Camino Frances #8: Von Obanos nach Estella

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Etappe 6 auf dem Camino. Der Storch kommt zu Besuch, ich verbessere kontinuierlich mein pantomimisches Minimalisten-Spanisch, begutachte eine gepflanzte Landkarte, verfluche die alten Römer, erläutere die Schmähkritik, sehe Licht am Ende des Tunnels, finde heraus, dass sich 2,5 Kilometer in etwa so anstrengend anfühlen können wie 26 und ermögliche Rob seinen ersten Hamburger hoch 2. (4. Mai 2016, 30 Kilometer)

Zusammen mit Rob mache ich mich um 7:15 Uhr gut gelaunt auf den Weg. Unser erstes Ziel heißt Puente la Reina, der Ort, der nach seiner Brücke benannt und für sie bekannt ist. Die Brücke wurde im 11. Jahrhundert von der Königin von Navarra gestiftet, um den Pilgern die Überquerung des Flusses Arga zu erleichtern. img_3511-1Es sind gerade mal drei Kilometer, und ich freue mich schon jetzt auf den Kaffee, der mich hoffentlich dort erwartet. Von unserem Bergdorf geht es hinab auf Feldwegen, und schon bald erreichen wir die Vororte von Puente la Reina. Vorbei geht es an einer hässlichen Bar, die eher an eine Tankstelle erinnert und die wir links liegen lassen, denn unser Frühstück haben wir uns anders vorgestellt. Auf einem Kirchturm am Ortseingang entdecke ich mein erstes Storchennest. img_3514-1Störche werden mich ab jetzt immer wieder begleiten und auch in diesem Fall ist der Hausherr bzw. die Hausfrau anwesend. (Kleiner Seiteneinschub: schon interessant, wie unterschiedlich die deutsche Sprache diese beiden Begriffe aufgeladen hat – der eine residiert und herrscht, während die andere poliert und putzt.)

Ich mache mit leeren Händen Feuer

Im Ort finden wir schon bald eine süße, kleine Pastelleria samt Café, an der wir einfach nicht vorbeigehen können, denn es duftet hervorragend, und uns läuft das Wasser im Munde zusammen. Ich esse das wohl beste Schokocroissant meines Lebens, das erst vor wenigen Minuten den Ofen verlassen hat. Der Kaffee weckt die letzten, schlafenden Geister, und ich mache mich samt café con leche auf den Weg nach draußen, um gemütlich eine zu rauchen. Dummerweise habe ich mein Feuerzeug offensichtlich gestern irgendwo liegen lassen. Umso besser, dass vor dem Eingang ein älterer Spanier steht und raucht. Ich bitte ihn mit Händen, Füßen und meinem Minimalisten-Spanisch um Feuer, das er mir natürlich gerne gibt.

Wir kommen ins Gespräch, soweit man unsere pantomimische Konversation als solches bezeichnen kann. Ich glaube, er sagt mir, wie toll er es findet, dass ich pilgere und will wissen, wo ich herkomme. Und dann erklärt er, man müsse sich Zeit nehmen und immer auf sich selbst hören. Da kann ich ihm nur zustimmen, das ist auch bisher mein Eindruck (was mich später am Tage nicht davon abhalten wird, nicht auf mich zu hören, aber ich greife voraus) Als wir mit rauchen fertig sind, bittet er mich, kurz zu warten. Ich weiß nicht, was er vorhat, tue aber wie mir geheißen, während er zur Straße geht und in seinem Auto verschwindet. Als er wiederkommt, kann ich mein Glück nicht fassen: er schenkt mir tatsächlich ein volles Feuerzeug. Er habe mehr als eins, sagt er, die Peregrina solle das einfach mitnehmen und unterwegs ab und an an ihn denken und vielleicht eine Kerze in Santiago für ihn anzünden. Das mache ich doch gern!

