III (Mosel-Camino) – Von Engelport nach Marienburg 

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Tag 3 auf dem Mosel-Camino: Superwomen mit Klack-Choreographie, Weinberge mit Brass-Band-Mucke, Felder und Wälder mit ohne Weg, Audrey mit letzter Kraft und Ausblick mit Sonnenuntergang.  (23.09.2017 – 24 km + x)

Der Wecker reißt mich heute Morgen um sieben gnadenlos aus dem Tiefschlaf. Klar, selbst gewähltes Schicksal. Ich wollte ja unbedingt der Einladung der Nonnen folgen und am Gottesdienst teilnehmen, in der Hoffnung, den gregorianischen Gesang noch einmal zu hören. Vorher brauche ich aber, ganz irdischen Bedürfnissen folgend, einen Kaffee.

Selbigen greife ich mir vom Frühstücksbüffet in der Hoffnung, dass das auch nach Ende des Gottesdienstes noch steht. Beim Rauchen draußen klappt es diesmal auch irgendwie mit dem Internet, und ich kann zuhause Entwarnung geben, dass ich die Nacht überlebt habe. Mich erwarten bereits vier WhatsApps zum Thema „Alles gut bei dir??“

Kirchliche Kastagnetten-Choreographie

Um kurz vor acht flitze ich in Richtung Kapelle. Die ersten Nonnen huschen bereits hinein. Alle haben sich einen himmelblauen Satin-Umhang über die reguläre schwarze Kluft geworfen. Ich beiße mir auf die Zunge, um sämtliche Analogien zu Mittelaltermärkten oder Superman (bzw. Supermary) gleich im Keim zu ersticken. Ich bin die einzige Normalsterbliche in der Kapelle und warte auf einsetzenden Gesang oder Orgelklänge. Nix is.

Stattdessen betreten Punkt acht ein Priester und zwei Messdiener (wahrscheinlich heißen die in der ausgewachsenen Version anders, aber da muss ich passen) unter leisem Gemurmel den Raum. Am Altar angekommen, küssen die Messdiener die Kopfbedeckung des Priesters, als sie ihm diese abnehmen und halten seinen Umhang wie Brautjungfern, als er sich kurz hinkniet. Vor mir sitzen bzw. knien sechs Nonnen und zwei Novizinnen, vorn steht der Pfarrer mit dem Rücken zum Publikum, den Blick zum Tabernakel. Daran soll sich auch im Lauf der Messe wenig ändern, die er leise murmelnd auf Latein abhält. Niemand sonst spricht auch nur ein Wort. Trotzdem ist ordentlich Action, die mich ein wenig an Frühsport erinnert.

Als guter Katholik denkt man ja eigentlich, man kenne alle Tricks, doch ich werde überrascht. Die Nonnen führen, begleitet von Klack-Geräuschen, eine Choreographie auf. Einmal klacken steht für Knie beugen bzw. hinknien, zweimal für wieder setzen. Ich mache mit, so gut ich kann, was vermutlich anfangs wie eine schlechte Darbietung beim Synchronschwimmen wirkt, weil ich immer zu spät dran bin. Dann endlich durchschaue ich die Klack-Kommandos.

Nächste Überraschung ist die Darreichung der Kommunion, wegen der ich ja eigentlich gekommen bin. Diese wird nämlich quasi „am Tisch“ serviert. Dazu klappen die beiden Messdiener den Altarraum mithilfe des Holzgeländers zu und legen eine Spitzendecke über das Holz. Die Nonnen gehen in Grüppchen nach vorn, knien sich vor das Geländer und lassen sich die Hostie in den Mund legen. Das ist mir dann doch zu viel Zirkus, zumal ich allein bin und mit meinen Turnschuhen und Sportklamotten irgendwie nicht dem Dresscode entspreche.

Pilger mit Anlaufschwierigkeiten

Ich entscheide, es ganz weltlich beim normalen Frühstück im Anschluss zu belassen. Später lese ich auf der Webseite von Engelport, dass sie hier der römischen Liturgie in ihrer außerordentlichen Form folgen. Auch wenn ich zwischenzeitlich ordentlich verwirrt über den Ablauf der Messe war, so war sie dennoch ein sehr besonderes – wenn auch sehr stilles – Erlebnis, das mich bewegt hat.

