XIII (Rheinsteig) – Von Oestrich-Winkel nach Schlangenbad

Tag 13 auf dem Rheinsteig geht als Bubble-Gum-Tag in die Geschichte ein. Er zieht und zieht sich. Zudem glänzt er als Tag der geschlossenen Türen. Kirchen und Cafés sind zu und so gilt auch für mich: Augen zu und durch (13. Oktober 2017, 26 km)

Heute Morgen mache ich mich noch vor dem Frühstück um kurz vor acht auf den Weg zum Winkeler Friedhof und finde recht schnell das Grab bzw. die Gedenktafel für Karoline von Günderrode, auf der eines ihrer bekanntesten Gedichte nachzulesen ist.img_8099 Irgendwie macht es mich melancholisch und – kein Scheiß – ich wische mir unauffällig ein Tränchen weg. Dass diese hochtalentierte Frau sich mit 26 das Leben nahm, weil sie für sich keine Chance sah, war eine unfassbare Verschwendung, die mich bis heute nachdenklich stimmt.

Um kurz vor halb neun bin ich zurück in meiner Pension und unterhalte mich am Frühstückstisch mit meiner Wirtin über die heutige Etappe. Sie rät mir davon ab, extra einen Abstecher zum Schloss Johannisberg zu machen. Es sei ja auch so weit genug und so viel gäbe es dort dann auch wieder nicht zu sehen. So packe ich meine Sachen und bin um 9:30 Uhr auf der Piste.

Wetter und Stimmung gehen Ton in Ton

Es ist recht schwül, dabei aber gleichbleibend grau. Das entspricht auch in etwa meiner heutigen Verfassung. Ich bin leicht reizbar und schwer zu begeistern. Der Weg zieht sich kaugummiartig in die Länge, die Bodenbeschaffenheit ist ausbaufähig (viele, viele Steine) und würde jetzt jemand mit mir laufen, wäre ich vermutlich das nörgelnde Kind auf dem Rücksitz, das immer wieder fragt: „Wann sind wir da?“ Es reicht wohl langsam. Wälder, Weinstöcke und Burgen hauen mich nur noch bedingt vom Hocker, denn ich habe inzwischen so viele gesehen, dass es immer Schönere gab.

Der Weg führt mich nach einer Stunde am Rande des kleinen Orts Hallgarten entlang aufwärts. Der Weg nach links weg ist wegen Sturmschäden gesperrt. Ich bin froh, dass mich das nicht betrifft, denn ich muss nach rechts in den Wald und zum Unkenbaum, bzw. zum „Platz, an dem der Unkenbaum einst stand“. Weil der uralte Baum 2001 bei einem Sturm umgemäht wurde, bleibt nur noch der Verweis auf selbigen. Sehenswürdigkeiten stelle ich mir anders vor. Ich trotte weiter. Es zieht sich.

Statist bei Der Name der Rose

Nachdem ich ja gerade erst hoch gelaufen bin, machen wir jetzt wieder einen langgezogenen Abstieg. img_8101Der Wald spuckt mich aus und ich befinde mich wieder in Weinbaugebiet. Wie eigentlich jeden Tag passe ich kurz nicht auf, verlaufe mich, muss wieder zurück und setze meinen Weg fort. Es naht der erste wirkliche Meilenstein der heutigen Etappe, Kloster Eberbach, welches ich bei Kilometer 11 gegen viertel nach zwölf erreiche. Hier wird nicht nur seit 800 Jahren Wein angebaut, die altehrwürdige Location diente auch als Schauplatz für die Verfilmung von Ecos Der Name der Rose.

img_8103Das Kloster kündigt sich bereits an, bevor ich es sehen kann, denn der Weinberg der Mönche wird von einer denkmalgeschützten, drei Kilometer langen Mauer geschützt.

