Camino Frances #4: Von Roncesvalles nach Zubiri

Etappe 2 auf dem Jakobsweg: wir machen eine kleine Talfahrt, der Allgemeinzustand ist klamm, die Unterkünfte laufen über, und es riecht nach Klementine und nassem Hund (30. April 2016, 23 km)

Ich habe unruhig geschlafen und wache bereits um halb sechs auf. An Rumdrehen ist nicht mehr zu denken. Die Luft in dem kleinen, fensterlosen Raum ist zum Schneiden, und außerdem bin ich viel zu aufgeregt. Um mich herum wuseln bereits die Ersten. Hier blitzt eine Taschenlampe auf, dort wird mehr oder weniger leise geflüstert und jemand hustet sich die Seele aus dem Leib. Als ich mich aufsetze, schwankt das ganze Bett. Falls derjenige unter mir noch geschlafen haben sollte, ist er jetzt zumindest wach. Ich schnappe mir meinen Schlafsack und das Kissen samt ihren Verpackungsbeuteln und verschwinde in den angrenzenden Flur, wo ich sie auf dem Boden bei Licht zusammendrehe und -quetsche. Hier gibt es wohl noch Verbesserungspotenzial, denn es kostet mich drei Anläufe, bis der Schlafsack endlich in seiner Hülle steckt. Ich schleiche noch einmal zurück in meinen Schlafsaal, um das restliche Zeug zu holen. Hier hat inzwischen jemand das Licht angemacht, obwohl noch Leute schlafen. Finde ich ziemlich daneben, denn es ist gerade mal viertel vor sechs und offensichtlich war sich hier ganz pragmatisch jemand selbst der Nächste.

Als ich erneut mit meinem kompletten Stuff im Flur hocke und meine Sachen immer wieder umpacke (ich bin noch lange nicht an dem Punkt, an dem alles seinen festen Platz hat), höre ich von hinten eine vertraute Stimme: Rob. Ich hatte keine Ahnung, dass mein Lieblingsniederländer nur ein Zimmer von mir entfernt geschlafen hat. Ich bin froh, ihn zu sehen und er verspricht, noch kurz auf mich zu warten, während ich Zähne putzen gehe. Das nenne ich mal einen angenehmen Zufall. Wir hatten uns nicht verabredet und ich hatte mich darauf eingestellt, erst mal allein zu laufen.

Um sieben geht es los. Draußen ist es noch dunkel und zu meiner großen Verwunderung ist es nass. Zwar fällt gerade kein Regen, aber der Boden ist feucht. Kein Vergleich zu gestern. Rob und ich verlassen das Klostergelände und befinden uns innerhalb kürzester Zeit in einem Wäldchen. Die Markierungen sind in der Dämmerung trotzdem gut zu erkennen. Schon irgendwie verrückt, dass man vor sieben Uhr das Wandern beginnt. Ohne Frühstück oder sonst was. Ich hoffe sehr, dass es im ersten Ort in ca. zweieinhalb Kilometern Kaffee gibt. Mit nüchternem Magen zu laufen, stört mich nicht, aber ich vermisse meinen Milchkaffee und die Zigarette dazu. Entsprechend schweigsam bin ich. Man könnte es sicherlich auch leicht grummelig nennen.

Nach einer guten halben Stunde ist Licht am Ende des Waldes, und wir werden vor einer Häuserreihe ausgespuckt – et voilá, eins davon entpuppt sich als Café. Eine lange Schlange von Pilgern bestellt Kaffee und Frühstück. Für uns gibt es zwar nur noch ein Plätzchen draußen, aber das soll mir als dem Raucher von uns beiden nur Recht sein. Meine Stimmung schießt unmittelbar steil nach oben. Was ist das doch herrlich! Wir mampfen unser Bocadillo und beobachten die anderen Wanderer und Einheimischen. Eine Vierergruppe Spanischer Bauarbeiter bestellt gleich mal eine Runde Bier mit Chupito (kleiner Schnaps) – das nenne ich einen beherzten Start in den Tag. Aus dem Anhänger ihres Autos bellen mehrere Hunde wie verrückt. Selbiger parkt unmittelbar vor Rob und mir, so dass wir uns nach einer halben Stunde vom Acker machen und zurück in die Ruhe flüchten.

