Camino Frances #13: Von Azofra nach Santo Domingo de la Calzada

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Etappe 11 auf dem Jakobsweg. Wir werden Zeugen multipler Quasi-Orgasmen beim Duschen, teilen uns das Quartier mit heiligen Hühnern, feiern eine Messe mit einem frisch Verstorbenen, finden einen Heiligen hinter Gittern und zischen uns den ersten Gin Tonic rein. (09. Mai 2016, 16 Kilometer)

Oh Freude der kurzen Tage. Wissend, dass uns nur 16 Kilometer bevorstehen, schlafen Kati und ich mal ganz entspannt in unserem Séparée bis halb acht aus, denn wir müssen die Herberge erst um neun verlassen. Die Nacht war für unsere Verhältnisse sehr lang, und auch wenn ich mitten in der Nacht doch noch auf Oropax umswitchen musste, habe ich so viel geschlafen wie lange nicht.

Mit dem Bummelzug nach Santo Domingo

Wir behalten den Bummelmodus des Tages bei, packen in Ruhe auf der uns eigenen Fläche unser Zeug zusammen, machen uns fertig und steuern dann auf direktem Wege eine der beiden Bars an. Obwohl ich nur wenige Minuten zuvor Oli noch im Bad getroffen habe, ist das Zimmer neben uns, in dem die beiden Jungs geschlafen haben, bereits leer. Verabschiedet haben sie sich nicht. Wir sind ein wenig überrascht, aber kommen schnell zu dem Schluss, dass es einfach an der Zeit war, und wir ab jetzt als Mädels-Duo unseren Weg fortsetzen werden. Nach Kaffee, Saft und einem Croissant in der Bar sind wir bestens gerüstet und machen uns um neun auf den Weg. Zu dieser Uhrzeit hatten wir an den meisten anderen Tagen schon mindestens sieben Kilometer auf dem Konto.

Es sind erstaunlich viele Leute unterwegs. Das liegt aber vermutlich weniger daran, dass alle so wie wir ausgeschlafen haben, als daran, dass diese Leute in den Ortschaften vorher begonnen haben. Uns ist das völlig egal, denn wir haben ja Zeit und – Trommelwirbel – heute scheint die Sonne. Das wirkt sich genau wie der ausreichende Schlaf und der Kaffee absolut positiv auf meine Stimmung aus. Der Downer ist passé – Camino, here I go again.

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Sonne, Wolken, Regenbogen

Es ist warm genug, um im Shirt zu laufen. Die Sonne kommt raus, ein paar Wolken zieren dekorativ den Himmel, es weht ein leichter Wind und all das wird feierlich von einem Regenbogen dekoriert, der im Kontrast zu den kleinen, kahlen Rebstöcken auf der braunen Erde steht. Herrje, was kann es einem gut gehen. Entsprechend gut kommen wir voran und spielen dabei Hase und Igel mit zwei Niederländern, die wir in den letzten Tagen häufiger gesehen haben und die wir nun immer wieder abwechselnd überholen oder bei Trink- und Rauchpausen an uns vorbeiziehen lassen.

Wir hören auf unseren Outdoor-Wanderführer und machen den empfohlenen Schlenker über Ciriñuela. Auf diesem Stück sehen wir ausnahmsweise mal keine Menschenseele. DSCN0881Als wir gegen elf eine abseits gelegene Bar erspähen, die auf ihrer Außenterrasse mit Blick auf die gelb blühenden Rapsfelder einen Picknicktisch aus Holz stehen hat, ist unser nächster Pausenort gewählt. Sagte ich schon, dass wir es heute ganz entspannt angehen lassen?

Wir genießen unser Bocadillo in der üblichen Kombination mit Kaffee bzw. Tee und frisch gepresstem Saft vor dieser wunderbaren Kulisse. img_3598Von den Quälereien der letzten Tage sind wir heute weit entfernt, als es kurz darauf weitergeht. Die Stimmung ist ausgelassen genug, um ein kleines Fotoshooting im leuchtenden Gelb abzuhalten. Die Laune ist aber auch prächtig.

Es ist absolut malerisch hier. img_3600Das Bild, das ich von Kati schieße, wie sie vor mir her allein auf weiter Flur in Richtung Santo Domingo läuft, ist eines meiner Lieblingsbilder, auch weil ausnahmsweise mal keine Menschenseele vor oder hinter uns ist.

Ehe wir uns versehen, sind wir auch schon am Ort unserer Bestimmung. Es ist gerade mal halb eins, als wir in die Stadt einlaufen. img_3601Eine deutsche Mitpilgerin schießt ein Foto von uns vor einer abenteuerlich anmutenden Konstruktion, die wohl an einen (verstorbenen?) Radpilger erinnern soll.

