Camino Frances #7: Von Pamplona nach Obanos

Etappe 5 auf dem Camino hat Himmlisches im Gepäck: den Messias im Ohr, mit Windrädern auf Augenhöhe, das Wunder von Eunate an den Füßen und dazwischen Laber-Opa und Mädels, zwei sehr irdische Gestalten, die mich den ein oder anderen Nerv kosten (03. Mai 2016 – 25 Kilometer)

Tag sieben – wirklich schon Tag sieben! Ich muss zugeben, dass die Zeit erstaunlich schnell an uns vorbei rast. Heute knacken wir die 100 Kilometer. Das ist schon echt abgefahren. Wir haben uns all diese Kilometer zu Fuß erlaufen. Und das ist gerade mal ein Achtel der Gesamtstrecke. Aber zurück zu den Highlights des Tages. Und davon gibt es ausreichend.

God is a DJ

Ich wache kurz vor sechs auf. Ein Blick auf die Uhr – gleich muss hier die ganz besondere Weckzeremonie vonstattengehen. Und tatsächlich, um drei Minuten vor sechs ist es soweit. Aus unsichtbaren Lautsprechern schallern klassische Chöre auf uns hernieder (ich tippe auf den Messias von Händel). Obwohl ich wach bin, erschrecke ich mich ein wenig. Wie mag es da erst jenen gehen, die tatsächlich noch geschlafen haben? Im Stockbett gegenüber ist Passau-Oli schon fertig und packt gerade letzte Sachen in den Rucksack, das Bett über ihm ist bereits leer, aus dem Bett links von mir schaut mich Torsten mit einer Mischung aus Verwunderung und Schlaf an. Da Händel mehrere Minuten ungestört weiter orchestriert, fangen wir ab einem bestimmten Punkt alle an zu lachen. Es ist schon eine besondere, wenn auch etwas sonderbare Situation (ich habe es damals auf Video aufgenommen, kann hier aber leider keine Videos hochladen), in der wir uns befinden.

Ich packe in aller Seelenruhe zusammen und mache mich fertig. Die anderen sind schon beim Frühstück, als ich endlich runterkomme. Es ist nicht mehr allzu viel zu essen übrig. Rob und die beiden Jungs aus Mainz (Oli mit den Blasen und Torsten) sitzen an einem Tisch, und ich hocke mich schnell dazu und sehe zu, dass ich noch etwas zwischen die Zähne bekomme.

Um halb acht machen wir uns als eine der letzten Gruppen auf den Weg aus der Stadt hinaus. Noch einmal kommen Rob und ich am Limonaden-Park vorbei, ansonsten bietet die Strecke jetzt erst mal wenige Highlights. In Städte rein und aus Städten raus ist selten schön, da es häufig irgendwelche Industriegebiete zu durchqueren gilt. Industrie bleibt uns zwar erspart, aber dennoch ist das Gelatsche über irgendwelche Fußgängerampeln jetzt nicht gerade erquicklich. Als wir die Grenze der Stadt erreichen, kommen wir an einem sehr besonderen Universitäts-Campus vorbei. Hier haben sich die, nennen wir sie mal vorsichtig „besonders Gläubigen“ vom Opus Dei niedergelassen. Frage mich in Erinnerung an Dan Browns Romane, ob es wohl Vorlesungen gibt, in denen man lernt, wie man sich möglichst schmerzhaft selbst geißelt?

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Ab nun meint es der Weg besser mit uns, denn schon bald sind wir in der freien Natur. Überall blühen die Rapsfelder, und die Mischung aus Gelb und Grün ist zu schön anzuschauen, während wir auf einem staubigen Feldweg einen Fuß vor den nächsten setzen. Ich bin den anderen inzwischen wie meistens ein paar Schritte voraus, mache aber auch häufiger (Raucher-)Pausen und werde dann wieder eingeholt. Nach knapp zwei Stunden entdecke ich den perfekten Pausenplatz. Mitten im Nichts, an der Grenze zu einem Feld, steht ein perfekt gewachsener Baum, der recht weit unten über einen stabilen Ast verfügt, der im rechten Winkel vom Stamm absteht. Ich setze mich darauf, lehne mich mit dem Rücken an, esse einen Apfel und sehe den anderen Wanderern entgegen.