Drinnen ist Rob in ein Gespräch mit einem hageren Amerikaner vertieft. Ich setze mich dazu und staune nicht schlecht, als der Herr auch mir seinen Minirucksack präsentiert und uns beide auslacht, weil wir so viel Gepäck mit uns rumschleppen. Er hätte nur das Nötigste dabei, und das Ergebnis sei in seinem kleinen Rucksack, sagt er. Rob und ich machen zweifelnde Gesichter, glauben ihm aber – zu dieser Zeit wissen wir noch nicht, dass man sein Gepäck gemütlich von Ort zu Ort transportieren lassen kann und derweil nur einen Tagesrucksack benötigt. Da sind wir schön reingelegt worden.

img_3517Nur ungern trennen wir uns von unserem Café, aber wir wollen ja doch noch weiter und stehen folglich um neun auf der berühmten Brücke, einem weiteren Wahrzeichen des Camino, bevor es im Anschluss durch die hügelige Landschaft auf staubigen Feldwegen weitergeht. Wir genießen die wärmende Sonne und kommen gut voran. Eine Stunde später sehen wir bereits den Bergort Cirauqui auf seinem Hügel vor uns liegen. img_3519Wie immer vergeht zwischen Ort Sehen und Ort Erreichen noch mal eine gute Stunde, doch der Weg macht es uns leicht. Um uns herum ist der Frühling ausgebrochen. Der Geruch von Ginster liegt in der Luft, die Obstbäume blühen, und wir sehen die ersten Weinberge. img_3521

Beim Aufstieg zur Plaza des Örtchens staunen wir nicht schlecht, denn es geht steil hinauf. Rob macht sich auf die Suche nach einer Apotheke, und ich verspreche, oben im Ort auf ihn zu warten. In einem kleinen Supermarkt kaufe ich mir frisches Obst und suche mir dann einen passenden Pausenplatz. Das Dorf gibt nicht viel her, ehe ich mich versehe, bin ich auch schon wieder draußen. img_3523Doch genau dort gibt es noch eine kleine Überraschung: jemand hat eine Weltkarte in ein Feld am Berghang gegenüber gepflanzt. Ich lasse mich mit Blick auf das kleine Kunstwerk auf irgendeinem Gerät für die Feldarbeit nieder, ziehe meine Schuhe aus und genieße Obst und die Zigarette danach, bis Rob neben mir auftaucht.

Mit Jan Böhmermann auf dem Jakobsweg

Das nächste Stück Weg meint es leider nicht ganz so gut mit uns wie die vorangegangenen zehn Kilometer. Den Auftakt macht eine ziemlich verfallene römische Brücke, an die sich, man ahnt es, eine Römerstraße anschließt, die auf den nächsten vier Kilometern immer wieder durchkommen wird.

Ganz ehrlich – wieso mussten die Knaben so viele spitze Steine als Pflaster nutzen? Hätten sie nicht einfach Beton entdecken und verwenden können? Meine Füße sind semi-begeistert, aber sämtliche Versuche, irgendwie am Rande der Römerstraße zu laufen, scheitern. Da muss ich wohl genauso durch bzw. drüber wie alle anderen vor mir. Rob ist irgendwo hinter mir. Bei unangenehmen Stücken trennen wir uns meist, da hier die Tempounterschiede deutlich werden und Kommunikation sowieso neben dem inneren Unmut das Nachsehen hat.

Als ich gerade eine formschöne Autobahnunterführung singend durchlaufen habe, komme ich mit einem Brasilianer ins Gespräch, der mich hat trällern hören und wissen will, warum ich so gute Laune habe und wo ich herkomme. Ich erkläre, dass ich gegen die unangenehmen Wegbedingungen angesungen habe und aus Hamburg sei. Deutschland, das sei sicher ein tolles Land, sinniert der Südamerikaner. Wir hätten keine korrupte Regierung und bei uns gelte Meinungsfreiheit noch etwas. Bevor er zu sehr ins Schwärmen gerät, erzähle ich ihm von der heißen medial-politischen Debatte rund um Jan Böhmermanns Gedicht Schmähkritik, das gerade die Nation spaltet. Der Brasilianer ist vom Sachverhalt völlig verwirrt. Ein deutscher Comedian beleidigt den türkischen Präsidenten im öffentlichen Fernsehen auf unterstem Niveau? Als ich versuche zu erklären, wie genial der Schachzug Böhmermanns ist, Systemkritik zu üben, in dem das System provoziert wird und das wiederum mit der Unterstützung des eigenen Rechts auf Meinungsfreiheit, steigt mein brasilianischer Freund aus und sagt nur, sein Englisch sei nicht so gut und wünscht mir noch Buen Camino. Da habe ich mich wohl etwas in Rage geredet.

