Wald und das Thal der Frauen

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Ich laufe nach so viel Abenteuer erst mal wieder alleine weiter und nähere mich einem Parkplatz in der Nähe des ehemaligen Monstranzenbaums, der, genau wie sein Kollege Unkenbaum von gestern, längst nicht mehr steht.

Auf dem Parkplatz dahinter bereitet eine Gruppe Hundehalter ein Picknick vor. Ich bedanke mich und sage, dass das ja gar nicht nötig gewesen wäre, doch mein Witz verhallt unverstanden. Humor ist, wenn man wenigstens selbst drüber lachen kann und ich kann.

Im Sonnenschein geht es einen alleeartigen Weg hinunter, über mir Blätter in gelb und rot. Es könnte schlimmer kommen, finde ich und schlendere gemütlich weiter. Links weg geht es auf den Schlangenpfad, der sich im Einklang mit seinem Namensgeber schmal nach oben windet. Wie bereits gestern zeigt sich die Äskulapnatter nicht, obwohl ich akribisch in sämtliche Steinritzen nach ihr Ausschau halte. Heute wäre doch eigentlich ein guter Tag zum Sonnenbaden? Es bleibt dabei, wir lernen uns nicht kennen.

img_8125Kurze Zeit später komme ich in Frauenthal an, einen Ortsteil Wiesbadens. Wie es scheint, bin ich tatsächlich bald am Ziel. Zuerst aber durchquere ich den Ort.

Ähnlich wie an der Mosel sind einige Weinlokale mit hübschen, altertümlichen Schildern und Kronen herausgeputzt. Jetzt erschließt sich mir auch, wieso mir der Ortsname bekannt vorkam: der Wein, den ich in Winkel zu meinem Risotto getrunken habe, stammte von hier. Mir war gar nicht, dass er so sehr aus der Nähe kommt.

Goethe in Ägypten

Hinter dem Ort erwartet mich ein kurzer, aber steiler Aufstieg durch Wiesen hinauf zum Goethe-Stein. Es handelt sich um eine steinerne Minipyramide, die dem Dichterfürsten zu Ehren in den 30er Jahren errichtet wurde, um an seinen Besuch hier zu erinnern.img_8128 Ich bin ganz schön aus der Puste, als ich oben bin und sinke auf die nächste freie Bank in der Sonne.

Es ist herrliches Wetter. Für einen Tag ist der Sommer noch mal zurück. Ich zippe meine Hose auf kurz und schäle mich aus dem Longsleeve. Die ärmellose Variante, die ich darunter trage, reicht völlig. Ich genieße ein zweites Frühstück und lasse mir Zeit. Schließlich ist heute der letzte Tag und die Sonne werde ich so oft auch nicht mehr sehen.

Anschließend führt mich der Weg sanft abwärts. Ich komme am Nürnberger Hof vorbei, ein weiterer Ort, den Goethe beehrte. Mir schießt der Wüstenhof vor Koblenz durch den Kopf, den der Dichter ebenfalls besuchte. Das liegt gefühlt ewig zurück.

Ich selbst spare mir einen Abstecher und erfreue mich lieber an den vielen Obstbäume, die meinen Weg säumen. Im Frühling, wenn alles blüht, ist es hier sicher traumhaft.

Traditionspflege Verlaufen

Es sind vereinzelt Spaziergänger unterwegs. Gedankenverloren betrachte ich ein älteres Paar, das Hand in Hand in einiger Entfernung vor mir den Weg hinab geht und auf einen Wingert im Sonnenschein zuläuft.img_8129

Vielleicht hänge ich zu sehr meinen Gedanken nach. Kurz danach kommt es für mich jedenfalls ein letztes Mal zu einer epischen Verlauftragödie in mehreren Akten. Traditionen wollen ja gepflegt werden.

Es beginnt damit, dass ich zwischen den Weinstöcken den Weg verliere, von daher auf besagtem asphaltiertem Pfad bleibe und auf einen kleinen Bach stoße, dem ich weiterfolge. Auf der Karte sieht das soweit korrekt aus, aber das wahre Leben ist nun mal keine Wanderkarte.

Irgendwann wird der Pfad zu einem Trampelpfad. Fünf Minuten stellt er seine komplette Existenz ein. Ich bin offensichtlich falsch gelaufen und ja, jetzt wo ich darüber nachdenke, habe ich tatsächlich auch schon länger kein Rheinsteigschild mehr gesehen. Es nützt nichts. Ich muss ein Stück zurück.