Mein Blick trifft zufällig eine tolle Kulisse, denn in unserem Rücken befindet sich eine alte Kirche und ein paar Häuser, die man beim Laufen gar nicht sehen würde. Entzückt verhelfe ich sämtlichen Wanderern zu ihrem Glück und zwinge sie, sich umzudrehen. Die meisten danken es mir – manche fragen sich vermutlich, was genau ich von ihnen will.

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Als meine Truppe zu mir aufschließt, gehen wir gemeinsam weiter. Ich komme mit Torsten ins Gespräch, der sich netterweise bereiterklärt, mit mir einen Kaffee-Stopp zu machen, als wir wenig später in Cizur Menor ankommen. Ich muss mal um die Ecke und möchte außerdem aus der Bar einen Stempel mitnehmen. Stempeln ist meine neue Leidenschaft: ich versuche, möglichst viele Stempel abzugreifen und vor allem in den Bars gibt es teilweise richtig hübsche Exemplare. Aktuell liege ich bei ca. drei „Sellos“ am Tag. Wenn das so weitergeht, brauche ich bis Santiago ein neues Credencial, weil meins zu schnell voll ist.

Laber-Opa und das Wunder von Eunate

Einen Tisch weiter auf der Café-Terrasse sitzt ein älterer Deutscher, der uns recht schnell und ziemlich penetrant in ein Gespräch verwickelt. Er geht den Jakobsweg zum gefühlt hundertsten Mal und hat einiges zu berichten. Während ich anfangs noch bereitwillig seinen guten Ratschlägen lausche, geht er mir zunehmend auf den Geist. Später wird er bei Torsten und mir als Laber-Opa in die Geschichte eingehen. Laber-Opa weiß neben vielen Allgemeinplätzen zumindest eine wirklich interessante News zu vermelden.

Ich habe bereits in meinem großartigen Reiseführer (Raimund Joos, Outdoor) gelesen, dass auf dem heutigen Weg noch ein Schmuckstück wartet, wenn man einen kleinen Umweg macht. Es gibt die achteckige Kirche Santa Maria de Eunate aus dem 12. Jahrhundert. Der Reiseführer vermerkt, dass man eine mysteriöse Kraft spüren soll, wenn man diese Kirche zwei-, dreimal barfuß umrundet. Laber-Opa spricht sogar vom Wunder von Eunate. Er erzählt, dass viele Menschen auf besagter Umrundung Wärme oder Kühle verspürt haben und viele anschließend oft nicht in Worte fassen konnten, was ihnen da widerfahren sei. Das sei ein Muss auf dem Weg. Und dann philosophiert er wieder weiter, was er sonst noch auf seinen fünf Jakobswegen erlebt habe. Torsten und ich entscheiden, dass es Zeit zu gehen ist und machen uns vom Acker. Wahrscheinlich sitzt Laber-Opa heute noch in diesem Café auf der Terrasse und doziert. Falls ihn jemand findet – schöne Grüße.

Der Weg verläuft die nächsten Kilometern weiter relativ flach.  Doch dann geht es zunehmend steil nach oben. Wir keuchen zwischendurch stellenweise ordentlich, während wir höher und höher steigen. Torsten will wissen, wieso ich den Weg laufe, und ich erzähle ihm von meinem lang gehegten Wunsch, aber eine wirklich befriedigende Antwort auf das Warum kann ich wie so oft nicht geben. Er selbst hat ein legendäres Scheißjahr hinter sich, in dem im privaten Bereich so ungefähr alles schief gegangen ist, was schief gehen konnte. Da kam ihm der Jakobsweg gerade recht, um einen Schlussstrich zu setzen. Er und Oli haben zusammen gearbeitet, und sein ehemaliger Kollege war schnell bereit, Torsten zu begleiten. Und nun sind sie hier.