Nach dem Frühstück, das ich zu so fortgeschrittener Zeit alleine einnehme, packe ich alles zusammen und bin um kurz vor zehn unterwegs. Irgendwie schaffe ich es selten früher auf die Bahn. Das kenne ich von den anderen Caminos anders, denn da lief ich eigentlich immer spätestens um sieben, aber da gab es auch kein Frühstück.

img_7595-2Der Weg führt an der Mariengrotte vorbei, zurück in den Wildschweinwald, wo mir erneut nicht ganz wohl ist. Sicherheitshalber singe ich einfach noch mal eine Runde, denn überall sind frische Wühlspuren.

Auf Trampelpfaden geht es auf eine Anhöhe, auf der sicher sieben Pilze stehen, die ungelogen die Größe von Frisbeescheiben haben und dann weiter in Richtung Beilstein, das nach Auskunft meiner Mosel affinen Patentante einer der schönsten Orte am Fluss sein soll.

Sweet Caroline von Beilstein

Um halb zwölf kann ich von meinem Weinberg auf Beilstein mit seiner Burg (Metternich) und Kapuzinerkirche herunterschauen. Blick auf Beilstein vom Mosel-CaminoVon unten schallt eindeutig „Sweet Caroline“ aus sicher 20 Blasinstrumenten zu mir herauf. Ist dort Kirmes oder ein Festumzug?

Der Abstieg ist harmlos, denn ich laufe auf einer geteerten Straße in das hübsche Örtchen. Kaum im Zentrum angekommen, entdecke ich eine niederländische Brass-Band, die, natürlich stilecht in Oranje, ihre Landesgenossen mit dem nächsten Gassenhauer unterhält. Neben dieser Truppe sehe ich noch zwei weitere Formationen mit Blasinstrumenten, die ihrem großen Auftritt entgegenfiebern. Desweiteren tummeln sich eine Menge Radtouristen und Menschen, die einfach gemütlich vor ihrem vermutlich vierten Bier in Cafés sitzen. Der Ort ist fest in niederländischer Hand.

In mir macht sich eine bleierne Müdigkeit breit, und ich denke ernsthaft darüber nach, hier bereits einzukehren. Dabei habe ich gerade mal sieben Kilometer geschafft. Das ist hier ja kein Wettrennen, denke ich, während der gestrige Tag es sich in meinen Knochen gemütlich macht. Die Entscheidung wird mir abgenommen. Der hübsche Ort mit seinen verwinkelten Gassen und dem vielen Fachwerk ist leider ausgebucht – die vielen „belegt“ Schilder an den Hoteltüren bestätigen, was ich auf Booking.com und Trivago gesehen habe. Das einzig freie Hotel ist auch gleich das teuerste am Platz, und ich entscheide, dass ich nicht müde genug bin, um 160 Ocken für ein Einzelzimmer hinzublättern.

Die Muschel und ich spielen Verstecken

Nach einer längeren Rast auf einer Bank mit Blick auf die Mosel rapple ich mich wiederwillig auf. An der Kirche vorbei, wo ich mir im daneben befindlichen Restaurant noch einen Stempel hole, geht es gegen eins aus dem Ort raus und den Hügel hoch in Richtung Burg Metternich. Ich habe ganz schön getrödelt, habe noch 18 km vor der Brust und als Dankeschön geht mein gestriges Lieblingsspiel „Die Muschel ist weg“ in die nächste Runde.

Kaum am Eingang zur Burg angekommen, ist von dem Miststück nichts mehr zu sehen. So bleibe ich instinktiv auf dem Weg, der, begleitet vom Schnaufen vieler Spaziergänger und Tagestouristen, immer weiter in Richtung Wald ansteigt. Als ich gute 700 Meter ohne ein Zeichen bergauf geächzt bin, stehe ich am Waldrand vor einem Wegweiser, der mir leider überhaupt nicht hilft.