Raindrops keep falling on my head oder Poncho an, Poncho aus

Der Weg führt durch den Ort und weiter in eine Wiesenlandschaft. Es ist kurz vor acht und es bleibt bedeckt. Sieht leider nicht so aus, als würden wir trocken durch den Tag kommen. Und tatsächlich, eine halbe Stunde später kommt das Wasser von oben. Rob ist schneller gerüstet als ich – er hatte von Anfang an seine Regenjacke an.img_3470 Ich versuche es erst noch mit der Wind-/Regenjacke, muss aber schnell einsehen, dass es zu stark regnet. In einem Wäldchen, indem man halbwegs geschützt unter den Bäumen stehen kann, krame ich den Regenschutz für den Rucksack und den Leih-Poncho meiner Freundin raus. Ab jetzt beginnt das lustige Spiel „Poncho an, Poncho aus“, das sich über den kompletten Tag ziehen wird. Wir haben Schauerwetter und eben hat es noch geregnet, da kommt auch schon wieder die Sonne durch, und augenblicklich schwitzt man sich tot. Das Dumme: mein Poncho geht nicht über den Rucksack, heißt: will ich ihn über- oder ausziehen, muss erst der Rucksack runter. Je mehr man schwitzt, desto überflüssiger der Poncho, denn man wird dann ja ganz allein von innen nass.

img_3472Hier regnet es offenbar häufiger, denn die Wiesen um uns stehen in sattem Grün. Wären am Horizont keine Berge zu sehen, könnten wir auch gerade in Limburg oder dem ländlichen NRW unterwegs sein. Trotz des bescheidenen Wettermixes ist die Stimmung bei Rob und mir prima. Wir haben aber auch halbwegs Glück. Als der nächste heftige Schauer kommt, sind wir gerade in einem Ort und stehen fast unmittelbar vor einer Kneipe, in die wir uns flüchten und den Regen bei einem weiteren café con leche abwarten.

Um halb elf geht es zurück auf den Camino. Es nützt ja nichts. Irgendwann wollen wir ja auch mal wieder weiter, auf nach Zubiri. Der Weg weiß zu überraschen, denn obwohl ich dachte, dass es heute runter gehe, müssen wir auf einmal wieder bergauf. Und zwar ordentlich. Regen setzt ein. Ebenfalls ordentlich. Meine Laune verabschiedet sich talwärts. Ich verliere Rob wie so häufig am Aufstieg, weiß aber, dass er bei meiner nächsten Zigarettenpause wieder aufschließen wird. Die Pilger vor mir sehen aus wie bunte Ostereier unter ihren farbenfrohen Ponchos. Es gilt, eine Landstraße zu überqueren, wo ein Schild mich zum Lachen bringt.

img_8928Don’t stop walking – nein, hatte ich auch gar nicht vor. Es hat sich inzwischen ordentlich eingeregnet. Meine Hose, die ja leider nicht unbedingt aus schnell trocknendem Material ist, klebt mir bereits klatschnass und schwer am Bein. Ich schlängele mich den bewaldeten Berg hoch und merke, dass ich total unterzuckert bin. Mit Abneigung denke ich an meine Nusssammlung und das Trockenobst, die ich bereits über die Pyrenäen geschleppt habe, aber habe darauf absolut keine Lust. Oben angekommen, halte ich Ausschau nach einem Pausenplätzchen, kann aber nichts finden und entscheide mich, direkt den Abstieg  zu machen. img_3476Inzwischen läuft das Wasser den schlammigen Weg hinab und jeder Schritt will gut überlegt sein, denn die braune Brühe ist tückisch und glitschig.

Endlich finde ich einen geeigneten Rastplatz. Auf einer kleinen Mauer, die den Weg abgrenzt, kann man sich einigermaßen gemütlich niederlassen. Ich setze mich in den Regen, der Poncho schützt mich halbwegs, und krame in meinem Rucksack. Ich finde noch einen Apfel aus Biarritz und eine Bifi und picknicke am Wegesrand. Zwei Frauen laufen an mir vorbei. „Sieht eigentlich ganz gemütlich aus“, sagt die eine und lacht mir zu. Ich muss selbst grinsen. Man stelle sich die Situation zuhause vor. Mit einem Poncho bekleidet auf einem Mäuerchen im Regen sitzen und essen.

