Malerweg Etappe 8: Von Königstein nach Wehlen

Etappe 8 auf dem Malerweg von Königstein nach Wehlen mit bewaffneten Drama-Queens, Angriffe auf Festungen zwischen Medusa, dem armen Heinrich und den drei Toren und einem Grande Finale am Rauenstein #malerweg #saechsischeschweiz #deutschland #sachsen #wanderung #fernwanderung #wandern #fernwandern #rucksack #wanderblog #wanderblogger #Festung #Königstein #Rauenstein #Gratweg #Wehlen #läuftbeiihr

Tag 8 auf dem Malerweg von Königstein bis Wehlen hält zuerst nächtliche Übergriffe auf eine bewaffnete Drama-Queen bereit, dann den Angriff auf die Festung der Drei Toren, wo Medusa und der arme Heinrich am Tischlein Deck Dich sitzen und endet auf des Grates Wohl in Pirna mit der Rache der Eierschecke (22. September, ca. 12 km)

Zum Abschluss meines Weges gibt es dramaturgische Höhepunkte in Form von nächtlichem Geschrei, einem Messer unter dem Kopfkissen und vier Frauen in Angst. Wow.

Angst um dein Leben

Was ist passiert? Wir erinnern uns an den Junggesellenabschied, der gestern Abend ans Lagerfeuer geschickt wurde. Nun, diese 12-köpfige Herrenrunde hat wie zu erwarten war, ordentlich getankt. Um halb drei poltert es konsequent vor der Tür unseres Frauenzimmers, dann wird sie aufgerissen und jemand kommt ins Zimmer. Offensichtlich hat sich einer der Jungs in der Tür geirrt. Es folgt Gemurmel, dann tritt derjenige den Rückzug an.

Ich habe meine Gardine vors Bett gezogen und kann somit nur erahnen, was sich abspielt, muss aber grinsen. Meine Herren, sind die voll. Während ich mich auf die andere Seite drehe, um weiter zu schlafen, nimmt das Mädchen rechts von mir es alles andere als gelassen auf. Sie ist gestern bereits unangenehm aufgefallen, als sie das Englisch sprechende Trio angefaucht hat, sie sollen ruhig sein. Nun rastet sie komplett aus und schreit dem Kerl die übelsten Verwünschungen hinterher, so dass wirklich jeder in unserem Zimmer wach wird.

Ich mache kurzen Prozess, schiebe mir meine Ohrstöpsel rein und höre nur noch, dass im Raum diskutiert wird, verstehe aber kein Wort. Ich bin zu müde für so was und schlafe weiter. So verpasse ich leider den zweiten Akt des Dramas.

Der Psycho im Nachbarbett

Als ich um kurz vor acht aufstehe, schlafen die meisten anderen noch. Nur das Bett der Zicke ist leer. Ich husche, so leise es geht, ins Bad. Im Aufenthaltsraum, wo das Frühstück serviert wird, steht Sven bereits hinter seiner Siebträgermaschine und winkt mich zu sich. Er will wissen, ob ich heute Nacht Angst gehabt hätte?

Was er mir dann erzählt, hat echtes GZSZ-Potenzial, denn Miss Tobsucht war bei ihm, um ihm Vorhaltungen zu machen. Heute Nacht wären mehrfach Männer in unser Zimmer gekommen und hätten sie belästigt. Sie hätte danach vor Angst kein Auge mehr zugetan und die ganze Nacht mit einem Messer in der Hand im Bett gelegen, weil sie sich bedroht gefühlt hätte.

„Klong“, fällt mir der Kiefer aufs Brustbein. Ich traue meinen Ohren nicht, während Sven fortfährt. Sie habe ihm vorgeworfen, dass es ein Unding sei, dass er nachts nicht im Hostel wäre. Er habe eine Aufsichtspflicht. Entschuldigend erklärt er mir, dass er in der Nähe wohne, aber auch so etwas wie ein Privatleben habe. Sie werde diesen Vorfall zur Anzeige bringen, habe sie gesagt, bevor sie ging.

Ich bin immer noch fassungslos. Belästigung ist ein großes Wort. Lärmbelästigung, nun gut, aber so wie sie es vorgebracht hat, klingt es, als hätten die Jungs versucht, sich uns zu nähern. Ich erzähle ihm meine Version der Geschichte, in der sich verwirrte Betrunkenen in der Tür geirrt haben, um danach, begleitet von einer Schimpftirade, schnell das Weite zu suchen, biete Sven aber an, noch einmal bei den anderen Frauen nachzufragen.

