Fremdgehen mit… Christine, 31, Berchtesgadener Land

In der 7. Ausgabe von „Fremdgehen mit...“ erzählt Christine, 31, aus dem Berchtesgadener Land vom Primitivo und der Via de la Plata, von Steinsofas, dem schlimmsten Unwetter und wieso niemand mehr ihr Strahlen ausknipsen wird. #CaminoPrimitivo #Caminhoportugues #Caminoanabres #Camino #Erfahrungsbericht #Blogprojekt #Jakobsweg #Viadelaplata #Caminhoportugues #läuftbeiihr"

Fremdgehen mit Christine, 31, aus dem Berchtesgadener Land – oder von Menschen, die dein Leben verändern, Kaffee auf Steinsofas, der Berechtigung von Teeretappen, Bergquerungen im Gewitter, lachenden, zahnlosen Omas, dem Camino als Lebensmetapher und der Kunst, sich von niemandem je wieder das Strahlen ausknipsen zu lassen.

 

Wer ist Christine und wie kommt sie ins Wanderland?

Als ich mit Christine telefoniere, erwische ich sie an Tag Eins ihres Camino Sanabrés. Für alle, die es wie ich nicht wussten: das ist der Alternativweg, um von der Via de la Plata nach Santiago zu kommen, ohne über den Francés gehen zu müssen. Eine Standleitung zum Camino ist auch für mich Premiere – so nah wie bei Christine war ich noch an niemandes Weg dran.

Mich erwartet eine quietschige Lady, die bester Laune erzählt, dass sie auf ihren heutigen zwölf Kilometern nicht eine Pilgerseele getroffen habe und daher vermutlich ganz allein in der Herberge schlafen wird. Ich bin ganz schön erstaunt. Christine hatte ich mir anders vorgestellt. Nicht so sprühend vor Energie, nicht so gut gelaunt.

Als ich mein Projekt ankündigte, erklärte sie sich ähnlich schnell wie Jette bereit. Ohne zu wissen, was ich genau vorhabe und ohne mich oder meinen Blog zu kennen, schrieb Christine mir, sie sei über meinen Aufruf gestolpert. Sie hätte so etwas zwar noch nie gemacht, aber es höre sich nach einer neuen Herausforderung für sie an, und sie teile gerne – warum also nicht auch eine Geschichte.

Obwohl Christine eine der Ersten war, die mir ihren Beitrag schickte, lag er etwas länger in meinem Postfach. Vielleicht lag es an ihrem Facebook-Namen The Dark Side, unter dem ich mir unterbewusst jemanden weniger Lebensbejahenden vorstellte, der mir dann eine schwere Geschichte erzählen würde? Die Assoziation mit Starwars, wie sie mir heute erklärte, kam mir irgendwie nicht. Ich gab erst einmal anderen Pilgergeschichten den Vorzug.

Umso größer war meine Freude, als ich ihren Text gelesen habe. Christine spricht mir darin nämlich mehrfach extrem aus der Seele. Sei es ihr Hang zum Kaffee, die Begeisterung für das Reduzieren auf das Wesentliche oder ihre Beobachtung, man sei auf dem Camino die beste Version seiner selbst – eine Formulierung, die so Eins zu Eins in meinem Tagebuch steht. 

Die Wiederentdeckung dieser besten Version ihrer selbst verdankt sie übrigens dem Camino, um genau zu sein dem Stück der Via de la Plata, das sie im Frühjahr 2019 gelaufen ist. Christine und ihr Alter-Ego Christina (auf dem Camino unterschlägt man irgendwie prinzipiell ihr E und schenkt ihr ein A) waren schon häufig auf Jakobswegen. Die meisten taten ihr zwar gut, solange sie lief, hielten aber zu Hause nie allzu lange an.

Das änderte sich in diesem Jahr, als sie zum ersten Mal alleine lief – etwas, das ihr vorab ordentlich Kopfzerbrechen machte. Sie zweifelte daran, es solo zu schaffen. Gerade war sie aus einer Beziehung raus, in der der Mann an ihrer Seite sukzessive ihr Ego runtergeschraubt hatte. Ihr Alleingang wurde ein voller Erfolg, denn die Lady von der deutsch-österreichischen Grenze erlebte, wie ab dem Moment, an dem sie aufhörte, Erwartungen zu haben, alle Erwartungen übererfüllt wurden. Sie lief sich frei.

Als Krönung schickte ihr der Camino einen Mitpilger, der sie so spiegelte, wie sie in ihrem tiefsten Inneren ist: jemand, dessen positive Energie einen Raum zum Strahlen bringen kann und der anderen ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Christine beschloss, diese Version ihres Selbst mit nach Hause zu nehmen und ihr angeknackstes Ego endgültig auf den Dachboden zu verfachten. Sie schüttelte ihr Leben einmal ordentlich durch, entrümpelte Haus und Seele und erkannte: man ist nur wirklich glücklich, wenn man teilt. 