Die legendäre Orgasmus-Dusche

Wir entscheiden uns für die große, öffentliche Herberge mitten im Ort und in der Nähe der berühmten Kirche. Im Pilgerführer ist bereits die Rede von einem „Pilgerhotel“, denn hier finden über 200 Menschen in zehn Schlafsälen Platz. An der gegenüberliegenden Straßenecke erspähen wir begeistert einen Waschsalon, den wir für später auf die To-Do-Liste packen. Die Vorstellung, nach einer Woche mal wieder „richtig“ zu waschen und vor allem zu trocknen, versetzt uns in Entzückung, ist aber nicht das einzige Highlight, das auf uns wartet, denn auch unsere Unterkunft selbst weiß zu überraschen. Es ist nicht nur ein riesiges Gebäude mit Aufzug (!) und Snackautomaten im großen Aufenthaltsraum, nein, es gibt hier tatsächlich geschlechtergetrennte Waschräume und allein schon bei den Frauen finden wir sieben Waschbecken und vier Duschen vor. Endlich mal nicht anstehen!

Als wir unter den Duschen stehen, können wir uns nur mühsam zurückhalten, um nicht in lautes, wohliges Stöhnen auszubrechen: das Wasser lässt sich perfekt temperieren UND aus der Brause kommt ein ordentlicher Strahl. Traumhaft. Ich will da gar nicht mehr raus. Als Kati und ich uns am Waschbecken wiedertreffen, und die Begeisterungslaute der duschenden Damen hören, fangen wir unbändig an zu kichern. Man könnte ob der vielen Ahs und Ohs geradezu Unanständiges denken.

Chicks & Chicken – die Fotolovestory

Danach geht es wieder raus und umgehend in den Waschsalon, wo wir nach einer knappen Stunde an der Reihe sind. Die Zeit nutzen wir auf dem Platz davor und sonnen uns ein wenig. img_3602Hinter unserer Herberge gibt es eine Terrasse. Dort steht ein großer Rondell-Käfig mit mehreren Hühnern. Wie wir später herausfinden, handelt es sich dabei um die Kandidaten, die gerade keinen Dienst in der Kirche haben und entspannen können. Sie gackern und krähen in einem fort. Bin gespannt, ob uns dann morgen früh der Hahn weckt. Auch hier hängen wir noch ein wenig herum, während wir darauf warten, dass der Trockner fertig wird.

Als die Wäsche sauber und trocken wieder sicher in unseren Rucksäcken verstaut ist, machen wir uns an die Entdeckung des Ortes. Die Kirche ist gleich um die Ecke, aber kostet Eintritt, so dass wir beschließen, sie uns einfach heute Abend bei der Messe genauer anzuschauen.DSCN0886 Für Kati ist die Katholiken-Veranstaltung eine Premiere, für mich wird es langsam mal Zeit. Ich habe auf dem ganzen Weg noch nicht einem Gottesdienst beigewohnt.

img_3605Beim Streunen durch die Stadt lassen wir uns zu weiteren Quatschbildern hinreißen und kommen aus dem Lachen gar nicht mehr heraus. So versuche ich mich beim Posing in yogaesker Haltung an einer Laterne vor einem luxuriösen Hotel, das einst als Pilgerhospital und Herberge vom Lokalheiligen Santo Domingo gegründet wurde und nun das Budget des durchschnittlichen Pilgers mit Sicherheit sprengt. img_3608Später entdecken wir ein phantastisches Hühner-Graffiti samt Heiligem (Street Art at its best), bei dem wir natürlich auch nicht widerstehen können, unser Leben als Huhn in Szene zu setzen. Den krönenden Abschluss unseres Shootings bildet der Santo Domingo Aufsteller mit dem ausgeschnittenen Gesicht.img_3610

Im Rückblick ist es vermutlich einer der unbeschwertesten Tage auf dem ganzen Camino, definitiv aber der Unbeschwerteste in Katis Gesellschaft, denn ohne zu viel vorweg zu nehmen: auch diese Wegbegleitung neigt sich, ohne dass wir beide es ahnen, bereits dem Ende zu.

Nachdem wir mit der Altstadt fertig sind, streunen wir weiter und landen in einer Straße mit vielen Geschäften und dann von jetzt auf gleich im Platzregen. Glückspilze, die wir sind, hängt auf der gegenüberliegenden Straßenseite eine Markise, unter die wir hüpfen, um dann entgeistert zuzusehen, wie das Wasser binnen kürzester Zeit die Straße entlangrauscht. Das Unwetter ist genauso schnell vorüber, wie es gekommen ist, und wir setzen unsere Erkundung der Stadt fort, bis wir vor einer Pizzeria stehen.