Erst eine Viertelstunde später finde ich die ersten Rheinsteig-Markierungen wieder, drehe mich um und mache mich erneut auf den Weg. Diesmal gehe ich bewusst langsam. Doch auch im zweiten Anlauf will es mir nicht gelingen, denn ich verliere erneut die Spur.

Mühlenhass in mehreren Akten

Im dritten Anlauf klappt es. Ich muss auf direktem Wege durch den Weinberg. Das kann ja nun wirklich keiner ahnen. Nachdem ich das endlich begriffen habe, schaffe ich es immerhin bis in die Nähe der Gorother Mühle, meinem persönlichen Hassort für heute, wie sich herausstellen soll.

Erneut verabschiedet sich die Markierung sang und klanglos. Erst schickt sie mich frontal zu einem Pferdegatter, dann gibt es keine klare Richtung mehr. Das Symbol könnte theoretisch in alle Richtungen gehen. Da ich mich wie immer beim Kartenlesen unheimlich geschickt anstelle, entscheide ich aus dem Bauch heraus. Ich gehe nach links. Wenige Minuten und keine Markierung später, kehre ich um.

Nun versuche ich es rechts herum. Das fühlt sich fürs Erste okay an. Ich laufe weiter, bis ich fast an der Gorother Mühle stehe. Ich bin zwar wahrlich kein Karten-Profi, aber um zu sehen, dass das falsch ist, reichen selbst meine Fähigkeiten. Also wieder zurück zum Pferdegatter. Keine Menschenseele zu sehen, die ich fragen könnte.  Ich gehe noch jeweils einmal in beide Richtungen. Vergebens. Ärgerlich. Zu allem Überfluss ist es inzwischen ganz schön heiß und die Erkundung dieser überflüssigen Ecke kostet mich insgesamt sicherlich eine halbe Stunde.

Endlich taucht eine Frau auf, die mit ihrem Hund spazieren war. Ich hoffe auf eine Anwohnerin und habe Glück, zumindest was ihre Herkunft anbelangt. Ja, sie wohne hier, aber wo der Rheinsteig verlaufe, das wisse sie leider auch nicht. Sie werde aber häufiger danach gefragt, wenn sie mit dem Hund draußen sei. Immerhin scheine ich nicht die einzige zu sein, die es an dieser Stelle nicht peilt.

In dem Moment kommt ein Mann mit Rucksack angelaufen, der auf Nachfrage bestätigt, ebenfalls auf dem Rheinsteig unterwegs zu sein. Er ist heute Morgen in Wiesbaden gestartet und läuft eine Woche lang in entgegengesetzter Richtung. Im Frühjahr plant er Teil zwei. Wir helfen uns gegenseitig. Ich weise auf die Fallstricke der nächsten Metere hin und er weist mir zumindest die ungefähre Richtung, denn auch er hat sich eher schlecht als recht durchgeschlagen. Er sei sogar über eine Absperrung geklettert, erzählt er mir.

Quer durch den Schrebergarten

Das nächste Stückchen verläuft auf dem Rasenstreifen, der Kleingärten auf zwei Seiten voneinander abgrenzt. Ich wundere mich, dass dies tatsächlich der offizielle Weg ist. Persönlich schaue ich total gern in anderer Leute Wohnung oder Garten. Ob die das umgekehrt so toll finden, weiß ich nicht zu sagen. Bei dem mega Wetter sind natürlich viele Menschen in den Gärten. Der ein oder andere grüßt sogar.

Als der Rasenweg beendet ist, kommt die erste Umleitung des heutigen Tages zum Zuge. Eigentlich wäre man rechts herum und durch einen kleinen Tunnel geführt worden. Nun geht es links herum in Richtung einer Straße. An der Ecke steht eine Bank, die ich für eine kleine Pause nutze. Während ich mir mein Brot reindrücke, kommen zwei Männer in ihren frühen Vierzigern auf mich zu und halten kurz an. Zeit für einen Zwischenstopp, man laufe ja bereits seit einer Stunde, sagt der eine und holt die Bierflaschen aus dem Rucksack. Der Rucksack sei eh viel zu schwer, murmelt er in meine Richtung. Dass man auf einer Wanderung ernsthaft Getränke in Glasfaschen mit sich herumschleppt, um diese lauwarm zu konsumieren, finde ich, gelinde gesagt, interessant.

