Stormarnweg Etappe 2: Von Großensee nach Ahrensburg

Etappe Zwei auf dem Stormarnweg von Großensee nach Ahrensburg offenbart die Heiligkeit des Schlafs, Einblicke in das Leben der Zaunkönige, Treffen mit dem Wächter des Weges und seinem Drachen, mit drallen Damen und Wasserschlössern und einem kleinen Spinn-Off zum Finale (4. Juli 2020, 18 km)

Die Heiligkeit des Schlafs

Ich kann es nicht anders sagen: hinter mir liegt eine der besten Nächte meines Lebens. Ich habe in meinem kleinen Zelt absolut grandios geschlafen. Ab drei Uhr nachts bin ich immer wieder kurz aufgewacht, habe dem kontinuierlichen Tropfen des Regens auf die Zeltplane gelauscht und bin gleich wieder selig eingeschlummert. Sämtliche Camping-Kindheitserinnerungen sorgten dafür, dass ich mich ganz wunderbar aufgehoben gefühlt habe.

Dass Schlaf heilen kann, ist ja per se nichts Neues. Dass es aber so weit gehen könnte, dass mein arg in Mitleidenschaft gezogener Körper komplett regeneriert, war aus meiner Sicht nicht zu erwarten. Ich war wirklich mit dem Gedanken ins Bett gegangen, meine Wanderung heute vorerst unterbrechen zu müssen.

Als ich mich nun aus dem Bett schäle, geht es mir jedoch unverschämt gut, von ein paar kleineren Abnutzungserscheinungen abgesehen. An Aufgeben ist nicht mehr zu denken. Ahrensburg, here I come. 

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Chai-Tee am Großensee

Nachdem ich mich kurz frisch gemacht und die Leihbettwäsche zur Rezeption gebracht habe, fällt die Entscheidung gegen den Besuch des hiesigen Bäckers. Die Hawaii-Pizza von gestern liegt noch sättigend in meinem Magen. Der kurze Check bei Google zeigt, dass es auch im nächsten Dorf Lütjensee einen Bäcker samt Café gibt. Ich werde ungefähr eine Stunde dorthin brauchen, das passt hervorragend. 

Wer meinen Blog kennt, weiß, dass ich eine gewisse Affinität zu Kaffee am Morgen habe. Um genau zu sein, benötige ich das Heißgetränk wie ein Junkie seinen Schuss. Wohlweislich habe ich für solche Fälle inzwischen immer Instantkaffee dabei. Heute habe ich sogar die Wahl zwischen Milchkaffee und Chai Tee. In Ermangelung von kochend heißem Wasser gewinnt der Chai.

Im Außenbereich des Rezeptionsgebäudes gibt es ein Waschbecken, an dem Camper spülen und waschen können. Der dortige Hahn liefert tatsächlich so heißes Wasser, dass ich es guten Gewissens in meinen Coffee to Go Becher rinnen lasse. Soll keiner behaupten, den hätte ich umsonst hierher geschleppt. 

Mit einer Spur Wehmut verlasse ich den Campingplatz und nehme am Freibad vorbei Kurs auf ein hübsches Plätzchen am Seeufer. Ich muss nicht lange suchen. Zwar ist die erste Bank mit Klamotten von zwei Schwimmerinnen belegt, die hier einen guten und zudem kostenlosen Zugang zum See gefunden haben, aber schon wenige Meter weiter werde ich fündig. Ein Mäuerchen mit Blick auf den See bietet mir seinen Dienst an.

Kaffee to go mit Blick auf den Großensee, Stormarnwegn Etappe 2 Großensee Ahrensburg
Frühstück am Großensee, Mäuerchen inklusive

Der Tag könnte wirklich schlechter starten. Es ist halb elf, und ich genieße mein Getränk mit Blick aufs Wasser, flankiert von einem der wohl liebevollsten, selbstgebastelten Aschenbecher.

Auge fürs Detail – leave no traces

Abkürzungen, Längen und viel Gerede

Während ich mir die heutige Strecke anschaue, erwartet mich die nächste freudige Überraschung. Anders als gedacht, ist meine Etappe keineswegs 22 Kilometer lang, sondern nur 18. Heute Nachmittag will ich eine Arbeitskollegin besuchen und so hatte ich vorsorglich den Weg zu ihr in meine Streckenplanung integriert. Da ich noch nicht einschätzen kann, wie lange die Euphorie in meinem Körper anhält, beruhigt mich die Vorstellung, eine Stunde weniger als gedacht vor der Brust zu haben.