Das läuft doch wie am Schnürchen! Heute also mal kein Pilgermenu. Wie herrlich ist das denn? Wir starten mit Rotwein, freuen uns diebisch über das Schälchen Oliven vorweg und finden es absolut angenehm, ausnahmsweise mal keine anderen Peregrinos um uns herum zu haben. Der kulinarische Höhenflug geht auch nach dem Essen weiter, als uns auf dem Rückweg die glorreiche Idee kommt, diesen Urlaubstag mit einem Gin-Tonic zu feiern. In einer kleinen Bar nicht weit von der Kirche werden wir fündig. Kurz darauf sitzen wir vor einem Giganten von Longdrink, denn der Spanier serviert das Gesöff unserer Wahl in überdimensionalen Weingläsern mit ordentlich Eis und ordentlich Gin. Man kann uns heute sehr schnell sehr glücklich machen.

Heilige und Hühner hinter Gittern

img_3619Um viertel nach sieben machen wir uns auf den Weg zur Kirche. Gleich am Eingang erwarten uns sowohl die besagten Hühner, als auch die Statue von Santo Domingo, die an Feiertagen durch die Stadt getragen wird, heute jedoch hinter Gittern bleibt.

Hühner, Hühner, ihr hört hier immer Hühner. Was hat es damit auf sich? Einer Legende nach wurde ein junger Mann, der mit seinen Eltern nach Santiago pilgerte und hier abstieg, Opfer eines üblen Ränkespiels.

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Hühnerkäfig in der Mitte

Als er die Liebe der Wirtstochter nicht erwiderte, versteckte sie einen Wertgegenstand in seinem Gepäck und bezichtigte ihn anschließend des Diebstahls, woraufhin der Junge gehängt wurde. Man war damals ja effizient. Die Rechnung hatten die Schergen aber ohne Santo Domingo gemacht, der, als die Eltern zum Baum, an dem der Sohn hing, zurückkehrten, ihr Kind lebend wiederfanden, weil der Heilige unter ihm stand und ihn stützte, so dass er nicht erstickte. Als die Eltern daraufhin zum Richter liefen und ihm vom Wunder berichteten, sagte der ehrenwerte Herr, der beim Mittagessen gestört wurde, dass der Junge vermutlich genauso lebendig sei, wie die zwei Brathähnchen auf seinem Teller. Was soll ich sagen – diese beiden erhoben sich daraufhin von seinem Teller und flogen weg. Seit diesem Tag befinden sich ein Hahn und eine Henne in der Kirche als Erinnerung an das Wunder.

Messe mit den Lebenden und dem Toten

Aber zurück ins Hier und Jetzt. In der Kirche ist es ordentlich voll und um uns herum beten spanische Damen den Rosenkranz in ihrer Muttersprache. Ich versuche, in meiner Sprache einzufallen, aber das ist gar nicht so leicht. Dass ich mal bei einem „Gegrüßet seist du Maria“ den Faden verlieren würde, hätte ich mir auch nicht träumen lassen.

Kurz vor acht hört man von draußen dumpfe Trommelschläge, die immer näher kommen. Es hat etwas Gruseliges, weil ziemlich schnell klar ist, dass sie sich in Richtung der Kirche bewegen. Vor meinem inneren Auge nimmt eine Prozession mit Ku-Klux-Klan-artigen Spitzhüten Anlauf auf die Kathedrale. Keine Ahnung, was da los ist. Zumindest kann ich Kati versichern, dass das nicht Teil des regulären, katholischen Prozederes ist.

Dann wird die Tür mit einem Ruck in unserem Rücken aufgestoßen und die Rosenkränze um uns herum Schwellen gefühlt noch ein wenig an, als sechs Männer einen Sarg in die Kirche tragen und ihn im Mittelschiff vor dem Altar aufbahren. Danach beginnt eine ganz normale, spanische Messe und nicht, wie von mir befürchtet, eine Beerdigung. Bis heute weiß ich nicht genau, was wir da erlebt haben. Vielleicht ist es ja Usus, die Toten vor ihrer Beerdigung noch in sämtliche Messen zu schleppen?

img_3617Der Gottesdienst ist wirklich schön. Obwohl ich kein Wort verstehe, kann ich der Liturgie gut folgen. Die Abläufe sind ja mehr oder weniger überall gleich. Ich souffliere immer mal kurz zwischendurch Kati, was gerade passiert. Die feierliche Stimmung zieht sie sichtlich in ihren Bann. Als die Messe vorbei ist, schauen wir uns noch in Ruhe in der Kathedrale um, die keine mehr ist (dazu bräuchte es einen Bischof, glaube ich.