Und so bin ich sehr glücklich, dass sie heute teilt, und zwar ihre Geschichte. Bühne frei für Christine.

 

Harte Fakten & Standardfragen

Alle Pilger, die bei diesem Projekt mitmachen, beantworten mir fünf feststehende Fragen und verraten kurz, wer sie sind und wann sie auf welchem Camino unterwegs waren.

Dann schauen wir uns doch mal an, mit wem wir es heute zu tun haben

Christine weiß, wo es langgeht.

Wer bist du?

Christine, noch 31, aus dem schönen Berchtesgadener Land, ganz im Süden Bayerns, direkt an der Grenze zu Salzburg.

Welchen Camino bist du wann gelaufen?

  • Camino Primitivo von Oviedo nach Santiago (Herbst 2009, 330 km und dann im Herbst 2016 erneut, diesmal inklusive Camino Finisterre, 330+95 Kilometer)
  • Camino Portugues von Porto auf der Küstenvariante mit Abstecher zur Variante Espiritual nach Santiago (Herbst 2017, 300 km)
  • Via de la Plata, Teil 1, von Sevilla bis Caceres (Herbst 2018, 287 km)
  • Via de la Plata, Teil 2, von Caceres bis Granja de Moreruela und von dort auf den Camino Sanabrés bis Puebla de Sanabria (Frühjahr 2019, 440 km)
  • In diesem Moment: Camino Sanabrés von Puebla de Sanabria bis hoffentlich Santiago und anschließend weiter nach Muxia und Fisterra und von dort gegebenenfalls wieder zurück nach Santiago (Herbst 2019, 440 km)

Mit wem warst du unterwegs?

Meine erste Camino-Erfahrung machte ich 2009 zusammen mit zwei Bekannten und meinem damaligen Freund. Ab 2016 lief ich die Wege mit meinem neuen Partner. 2019 startete ich dann allein.

Wieso bist du auf den Jakobsweg gegangen?

Wie soll ich sagen? Ich bin da tatsächlich reingestolpert. 2009 erzählten mir Bekannte von ihrem Plan, einen Jakobsweg, den Camino Primitivo, zu laufen. Ich hatte davon vorher noch nichts gehört, war aber sofort Feuer und Flamme und schloss mich ihnen an. Ich bin also aus purer Neugier und Spaß an der Freude in meine Camino-Premiere reingerutscht.

Dieser erste Camino war für mich eher eine sportliche Erfahrung. Die Gruppe, mit der ich unterwegs war, harmonierte nicht optimal. Dennoch hat mich der Jakobsweg nie mehr ganz losgelassen. Mir war klar, dass ich den Primitivo gerne ein zweites Mal laufen würde. Leider hat es ganze sieben Jahre gedauert, bis ich 2016 meinen Rucksack erneut gepackt habe.

In den Jahren dazwischen hatte ich meinem damaligen Lebenspartner immer wieder vom Jakobsweg erzählt. Obwohl er anfangs kein Interesse an Rucksackurlaub hatte, konnte ich ihn letztlich doch dafür begeistern. 2016 packten wir gemeinsam unsere Backpacks und machten uns auf den Weg zurück auf den Primitivo, an den ich mein Pilgerherz verloren habe. Ab da war das Pilgerfieber neu entfacht. Ich lief einige Wege gemeinsam mit diesem Partner, bin allerdings inzwischen alleine auf dem Camino unterwegs.

Während ich meinen ersten Weg also aus reiner Abenteuerlust, ohne nachzudenken, gelaufen bin, kann ich meine Gründe inzwischen benennen: Ich liebe das Gefühl von Freiheit, die Reduktion all der Alltagsproblemchen auf „essen, schlafen und gehen“, das tolle Gefühl, alles was man wirklich braucht, auf dem Rücken zu tragen, die Einfachheit, die Genügsamkeit, die goldenen Pilgerseelen, die man am Weg trifft, das Gemeinschaftsgefühl, die tiefen Verbindungen, die entstehen können und die Wunder, die einen erwarten, wenn man mit offenem Herz und offenem Geist unterwegs ist.

All das treibt mich immer wieder zurück, lässt mich immer und immer wieder die Mühen auf mich nehmen und die Wanderstiefel schnüren.

Was war dein schönster Moment?

Schöne Momente gab es viele. Für mich sind die schönsten Momente die, die mir auch nach Jahren noch einfallen und mir ein Lächeln aufs Gesicht zaubern. Ich denke, ich kann nicht den einen, speziellen Moment benennen – es waren so viele kleine.