Gerade als ich starte, schließen zwei Spaziergängerinnen zu mir auf. Die beiden sind immer ein paar Schritte vor mir und unterhalten sich fortwährend, so dass ich an der nächsten Bank anhalte, um in Ruhe „meine Schuhe zu binden“ (was bei Trailrunnern mit einem einzigen Zug erledigt wäre, aber sei es drum). Ich möchte etwas mehr Abstand zwischen uns, so dass ich das Geplauder dimmen kann. Versteht mich nicht falsch: wenn ich mit meiner Freundin spazieren ginge, wäre ich keinen Deut besser. Doch wenn ich wandere, ist mir die Ruhe, die nur von ausgiebigem Vogelgezwitscher unterbrochen wird, so lieb, dass ich nach Möglichkeit nicht anderes hören möchte.

Der Abstand erstickt außerdem mein unstillbares Verlangen, Leute, die gleich vor mir laufen, zu überholen, im Keim. Während ich darauf warte, dass die beiden am Horizont verschwinden, muss ich an meine Camino-Freundin Ulli denken, die mir mal von ihrem vergeblichen Versuch erzählt hat, eine 20-köpfige, redselige spanische Wandergruppe loszuwerden. Eigentlich ist mir erst durch ihre Geschichte aufgefallen, dass ich genau den gleichen Tick habe. 

Das Leben der Zaunkönige

Auf dem Weg nach Lütjensee wechseln sich Uferpfade und Waldwege ab. Immer wieder gibt es Seegrundstücke von beeindruckender Größe, die den Wanderer zurück in den Wald schicken, um weiterhin einen exklusiven, ungestörten Zugang zum See genießen zu können.

Ich sehe hauptsächlich ihre hohen Zäune. Die Häuser sind zu weit weg, um sie ausmachen zu können. Neben eher verwahrlost wirkenden Anlagen gibt es auch parkähnliche Exemplare mit griechischen Statuen, Zierbrunnen und allem Pipapo im Grünstreifen.

Wie es sich wohl hinter den Zäunen lebt? Mich schreckt die Abschottung immer ein wenig, wenn ich sie in den Elbvororten im Speckgürtel Hamburgs beobachte. Für mein Dafürhalten schränkt man sich gewaltig ein, wenn man offensichtlich so um seinen Besitz oder seine Sicherheit fürchtet, dass man niemanden auf das Grundstück lassen kann und in ständiger Angst lebt. Vermutlich ist das aber nur der Blick des Zaunkönigs und die Menschen hinter den Mauern sehen das anders. 

Grundstückseingang am Großensee Etappe 2 Stormarnweg nach Ahrensburg
Der Blick des Zaunkönigs – imposantes Entrée

Ich lasse die majestätischen Anwesen hinter mir und laufe wieder direkt am See entlang, der mich mit wirklich hübschen Fleckchen verwöhnt. Schade, dass der Himmel heute so grau ist. Das nimmt ihm vermutlich ein paar Punkte in der B-Note. Mir gefällt es trotzdem sehr.

Großensee, Stormarnweg Etappe2 nach Ahrensburg
Am liebsten würde ich mit drei großen Schritten zur Insel mit drei Bergen.

Auf der Uferseite, die dem Campingplatz gegenüberliegt, befindet sich ein Sandstrand, der sicher bei gutem Wetter ordentlich frequentiert ist. Heute ist hier kein Mensch, ich habe die graue Herrlichkeit aus Wasser, Sand und Himmel ganz für mich allein.

Sandstrand Großensee, Stormarnweg Etappe 2
Der angespülte Schaum löst Meer-Feeling bei mir aus.

Der Wächter des Weges und sein kleiner Drache

Das nächste Dorf mit dem Namen eines Sees liegt vor mir: Lütjensee, dessen gleichnamiges Gewässer ich unbesehen rechts liegen lasse. Als Kompensation wählt der Stormarnweg einen Abschnitt durch verwunschenen Zauberwald. Der Mischwald hat teils uralte Bäume in petto, deren schiere Größe mich umhaut.