Eine gut gelaunte Wandergruppe versichert mir auf Nachfrage, ich käme schon irgendwie nach Bullay, wenn ich links ginge. Ja, ja, Bullay, das sei auf jeden Fall links, keine Sorge, das würde schon. Meine Erfahrung mit dem Hatzenport-Balkon-Rentner von gestern lehrt mich etwas anderes, und so entscheide ich zähneknirschend, umzukehren und nach dem korrekten Weg zu suchen. Ich muss eine Markierung übersehen haben.

Als ich den gerade gemachten Anstieg wieder nach unten laufe (wie schnell man da im Vergleich ist, ist ebenfalls frustrierend), scheint mir die Vorstellung, 160 Euro für ein Zimmer auszugeben, schon nicht mehr ganz so abschreckend wie noch 20 Minuten zuvor. Ich beschließe, einen zweiten Anlauf in Richtung der Burg zu machen und wenn das nichts bringt, hier zu bleiben.

Der nette Herr, der die Eintrittstickets für die Burg verkauft, checkt die Lage umgehend: großer Rucksack, Jakobsmuschel, fragender Gesichtsausdruck. Bevor ich etwas sagen kann, zückt er bereits seinen Stempel. Na klar hat er einen. Ich muss lachen. Das war gar nicht mein Ansinnen. Aber umso schöner. Und den Weg kann er mir natürlich auch erklären. Ich muss, bevor der Weg weiter hoch geht, links abbiegen. Dann immer entlang der Straße. Ja, das sei hier ein bisschen schlecht markiert. Ich sei nicht die Erste, die vom rechten Weg abkomme.

Er holt eine Wanderkarte aus dem Regal hinter sich und zeigt mir, wo ich gerade bin und wo ich lang muss. Ich gehe den Weg wie von ihm beschrieben und schaue diesmal ganz genau hin: es gibt tatsächlich keine Muscheln. Der Verantwortliche für diesen Abschnitt, scheint keinen Bock zu haben, ordentlich zu markieren. Manchmal bezweifle ich, dass die Wegpaten wirklich wissen, wie schmerzhaft es sein kann, wenn eine Markierung fehlt und man an sowieso schon langen Tagen noch zusätzliche Meter machen muss.

Fluchende Kesselflicker auf Abwegen

Der Weg führt kurz durch Schrebergärten. Auch hier ist eher spärlich markiert worden, so dass ich schon wieder Angst habe, auf der falschen Spur zu sein. Aber dann geht es der Einfachheit halber direkt entlang der Tempo-100-Landstraße. Wie ich es liebe!

Ich habe Glück, es ist wenig los. Kaum Autos, kaum Muscheln. Dann, nach ca. drei Kilometern, sehe ich endlich wieder eine eindeutige Markierung. Sie weist mir einen Trampelpfad, der auf der gegenüberliegenden Straßenseite hochgeht. Dieser Pfad ist so lange nicht mehr gelaufen worden, dass ich zwischendurch wirklich denke, jemand habe sich einen Scherz erlaubt und die Markierung als Gag angebracht, weil niemand ernsthaft glauben kann, dass dies der offizielle Weg sei. Der Pfad ist zugewuchert, und ich fluche mehrfach lautstark vor mich hin, dass das ja wohl nicht deren verdammter Ernst sei, kämpfe mich aber natürlich trotzdem weiter durch das Dickicht. Meine Fresse. Was für ein ätzender Abschnitt.

Rehauge trifft Bambi

Ich überquere die Landstraße und lande im nächsten Wald. Zu meinem perfekten Glück heute fehlt mir eigentlich nur noch eine Begegnung mit so einem verdammten Wildschwein. Ja, ich bin gut drauf. Wandern macht Spaß. Theoretisch. Heute nicht. Dona Nobis Pacem singe ich. Ich selbst könnte auch eine Portion Frieden brauchen, denke ich und fühle mich plötzlich beobachtet. img_7602-2

Und tatsächlich. Zu meiner Linken, nur wenige Meter entfernt, steht ein Reh im Wald und schaut mich verwundert an. Ich rede dem Reh gut zu, dass es bitte mal genau so stehen bleiben soll, damit ich ein Foto machen kann, es sei so hübsch. Und tatsächlich: das Reh ist sehr freundlich und posiert, bis ich das Bild geschossen habe und springt erst dann weg.