Ich erkläre ihnen ungefragt, wo sie lang müssen, wenn sie auf dem Rheinsteig laufen wollen. Sie entscheiden sich für den Weg weiter entlang der Straße und gehen, das Bier am Anschlag. Das Gleiche passiert mir fünf Minuten später mit einem Pärchen. Diese fragen mich sogar extra, ob ich wisse, wo der Rheinsteig verlaufe, und ich weise hinter mich und ergänze, dass sie rechts zwischen den Gärten durchgeführt werden und dies der offizielle Weg sei, auch wenn es nicht so aussehe. „Das kann doch nicht stimmen!“, raunt sie ihm zu, „wir gehen einfach hier weiter die Straße entlang.“

Offensichtlich mache ich heute keinen sonderlich vertrauenserweckenden Eindruck und man hält mich für das Mitglied einer Schlepperbande, die es auf Wanderer abgesehen hat.

Den Abgasen hinterher in Richtung Zivilisation

Ich selbst laufe nun an der Straße entlang und werde kurz darauf auf einer Brücke über die Autobahn geführt. Was für ein trostloses Stück! Man läuft einfach immer der Nase nach, Abgase sind die Wegweiser. Das ist wohl immer dasselbe, egal, ob auf Jakobswegen oder Rheinsteigen: sobald man sich Städten nähert, wird es nicht gerade schöner.

Ich werde durch eine Graffiti-versiffte, kleine Unterführung mit Urin-Aroma geleitet und laufe dann auf der anderen Seite durch ein Wohngebiet. Sagen wir es so: Diese Ecke von Schierstein ist nicht unbedingt das Villenviertel, wenn ihr wisst, was ich meine. Ich stapfe am Areal des örtlichen Fußballvereins vorbei und gehe unter Bäumen entlang, in Richtung des Yachthafens. Vor mir liegen noch knapp fünf Kilometer. In spätestens anderthalb Stunden sollte ich also am Ziel sein.

Ich hatte es auf diesem Stück offenbar so eilig, an zu kommen, dass ich gar keine Fotos mehr gemacht habe. Weder von all den Schiffen, die im Hafen liegend in der Sonne glänzen, noch später vom Rhein selbst.

Es ist richtig heiß, und ich bekomme latente Kopfschmerzen. Ich habe zu wenig getrunken und spekuliere darauf, mir irgendwo an einem Kiosk etwas kaufen zu können (selbst an Tag 14 des Rheinsteigs behalte ich meinen Optimismus bezüglich etwaiger Trinkstationen unterwegs, ich Trottel).

In die Stadt Rhein

Der Rheinsteig verläuft einmal um das imposante Hafenbecken herum, dann stehe ich tatsächlich direkt am Rhein. Überall liegen Leute in Bikini oder Badehose im Gras und sonnen sich. Mein Rucksack und ich laufen weiter. Wir passen nur bedingt in das Szenario der Sonnenanbeter.

Ab hier gibt es nur noch Asphaltwege, und ich kann euch sagen, dass das nicht der angenehmste Untergrund ist, auf dem man laufen kann. Irgendwann brennen einem nämlich leider die Füße. Ich ziehe kurz in Erwägung, in meine Turnschuhe zu schlüpfen, entscheide mich dann aber dagegen. Zu viel Gedöns, die Wanderschuhe zu verstauen. So weit ist es nicht mehr.

Mit meinen latent zittrigen Beinen bin ich froh, Stabilität von unten zu erhalten, auch wenn das heißt, dass die Schuhe deutlich schwerer sind. So stolpere ich die anmutige Dyckerhoff-Brücke hoch und werde dabei fast von einem Rollstuhlfahrer umgemäht, der bei der doch recht steilen Abfahrt ordentlich Fahrt aufgenommen hat.

Einmal hoch, einmal runter, geradeaus, am Bootsclub vorbei und dann kurz in Richtung eines Industriegebiets, wo mich die nächste Sperrung erwartet. Auf meinem Umweg teile ich mir meine Strecke mit Fußgängern und Radfahrern. Nach gefühlt 20 Minuten (wahrscheinlich waren es nur 10) bin ich wieder am Rhein, wo ich eine letzte Pause mache.

