Fremdgehen mit… Rob, 68, Amersfoort (NL)

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In der 5. Ausgabe von „Fremdgehen mit...“ erzählt Rob, 68, aus Amersfoort vom Loslassen, bei sich selbst Ankommen, von Matschwegen, Zwangspausen und mehr als halbvollen Gläsern Rosado und vom Happy End #Camino #Erfahrungsbericht #Blogprojekt #Jakobsweg #Caminofrances #Caminhoportugues #läuftbeiihr"

Fremdgehen mit… Rob, 68, aus Amersfoort oder von einem, der auszog, sein neues Ich zu finden, vom Loslassen, Spiegeln und Verändern, von neuen Kapiteln, heimtückischen Matschwegen, erforderlichen Zwangspausen, mehr als halbvollen Gläsern Rosado und von einem filmreifen Happy End.

Wer ist Rob und wie kommt er ins Wanderland?

Mit Rob (an Robert kann ich mich einfach nicht gewöhnen) berichtet heute jemand ganz Besonderes von seinem Camino. Dieser Mann war meine erste, große Camino-Liebe. Ich traf ihn, bevor mein Jakobsweg überhaupt losging, denn wir standen gemeinsam vor dem Bahnhof in Bayonne, am Tag, an dem die Züge streikten. Zusammen mit drei Amerikanern (wieso fünf Menschen in ein Taxi passen, könnt ihr hier nachlesen) teilten wir uns ein Gefährt gen Saint-Jean-Pied-de-Port. Dort angekommen, half mir Rob am Nachmittag, eine Unterkunft zu finden, am frühen Abend gingen wir zu zweit Essen und in der ersten Nacht schliefen wir im gleichen Viererzimmer.

Eigentlich wären wir am nächsten Morgen gar nicht gemeinsam gestartet, denn Rob war abends zu einer Art Online-Blind-Date mit einer Dame verabredet, die sich nicht allein zu laufen traute. Er wollte ihretwegen den weniger schönen, dafür aber nicht ganz so steilen Weg gehen. Die Dame erschien nicht zum verabredeten Zeitpunkt, so dass Rob sich doch noch anschließen konnte. So brach die „Taxi-Gruppe“ einträchtig um sieben Uhr morgens in Richtung Roncesvalles auf.

Wir verloren uns schnell aus den Augen. Die beiden Amerikanerinnen habe ich nie mehr gesehen. Rob hingegen schon, denn wir liefen gemeinsam ein Stück der ersten (und schwersten) Etappe über die Pyrenäen, waren gemeinsam froh, kein Bett in Orisson erhalten zu haben, weil es noch so früh war, als wir ankamen und reichten uns später gegenseitig unsere Wasserflaschen, um den Rucksack nicht absetzen zu müssen. Mein typisches Audrey-im-Wanderland-Bild (blaue Jacke, breites Grinsen, Pyrenäen-Kulisse) wurde übrigens von keinem Geringeren als Rob an diesem Tag aufgenommen. 

Er kam deutlich vor mir in Roncesvalles an, und ich verpasste ihn dort, doch als ich am Morgen meinem Notunterkunftsschlafsaal entfleuchte, traf ich ihn gleich vor der Tür. Er hatte nur ein Zimmer weiter geschlafen. Erneut gingen wir gemeinsam los.

Die nächsten Tage sollten wir einen hervorragenden Rhythmus finden, der aus gemeinsam laufen, getrennt laufen, sich verlieren und in den Herbergen wiederfinden bestand und der eigentlich an jedem Abend mit ein bis fünf Glas Rosado und vielen Gesprächen endete. Rob mit seiner Lebenserfahrung und seinen teils unorthodoxen Ansichten war für mich eine absolute Bereicherung. Er verkörperte für mich die Weisheit in ihrer reinsten Form und das immer mit der nötigen Portion Spaß.

