II (Mosel-Camino) – Von Alken nach Engelport

Tag 2 auf dem Mosel Camino: alle Wege führen nach Hatzenport, nicht jede Burg liegt auf einem Berg, Singen gegen Wildschweine und schlechtes Timing beim Schweigegelübde (22.09.2017 –  25 km+3)


Der Tag fängt hervorragend an. Frau Hein hat ein bombastisches Frühstück für mich gezaubert, inklusive Ei, selbstgemachter Marmelade und einem Joghurt mit frischen Johannisbeeren. Für alles, was nicht in meinen Magen passt, liegen Butterbrottütchen bereit. Darauf besteht sie! Beim Frühstück unterhalten wir uns über Veränderungen im Berufsleben und meine Gastgeberin schwärmt von ihrem neuen „Job“ im Tourismus und ist froh, sich entschieden zu haben, Gäste aufzunehmen. Sie drückt mir die Daumen, dass es mir ähnlich ergehen wird und wünscht mir alles Gute für meinen Branchenwechsel.

Alle Wege führen nach Hatzenport – leider

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Stadttor in Alken

Der heutige Weg beginnt direkt vor meiner Haustür. Um viertel vor zehn mache ich mich etwas später als gedacht auf den Weg. Vor mir liegen gute 25 km. Ich will unbedingt im Kloster Maria Engelport hinter Treis-Karden übernachten. Da Frau Hein der Meinung war, dass man dort nicht mehr übernachten könne, habe ich sicherheitshalber heute Morgen angerufen. Doch, das gehe wieder, und man freue sich auf mein Kommen. Somit ist für mein Bett gesorgt, was mir nach hinten heraus ein wenig Zeit verschafft. Bei einer so abgelegenen Unterkunft (7 km Wald in beide Richtungen) will man ja nicht blind auf sein Glück vertrauen, dass vor Ort schon was frei sein wird.

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Das Land liegt noch im Nebel und wirkt wie verzaubert. Es wird also wieder ein schöner Tag werden. Schnell bin ich auf der Brücke nach Löf, von wo mein Weg mich in Richtung Kirche führt. Ich will sie mir gern anschauen, doch niemand ist zuhause, die Tür ist verschlossen. Schlaufuchs, der ich bin, gehe ich auf der anderen Seite der Kirche wieder runter und setze meinen Weg fort. Jakobswege führen schließlich immer [sic!] an den Kirchen vorbei.

Nach ca. 10 Minuten fällt mir auf, dass ich schon länger keine Muschelzeichen mehr gesehen habe, dafür aber zunehmend Moselhöhenweg- und Moselsteigschilder. Alle Wege führen nach Hatzenport oder zumindest Burg Eltz, denke ich mir. Zur Sicherheit frage ich noch einen älteren Herrn auf seinem Balkon. Ja, ja, da gehe es auch nach Hatzenport. Und es sei auch ein viel schönerer Weg. Dass der Weg auch deutlich weiter ist, verschweigt mir der Gute. Ich nehme also Anlauf und Attacke – ran an den ersten Anstieg. Wenn ich bereits jetzt etwas gelernt habe, dann dass es auf dem Mosel-Camino immer rauf und runter geht. Schnell befinde ich mich in einem Urwald saftigen Grüns, die Sonne scheint, unter mit plätschert ein Bach, über mir zwitschern Vögel und neben mir – na klar – Kreuzwegstationen. Ob die heute noch genutzt werden? Ungefährlich ist das sicher nicht, den die Wege sind manchmal gerade mal 50 cm breit. Die Katholiken an der Mosel scheinen auf alle Fälle abenteuerlustig zu sein!

Nach einer Dreiviertelstunde gelange ich an einen Aussichtspunkt. Und eieiei, was sehe ich da? Unter mir zu meiner Linken liegt gefühlt 200 Meter entfernt die Kirche von Löf, an der ich vom Weg abgekommen war. Danke, lieber Gott. Erst nicht zuhause sein und dann auch noch auf den falschen Pfad schicken. So mag ich das. Ich entscheide mich, es mit Humor zu nehmen. Jetzt ist es eh zu spät und immerhin war der Weg hübsch. So ein Umweg ist nur etwas ärgerlich an einem Tag, an dem man auch ohne Zusatzschlenker 25 km vor der Brust hat.