Zurück im Zimmer erkundige ich mich, ob die anderen heute Nacht Angst gehabt hätte. Die drei englischsprachigen Mädchen nicken. Ich hake nach, ob die Jungs sich ihnen genähert hätten? Diesmal bin ich es, die erstaunt angeschaut wird. Nein, keineswegs, die Typen hätten sich vermutlich in der Tür geirrt, die waren ja total betrunken. Aber die Drei hätten richtig Schiss vor dem Mädchen im oberen Bett gehabt, weil sie mit einem Messer herumgefuchtelt hätte.

Während Sven meinen Kaffee zaubert, sind wir beide etwas ratlos. Es gibt wirklich durchgeknallte Leute. Ich rege mich ziemlich auf, weil ich ihre Behauptungen unmöglich finde – das ist in meinen Augen Rufmord. Sven ist vorerst heilfroh, dass die Geschichte vermutlich nicht stimmt. Er habe ihr die Kosten des Zimmers überlassen, sie würde sich nun woanders ein Zimmer suchen. Das sei vermutlich auch besser so.

Attacke auf die Festung

Meine beiden Camino-Herren sind mit ihrem Frühstück schon fast fertig, als ich mich zu ihnen setze und von meiner aufregenden Nacht berichte. Es gibt Porridge, frische Brötchen, Saft und Ei, dazu hervorragenden Kaffee. Sven gibt sich wirklich allergrößte Mühe für einen perfekten Start in den Tag.

Ich trödle noch ein wenig und gehe zum Rauchen mit meinem zweiten Kaffee vor die Tür. Ein strahlend blauer Himmel wartet, die Sonne scheint. Perfektes Wetter für meinen letzten Tag. Ich bin hin und her gerissen – einerseits traurig, dass diese tolle Wanderung zu Ende geht, andererseits freue ich mich auch wieder auf Zuhause und zudem bin ich neugierig auf Dresden und das Wiedersehen mit einem Freund, der ebenfalls zufällig in der Stadt ist.

Jürgen und Rudi sind schon losgegangen, so dass ich um kurz nach neun alleine aufbreche. Es geht hinauf zur Kirche, und weiter in den Wald, wo es über unzählige Stufen steil hinauf zur Festung geht. Ganz ehrlich, alles andere hätte mich auch wirklich enttäuscht. Das ist hier schließlich der Malerweg und kein Kindergeburtstag.

Aufstieg Festung Königstein, Malerweg
Mal wieder ein knackiger Aufstieg hinauf zur Festung, damit keiner aus der Übung kommt

Als ich den Felssockel nach zwanzig Minuten erreicht habe, ist mir ordentlich warm. Über mir ragt der steinerne Koloss auf, eines der größten, europäischen Exemplare, errichtet auf dem Tafelberg Königstein, 240 Meter über der Elbe.

Festung Königstein, Malerweg
Blick auf die Festung auf dem Königstein

Hinter der Wallanlage blitzen die Dächer erster Gebäude hervor. Es sieht  sehr beeindruckend, vor allem aber uneinnehmbar aus. Wer sich dort aufhielt, hatte wohl nicht allzu viel zu befürchten.

Festung Königstein, Malerweg
„Du kumms hier nit rein“ – Festung Königstein, der Türsteher unter den Festungen

Vorbei an drei Toren

Eine kleine Enttäuschung macht sich breit, als ich feststellen muss, dass mir nichts anderes übrig bleiben wird, als auch die letzten Meter zur Festung hinauf zu Fuß ersteigen zu müssen. Der Panorama-Aufzug ist nämlich leider außer Betrieb und das wohl auch schon länger, denn das Schild sieht nicht aus wie ein Provisorium.

Das imposante Schild scheint schon länger zu stehen

Nachdem ich die Festung von unten umrundet habe, durchschreite ich das Eingangstor, das ein buntes Wappen samt güldener Krone ziert, ein Verweis auf die polnisch-sächsischen Union unter August dem Starken. Etwas weiter unten wacht ein sympathischer Geselle, auf dessen Kopf sich Schlangen räkeln und der mir die Zunge herausstreckt. Der Geselle ist eine Gesellin, denn dies ist das Medusentor, das 2017 renoviert wurde.

