Fremdgehen mit… Jette, 51, Stralsund

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Ausgabe 4 von „Fremdgehen mit“ - Jette, 51, aus Stralsund erzählt von 3789 Kilometern #Jakobsweg, vom langen Atem, Sprachbarrieren, den Lebenden und den Toten, von neuen Lieben, lachenden Hasen, Wanderern im Plisseerock und vom Pilgern, bis man den Löffel abgibt #Camino #Erfahrungsbericht #Blogprojekt #Jakobsweg #Caminofrances, #Baltisch-Mitteldeutscher-Weg #Brigittaweg #Camino Finisterre #outdoor #Via Baltica #Via Gebennensis #Via Podensis #Via Regia #läuftbeiihr"

Fremdgehen mit… Jette, 51, aus Stralsund – oder von Giganten, die fast 4.000 Kilometer zurücklegen, vom langen Atem, Sprachbarrieren, den Lebenden und den Toten, von neuen Lieben, lachenden Hasen, Wanderern im Plisseerock und vom Pilgern, bis man den Löffel abgibt.

Wer ist Jette und wie kommt sie ins Wanderland?

Als ich vor einem Monat den Beitrag über mein Fremdgeh-Projekt in den Camino-affinen Facebook-Gruppen ankündigte, dauerte es genau eine Stunde, bis sich Jette bei mir meldete und nicht nur meine Idee für gut befand, sondern auch gleich Interesse anmeldete, selbst mitzumachen.

Ich glaube, danach hat sie sich kurz in den Hintern gebissen, denn ich machte Nägel mit Köpfen und schickte ihr umgehend meinen Fragebogen. Jette hatte nämlich im Nebensatz fallen lassen, dass sie den Camino vor ihrer Haustür in Stralsund begonnen hätte und ihn über zehn Jahre Stück für Stück gegangen wäre. Wir sprechen hier von bummeligen 3.789 Kilometern an 197 Tagen – ich habe es also mit einer Gigantin zu tun.

Sie wiederum stellte schnell fest, dass sich diese ganze Schreibe-Nummer schwieriger gestaltete, als ursprünglich gedacht, dass man zwischen Tagebucheinträgen und Fotos abtauchen musste und dass dabei viele schöne Erinnerungen auflebten, aber eben auch das ein oder andere schmerzhafte Detail.

Jette verlor 2011 ihren Ehemann und war dennoch sechs Wochen später wieder unterwegs. Dabei erfuhr sie ihre ganz persönliche Camino-Therapie. Auch ein Riss der Bänder hielt sie nicht lange auf. Es ging noch im selben Jahr weiter. 2013 lief sie mit ihrem neuen Partner ein Stück Camino als Zerreißprobe und tut es seitdem immer wieder. Probe bestanden, möchte ich meinen. Einen Tag vor ihrem 50. erreichte sie 2017 endlich Santiago, wurde von ihrer ganzen Familie feierlich empfangen und war doch selbst total ernüchtert.

Irgendwann reicht es mal? Ja, das dachte Jette sich ebenfalls – genau ein Jahr lang – und stiefelte dann 2019 doch erneut los. Und auch jetzt macht sie sich schon wieder Gedanken über den nächsten Weg. Vielleicht wird es die Via Francigena, vielleicht etwas anderes und dann – spätestens wenn sie in Rente geht – am liebsten noch einmal den ganzen Weg von der eigenen Haustür, diesmal dann am Stück, auf den Spuren ihres alten Ichs. Ihren Partner Andreas muss sie davon erst noch überzeugen. Derartige Großprojekte sind nicht unbedingt sein Fall.

Rückblickend muss man sagen: wie gut, dass die innerdeutschen Grenzen inzwischen offen sind. Die Stralsunderin wäre sonst vermutlich die Wände bzw. Mauern hochgelaufen. Bühne frei für die Langstrecken-Lady mit dem langen Atem.