Auf dem Weg nach Fisterra, zum Beispiel, begegnete uns mitten in der Einöde, weit und breit kein Dorf in Sicht, ein uraltes Mütterlein mit Schürze und Stock. Sie ging uns gebückt, den Kopf eingesteckt, entgegen. Auf ihrer Höhe grüßten wir sie freundlich. Es ging wie ein Ruck durch ihren Körper. Sie sah auf, lachte uns mit ihrem zahnlosen Mund an und begann, voll Freude mit uns zu reden. Es war, als hätten wir sie aus ihrer einsamen Welt aufgeweckt. Ich weiß bis heute nicht, was sie uns zu sagen hatte, aber sie war so erfreut, dass es nebensächlich war, was sie von sich gab.

Oder der Tag, an dem wir morgens durch einen Wald stapften und einige Meter vor uns ein trächtiges Reh an einem Busch knabberte. Wir blieben stehen und betrachteten das wunderbare Geschöpf, das von der aufgehenden Sonne angestrahlt wurde und bedächtig fraß. Langsam näherten wir uns. Das Reh blieb ohne Furcht stehen. So kamen wir bis auf ein paar Meter heran und genossen diesen Augenblick, diese magische Begegnung mit dem wunderschönen Tier, das uns so völlig ohne Scheu vertraute.

Zu einem meiner schönsten und wundervollsten Momente zählt sicher auch, als ich ein paar Tage mit Jason aus Australien lief, der einen Espresso-Kocher dabei hatte. Wir waren täglich auf der Suche nach einem guten Kaffeeplatz, so auch an unserem letzten gemeinsamen Tag. Wir folgten dem Weg und hielten also Ausschau nach einem geeigneten Ort, doch die Umgebung war nicht vielversprechend. Ich erinnerte mich an einen alten, mitgenommenen Sessel, der ein paar Tage vorher am Weg gestanden hatte. Wie toll wäre es, wenn jetzt einfach ein Sofa am Wegesrand auftauchen würde, sagte ich, und wir lachten herzlich darüber.

Als wir um die nächste Kurve bogen, fand sich dort eine Steinformation. Ich blieb wie angewurzelt stehen und konnte meinen Augen nicht glauben. Diese Steine waren angeordnet wie ein Sofa. Es war ein magischer Moment, als das Universum mir meinen einfachen Wunsch auf so unerwartete Weise erfüllte.

Das Steinsofa – Christines perfekter Kaffee-Platz zusammen mit Jason

Besonders war auch der Moment, an dem genau dieser Australier, der mir die Tage zuvor noch erzählt hatte, dass er immer alleine laufe, weil er beim Gehen seine Ruhe haben wolle und keine Gesellschaft suche, eines Morgens plötzlich auf mich wartete. Einfach so, ohne darüber zu reden, ging er die nächsten Tage bis zum Ende meines Weges mit mir. Wir teilten gute Gespräche und angenehme Stille. Seine Freude, weil er niemals im Leben geglaubt hätte, mit jemandem zusammen einfach so laufen zu können, wird immer ein besonderer Moment für mich bleiben.

Was war dein schlimmstes Erlebnis?

Das schlimmste Erlebnis hatte ich in meiner ersten Nacht auf der Via de la Plata im Frühjahr dieses Jahres. Ich wurde mit dem Tod konfrontiert. Abends traf ich in Casar de Caceres eine Gruppe Pilger, mit denen ich in einer Bar zu Abend aß. In dieser Gruppe befand sich Greta, eine 61-jährige Dänin. Ich durfte sie nicht lange kennen, aber sie war ein sehr angenehmer und freundlicher Mensch. Wir gingen gemeinsam zurück in die Herberge, verabschiedeten uns. Greta dankte mir für den wunderbaren Abend und die guten Gespräche. Ich sagte noch zu ihr, dass man sich im Leben immer zweimal trifft und hatte das auch ehrlich gehofft.

Am nächsten Tag erfuhr ich, dass Greta in dieser Nacht im Nebenzimmer im Schlaf verstorben war. Es war ein sehr schräger Einstieg in diesen Camino. Die Angst und der Gedanke an den Tod begleitete mich und alle anderen noch einige Tage. Tröstlich war einzig und allein, dass die liebe Greta bei etwas verstorben war, das sie gerne gemacht hatte. Meinen Spruch „Man sieht sich immer zweimal im Leben“ habe ich seither aber nie mehr zu jemandem gesagt.

Doch selbst in diesem schlimmen Erlebnis findet man wertvolle Erkenntnisse. Gäbe es den Tod nicht, so würden wir doch das wunderbare Leben nicht zu schätzen wissen. Der Tod gehört zum Leben, und ein jedes Leben, jeder Camino, endet eines Tages.