Medusentor, Festung Königstein, Malerweg
Krone, Wappen, Schlangenhaare – märchenhaftes Einstiegsszenario

Ich schreite die Holzplanken entlang nach oben in Richtung des nächsten Tors im Torhaus und kann nur hoffen, dass die hochgezogene Pforte nicht ihre Fähigkeiten als Guillotine unter Beweis stellen will.

Aufgang Festung Königstein, Malerweg
Bühne frei für Tor Zwei, hoffentlich kommt nichts runter.

Auch das dritte Tor macht nicht gerade einen gastfreundlichen Eindruck, finde ich, während ich die dunkle Appareille auf Kopfsteinpflaster hinauflaufe. Die alten Gemäuer flößen mir ordentlich Respekt ein und wirken unwirtlich und abschreckend. Aus genau diesem Zweck wurden sie so gebaut. Erfolgreich, wie mir scheint, denn die Festung wurde nie eingenommen. Es kam nicht einmal zum Versuch.

Dunkle Appareille, Festung Königstein, Malerweg
Tor Drei. Wohnt in der dunklen Appareille vielleicht der Zonk?

Walle, walle, Wallanlage

Dann bin ich oben, wo sich innerhalb der Festung gefühlt eine Kleinstadt versteckt. Knapp 50 verschiedenste Gebäude warten auf Besichtigung, darunter das alte und das neue Zeughaus, eine kleine Kirche, das Kommandantenhaus oder das Brunnenhaus, um nur einige zu nennen.

Doch mich zieht es vorerst auf den 1,7 Kilometer langen Wall, der das Gelände umrahmt. Es wirkt wie eine breite Autobahn, zumal um diese Uhrzeit kaum Menschen hier oben sind. Auch von Jürgen und Rudi keine Spur.

Nur mein Schatten und ich

Neugierig schlendere ich an Wachtürmchen entlang und schaue auf die Georgenburg gegenüber, tief darunter die Elbe und dahinter die Bastei.

Georgenburg Festung Königstein Malerweg
Der terrassierte Garten ist eher die Ausnahme. An den meisten Seiten geht es steil abwärts.

Ein Abstecher nach rechts, schon bin ich an der alten Kaserne, in der sich heute Gastronomie sowie ein Trakt mit Toiletten befindet. Ich setze mich wenige Meter weiter in den hübschen Kommandantengarten in die Sonne und atme durch.

Kommandantengarten, Festung Königstein, Malerweg
Gartenidylle beim Kommandanten

Gleich um die Ecke befindet sich der Pferdestall des Kommandanten, der mit allerlei Gerätschaften versehen ist und sogar ein lebensgroßes Holzpferd beherbergt. Die liebevolle Ausgestaltung dieses Raumes lässt erahnen, was es in den einzelnen Gebäuden hier zu lernen und bewundern gäbe. Die Anlage ist ein großes Museum erlebbarer Geschichte.

Pferdestall des Kommandanten, Festung Königstein
Pferdestall des Kommandanten, nur echt mit Holzpferd

Ich schlendere weiter über die Festung. Die mittig gelegene Magdalenenburg wird gerade renoviert und macht hinter ihrem Gerüst wenig her. Sie ist unter anderem berühmt für ihren riesigen Weinkeller, denn dort lagerte um 1725 das größte Weinfass, das jemals gebaut wurde. Es war zehneinhalb Meter hoch und 15 Metern lang und fasste 238.600 Liter Wein.

Dem Baustellen-Flair ist wohl auch geschuldet, dass ich das berühmte Brunnenhaus übersehe, das gleich daneben steht. Hier wartet der mit 152,5 Metern tiefste Brunnen Sachsens. Mein Abstecher in die Garnisonskirche gleich um die Ecke fällt ebenfalls kurz aus. Ich bewundere die aufwändig bemalte Holzdecke und ertappe vier Engel auf frischer Tat beim Kreuz klauen, dann husche ich hinaus. Gerade kommen so viele Menschen herein, dass ich mir nicht sicher bin, ob gleich ein Gottesdienst stattfindet.

Garnisonskirche, Festung Königstein, Malerweg
Vier Engel klauen ein Kreuz

Von Pagenbetten, Tischlein-Deck-Dichs und dem armen Heinrich

Ich nähere mich einem kleinen Lustschlösschen im verschnörkelten Barock-Stil, das mir in leuchtendem Gelb entgegenstrahlt.