Die Loreley von der Mosel

Also weiter. Ich singe ein paar Runden Dona Nobis Pacem, auserkorener Lieblingskanon beim Wandern, bis mir das Lied auf den Lippen erstirbt: in einiger Entfernung sehe ich Menschen. Oh Mann, wie peinlich. Als ich die drei Wanderer kurz darauf überhole, sagt der Mann mit breitem niederländischen Akzent: „Ik dachte schon, ik hör de Loreley!“ Ich muss lachen, auch wenn es mir ein bisschen unangenehm ist.

Kurz darauf laufe ich auf eine Frau auf, die mit ihren beiden Hunden unterwegs ist. Ich frage sie nach dem besten Weg in Richtung Rabenlay und Lassserg und erzähle von meinem Camino-Missgeschick. Sie bestätigt meine Vermutung: ich hätte in Löf einfach entlang der Bahnschienen laufen sollen. Aber von hier gehe es auch, und ich könne einen Teil der Höhenmeter beibehalten, wenn ich hier links, dort rechts, dann usw. gehe. Ich ahne schon, dass ich mir das wohl kaum werde merken können. Wir laufen noch ein Stück gemeinsam, und sie fragt mich über meine Caminos in Spanien aus. Davon träume sie auch. Zumindest den an der Mosel wolle sie aber tatsächlich auch mal machen, denn da könne sie auch die Hunde mitnehmen. Als sich unsere Wege getrennt haben, kann ich ihrer Beschreibung noch ein Stück weit folgen, doch dann stehe ich vor drei Schildern, die in drei Richtungen Hatzenport ankündigen (mein persönlicher Hass-Ort für heute). Um nicht noch mehr Zeit und Energie zu verlieren, mache ich mich wohl oder übel an den Abstieg, auch wenn das heißt, dass ich später wieder hoch gehen muss.

Drei Höhepunkte und eine Burg im Tal

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Obst mit Aussicht

So ist es dann auch. Nachdem ich kurz durch Hatzenport gelaufen bin, darf ich eine halbe Stunde später wieder hoch. Es geht zum Küppchen, einem Startplatz für Drachenflieger. Während meiner dortigen Pause lese ich noch mal den Etappenführer im Internet, der mit Ausrufezeichen darauf hinweist, dass man an den Bahngleisen in Löf rechts gehen soll. Ja, wer lesen kann, ist klar im Vorteil, denke ich und genieße die Aussicht. Das ist jetzt mein dritter „Höhepunkt“ heute, wäre aber laut offiziellem Weg erst mein erster gewesen.

Es ist viertel nach 12 und ich hänge klar hinter meiner Planung. Auf einmal laufen zwei Frauen an mir vorbei – großes Hallo. Es sind die beiden Ladies von gestern. Sie haben nicht damit gerechnet, mich noch mal zu sehen. So schnell wie ich gestern den Abstieg von der Kapelle gemacht hätte, dachten sie, ich sei jetzt schon an Burg Eltz. Das hätte ich vorher ehrlich gesagt auch gedacht, aber dazu hätte ich wohl auf dem richtigen Weg bleiben müssen.

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Eine Stunde später ist es dann jedoch soweit. Ich stehe vor einem Wegweiser, bei dem die offizielle Version nach rechts zeigt und die Camino–Muschel geradeaus. Engel links, Teufel rechts, oder so ähnlich. Irgendwie unterstelle ich dem roten Schild, den kürzeren Weg zu zeigen, aber ich halte mich brav an die offizielle Muschel-Richtung und habe auch mit dieser Variante zehn Minuten später freien Blick auf die Burg, die man vorher nicht sehen konnte, da sie – anders als viele ihrer Artgenossen – nicht auf einem Hügel sondern im Tal liegt. Ich werde in den nächsten Wochen noch viele Burgen sehen, aber dieses Märchenschloss wird mein Favorit bleiben. img_7575Es ist einfach zu nah an allen Klischeevorstellungen, die ich als Siebenjährige von meinem künftigen Heim als Prinzessin hatte.