Am Kloster angekommen, laufe ich das Gelände einmal ab und teile mir das Areal offensichtlich mit einer Hochzeitsgesellschaft. Viel zu sehen gibt es meiner Meinung nach eigentlich nicht. Die Kirche, die inzwischen offensichtlich als Veranstaltungsort genutzt wird, ist verschlossen und so setze ich meinen Weg schnell fort.img_8104

Von hier ist es nicht mehr weit bis zum Fachwerk-Örtchen Kiedrich und von dort sind es dann nur noch knapp zehn Kilometer bis Schlangenbad.

Es tut mir leid. Ich reiße heute lediglich Kilometer ab. Mir fehlt es an Inspiration. Und an Lust. Und eindeutig an Begeisterung. Es geht durch einen weiteren Wald, wo mir die Vielzahl alter, umgefallener Bäume noch einmal deutlich vor Augen führt, wie schlimm der Sturm im August hier gewütet haben muss.img_8105 Was bin ich froh, dass mir das erspart geblieben ist. Es mag zwar in den letzten zwei Wochen häufig grau gewesen sein, aber zumindest stürmte es nicht. Angst vor umfallenden Bäumen wäre nämlich das Letzte gewesen, auf das ich Lust gehabt hätte.

Tag der geschlossenen Tür

Ich erreiche Kiedrich mit seinen Fachwerkhäusern gegen zwei Uhr und träume von einem Milchkaffee. img_8107Der Ort wirkt kurz so, als könne sich mein Wunsch erfüllen, aber heute ist einfach einer dieser Tage, die einem nix schenken. Ich erkundige mich in einem Kiosk, in dem ich Zigaretten kaufe, ob es ein Café gibt und bekomme eine positive Antwort. Doch als ich selbiges aufspüre, ist ausgerechnet heute Ruhetag. Ich gehe also zurück zum Kiosk und hole mir den Kaffee dort. Und eine Flasche Limo.

img_8109Ich laufe an einer schönen Kirche vorbei, in der es laut Tourenplaner die älteste, spielbare Orgel gibt, doch leider ist auch diese Kirche verschlossen. Wenn es schon mal läuft, dann aber auch so richtig und so verlege ich mich darauf, durch die Tür zu spinksen und zu fotografieren.

Mit meinem Getränkeschatz pausiere ich kurz darauf außerhalb des Ortes an einer zugewachsenen, parkähnlichen Auffahrt. Von meinem Poller schaue ich auf die vor mir liegende Burgruine Scharfenstein, mit ihrem hellen Turm. img_8111Ich trinke meinen Kaffee und schaue schnell woanders hin. Sagte ich schon, dass mich Burgruinen nicht mehr wegflashen?

Als Rheinsteig-Streber, der ich nun mal bin, nehme ich sie mir gegen halb drei trotzdem vor, ächze aufwärts und habe anschließend einen schönen Blick in die Weiten der Rheingau-Landschaft.img_8112 Von hier aus wäre es nicht mehr weit nach Eltville, einem malerischen Örtchen, das ich einmal im Rahmen einer Hochzeit besucht habe. Das pittoreske Fleckchen Erde muss aber leider ohne mich auskommen, denn mein Weg zieht es ja vor, mich durch weitere Wälder hindurch ans Hinterteil der Welt, nach Schlangenbad, zu führen.

Laufen um des Luafens Willen

Die verbleibenden knapp 10 Kilometer laufen sich leicht, sind aber auch leicht langweilig. Es geht durch Wälder, Wingerte und Wiesen, die großen Drei der letzten Tage. img_8113Mir begegnen ab und an Spaziergänger mit Hunden, und ich gehe an hübschen, silberfarbigen Rindviechern vorbei, die mich recht emotionslos anschauen (vermutlich reflektieren sie meinen Gesichtsausdruck?). Ich höre nach langer Zeit mal wieder Musik, um ein wenig Abwechslung zu haben und erreiche nach gut zweieinhalb Stunden eine alte, bemooste Wassertretanlage, die schon bessere Zeiten gesehen hat. Jetzt noch gut 500 Meter durch feinsten Matsch, und dann stehe ich auch schon vor der Sauna und dem Thermalfreibad des Kurorts Schlangenbad.