Es gibt sowohl Gräber (vermutlich u.a. unser heiliger Freund?) zu bewundern, als auch wunderschöne Gemälde von Heiligen, sowie ein einmal mehr beeindruckender Altarraum, der von einem Gewölbe umgeben ist.img_3613

Nachdem wir uns beim Rausgehen noch sicherheitshalber den Segen von Santo Domingo abgeholt haben, geht es zurück in die Herberge. Nach einem kurzen Abstecher in den Aufenthaltsraum steuern wir pflichtschuldigst unser Bett an. Hier erwartet mich heute auch noch ein kleines Abenteuer, denn ich habe nicht nur das Bett oben erwischt, sondern selbiges steht auch noch mitten im Raum und hat unglücklicherweise kein Gitter oder eine sonstige Begrenzung. Aussichten, die für jemanden, der sich im Schlaf gerne mal dreht, ganz hervorragend sind. Mal schauen.

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Pilger-Idylle

Morgen wollen wir nach Möglichkeit in das 24 Kilometer entfernte Belorado. Dann übermorgen noch einmal eine kürzere Etappe von 16, und wir wären bis auf elf Kilometer an Burgos herangelaufen, so dass wir die Stadt im Bestfall bereits mittags erreichen würden. Vielleicht sind wir aber nach unserem heutigen Pausentag übermorgen auch so ambitioniert, dass wir aus zwei Tagen einen machen. Wir werden sehen. Wir nähern uns mit Burgos jedenfalls einem weiteren Meilenstein auf dem Camino. Aber das ist Zukunftsmusik.

Zeitreise

Vorwärts: Neugierig, wie und wohin es weitergeht? Dann komm mit auf die nächste Etappe. Auf unserem Weg nach Belorado spielen ein Pumakäfig und ein Pfauengehege eine Rolle, außerdem gibt es ein Wiedersehen mit Mädels und den Sonnenaufgang meines Lebens, finde endlich mehr über Mädels raus und lerne, dass es sich mit Fünfmarkstücken unter den Füßen nicht gut läuft,

Rolle Rückwärts: Du bist hier so reingeraten und wunderst dich, wieso wir ungestört ausschlafen konnten? Dann geh noch mal zurück mit mir von Navarrete nach Azofra und höre von Mord und Totschlag im Schlafsaal und erfahre, wieso man wegen Shampoo weinen kann, auch wenn es einem nicht in die Augen gerät.

Bist du heute zum allerersten Mal hier und möchtest bei der ersten Etappe anfangen? Dann geht es hier entlang.

Kommentare und Ergänzungen

Bist du selbst dieses Stück des Jakobsweges gelaufen oder hast du vielleicht vor, das irgendwann einmal zu tun? Hast du auch in der Unterkunft in Azofra übernachtet? Wie war dein Weg? Warst du vielleicht sogar auf meinem Stück dabei und hast noch etwas zu ergänzen oder zu korrigieren? Hat dir etwas besonders gefallen oder hat dich etwas gestört? Ich freue mich wie immer über deinen Kommentar.

Ich muss das weitersagen
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4 Gedanken zu „Camino Frances #13: Von Azofra nach Santo Domingo de la Calzada&8220;

  1. Liebe Audrey!
    Als ich heute Morgen aufgewacht bin, habe ich mich gefreut, dass Sonntag ist! Nicht weil ich frei hab (hab ich nämlich indirekt nicht), sondern weil am Sonntag immer ein neuer Bericht von dir kommt!
    Mit den regelmäßigen Beiträgen ist es wie mit einer Fernsehserie: man will nichts verpassen und freue mich schon auf die Fortsetzung.
    Mir hat es auf jeden Fall den Sonntag versüßt, der sonst mit stundenlanger PC-Arbeit und dem Verfassen der Berichtszeugnisse für meine Klasse gefüllt ist.
    Alles Liebe und bis nächsten Sonntag!
    Aurora

    1. Liebe Aurora,
      Wenn du wüsstest, wie ich mich darüber freue, dass du dich schon morgens freust. Dann lohnt es sich ja doch, dass ich mein Konzept mit dem Sonntag knallhart durchziehe. Audrey im Wanderland – die Lindenstraße unter den Wanderblogs 😂😂
      Liebe Grüße – hoffentlich ist inzwischen zu Ende korrigiert

Und was sagst Du?