Rob und Kati gaben sich nach zehn Tagen die Klinke in die Hand. Sie kam, er ging. Jeder zu seiner Zeit lehrt uns der Camino. Alle haben uns etwas mitzugeben. Mit Kati erschien eine Gleichaltrige, mit der ich Tränen lachte.

Rob und ich blieben in Kontakt, während er immer ein bisschen weiter vor mir war, bis daraus zwei Tagesetappen geworden waren. Ich erhielt Fotos von widerlichen Matschwegen, durch die er sich gekämpft hatte, hörte, dass er Maria von Tag Eins wiedergetroffen hatte, und er empfahl mir Herbergen. Fast hätten wir uns gute 320 Kilometer später in Leon gesehen, verpassten uns aber erneut.

Dann die schlechte Nachricht. Er hatte sich übernommen, sein Schienbein war entzündet, und er musste eine Zwangspause in Astorga einlegen. Dort trafen wir uns endlich wieder. Es wurde erneut ein Abend voller Rosado und toller Gespräche, der mit meinem Versprechen endete, seinen von Zuhause mitgebrachten Stein am Cruz de Ferro abzulegen.

Ich hätte wirklich nicht damit gerechnet, Rob anschließend noch einmal zu sehen, doch das Schicksal war uns mehr als hold. Am Tag meiner Ankunft in Santiago kam er zusammen mit Maria zum Pilger-Büro, als ich für meine Compostela anstand. Was habe ich diese beiden Menschen geherzt und in die Arme geschlossen. Was für ein Empfang nach einem eher mauen Ankommen!

Wenn mich jemand nach meinem magischsten Camino-Moment fragt, wird es immer ein Abendessen in der Altstadt Santiagos sein. Ich saß am Tisch mit sechs anderen Pilgern. Soweit so gut. Das allein ist noch nicht wirklich Camino Magic. Was das Ganze so besonders machte, war die Tatsache, dass diese sechs Menschen alle wichtige Wegbegleiter für mich gewesen waren: Rob und Maria an den ersten Tagen, Marco und Thijs im Mittelteil und schließlich Tina und Ben, mit denen ich angekommen war.

Jeder, der einen Camino gelaufen ist, wird bestätigen, dass das höchst unwahrscheinlich ist. Und jeder wird auch bestätigen, dass genau das eben typisch Camino ist.

Rob und ich haben uns seitdem nicht wiedergesehen, aber da ja das ganze Leben ein Camino ist, bin ich fest davon überzeugt, dass genau das noch passieren wird. Ob in Amersfoort, Hamburg oder auf einem weiteren Jakobsweg wird sich zeigen. Die Tatsache, dass wir immer noch losen Kontakt haben und er meine Fernwanderungen mitverfolgt, ist für mich Zeichen genug, dass die Geschichte noch nicht auserzählt ist.

So viel von mir. Hören wir uns jetzt doch einfach Robs Geschichte an. Er hat sie mir auf Niederländisch geschickt, und ich hoffe, seine schönen Worte und Eindrücke schimmern einigermaßen durch meine Übersetzung durch.

 

Harte Fakten & Standardfragen

Alle Pilger, die sich in diesem Projekt zu Wort melden, beantworten mir fünf feststehende Fragen und verraten natürlich kurz, wer sie sind und wann sie auf welchem/n Camino/s unterwegs waren.

Dann schauen wir uns doch mal an, mit wem wir es heute zu tun haben.

Rob mal ohne Camino-Outfit

Wer bist du?

Robert, 68, aus Amersfoort in den Niederlanden

Welche Caminos bist du wann gelaufen?

  • Camino Frances von Saint-Jean-Pied-de-Port nach Santiago de Compostela (Mai 2016, ca. 760 km)
  • Caminho Portugues von Porto nach Santiago de Compostela (Mai 2017, ca. 230 km)

Mit wem warst du unterwegs?