Ich bin einmal mehr überrascht, wie schnell einem sehr vertrauliche oder persönliche Dinge auf dem Camino über die Lippen kommen. Es ist schon erstaunlich, was man Fremden anvertraut. Vielleicht hilft die Tatsache, dass es Fremde sind, vielleicht liegt es daran, dass man sich vermutlich sehr bald nie wiedersehen wird, vielleicht ist es aber auch das gemeinsame Ziel, das einen verbindet und für einander öffnet.

Pilgerstatuen im Kampf gegen Windmühlen

Der Anstieg, der an einer der bekanntesten Jakobsweg-Sehenswürdigkeiten enden wird, gibt auf den letzten anderthalb Kilometern dann noch mal alles. Torsten und ich laufen auf Oli auf. Ihm machen seine Blasen leider nach wie vor zu schaffen. Gemeinsam keuchen wir die letzten Meter nach oben und erreichen um kurz nach elf die berühmten Pilger aus Metall, die sich auf der Passhöhe Puerto del Perdón gegen den Wind stemmen, der hier oben pfeift. img_3505

Die Figuren sind mir aus meiner Vorbereitungslektüre bekannt. Sie sind bei Hape abgebildet und auch im Film The Way zu sehen. Wir machen kurz Fotos voneinander, aber der Wind bläst hier so heftig, dass wir schnell weiter wollen. Kein Wunder, dass um uns herum überall Windräder wie wild drehen. Der Ausblick auf das zurückgelegte Stück ist übrigens phantastisch.

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Vor dem anschließenden steilen Abstieg wird im Reiseführer ausdrücklich gewarnt. Auf dem losen Geröll hat sich schon der ein oder andere abgepackt und verletzt. Ich setze vorsichtig einen Schritt vor den nächsten, die Stöcke sind mir einmal mehr eine große Hilfe. Hochkonzentriert läuft jeder von uns in seinem Tempo die zweieinhalb Kilometer abwärts. Alle kommen wir wohlbehalten unten an, aber ich habe zum ersten Mal Schmerzen beim Laufen. Neben den verschiedenen Stellen an meinem linken Fuß meldet sich nun auch noch völlig unnötigerweise meine linke Hüfte.

Die patente Patentante

Neben mir läuft inzwischen Nadine aus Berlin. Sie hat heute ihren ersten Camino-Tag, ist in Pamplona gestartet („Pyrenäen-Schisser“ wie so viele, die sich das erste Stück schenken) und noch völlig euphorisiert. Neben ihr fühle ich mich wie ein alter Camino-Hase (oder ein Abklatsch von Laber-Opa). Ich weiß nicht mehr, wie wir darauf kommen, auf jeden Fall spreche ich mit ihr über eine Entscheidung, die ich mit auf den Camino genommen habe und mit der ich bisher noch nicht weitergekommen bin. Eine sehr gute Freundin aus Schulzeiten, die nach wie vor in der Nähe meiner Eltern wohnt und ihr drittes Kind erwartet, hat mich gefragt, ob ich Patentante werden möchte. Obwohl ich mich sehr geschmeichelt gefühlt habe und eigentlich gern sofort ja gesagt hätte, habe ich mir Bedenkzeit erbeten.

