Camino Frances #12: Von Navarette nach Azofra

Etappe 10 auf dem Jakobsweg: Adonis türmt, im Schlafsaal spielen sich beängstigende Szenen ab, ich bin allein auf weiter Flur, Shampoo-Gate treibt mir Tränen in die Augen und die Blues Brothers geben den Ton an (8. Mai 2016, 24 Kilometer)

Die heutige Nacht war recht ereignisreich. Neben dem Dauergeschnarche, das sich ja bereits gestern zum Einschlafen ankündigt hat, gab es noch zwei weitere Happenings bis zum Aufstehen.

Mord und Totschlag im Schlafsaal

Als ich mitten in der Nacht gegen drei wach werde, weil ich auf Toilette muss, beobachte ich, dass Adonis im Bett neben mir gerade seine Sachen packt. Der übertreibt es nun aber wirklich mit dem frühen Aufstehen, denke ich, doch dann gibt er mir mit Zeichensprache zu verstehen, dass er bisher kein Auge zu getan hat und es einfach nicht mehr aushält. Der arme Kerl ist mit den Nerven am Ende, und ich drücke ihm die Daumen, dass die Tür unten offen ist. Manchmal ist das nämlich nicht der Fall. Es scheint geklappt zu haben, denn ich sehe Adonis nie wieder. Ich selbst schlafe recht schnell wieder ein, werde aber gegen sechs ein weiteres Mal wach.

Aus dem Stockbett um die Ecke ertönt ein lautes Röcheln, gefolgt von einem panischen Nachluftschnappen. Gleich im Anschluss poltert es unglaublich laut, so, als falle ein Gegenstand zu Boden. Daraufhin ergießt sich eine südeuropäische Schimpftirade. Inzwischen ist der ganze Schlafsaal aufgewacht. Tatort Stockbett gegenüber. Was ist passiert?

Wie sich herausstellt, leidet der Herr im unteren Bett unter Schlafapnoe, das heißt, seine Atmung setzt beim Schlafen manchmal aus, woraufhin er dann panisch nach Luft ringt (so auch diesmal). Der Typ im Bett oben drüber hat sich ob der Geräusche wohl so heftig erschreckt, dass er mit einer ruckargtigen Bewegung hochgeschnellt ist und dabei irgendwie aus dem Bett gefallen ist. Gott sei Dank geht es allen Involvierten gut. Zum Schluss können wir sogar darüber schmunzeln. Dennoch sitzt der Schreck tief. Zu denken, das gerade jemand stirbt, ist nicht unbedingt die Art und Weise, mit der man geweckt werden möchte.

img_3583Um viertel nach sieben verlassen wir im Sechsertross zusammen mit Rob, Ursula und den Jungs die Herberge. Wir schießen noch ein Abschiedsfoto mit Ursula, die heute weniger weit gehen wird als Kati und ich. Sie muss sich auf dem fünften Jakobsweg nichts mehr beweisen, läuft nur noch, wo es ihr Spaß macht und so weit, wie es sich gut für sie anfühlt.

Gemeinsam steuern wir das Café um die Ecke bei der Kirche an, indem sie ihren Rucksack aufgeben wird und wo ich mir gemeinsam mit Rob, unter dem Gelächter und ausreichend dummen Sprüchen der anderen, meine morgendliche Lebensversicherung besorge. Gebt mir noch ein paar Tage und ich schaffe es, dass meine Mitmenschen mir den ersten Kaffee des Tages freiwillig ausgeben, als Investition in gute Stimmung für alle Beteiligten am frühen Morgen.