Den ersten Camino bin ich alleine gelaufen, den zweiten habe ich gemeinsam mit meiner Lebensgefährtin Annelies gemacht.

Wieso bist du auf den Jakobsweg gegangen?

Mein Leben stand an einem Wendepunkt. Ich hatte mich von meiner langjährigen Beziehung getrennt und würde in Kürze pensioniert werden, nach 40 Jahren als Bauingenieur. So hatte ich das dringende Bedürfnis nach einer Phase der Besinnung, in der ich mein Leben neu sortieren und ausrichten könnte. Ich hatte keine Lust, mich in Selbstmitleid und Schwarzmalerei zu stürzen und verbrachte viel Zeit damit, spazieren zu gehen, Fahrrad zu fahren und mich anderweitig zu beschäftigen.

Eines Tages schenkte mir jemand das Buch der niederländischen Sängerin Simone Awhina, in dem sie ihre Lebensgeschichte erzählt. Sie war auf dem Camino Francés unterwegs und hatte dort die Möglichkeit, auf ihr bisheriges Leben zurückzuschauen. Dabei realisierte sie, worum es in ihrem Leben wirklich geht.

Die Art und Weise, wie sie mit Verlusten, dem Thema Loslassen und Neuanfangen umgehen musste, sprach mich unglaublich an. Ich beschloss, genau diesen Pilgerweg zu gehen, in der Hoffnung auf meine eigenen Fragen ebenfalls Antworten zu finden.

Ende April 2016 war ich bereit für meine große Reise ins Unbekannte. Ich war bereit, alle Unannehmlichkeiten in Kauf zu nehmen, die mit so einem Unterfangen einhergehen. Die unzähligen Schritte, hohe Berge, tiefe Täler und das noch dazu oft allein. Ich war bereit für die Erschöpfung, aber auch für die Möglichkeit, besondere Menschen auf meinem Weg kennenzulernen. Und ich war bereit, die Beschwerlichkeit stickiger Schlafplätze zu akzeptieren, in denen es manchmal mehr als 20 Stockbetten geben würde, schnarchende Holzfäller, die die nächtliche Ruhe gehörig stören würden, Blasen an den Füßen, extreme Temperaturunterschiede und glitschige Matschwege.

Ich unternahm meine Pilgerreise sicher nicht aus religiöser Überzeugung. Es ging mir auch nicht darum, mich wie die ursprünglichen Pilger von der materiellen Welt mit ihren irdischen Vergnügungen loszusagen. Vielmehr entsprang sie meinem Bedürfnis, mich für eine Zeit zurückzuziehen und Antworten auf die großen Fragen des Lebens zu suchen: Wer bin ich jetzt? Wo will ich hin? Wie komme ich dorthin und, unter Berücksichtigung meines Alters, in welchem Tempo?

Während meiner Reise war ich manchmal komplett alleine in der weiten Landschaft. Ich genoss die Farbenpracht der blühenden Natur intensiv. Die Gedanken wurden von den kleinen Unwägbarkeiten wie einem kleinen Schmerz hier, einer kleinen Blase dort, nicht groß gehindert und konnten fließen. Man hat genug Zeit, um über das eigene Leben nachzudenken und manchmal spiegeln andere Pilger das eigene Leben und man selbst das ihre.

Was war dein schönster Moment?

Es gab unglaublich viele schöne Momente. Vor allem die erste Woche mit Audrey, in der es spontan Klick machte, schenkte mir ein tolles Freundschaftsgefühl. Stellenweise liefen wir gemeinsam, dann war wieder jeder eine Zeit für sich. Es war ein unverbindliches Zusammensein ohne Erwartungshaltungen. Das Schicksal war uns wohlgesonnenen, denn wir fanden uns immer wieder in den gleichen Alberguen wieder.