 

Harte Fakten & Standardfragen

Alle Pilger, die sich in diesem Projekt zu Wort melden, beantworten mir fünf feststehende Fragen und verraten natürlich kurz, wer sie sind und wann sie auf welchem/n Camino/s unterwegs waren.

Dann schauen wir uns doch mal an, mit wem wir es heute zu tun haben.

Jette mit Andreas bei der obligatorischen Mittagsrast, hier in Frankreich. Schuhe und Socken aus, Füße lüften und immer ordentlich Hirschtalg – so kommt man blasenfrei bis nach Santiago.

Wer bist du?

Jette, 51, aus Stralsund

Welche Caminos bist du wann gelaufen?

  • Brigittaweg/ Via Baltica/ Baltisch- Mitteldeutscher Weg von Stralsund bis Kloster Grönningen (März, Mai, August 2008, 500 Kilometer)
  • I Via Regia von Kloster Grönningen bis Kloster Kreuzberg (April bis Juni sowie August 2009, 440 Kilometer)
  • II Via Regia von Kloster Kreuzberg bis Konstanz (März, Juni, Oktober 2010, 505 Kilometer)
  • Via Jacobi von Konstanz nach Genf (Juli und September 2011, 440 Kilometer)
  • Via Gebennensis von Genf bis Le Puy en Valley (Juli 2012, 354 Kilometer)
  • I Via Podiensis von Le Puy en Valley nach Figeac (Juni 2013, 240 Kilometer)
  • II Via Podiensis von Figeac bis Condom (Mai 2014, 253 Kilometer)
  • III Via Podiensis von Condom bis Roncesvalles (August 2015, 281 Kilometer)
  • I Camino Frances von Roncesvalles bis Castorjeriz (August 2016, 317 Kilometer)
  • II Camino Frances von Castrojeriz nach Santiago de Compostela (August 2017, 458 Kilometer)
  • Camino Finisterre von Santiago bis Finisterre und dann nach Muxia (Juli 2019, 197 Kilometer)

Mit wem warst du unterwegs?

Von 2008 bis 2012, auf meinem Weg von Stralsund bis Le Puy en Valley, bin ich alleine gelaufen. Ich genieße es, mir den Kopf leer zu laufen, denn meinen Job-Alltag verbringe ich hauptsächlich mit Menschen. Ab Le Puy war dann mein Partner Andreas mit dabei. Aber auch wenn wir beide gemeinsam laufen, reden wir maximal in den ersten Stunden. Spätestens nach dem Mittag ist dann aber auch wirklich alles gesagt, und es kehrt Ruhe ein.

Wieso bist du auf den Jakobsweg gegangen?

2002 fiel mir Paulo Coelhos Buch „Auf dem Jakobsweg“ in die Hände. Ich war umgehend infiziert. Irgendwann wollte ich das auch machen, so viel stand fest. Nun, „Irgendwann“ lässt sich herrlich immer weiter nach hinten verschieben: wenn meine Tochter aus dem Haus ist, wenn ich mal sechs Wochen am Stück Urlaub habe, wenn ich in Rente bin und so weiter und so fort.

2006 war ein Jahr, das von beruflichen Herausforderungen geprägt war. Nach elf Jahren als Kollegin wurde ich Chef. Auch wenn ich lange darauf hingearbeitet hatte, wurde mir erst in der Situation klar, wie es sich anfühlt und was es mit mir und meinen Kollegen macht. 2007 hatte ich dann noch Urlaub übrig und ging wandern. Ich lief ein Mal um Rügen herum. Als ich wieder zuhause war, stellte ich fest, dass ich mich noch nie so körperlich und geistig erholt gefühlt hatte. Da kam die alte Idee wieder hoch: Jakobsweg! Warum nicht jetzt?