Das Franziskus-Kreuz aus einem spanischen Kloster, das ich um den Hals trage, scheint zu helfen. Ich kann wie er mit Tieren reden und Rehe vom Kommen und Wildschweine vom Gehen überzeugen.

Definition Feldweg

img_8232So laufe ich weiter und lande auf einem umgepflügten Feld, das zwar eindeutig markiert ist, aber erneut intuitiv nicht richtig wirkt. Hier habe ich die Qual der Wahl zwischen frisch Acker und kniehohem Gestrüpp (ich entscheide mich für den Acker, der Bauer möge mir verzeihen). Das also verbirgt sich hinter dem Begriff Feldweg.

Auch danach bleibt mein Camino ein Hindernisparkour. Ich tanze Limbo unter einem umgefallenen Baum hindurch, übersehe einen Ast, stoße mir den Kopf und bin einmal mehr hin und her gerissen zwischen Lachen und Heulen. Ich bin platt und die Sonne knallt auf mich hinab.

Nach drei weiteren Kilometern auf Feldwegen taucht endlich in der Ferne ein Dorf auf. Ich visualisiere bereits meinen Milchkaffee und eine Cola, aber das sieht der Weg nicht vor. Er führt an Grenderich vorbei. So entscheide ich mich für ein Päuschen an der Kapelle Lindenhäuschen (was sich reimt, ist ja schließlich gut). Stoßgebet, Schuhe aus, Brote raus, essen, trinken, sonnen, rauchen. Ja, die Pause habe ich offensichtlich bitter nötig.img_7604-2

Weiter geht es. Noch neun Kilometer bis Bullay. Ich kämpfe mich geschlagene zwei Stunden vorwärts, genieße zwischendurch immer wieder wunderschöne Ausblicke und bin gegen halb fünf kurz vor dem Ziel. Der Abstieg in den Ort bei noch immer sengender Sonne macht mäßig Spaß. Der Camino führt durch nicht weiter ausgeschildertes Wohngebiet, und ich versuche, instinktiv zu gehen.

Zack, wenig später stehe ich auf einer aufgerissenen Straße, die gerade neu gemacht wird und humpele über Steinbrocken. Wieso suche ich mir instinktiv eigentlich immer die nervigsten Wege aus, wenn ich auf mich gestellt bin? Erst der unnötige Aufstieg und jetzt diese Ballanciererei. Meine innere Jukebox spielt Destiny’s Child „I’m a survivor“, und ich beiße mir auf die Lippen und gehe mit dem aufrechten Gang von Beyonce weiter.

Am Busbahnhof angekommen sinke ich auf die wohl hässlichste Bank des ganzen Weges. Mir egal. Ich rauche. Mal wieder. Menschen mit Einkaufstüten hetzen an mir vorbei. Ein Mann schaut mich mitleidig an. Ob alles in Ordnung sei. Ich sage: „Geht so“, und er sieht zu, dass er Land gewinnt, bevor ich ihm noch die Ohren voll heule.

Aufstieg auf der letzten Rille

Mit Hilfe von Google Maps navigiere ich in den Ortskern und möchte zwischendurch gerne mal laut schreien. Ich brauche dringend Zucker, um die letzten Kräfte zu mobilisieren. Ein Schild verweist auf einen Edeka. Der kommt wie gerufen. Auch wenn er in entgegengesetzter Richtung des Weges liegt, werde ich genau dorthin gehen, obwohl es bis Marienburg nicht mehr weit ist.

In voller Wandermontur betrete ich unter den hochgezogenen Augenbrauen anderer Kundinnen den Laden, und gönne mir eine Cola, einen Frappuccino, zwei Bananen und einen Schokoriegel. Die nette Kassiererin öffnet mir außerdem die Toilette. Auch das war dringend nötig.

Zurück am Ausgangspunkt, einer Brücke über die Mosel, finde ich endlich auch wieder Muschelzeichen. Noch einmal gönne ich mir in der Sonne eine Pause und falle über meine Einkäufe her. Der Zucker wirkt Wunder. Ich komme wieder ein wenig zu mir. Eigentlich ist es ganz schön, wenn man erst mal sitzt. Dennoch signalisiert mir mein Körper laut und deutlich, dass ich drüber bin. Die Beine zittern, die Füße schmerzen, und ich fühle mich ein wenig dehydriert. Heute ist Tag drei. Das ist oft der Tag, der mir am schwersten fällt.

