Camino Frances #19: Von Hornillos nach San Nicolás

Etappe 16 auf dem Jakobsweg. Die Spatzen pfeifen es von den Steinhaufen: ich feiere meine erste Ü30-Party, lasse meinen Fuß küssen, bete wie in Babylon, bezeuge eine Verwandlung und treffe den Weihnachtsmann (15. Mai 2016, 30 Kilometer)

Nach einer Nacht mit einer sehr überschaubaren Mütze Schlaf schäle ich mich um kurz vor sieben aus meinem düsteren Kabuff. Die Option auf Frühstück in der hiesigen Lokalität habe ich gestern ausgeschlagen, und so ist der erste Kaffee elf Kilometer von hier entfernt.

Die Spatzen pfeifen es von den Steinhaufen

Während das normalerweise ein absolutes Schreckensszenario für mich wäre, ist heute irgendwie alles anders. Ich bin total beschwingt und bester Laune, wie ich einen Fuß vor den nächsten setze. img_3740Ich kann mich gar nicht satt sehen an dem saftigen Grün der Felder und Wiesen, die mich umgeben. Es ist so friedlich hier und mir scheint, als gehöre mir die Welt ganz allein. Es sind wenig andere Pilger zu sehen, und ich genieße meinen einsamen Weg in vollen Zügen. Mich begleitet ein kleiner Spatz, der sich immer wieder einen Meter rechts von mir niederlässt, um mir dann weiter zu folgen. img_3741Auf der Spitze eines Steinhaufens posiert er netterweise für ein Foto.

Wenig später komme ich an einem weiteren Steinhaufen vorbei (scheint hier gerade en vogue zu sein). Dieser wird von einem interessanten Kreuz flankiert, das mir bekannt vorkommt, das ich aber nicht ganz zuordnen kann. Es sieht aus wie das Emblem eines Ordens und wirkt ein wenig verloren in dieser Umgebung.img_3742

Während ich es fotografiere, schließt ein alter Herr zu mir auf, der mit Sicherheit auf die Achtzig zugeht. Er hat mich vorhin beobachtet, wie ich an dem Steinhaufen stehen blieb und fragt, ob er ein Bild von mir machen soll. Scheinbar glaubt er, ich habe den Versuch eines Selfies unternommen, und so erzähle ihm von meinem kleinen, gefiederten Freund und zeige ihm das Bild. Lachend meint er, dass es kein Wunder sei, dass der Spatz mich ein Stück begleitet habe. Ich wirke so herrlich mit mir selbst im Gleichgewicht. Recht hat er. Dafür, dass ich ursprünglich die Vorstellung, allein zu laufen, recht beklemmend fand, bin ich überrascht, wie sehr ich es genieße.

Wir unterhalten uns noch kurz, dann verabschiede ich mich und gehe weiter. Es ist halb neun. So gut, wie ich heute vorankomme, müsste ich bereits in einer Stunde in Hontanas, dem Kaffee-Ort, sein. Noch so ein Vorteil des Alleinlaufens: irgendwie ist man schneller. Und da ich zudem offensichtlich so etwas wie Kondition bzw. Fitness in den letzten knapp drei Wochen aufgebaut habe, komme ich trotz Rucksack  auf einen Schnitt von 4,5 km/h. Dass die Hose meines Vaters, die anfangs verdammt eng saß, inzwischen um meine Hüften schlackert, ist ein zusätzlicher, netter Nebeneffekt.

Die Kilometer rasen nur so vorbei

Um zwanzig vor zehn ist es soweit. Begeistert sinke ich, mit einem Kaffee und einem Bocadillo bewaffnet, auf einen Stuhl vor der Herberge El Puntido in Hontanas. Es gibt WLAN, das so gut ist, dass ich mir die aktuellen Folgen meines Lieblingspodcast Sanft & Sorgfältig (ja, so hieß er damals noch) runterladen kann. Da habe ich auf den nächsten Kilometern dank Böhmermann und Schulz etwas zu lachen. Erst eine Stunde später raffe ich mich wieder auf. Es ist wirklich faszinierend, wie schnell die Zeit vergeht, obwohl man nicht anderes tut als sitzen und Leute beobachten.