Dieses tägliche Wiedersehen feierten wir dann nachmittags bei einem Glas Rosado, analysierten unsere Strecke und hatten Zeit für persönliche Gespräche. Es war die Anfangsphase des Caminos. Die Schwere des Weges hatte ich zu der Zeit noch nicht erlebt. Alles war leicht.

Was war dein schlimmstes Erlebnis?

Es gab drei Momente, die ich als wirklich schwer erlebt habe.

Zwei gehen auf die Wegbeschaffenheit zurück. Beim ersten Mal lief ich eine einsame Etappe durch strömenden Regen, der so heftig war, dass es keinen Sinn machte, sich irgendwo unterzustellen. Ein Teil meines Rucksackinhalts wurde klatschnass. Das war wirklich frustrierend.

Wenn alles nass ist, hilft eben nur abwarten, dass es trocken wird. Gut, wenn man eine Wäscheleine dabei hat.

Das zweite Mal lief ich längere Zeit einen Weg, auf dem große Fahrzeuge ihre Spuren hinterlassen hatten. Nach dem oben genannten schrecklichen Regen bestand der komplette Weg nun aus zähem Matsch und jeder Schritt war beschwerlich.

Natur in ihrer hässlichsten Form – vor allem, wenn man über mehrere Kilometer mitten hindurch muss

Mein absoluter Tiefpunkt war aber sicher die Entzündung im Schienbein, die ich mir selbst zugefügt hatte, weil ich mir zu viel zugemutet hatte. Sie zwang mich, drei Tage in Astorga zu pausieren. Dort war mir Chris eine große Stütze – er hatte das gleiche Problem, wenn auch am anderen Bein.

Das Corpus Delicti, bzw. das Corpus caputsci

Die Überlastung kam vermutlich vom zu schnellen Laufen. Ich hatte es zu sehr forciert, während ich mit Jan-Willem lief und versuchte, mit ihm Schritt zu halten. Dass ich aus diesem Grund nicht zum Cruz de Ferro gelangen würde, um dort den Stein abzulegen, den ich von zu Hause mitgenommen hatte, fand ich wirklich schrecklich. Doch der Weg dort hinauf wäre in meiner Verfassung absolut nicht in Frage gekommen. Während meines kurzen Aufenthalts in Astorga traf ich Jan Willem wieder – zufällig, als ich auf dem Weg ins Krankenhaus war.

In Astorga kam es aber auch zum freudigen Wiedersehen mit Audrey. Ich habe ihr dann meinen Stein überlassen, damit sie ihn für mich zum Cruz de Ferro bringen konnte, während mir selbst nichts anderes übrig blieb, als den Bus nach Sarria zu nehmen, um meinen Weg von dort weiter fortzusetzen.

Wie war das Ankommen in Santiago für dich?

Ich bin am 2. Juni 2016 in Santiago angekommen – schneller als erwartet. Plötzlich stand ich am Stadtrand von Santiago de Compostela. Im dem Moment konnte ich es noch gar nicht so richtig realisieren. Man läuft noch mal mindestens eine Stunde, bis man dann den großen Platz vor der Kathedrale erreicht. Wie in jeder Stadt musste ich mich auch hier erst mal an den Krach gewöhnen, wenn man so unvermittelt aus der Stille kommt.

Und dann stand ich da, zwischen all den Pilgern, Touristen, Bettlern, Straßenhändlern und der Polizei. Es war viel los auf dem Platz. Einige Pilger drehten vor Freude durch, flogen sich gegenseitig um den Hals. Ich selbst fühlte keinerlei Emotionen mit Blick auf den Sieg, den ich da errungen hatte oder Stolz ob der Leistung, die ich abgeliefert hatte. Das war es also?

Ich war 35 Tage unterwegs, Santiago fühlte sich nicht wie mein Endpunkt an.