Für meinen Geschmack wohne ich zu weit weg. Ich weiß, wie wichtig mir meine Patentante ist (an dieser Stelle liebe Grüße) und dass es sicherlich von Vorteil war, dass sie nur ein Dorf weiter gewohnt hat. Sie war für mich immer ein zusätzlicher Erwachsenen-Input, der so ganz anders tickt als meine Eltern. Bis heute ist sie mir in bestimmten Lebenslagen ein wichtiger Ratgeber, und ich habe ein sehr enges Verhältnis zu ihr. Ich kann mich gut erinnern, dass ich als Kind einmal von meiner Mutter wissen wollte, was genau die Aufgabe der Paten sei, und Mama erklärte mir (recht drastisch), dass, sollten ihr und Papa jemals etwas zustoßen, Tante Tiny oder mein Patenonkel sich um mich kümmern würden. Für mich war das immer total in Ordnung.

Ich habe meiner Schulfreundin von meinen Bedenken erzählt, dass ich Angst habe, nicht so für das Baby dasein zu können, wie ich das gern würde und deswegen vielleicht auch nie so eine enge Beziehung aufbauen zu können. Meine kluge Freundin hat mir daraufhin gesagt, ihr sei es lieber, ihr Baby habe eine Patentante, die ihre Rolle ernst nehme und weiter weg wohne, als eine Person, die ganz in der Nähe sei und sich nicht kümmere. Und ich hätte ja ausreichend Zeit, es mir zu überlegen. Nadine bläst nun in das gleiche Horn. Auch sie sagt, lokale Nähe sei kein Kriterium im Vergleich zu echtem Interesse. Ich glaube, ich werde meiner Freundin also bald schreiben, dass ich sehr gern Patentante sein möchte. Dann kann ich außerdem schon mal üben.

Nadine und ich sind so in unser Gespräch vertieft, dass wir vom Weg abkommen. Wir laufen im nächsten Ort noch an einer gut besuchten Bar vorbei, auf der einige Pilger sitzen, die ich kenne, als wir, statt über einen Parkplatz zu laufen, auf der Straße bleiben. Erst als wir feststellen, dass keine anderen Pilger mehr vor und hinter uns sind, bemerken wir unseren Fehler und kehren um.

In Muruzabal bietet der Weg zwei Optionen. Von hier gibt es die Möglichkeit, den Umweg zur Kirche Eunate zu laufen oder eben auf direktem Weg weiter Richtung Puente la Reina. Nadine und ich setzen uns in den Schatten eines hübsch angepflanzten Gebäudes und warten auf die anderen, damit wir gemeinsam entscheiden können, was wir tun. Für mich steht außer Frage, was ich tun werde. Ich will da hin.

Wenig später kommen sowohl Rob als auch die beiden Jungs und wir beratschlagen gemeinsam. Alle entscheiden sich, mit zu dieser Kirche zu kommen. Wir laufen durch Felder auf einer geteerten Straße. Über uns in den Lüften liefern sich Raubvögel ein Rennen und ziehen dann wieder ruhig kreisend ihre Bahnen. Ich bin einmal mehr beeindruckt, in welcher Kulisse wir wandern dürfen.

Warten auf Godot

Um 13:50 Uhr sind wir da. Die achteckige Kirche steht hinter einer Mauer, und das Tor in der Mauer ist ärgerlicherweise abgeschlossen.

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Sieht aus, als habe der liebe Gott Mittagspause. Wir beschließen, es uns erst mal im Gras gemütlich zu machen und zu warten. Als eine Dreiviertelstunde später immer noch nichts passiert ist, werfe ich einen Blick auf die Tafel, die ein Stück vor dem Gebäude aufgestellt worden ist. Na Volltreffer. Die Kirche hatte bis 13 Uhr auf und öffnet erst wieder um 16:30 Uhr. Oli und Torsten finden, sie haben lange genug gewartet. Sie wollen nach Puente la Reina, da sie insgesamt nicht so viele Tage zur Verfügung haben und in ihrer freien Zeit möglichst viel vom Camino schaffen wollen. Nadine schließt sich ihnen an.