Baum im Naturschutzgebiet vor Lütjensee, Stormarnweg, Etappe 2
U-Baum statt U-Bahn, da sag ich doch Uuuu-Yeah

Auf geschwungenen, gut gepolsterten Wegen setze ich gut gelaunt Fuß vor Fuß. Es ist wirklich eine Freude, zumal meine Fantasie erneut angeregt wird.

Es rankt und schwankt

Als Erstes sticht mir der Wächter des Weges, ein Baum mit hundert Augen, in selbiges. Ob es sich bei den vielen Ausbuchtungen um die Narben einst vorhandener Äste handelt, vermag ich gar nicht zu sagen. Er wirkt auf jeden Fall sehr aufmerksam – oder sehr fruchtbar, denn die Analogie zu Brüsten ist wohl auch nicht weit hergeholt. 

Alter Baum auf dem Weg nach Lütjensee, Stormarnweg, Etappe 2 Großensee Ahrensburg
Der Wächter des Weges – alle Augen auf mich

Nur zehn Minuten später verfalle ich dem Charme eines Moos-Drachen, der stark an den kleinen Tabaluga erinnert. Irgendwo in meinem Ohr wispert Peter Maffays siebenbürgischer Akzent „Ich wollte nie erwachsen sein.“ Je länger ich hinschaue, desto mehr warte ich darauf, dass Bewegung in den kleinen Knirps und seine Krallen kommt, doch ich warte vergebens. 

Zeit für deine Pediküre, kleiner Tabaluga

Promi-Alarm im Kreis Stormarn

Eine Viertelstunde später hat mich die Realität wieder. Eine Ampel schickt mich über die Straße nach Lütjensee, und ich verlasse kurz den Stormarnweg. Zeit für Frühstück. Bäcker Zingelmann kann Abhilfe gegen das Loch in meinem Magen schaffen. Neben sehr ansprechenden süßen Sachen, gibt es belegte Brötchen und in meinem Fall Rührei mit Vollkornbrot, serviert auf der überdachten Terrasse.

Am Nebentisch sitzen drei Dorfbewohner, die über die unverschämt hohen Fleischpreise in Norddeutschland diskutieren. Im Süden bekämen sie es doch auch hin, für weniger Geld eine anständige Fleischmahlzeit zu servieren. Warum in aller Welt das hier nicht ginge? Verwunderung macht sich in mir breit. Ich hätte eigentlich erwartet, dass die Lust auf billiges Fleisch spätestens seit dem Corona-Ausbruch bei Tönnies nachgelassen hätte, aber gut.

Als die drei gegangen sind, ist die Terrasse bis auf einen weiteren Besucher leer. Der Herr, der eine verblüffende Ähnlichkeit mit Fußballtrainer Jos Luhukay aufweist, zieht andächtig an seiner Zigarette und genießt seinen Kaffee. Verwundert fällt sein Blick auf meinen Rucksack. Ob ich auf Wanderschaft sei? Ich sei zwar nicht auf der Walz, erkläre ich, aber auf einer Weitwanderung nach Lübeck und stoße auf reges Interesse.

Es sei wirklich schön hier, und er lebe gern in Lütjensee, pflichtet er mir bei. Kein Wunder, dass es so viele Prominente hergezogen habe. Nun mache ich große Augen und erfahre, dass sich hier nicht bloß Brillen-Gott Fielmann niedergelassen hat, sondern auch Dolly Dollar, die großbusige Blondine aus Eis am Stiel, ihr Ex-Mann Helmut Zierl sowie Fabian Harloff. Und auch „Neues aus Büttenwarder“ sei gleich um die Ecke gedreht worden. 

Die Kornkammer des Nordens      

Kulinarisch wie sozial gestärkt setze ich meinen Weg unter lauter guten Wünschen fort und entscheide mich dagegen, zum Wiedereinstieg zurückzulaufen. Stattdessen wähle ich einen der drei Bahnradwege im Kreis Stormarn. Auf alten Bahntrassen angelegt, laden sie wirklich zum Fahren ein. Mein Exemplar, Route C, führt übrigens von Trittau nach Glinde.

Stormarner BahnRadWeg Route C von Glinde nach Trittau
I want to ride my bicycle

Schnell stoße ich wieder auf meine eigentliche Route, die nun den Ort Hoisdorf ins Visier nimmt. Ich kann immer noch nicht glauben, dass meine Schmerzen weg sind. Der Rucksack befindet sich inzwischen ebenfalls in einer gut tragbaren Gewichtsklasse. Das kann nicht bloß daran liegen, dass ich mein Zahlenschloss am Campingplatz zurückgelassen habe. Vermutlich hat sich mein Körper wie so häufig am dritten Tag an die Belastung gewöhnt.