Ich liege schlecht in der Zeit, aber das ist mir herzlich egal, ich will jetzt einen Kaffee. Wie schön – das wollen gefühlt 40 andere auch. Und ein Stück Kuchen und ein Schnitzel und Pommes und ein Bier. Das Tollste? Es wird alles an der gleichen Stelle bestellt und ausgegeben, das heißt, ich warte, bis man den lieben Menschen vor mir das Essen zubereitet und aufgetan hat. Auf die Idee, eine Ausgabe für das Essen und eine für die Getränke zu machen, ist offensichtlich noch keiner gekommen. Das verstehen auch die Herrschaften um mich rum nicht, so dass die nächsten 15 Minuten heiß darüber diskutiert wird, wie diese knifflige Situation in sämtlichen anderen Bundesländern bzw. Ortschaften geregelt wird („Also bei uns in Bayern [Bai-aaahn] bekommt man da so a Beeper, der vibriert, wenn’s fertig is!“ Ja, das gibt es tatsächlich nur in Bayern. Nicht.). Ich stehe jedenfalls gute 25 Minuten mit Rucksack auf dem Rücken in der Schlange und warte. Alleine wandern hat auch Nachteile, doch werde ich wohl kaum mein Schneckenhaus unbeaufsichtigt an irgendeinem Tisch parken und mich dann unbeschwert anstellen. Meine tatsächliche Pause muss nun leider deutlich kürzer ausfallen als ursprünglich gedacht, denn ich muss dringend weiter. Vor mir liegen noch 13 km, also die Hälfte der Etappe und es ist bereits drei Uhr. Schnell noch einen Stempel aus dem Burgladen abgreifen und los.

Ich umrunde die Burg und muss recht schnell einen schmalen Weg in den Wald hoch, auf dem ich ein Pärchen überhole. Er Marke sportlich, sie eher Marke I love my Couch und merklich außer Atem. „Wenn sie das mit einem Rucksack schafft, kriegst du das ohne ja wohl hoffentlich auch hin!“, faucht er charmant in die Richtung ihres roten Kopfes. Ich weiß schon, wieso ich am liebsten alleine laufe. Es gibt nichts Schlimmeres, als auf jemanden warten zu müssen, der langsamer ist. Oder doch – noch schlimmer ist es, jemandem hinterher zu hetzen, der schneller ist. Das eigene Tempo einhalten zu können, ist für mich eines der Geheimrezepte für erfolgreiche Fernwanderungen. Ich passiere den nächsten Kreuzweg und mir kommt ein Mann mit Hund entgegen. Als ich die beiden 15 Minuten später auf einmal in der Ferne vor mir sehe, während ich gerade leicht gelangweilt auf der K 32 vor mich hin getrottet bin, frage ich mich mal wieder, ob es nicht an Tagen wie heute, wo ich gegen die Zeit laufe, sinnvoll wäre, mehr auf Google Maps und weniger auf Muscheln zu vertrauen.

Abstieg nach Karden – Achterbahnfahrt inklusive

Wälder und Felder wechseln sich für das Nächste ab. Dann balanciere ich auf Pfaden entlang eines Flusses, die stellenweise so schmal sind, dass ich froh bin, dass mir niemand begegnet, weil man gar nicht aneinander vorbei käme. Der anschließende Buchsbaumpfad führt mich wieder schön aufwärts, hoch zum Aussichtspunkt Kompes Köpfchen. Hier hat sich die ortsansässige Feuerwehr eine stattliche Hütte hingezimmert. Es gibt zudem Unmengen an Bänken, eine große Grillstelle und einen beeindruckenden Ausblick auf das tief unter mir liegende Treis-Karden.

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Anschnallen und Abfahrt!

Vor dem Abstieg graut es mir ein wenig. Der Weg sieht nicht sonderlich vertrauenserweckend aus und geht extrem steil abwärts. Ich sammle noch einmal alle Kräfte in einer Mini-Pause, genieße den Ausblick und dann heißt es wieder: Gib ihm (bzw. ihr)! Über Geröll und Schiefer geht es steil dem Nullpunkt entgegen. Mein Rucksack schiebt mich dabei liebevoll von hinten an.

Moseldorf mit Moseldom

Karden gefällt mir überraschenderweise richtig gut. Trotz Zeitmangel (inzwischen ist es vier Uhr) schaue ich mir die wunderschöne Stiftskirche St. Castor samt Reliquienschrein an. Das einstige 340-Seelen-Dorf verdankt seinen „Moseldom“, eine der wichtigen Kirchen zwischen Koblenz und Trier, dem gleichnamigen Castor, der um 400 nach Christus in Karden wirkte und gute Konnegge zum Trierer Bischof hatte, erzählt die Dame, die gerade eine Reisegruppe durch das Gemäuer führt (ok, sie formuliert es etwas anders). Dreimal dürft ihr raten, wessen Reliquien also im Schrein liegen.