Mein Bauchgefühl will unbedingt, dass ich bleibe und warte. Diese Kirche zieht mich magisch an. Rob geht es offensichtlich ähnlich. Er wird mit mir warten. Ich freue mich sehr. Zur Not wäre ich auch alleine hier geblieben, aber so ist es natürlich viel besser. Mein Plan ist es, statt in den berühmten Ort Puente la Reina zu gehen, im drei Kilometer davor gelegenen Obanos zu übernachten. Unsere einzige Sorge ist es, kein Bett mehr zu bekommen, weil wir sicher nicht vor fünf oder halb sechs dort aufschlagen werden und es laut Reiseführer nur 36 Betten gibt. Aber es wird schon gut gehen. Bisher ist es immer gut gegangen.

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Zwei Stunden warten. Wow. Da ist also endlich die Siesta, von der ich in Hamburg dachte, dass ich sie jeden Tag machen würde, bevor ich dann den zweiten Teil des Tages in Angriff nehmen würde. Da wusste ich ja noch nicht, dass man den Luxus einer Pause aufgrund der Bettenknappheit knicken könne. Nun liegen wir im Gras und dösen.

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Als das irgendwann langweilig ist, holt Rob aus seinem Rucksack einen Klinkenstecker, der es uns ermöglicht, zu zweit Musik zu hören. Wir liegen im Gras in der Sonne vor einer magischen Kirche und hören Händel. Es ist bis heute einer der Momente, an den ich mich am besten erinnern kann. Ich fühle das Gras, ich sehe das hübsche Gebäude gegenüber der Kirche, das aber offensichtlich ebenfalls unbewohnt ist und höre die Musik und den Wind.

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Dann ist es endlich 16:30 Uhr und – es passiert absolut nichts. Wir sind verwundert, aber niemand kommt und von selbst öffnet sich die Tür überraschenderweise auch nicht. Eine weitere Viertelstunde geht ins Land. Dann hören wir endlich ein Auto, das sich nähert. Na gut, denken wir, der Spanier nimmt es nicht so genau mit der Zeit und ganz ehrlich, man kann es ihm nicht verübeln. Vermutlich kommen generell nicht so viele Leute hierher. Wir sind ja auch nur zu zweit. Ein älterer Herr steigt aus seinem Auto und schaut uns mitleidig an. Noch gehen wir natürlich davon aus, dass er der Mann mit den Schlüsseln ist, doch er enttäuscht uns. Es ist geschlossen, sagt er. Leider. Die Kirche habe nur noch samstags und sonntags auf.

Da stehen wir. Umsonst drei Stunden vor einer Kirche ausgeharrt. Immerhin gab es einen unerwarteten Glücksmoment beim Musikhören im Gras. Der Mann steigt wieder in sein Auto. Er ist nur vorbeigekommen, um uns zu informieren. Nett von ihm.

Audrey und das Wunder von Eunate

Rob und ich schauen uns an. Wir sind beide leicht frustriert. Wir haben uns vorhin schon einmal die Mauer angesehen, die die Kirche umrundet. Das Gelände ist abschüssig und auf der anderen Seite der Mauer ist der Boden unterschiedlich hoch. Während wir vorhin noch gewitzelt haben, dass wir ja einfach beim lieben Gott einbrechen könnten, meinen wir es nun bitterernst. Wir warten doch nicht ernsthaft drei Stunden, um dann unverrichteter Dinge wieder zu gehen? Wir werden hier rüberklettern und suchen nach der besten Stelle. Gut dass wir zu zweit sind. Wäre ich allein, hätte ich vermutlich nicht den Mut gehabt, bzw. hätte Angst gehabt, anschließend nicht wieder raus zu kommen. Rein ist in diesem Fall ja eindeutig leichter. Das wäre es ja noch. Gefangen im Rundgang von Eunate.