2,5 Kilometer Unendlichkeit

Es sind nur noch zweieinhalb Kilometer bis zur Jugendbildungsstätte. Aber auch zweieinhalb Kilometer können sich weit anfühlen. Das tun sie vor allem dann, wenn man nicht weiß, ob in der Herberge noch Platz für einen ist, man das aber erst herausfinden wird, wenn man ganz oben auf dem Hügel angekommen ist. Meine vielfältigen Versuche dort anzurufen, haben leider bis jetzt nicht gefruchtet. Bullay erscheint mir hingegen so unattraktiv, dass Bleiben keine Option ist. Und so wechsle ich noch einmal meine Socken, massiere meine Füße, reibe sie erneut mit Hirschtalg ein, beiße die Zähne zusammen und verlasse mich auf mein Glück. Möge die Camino Magic mit mir sein.

Ich schleppe mich über die Brücke, über die Straße und bin Auge in Auge mit dem Anstieg. Ja, herrlich. Ein kleiner Waldweg schlängelt sich in Serpentinen steil nach oben. Und hoch. Und höher. Meine Beine zittern jetzt sogar schon im Stehen. Ich bleibe stehen und muss lachen. Was tue ich hier eigentlich? img_7605-3Ich könnte jetzt irgendwo am Strand liegen. Oder zumindest ein Taxi nehmen. Aber nein! Mein Stolz (man könnte es auch Starrköpfigkeit nennen) verlangt, dass ich das hier durchziehe und zwar zu Fuß.

Und endlich, endlich, endlich bin ich oben. Vor mir die Mosel. Hinter mir die Mosel. Von diesem Anblick haben mir die beiden Frauen am ersten Tag erzählt. Es ist faszinierend. Ich befinde mich in der Mitte einer engen Moselschleife und der Ausblick ist mal wieder mit Geld nicht zu bezahlen. Was habe ich für ein Glück, dass ich hier oben stehe und nicht langweilig an irgendeinem Strand liege und mich langweile. Stimmungsschankung nennt man das, glaube ich.

Übernachtung sichern mit Greenpeace-Methoden

Auf dem Zahnfleisch stolpere ich in die Jugendbildungsstätte. Offen ist sie, auch wenn der Empfang nicht besetzt ist. Draußen tummeln sich viele Leute auf der Terrasse. Ich sinke auf die Treppenstufen neben der leeren Rezeption und bleibe dort fünf Minuten regungslos sitzen, in der Hoffnung, dass jemand kommt. Als dies nicht passiert, mache ich ein paar Schritte in Richtung des Speisesaals.

In der Küche steht eine Frau mit weißem Kittel, die ich anspreche, ob sie noch ein Bett für mich habe. Sie mustert mich verwirrt von oben bis unten. Ich sehe wahrscheinlich mehr als bemitleidenswert aus. Mein Blick sagt aber hoffentlich auch, dass ich mich zur Not hier in guter, alter Greenpeace-Manier festketten werde. Weiter oder zurück gehen ist einfach nicht mehr drin. Zur Not schlafe ich auf dem Boden.

Sie könne mir leider nicht helfen. Sie sei neu hier und müsse ihre Chefin anrufen. Außerdem müsse sie sich jetzt erst mal um die Zubereitung des Abendessens für die anderen Gäste kümmern. Aber, und das ist das einzige was ich hören will, sie werde mich schon irgendwie unterkriegen. Ich ziehe mir eine Cola am Getränkeautomaten und sinke damit auf der Terrasse glücklich auf einen Stuhl mit Blick auf die Mosel, lege die Beine hoch und donnere mir die nächste Portion Zucker rein. Alles wird gut werden.

Und tatsächlich. Nach einer halben Stunde kommt die Frau im weißen Kittel nach draußen und sammelt mich für den Rundgang ein. Sie zeigt mir den Aufenthaltsraum, den Getränkekeller und die Duschräume, während ich ungeduldig darauf warte, dass sie mir endlich mein Zimmer zeigt, damit ich mich umziehen und kurz hinlegen kann. Drei Stockwerke nach oben (natürlich) und schon sind wir da.