Stell dir vor, du kommst an uns keinen interessiert’s

Nicht mehr lange, und ich kann das Schloss in Bieberich sehen. Hier hat Goethe übrigens seinen 65. gefeiert! Mir ist auch ein klein wenig nach feiern zumute. Auf den letzten Metern werde ich langsamer und setze jeden Schritt bewusst. Gleich ist es vorbei.

Es hat lange nicht die Symbolkraft, die das Erreichen Santiagos beide Male für mich hatte, denn diesmal warten keine Mitwanderer auf mein Eintreffen, niemand feiert, niemand weint, niemand sinkt neben einem erschöpft zu Boden, keine Gruppenfotos, kein gemeinsames Singen.

Ich mache diese letzten Schritte genau wie den Großteil des Rheinsteigs allein. Und doch ziert ein breites Grinsen mein Gesicht, als ich um 15:25 Uhr ankomme. Ich habe es geschafft. Ich bin da, und ich bin stolz.img_8132

In 14 Tagen habe ich mir diesen Rheinsteig zu eigen gemacht. Mit Höhen und Tiefen, topographisch wie auch emotionalen oder physiologisch. Ich habe nur ganz kleine Stückchen ausgelassen, dafür habe ich andere doppelt (und dreifach) absolviert. Ich habe Deutschland gesehen und zwar aus der Nähe.

Die Idee, nicht immer nur das Ausland zu durchwandern, sondern auch mal vor der (ehemaligen) Haustür zu schauen, war nicht die schlechteste Entscheidung. Deutschland ist schön. Sehr schön, um genau zu sein. Eine freundliche Dame erklärt sich bereit, ein Foto von meinem Zieleinlauf zu machen.

Servicewüste Wiesbaden

Vor dem Schloss befindet sich eine große Café-Terrasse, auf die ich zielstrebig Anlauf nehme. Jetzt endlich etwas Kaltes trinken und einen Kaffee und vielleicht noch Kuchen dazu. Oder einen Sekt? Das habe ich mir wahrlich verdient, zumal die Hose vom vielen Laufen ziemlich schlackert.

Was soll ich sagen? Ich habe kein Glück. Gerade noch freue ich mich, dass ich einen Platz im Schatten ergattert habe, da fegt auch schon eine Kellnerin, die offensichtlich mit den Nerven völlig am Ende ist, über die Terrasse und verkündet zu meiner großen Überraschung erst, dass es sehr lange dauern wird, und kurz darauf, dass der Service draußen in diesem Moment komplett eingestellt wird.

Die Inhaber sind offensichtlich vom guten Wetter überrascht worden und hoffnungslos unterbesetzt. Ich habe nur wenige Minuten zuvor beim Kollegen der Dame eine Bionade bestellt (da muss man ja streng genommen lediglich den Kronkorken entfernen). Den Part mit Kaffee und Kuchen habe ich auf sein Anraten gelassen, um so hoffentlich schnell zu meinem Getränk zu kommen. Nun erklärt seine gestresste Kollegin, dass ich gehen kann. Ich würde nämlich nicht mehr bedient. Ich sage ihr, dass ich bereits bestellt habe. „Na dann viel Glück“, zischt sie.

Auf der Terrasse wird die Stimmung immer schlechter. Die Leute ärgern sich entweder, weil sie immer noch keine Getränke haben, andere weil sie jetzt aus dem Nichts abkassiert werden, wieder andere weil sie bezahlen wollen, aber keiner kommt und dann gibt es noch die, die gerade angekommen sind und denen man erklärt, dass sie wieder gehen müssen.

Es herrscht Ausnahmezustand. Das Geschirr stapelt sich auf den Tischen. Zum Abräumen ist hier schon lange keiner mehr gekommen. 30 Minuten später ist von meiner Bionade immer noch nichts zu sehen. Wäre ich nicht so k.o. und durstig, ich wäre längt gegangen. Völlig lethargisch hänge ich in meinem Stuhl und sehe einem Pärchen zu. Die beiden haben sich erbarmt und begonnen, die Tische abzuräumen und werden irrtümlich immer wieder für Kellner gehalten und wiederholen dann gleichbleibend lächelnd „Wir helfen nur aus, die können nicht mehr“.