Währenddessen serviert der Weg mir auf einem abgestorbenen Baumstamm Pilze, die wie Jakobsmuscheln aussehen. Welch‘ Dekadenz!

Ein Pilz mit Persönlichkeitsstörung: er wäre gern eine Jakobsmuschel

Hoisdorf selbst ist schnell erreicht. Gleich gegenüber dem Löschteich befindet sich das hübsche Landhaus Hoisdorf, dessen Außenterrasse und verglaster Essbereich so verlockend aussehen, dass ich fast schon traurig bin, gerade gegessen zu haben. Weiter die Straße hinauf beeindruckt mich ein Haus, in dem die ganze Kelly Family oder alternativ ein halbes Dorf Platz finden würde und das ähnlich gigantisch ist, wie der Illuminaten-Treff in Billwerder, wenn auch ohne Rasen und antike Statue. 

Ab hier wird der Weg besonders schön. Ich taufe die Gegend kurzerhand die Kornkammer Norddeutschlands. Ein kleiner Schleichweg verläuft hinter den Gärten der Häuser und in Sichtweite des gegenüberliegenden Hoisdorfer Teichs. Direkt vor meiner Nase ranken Blumen auf den Weg und setzen bunte Akzente. 

Schleichweg in der Nähe des Hoisdorfer Teichs, Stormarnweg Etappe 2
Der kleine Schleichweg, umrankt von Blumen

Die Gärten werden von Feldern abgelöst. Hafer, Weizen und Gerste wetteifern um meine Aufmerksamkeit.

Weg durch die Felder hinter Hoisdorf, Stormarnweg, Etappe 2 nach Ahrensburg
Wie rücksichtsvoll vom Hafer, mich nicht zu stechen.
So viel schöner als ihr Ruf

Als ich auf einen großen Bogen geschickt werde, muss ich kurz gegen Enttäuschung ankämpfen. Gefühlt laufe ich auf einem Fahrradweg wieder zurück, auch wenn mich die Karte eines Besseren belehrt. Die Anlage einer Seniorenresidenz mit geradezu idyllischer Parkanlage wird gequert, dann bin ich in Lichtensee.

Teich vor der Seniorenresidenz Lichtensee, Stormarnweg Etappe 2
Auf dieser Bank könnte ich auch alt werden.

Geschmacks- und Wolkenexplosion

Der Stormarnweg schlängelt sich hintenrum durch das Wohngebiet, wo ich auf mein Traumhaus treffe: ein Backsteinbau mit Fachwerk samt Garten. Seine reifen Johannisbeeren blitzen mir so verlockend entgegen, dass ich mich nicht zurückhalten kann und nach einer Frucht greife, die soweit auf den Weg ragt, dass sie sich mir geradezu aufdrängt. Die kleine, rote Beere sorgt für eine Geschmacksexplosion in meinem Mund. Ich bereue sofort, nicht die ganze Rispe gepflückt zu haben.

Ob die Bewohner sehr enttäuscht sind, wenn sie ausziehen müssen?

Ein weiterer Wald wartet und auch dieser hat einen interessanten, abgestorbenen Baum im Angebot, eine Miniaturversion der Sagrada Familia. Die nähere Umgebung ist Gott sei Dank dicht genug bepflanzt, dass ich einmal kurz das Gebüsch aufsuchen kann. Wie bei eigentlich jeder meiner Wanderungen beneide ich Männer, die sich bequem an einen Baum stellen, während ich den Rucksack absetzen und ein verstecktes Plätzchen aufspüren muss.

Für die einen ein abgestorbener Baum, für mich ganz klar Gaudís Sagrada Familia

Erster Regen kündigt sich über mir an, doch vorerst bietet der Wald Schutz. Es ist bereits drei Uhr, ich bin ziemlich spät dran. Mein gemütlicher Start und die lange Pause in Lütjensee fordern ihren Tribut. Ich schreibe meiner Arbeitskollegin eine Nachricht. Den angedachten Nachmittagskaffee müssen wir canceln. Ob auch ein Wein am frühen Abend denkbar sei? Kein Problem für sie, ich solle mir Zeit lassen.