Disteln auf der Via de la Plata nach Casar de Caceres in der Morgensonne. Disteln haben für Christine seither eine besondere Bedeutung. Wunderschön aber auch gefährlich. Als sie sich einen Stein aus dem Schuh holte, trat sie volle Suppe in die einzige Distel weit und breit. Die letzten Dornen blieben ihr übrigens zwei Wochen erhalten, bis sie ihnen zu Hause endgültig den Garaus machte.

Wie war das Ankommen in Santiago für dich?

Spannenderweise erinnere ich mich liebevoller und intensiver an mein zweites Ankommen in Santiago 2016, als an das erste Mal 2009. Instinktiv habe ich auch jetzt bei dieser Frage gleich an das Ankommen 2016 gedacht und begonnen darüber zu schreiben, bevor mir einfiel, dass es ja gar nicht das erste Mal war. Auch am Weg, wenn mich jemand danach fragt, unterschlage ich unbewusst mein richtiges „erstes Mal“ in Santiago. Meine Gedanken wandern immer sofort ins Jahr 2016.

2009 in Santiago habe ich ehrlich gesagt nicht mehr auf dem Schirm. Ich denke gerade intensiv daran, aber es ist wie weggeblasen. Erstaunlich. Ich vermute, es liegt daran, dass bei meinem ersten Weg das richtige Camino-Feeling nicht so recht spürbar war. Wir waren eine kleine Gruppe, die viel zu sehr unter sich war. Wir schliefen hauptsächlich in Hotels und hatten daher wenig Kontakt zu anderen Pilgern. Zudem harmonierten wir nicht allzu gut. Der erste Weg war also eher eine rein sportliche Aktivität. Ab dem zweiten hat sich das jedoch geändert, und ich bin richtig mit dem Camino-Spirit in Berührung gekommen.

So ist für mich mein zweites Ankommen in Santiago eigentlich das Erste. Damals wollte ich eigentlich den Monte de Gozo „überlaufen“ und schon nachmittags in Santiago ankommen. Mein Freund und ich hatten jedoch ein paar Tage zuvor unsere liebe Camino Family (Gérard aus Frankreich, Klára aus Tschechien, Elizabeth aus Neuseeland) getroffen. Spontan entschlossen wir, mit ihnen in Monte de Gozo zu bleiben und am nächsten Morgen gemeinsam Santiago zu entern. Nach einem wundervollen Abend mit gemeinsamen Kochen und etwas Wein taten wir dies auch.

Nie werde ich den Moment vergessen, als wir den seitlichen Torbogen durchschritten, in dem ein Dudelsackspieler eine melancholische, galicische Melodie erklingen ließ und sich der Blick auf den Kathedralsvorplatz öffnete. Plötzlich standen wir vor der Kirche und realisierten, dass wir wirklich da waren. Es war dieser Wow-Effekt, den vermutlich jeder beim ersten Mal vor der Kathedrale spürt. Ankommen. Einfach nur sein. Mit offenen Mund. Sich in die Arme fallen. Ein Tränchen verdrücken.

Das Gefühl des „Angekommenseins“ hielt jedoch nicht lange an. Diese quirlige Stadt war nicht das Ende meiner spirituellen Reise, das konnte ich deutlich spüren. All die Fotografen in der Kathedrale, die Souvenirverkäufer, die betriebsamen Pilger. Das war mir viel zu viel nach der Stille des Primitivos. So fand ich damals, wie auch in den weiteren Arrivals in Santiago, mein richtiges „Ankommen“ erst am Ende der Welt, am Meer.

Fußspuren am Strand von Fisterra. Am Meer kommt Christine so richtig an.

Leider muss ich auch sagen, dass das Ankommen an der Kathedrale von Mal zu Mal routinierter wird. Man gewöhnt sich fast daran. So gewinnt der Spruch „Der Weg ist das Ziel“ von Mal zu Mal an Bedeutung. Zwischenzeitlich ist es nicht mehr das Ankommen an der Kathedrale, sondern das Laufen mit neuen Freunden, das mich bewegt.

Der Jakobsweg in fünf Hashtags

#Freiheit, #Toleranz, #Respekt, #Einfachheit, #Sharing

 

Die Qual-der-Wahl-Fragen

Kommen wir zu den fünf Fragen, die sich Christine aus meiner 20-Fragen-Liste ausgesucht hat. Damit es von Woche zu Woche ein wenig Abwechslung gibt, sind die nämlich jedem Pilger selbst überlassen. Hier kommt ihre Auswahl.

Hast du noch Kontakt zu anderen Mitpilgern?