Als wir eine gute Stelle ausgemacht haben, geht alles schnell. Um 16:50 Uhr berühren meine inzwischen nackten Füße das gerillte, gewellte Pflaster, das die Kirche umgibt. Rob tut es mir gleich. Wir gehen versetzt voneinander, schweigend langsam um die Kirche und das drei Mal. Der Boden ist kurz gewöhnungsbedürftig, aber dann genieße ich die angenehme Kühle der Steine.

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Ehrfürchtig umrunde ich das Gebäude. Anschließend ziehen wir unsere Wanderschuhe wieder an und ziehen uns hoch, zurück auf die Mauer (beste Taktik ist mit dem Rücken zur Mauer, Arme aufstützen und dann hochdrücken), immer noch ohne ein Wort zu sprechen. Es dauert kurz bis wir unsere Sprache wiederfinden. Irgendwie hatte das alles etwas Zeremonielles (oder wir wollten es glauben). Wie auch immer: nennt es Magie, Einbildung, Akkupunktur, einen freundlichen Gruß von oben oder eben das Wunder von Eunate. Fakt ist, dass die Stelle aus Porto ab dem Moment nie wieder weh getan hat. Laber-Opa hatte Recht.

Fußball-Bergfest

Wir machen uns an die letzten Kilometer. Nur zweieinhalb trennen uns von der Unterkunft in Obanos. Man sollte denken, wir seien jetzt ausgeruht und frisch und somit fast wie von selbst da, doch es zieht sich noch mal. Wir laufen in der immer noch prallen Hitze einen Berg hoch, an dessen Spitze das Dorf liegt. Der Weg ist recht beschwerlich und die Tatsache, nicht zu wissen, ob wir dort noch einen Schlafplatz bekommen, macht uns etwas nervös. Weiter bis nach Puente la Reina wollen wir wahrlich nicht.

Mein genereller Optimismus und mein Bauchgefühl lassen mich jedoch auch heute nicht im Stich. Wir laufen kurz durch das kleine Bergdorf und stehen um viertel vor sechs vor der Herberge. Natürlich haben sie noch Platz. Die wenigsten Leute bleiben hier, und die Albergue ist gerade mal halb voll.

Die Unterkunft ist recht einfach. Dunkle Räume und wenig Schischi, aber alles ok. Sie ist, wie so häufig, fest in deutscher Hand. Ein kräftiges Exemplar in meinem Alter geht mir ordentlich auf den Sender, weil sie in schöner Regelmäßigkeit mit lauter Stimme „Mädels!“ in die Richtung dreier anderer brüllt und dann irgendwas anderes hinterherschiebt. Immer wieder spannend zu sehen, wie einem instinktiv bestimmte Leute sympathisch oder unsympathisch sind. Sicherheitshalber führe ich meine Konversation mit Rob auf Niederländisch. Nicht dass „Mädels“ nachher noch auf dumme Ideen kommt und mich in ihre Gang zwangsaufnimmt.

Wir machen uns kurz frisch und suchen dann nach etwas zu Essen und landen in der örtlichen Bar, wo wir uns im Laufe des Abends zwei Bocadillo mit Tortilla (richtiges Essen gibt es nicht, aber das hier reicht uns absolut) und dazu je fünf Gläser Rosado (0,1) reinzimmern. Als Sahnehäubchen gibt es noch die erste Hälfte von Bayern gegen Atlético. Für die zweite Hälfte reicht es leider nicht mehr. Wir müssen natürlich mal wieder um zehn im Bett sein.

In der Herberge angekommen verpflegt Mädels gerade ihre Füße, die einige Blasen abbekommen haben. Jede einzelne wird kommentiert, und ihre Gedankengänge bezüglich der Möglichkeit des morgigen Weiterlaufens kriegt auch jeder, der des Deutschen mächtig ist, mit: „Boah, Mädels, ich weiß nicht, ob ich morgen laufen kann. Zur Not müsst ihr ohne mich gehen!“ Ich würde mich nicht wundern, wenn das der ein oder anderen aus dem Tross gar nicht so unrecht wäre. Und mit diesem milden Gedanken verabschiede ich mich ins Traumland.