Nach einigen zäheren, schnurgeraden Metern entlang der Straße treffe ich in Großhansdorf ein und unterquere die U-Bahn. Mir schießt durch den Kopf, dass genau diese Linie bis zu mir nach Hause fährt. Wäre das eine Option? Nein, Gott sei Dank nicht. Ich bin fit, sogar fitter als gedacht, denn im nächsten Moment setze ich zu einem kleinen Sprint an. Es beginnt aus dem Nichts zu schütten. Die Markise des Drogeriemarkts bietet Schutz.

Schnell ist klar, dass ich ohne Regenjacke nicht weiterkomme. Es sieht nicht so aus, als würde es innerhalb der nächsten halben Stunde aufhören und meine Lust, dauerhaft unter einer Markise zu stehen, ist ebenfalls überschaubar, also Regenjacke raus, Kapuze über den Kopf und weiter Richtung Ahrensburg. Vor mir liegen noch vier Kilometer. Das sollte in einer Stunde machbar sein.

Wasser und Schlösser

Das letzte Stück führt mich am schön gelegenen Hansdorfer Mühlenteich vorbei, an den erneut Wald anschließt, aus dem es nun langsam aber stetig auf mich heruntertropft.

Hansdorfer Mühlenteich, kurz vor Ahrensburg, Stormarnweg Etappe 2
Still ruht der See, bzw. der Hansdorfer Mühlenteich samt Schwanenhäuschen

Ich schlage einen Haken und folge erst dem Hopfenbach, dann dem Flüsschen Aue, das mich bis kurz vor den Hockeyplatz von Ahrensburg begleitet.

Noch kann man das Wasser sehen, das ist gleich Geschichte.

Je näher ich an Ahrensburg herankomme, desto weniger ansehnlich gestaltet sich die Auenlandschaft. Vielmehr wuchert es in alle Richtungen, vom Wasser ist meist nicht mehr allzu viel zu erkennen. Abgerundet wird das Stück von einer letzten Unterführung, bei der mir etwas mulmig wird. Sie wirkt wie der perfekte Ort für Kameraden, die üblen Machenschaften nachgehen, doch außer mir ist niemand hier.

Grau, Grau, Grau sind alle meine Farben. Selbst das Graffiti wirkt trist

Und dann ist es soweit. Nach einem Moment Industriegebietscharme erspähe ich auf der anderen Straßenseite das Wasserschloss Ahrensburg. Wasserschloss trifft es in diesem Moment übrigens ganz besonders, denn inzwischen kladdert der Regen konsequent auf mich nieder.

Schloss Ahrensburg, Etappenziel von Etappe 2 des Stormarnweges
Ahrensburgs ganzer Stolz, das Wasserschloss

Ich werfe nur einen kurzen Blick auf das Gebäude und die Brücke, die hinüber führt. Die Details hebe ich mir für später oder morgen auf. Ich möchte erst einmal raus aus dem Regen, bevor meine Sachen richtig nass werden.

Brücke zum Ahrensburger Schloss
Regenschirme als Farbklekse auf der Brücke

Das Hotel am Schloss überrascht mich komplett, denn mit einer so modernen, ansprechenden Unterkunft hatte ich gar nicht gerechnet. Ich laufe an verschiedenen, kuschelig-gemütlichen Aufenthaltsecken vorbei, die mit ihren flauschigen Kissen richtig einladend wirken. Corona-bedingt sind sie momentan leider nicht zugänglich. Ersatz findet man jedoch auf der grandiosen, teilweise überdachten Terrasse, in deren Hängesessel ich mich schlagartig verliebe.

Mein Zimmer ist überraschend geräumig. So geräumig, dass ich den Platz neben dem Bett nutzen kann, um dort ein wenig Yoga zu machen. Irgendwie habe ich das Gefühl, ich müsste meinem Körper für seine heutige Glanzleistung etwas Gutes tun.  

Ungewöhnlicher Wander-Luxus, finde ich hier doch den wahren Weg zum Glück.

Blinder Passagier

Als nächstes hüpfe ich unter die Dusche und nehme meine Klamotten zum Waschen gleich mit. Jedes Mal fühle ich mich wie bei der Weinernte in der Toskana, wenn ich mit den Füßen den Stoff durchwalke. Das ist allerdings mit Abstand der komfortabelste Weg, seine Kleidung zu säubern. Waschbecken sind oft viel zu klein, zudem spritzt man schnell alles voll.