Christiansburg Friedrichsburg Festung Königstein
Muckeliges Liebesnest mit nettem Ausblick

Es handelt sich um die Christiansburg, die später, nach dem Besuch des preußischen Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I. samt Sohn, von August dem Starken in Friedrichsburg umbenannt wurde. Der Ausblick, der sich von hier auf mein Lieblingsmotiv, den Lilienstein, und die Elbe bietet, ist sagenhaft.

Blick vom Lustschlösschen Friedrichburg Festung Königstein
Eines meiner Lieblingsbilder der gesamten Wanderung

Diesen Ausblick durfte Heinrich von Grunau, Leibpage des Kurfürsten Johann Georg II. auf besonders eindrückliche Weise genießen. Eine Zeichnung an Ort und Stelle bezeugt des Kurfürsten sehr eigentümlichen Humor. Page Heinrich hatte bei einem Festgelage gemeinsam mit seinem Herrn ordentlich gebechert und legte sich, auf der Suche nach Ruhe und frischer Luft, ohne es zu merken auf das Außensims eines der Fenster der Christiansburg, direkt über den Abgrund.

Als man ihn fand, ließ der Kurfürst ihn unbemerkt mit Seilen festbinden und zur Erheiterung der Festgesellschaft von lauten Trompeten wecken. Der arme Heinrich! Bis heute ist die Stelle als das Pagenbett bekannt.

Festung Königstein, Kanonen
Wie gut, dass man keine Kanone abgefeuert hat, um Heinrich zu wecken

Im Inneren des Lustschlösschens gibt es noch ein weiteres Highlight. Ein technisches Gimmick, um genau zu sein. Per Knopfdruck lässt sich der Fußboden wegbewegen, woraufhin von unten ein mit Weingläsern gedeckter Tisch emporschwebt. So steht es zumindest, zusammen mit weiteren, interessanten Details in diesem Beitrag des Hamburger Abendblatts.

Etwas mehr Vorbereitung und Recherche rund um die Festung hätte im Vorhinein sicher nicht geschadet, denn rückblickend habe ich eine Menge ignoriert und ausgelassen. Mir ist bei dem schönen Wetter nur leider einfach überhaupt nicht nach Sightseeing drinnen zumute. So erkaufe ich mir mit meinen zwölf Euro Eintritt nur wunderschöne, wenn auch zugegebenermaßen kostspielige Ausblicke.

Blick aus einem der Wachtürme auf den Lilienstein

Ich laufe die gesamte Wallanlage ab und mache zudem einen Abstecher in den Festungswald (wie abgefahren, dass eine Festung ihren eigenen Wald hat!), dann beende ich meinen Rundgang.

Wallanlage, Festung Königstein
Neben der Wallanlage geht es in den Festungswald

Obwohl ich mir nur den Außenbereich angeschaut habe, war ich anderthalb Stunden oben. Wer sich die Anlage also wirklich in Ruhe anschauen möchte, kann hier sicher guten Gewissens einen halben Tag verbringen, aber so viel Zeit habe ich heute nicht.

Wald- und Wiesenlängen

Es juckt mir in den Füßen, den Malerweg fortzusetzen. Um ein wenig Zeit zu gewinnen, fahre ich mit dem Aufzug nach unten. Auch wenn der Panorama-Aufzug außer Betrieb ist, gibt es einen Lastenaufzug samt Fahrer, der Fußfaule nach oben oder unten bringt.

Angesichts der fortgeschrittenen Zeit (viertel nach elf) ist längst beschlossene Sache, dass ich den Malerweg vorzeitig beenden werde. Ich schaffe es schlichtweg nicht zu Fuß bis Pirna, wenn ich um halb acht geduscht in Dresden Essen gehen will. Da es zwei mögliche S-Bahn-Stationen (Stadt Wehlen und Obervogelsang) als Exit zwischen mir und Pirna gibt, werde ich spontan entscheiden, welche ich nehme.

Festungsanlage Königstein, Malerweg
Letzter Blick zurück auf die Festung

Von des Festung geht es über Treppen durch den Wald hinab, bald dann über idyllische Wiesen mit schönem Blick zurück auf die Festung in Richtung eines kleinen Umgehungswegs. Damit der Malerwegwanderer nicht eine stark befahrene Straße kreuzen muss, macht die Wegführung einen großen Bogen am Feld parallel zur Straße, nutzt eine kleine Unterführung und verläuft dann am anderen Ende erneut parallel zur Straße zurück. Diesen Umweg hätte ich mir vermutlich auch schenken können, wenn ich einfach über die Straße gegangen wäre.