Im Café überlässt Ursula ihren mit einem großen Zettel beschrifteten Rucksack dem Inhaber und läuft für den Rest des Tages mit leichtem Gepäck. Ich finde diesen Service wirklich großartig. Er ermöglicht es auch älteren Menschen mit Beschwerden, den Weg zu gehen. Was mich allerdings etwas nervt, ist die Tatsache, dass auch durchaus kerngesunde, fitte, junge Leute sich gemütlich ihr Zeug von Unterkunft zu Unterkunft schicken lassen und dann, derart erleichtert, an einem vorbeipesen und Plätze in den schönen Unterkünften ergattern, während man selbst mit Sack und Pack auf dem Rücken auf der letzten Rille schlurfend nur noch Platz in den öffentlichen Herbergen findet.

Ja, ich weiß, ein jeder geht seinen Weg auf seine Weise, aber irgendwie stört es mich manchmal trotzdem. Genau wie diese Unart, seine Unterkünfte vorab zu reservieren. Wir sind in unserer Gruppe jedenfalls einhellig der Meinung, dass das gegen unsere Pilgerehre geht und dass wir das nehmen, was der Weg für uns bereithält. Das führt aber auch dazu, dass wir sicherheitshalber – Gottvertrauen hin oder her – nie länger als bis drei Uhr nachmittags laufen, weil danach momentan alle Unterkünfte voll sind.

Um viertel vor acht geht es richtig los. img_3584Wir verlassen den Ort und kommen schon bald an einem alten Friedhof vorbei, dessen Eingangsbereich ein beeindruckendes Portal ziert. Dieses stammt laut Reiseführer von einem Pilgerhospital aus dem 12. Jahrhundert. Nun liegt es direkt an der Straße und wirkt ein wenig deplatziert. Was es über die Qualität des Krankenhauses aussagt, wenn daraus inzwischen ein Friedhof geworden ist, lassen wir mal dahin gestellt.

Allein auf weiter Flur im Nieselregen

Schnell steht fest, dass heute gern jede für sich laufen will. Wir haben die letzten Tage so viel zusammen rumgehangen, dass es durchaus auch mal gut tut, zwischendurch für sich zu sein. In den Pausen trifft man sich dann ja doch wieder und spätestens am Zielort. Ich lasse Kati also ziehen und mummele mich in meine Windjacke ein. Es ist heute sehr windig und nieselt. Stört mich aber nicht wirklich. Für dieses Wetter ist die Jacke perfekt. Was bin ich froh, dass ich mir zwei Tage vor Abreise noch einen separaten Regenschutz für den Rucksack besorgt habe. Zumal ich ja erst im Nachgang festgestellt habe, dass der Poncho, den ich mir von meiner Freundin geliehen habe, gar nicht über den Rucksack passt. Wenn ich die anderen beobachte, wie sie samt Rucksack unter ihre riesen Ponchos schlüpfen und sich da wieder rausschälen, was beides meist nur mit Hilfe von anderen gelingt, bin ich froh, dass ich eine für mich pragmatische Lösung mit der Jacke, die so wenig wiegt, getroffen habe. Bei Niesel ist sie perfekt.

Gut gelaunt schlendere ich auf Landwirtschaftswegen durch die Rioja. In Deutschland ist das Wetter, seitdem ich weg bin, bombastisch. Die Sonne scheint und scheint, und es ist mit 26 Grad herrlich warm. Zum Wandern ist unsere kühle Variante hier hingegen die deutlich angenehmere. Ich würde jetzt ehrlich gesagt gar keine Hitze haben wollen. Da ermüdet man immer so schnell. Das hier ist perfekt, wenn man vom Nieselregen der letzten Tage einmal absieht.

img_3587Während ich hier gemütlich einen Fuß vor den nächsten setze, säumen immer wieder Blumen den Weg. Heute ist Muttertag und meine Gedanken wandern zu meiner Mutter, die von zuhause aus mitfiebert. Ich werde kurz sentimental, verdrücke ein paar kleine Tränchen und bin dankbar, dass sie mich zu dem Menschen gemacht hat, der ich bin, der so viel Selbst- und Gottvertrauen hat, dass er ein solches Unterfangen in Angriff nimmt. Ihre immer positive, fröhliche Art wertschätze ich viel zu selten. Heute bin ich in Gedanken bei ihr und schreibe ihr im Lauf des Tages eine E-Mail zu diesem Thema mit Bildern der Blumen vom Wegesrand (genauso schön wie ein Fleurop-Strauß und dann auch noch kostenlos).