Ich bekomme ein Dreierzimmer für mich allein. Es gibt ein separates Badezimmer, in dem sich eine Badewanne ohne Vorhang aber keine Dusche befindet. Nach Baden ist mir nicht, und so gehe ich zum Duschen wieder in den Keller, ziehe mich um und gehe in die Küche.

Ich esse für eine Kleinfamilie

Das Abendessen ist in vollem Gang als ich den Speisesaal betrete. Die Frau mit dem weißen Kittel und ihre Kollegin strahlen mich an. „Sie hätte ich ja fast gar nicht erkannt.“ Ja, nach Duschen und Föhnen sehe ich wieder aus wie ein Mensch. Ich bedanke mich noch einmal, dass das alles geklappt hat, und sie lacht: „Egal, wie voll es hier gewesen wäre, mit Ihrem roten Kopf hätte ich Sie ganz sicher nirgends mehr hinlaufen lassen! Sie sahen aus, als würden Sie jeden Moment umkippen.“

Ich bekomme meine eigene Tischreihe. Die anwesenden Chormitglieder, die hier ein Probenwochenende machen, mustern mich derweil teils kritisch, teils freundlich. Dass mein Outfit Fragen aufwirft, ist für mich inzwischen Normalität. Ungeniert mache ich ganze vier Gänge zum Buffet und verzehre das Abendessen einer mehrköpfigen Familie. Brote, verschiedene Salate, fünf (!) Frikadellen, Obst.

Improvisationstheater, das sich gewaschen hat

Pappsatt und voller Energie entscheide ich mich mutig für ein neues Kapitel auf diesem Camino: Waschen. img_7610Das tut nämlich inzwischen wirklich Not. Ich habe meine Klamotten alle durch und möchte morgen ungern erst gerochen und dann gesehen werden. Leider habe ich immer noch keine echte Strategie, wie ich das am besten bewerstellige. Waschvorrichtungen gibt es nicht und draußen trocknen ist, anders als in Spanien und Portugal auch keine Option.

Meine hochgeschätzte Patentante weiß Rat. Via WhatsApp trudelt ein super Hausfrauentipp ein. Um die Sachen über Nacht trocken zu kriegen, soll ich sie nach dem Waschen und Auswringen in Frotteehandtüchern erneut auswringen. Ich wasche in der Badewanne, in der man super mit den Füßen alles durchwalken kann und wringe dann die Einzelteil wie ein Weltmeister in meinen super dünnen, super saugfähigen Handtüchern aus. Es funktioniert hervorragend.

Meine mitgebrachte Paketschnur befestige ich als Wäscheleine recht abenteuerlich im Badezimmer. Irgendwann hängt endlich alles. Zeit für den nächsten Programmpunkt: Entspannung. Mich zieht es noch einmal nach draußen und so gehe ich erneut auf die Terrasse. Diesmal habe ich sie ganz für mich allein.

Ausblick von der Jugendbildungsstätte Marienburg am Mosel-CaminoDer Ausblick, der sich mir bietet, entschädigt mich für alle Anstrengungen des Tages. Die Sonne geht gerade unter, der Mond steht bereits am Himmel, und der Himmel über der Mosel ist in Pastelltöne getaucht. Als dann auch noch ein beleuchtetes Schiff auftaucht, ist meine Kitschpostkartenidylle perfekt.

Das Beste an Aufstiegen ist die Aussicht, bewahrheitet es sich einmal mehr. Stolz und zufrieden über die heutige Leistung schlafe ich kurz darauf in meinem Dreibettzimmer tief und fest ein.

Morgen geht es nach Traben-Trarbach.

Zeitreise

Vorschau: Tag vier, das heißt Königsetappe und auch sonst wird es märchenhaft: schwarze Katzen und toughe Gräfin kreuzen meinen Weg, und ich habe meinen ganz persönlichen Aschenputtel-Moment beim Essen mit einem alten Bekannten. Das alles erfährst du auf dem Weg von Marienburg nach Traben-Trarbach.