Auf der Suche nach einer Herberge lief ich ziemlich verloren durch die Stadt, als mich plötzlich eine Frau ansprach, die wissen wollte, ob ich eine Unterkunft suche. Ich fragte sie nach dem Preis, und sie brachte mich zu einem Haus mitten in der Altstadt. Hier zeigte sie mir ein schönes Zimmer mit dazugehörigem Badezimmer, das eine eigene Dusche und Toilette hatte. Die Gemeinschaftsküche verfügte über alles, was man braucht, um sich etwas zu Essen zu machen. So einen Luxus hatte ich nach einem Monat des Verzichts jetzt wirklich verdient. Und dann auch noch für 25 Euro pro Nacht. Ich schlug sofort zu.

Mein Rückflug nach Rotterdam war am 6. Juni, so dass mir noch vier angenehme Tage in Santiago de Compostela blieben. Es ist eine weitere wunderschöne, alte Stadt mit vielen gemütlichen Plätzen und Cafés. Ich traf alle Bekannten wieder, zu denen ich auf dem Weg eine besondere Beziehung hatte – Audrey, Maria, Jan-Willem und Chris. Das Wochenende wurde dann noch einmal richtig festlich, denn auf den zahlreichen Plätzen der Stadt war viel los, Straßenmusikanten inklusive.

Der Jakobsweg ist für mich in 5 Schlagwörtern

  • Akzeptieren-verbinden-loslassen
  • Ein ultimatives Freiheitserlebnis
  • Die Schönheit der Einfachheit
  • Ein offenes Ohr finden und selbst entwickeln
  • Bei sich selbst ankommen

Würdest du den Weg noch einmal gehen?

2017, also ein Jahr später, bin ich mit meiner neuen Lebensgefährtin Annelies den Caminho Portugues gelaufen. Ich wollte das gern mit ihr zusammen machen, um meine Camino-Erfahrungen teilen zu können.

Für mich war es sowohl hinsichtlich der Länge der Strecke als auch der Schwierigkeit des Weges kaum mit dem Camino Francés zu vergleichen. Es war eigentlich zuallererst ein angenehmer Wanderurlaub, der mit ein paar entspannten Tagen in Porto begann.
Die schönste Erkenntnis war, dass das Zusammenunterwegssein gut für unsere neue Beziehung war. Nach zwei schlechten Erfahrungen in klassischen Herbergen beschlossen wir, private Herbergen mit mehr Komfort zu nutzen. Ein paar Mal haben wir uns sogar ein Hotelzimmer geleistet.

Natur in ihrer schönsten Form. Dann weiß man wieder, wieso man diesen Camino läuft

Das Gefühl, noch einen weiteren Camino laufen zu wollen, wurde in diesem Sommer verstärkt, nachdem ich von einer Hüttentour in Österreich mit ein paar Freunden zurück war. Einige Stücke dieser Wanderung waren durchaus mit dem Camino Francés vergleichbar – ich hatte sogar die gleichen Sachen dabei. Gerade der Camino del Norte scheint mir eine phantastische Idee, aber ob das noch passieren wird, weiß ich nicht.

Für meine Lebensgefährtin ist die Strecke zu schwer und vielleicht ist sie das auch für mich. Wir ziehen aber auf jeden Fall in Betracht, den Camino Francés ab Astorga zu laufen. Das wären ca. 270 Kilometer.

Wie hast du dich auf den Camino vorbereitet?

Ich habe gut ein halbes Jahr vorab mit Sack und Pack rund um meinen damaliges Zuhause Rotterdam trainiert. Außerdem habe ich Übungstouren im hügeligen Limburg (südlichste Provinz der Niederlande) gemacht, um ein Gefühl dafür zu bekommen, was mich auf der Etappe über die Pyrenäen erwartet.