Am Weg trifft man viele Menschen. Mit einigen tauscht man Nummern aus, aber nur mit wenigen bleibt man richtig verbunden. Es gibt Begegnungen, deren Nummern ich nach angemessener Zeit aus meinem Telefonbuch lösche, aber es gibt diese wunderbaren Camino-Seelen, die bleiben:

Da wäre Gérard, ein inzwischen 71-jähriger Franzose, der uns am Anfang nicht ausstehen konnte. Grund dafür war die einfache Tatsache, dass wir Deutsche waren und Gérard Deutsche nun mal nicht mochte. Inzwischen sieht er das (zumindest in unserem Fall) anders und zählt zu meinen besten Begegnungen. Wir halten seit 2016 Kontakt, telefonieren gelegentlich und sind auch schon einen zweiten Camino streckenweise miteinander gelaufen. Ich werde ihn, so Gott will, auf meinem nächsten Camino wiedersehen. Wir sind zu ähnlichen Zeiten am selben Weg unterwegs, haben jedoch beschlossen uns nicht zu verabreden und den Camino einfach machen zu lassen.

Dann gibt es die liebe Klára, eine Tschechin, Anfang 20, mit der ich ebenfalls seit 2016 Kontakt pflege. Sie hat uns schon einmal für ein paar Tage zu Hause besucht. Philip, ein junger Deutscher, den wir 2018 in unser Herz schließen durften, war ebenfalls schon mal bei uns. Spätestens nächstes Jahr werde ich ihm einen Gegenbesuch abstatten. Zu beiden habe ich immer mal wieder schriftlichen Kontakt.

Und, last but not least, ist da Jason aus Australien, Anfang 50. Er ist die Camino-Seele, die ich brauchte, um wieder ganz zu werden, wieder ganz Ich zu werden. Unsere Begegnung ist noch recht frisch, war allerdings sehr intensiv. Es war, als würden wir uns schon lange kennen. Ich musste meinen Weg vorzeitig beenden, da mein Urlaub zu Ende war. Er lief noch weiter und ist zwischenzeitlich zurück in Australien bei seiner Familie. Aktuell stehen wir schriftlich in gutem Kontakt. Wie sich der weitere Kontakt entwickelt, wird sich zeigen. Australien ist ja leider nicht um die Ecke. Umso schicksalhafter war unsere Begegnung auf der Via de la Plata.

Bus oder Beine, Reservieren oder Draufloslaufen?

Generell bin ich total gegen das Reservieren in Albuergen. Ich bin heilfroh, dass man es in den öffentlichen Herbergen nicht kann. Es gab den ein oder anderen schwachen Moment, in dem ich mich von der Panik mancher Mitpilger anstecken ließ. Sie hatten mich als Reservateur missbraucht, denn ich spreche ein bisschen Spanisch. So buchte ich manchmal für mich mit, da ich eh schon am Telefon war. Allerdings hat es mich im Nachhinein immer geärgert, da es nie von Nöten war. Am meisten ärgerte mich, dass ich mich von den Ängsten der anderen mitreißen ließ.

Ich traf am letzten Weg mit Jason auf einen tollen Pilger, der mich mit seiner Gelassenheit ansteckte. Er agierte frei nach dem Motto: „Es wird schon alles gut gehen!“ Und genauso war es auch. Ich begann, nicht mehr mit der ersten Flut der Pilger mit zu laufen, sondern ließ es morgens gemütlich angehen. Teilweise fiel ich als Letzte aus der Herberge, während alle anderen bereits in der Dunkelheit losliefen. Und immer, aber auch immer bekam ich ein Bett – auch wenn es manchmal das Letzte war.

Ich habe beschlossen, mich von nun an nie, nie wieder von den Ängsten anderer mitreißen zu lassen. Es gibt immer eine Lösung. Am Ende des Tages findet sich immer irgendwo ein Bett. So werde ich es auch zukünftig weiter halten. Jeder läuft seinen eigenen Weg und wenn jemand reservieren möchte, bin ich die Letzte, die nicht tolerant ist. Jedoch finde ich, dass generell die Herbergen nicht reserviert werden sollten. Wer reservieren möchte, kann das gerne in Hotels machen.

Was den zweiten Teil der Frage anbelangt, so setze ich klar auf meine Beine. Ich möchte jeden Zentimeter meiner Wege erleben und zu Fuß genießen. Natürlich respektiere, wenn jemand aus welchen Gründen auch immer mit dem Bus oder dem Taxi abkürzt oder Etappen überspringt. Für mich jedoch steht das nicht zur Debatte. Auch die hässlichen Teeretappen wollen gelaufen werden und gehören dazu.

Der Camino ist für mich wie ein kleines Leben im Leben. Er beginnt, man wächst daran, macht Bekanntschaften, muss sich verabschieden, erlebt viel und irgendwann endet die Reise. Wenn man bei der Metapher bleibt, dass jeder Camino ein kleines Leben ist, dann versteht man vielleicht, warum ich nichts davon halte, abzukürzen oder zu überspringen.