In Vorbereitung auf den Besuch bei meiner Kollegin angle ich meine Jeans aus den Tiefen des Rucksacks, als mir kurz das Blut in den Adern gefriert. Langsamen, geradezu majestätischen Schrittes krabbelt eine wahrlich gigantische Spinne die Rucksackwand hinauf. Das Vieh ist riesig und hat zu allem Überfluss eine Knallerbse bei sich. Glaube ich zumindest. Später lerne ich, dass die „Knallerbse“ in Wahrheit der Kokon ist, in dem sie ihren Nachwuchs transportiert.

Der Pate von Ahrensburg

Gott sei Dank habe ich keine echte Angst vor Achtbeinern, aber mir fallen gleich mehrere Freundinnen ein, die der Schlag treffen würde. Selbst bin ich allerdings sehr froh, ein Zimmer mit Terrasse und angeschlossenem Garten zu haben. Vorsichtig öffne ich die Tür, rede der Spinne gut zu und katapultiere sie mit Hilfe eines Badeschlappens aus dem Rucksack.

Ich bilde mir ein, einen dumpfen Aufprall zu hören. Die Spinne schüttelt sich kurz, richtet ihr Krönchen und macht erste Schritte in Richtung Rasen. Dann scheint sie es sich anders zu überlegen und kehrt um. Semi-souverän knalle ich meinem blinden Passagier die Tür vor der Nase zu und beobachte hinter der sicheren Glasscheibe, wie sie vorwurfsvoll nach drinnen schaut. Eigentlich warte ich nur darauf, dass sie bellt oder von draußen an die Scheibe klopft. Ich verschwinde mit meinem schlechten Gewissen im Bad zum Föhnen.

Spinn-Off: Der Knallerbsen-Pate von Ahrensburg

Bei meiner Rückkehr ist vom Achtbeiner nichts mehr zu sehen. Ich erinnere mich, wie ich gestern Abend vorsorglich meinen Rucksack zugeschnürt hte, um eben nicht zum Sammeltaxi für die Großenseesche Tierwelt zu werden. Die Rechnung habe ich offensichtlich ohne dieses beeindruckend große Exemplar gemacht. Heißt der Großensee eigentlich Großensee, weil hier alle so groß sind?

Erneut geht meine Fantasie mit mir durch. Geschichten vom „edlen Wilden“ wie in Huxleys Brave New World mischen sich mit Western- und Gangsterfilmen. Ich male mir aus, wie die Spinne zwischen den feinen Ahrensburger Stadtspinnen zwar anecken und herablassende Blicke kassieren wird, aber mit der ihr eigenen Gossenschläue schnell die Unterwelt von Ahrensburg kontrollieren und sich bald ihren Lebensunterhalt durch Schutzgelderpressung sichern wird, zumal sie ihren eigenen Clan ja bereits im Kokon dabei hat. Hoffentlich werde ich mich nie verantworten müssen, dass ich dem berüchtigten Knallerbsen-Paten von Ahrensburg Asyl im Rucksack gewährt habe.

Blind Date und Weindate

Asyl ist auch mein Stichwort, und so falle ich wenig später bei meiner Kollegin zu einem weinseligen Abend ein. Ähnlich wie bei meiner Übernachtung bei Chor-Bekanntschaft Marlene feiere ich auch heute eine persönliche Premiere. Obwohl meine Kollegin strenggenommen bei mir im Büro arbeitet, sind wir uns noch nie leibhaftig begegnet, da sie seit Jahren fast ausschließlich von zuhause werkelt.

Ausgerechnet eine Corona-Initiative, bei der immer zufällig vier Kollegen zu einem virtuellen Kaffeeklatsch zusammengewürfelt wurden, schaffte Abhilfe. Unser Gespräch kreiste damals um Urlaubspläne. Als ich vom Stormarnweg erzählte, schaltete Silke sofort und lud mich zu sich ein.

Und nun sitze ich mit ihr und Tochter Anka vor einem Glas Rosé am Esstisch. Es wird ein langer und sehr unterhaltsamer Abend, der mir wie auch schon im Fall von Marlene zeigt, wie wichtig es ist, spontan ausgesprochene Einladungen tatsächlich auch anzunehmen.