An dieser Stelle möchte ich kurz erwähnen, dass mich die Vorstellung, wie man sich in Limburg auf die Pyrenäen vorbereitet zum Schreien komisch finde. Für alle, die sich in den Niederlanden nicht so gut auskennen: ja, Limburg, ist die hügeligste Provinz unserer Nachbarn (und noch dazu die Gegend, aus der die mütterliche Seite meiner Familie stammt), aber wir reden hier immer noch von den Niederlanden. Will heißen: der höchste Punkt in Südlimburg weist bedrohliche 322,5Höhenmeter auf! Die erste Etappe über die Pyrenäen bringt es auf 1.250 zu meisternde Höhenmeter.

Ich war gut vorbereitet. Alles, was ich mitgenommen habe, habe ich vorher auf meiner Küchenwaage abgewogen. In erster Linie, um den Rucksack unter zehn Kilo zu halten.

Im Nachhinein betrachtet, hätte ich meinen 850 Gramm schweren Schlafsack zuhause lassen können. Es gab in den Herbergen überall genug Decken. Anstelle meiner 800 Gramm Teva-Sandalen hätte ich besser leichte Havaiana-Flipflops mitnehmen können. Die wiegen gerade mal 300 Gramm.

Hattest du einen „Camino-Schatten“, eine Person, der du nach Möglichkeit aus dem Weg gegangen bist?

Die Anwesenheit von Audrey – sympathisch, jung, energiegeladen und lebenslustig – war wirklich angenehm und ein großer Anreiz auf meinem Weg. Sie war sicher kein Camino-Schatten im klassischen Sinne. Ich muss aber zugeben, dass sich bei mir, als wir gut eine Woche zusammen unterwegs waren, ein Gefühl der Gewohnheit und Abhängigkeit, einstellte.

Ich war nicht mehr so offen für meine eigene, innere Reise und für die Bedeutung, die diese Reise für mich haben sollte. Der Tag unseres Abschieds brach an, und egal wie traurig der Moment auch war, er passte zu meinem Vorhaben, alte Muster loszulassen. Insofern war dieser Schritt die Voraussetzung für mich, um mit meinem Leben vorwärts zu kommen.

Inwieweit hat dich der Weg verändert?

Es ist schön, jetzt, drei Jahre später, zurückzuschauen und zu sehen, was so eine Reise mit einem gemacht hat. Ich war bereits vor meinem Start in einem Veränderungsprozess, der unter anderem zu meiner Scheidung geführt hatte.

Rob und sein Alter Ego.

Santiago de Compostela war nicht mein finales Ziel. Das Ziel war der Weg dorthin. Dank meiner Pilgerreise habe ich diesen Prozess sehr viel schneller durchlaufen und ich bin bei mir selbst angekommen, nach Hause gekommen.

Dieses Nachhausekommen, die Harmonie und Ausgeglichenheit, die man in sich selbst spürt, die macht einen unabhängig. Das zu sich selbst Heimkehren ist also nicht an Zeit, Raum oder Personen gebunden. Das ist es, was die Caminos so besonders macht.

Seit ich zurück bin, habe ich einen noch positiveren Blick auf das Leben als sowieso schon. Mein Glas ist immer mehr als halbvoll. Ich bin eigentlich nie melancholisch. Und ich bin stark genug, mein Schicksal in die Hand zu nehmen.

Ich habe Menschen in ihren verletzlichsten Momenten kennen lernen dürfen. Diese Menschen waren symbolisch für meine positiven und negativen Charakterzüge. Sie hielten mir den Spiegel vor.

Im „Jacobsstaf“, der Zeitschrift der niederländischen Jakobusgemeinschaft fand ich ein sehr treffendes Zitat:
“Was ist Pilgern anderes, als Wandern mit deiner Seele, Schauen mit deinen inneren Augen, Zuhören mit deinem Herzen und dabei dem Geheimnis des Lebens auf die Spur zu kommen?”

Wie erging es dir, als du wieder zuhause warst?

Ich musste mich an die Rückkehr ins “normale” Leben mit dem vielen Luxus erst mal wieder gewöhnen. Es ist eine besondere Erfahrung, festzustellen, dass man eigentlich nur ganz wenig braucht. Unterwegs hatte ich außerdem fünf Kilo abgenommen. Auch das war eine Veränderung.