Der Weg führt mich durch den Ort unter hübschen, alten Schildern von Gasthöfen und Weinwirtschaften hindurch bis ans Wasser. Über die Moselbrücke geht es auf die andere Seite nach Treis. Was für ein ätzendes Kaff! So romantisch und adrett Karden, so ramschig und unspektakulär Treis. Da möchte ich echt nicht tot über dem Zaun hängen – aber muss ich ja auch nicht. Ich muss weiter. Und zwar auf der Straße ohne Bürgersteig, denn mein Weg passt sich der Schönheit der Umgebung an. Stellenweise drücke ich mich an die Hauswände, weil der Autofahrer hier auch gern mal Gas gibt (kann ich ja verstehen, aber hallo, muss man dann gleich kleine Wanderer über den Haufen fahren?). Geht eben nichts über ne ordentliche Ladung Asphalt mit dem Geruch von Benzin in der Nase.

Das Schild eines Winzers, das Pilger-Stempel verspricht, macht mich neugierig, und ich gehe hinein. Ich beschließe, mir an diesem Mammut-Tag noch ein Glas Wein zu genehmigen, bevor ich mich an die letzten 7 Kilometer mache, doch die Bar öffnet leider erst in einer halben Stunde um 17 Uhr. Den Stempel bekomme ich trotzdem. Wo ich denn noch hin wolle? Oh weia, bis nach Engelport. Das solle ich mir doch bitte gut überlegen. Das sei ja noch ein ordentliches Stück. Da müsse ich mich aber ranhalten, um noch vor der einsetzenden Dunkelheit anzukommen. Ja, die Dame weiß, wie sie mir ein gutes Gefühl gibt, während sie mir den Wein vorenthält. Mir geht eh schon leicht die Düse. Sie sagt es zwar nicht, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass auch sie an meine Freunde, die Wildschweine, denkt. Und dann die nächste Frage: „Sind sie ganz allein unterwegs?“ Ich beruhige sie (und mich), dass man in Engelport über mein Kommen informiert sei.

Laufen gegen die Uhr, Singen gegen Wildschweine

Obwohl ich es mir nicht eingestehen will, sitzt mir die Angst, in der Dämmerung noch im Wald zu sein, latent im Nacken und so hetze ich weiter Richtung Ortsausgang. Vn jetzt auf gleich bricht die Markierung ab. Zumindest sehe ich keine Muschel mehr. Das fehlt mir gerade noch. Ich bin genervt. Ich bin müde. Ich mag nicht mehr. Erst recht nicht nach dem Weg suchen. Inzwischen laufe ich auf der stark befahrenen Straße immer schön in entgegengesetzter Fahrtrichtung. Ein Mann ruft mir besorgt durch sein Autofenster zu, ob ich noch weit müsse. Ich rufe gut gelaunt: „Nur bis Engelport“ und denke innerlich, dass ich meinen nach außen verkündeten Optimismus zu gern auch selbst teilen würde. Kurz darauf hält ein Motorradfahrer nicht weit vor mir an. Der Typ nimmt seinen Helm nicht ab und starrt mir durch sein offenes Visier unverwandt, aber ohne mit der Wimper zu zucken, entgegen. Ich gehe irritiert an ihm vorbei. Massenmörder? Psycho? Jetzt mal den Ball flach halten, Audrey. Die meinen es sicher alle gut.

Ich frage eine junge Frau, die mit ihrem Auto in einer Feldstraße vor einem Haus steht, ob sie mir sagen kann, wie ich nach Engelport komme. Kann sie nicht. Aber sie ruft nach ihrer Freundin drinnen im Haus. Und ja, ich habe zwei Möglichkeiten, weiß diese: entweder auf dieser Straße bleiben, was sie mir nicht empfehlen würde (und auch ich bin nicht lebensmüde) oder mitten durch den Wald, was zudem deutlich kürzer sei. Der Weg sei sehr schön Weg, und sie zeigt netterweise, wo ich lang muss. Kaum bin ich auf dem gezeigten Weg zwischen zwei älteren Häusern abgetaucht, da sehe ich auch schon wieder eine Muschel. Alles gut. Alles richtig.