Als die halbe Terrasse leer ist, die Tische abgeräumt sind und die Kellnerin von vorhin noch einmal raus kommt, um sich zu bedanken, fällt ihr Blick auf mich. Was ich denn vor Urzeiten bei ihrem Kollegen bestellt hätte? Ich seufze „Bionade“ und tatsächlich, fünf Minuten später halte ich das Kaltgetränk endlich in Händen. Das hatte ich mir wirklich anders vorgestellt.

Nix wie weg

Die Entscheidung, Wiesbaden umgehend zu verlassen, ist schnell getroffen. Dazu war unsere Zusammenkunft einfach zu ungünstig. Der Zug zurück nach Bonn fährt ab Mainz, und so hält mich hier wahrlich nichts mehr. Der Weg ist (etwas unglamourös) ausgeklungen. Ich möchte so schnell wie möglich in meine normalen Klamotten und damit in mein normales Leben schlüpfen, also auf nach Bonn.

Im Netz mache ich mich hinsichtlich der Bus- und Bahnverbindungen schlau. Der Bus nach Mainz fährt ganz in der Nähe des Biebericher Schlosses ab und zwar in fünf Minuten, um genau zu sein und so renne ich, die Bionandenflasche noch halbvoll in der Hand, los. Dass ich überhaupt noch rennen kann, überrascht mich selbst, aber ich möchte jetzt auch ungern noch eine weitere Stunde hier festsitzen.

Ein unrühmliches Ende

An der Bushaltestelle werfe ich einen letzten Blick auf den Rhein in der prallen Sonne. Dann kommt der Bus.img_8133 Am Mainzer Hauptbahnhof besorge ich mir gleich zwei Stück Pizza und einen Pappbecher voll Limo, um mich damit in die Sonne zu setzen. Leider liegt der Vorplatz des Bahnhofs im Schatten.

Ich bahne mir meinen Weg durch lauter Lederhosen und Dirndl (irgendwo in der Nähe muss ein Oktoberfest sein) und erspähe einen Sonnenplatz an einer Bushaltestelle, wo ich mich wenig später über mein Festmahl hermache. Das hat Klasse.

Wenig später sitzt ein älterer, leicht verwahrloster Herr neben mir und drückt mir augenblicklich ein Gespräch auf. Ein sehr konfuses noch dazu. Über Verschwörungstheorien und seine verstorbene Frau, den Mainzer Fußball und das unpassend warme Wetter, zwischendurch immer wieder die Frage, ob es mir schmecke, ein Blick auf den Rucksack und der Hinweis, dass das viel zu viel Zeug sei, wie ich heiße, woher ich komme, ob ich einen Freund habe.

Er hört nicht auf. Im Stakkato feuert er seine Worthülsen ab. Anfangs noch freundlich werde ich immer knapper in meinen Antworten. Ich ärgere mich. Ich hätte so gern meine Pizza in Ruhe in der Sonne gegessen. Wieso bekomme ich, wenn ich denn mal Gesellschaft habe, eigentlich überproportional häufig die Penetranten oder Gestörten ab?

Kaum aufgegessen, erhebe ich mich daher und gehe augenblicklich zurück in den Bahnhof. Zu meiner großen Freude gibt es oben einen Drogeriemarkt, der tatsächlich auch Mini-Deos verkauft. Dann kann die Zugfahrt ja kommen. Weder Mitfahrer noch meine Freundin sollen naserümpfend das Weite suchen müssen.

Rheinsteig in drei Stunden

Um fünf setzt sich der Zug in Bewegung. Auf nach Bonn, wo vor zwei Wochen alles begann. Die Zugfahrt kommt mir vor, als würde ich im Daumenkino meine Wanderung rückwärts laufen lassen. Ich fahre auf der anderen Rheinseite, so dass sich mir die Bahn ein Wiedersehen mit den meisten meiner Wanderstationen bietet.

Ich bin tatsächlich ziemlich beeindruckt von der Länge der Strecke, die wir zurücklegen, während ich Ort um Ort, Burg um Burg wiedererkenne. Fast drei Stunden Zugfahrt braucht es, um die Strecke zurückzulegen, die ich zu Fuß in 14 Tagen erledigt habe (ich fahre Regionalbahn, aber dennoch). Dieser kleine Rückblick ist der perfekte Abschluss für die Tour und damit auch für diesen Bericht.

Was war danach?