Das Verändern ging aber erst im Anschluss an meine Rückkehr richtig los. Ich lernte wenig später eine Frau kennen, derentwegen ich dann in eine andere Stadt gezogen bin, wo ich nun neue Freunde gefunden habe. Man kann sagen, dass ich das Thema “neues Leben” auf eine wunderschöne und sinnvolle Weise für mich umsetzen konnte. Es ist fast wie das Happy End eines ganz besonderen Films!

Letzte Worte bzw. was möchtest du anderen Pilgern mit auf den Weg geben?

Spätestens hier kommen meine Übersetzerfähigkeiten an ihre Grenzen – geflügelte Worte sind nicht so einfach einzufangen, aber ich versuche es.

„Alles, was du zuhause lässt, ist gut eingepackt.”

Will heißen: nimm keinen überflüssigen Ballast mit auf deinen Weg, denn du musst ihn tragen.

 

Kommentare, Fragen und Feedback

Wie hat dir Robs Geschichte gefallen? Er hat wie geplant losgelassen und dafür viel zurückbekommen. Wie leicht fällt es dir, Dinge oder Menschen gehen zu lassen? Und ist es nicht toll, dass sein erster Camino eine große Veränderung eingeleitet hat und der zweite, nur ein Jahr später, mit einem Teil dieser Veränderung, nämlich seiner neuen Freundin, stattfand?

Diejenigen von euch, die meinen Blog gelesen haben, kannten Rob ja schon. Wie war es für euch, ihn hier einmal selbst sprechen zu hören? Versteht ihr, wieso er mir damals so ans Herz gewachsen ist? Ich freue mich wie immer über eure Reaktionen.

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Weitere Eindrücke aus dem Wanderland

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Ich muss das weitersagen
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7 Gedanken zu „Fremdgehen mit… Rob, 68, Amersfoort (NL)&8220;

  1. Lieber Rob, ich freu mich zu hören bzw zu lesen, dass es dir gut geht und du glücklich bist.
    Wir haben einen wunderbaren Camino gemeinsam zurückgelegt und glaube, dass wir stolz auf uns sein können und dürfen.
    Liebe Grüße und viel Glück

  2. Liebe Maria,
    Es ist mehr als ein Zufall, dass wir uns in unerwarteten Momenten getroffen haben. Ich hätte nie gedacht, dass du so weit gekommen bist. Du warst für mich das Vorbild für Mut und Ausdauer!

  3. Hallo Rob,

    dank u wel voor het delen van je verhaal! (Das war’s auch schon mit meinem Niederländisch 🤷🏽‍♂️)

    Abgesehen davon, dass Dein Pilgerbericht wieder ein Puzzleteilchen zu Audreys und Katis Erfahrungen hinzufügt und so ganz allmählich ein richtig tolles Gesamtbild entsteht – ich finde es super, dass Du von Deinem Camino so viele gute Dinge in den Alltag mitnehmen konntest!

    @Audrey: Menno! Wenn ich in den nächsten par Wochen von der Via Mosana berichte, glaubt mir ja niemand mehr, was für ein schier unmenschlicher Gewaltmarsch das Bezwingen des Vaalserberg war 😂! Aber ich bin ja über die Westflanke hoch, die ist natürlich viel schwieriger, als die niederländische Nordwand 😜

    Liebe Grüße
    Stefan

    1. Am besten machst du keine Backlinks mehr auf meinen Blog – dann kriegt es keiner mit 😉 Außerdem ist die Westflanke natürlich ein heißer Tipp unter Kletterspezialisten. Das weiß man doch!
      Und es freut mich natürlich, dass sich das gesamte Bild für dich immer mehr zusammensitzest. So soll es sein!

Und was sagst Du?