Wald und Wiesenlandschaft in ihrer schönsten Form

In dem kleinen Waldstück, das nun folgt, begegnet mir ein Ehepaar, das mich verzweifelt fragt, wie weit dieser beschwerliche Waldweg noch sei. Ich wundere mich ein wenig. Verglichen mit den Abschnitten der letzten Tage ist das hier ein Kinderspiel. Falls die beiden noch zur Festung hochwollen, werden sie ihr blaues Wunder erleben.

Thürmsdorf erreiche ich wenig pittoresk auf Asphalt. Inzwischen ist es richtig heiß, so dass ich mich an der Bushaltestelle sämtlicher unnötigen Kleiderschichten entledige. Schilder zeigen mir, dass ich am Elbradweg bin, dem folgend ich theoretisch irgendwann in Hamburg landen würde. Das ist ein anderes Projekt, vielleicht zu einer anderen Zeit.

Falls man sich mal wieder fragt, wo man ist

Nach einem Bogen durch die Ortschaft erreiche ich das hiesige Schloss mit der Schokoladenmanufaktur im Ortsteil Struppen. Es macht seinem Namen nicht gerade Ehre, denn es liegt insgesamt recht verlassen und baufällig da.

Schloss Thürmsdorf, Malerweg
Aus dieser Perspektive geht es noch, je näher man kommt, desto abgerockter wirkt das Schloss

Der folgende Wegabschnitt ist wieder eher unspektakulär. Grasende Kühe, ein paar Schafe, Felder. Bei dem heutigen Topwetter ist es trotzdem schön.

Weißes Kalb statt schwarzes Schaf

Immer weiter schlendere ich entlang eines Ackers, vollführe eine Linksdrehung und laufe nun im rechten Winkel die nächste Seite des Ackers hinauf in den Wald. In der Ferne sehe ich die Basteibrücke, bevor ich erneut durch Wiesen Richtung Weißig laufe. Die Vorstellung, dass ich die Etappe gestern hier hätte beenden sollen, scheint mir unglaublich. Das wäre ganz schön weit gewesen!

Nicht unbedingt das Highlight des Malerwegs. Die Umrundung eines Ackers

Abschied nach Maß auf dem Rauenstein

Würde mit dem Rauenstein nicht noch ein letztes, wirklich lohnenswertes Exemplar auf den Wanderer warten, wäre meine klare Empfehlung, den Malerweg in Königstein zu beenden. Die zwei Stunden zwischen Festung und besagtem Stein sind ähnlich lahm, wie das Stück zwischen Schmilka und dem Papststein.

Blick auf den Rauenstein, Malerweg Etappe 8
Das letzte „Hindernis“ auf dem Fernwanderweg, der Rauenstein

Ein letztes Mal wartet ein Elbsandstein-Gigant darauf, mit Hilfe von Leitern und Eisengriffen überwunden zu werden. Als ich an seinem Fuße ankomme, bestärkt mich eine Ausflüglergruppe, dass da noch ein richtig tolles Stück auf mich warte, und so nehme ich flugs die Stufen hinauf.

Rauenstein, Malerweg Etappe 8
Wie zwei einträchtig nebeneinander schwimmende Fischköpfe

Dabei gerate ich in einen Großfamilienausflug. Gefühlt fünfzehn Kinder und sechs Erwachsene wuseln über die Treppen nach oben. Ich lasse die Jungs vorbei, was ich bereue, als ich an der Berggaststätte oben ankomme. Eine Limonade scheint mir so verlockend, dass ich mich in die lange Schlange einreihe. Es sollte ja nicht allzu lange dauern, ich will ja nur ein Getränk.

Von wegen – eine halbe Stunde später halte ich das Zuckerwasser endlich in Händen. Es gibt genau eine Ausgabe und an dieser gibt es von der Limonade bis hin zum Mittagessen alles. Und das wird da auch alles der Reihe nach abgearbeitet. Die Tatsache, dass die kleinen Jungs in der Schlange vor mir stehen und schließlich ihren Eltern Platz machen, so dass diese für 20 Leute Getränke und Essen bestellen können, beschleunigt das Unterfangen nicht gerade.

Ich versuche, mich zu entspannen. Heute ist mein letzter Tag. Was soll die Aufregung.