Am Waldrand angekommen, geht es zur Abwechslung mal wieder ordentlich hoch hinauf. Ich bin platt. Meine Füße tun weh. An den Seiten ist der Weg überall heftig aufgewühlt. Meine kleinen, grunzenden Freunde sind auf jeden Fall in dieser Ecke zuhause. Der Wald schluckt einiges an Licht, und ich frage mich, ob das jetzt schon für Dämmerung gehalten werden kann. Dämmer-Time ist Wildschwein-Time. Ich gehe mir mit meiner Schweinophobie selbst gehörig auf die Nerven. Man weiß ja, dass die mindestens so viel Schiss vor mir haben wie ich vor denen. Außerdem ist gerade keine Frischlingszeit. Dennoch, ich behalte mein Unwohlsein und versuche mich in einer neuen Überlebenstaktik, indem ich laut zu singen beginne. Wenn sie mich hören, haben sie ja vielleicht genauso wenig Lust auf eine Begegnung wie ich, denke ich mir.

Mit einer Mischung aus Cher, Mariah Carey, Volks- und Kirchenliedern lege ich Kilometer um Kilometer zurück. Trotzdem laufe ich so angespannt, wie man es beim Joggen tut, wenn man das Gefühl hat, dass einem jemand auf den Fersen ist. Immer wieder drehe ich mich um. Nein, da ist im wahrsten Sinne „kein Schwein“. Ich schaffe die 7 km in 1:20 h – neuer Rekord, Angst ist ein guter Motivator. Um viertel vor sechs spuckt mich der Wald aus und ich stehe in strahlendem Sonnenschein und sehe in der Ferne das Kloster. Ich bin so unfassbar erleichtert. Viel weiter hätte ich nicht mehr gehen können. Ich sinke für 20 Minuten, Zigaretten und ein paar WhatsApps auf die nächste Bank.

Ich gehe ins Kloster

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Rettung aus dem Wildschweinwald

Als ich um kurz nach sechs die Eingangstür von Engelport öffne, findet gerade die Vesper statt. Hinter der gegenüberliegenden Tür ist der Eingang zur Kapelle und ich höre ergreifenden, gregorianischen Gesang der Nonnen. Er schlägt mich so in seinen Bann, dass ich 15 Minuten auf dem Boden hockend zuhöre, bevor ich, wie vereinbart, zum alten Telefon greife, das im Eingangsbereich steht und meine Anwesenheit verkünde. Mit: „Da ist ja unsere Pilgerin“, werde ich herzlich von einer jungen Nonne in Empfang genommen. Ja, ich sei die einzige Pilgerin, aber es gäbe noch andere Gäste. Wir würden alle gemeinsam um sieben zu Abend essen. Sie führt mich in ein schmuckloses Nebengebäude und zeigt mir mein Sechser-Zimmer mit drei Stockbetten. Ich freue mich tierisch über diese einfache Unterkunft. Endlich kommt richtiges Pilger-Feeling auf. Und dann habe ich das Zimmer auch noch für mich allein. Luxus. Ich mache mich im angrenzenden Waschraum frisch und bin wie so häufig erstaunt, wie schnell die Lebensgeister nach einer heißen Dusche wiederkehren.

Der Speisesaal wird von einer lebhaften, ca. 20-köpfigen Damengruppe dominiert, während ich mit vier weiteren Leuten an einem Katzentisch für die übrigen Gäste sitze. Da sind ein polnisches Ehepaar aus Köln, das hier urlaubt und dabei Wandern mit Spiritualität verbinden möchte, ein Mann, der knapp vor der 80 steht und eine Frau undefinierbaren Alters, beide aus Süddeutschland, die zudem beide unabhängig voneinader Schweige-Exerzitien gemacht haben. Er fünf Tage, sie sogar acht. Er mache das jedes Jahr, erzählt er mir, weil es ihm gut tue. Ich frage, ob man wenigstes singen dürfe, wenn man schon nicht sprechen dürfe. Der Mann lacht. Singen sei Beten nur besser und zähle doppelt. Gut zu wissen – da habe ich heute im Wildschweinwald ja wahrlich overperformed.

Wie schade, dass der Schweigezeitraum der Dame ausgerechnet heute abgelaufen ist, denke ich, während sie uns allen ungefragt erzählt, wie ihr das Leben übel mitgespielt habe. Nachdem ich mehrfach von „den Ausländern“ gehört habe, die sie überfallen haben und denen in Deutschland trotzdem alles in den Hintern geschoben wird, entscheide ich mich, für die nächste halbe Stunde auch mal Exerzitien zu machen. Ich schweige und falle über Tomatensuppe, Brot, Kartoffelsalat und Früchtequark her. Im Anschluss erzähle ich dem Kölner Ehepaar vom Jakobsweg. Er ist besonders interessiert und stellt viele Fragen, weil er seit Jahren davon träumt, diesen (zumindest ein Stück weit) in Spanien zu gehen.