Es dauert ungefähr 10 Minuten, bis sich Rob zu meiner Linken niederlässt. Wir teilen meine ungeliebten Nüsse, essen jeder einen Apfel und überlegen, wie weit wir heute gehen. Vor uns liegen noch ca. zwei Stunden. Das ist weiß Gott nicht viel. So wären wir um halb zwei in Zubiri. Ist das zu früh, um schon aufzuhören? Vor uns liegt das laut Reiseführer gemeinste Stück des heutigen Tages, auf dem es steil abwärts geht, und so beschließen wir, dieses erst mal hinter uns zu bringen und dann weiter zu sehen.

Von nun an geht’s bergab – schlittern, rutschen, ankommen

Der Reiseführer hat wahrlich nicht zu viel versprochen. Der Weg ist auf den letzten drei Kilometern wirklich steinig und fies, vor allem da einem die kleinen Regenbäche, die genau wie wir den Berg runter wollen, jeden Schritt erschweren. Zwar hört der Regen immer mal wieder auf, aber das ändert nichts am schlammigen und daher tückischen Untergrund. Ich habe mich auf diesem Stück des Tages offensichtlich so konzentriert, dass ich kein einziges Foto gemacht habe.

Um viertel nach eins erreichen wir Zubiri. Wir pausieren an einer Bank am Ortseingang und sind immer noch unschlüssig, wie es weitergehen soll. Bis zum nächsten Ort wären es noch mal 5,6 Kilometer, also ca. 1,15 Stunden. Das deutsche Ehepaar, das heute Nacht im Bett gegenüber in Roncesvalles geschlafen hat, läuft an mir vorbei. Kurzer Plausch. Sie wollen auf jeden Fall weiter. Ist ja noch früh, meint er. Und da sie im nächsten Ort Betten reserviert haben, wird ihnen die Entscheidung sowieso abgenommen.

Das ist nicht das erste Mal, dass ich von Reservierungen höre. Es gibt auf dem Weg drei Arten von Unterkünften: die kommunale, öffentliche, sogenannte Albergue Municipal, die von unterem Durchschnitt bis höherem Jugendherbergsstandard reicht und von der Gemeinde gestellt wird, dann die kirchliche, die in der Regel sehr einfach ausgestattet ist, dafür aber oft gemeinsames Essen oder Gebete anbietet und die private Herberge, die einen Tick teurer, dafür aber meist hübscher, neuer und mit kleineren Schlafräumen daher kommt und – und das ist wohl der größte Unterschied – in der man seine Betten vorab reservieren kann. Irgendwie widerspricht die Idee, ein Bett zu reservieren, meiner Vorstellung vom Pilgern. Ich finde einerseits, dass man nehmen sollte, was einem der Weg bietet und andererseits möchte ich mich eigentlich nicht schon abends festlegen, bis wohin ich am Folgetag gehen werde, sondern das meiner jeweiligen Fitness und dem guten, alten Bauchgefühl überlassen.

Meine Fitness könnte zwar jetzt aktuell noch weiter, aber ein Blick auf die Wolken, die sich erneut über uns zusammenbrauen, erhöht die Lust weiterzugehen nicht gerade. Ich schaue Rob einmal tief in die Augen. Unser Bauchgefühl scheint im Gleichschritt zu laufen. Ja, es ist früh, ja, wir könnten noch und ja, wir bleiben trotzdem in Zubiri. Die heutige Strecke muss reichen. Sie war anstrengend genug, und wir haben beide ausreichend Zeit eingeplant, um nach Santiago zu kommen. Da sollte man gerade am Anfang vielleicht nicht immer an oder über seine Grenzen gehen.

Wenn ein schäbiger Schlafsaal zum Luxus wird

Früher Feierabend ist ja auch was Feines, denken wir uns, und ich schlage in meinem Reiseführer die hiesigen Unterkünfte nach. Apropos reservieren: wir versuchen es an verschiedenen Adressen, doch in den privaten Herbergen vor Ort ist bereits nichts mehr frei, denn emsige Pilger haben bereits alle Betten vorab reserviert. Ich ärgere mich ein bisschen. Nützt aber alles nichts, also suchen wir die örtliche Municipal auf. Vor der dortigen Rezeption, einer notdürftigen Biertischgarnitur, hat sich bereits eine ordentliche Schlange von Pilgern gebildet. Nach zwanzig Minuten erhalten Rob und ich Bett 41 und 42. laut Reiseführer finden hier 72 Menschen Platz. Wir sind also bereits um diese frühe Zeit nur Mittelfeld.