Es hat eine ganze Woche gedauert, bis meine Beine nicht mehr leicht wackelig waren und vier Wochen, bis die Druckstelle, die von einer Blase unter meinem linken Fußballen herrührte, nicht mehr zu spüren war. Ich habe viel geschlafen und bin dennoch nicht wirklich erholt im neuen Job gestartet.

Auch wenn ich vielleicht noch ein wenig platt war, ist doch zumindest das eingetreten, was ich mir von der Wanderung erhofft hatte: ich habe unterwegs einen großen Cut gemacht, das Kapitel meiner alten Arbeit komplett hinter mir gelassen und bin frisch und offen in den neuen Job gestartet. Es war die perfekte Wanderung, um ein bisschen Abstand zu bekommen und sich frei für lauter neue Dinge zu machen.

Wie geht es hier weiter?

Das Blog-Projekt Mosel-Camino/Rheinsteig war ein Testballon. Als ich Ende Oktober, an einem meiner letzten freien Tage, damit begann, wusste ich nicht, wie es laufen wird. Würde das Konzept, wöchentlich eine Etappe zu verbloggen, aufgehen? Würde es mir Spaß machen (also auch noch nach vier Wochen)? Würden die Berichte auf Resonanz stoßen?

Die Antworten lauten dreimal ja: Es macht mir unheimlich Spaß, meine Wanderungen zu erzählen, auch noch nachdem ich euch gerade die 21. Etappen erzählt habe. Der Rhythmus, einmal wöchentlich zu posten, hat sich ebenfalls bewährt, denn es dauert doch immer länger als gedacht, bis ich bei meinem Bericht auf „jetzt veröffentlichen“ klicke.

Und was die Resonanz anbelangt, so bin ich überwältigt. Ob direkt hier im Blog, bei Instagram oder bei Twitter – es ist großartig zu sehen, wie viele Outdoor-Interessierte es gibt und einfach absolut genial, was als Feedback zurück kommt. Ich freue mich vor allem immer sehr über eure Kommentare. Ich hoffe, dass sich noch viele Leute, die sich entweder für Wanderungen auf Mosel-Camino oder Rheinsteig interessieren oder die einfach nur ein bisschen unterhalten werden wollen, hierher verirren.

Weil ich nun einmal angefixt bin vom Bloggen, geht es an dieser Stelle natürlich weiter. In vielen meiner Berichte gab es ja bereits Koreferenzen auf die Jakobswege. Ich werde auf Chronologie verzichten und mir als nächstes meinen Camino Francés aus dem Jahre 2016 schnappen. Er war meine erste Fernwanderung, meine weiteste Wanderung und bis heute eine ganz besondere Wanderung. Ich freue mich jetzt schon tierisch darauf, noch einmal in diese Wanderung einzutauchen und sie mit euch zu teilen. Sie bestand zu 50% aus Wegen und zu 50% aus Begegnungen.

Wie ich mit den Menschen hinter diesen Begegnungen verfahre, muss ich mir noch überlegen. Nicht alle Erlebnisse werde ich hier wiedergeben können, weil sie oft genug nicht mich sondern andere Menschen betrafen, aber da wird mir schon was einfallen. Hoffentlich gelingt es mir, die ganz besondere Stimmung für euch einzufangen und zu spiegeln.

Ich hoffe außerdem sehr, dass ich euch zum Weiterlesen bewegen kann, auch wenn es dann nicht mehr um Wandern in Deutschland geht. Gleichzeitig wäre es natürlich schön, mit dem inzwischen populären Thema Jakobsweg neue Leser zu finden, die sich dann vielleicht auch zum Wandern in Deutschland bekehren lassen. Denn je mehr Menschen da draußen unterwegs sind, desto schöner werden Fernwanderungen in Deutschland nämlich werden.

 

Kommentare und Ergänzungen

Wir haben den Zieleinlauf gemeinsam geschafft – hat es dir gefallen, konntest du neue Informationen gewinnen oder alte Erinnerungen wecken?

Warst du selbst auf dem Rheinsteig unterwegs? Bist du ihn in Stückchen oder am Stück gelaufen?

Ich freue mich wie immer über deinen Kommentar.

Zeitreise

Du möchtest wissen, wie alles begann? Dann komm mit mir zurück zu Tag 1 von Bonn nach Königswinter, dem Tag mit verschüttetem Kaffee, einem Rucksack voller Steine, umtriebigen Mönchen, einem Denkmal für H.P. Baxxter, einem kleinen Kater und keinem Drachen.