Mein Weg führt mich weiterhin durch wogende Wiesen, und ich kichere wie erwartet mit dem Podcast auf den Ohren vergnügt vor mich hin. Der befürchtete Schlamm, den ich auf Robs Fotos gesehen hatte, ist übrigens, wie erhofft, weggetrocknet. Die Wege sind dadurch zwar stellenweise arg furchig, aber im Vergleich zu Matsch, der nach Füßen schnappt, ist das Balancieren auf den Rillen und Kanten geradezu easy.

Ich komme erneut hervorragend voran und erreiche bereits um halb zwölf die Ruine des Konvents San Anton, das im 15. Jahrhundert erbaut wurde und in dem Lepra-Kranke behandelt wurden.img_3746Vor den Mauern parkt ein kleiner Bus, aus dem ein Mann selbstgebastelten Nippes herausverkauft. Er ruft mich zu sich. Ich reagiere erst nicht, weil ich denke, dass es sich um einen Spinner handelt, der mir jetzt seinen nutzlosen Kram andrehen will. Doch stattdessen winkt er mit einem Stempel und bietet mir an, mein Credencial zu stempeln. Natürlich versucht er, mir seinen Krimskrams schmackhaft zu machen, aber über meinen Hinweis, dass jedes Gram zähle, muss er lachen. Buen Camino, Peregrina. Ja, ja. So sieht es aus.

Mein Camino führt mich nun übrigens mitten durch die Ruine. Ich nehme mir kaum Zeit, die beeindruckenden Überreste zu betrachten. Mich nervt die Menschenansammlung, die auf der Straße steht und sich vor der Kulisse ablichten lässt. Im Vorbeigehen schieße ich immerhin ein Foto von dem gut erhaltenen Portal.img_3747 Später haben mir andere Pilger erzählt, dass man die Wände berühren soll und dann angeblich eine ganz besondere Energie spüre. Für so einen Kokolores habe ich heute keine Zeit. Ich hatte schon mein ganz persönliches Wunder von Eunate in Woche Eins, das muss an Energie reichen.

Ü-30-Party-Premiere

Meine Energie reicht auf jeden Fall. Um zwölf laufe ich auf Castrojeriz zu, das mir mit seiner Kirche am Fuß des Tafelbergs eine malerische Willkommenskulisse bietet.img_3749 Für mich steht sofort fest, dass ich für heute noch nicht am Ziel bin. Gerade mal 20 Kilometer lassen sich mit meiner aktuellen Fitness nicht vereinbaren. Außerdem möchte ich unbedingt in die Unterkunft San Nicolás, die noch zehn Kilometer von hier entfernt ist. Da es erst zwölf ist, bin ich guter Dinge, dass ich es dorthin schaffen werde, auch wenn die überschaubare Anzahl von zwölf Betten eine Minisorgenfalte auf meine Stirn zaubert. Ich bleibe einfach optimistisch. Bisher habe ich immer ein Bett bekommen. Wieso nicht auch diesmal?

Außerdem ist die Unterkunft sicher nicht so bekannt, und viele wird es abschrecken, dass man dort nicht reservieren kann. In einer kleinen Bar im Ort mache ich erneut Pause, besorge mir frische Zigaretten, trinke die tägliche Limonaden-Dosis und ruhe mich noch einmal kurz aus. Über den Stempel freue ich mich besonders. img_0175Er zeigt einen Reiter samt Pferd und ist einer der schönsten, die ich auf dem ganzen Weg bekommen habe.