Camino-Weisheit: immer in die zweite Bar am Platz

DSCN0869Als ich gegen neun den kleinen Ort Ventosa erreiche, gehe ich zielstrebig in die zweite Bar am Platz. Das ist ein kleiner Insider zwischen Rob und mir, den ich auch mit den anderen geteilt habe: wir haben ausbaldowert, dass sich die zweite Bar im Ort mit Sicherheit mehr Mühe gibt, als die Erste, in die sowieso immer alle Pilger stürmen, sodass wir gezielt auf die Nummer zwei setzen. Und tatsächlich. In der Bar, deren Außenbereich von einer überdimensionierten Schieferplatte in Form eines Pilgers geziert wird, finde ich augenblicklich Kati, die kurz vor mir angekommen ist. Ich gönne mir die obligatorische Kombi aus café con leche und zumo natural (frisch gepresster Orangensaft), während Kati ihren täglichen Tee bestellt.

Wir sind beide gut vorangekommen und finden es tatsächlich angenehm, heute mal beim Laufen allein zu sein. Torsten und Oli sind offensichtlich weitergegangen. Das wiederum finden wir ein bisschen komisch, zumal die beiden heute schon den ganzen Tag recht zurückhaltend sind. Eigentlich dachten wir, dass wir aufeinander an den Pausenorten warten. Aber wer weiß, vielleicht waren sie noch fit oder sie leiden ebenfalls unter Lagerkoller. Man hängt hier schon intensiv aufeinander.

Während ich mir noch ein Bocadillo zum Mitnehmen bestelle, startet Kati schon mal. Ich werde unterwegs sowieso wieder auf sie auflaufen. So rauche ich noch gemütlich eine Zigarette vor der Tür, bevor ich  dann ebenfalls losstiefle.

Auf den nächsten zehn Kilometern bis nach Nájera begleitet mich Eric Claptons Unplugged Album, während ich unter grauen, tief hängenden Wolken laufe. Es gibt wenig darüber zu vermelden, wie man zwischen den noch sehr kahlen Weinstöcken voranschreitet und ab und an einen Wald durchquert.img_3588 Mitten im Nichts entdecke ich eine Jakobusstatue, die zwischen Heideröslein (oder so was in der Art) steht und vor der wieder die üblichen Steintürmchen gebaut worden sind. Fragt man sich auch, wie die dahin gekommen ist.

Weiter geht es, vorbei an einem runden Steinhäuschen, vor dem eine Tafel an die Legende von Roland aus dem gleichnamigen Rolandslied erinnert. Hier soll er mit dem Riesen Ferragut gekämpft haben. Heute steht hier ein Sendemast.DSCN0878 Kurz vor Najera, in der Nähe einer Fabrik, hat jemand ein Pilger-Gedicht auf Deutsch an die Mauer geschrieben. Ist mir alles ein bisschen zu pathetisch und so gehe weiter.

Unser nächster Pausenstopp findet gegen halb eins in Najera statt. Ich habe wieder zu Kati aufgeschlossen, und im Ort stoßen wir auf Torsten und Oli, die es sich auf einer überdachten Bank irgendeines Gebäudes gemütlich gemacht haben und Brote essen. Wir setzen uns dazu und ruhen uns kurz aus, bevor wir uns gemeinsam an das letzte Stück machen. Wir durchqueren den Ort mit seinem Kloster, dann erwartet uns ein recht steiles Stück auf einem Feldweg.

img_3591Bis nach Azofra sind es noch sechseinhalb Kilometer, die sich standesgemäß ziehen. Es regnet schon wieder, und noch dazu weht ein heftiger Wind, der unsere Ponchos von unten aufbläht. Netterweise kommt er wenigstens von hinten – mit Gegenwind wäre dieses Stück wohl noch beschwerlicher gewesen. img_3593Als ein Schäfer mit seiner Herde unseren Weg quert, müssen wir kurz warten. Da ist wahrlich kein Durchkommen. Doch wir haben Glück – nach kurzer Zeit biegt die Herde ab und unsere Herde setzt den Weg fort.