Im richtigen Leben kann man ja auch nicht vorspulen, wenn es mal unangenehm wird. Genauso möchte ich nicht vorspulen, wenn der Weg unangenehm oder schlecht zu laufen ist. Außer Frage steht natürlich, dass man, wenn die Gesundheit auf dem Spiel steht, auf Bus oder Taxi zurück greifen sollte. Das ist gesunder Menschenverstand.

Wovor hattest du die größte Angst?

Die größte Angst war der erste Schritt aus der Haustüre im Frühjahr 2019. Ich würde ihn allein machen. Zuvor war ich immer in Begleitung beziehungsweise mit meinem Partner unterwegs. Über die Jahre hatte ich in dieser Beziehung enorm an Selbstbewusstsein verlor (was auf einem anderen Blatt steht). Obwohl wir bereits getrennt waren, schaffte es mein Ex-Partner, mit dem ich den Weg eigentlich als Paar zu Ende hatten laufen wollten, mir zu suggerieren, dass ich das alleine nicht schaffen würde.

Es zermürbte mich. Ich begann zu zweifeln, bekam unerklärliche Fußschmerzen und körperliche Probleme. Ich wurde immer unsicherer und war kurz davor, den Weg abzublasen. Als mich meine Cousine am Tag vor dem Flug verabschiedete, fragte sie, ob ich mich freue. Statt einer Antwort begann ich Sturzbäche zu weinen, weil ich so furchtbare Angst hatte, auch vor meinen Gefühlen.

Wie würde es werden, mit all den Erinnerungen an die gemeinsamen Wege mit meinem Partner? Würde es mich kaputtmachen? Würde ich drei Wochen lang nur heulen? Könnte es überhaupt schön werden, nach all der Zeit gemeinsam?

Auf dem ersten Teil der Via de la Plata vor Torremeja. 14 Kilometer schnurgeradeaus. Früher hasste Christine solche Geraden, jetzt liebt sie sie. Damals lief sie mit ihrem Freund. Den zweiten Teil machte sie alleine – und es war ein großes Feuerwerk.

Ich brauchte einige Tage, um zu mir selbst zu finden. Heute bin ich jedoch unglaublich stolz und dankbar, dass ich trotz all der Angst, all der Zweifel diesen Weg alleine gegangen bin. Es hätte mir nichts Besseres passieren können. Der Weg hat mich für meinen Mut unendlich belohnt.

Welches Naturspektakel begleitet dich noch heute?

Noch heute erzähle ich gerne von der Hospitales-Route am Camino Primitivo. Dabei handelt es sich um eine relativ lange und sehr einsame Bergetappe über einen Pass, auf dem außer Kühen, Pferden, ein paar Bäumchen und den inzwischen eingefallenen Hospitales (bin mir nicht mehr sicher, ob das Notunterkünfte oder eine Art Krankenhaus für die damaligen Pilger war) absolut nichts gibt. Es gibt auch eine Alternativroute, die bei Schlechtwetter auf jeden Fall vorgezogen werden sollte bzw. muss.

Ich ging diese Etappe 2009 bei strahlendem Sonnenschein. Beim zweiten Mal, 2016, erwartete mich das schlimmste Unwetter aller Zeiten. Eben dieses brachte mich klar über meine Grenzen, zeigte mir aber auch auf, wie weit man wirklich gehen kann, wenn man keine Wahl hat.

An jenem Tag brachen wir morgens auf, und der Himmel war bedeckt. Ich wusste, dass man die Hospitales keinesfalls bei schlechtem Wetter gehen soll. Wir hatten jedoch zwei bergerfahrene Spanier in unserer Gruppe, die uns versicherten, dass es nicht regnen würde. Es stünde lediglich etwas Wind an. Auf dem Weg kurz vor dem Abzweig trafen wir noch einen Einheimischen, der uns ebendies bestätigte. So liefen wir los, den Bergrücken hinauf, und ich bemühte mich, an die Worte der Spanier zu glauben.

Nach dem langen Anstieg oben angekommen, bot sich mir ein Bild des Schreckens. Die benachbarten Bergrücken, über die wir laufen mussten, befanden sich bereits in tiefen Gewitterwolken. Der Wind pustete in Orkanstärke, und es begann heftig zu regnen. Wer die Hospitales kennt, weiß, dass es dort keinen Unterschlupf, keinen Unterstand, keine Bäume gibt. Wir mussten durch. Es gab kein Zurück mehr.