Gut erholt mache ich mich an das letzte Drittel, das Abwechslung bietet, denn der Tafelberg ist nicht nur dekorative Kulisse, sondern Teil meines Weges, aber das stört mich überhaupt nicht, nachdem es die letzten Tage durchgehend flach war. Die Sonne scheint wieder und der Camino gibt alles. Ich kriege mich vor Begeisterung ob der Schönheit des Weges gar nicht ein. img_3750Um meiner Umgebung zumindest ansatzweise gerecht zu werden, packe ich mir Händels Feuerwerksmusik auf die Ohren. Die majestätischen Klänge integrieren sich hervorragend in das Gesamtbild und glücklich meistere ich den Anstieg, der sich über einen Kilometer zieht und mit zwölf Prozent Steigung aufwartet. Auch wenn es kitschig klingt – ich habe Tränen in den Augen, weil es so schön ist. Das kann man nicht in Worte kleiden, also lasse ich es.

Oben angekommen, bietet sich mir ein grandioser Ausblick über die Meseta. Ich mache ein erneutes Päuschen und genieße.img_3752 Ta-Ün, die Koreanerin von gestern, läuft an mir vorbei und freut sich sehr, mich zu sehen. Wir unterhalten uns kurz. Sie ist gestern bis nach Hontanas gelaufen und will heute nach Itero de la Vega. Kaum ist sie weitergelaufen, setzt sich Sabine neben mich auf die kleine Bank. Mit ihr habe ich gar nicht gerechnet. Ich dachte, sie sei weiter hinter mir.

Schmunzelnd reicht sie mir zwei Zigaretten. Die sei sie mir noch von gestern Abend schuldig. Sie habe gehofft, dass sie mich wiedersehen würde. Ich hätte ihr da echt aus der Klemme geholfen. img_3753Sie will wissen, bis wohin ich heute laufen werde, und ich erzähle ihr von der besonderen Herberge San Nicolás. Sie cremt mir netterweise noch den Rücken ein, denn die Sonne knallt inzwischen richtig. Dann verabschieden wir uns. Vielleicht sehen wir uns später wieder, wobei ich nicht so wirklich sicher bin, ob ich Lust habe, Sabine den ganzen Abend um mich zu haben.

img_3755So steil wie es hochging, umso viel steiler geht es wieder runter. Mit knackigen 18% fällt der Weg geradezu talwärts. Dafür, dass ich heute 30 Kilometer mache, geht es mir erstaunlich gut. Ich bin zwar inzwischen etwas müde, aber richtig beißen muss ich nicht. Kurz vor dem Ziel will ich mich ein letztes Mal ausruhen, bekomme dann aber Angst, dass andere Pilger mir eins der zwölf Betten wegnehmen und ziehe durch.

Ich treffe den Weihnachtsmann

img_3757Um 15:30 Uhr erreiche ich das freistehende Gebäude, das wirklich im absoluten Nirgendwo liegt. An der Tür hängt eine italienische Fahne. Die Hospitaleros sind aus Perugia. Meine Freude ist riesig, als ich erfahre, dass ich gerademal die vierte Pilgerin bin und somit natürlich ein Bett bekomme. Ich bin aber auch wirklich ein Glückspilz und habe völlig umsonst Panik geschoben.

Die Hospitaleros sind absolut reizend. Sie sind alle in ihren Siebzigern. Einer von ihnen ist etwas stämmig, untersetzt und sieht mit seinem Rauschebart original so aus, wie man sich Santa Claus vorstellt. Er könnte stehenden Fußes den Coca Cola Christmas Truck lenken. Die Unterkunft ist mehr als simpel. Es gibt keinen Strom, und man kündigt uns bereits an, dass wir uns warm anziehen sollen, weil es nachts schweinekalt werden wird. Das Gebäude ist aus dem 13. Jahrhundert und war früher ein Pilgerhospital mit Kirche. Auf der einen Seite stehen vier Stockbetten, und ich suche mir mein Bett aus. Im Raum davor steht ein großer Tisch, an dem wir später essen werden. Es riecht jetzt bereits großartig, und ich hoffe auf eine gute, italienische Pasta. Auf der Empore dahinter wurde ein Stuhlkreis vor einem kleinen Altar mit Triptychon aufgebaut.