Es ist schon erstaunlich, wie sich Tag für Tag das gleiche Phänomen wiederholt: am Tagesanfang läuft alles prima, nach mehr als der Häfte denkt man, es sei nicht mehr weit und auf den letzten Kilometern fragt man sich, ob man eigentlich bescheuert ist, noch weiter gegangen zu sein und wieso dieser verdammte, angekündigte Ort immer noch nicht auftaucht. Am nächsten Tag hat man das dann alles wieder vergessen und nimmt sich erneut ca. 25 Kilometer vor, um dann erneut auf den letzten sechs zu fluchen. Ich packe mir LaBrassBanda auf die Ohren, die mich mit ihren Trompeten und dem unwiderstehlichen Gute-Laune-Sound weitertreiben. Das Lied „Nackert“ höre ich sicher fünf Mal, weil es vom Rhythmus perfekt zu meinen stampfenden Schritten passt.

Shampoo-Gate-Geheule

Gegen halb drei kommen wir mit brennenden Füßen und dicken Beinen in dem kleinen Nest Azofra an. Zentraler Bestandteil des Ortes ist die große Herberge mit 110 Betten. Ansonsten hat er außer zwei Bars und einem Minisupermarkt wenig zu bieten. Nachdem wir uns in der Herberge registriert haben und an vielen Peregrinos vorbei gelaufen sind, die sich bei dem tollen Wetter alle im großen Aufenthaltsraum stapeln, kommt dann bei Kati und mir doch noch Freude auf, denn der Weg hält heute ein großes Geschenk für uns bereit: Privatsphäre.

Unsere Herberge bietet nämlich ausschließlich Zweierzimmer, noch dazu mit Einzelbetten. Um genau zu sein sind es kleine Zellen aus Spanholzplatten, aber wir feiern, dass wir uns endlich einmal ein bisschen ausbreiten können und nicht mit 20 Menschen in Stockbetten verteilt schlafen werden. Hinter jedem Bett gibt es Ablagefächer und wir genießen den Luxus und die Vorstellung, heute Nacht mal ohne das ständig leicht drückende Gefühl der Oropax in unseren Ohrmuscheln verbringen zu können. Einziger Wermutstropfen: unsere Zelle grenzt direkt an den Waschraum, dessen Tür wir bei jedem Öffnen und Schließen hören, aber hey – wir wollen nicht undankbar sein. Wir werfen uns erst mal jeder auf sein Bett. Herrje, was sind wir k.o.

Als wir zum Duschen gehen, hält der Tag dann aber doch noch einen richtigen Tiefschlag für mich bereit. Ich stelle fest, dass ich gestern mein kleines Shampoo und Duschgel in Navarette habe stehen lassen. Ich sehe förmlich vor meinem inneren Auge, wie es oben auf der Trennwand der Dusche steht und ich es nicht eingepackt habe, weil aus der bekanntlich beschissensten Dusche auf dem gesamten Camino ja nur die Rinnsale heiß bzw. eiskalten Wassers kamen. Ich bin am Boden zerstört und mir schießen tatsächlich ein paar Tränen in die Augen. Ich weiß selbst, dass das total lächerlich ist, aber das Zeug erinnert mit seinem guten Duft an zuhause und ist ein klein wenig Luxus unterwegs, der nun schlagartig weg ist.