Living without Edge

Um halb neun löst sich die Runde auf. Ich schreibe den Text für meinen täglichen WhatsApp-Ticker und verbringe anschließend sicher eine halbe Stunde in verschiedensten Positionen (z.B. auf einem Bein stehend, den Arm ganz weit nach oben gereckt), an den verschiedensten Stellen des Klosterhofs auf der Suche nach einem Hauch von Netz. Vergebens. Es ist stockdunkel, totenstill, bis auf die Geräusche des Waldes, und absolut empfangsbefreit. Ich kenne es ja, dass man in ländlichen Regionen manchmal nur Edge hat, aber dass es rein gar nichts gibt, nicht mal schnöden Handyempfang, hätte ich für unmöglich gehalten. Aber so sei es.

Ich verkrieche mich ins Bett und schaue mir noch tränenreich einen Kitschfilm auf meinem Tablet an. Goldrichtige Entscheidung, keinen Schlafsack mitzubringen und dafür Fön und iPad einzupacken. Morgen geht es nach Marienburg in eine Jugendbildungsstätte mitten in einer Moselschleife. Ich hoffe, ich bekomme dort ein Bett. Auf meine Facebook-Nachricht hat leider niemand mehr geantwortet.

Zeitreise:

Vorschau: An Tag drei ist wie so häufig Schluss mit lustig. Morgens mache ich noch Frühstport zu Kastagnetten-Geräuschen, doch dann schlägt die Erschöpfung zu. Schaffe ich es bis nach Marienport und gibt es dort ein Bett? Finde es raus auf meinem Weg von Engelport nach Marienburg.

Rückblick: Du hast die Erlebnisse des ersten Tages verpasst und willst wissen, wieso ich behaupte, gleich mehrfach Unterstützung von oben erhalten zu haben? Na dann schau doch mal in den Bericht vonKoblenz-Stolzenfels nach Alken.

Erfahrungsaustausch und Feedback:

Warst du auch schon auf dem Mosel-Camino unterwegs? Was hast du erlebt? Oder gibt es etwas, das dir an meinem Beitrag besonders gefallen hat, was du vermisst oder das dich gestört hat? Immer raus damit. Ich freue mich wirklich immer über Kommentare.

5 Gedanken zu „II (Mosel-Camino) – Von Alken nach Engelport&8220;

  1. Liebe Audrey,
    und wieder ein hinreißender und so lustiger Bericht! Danke!!
    Ich hab auch mal gehört, dass man mit Singen Wildschweine vertreiben kann und habe es in einer ängstlichen Situation auch schon mal probiert. Aber beim Wandern werde ich singend immer so atemlos – das geht bei mir einfach nicht!!

    Den Weg zwischen Löf, Burg Eltz und Treis-Karden bin ich in den Osterferien gelaufen – auf dem Moselsteig. Sehr schön, besonders der Buchsbaumwanderweg.

    Aber interessant, wie du Karden und Treis wahrgenommen hast. Wir haben damals in Karden gewohnt und bis auf unser Hotel fanden wir abends den Ort absolut schnarchig. Zwei Weinstuben hatten nur geschlossene Gesellschaft und alles war dunkel. Wir dachten, dass Treis besser sein müsste. Wir haben es aber nicht überprüft. Ist ja jetzt nicht mehr nötig 🙂
    Gruß, Aurora

  2. Ehrliche Leute unterwegs!
    Handy am Ende der Etappe vor Treis-Karden verloren. Schrecklich.
    Nach zwei Tagen meldet sich David per Mail (WLAN auf dem Tab) : Handy gefunden. Er hatte Adressen, auch meine eigene, auf dem Sperrbildschirm abgelesen.
    David wird es mir aus Holland zuschicken – dorthin ist meine elektronische Krücke nun gereist…
    Ralph

  3. Das hat Frau Klein mir ja auch schon erzählt und es war Quatsch 😊
    Jetzt wo Frau Klein den Blog gelesen hat, weiß sie es hoffentlich besser.
    Wo seid ihr jetzt und wie läuft es?
    Buen Camino 😉

Und was sagst Du?