Ich durchlaufe mein übliches Ritual und dusche (es gibt zu meiner großen Erleichterung heißes Wasser, das mit Solarzellen erhitzt wird). Inzwischen ist auch Sabine angekommen. Sie hat Probleme mit ihren Blasen und Santa Claus verspricht ihr, sich diese später anzuschauen, und sie neu zu verarzten. Gemeinsam verschwinden wir in den Garten hinter dem Haus, um unsere Wäsche aufzuhängen. img_3756Es ist hier so wundervoll! Die Abgeschiedenheit des Ortes ist magisch. Wenige Meter weiter fließt ein Fluss, hinter dem Haus blüht Flieder und die Ruhe ist unvorstellbar.

Aus einem Auto, das in dieser Umgebung völlig deplatziert wirkt, steigt ein Herr, der uns mit ein paar Bröckchen Englisch anspricht. Sabine reagiert ziemlich ablehnend, sie hat das Gefühl, dass er uns dumm von der Seite anquatscht. Ich hingegen bin wie immer offen für ein Gespräch und so erfahre ich, dass dem Mann das Grundstück gehört. Er wünscht uns den obligatorischen Guten Weg, murmelt etwas von muy guapa und überreicht uns dann feierlich jeweils eine Fliederblüte. Das ist selbst mir einen Tick too much.

Mit uns in der Herberge sind noch ein ziemlich abgekämpfter Mexikaner (Manuel), ein lustiger Italiener, der auf den sehr italienischen Namen William hört, zwei Südkoreaner sowie ein Franko-Kanadier, der unfassbar viel redet. Ich unterhalte mich mit William und Manuel über das Pilgern. Während William wie ich alles sehr entspannt angeht und sich treiben lässt, bestreitet Manuel einen Kampf gegen die Zeit. Er hat nicht genug Tage eingeplant, um bis Santiago zu kommen und muss nun täglich mindestens 30 Kilometer abreißen, was sichtlich an ihm nagt. Mir tun diese Leute immer leid. Ich kann mir irgendwie nicht vorstellen, dass er sie ihren Weg richtig genießen können und seine Füße sprechen eine deutliche Sprache, so wie die von Sabine. Beide haben üble Blasen.

Santa Claus schnappt sich die zwei, setzt sich auf einen Hocker und fängt an, die Blasen mit Nadel und Faden zu bearbeiten (der Faden wird eingeführt und drin gelassen, damit die Flüssigkeit aus der Blase laufen kann und diese trocknen kann). Als er fertig ist, verbindet er noch Sabines Fuß, und sie ist ihm unglaublich dankbar. Ich beobachte die Szene und mir geht das Herz auf, mit wie viel Begeisterung, Hingabe und Nächstenliebe diese reizenden Italiener den Laden hier schmeißen. Das ist schon etwas ganz Besonderes.

Von der Waschung zur Wandlung

Wir werden zum Essen nach drinnen gerufen und verlassen unseren Außenposten. Es sind noch einige Pilger an uns vorbeigelaufen, doch erstaunlicherweise ist niemand geblieben. Selbst schuld, wie sich nun herausstellen wird, denn das was folgt, ist mit Worten nur schwer zu beschreiben.

Wir werden auf die Empore zum kleinen Altar hochgebeten und nehmen auf den Stühlen Platz. Unsere Hospitaleros haben sich dunkle Kutten übergeworfen, die mit Jakobsmuscheln verziert sind. Sie bitten uns, einen Schuh auszuziehen. Mehr oder wenig bereitwillig leisten wir der Bitte Folge. Irgendwie hatten wir alle sicher schon mal schönere Füße als jetzt gerade. Die beiden Koreaner zögern am längsten, doch dann sitzen wir alle mit einem nackten Fuß auf der Empore. Unsere Gastgeber sprechen zu dritt ein Gebet. Dann gehen Santa Claus und sein Kollege neben dem Kanadier auf die Knie. Der eine hat eine Schale und eine kleine Kanne neben sich stehen, der andere hält ein Tuch in Händen. Hinter ihnen steht die Frau und spricht für jeden einzelnen Pilger ein Gebet, dass uns unsere Füße sicher nach Santiago tragen mögen, während Santa Claus aus dem Kännchen Wasser über den kanadischen Fuß träufelt und der andere Herr diesen anschließend sorgfältig abtrocknet und zum Abschluss küsst. Dann rutschen die beiden im Kreis eine Position nach links und mein Fuß ist an der Reihe. Ich weiß nicht genau, wo ich hinschauen soll. Einerseits bin ich tief bewegt, weil ich hier an einem Ritual teilnehme, das auf eine lange Tradition zurückgeht und so gut wie gar nicht mehr praktiziert wird. Gleichzeitig ist es mir mehr als unangenehm, dass zwei alte Herren vor mir auf den Knien liegen und auch noch meinen Fuß küssen.