Ich muss noch einmal einen Aufstieg meistern, bis ich um halb eins in Lorca ankomme, wo es Zeit für die Mittagspause ist. Ich habe gerade in einer Herberge mit einem seltsamen Katzen-Comic-Schild und angeschlossener Bar meine tägliche Dosis Kaz Limon erstanden, als Rob ebenfalls ankommt. img_3527Wir besorgen uns noch jeder etwas zu Essen (meine erste Empanada mit Thunfisch – super lecker) und verziehen uns in den Schatten. Eigentlich läuft es richtig gut heute. Wir scheinen inzwischen an die täglichen Kilometer gewöhnt zu sein. Auch wenn mir das römische Kopfsteinpflaster brennende Füße hinterlassen hat, geht es mir sonst prima, und ich bin top fit.

Licht am Ende des Tunnels und die längsten 2,5 km des Tages

Nach einer knappen Stunde Siesta rappeln wir uns auf. Es ist immer wieder eine Herausforderung, nach der Pause in die Gänge zu kommen. Vor uns liegen noch gute zehn Kilometer. Der Zucker aus der Limonade treibt uns an. Es geht vorbei an leuchtend gelben Rapsfeldern. Die Strecke ist stellenweise so schön, dass es mir die Tränen in die Augen treibt. Schon bald habe ich Rob abgehängt und laufe mit Musik auf den Ohren durch die blühende Natur. Mir gelingt noch ein besonders schöner Schnappschuss, als ich durch eine kleine Unterführung gehe, hinter der die Sonne leuchtet. Licht am Ende des Tunnels sozusagen.img_3530

Um zwei komme ich in Villazuerta an, einem nicht sonderlich schönen, langgezogenen Ort, der aber mit Schildern für eine moderne Unterkunft mit Swimmingpool wirbt. Im Reiseführer steht, es handle sich um eine schöne, aber zu teure Unterkunft. Ich bin hin und her gerissen und setze mich zur Abwechslung rauchend unter einen Baum auf eine Bank und überlege, was ich machen soll. 25 Kilometer reichen eigentlich und eine private Luxusherberge wäre eigentlich auch mal wieder etwas Feines. Gleichzeitig bin ich noch fit und spekuliere ein wenig darauf, Torsten und Olli wiederzutreffen, mit denen das Laufen gestern so lustig war. Es ist recht wahrscheinlich, dass die in Estella sind. Rob kommt um die Ecke gebogen und sinkt neben mir auf die Bank. Ich schildere meinen Konflikt, und er kann sich nur anschließen. Wir schwanken beide zwischen unserer momentanen Fitness und den irdischen Verlockungen eines Pools.

Schlussendlich gewinnt der Wunsch nach Kilometern und die Tatsache, dass es erst zwei Uhr ist, und wir machen uns ein letztes Mal für heute auf den Weg. Vier zusätzliche Kilometer sollten doch kein Problem sein. Denkste. Wir haben die Rechnung ohne die Sonne gemacht. Als wir den Ort durchquert haben, erwarten uns knapp drei Kilometer in ballernder Hitze. Wir sind absolut ungeschützt, das Licht ist gleißend hell, und es ist abartig heiß. Dass sich ein so kurzes Stück so lang anfühlen kann, ist unfassbar. Jeder Schritt ist eine Überwindung. img_3531Ich weiß nicht, ob es gut oder schlecht ist, dass es Rob genauso geht wie mir. Wir heulen uns gegenseitig etwas vor und sind froh, als wir eine knappe Stunde später Estella erreicht haben. Auf der letzten Rille schleppen wir uns über die Schwelle der städtischen Herberge und ergattern Bett 91 und 92. Die ganze Unterkunft verfügt über 94 Betten. Wir sind mal wieder Glückspilze.