(Rück-)Blick auf die Basteibrücke

Der Biergarten platzt aus allen Nähten, so dass ich mich auf einer Treppenstufe niederlasse. Wenig später großes Hallo – Jürgen und Rudi tauchen auf. Die beiden haben versucht, eine Abkürzung zu nehmen und sind nach ihrem Besuch bei der Festung entlang der Elbe einen großen, unspektakulären Bogen auf dem Fahrradweg gelaufen.

Auf Grates Wohl

Vor mir liegt nun der Gratweg, das Abschluss-Highlight meiner Wanderung. Ein letztes Mal erklimme ich Leitern, die erst hinauf und dann wieder hinab führen.

Aufstieg zum Rauenstein
Das Motto mal wieder „Heiter weiter auf der Leiter“

Ich überhole zwei moppelige Herren mit Tagesrucksäcken, die ganz schön fluchen, als sie hinter mir das Plateau erreichen. Ich hingegen finde es wieder herrlich und denke wehmütig daran, dass die Uhr gerade im Schnelldurchlauf rückwärts tickt.

Auf dem Rauenstein, Malerweg Etappe 8
Manchmal verwinkelt, manchmal so breit, dass man picknicken kann

Der Weg auf dem Rücken des Rauensteins ist abwechslungsreich. Schmale, mit Geländern gesicherte Stellen, neben denen es steil bergab geht, wechseln sich ab mit breiten Stein-Passagen auf denen gepicknickt wird.

Auf dem Rauenstein, Malerweg Etappe 8
Brücken und Geländer – das vertraute Bild der letzten Tage. Es heißt auch hier Abschied nehmen

Auf kleine Brücken mit Sprossen, durch die man hindurchschauen kann, folgt ein schmaler Pfad zwischen wuchtigen Steinen hindurch.

Am Rauenstein, Malerweg Etappe 8
Die Stelle hätte mir an den ersten Tagen noch Angstschweiß verursacht.
Gut, dass ich keine extrem breiten Füße habe, sonst würde ich wohl steckenbleiben.

Ein letztes Panorama, ein letzter Blick auf die Tafelberge, ein letztes Mal schmale Treppenstufen hinab, dann bin ich im Wald angekommen.

Blick vom Rauenstein
Das letzte Panorama-Bild, versprochen.
Die letzten Stufen werden feierlich gezählt

Der Weg verabschiedet sich mit gemütlichem, langsamem Auslaufen durch sonnenbeschienene, kerzengerade gewachsene Fichten. Der Boden ist schneeweiß und sandig, und es läuft sich gemütlich.

Die letzten Meter auf schneeweißem Sand

Als ich um halb drei in Naundorf ankomme, steht meine Entscheidung augenblicklich fest.  Die Haltestelle Stadt Wehlen ist nur wenige Meter entfernt. Ich werde meine Wanderung hier beschließen und die letzten acht Kilometer bis Pirna per S-Bahn zurücklegen.

Kurz nach mir tauchen Rudi und Jürgen auf, die die gleiche Idee hatten wie ich. Auch ihre Ambitionen, noch an der Elbe entlang zu stiefeln, halten sich in Grenzen. Da fahren wir doch lieber gemeinsam nach Pirna und werfen einen Blick auf das Städtchen.

Die Rache der Eierschecke, Teil 2

Eine gute halbe Stunde später sind wir auch schon da. Der Bahnhof sieht immer noch aus wie gemacht für den Showdown eines Westerns. Wir kennen den Weg, denn jeder von uns hat sein Wanderabenteuer hier vor einer Woche begonnen.

So schmuck ist Pirna

Vom Bahnhof aus schlendern wir vorbei an toll restaurierten Altbau-Fassaden in Richtung Altstadt.

Schön die Fassade wahren

Rudi und ich wollen unbedingt noch die lokale Spezialität Eierschecke verputzen, Jürgen hat große Lust auf ein Eis. Fast bereue ich es ein wenig, dass mir so wenig Zeit für das Städtchen bleibt. Die Silhouette sieht entzückend aus.

Was für eine hübsche Silhouette

Die Eisdiele in der Fußgängerzone macht fürs Erste einen guten Eindruck, denn hier gibt es neben Gelato auch Kaffee und Gebäck. Die Schlange ist riesig. Kein Wunder, bei dem Traumwetter heute. Rudi und ich bewachen unseren Tisch, während Jürgen sich einen Eisbecher holt.