Rückblick: Du hast den vorigen Tag verpasst und fragst dich, wer der Hatzenport-Balkon-Rentner ist und was sonst noch passiert ist. Dann komm noch mal mit mir von Alken nach Engelport

Kommentare und Ergänzungen

Warst du auch schon auf dem Mosel-Camino unterwegs? Wie war es für dich? Bist du ihn am Stück gelaufen oder Etappe für Etappe?

Was hilft dir, wenn du nicht mehr kannst? Zucker, Musik oder vielleicht etwas ganz anderes? Kennst du meine heutige Etappe? Was hat dir gefallen, was eher nicht so? Ich freue mich wie immer über deinen Kommentar.

Ich muss das weitersagen

9 Gedanken zu „III (Mosel-Camino) – Von Engelport nach Marienburg &8220;

  1. Heute waren es die Nonnen mit den hellblauen Stolas – in Reih und Glied niedergekniet vor dem „Geländer“, mit offenem Mund bei der Hostienvergabe. Davon ein Foto wäre der Hit gewesen 🙂

    Ich sitze gerade am PC und arbeite 🙁
    Da kommt jede Ablenkung in Form toller Wanderblogs recht 🙂

  2. Zur Ihrer Kritik bzgl. Markierung: Als Verantwortlicher für die Markierung kann ich Ihnen versichern, dass ich und meine Kollegen sehr wohl „Bock haben“, den Weg ordentlich zu markieren und deswegen jede Menge Freizeit ehrenamtlich in diese Tätigkeit reinstecken. Natürlich können Sie in Beilstein auf dem Weg zur Burg (und zurück) keine Muscheln entdecken – weil der Weg dort nicht hinführt!

    1. Hallo Herr Welter,
      Entschuldigen Sie, ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten. Ich habe später vor Schweich einen Kollegen von ihnen getroffen, der mir erzählt hat, dass die meisten Fälle von Markierungsschwierigkeiten an den Wanderern liegen, die die Schilder mitnehmen und nicht an den Menschen, die sich mit viel Zeit und Liebe um die Beschilderung kümmern. Das habe ich aber erst später erfahren (kommt dann beim Erfahrungsbericht dieses Tages).
      Meine Berichte spiegeln immer den Wissensstand des jeweiligen Tages wieder (und auch die entsprechende Gefühlslage).

      Laut der Karte des Herrn, der die Tickets zur Besichtigung der Burgruine verkaufte (rechts ab vom Weg, an dem Gatter, wo man dann zur Burg aufsteigen kann) war ich bis zu dem Punkt richtig, hätte dann aber (wie im Blog beschrieben) anschließend links abwärts laufen müssen.
      Falls es einen besseren (oder richtigeren) Weg ab der Beilsteiner Kirche gibt, teilen Sie ihn gern hier mit. Dann haben ggf. andere Wanderer einen Vorteil.

      Und noch mal vielen Dank für Ihren Einsatz und den Ihrer Mitstreiter.

  3. Auf meiner Homepage lässt sich unter http://www.mosel-camino.info/streckenfuehrung-2.html die Karte auf Beilstein (und andere ‚Knackpunkte‘ wie in Löf und anderswo) zoomen. Auch gibt es da die Möglichkeit des Downloadens aufs Handy/Smartphone. Die beiden relevanten Pilgerwanderführer beschreiben zudem die Wegführung (wobei ich behaupten möchte, dass der von Ka-Jo Schäfer und mir herausgegebene dies ziemlich ausführlich tut). Natürlich helfen auch Wanderkarten bei der Orientierung, vorausgesetzt, sie sind aktuell (gerade jetzt im Herbst, wo die Treibjagden stattfinden helfen sie bei Weg-Sperrung bei der Suche nach Alternativen). Die Strecke wird grundsätzlich – übers Jahr verteilt – mindestens zweimal abgegangen und die Beschilderung verbessert. Bedarf gibt es da ständig … In diesem Sinne: Guten Weg und viele Pilgergrüße!

    1. Deine Webseite war mir ständiger Begleiter 🙂 Danke dafür. Und ja, die Karte habe ich jetzt auch mal genauer angeschaut. Die hätte mir geholfen. Aber ganz ohne Abenteuer wäre es ja auch langweilig.
      Dann hoffe ich, dass alle folgenden Pilger den Rat nun beherzigen können. Danke fürs teilen!

Und was sagst Du?