Hamburger hoch Zwei

An solchen Tagen macht die Choreografie des Ankommens immer richtig Spaß: Schlange stehen, innerlich zittern, ob es noch Platz gibt, registrieren lassen, Stempel bekommen, Bett suchen, Bett machen, duschen, Wäsche waschen und dann aufhängen. Eigentlich möchte man nur auf sein Bett sinken und wünscht sich jemanden, der mit Essen und Getränken rumkommt. Da das aber auch diesmal nicht der Fall ist, müssen wir da durch.

Im Anschluss begeben wir uns auf die Suche nach dem Abendessen und der dazugehörigen Rosado-Quelle und werden in der Fußgängerzone fündig. Kaum sitzen wir gemütlich vor unserem schillernd rot gefüllten Glas, sind die Wehwehchen und Anstrengungen wie weggeblasen. Wir feiern uns selbst. Dreißig Kilometer sind ein echtes Brett. Ich habe immer noch keine einzige Blase und auch mein niederländischer Begleiter hat nur kleinere Wehwechen. Er wird noch einmal ein bisschen sentimental und sagt, dass er wirklich jeden Tag froh sei, an dem ich noch da bin. Ich sei eine solche Freude für ihn, weil ich immer so positiv sei und mit so vielen Menschen in Kontakt komme, die er dann über mich kennenlerne. Ich kann das immer nur zurückgeben. Es ist eine wahre Freude, mit diesem Mann zu laufen und Zeit zu verbringen. Ich liebe die Mischung. Rob ist immer völlig ausgeglichen, ruhig, gut gelaunt, lustig und klug. Ich werde ihn zwischendurch noch sehr vermissen, denn schon bald werden sich unsere Wege trennen.

img_3534Nachdem wir uns noch ein wenig in Estella umgesehen haben, das immerhin einst die Hauptstadt des Königreichs Navarra war, steuern wir schon mal grob die Richtung unserer Herberge an. Gegenüber haben wir ein Restaurant gesehen. Uns ist heute beiden nicht so sehr nach Pilgermenü. Wenig später machen wir es uns darin gemütlich. Ich entscheide mich für einen Hamburger und Rob schließt sich an, um dann zu verkünden, dass das der erste Burger seines Lebens wird. Ich mache große Augen. Dass ich bei so einer Premiere dabei sein darf, ist ja der helle Wahnsinn. Und so verspeist Rob kurz darauf seinen ersten Hamburger im Beisein einer Hamburgerin. Das Schicksal ist schon ein kleiner Schelm.

Zeitreise:

Vorwärts: Willst du wissen, wie es weitergeht? Auf Etappe 7 werde ich eine Freundschaft fürs Leben schließen, obwohl der Tag mit wahnsinnig schlechter Laune losgeht. Es war außerdem ein Tag, der stark im Zeichen des Alkohols stand, schließlich war Vatertag. Du glaubst mir nicht? Dann lies es nach auf meinem Weg von Estella nach Los Arcos.

Rückwärts: Du bist zufällig hier gelandet und fragst dich, wie wir nach Estella gekommen sind? Dann komm noch mal zurück auf Etappe fünf von Pamplona nach Obanos und lese über Laber-Opa und das Wunder von Eunate.

Du wunderst dich, wie um alles in der Welt man auf so eine Idee kommt und willst die ganze Story von Anfang an? Na dann hier entlang.

Bist du selbst den Jakobsweg gelaufen oder denkst darüber nach? Lass mich an deinen Gedanken teilhaben und hinterlasse gern deinen Kommentar. Das kannst du natürlich auch tun, wenn dir etwas besonders gut gefallen hat oder vielleicht auch nicht.

Ich muss das weitersagen
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3 Gedanken zu „Camino Frances #8: Von Obanos nach Estella&8220;

  1. Diese letzten Kilometer nach Estella in dieser Hitze haben sich echt für jeden elendig in Länge gezogen!! Man wollte wirklich keinen Schritt mehr machen als das Ortseingangsschild endlich da war.

Und was sagst Du?