Im nächsten Jahr bin ich gestartet, und zwar direkt von der eigenen Haustür aus. Das lag weniger an meinem großen Sinn für Abenteuer als an der ganz profanen Tatsache, dass ich über extrem überschaubare Sprachkenntnisse verfüge: ich spreche schlechtes Englisch, kein Französisch, kein Spanisch. Selbst Russisch beherrsche ich nicht mehr. Das ist wirklich peinlich!

Also entschied ich, in Deutschland zu starten und erste Pilgererfahrungen zu sammeln. Wenn dann die fremden Sprachen kämen, wäre ich ein alter Camino-Hase.

2009 vor der Huysburg, einem Benediktinerkloster in Sachsen-Anhalt: Jette fieberte ihrem Start im zweiten Jahr entgegen. Eigentlich sollte es im März losgehen, doch kurz vorher raffte sie eine fette Erkältung hinweg. So klappte es erst im April, und sie traf auf traumhaft blühende Kirschbäume. Eine Frau erzählt ihr, im März habe hier noch ein Meter Schnee gelegen. Also alles richtig gemacht!

Was war dein schönster Moment?

Schöne Momente gab es in elf Jahren und auf 3.789 Kilometern wohl Hunderte.

Das erste „Ultreia“ (motivierender Pilgerruf, in etwa „los gehts, vorwärts“), das mir aus einem vorbeifahrenden Auto im tiefsten Mecklenburg entgegenschallte, ließ mir die Tränen in die Augen steigen. Nur mal so zur Einordnung: meine ersten Mitpilger traf ich in Gotha nach über 700 oft einsamen Kilometern. Bevor ich auf der Via Regia unterwegs war, kannte den Jakobsweg kein Mensch, vielleicht mit Ausnahme der Pfarrer, die mir zu Beginn Unterkünfte organisierten, in dem sie mich zum Beispiel in Gemeindefamilien unterbrachten.

Ein ganz besonderes Gefühl hatte ich auch immer wieder beim Übertreten von Grenzen. Anfangs feierte ich jede Bundeslandgrenze, später dann die innerdeutsche Grenze und schließlich die erste Ländergrenze.

Und dann war da immer die Schönheit der wechselnden, wundervollen Landschaften, das Erkennen der eigenen Kraft, die Überwindung der Angst, die Fähigkeit, allein über sich lachen zu können und natürlich das Geschenk, jedes Jahr wieder anknüpfen zu wollen, können, dürfen, müssen.

Je weiter ich lief, desto mehr spürte ich die Gewissheit, dass mir der Weg gibt, was ich brauche, nicht was ich will, dass er mich lehrt und mich beschützt. Auch diese Erkenntnis ist wohl ein ganz besonders schöner Moment.

Per se kein spektakuläres Bild, aber selten hat Jette allein einen ganzen Tag so viel vor sich hingelacht. Sie musste sich am Feldrain in die Büsche schlagen, hockte dort mit nacktem Hintern und wurde fast von zwei Hasen über den Haufen gerannt. Sie erschreckten alle. Die Feldhasen schlugen einen Haken und rannten sie nun fast von hinten um. Jette lachte sich halbtot, und ihr begegneten den ganzen Tag über Hasen, die sie in „Augenschein“ nehmen wollten.

Was war dein schlimmstes Erlebnis?

Der Tod meines Mannes Ende Mai 2011 hielt mich nicht davon ab, keine sechs Wochen später meinen geplanten Weg durch die Schweiz zu starten. Ich heulte mich durch die wundervollen Kantone und traf in den ersten Tagen Witwen, die mir ungefragt von ihrem Witwendasein erzählten. Es war, als würde ich ein großes Plakat vor mir hertragen, völlig verrückt.

Am neunten Wandertag beim Abstieg vom Brünigpass stürzte ich dann schwer. Schon im Fallen wusste ich, dass es das war. Ich schleppte mich auf die nächste Straße und sprang einem alten Schweizer vors Auto. Er brachte mich zum Bahnhof. Von dort ging es zurück nach Zürich. Der Arzt am Flughafen diagnostizierte einen Ab- oder Anriss der Außenbänder. Den Rest des Julis verbrachte ich an Krücken zu Hause. Und doch beendete ich den Weg in der Schweiz noch im selben Jahr.