Um halb zehn fahren mich die beiden netterweise mit dem Auto zum Hotel. Ich wäre gern noch geblieben, habe aber noch nichts Richtiges gegessen und will dies im Restaurant Söbentein nachholen, das zu meinem Hotel gehört und mir von den beiden empfohlen wurde. Die Atmosphäre ist schön, die Bedienung freundlich, und meinen grandiosen Veggie-Burger habe ich mir auch wirklich verdient.

Super-Nomm-Nomm. Die Pommes habe ich allerdings nicht mehr geschafft.

Rundum zufrieden klingt der Tag auf meinem riesigen Bett vor dem gigantischen Fernseher aus. Wie gut es einem gehen kann! Morgen erwartet mich ein recht kurzes Stück, denn bis Bargteheide sind es gerade einmal 14 Kilometer. Da habe ich also ausreichend Zeit für ein langes Sonntagsfrühstück und kann mir das Ahrensburger Schloss vorher nochmal in Ruhe anschauen.

 

Verfolgungswahn

Wenn du Etappe 2 nachwandern möchtest und dich nicht ausschließlich auf Wegmarkierungen verlassen willst, findest du bei Komoot den Weg, so wie ich ihn gelaufen bin. Wie immer handelt es sich bei den Zeitangaben um reine Laufzeit ohne Pausen.

 

Kommentare und Feedback

Ich hoffe, mein Spinnenbild hat dich nicht zu sehr geekelt. Gehörst du zu den Leuten, die mit den Achtbeinern entspannt umgehen oder wärst du rückwärts aus dem Zimmer gelaufen?

Hat dir der heutige Beitrag gefallen? Kanntest du die prominenten Bewohner Lütjensees oder musstest du genau wie ich erst einmal Google befragen?
Warst du schon mal dort oder in Ahrensburg, und könntest du dir vorstellen, den Stormarnweg selbst zu wandern?

Wie immer freue ich mich über eine Nachricht von dir in den Kommentaren.

Zeitreise

Vorwärts: Willst du wissen, wie die Wanderung weitergeht? Ich kann dir schon mal verraten, dass der Tag unter dem Motto „Leben am Limit“ steht! Lauf mit mir Etappe 3 von Ahrensburg nach Bargteheide auf dem rechten Wege mit Cobra 11 und dem blauen Blitz, Kidnappern und tiefsinnigen Triebtätern, Gottesbuden und Prinzessinnenzimmer, aufgehendem Mohn, keinem Dolce Vita, aber ausreichend Rosé beim Finale Grande

Rückwärts: Hast du dich beim Lesen gewundert, dass ich morgens befürchtet habe, aufgeben zu müssen? Dann erfahre, was da los war und komm mit mir auf Etappe 1 von Reinbek nach Großensee zu dekadenten Absteigen für Mann und Maus, fürstlichen Wässern und Mühlen, schmatzenden Wäldern und Füßen, einem Denkmal für Tim Lobinger und mit viel Speed ins Zelt dank Katja Riemann.

Ich muss das weitersagen

5 Gedanken zu „Stormarnweg Etappe 2: Von Großensee nach Ahrensburg&8220;

  1. wieder ein koestlicher bericht deiner germanistischen ausschweifungen … einfach herrlich die beschreibungen ueber meine „allerliebsten“ fauna-tierchen.

    warte gespannt auf naechsten sonntag

    gruesse von der rueckreise aus københaven

    1. Oh weh – nächsten Sonntag kommt die mit Abstand langweiligste Etappe. Das könnte eine sein, die dir gefällt. Schön immer geradeaus – Fahrradwege, Forstwege, Landstraßen. Aber ich will nicht spoilern 😉

  2. Mir gefällt dein Blick für‘s Detail. Eigentlich gibt es auf jedem Weg nette Kleinigkeiten, die es zu kommentieren gibt, sei es, was das Äußere oder die inneren Befindlichkeiten angeht. So schreibe ich nicht, aber ich mag das! 👍😁

  3. Die Hamburger U Bahn fährt bis Großhansdorf und weiter? Bis an die Ostsee vielleicht?
    Ist ja verrückt… 🤣

    Schöne Tour, wir sollten öfter mal einfach ab Haustür los wandern.
    R meint: 👍

    1. Die Hamburger U-Bahn fährt tatsächlich überraschend weit, das war auch meine Erkenntnis. Aber dann ist leider Schluss – bis zur Ostsee muss man dann länger laufen, oder doch auf die DB ausweichen 😊

Und was sagst Du?