Unser Schlafraum hat seine besten Zeiten schon lange hinter sich. Es ist ein schmuckloser Raum der außer 18 Stockbetten und ein paar Steckdosen neben der Eingangstür nicht viel zu bieten hat. Rob wählt das obere Bett, ich schlage unten mein Lager auf und habe gleich richtig Spaß, als ich mit den Haaren am Drahtgeflecht hängenbleibe, das den Lattenrost ersetzt. Das soll nicht das letzte Mal gewesen sein, dass ich auf diese Weise Haare einbüße.

In unserem Zimmer gibt eine Gruppe Brasilianer den Ton an. Wer glaubt, Südeuropäer seien laut, hat noch keine Südamerikaner getroffen. Es wird gerufen, gelacht, geschimpft, und das alles in einer Lautstärke, dass man es mit Sicherheit auch im Nachbarzimmer noch sehr gut verstehen kann. Alle Steckdosen sind belegt. Überall laden Handys. Ich bin froh, dass ich meine Powerbank habe und so meinem Akku auf die Sprünge helfen kann.

Robs und meine Begeisterung über diese dekadente Bleibe hält sich gelinde gesagt in Grenzen. Doch das soll sich schlagartig um 14:30 Uhr ändern. Das Gerücht verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Zubiri ist dicht. Im ganzen Ort gibt es kein einziges freies Bett mehr, obwohl es hier locker 250-300 gibt. Unfassbar.

Als sich der erste Ansturm auf die Duschen gelegt hat, gehe ich in Richtung des Waschraums. Die Anzahl alter Duschen ist überschaubar. Ich zähle derer drei. Bin ich froh, dass ich die Flipflops dabei habe! Das Rinnsal, das aus dem Hahn oben kommt, ist nicht besonders ergiebig, schafft es aber trotzdem, in alle Richtungen zu spritzen. Traumhaft. Klamotten kann man innerhalb der Kabine auch nur notdürftig ablegen. Man hat die Wahl, sich im Vorraum zwischen Männlein und Weiblein auszuziehen oder aber im Verschlag, auf die Gefahr hin, dass die trockenen Sachen im Anschluss zumindest klamm sind. Ich entscheide mich für letzteres.

Als ich sauber bin, kümmere ich mich im Anschluss darum, meine Sachen zu waschen. Es gibt erstaunlicherweise Waschmaschinen, die aber alle belegt sind. Trockner gibt es ebenso. Auch die laufen in einem durch. Wir verabreden uns zu einer Gruppe, die sich später einen Trockner teilen wird und wasche von Hand. Meine Hosenbeine strotzen vor Dreck. Kein Wunder bei dem Matsch heute. Das Dreckwasser hat sich auf wunderbare Weise die Beine hoch gesogen, aber immerhin am Reißverschluss aufgegeben. Ich entscheide, nur den Teil zu waschen, den man abzippen kann. Falls es nicht ganz trocken wird, habe ich morgen zumindest nur nasse Beine.

Es ist gerade trocken draußen und so hänge ich meinen Kram mit Hilfe meiner Sicherheitsklammern an die Leine. Als ich wieder auf das Hauptgebäude zulaufe, treffe ich Rob aus Irland und seinen alten Vater. Sie bestätigen mir, dass alles voll sei. Es geht das Gerücht, dass unsere Municipal ihre Turnhalle öffnen wird, damit Leute dort für zwei Euro auf dem Boden schlafen können. Robs Vater ist ziemlich fertig, aber er lächelt. „That’s Camino“, erklärt er mir. Sie werden weitergehen und woanders suchen. Ich bin versucht, ihm mein Bett anzubieten, doch der alte Herr lehnt ab. Ich sei ebenfalls meinen Weg gegangen, da stehe mir das Bett zu. Wir seien alle Pilger. Es werde schon alles seinen Grund haben und sie würden schon etwas finden. Auf die Turnhalle wollen sie nicht warten. Wenn die nachher doch nicht öffnet, stehen sie erst recht dumm da.