2013 startete ich dann mit einem neuen Mann an meiner Seite. Wir kannten uns noch gar nicht lange, doch er wollte wirklich mit. Meine Unruhe stieg von Tag zu Tag. Konnte das gut gehen? Irgendwann beruhigte mich der Gedanke, dass es sich eben relativ schnell erledigen würde, falls es nicht klappen sollte. Das Pilgern zu zweit ging gut, doch dann starb vor unserem Hotelzimmer ein deutscher Pilger – nach unserem ersten Wandertag.

Warum passierte das ausgerechnet uns? Wir sind beide verwitwet. Nach diesem Erlebnis hätte ich meinen Weg alleine wohl nicht fortgesetzt. Mit Andreas tat ich es.

In unseren Herzen nahmen wir diesen Mann, mit dem wir nur ein paar Worte gewechselt hatten, mit bis Santiago. Über die Jahre, in denen wir stückweise weiterliefen, sprachen wir immer wieder von ihm. Auf diese Weise ist auch er in Santiago angekommen, gemeinsam mit uns.

Andreas sehe sie meist nur von hinten, sagt sie. Gut, dass er er an jeder Ecke auf sie warten müsse, weil er den Weg sonst nicht finde.

Wie war das Ankommen in Santiago für dich?

Seltsamerweise war die Ankunft sehr ernüchternd. Nach zehn Jahren und 3.789 Kilometern, einen Tag vor meinem 50. Geburtstag, erreichte ich Santiago. Unsere Kinder waren extra zum Feiern angereist. In mir war keine festliche Stimmung, nur das Gefühl, dass es jetzt vorbei war. Ich muss gestehen, dass die letzten 100 Kilometer mich geschafft und mir meinen Weg ein wenig entzaubert hatten. Pilgermassen, kaum ein ruhiges Plätzchen, scheinbar wenig Pilgerstimmung. Vielleicht war es einfach genug.

2018 legte ich zum ersten Mal nach zehn Jahren eine Camino-Pause ein. Doch ich vermisste den Weg, die Freiheit, das Überwinden der eigenen Grenzen, und das Davonlaufen vor dem Stress so sehr, dass ich 2019 wieder lief, diesmal ab Santiago über Finisterre nach Muxia.

Manchmal denke ich, ich muss einfach pilgern – quasi wandern, bis ich den Löffel abgebe.

Der Jakobsweg in fünf Hashtags

#Sucht, #Komfortzoneverlassen, #Zeitfürgedanken, #Leerlaufen, #Michüberwinden 

 

Die Qual-der-Wahl-Fragen

Kommen wir zu den fünf Fragen, die sich Jette aus einer Liste von 20 ausgesucht hat. Damit es von Woche zu Woche ein wenig Abwechslung gibt, sind die nämlich jedem Pilger selbst überlassen. Hier kommt ihre Auswahl.

Inwieweit hat dich der Weg verändert?

Ich glaube generell, dass wir nichts festhalten können, uns dem Leben und der Veränderung anvertrauen müssen. Der Weg gibt uns vielleicht die Möglichkeit, genauer in uns hineinzuhören: Was will ich? Wie möchte ich sein? Wie möchte ich leben? So reifen Gedanken, die im Trubel des Alltags untergehen würden.

Für mich habe ich herausgefunden, dass ich mich immer wieder neu erfinden, Altes loslassen, Neues ausprobieren, neugierig und dabei gelassen bleiben will. Ich glaube, jeder Tag, jede Stunde verändert uns, und so starte ich jedes Mal neu, als jemand Neues.

Es gibt Momente und Phasen, da habe ich Zugang zu den Dingen, die ich auf der vorherigen Etappe schon verstanden hatte; manchmal sind hingegen Ehrenrunden nötig. Aber immer wieder scheint es Antworten zu geben, die ich im Moment brauche, und es sind jedes Jahr andere.