Aus dem Starkregen wurde Hagel, der uns schneidend, waagerecht ins Gesicht prasselte. Es dauerte nicht lange, und alles an uns, bis in den Rucksack hinein, bis auf die Knochen, war nass. Unsere Gruppe zog sich immer weiter auseinander. Wir hatten Probleme, an unserem spanischen Freund, der Gott sei Dank ein GPS dabei hatte, dran zu bleiben. Der Nebel erschwerte dies zusätzlich.

Jeder betete in diesen Stunden zu Gott, zum heiligen Jakobus, zum Universum, zu wem auch immer (ich bin eigentlich nicht sonderlich religiös), man möge uns bitte gnädig sein. Ich weinte vor Erschöpfung, vor nackter Angst, mitten in diesem Gewitter auf einem ungeschützten Bergrücken zu sein. Aber es ging immer weiter und immer weiter. Am Ende erreichten wir eine kleine Schutzhütte, in die wir uns flüchteten.

Es war der absolute Horror. Im Nachhinein bin ich dankbar für diese Erfahrung. Zu sehen, was möglich ist, wenn du keine Wahl hast, ist unbezahlbar.

Inwieweit hat dich der Weg verändert?

Leider haben mich einige der Wege nicht oder nur vorübergehend verändert. Ich nahm zwar von jedem Weg, von jeder tiefen Begegnung mit anderen etwa mit. Ich konnte wunderbar unterwegs abschalten. Dort war ich die beste Version meiner selbst. Zu Hause angekommen dauert es jedoch nie lange, bis ich wieder zurück im Alltagstrott war und in dieselben Denkmuster und -fehler tappte, die einem das Leben oft so schwer machen.

Ich erkläre es am besten anhand meines Alter Egos. Auf dem Camino bin ich immer Christina (die Spanier können offensichtlich mit Christine nichts anfangen) und diese Christina wurde schnell zu meinem Alter Ego. Aus der schüchternen, von der Welt enttäuschten Christine wurde die aufgeschlossen, lebensfrohe Christina. Christina jedoch blieb immer in Spanien zurück, wenn ich nach Hause fuhr. An ihre Stelle rückte Christine, oftmals unzufrieden, alle Probleme viel zu ernst nehmend, die sich mit vielen Dingen im Kreis drehte und sich von allem schnell herunter ziehen ließ.

Erst auf meinem letzten Camino änderte der Weg tatsächlich nachhaltig etwas in mir. Er war ein großer Wendepunkt, da es mein erster Jakobsweg komplett alleine, ohne Partner war. Ich lief ihn kurz nach meiner Trennung aus einer langjährigen Beziehung. Früher dachte ich immer, die Weisheit „du musst den Weg alleine gehen, nur dann offenbart er seine Geheimnisse“ träfe nicht zu. Ich hatte auch wunderbare Zeiten auf dem Weg mit meinem Partner. Jedoch muss ich zwischenzeitlich gestehen, dass dieser Spruch wahrer nicht sein könnte. Man muss es erleben, um es wirklich zu glauben.

Ich musste diesen Weg alleine gehen, entgegen aller Ängste und Sorgen. Es war kein Spaziergang. Auf der ersten Hälfte hatte ich mit Schatten aus der Vergangenheit zu kämpfen und konnte mich nicht freilaufen. Ich wurde müder und müder. Nach der Hälfte des Weges hatte ich einen schweren Tag. Ich blieb hinter allen anderen, die ich bis dahin getroffen hatte, zurück und brach eine Etappe vorzeitig ab.

Da war dieses Gefühl in mir, dass es nötig wäre, die Karten neu zu mischen, die bekannten Pilger zu verlassen und an der Hälfte des Weges „neu“ zu beginnen. Die Via de la Plata schenkte mir an diesem Abend eine völlig leere Herberge. Nur ich und meine Gedanken. Zeit mich auszuruhen.

Am nächsten Tag fühlte ich mich besser. Das Wetter spiegelte meinen Stimmung, die Sonne kämpfte sich durch den Regen des Vortages, der Wind blies die Wolken am Himmel fort, und er nahm tatsächlich die Wolken in meinem Kopf mit sich. An diesem Tag konnte ich loslassen. Ich ließ die Erwartungen an den Weg los, wartete nicht mehr auf die „besonderen Begegnungen“.

Quasi postwendend kam all das zu mir, was ich vorher verzweifelt gesucht hatte. Und genau an diesem Tag begegnete mir am Abend mit Jason ein besonderer Mensch, der mich auf meinem Weg zurück zu mir selbst für den Rest meiner Reise unterstützte.

Dank der unglaublichen Energie zwischen uns beiden, der Art, wie er mich sah, wie er mich spiegelte, öffnete sich mein Herz zum Ende meiner Reise immer mehr. Das Universum schenkte mir unglaubliche und magische Momente, und ich wurde so glücklich und frei wie schon lange nicht mehr.