Zeitreise

Vorwärts: Du möchtest wissen, was als nächstes passiert, und ob mich Mädels noch in ihre Clique aufnimmt, ob ich die beiden Jungs wieder sehe oder wer mir sonst noch so begegnet? Dann hier entlang von Obanos nach Estella.

Rückwärts: Du hast meinen Pausentag in Pamplona verpasst und weißt nicht, was Hemingway mit der Stadt zu tun hat oder weswegen wir gestern nicht duschen oder waschen mussten? Dann komm doch einfach noch mal mit von Villava nach Pamplona.

Bist du selbst auf diesem Stück gepilgert oder planst einen Jakobsweg? Lass mich gern an deinen Gedanken teilhaben. Hat dir etwas besonders gut gefallen, dich etwas gestört oder hast du Fragen? Ich freue mich über deinen Kommentar.

Ich muss das weitersagen

11 Gedanken zu „Camino Frances #7: Von Pamplona nach Obanos&8220;

  1. Sieh an, sieh an! Noch eine, die beim Wandern raucht, Ich dachte, wir gehören zu den letzten Exeplaren dieser Geniesser-Zunft! Ansonsten: Sehr anschaulich beschrieben. Toll, dass du dich nach so langer Zeit noch an alle Details erinnern kannst, 🙂

    1. Ohne mein Tagebuch wäre das sicher schwieriger 😊
      Aber erstaunlicherweise kommt beim Schreiben immer auch erstaunlich viel hoch, was gar nicht im Tagebuch steht! Das macht auch das Aufschreiben so schön!

      1. Ja, das stimmt. Ich habe ja auch erst in den letzten beiden Urlauben „live“ geschrieben, davor auch rückwirkend. Das war überhaupt das, was mir am Anfang am meisten Spaß gemacht hat. Aber ich habe noch ein paar alte Wanderungen in Wales und den „Coast to Coast Walk“ in petto! 🙂

  2. Ja, wenn einer eine Reise tut kann er was erleben – und auf Pilgerfahrt erst recht. Manches erinnerte mich gar an einen YHA-Aufenthalt in Oxford mit einer 80jährigen Grauen Emanzenz im Schlafsaal… Ich glaub das muss ich mal aufschreiben für meinen Blog.

  3. Bayern- Atletico gesehen in Astorga, d.h. du warst ca. 2 Wochen hinter uns. Wir hatten unterwegs gehört, dass Roncesvalles wegen Überfüllung geschlossen war und niemanden mehr aufnehmen konnte. Das müsste in etwa die Zeit gewesen sein, in der du gestartet bist. Winfried

    1. Hi Winfried, ja, genau, ich habe gehört, dass einen Tag nach mir der Pass gesperrt wurde, weil sich 500 Leute am gleichen Tag aus Saint Jean aufgemacht haben.
      Ich hatte wahrlich immer Glück, aber um mich herum gab es genug Leute, die für ein Bett Taxifahrten in Kauf nehmen mussten.
      Schön, dass du mitliest 🙂

  4. Ich hatte ein Foto mit dabei, dreißig Jahre alt von meiner ersten Caminoerfahrung. Zum Glück war das Kirchlein offen und so konnte ich auch das schlichte Innere betrachten. Ab Eunate waren die Regentage Geschichte auf meinem Weg. Natürlich versuchte ich den Ort zu finden von wo das Foto entstand. Fast war es möglich denn das Feld ist nun näher an das Gelände herangerückt. Das Umfeld verändert sich, Eunate ist zeitlos..

    1. Ich finde deine Eunate-Geschichte total inspirierend, lieber Matthias. Ich freu mich so, dass du 30 Jahre später und mit so viel Veränderung im Hintergrund, dorthin zurückgefunden hast!

Und was sagst Du?