Kati hilft mir netterweise aus der Klemme. Die nächste Challenge lautet nun, Ersatz finden, denn es ist nicht etwa so, als würde man Shampoo und Duschgel in kleinen Fläschchen an jeder Ecke finden. Und meine Lust, zwei Flaschen von regulärer Größe über den Camino zu schleppen, hält sich, gelinde gesagt, in Grenzen. Azofras Minisupermarkt hat jedenfalls schon mal nichts Passendes im Angebot.

Blues Brothers und Sisters

Wie ich so meinen Luxusgegenständen hinterherheule, komme ich mir ein bisschen vor wie ein Teilnehmer im Dschungelcamp, bei dem die Drill Instructors eingeschmuggelte Ware finden und ihm abnehmen, was dann immer mit viel Drama einhergeht. Ich bin selbst verwundert, wie mir das auf die Laune schlägt. Eigentlich ja absolut lächerlich und weit entfernt von der Weltuntergangsstimmung, in der ich mich gerade befinde.

Ich entdecke zudem eine Blase, die zwar Gott sei Dank nicht weiter schlimm ist und schnell unter Compeed verschwindet und bemerke, dass es dem Knie heute deutlich besser geht, nachdem es die letzten Tage häufig etwas zickig war, aber all das kann mich as meinem Jammertal nicht wirklich herausziehen. Auch bei den anderen will sich keine richtig gute Laune einstellen. Oli und Torsten sind extrem still und sondern sich ein wenig ab. Kati und ich rätseln schon den ganzen Tag, ob wir irgendwas Falsches gesagt oder getan haben oder ob es einfach nur der Lagerkoller ist.

Ziemlich lustlos gehen wir in eine der beiden Bars, wo wir ein absolut mittelmäßiges Pilgermenü serviert bekommen und Wasser statt Wein trinken. Es gibt solche Tage.

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Es gibt nur eine Richtung: weiter

Vermutlich ist es eine typische Reaktion auf einem so langen Weg. Heute ist der zehnte Wandertag. Die Euphorie des Anfangs ist vorbei – willkommen im ekligen Mittelteil, wo einem so langsam aufgeht, dass man nicht bei einer Spaßveranstaltung mitmacht und das Ende noch in weiter Ferne liegt.

Der Körper hat sich zwar inzwischen an viel gewöhnt (ich fühle meinen Rucksack zum Beispiel kaum noch und kann ihn problemlos auf und ab setzen), aber dafür kommen jetzt andere Wehwehchen, vielleicht auch eher psychischer Natur. Der tägliche Ablauf hat sich gesetzt und wird nicht mehr als so abenteuerlich empfunden wie zu Beginn, immer weniger lenkt von den eigenen Gedanken ab und selbst die Mitpilger bieten nicht mehr so viel Inspiration, weil man schon so viel miteinander beredet hat, dass man ihrer teilweise sogar ein wenig überdrüssig wird. Vielleicht ist es aber auch einfach nur tagesformbedingt und morgen gehen wir bestens gelaunt und beschwingt in einen neuen Tag.

Digitale Revolution im Elternhaus

Abschließendes Highlight des Tages sind heute die Telefonate mit meinem Freund und mit meinen Eltern, die alle ihr Bestes geben, mich wieder aufzumuntern. Sie werden nicht müde, mir zu sagen, wie stolz sie sind, dass ich das so durchziehe und trösten mich, dass ich sicher auch ohne Shampoo und Duschgel wieder schnell zu meiner gewohnt guten Laune zurückfinden werde. Die Gespräche sind mindestens so wohltuend wie das fehlende Waschequipement.