Love is everywhere. Ein schönes Symbol am Weg nach Fisterra. Christine hat es zwar nicht gebastelt, aber es hat sie sehr berührt.

Diesmal geschah die Veränderung nicht nur für die Zeit auf dem Camino. Diesmal war sie dauerhaft. Ich nahm Christina am Ende meiner Reise mit nach Hause. Aus Christine und Christina wurde wieder eins. Dieser letzte Camino hat mich umgekrempelt. Er hat mich, wie es Hape Kerkeling so schön in seinem Buch beschrieben hat, gänzlich kaputt gemacht, um mich anschließend viel stärker aufzubauen.

Als ich zu Hause war, leuchtete die Caminoflamme in mir heller denn je. Ich kehrte als befreiter und liebender Mensch zurück. Daheim löste ich mich dann von sämtlichem Ballast, mental wie materiell. Durch die Trennung vor dem Camino und den anschließenden Umzug fand ich endlich den Weg zu dem Minimalismus, den ich am Weg so sehr schätze. Ich entrümpelte meinen Hausstand, warf viele Dinge weg, verschenkte oder verkaufte sie und fühlte (und fühle) mich pudelwohl dabei.

Die letzten Türen zu meiner vergangenen Beziehung, die im Rückblick leider etwas toxisch für mich war, habe ich für immer geschlossen. Ich habe begonnen, meine Zufriedenheit, mein Glück, meine Liebe und meine gute Laune mit allen zu teilen. Ich bin lebensfroher geworden und trage den Camino-Spirit in mir.

Alle meine Bekannten, die ich nach dem Camino wieder traf, attestierten mir ein Strahlen, das sie vorher nicht von mir kannten. Und ich habe nicht vor, mir das jemals wieder nehmen zu lassen.

Seit meinem letzten Weg bin ich gewachsen. Mein Herz ist gewachsen. Ich vertraue dem Leben mehr denn je, trete allem mit viel mehr Gelassenheit entgegen. Dieser Weg hat mich zu mir selbst gebracht, hat mir meinen inneren Frieden gebracht. Er hat mir gezeigt, was ich über die Jahre vergessen hatte: Wer ich wirklich bin und wo mein Platz auf dieser Welt ist. Er hat mir gezeigt, dass ich immer noch leuchten kann und mich nicht verstecken muss hinter jemand anderem und dass so viel Platz in meinem Herzen ist.

Oh mein Gott, klingt das jetzt kitschig. Aber was soll ich sagen, es ist die Wahrheit.

 

Kommentare, Fragen und Feedback für Christine

Wie hat dir Christines Geschichte gefallen? Ist es nicht faszinierend, dass manchmal die Begegnung mit einem Menschen reicht, um ein Leben zu verändern?

Konntest du dich stellenweise wiederfinden? Wie lange kannst du dein Camino-Ich in den Alltag retten? Hat der Camino bei dir schon mal etwas Grundlegendes verändert?

Hast du Fragen an Christine? Stell sie gern in den Kommentaren. Ich bin mir sicher, sie schaut ab und an mal vorbei und beantwortet sie gern, spätestens wenn sie wieder zuhause ist. 

Lust auf mehr Fremdgehen? Alle Gastbeiträge findest du hier

 

Weitere Eindrücke aus dem Wanderland

Du hast Christines Geschichte gelesen und würdest gern en détail wissen, wie sich so ein Weg anfühlt? Hier kannst du meine Pilger- und Wanderwege Etappe für Etappe nachlesen:

Ich muss das weitersagen

7 Gedanken zu „Fremdgehen mit… Christine, 31, Berchtesgadener Land&8220;

  1. Wow. Ähnlich erlebe ich das auch. Der Weg verändert mich. Nicht alles kann ich im Alltag festhalten, was mir der Weg geschenkt hat, aber jedes Mal ein bisschen mehr. Danke für’s Erinnern Christina.

  2. Wie wunderschön ihr alle schreibt.
    Danke dafür.
    Ich freu mich auf jeden Sonntag und gehe mit euch sooo unglaublich gern eure Wege.
    Mein großer Traum ist der Camino Primitivo.
    Aber ich bin realistisch und werde Anfang März den Caminho Portugues laufen.
    Dann werde ich euch in Gedanken
    mitnehmen.

  3. Auch ich lese die Erzählungen über die unterschiedlichen Camino-Erfahrungen jedes Mal und bin total begeistert von allen Berichten.
    Alles gute für deinen nächsten Weg im kommenden Jahr!

  4. Oh wie wunderbar war das zu lesen!
    Ich freu mich so sehr für dich 🙂 ich wünsche mir, dass wir genau diesen herrlich kitschigen Teil zum Schluss nie vergessen bzw. jemanden haben, der zur Not daran erinnert 😉
    Toller Text

Und was sagst Du?