Als er endlich zurück ist, stelle ich mich in die Reihe, um Kaffee und Eierschecke zu erstehen. Wie groß ist die Enttäuschung, als man mir sagt, dass sie ausverkauft seien. Gebäck gibt es nicht mehr, auf Eis habe ich keine Lust, so dass ich unverrichteter Dinge an unseren Tisch zurückkehre.

Wander-Stillleben: Rucksäcke an totem Baum

Jürgen fühlt sich sichtlich schlecht, wie er da allein seinen Eisbecher wegarbeitet, während Rudi und ich mit leeren Händen warten. Wir wollen im Anschluss woanders unser Glück versuchen. Als wir wenig später im Café sitzen, folgt die nächste Enttäuschung. Auch ier ist die Eierschecke ausverkauft.

Ich muss noch einmal an das selbst gebackene Gebäckstück denken, das ich vorgestern in der dunklen, warmen Gaststätte Liethenmühle ausgeschlagen habe. Wir erleben nun eindeutig die Rache der Eierschecke. Immerhin entdecke ich Quarkkeulchen auf der Karte. Diese wollte ich ja bereits in Bad Schandau kosten, war damals aber zu satt. Rudi und ich bestellen.

Jürgen schwärmt uns vor, dass es sich dabei um frittiertes, zapfenförmiges Fettgebäck handle, das außen knusprig, innen zart sei. Was soll ich sagen – man serviert uns nach einer halben Stunde zwei platte Fladen, die eher wie Reibe- oder Pfannkuchen aussehen und in einem Schwall Apfelmus ertränkt sind.

Die Enttäuschung des Tages – Quark-Klops an Apfelmus

Jürgen schaut missbilligend auf unsere Teller. Das seien keine Quarkkeulchen. Geschmacklich ist auch wirklich Luft nach oben: der Teig ist stellenweise noch roh und das Ganze maximal lauwarm. Rudi und ich nehmen es mit Humor. Man kann nicht immer gewinnen. Im Hintergrund höre ich die Eierschecke kichern.

Als Akt ausgleichender Gerechtigkeit findet sich stattdessen jemand, der ein Finisher-Foto von uns Dreien macht, so dass ich eine schöne Erinnerung an die beiden Herren habe.

Camino Magic gibt es eben doch überall. Eingerahmt von Rudi und Jürgen

Hier trennen sich unsere Wege. Während Rudi und Jürgen in Pirna bleiben, mache ich mich, vorbei an Blumenrabatten und einem schelmischen kleinen Engel auf den kurzen Weg zurück nach Dresden.

Ein kleiner Schelm zwischen den Rabatten

Resümee

Der Malerweg hat mich wirklich begeistert und zwar so sehr, dass für mich außer Frage steht, dass ich diesen Weg noch einmal laufen werde. Er ist unheimlich abwechslungsreich, schön anstrengend, aber immer machbar, bietet die herrlichsten Aussichten und führt durch so märchenhafte Kulissen, dass man sich zwischendurch kneifen muss.

Kurz vor meinem selbstgewählten Ende gibt es noch mal eine feierliche Markierung am Baum.

Kommentare und Feedback

Normalerweise kürze ich Wege nicht ab, sondern gehe bewusst jeden Zentimeter und so weiß ich bis heute nicht, ob ich da vielleicht doch noch etwas verpasst habe. Bist du den Malerweg vielleicht selbst komplett gelaufen und weißt mehr?
Wie immer freue ich mich über deine Kommentare, Ergänzungen, Empfehlungen und Fragen.

Falls du den Weg noch nicht kennst und ihn gerne laufen möchtest, schau doch mal in meinen Übersichtsartikel. Dort findest du meine Etappenplanung, Links zu meinen Unterkünften, Highlights entlang des Weges und generelle Tipps für deine Wanderung im Elbsandsteingebirge.

Zeitreise

Rückwärts: Du bist hier so reingeraten und fragst dich, woher ich Jürgen und Rudi kenne? Dann komm doch noch mal mit von Gohrisch nach Königstein zum Panorama-Overkill, wo die Beach Boys in Felsspalt-Einbahnstraßen Bar-Ba-Ba, Bar-Ba-Ri-Ne singen, während ich das adrenalinlastigste Foto aller Zeiten schießen lasse.

Ich muss das weitersagen

2 Gedanken zu „Malerweg Etappe 8: Von Königstein nach Wehlen&8220;

Und was sagst Du?