Mama bedankt sich für die Muttertags-Mail, die sie wohl sehr gerührt und gefreut hat. Außerdem hat sie fleißig alle „Camino-Ticker“ gelesen, die ich ihr geschickt habe, kaum dass ich im Wlan unserer Herberge eingewählt war. Sie hat mich heute Morgen mit der bahnbrechende Neuigkeit überrascht, dass sie endlich WhatsApp hat. Ich glaube, der letzte, ausschlaggebende Punkt, das Smartphone doch nicht ausschließlich als Fotoapparat zu nutzen, sondern sich jetzt mal endlich die App installieren zu lassen, war die Tatsache, dass die Mutter meines Freundes (die zu den Empfängern meiner täglichen Berichte zählt) immer besser informiert war, als meine Mama selbst. Ab jetzt ist sie also endlich selbst am digitalen Puls der Zeit angekommen.

Ich setze mich noch kurz zum Tagebuchschreiben in den Aufenthaltsraum, wo ich Rob treffe, den ich seit heute Morgen nicht mehr gesehen habe. Auch er ist müde und klagt über Rückenschmerzen. Um viertel vor neun folge ich Kati in unser Séparée. Wir gehen heute mal früh ins Bett und ruhen uns aus. Morgen sind die Schmerzen dann hoffentlich wieder weg und die Laune und das Wetter besser als heute.

Kati und ich beschließen, lediglich bis Santo Domingo de la Calzada zu gehen. Das sind 16 Kilometer, was nach den vielen 25-Kilometer-Tagen wie Musik in unseren Ohren klingt. Der Ort ist berühmt für seine Kirche, in der Hühner gehalten werden. Das allein ist Grund genug, dass wir ihn uns anschauen wollen und nicht weitergehen werden. Außerdem tut uns etwas weniger Belastung sicher auch mal gut. Ich liege damit zwar einen Tag hinter meinem ursprünglichen Zeitplan, aber dieser beinhaltet ja auch nicht umsonst acht Pausentage. Und vielleicht hole ich ja auch wieder an irgendeiner Stelle auf.

 

Zeitreise

Vorwärts: Willst du wissen, wie es weitergeht? So viel sei gesagt: der nächste Tag wird besser und fühlt sich fast wie Urlaub an. Wir werden Zeugen multipler Quasi-Orgasmen beim Duschen, teilen uns das Quartier mit heiligen Hühnern und finden einen Heiligen hinter Gittern. Neugierig? Na dann geh doch noch ein Stück mit von Azofra nach Santo Domingo.

Rolle Rückwärts: Du weißt gar nicht, was es mit der schlechtesten Dusche auf dem ganzen Camino auf sich hatte, weil du die letzte Etappe verpasst hast? Dann geh noch mal zurück mit mir von Viana nach Navarette und erfahre außerdem, wieso es dort zwar ein goldglitzerndes Highlight gibt, aber niemals einen Medizinkongress.

Bist du heute zum allerersten Mal hier und möchtest bei Tag Eins loslegen? Dann geht es hier entlang.

Kommentare und Ergänzungen

Bist du selbst dieses Stück des Jakobsweges gelaufen oder hast du vielleicht vor, das irgendwann einmal zu tun? Hast du auch in der Unterkunft in Azofra übernachtet? Wie war dein Weg? Warst du vielleicht sogar auf meinem Stück dabei und hast noch etwas zu ergänzen oder zu korrigieren? Hat dir etwas besonders gefallen oder hat dich etwas gestört? Ich freue mich wie immer über deinen Kommentar.

2 Gedanken zu „Camino Frances #12: Von Navarette nach Azofra&8220;

  1. Da fühlt man beim Lesen direkt wieder die dürftige Laune an diesem Tag! Man erinnert sich so oft an die guten Tage, aber die schlechten sind letztendlich die, die uns die guten Tage richtig schätzen lassen. 🙂
    Ich habe gerade nochmal meinen Tagebucheintrag für den Tag gelesen… er startet mit „Die Nacht war für uns alle fürchterlich. Mit 6 starken Schnarchern im Raum war an Schlaf erst sehr spät zu denken und dann auch nur unregelmäßig.“
    und endet mit folgendem Fazit: „Ausgeschlafen läuft es sich besser!“ 😀

Und was sagst Du?