 

Themenwechsel

Und hier findest du die Berichte rund um meine Jakobswege: den Mosel-Camino und den Camino Francés.

Ich muss das weitersagen

14 Gedanken zu „XIV (Rheinsteig) – Von Schlangenbad nach Wiesbaden&8220;

  1. Liebe Audrey,
    herzlichen Glückwunsch nachträglich zur Vollendung des Rheinsteigs – in so kurzer Zeit! 14 Tage ist eine echte Hausnummer!
    Und wie schön für mich, meine Erinnerung wieder aufzufrischen, z.B. in den Weinbergen, wo der Weg plötzlich weg war. Bei mir auch, aber ich habe ja zum Glück noch einen umgefallenen Wegweiserpfahl im Gras entdeckt. Und ich hatte Stelle dem Rheinsteigbüro gemeldet. Ts, ts, ts..
    Ich bin beim Schloss angekommen ja auch so fluchtartig wieder heim gefahren wie du, obwohl es super schönes Wetter war und ich die Ankunft eigentlich hätte genießen können. Schon komisch, oder?
    Freue mich auf weitere Berichte, egal von welcher Wanderung!
    Liebe Grüße
    Aurora

  2. Herzlichen Glückwunsch, erster großer Teil geschafft!
    Und ich freue mich auch weiterhin jede Woche auf einen neuen Bericht, von welchem Weg er auch stammen mag (aber ja, besonders auf den nächsten Teil, bin gespannt 😉 )!

  3. Ein großes Dankeschön für’s Mitnehmen auf den Wanderungen, und ich hoffe auf viele weitere Einträge – von vergangenen und zukünftigen Wanderungen (und Begegnungen).

  4. Schöner Beitrag. Vor allem gefallen mir die großen, hochauflösenden Fotos und die Zwischenüberschriften. 🙂 Du weißt, wie ich es meine. (Alle anderen: Sie weiß, wie ich es meine).

    Weiter so mit deinem Blog! Auf viele, neue Wanderpartnerschaften.

    LG,
    Jan

  5. Vielen Dank für den Bericht zum Rheinsteig, den ich als Wiesbadener in seinen Endstücken so ab Rüdesheim kenne. Die Wegfindungsschwierigkeiten bei Frauenstein kann ich auch nur unterschreiben. Noch ein Tip zum absoluten Ende: Ein paar Meter Flußaufwärts vom Schloß Biebrich aus gibt es mein Lieblings-Eiscafé, die hervorragendes selbst gemachtes Eis machen und auch gute Weine anbieten. Wer noch Hunger hat, ist bei dem Mexikaner direkt daneben sehr gut aufgehoben. An die Gastronomie im Schloß habe ich auch keine guten Erinnerungen. Bei mir ist es jetzt noch einen Monat, bis ich auf dem Camino del Norte in Irun loslaufe. Freu mich schon …

    1. Hi Markus, danke für deine Nachricht. Den Italiener habe ich aus dem Bus erspäht. Dazu war es dann leider schon zu spät, aber die Schlange war gigantisch.
      Viel Spaß beim Camino del Norte. Ich ziehe ernsthaft in Erwägung, Ende September bis Santander zu laufen (mehr Zeit habe ich nicht). Machst du ihn komplett?
      Und bist du mal die Rheinsteig-Etappen gelaufen oder nur das Stück bei dir in der Ecke?

  6. Hallo Audrey,
    wieder mal vielen Dank, dass du deine Erfahrungen teilst. Ich habe mir für den Spätsommer den Camino Frances vorgenommen und laufe aktuell in Etappen (immer sonntags) den „Weg der Blicke“ (146km+Abstecher und Umwege) hier in Nordlippe – zum trainieren und einstimmen. Reiseberichte wie deine runden das Einstimmen ab.
    Buen Camino!
    Marc

    1. Hey Marc,
      Großartig, dass du auch noch die „alten Kamellen“ durcharbeitest. Zumal du an dem Punkt meines Trips angekommen bist, an dem ich echt keinen Bock mehr hatte 😂😂
      Schön, wenn es dich dennoch unterhält oder einstimmt. Und freu dich auf den Spätsommer!!
      Schönen Abend,
      Audrey

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