Hinter Castrojeriz lief Jette 2017 zur Abwechslung mal wieder für eine Woche allein. Zusammenwandern sei schön. Man könne Erlebtes teilen und sich ergänzen. Und doch werfe das Alleingehen sie mehr auf sich selbst zurück. Es scheint ein Anknüpfen an die ersten fünf Jahre ihrer Wanderung zu sein. Dennoch freute sie sich auf Andreas, der in Leon wieder dazu kam.

Auf welches Teil in deinem Rucksack hättest du auf keinen Fall verzichten wollen und was war absolut überflüssig?

Am Anfang wog mein Rucksack mehr als 14 Kilo – völlig verrückt. Sogar Fußstulpen hatte ich dabei. Ich kann mich nicht mal mehr im Ansatz erinnern, warum ich die eingepackt hatte. Ich habe sie jedenfalls durch Vorpommern und Mecklenburg geschleppt, ohne sie auch nur einmal aus dem Rucksack zu holen. Seitdem schreibe ich jedes Jahr die Dinge auf, die ich beim nächsten Mal zu Hause lassen kann. Auf diese Weise bin ich inzwischen bei acht Kilo plus Wasser angekommen.

Was ich auf keinen Fall missen möchte, ist mein Tagebuch. Das kommt wirklich immer mit. Ich mache jeden Tag einen Eintrag über das Erlebte und halte eine Erkenntnis des jeweiligen Tages fest.

Ich habe es mir nicht nehmen lassen, hier noch ein bisschen mehr in Erfahrung zu bringen. Was sind die Dinge, die Jette über die Zeit entsorgt hat, und was steht auf ihrer Packliste?

Über die Jahre habe ich den dicken Schlafsack gegen einen Seidenschlafsack getauscht, Sandalen und Badelatschen durch Flipflops ersetzt, und der Fotoapparat bleibt zu Hause, weil das Handy reicht.

Meine Waschtasche wurde rigoros verschlankt und enthält jetzt nur noch ein Duschbad für Körper und Haare (eignet sich übrigens auch zum Wäschewaschen), Gesichtscreme, Sonnencreme, Labello, Zahnbürste und -creme, sowie ein kleines Deo. Und ja, ich schäme mich, denn ein kleines bisschen Luxus habe ich auch dabei: ein Minifläschchen Parfüm und Wimperntusche.

Ich will aber noch weiter optimieren. Hier meine aktuelle Packliste samt Optimierungspotenzial in Klammern:

  • 3 Slips (2)
  • 2 BHs
  • 3 T-Shirts
  • 1 Wanderhose lang- wird nur hochgekrempelt
  • Nachtdress (fliegt raus: das kann auch eins der T-Shirts erledigen)
  • Fleece-Jacke
  • 1 Skort (= Laufrock)
  • 3 Paar Socken (2)
  • Flipflops
  • Wanderschuhe
  • Waschtasche
  • Handy samt Ladegerät
  • Uhr samt Ladegerät
  • Tagebuch und Füller mit Ersatzpatrone
  • Tempos
  • Regenponcho
  • Kleinstes Outdoorhandtuch
  • Basecap
  • Minirucksack für abends und im Flieger
  • 2 Reiseführer, Rother und Outdoor (ich bin ein Freak, ich weiß, aber damit fühle ich mich irgendwie sicherer)
  • Verbandszeug inkl. Blasenpflaster
  • 1 Liter Wasser
  • Notration Müsliriegel
  • Badeanzug (ich will mir Merino-Seidenunterwäsche anschaffen. Damit kann frau dann ja wohl auch Baden)

Wovor hattest du die größte Angst?