Babylonische Gebete

Bevor ich mir noch weiter Gedanken machen kann, ist es auch schon vorbei. Die Stimmung ist ganz besonders. Alle sind gerührt und tief dankbar, hier zu sein. Unsere Gastgeber bitten uns, dass wir alle gemeinsam das Vater Unser beten, aber jeder in seiner Sprache. Es folgt eine Kakophonie in fünf Sprachen. Obwohl wir auf deutsch, italienisch, französisch, koreanisch und spanisch beten, gibt das Gebet uns eine vertraute Struktur, um dies gemeinsam zu tun. Neben mir fällt Sabine zaghaft in das Gebet ein. Ich merke, wie sie ihre Worte sucht, meinen lauscht und mir nachspricht. Sie hat Tränen in den Augen und ich traue mich kaum, zu ihr zu schauen. Sie hat mir in der Mittagspause erzählt, dass sie ihren Glauben komplett verloren hat und dass sie hofft, ein klein wenig davon auf ihrem Weg zurückzufinden.

Danach wird gegessen und schnell weicht die feierlich-besinnliche Stimmung Gelächter und einem wilden Mix aus Englisch und Italienisch. Es wird sogar gesungen. Unsere Hospitaleros tischen ordentlich auf. Es gibt einen tollen Salat vorweg, danach die so herbeigesehnte Pasta, dann gebratene Blutwurst und zum Abschluss noch Apfelkompott mit einem hervorragenden Kuchen. Und natürlich Wein. Der darf wahrlich nicht fehlen. Der Abend vergeht wie im Flug. Ich denke an Kati, die mich auf diese Unterkunft aufmerksam gemacht hat, und ich hoffe sehr, dass sie irgendwann einmal dieser Zeremonie beiwohnen wird. Ich gehe raus um eine zu rauchen und schicke ihr eine Nachricht, um von meinen Erlebnissen zu erzählen. Draußen sitzt Sabine. Ich sehe, dass ihr Rücken bebt. Sie weint. Ich setze mich neben sie und lege einfach nur meine Hand auf ihr Bein, bevor ich verschwinde. Ich glaube, sie muss gerade mal kurz allein sein.

Als sie sich halbwegs gefangen hat, kommt sie zu mir rüber und atmet tief aus. Sie könne sich selbst nicht erklären, was in den letzten Stunden mit ihr passiert sei. Sie habe das Gefühl, ein ganz großer Brocken sei von ihr gefallen. Die Nächstenliebe, Hingabe und Gläubigkeit der drei Hospitaleros habe in ihr etwas aufgeweicht, das sehr, sehr lange hart gewesen sei, und sie fühle sich komplett befreit. Sie wolle mir danken. Ohne mich wäre sie nie in dieser Herberge gelandet und dann wäre dieses Wunder nicht passiert. Das würde sie mir nie vergessen.