Wie den beiden Iren geht es vielen Pilgern. Gehen oder bleiben? Wer von denen mit Bett hat für den Notfall eine Matte dabei, die er verleihen könnte, falls die Turnhalle öffnet? Der Zusammenhalt ist beeindruckend. Ich habe mich am Anfang der Reise dagegen entschieden, eine Isomatte mitzuschleppen. Hoffentlich rächt sich das nicht noch! Ich weiß nicht, wer die Erlaubnis erteilen musste, und wieso es mehrere Stunden gedauert hat, aber irgendwann ist es beschlossene Sache. Die Turnhalle kann öffnen, und die Leute greifen zu. Im Trubel sehe ich auf einmal ein bekanntes Gesicht: Maria. Auch sie ist ordentlich geschafft und froh, da zu sein. Die Information, dass sie in der Turnhalle auf dem Boden schlafen muss, bringt sie nicht aus der Fassung. Sie hat eine Isomatte dabei und ist nur froh, nicht mehr weiter zu müssen.

Ich gehe in eine Bar und gönne mir eine Tortilla und ein Glas Wein. So ein Tagebuch schreibt sich schließlich auch nicht von selbst. Als ich um sechs zurückkomme, treffen immer noch neue Leute ein. Ich bin leicht entsetzt, wie viele dieses Jahr auf dem Camino unterwegs sind und hoffe, das verläuft sich unterwegs, sonst wird die Suche nach einer Unterkunft ohne Reservierung ein täglicher Stresspunkt. Ich erinnere mich an den Tipp aus dem Pilgerbüro in Saint Jean, antizyklisch zu laufen, sprich, nicht da abzusteigen, wo alle absteigen, sondern eher in den kleineren Orten davor oder dahinter. Darauf wird es dann wohl hinauslaufen.

img_3478Im Schlafsaal herrscht immer noch reges Treiben und der Saal ist inzwischen kunterbunt, weil sämtliche Wanderer ihre Klamotten und Handtücher an ihren Betten zum Trocknen befestigt haben. Die Geruchskulisse ist beeindruckend und pendelt sich irgendwo zwischen Klementine und nassem Hund ein.

Wie viel Essen passt in einen Pilger?

Rob und ich beschließen, gemeinsam essen zu gehen. Wir suchen uns eine Bar aus, in der nebenbei lautstark Fußball übertragen wird. Es ist halb sieben. Zeit für ein Pilgermenü. In der Bar (nur zur Info – in Spanien heißt alles Bar, egal ob Café, Kaffee-Verschlag oder Restaurant – stellt euch bitte nichts Glamouröses vor und nein, in den Bars habe ich häufiger Kaffee als Alkohol konsumiert) treffe ich auf weitere bekannte Gesichter. Chelsea und der Däne Edwin stehen auf einmal gut gelaunt vor mir. Sie sind gerade erst angekommen. Sie haben ausgeschlafen und sind es dann gemütlich angegangen. Das rächt sich jetzt leider. In Zubiri ist bekanntermaßen nichts mehr zu holen – nicht mal mehr in der Turnhalle. Die beiden telefonieren sich durch den Nachbarort . Wenn sie in 1-1,5 Stunden dort sind (5,7 km), bekommen sie ein Bett, schaffen sie das nicht, geht das Bett an jemand anderen. Die beiden bleiben entspannt. Sie wollen jetzt erst mal was essen. Ich muss über ihre Gelassenheit grinsen. Ich wäre vermutlich panisch weiter gelaufen, aus Angst, das Bett nicht mehr zu bekommen. Wird schon, scheint eine gängige Einstellung auf dem Camino zu sein. Vermutlich nicht die schlechteste.

Rob und ich haben das erste Glas Rosé getrunken (das soll im Übrigen unser Signature-Drink auf dem Camino werden) und wollen uns gerade der idiotensicheren, bebilderten Speisekarte für das Menu del Peregrino widmen, als Maria reinkommt und sich zu uns setzt. So essen wir zu dritt. Maria hatte zwischendurch Schwierigkeiten, man wird nicht jünger, resümiert sie, Rob und ich haben da mehr Glück. Bis auf die Stelle am Fuß, die mir seit Porto weh tut und die nach wie vor drückt, ist alles fein. Das Essen kommt und mir fallen fast die Augen raus.