Anfangs war die Orientierung wirklich schwierig. Es gab kaum Wegmarkierungen, nur vage Beschreibungen aus dem Internet, und ich hatte eine Karte dabei. Dummerweise stimmten die Drei oft nicht überein. Navigieren mit dem Handy war zu der Zeit noch nicht möglich. Es gab unheimlich viele „Verlaufer“. Wenn man 20 Kilometer allein durch den Wald läuft, die Orientierung verloren hat, kein Mensch weit und breit, hier ein Knacken, dort Stimmen, das ist schon wirklich unheimlich. Aber das ist nur meine Phantasie, meine Gedanken, nicht der Wald, nicht die Situation.

Klar, verlaufen bringt mich an den Rand meiner körperlichen und mentalen Kraft. Das ist im Leben wohl nicht anders, wenn Markierungen, Wegmarken, Orientierung fehlen. Aber Angst entsteht hauptsächlich im Kopf, nicht durch die konkrete Situation, in der man ist. Und wenn man sich das klar macht, dann wird es oft leichter.

Angst hatte ich auch vor der Überquerung der Sprachgrenze in der Schweiz. Meine erste Begegnung war ein rundlicher, älterer Herr mit Baskenmütze, der mich ansprach. Ich gestand ihm auf Deutsch, dass ich leider kein Wort Französisch spräche. Der Herr antwortete auf Deutsch mit schönstem französischen Akzent: „Dann bist Du verloren!“ Wir haben beide herzlich gelacht. Im Winter drauf gönnte ich mir ein halbes Jahr Volkshochschule, aber auch danach reichte es nur zu „Je ne parle pas français“, aber irgendwie ging es auch so.

Diese uralten, in den Fels gehauenen Stufen auf der Via Jacobi in der Schweiz machen Jette sehr bewusst, wie viele Menschen vor ihr auf diesen Wegen unterwegs waren, mit all ihren Hoffnungen, Träumen, mit all ihrem Kummer, ihrem Leid, mit allen Ängsten.

Welcher Mensch hat dich am meisten bewegt und warum?

Viele tolle Menschen sind mir begegnet, aber erzählen möchte ich von zwei Frauen.

Kurz vor Böbingen in der Pfalz überholte ich drei ältere Pilger, denen ich schon lange gefolgt war. Es war wirklich heiß, und ich fühlte mich schmutzig, staubig, verschwitzt. Und da sah ich, dass doch tatsächlich eine von ihnen, eine Dame von 78 Jahren mit Tagesrucksack, in Plisseerock und weißer Bluse pilgerte und dabei so unglaublich würdevoll und sauber aussah. Das Bild werde ich nie vergessen.

Die zweite Begegnung ereignete sich in Frankreich. Wir trafen die Schweizerin Marianne, Mitte 70, topfit, in sich ruhend und mit einem erfüllten, bewegten Leben. Später musste sie wegen einer Thrombose aufhören. Wir konnten ihr Hadern mit dem Aufgeben förmlich spüren. Aus dem Bus rief sie uns zu: „Ich wünsche Euch ein schönes Leben.“ Das hat uns sehr berührt.

Sind es die vielen älteren Pilger, die mir zeigen, dass man fast alles zu jeder Zeit schaffen kann, wenn man nur will?

Was war dein Camino-Soundtrack?

Oft habe ich “Befiehl Du Deine Wege” von Paul Gerhardt am Ende des Tages mit letzter Kraft vor mich hin gesungen und in vielen Kirchen dem Klang meiner Stimme gelauscht.

Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt,
der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt.
Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn,
der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.

Dem Herren musst du trauen, wenn dir’s soll wohlergehn;
auf sein Werk musst du schauen, wenn dein Werk soll bestehn.
Mit Sorgen und mit Grämen und mit selbsteigner Pein
lässt Gott sich gar nichts nehmen, es muss erbeten sein.

Ich bin in der DDR mit Pionier- und FDJ- Liedern aufgewachsen. Die meisten mochte ich nie und trotzdem haben sie sich in mein Hirn gefressen. Manchmal kam mir „Du hast ja ein Ziel vor den Augen“ in den Sinn.