Ich bin sprachlos. Ich schaue in ein anderes Gesicht als noch vor 24 Stunden. Die miese Aura scheint wie weggeblasen, die Bitterkeit ist weit nach hinten gerückt. Während sie sich bei mir bedankt, blitzt da eine andere Sabine durch, die ich in den nächsten Tagen noch genauer kennenlernen werde. Ich weiß nicht, ob der Verwandlungsprozess mit dem Camino zu tun hat oder mit den herzigen Italienern. Streng genommen ist es ja sowies das selbe. Der Camino sind die Menschen und die Menschen sind der Camino. Das, was ich hier bezeugen durfte, hat mich sehr gerührt, und es wird nicht die letzte Geschichte dieser Art sein.

Zeitreise

Vorwärts: Du bist gespannt, wie es mit mir und Sabine weitergeht? Dann komm mit von San Nicolás nach Fromista und erfahre, wie es ist, bei den sieben Zwergen zu frühstücken, wieso ich über eine Zweitkarriere als Glücksbringer nachdenke und wer oder was der Penis-Mann ist.

Rückwärts: Du hast meine gestrige Begenung mit Sabine verpasst und weißt daher auch nicht, dass ich gestern zum Einzelgänger mutiert bin und sogar indirekt mit den Beatles auf Tuchfühlung gegangen bin? Dann geh doch noch einmal zurück mit mir von Burgos nach Hornillos.

Bist du heute zum allerersten Mal hier und möchtest lieber bei der ersten Etappe anfangen? Dann geht es hier entlang.

Kommentare und Ergänzungen

Warst du schon mal auf dem Jakobsweg? Bist du allein gelaufen oder hattest du immer Leute um dich? Hast du auch Menschen erlebt, die sich unterwegs stark verändert haben? Oder ist es dir völlig anders ergangen? Warst du vielleicht sogar auf meinem heutigen Stück dabei und hast noch etwas zu ergänzen oder zu korrigieren? Hat dir etwas besonders gefallen oder hat dich etwas gestört? Ich freue mich wie immer über deinen Kommentar.

Ich muss das weitersagen

10 Gedanken zu „Camino Frances #19: Von Hornillos nach San Nicolás&8220;

  1. Danke für die schönen Reisebeschreibungen!
    Mir selbst wäre das ja ein bisschen „too much“, was die Symbol und Gefühle angeht. Aber bei dir bekommt man einen guten Eindruck, wie es ist, den Camino zu gehen. Bei dir geht es nicht nur um Wetter, Etappen und Essen. Schön! 🙂

    1. Ach das freut mich – vielen Dank. Das ist so ein bisschen meine Hoffnung beim Schreiben, das man ein ungefähres Gefühl dafür bekommt, wie das so ist.
      Und ja, mir war das auch einen Tick too much, aber in der Situation fühlt es sich natürlich auch immer noch mal anders an, weil man eh in einem völlig anderen Flow unterwegs ist.

  2. Ich war im September 2015 auf dem Camino und mit Faszination und etwas Wehmut lese ich diesen tollen Bericht. Es kommen die Bilder bom eigenen Camino wieder hoch und es juckt mich ganz schön in den Füßen. Danke, dass du uns teilhaben lässt. Mit Spsnnung erwarte ich deine nächste Etappe.
    Buen Camino
    Angelika aus Österreich

  3. Beim Lesen Deines Berichts wurde mir ganz warm ums Herz und die Sehnsucht mich
    noch einmal auf den Weg zu machen wächst. Es stimmt es gibt Begegnungen und Erlebnisse die man nur auf dem Camino hat. Ich bin übrigens meistens alleine gelaufen
    und mir hat nichts gefehlt.
    Danke das ihr mich aufgenommen habt und ich wenigstens in ‚Gedanken mitgehen kann. Lg. Inge

  4. Ja, ich kann dem nur beistimmen, was oben schon geschrieben wurde: eine sehr bewegende Camino-Tagesgeschichte.
    Danke dafür.
    Vielleicht schreibe ich den Camino Frances am Ende doch noch auf meinen Zettel ;-).
    R

  5. Ich hänge der Veröffentlichung etwas nach,
    Eine sehr ergreifende Geschichte unter der Rubrik, wenn du losgelaufen bist, höre auf zu planen sei offen für den Menschen in dir und neben dir.

Und was sagst Du?