Ein Menu del Peregrino besteht typischerweise aus einer Vorspeise, einem Hauptgericht, einem Nachtisch und einer Flasche Wasser oder Wein und das alles für 10-12 Euro. Was mir nicht klar ist: bereits die Vorspeise könnte glatt als Hauptgericht durchgehen. Als mir mein Russisch Ei serviert wird, staune ich daher nicht schlecht. Die Portion ist riesig. Aber klar, wer viel läuft, muss auch viel essen. Trotzdem bin ich bereits im Anschluss ordentlich satt. Da stehen mir die Hackbällchen mit Pommes ja noch bevor, ganz zu schweigen vom Flan. Ich gebe alles, aber nach einem halben Teller Fleischklößchen habe ich das Nachsehen. Den anderen beiden geht es nicht besser.

Ich unterhalte mich mit den Leuten rechts von mir, einer Gruppe aus Kanada, die nur auf einen Abstecher hier vorbeigekommen sind, weil einer von ihnen mit dem Gedanken spielt, das Projekt Jakobsweg anzugehen und es einmal antesten wollte. Ein Blick in unsere müden aber glücklichen Gesichter und das Gewusel um uns herum, hat sie überzeugt, es uns nächstes Jahr gleich zu tun. Und auch in unserer Dreiergruppe ist die Unterhaltung nett, auch wenn sie hauptsächlich von Rob und mir bestritten wird. Maria, die sich bisher als ein wenig wortkarg erwiesen hat, taut auf, auch wenn sie ihre leicht ruppige Art und die Vorstellung, dass doch bitte jeder der deutschen Sprache mächtig sein möge, weitestgehend beibehält. Ich glaube aber dennoch, dass sie mich ins Herz geschlossen hat und das dieses eigentlich riesengroß ist. Sie erinnert mich irgendwie an die Pflegemutter aus Anne of Green Gables, Marilla Cuthbert, die auch eher mürrisch auftritt, um bloß niemanden zu nahe an sich heran zu lassen.

Um halb zehn treten wir gemeinsam den Rückweg an. Um zehn ist schließlich Sperrstunde, so viel haben wir gestern schon gelernt. Zähneputzen, umziehen (in der inzwischen trockenen Duschkabine), Etappe für morgen noch mal durchlesen und dann war es das für heute. Während Rob und ich in unser Etagenbett steigen, erwartet Maria eine Nacht auf der Isomatte in der vermutlich kalten Turnhalle. Ich hoffe, sie übersteht es gut. Morgen gehen Rob und ich vermutlich nach Pamplona. Dann haben wir die erste, größere Stadt erreicht, die für Hemingway und das Stiertreiben durch die engen Gassen bekannt ist, und in der ich mir im Anschluss einen ersten Pausentag gönnen werde. Wenn ich schon mal da bin, möchte ich mir schließlich Pamplona auch in Ruhe anschauen. Doch erst einmal hinkommen. Und vorher regenerieren. Und das bedeutet schlafen.

Zeitreise

Willst du wissen, wie es weitergeht? Dann los, hier geht es von Zubiri nach Villava.

Du hast die erste Etappe verpasst? Lies hier nach und erfahre, wie sich 27 Kilometer am ersten Tag von Saint Jean nach Roncesvalles angefühlt haben.

Bist du selbst schon den Camino Francés gelaufen? Ich freue mich total zu hören, wie es dir ergangen ist. Und auch sonst freue ich mich über jede Art von Kommentar. Vielleicht gehörst du ja sogar zu den Leuten, die in meiner Geschichte vorkommen? Dann hast du die einmalige Möglichkeit, deinen Senf dazuzugeben.

Ich muss das weitersagen

3 Gedanken zu „Camino Frances #4: Von Roncesvalles nach Zubiri&8220;

  1. Es macht wirklich immer viel Freude, bei einer gemütlichen Tasse Kaffee zu lesen, wie sich andere mühevoll ihren Schlafplatz erringen um dann am Ende beim wohlverdienten Futtern schlapp zu machen.

    Wenn Maria die Marilla Cuthbert ist, bist du dann das Plappermäulchen Anne mit E?

    Herzliche Grüße, Dirk

  2. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich an dem Morgen in Roncesvalles zum ersten Mal echten Hunger verspürt habe. Trotz der 2. Portion Toast vor Ort war ich sehr dankbar im nächsten Supermarkt mit Brot und Käse bedacht zu werden….Das Menu del peregrino scheint tatsächlich ein Evergreen zu sein..kann mich noch gut an die Albondigas erinnern:)

Und was sagst Du?