Der Text liest sich heute wie die reinste Satire, angesichts der Tatsache, dass wir nicht reisen konnten, die Welt also nicht sehen konnten.

Du hast ja ein Ziel vor den Augen, damit du in der Welt dich nicht irrst, damit du weißt, was du machen sollst, damit du einmal besser leben wirst. Denn die Welt braucht dich genau wie du sie, die Welt kann ohne dich nicht sein. Das Leben ist eine schöne Melodie, Kamerad, Kamerad, stimm ein! Allen die Welt und jedem die Sonne, fröhliche Herzen, strahlender Blick. Fassen die Hände Hammer und Spaten, wir sind Kameraden, schmieden das Glück.

Letzte Worte bzw. was möchtest du anderen Pilgern mit auf den Weg geben?

Mein letzter Eintrag im Tagebuch, meine letzte Erkenntnis, mein Rat an mich selbst: Setz dir immer neue Ziele, neue Herausforderungen. Genieße deinen Weg. Mute dir etwas zu, und du wirst reich belohnt.

 

Kommentare, Fragen und Feedback

Hat dich Jettes Geschichte auch so sprachlos gemacht wie mich? Ich weiß immer noch nicht, was mich mehr bewegt hat. Die Leistung, diese unglaubliche Strecke zu Fuß zurückzulegen oder die Tatsache, dass nichts, aber auch wirklich gar nichts, Jette stoppen konnte – keine persönlichen Schicksalsschläge und auch keine gesundheitlichen. Davon sollten wir uns alle ein Scheibchen abschneiden. Ich zumindest lese eine klare Botschaft aus ihrer Geschichte: Aufgeben gilt nicht.

Hast du Fragen an Jette? Schreib sie gern in die Kommentarfelder. Ich bin mir sicher, sie wird ihren Beitrag im Blick behalten.

Lust auf mehr Fremdgehen? Alle Gastbeiträge findest du hier

Möchtest du vielleicht selbst mitmachen und deine Geschichte hier teilen? Melde dich gern – sei es hier auf dem Blog, auf Facebook oder per Mail an audreyimwanderland@gmail.com. 

 

Weitere Eindrücke aus dem Wanderland

Du bist hier heute zufällig gelandet und fragst dich, wer diese Audrey ist, auf deren Blog du dich befindest?

Du hast den Beitrag gelesen und würdest gern en détail wissen, wie sich so ein Weg anfühlt? Dann kannst du meine Reisen Etappe für Etappe nachlesen:

Ich muss das weitersagen
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12 Gedanken zu „Fremdgehen mit… Jette, 51, Stralsund&8220;

  1. Hallo Jette,
    ein sehr offener und sehr schöner Bericht. Das Ankommen in Santiago empfinde ich ähnlich wie du, aber letztlich stellt sich mit leichter Verzögerung dann doch das positive „ ich hab es geschafft – Gefühl“ ein. Das Motto nehme ich für mich auf – sich stets neu erfinden – das ist gut.
    Danke für den Bericht und buen Camino weiterhin.
    Norbert

  2. Ich freue mich liebe Jette, dass Sie in Santiago angekommen sind und beglückwünsche Sie, diesen weiten Weg gelaufen zu sein. Buen Camino, Monika aus Hagen

  3. Wahnsinn, wieviele Pilgerwege du schon kennst! Ich finde das spannende, wie unterschiedlich sie auch einfach sind. Vielen Dank für die spannenden Einblicke in deine Erfahrungen und Erlebnisse!

  4. Danke für deinen wunderbaren Bericht über Deine Gedanke und Gefühle auf deinem Camino. Ich wünsche dir auch für die Zukunft noch viele gute Wege und alles liebe
    Maria

  5. Hallo Jette 🙋‍♂️ toll das Du deinen Weg nie aus den Augen verloren hast.
    Du bist wirklich eine starke und beeindruckende Frau 👍
    Schöne Grüße
    Frank

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