Von Adligen und Schlangen

Der Ort verdankt seinen Namen der Tatsache, dass sich hier die Äskulapnatter, Deutschlands größte Schlange, pudelwohl fühlt, weil es immer so schön warm ist. Schon um 1700 war Schlangenbad Anlaufstelle für Adlige und Diplomaten, die hier kurten. Die Natter, die eigentlich in Südeuropa zuhause ist, glänzt mit Abwesenheit und auch Adlige und Diplomaten geben sich nicht die Ehre.

img_8115Ich laufe am Parkhotel vorbei, einer wirklich hübschen Adresse, die aber leider mein Budget gesprengt hätte und gehe weiter auf dem Rheinsteig, vorbei am riesigen Komplex der Rehabilitationsklinik. Wenig später stehe ich vor einem Brunnen, der das Ortsmaskottchen knäuelig in Szene setzt.img_8117

Ich mache mich auf die Suche nach meinem Hotel. Obwohl es Luftlinie nicht weit von meinem aktuellen Standort ist, muss ich leider ob der Schlangenbad’schen Straßenführung einen ziemlichen Umweg zurück Richtung Parkhotel laufen, um dorthin zu kommen.

Ich bin ein wenig enttäuscht, als ich es dann leicht abgelegen, am Ende der Straße in einer etwas zwielichtigen Ecke aufspüre (zumindest kommt mir die Gruppe Halbstarker, die um ein Auto herum stehen und mich von oben bis unten mustern, nicht sonderlich vertrauenserweckend vor, aber ich mag mich täuschen).

Im Hotel angekommen schlägt mir der Geruch von Chlor entgegen. Es gibt offensichtlich ein Schwimmbad oder jemanden, der sehr akribisch putzt. Mein Zimmer ist in Ordnung, nichts Besonderes, aber wieso sollte der letzte Tag hier aus der Reihe tanzen. Ich muss wie so häufig schmunzeln, als mein Blick auf einen großen Kleiderschrank fällt. Der wird wie immer völlig leer bleiben bei jemandem, der komplett aus dem Rucksack lebt. Nach dem täglichen Waschritual mache ich mich im Internet schlau, wo ich etwas zu essen bekommen kann, und entscheide mich für den Schlangenkeller, einen Laden, in der Nähe der Klinik, der Elsässer Spezialitäten im Angebot hat.

Therapeutische Kamikazefruchtfliegen

Der Bumms ist brechend voll. Eine Frau mit einem Aperol Spritz in der Hand begrüßt mich stürmisch, wundert sich ob meines erstaunten Gesichtsausdrucks, und sagt dann: „Ich dachte, wir kennen uns aus der Therapie.“ Ich verneine und erkläre, dass ich keine Therapie mache, sondern wandere (was ja sicher auch eine Art von Therapie ist), schlage im Anschluss das wenig verlockende Angebot der an der Theke sitzenden, angetrunkenen, älteren Herren, mich zu ihnen zu gesellen, aus und suche mir einen Platz im hinteren, ruhigeren Teil des Ladens.

In meiner Weißweinschorle ertränken sich nach wenigen Sekunden gleich mehrere Fruchtfliegen mit Anlauf. Ich kann sie verstehen. Manchmal ist Alkohol doch eine Lösung. Der Kellnerin ist das Desaster mehr als peinlich und so gibt es eine neue Weinschorle, die ich diesmal mit einem Bierdeckel hermetisch abriegle, sodass sie nicht erneut die letzte Ruhestätte eines tierischen Kamikazekommandos wird, während ich meinen Flammkuchen verspeise.

Es reicht, Zeit für das grande Finale

Auf dem Rückweg laufe ich durch menschenleere, dunkle Gassen zum Hotel. Komisch – anders als sonst fühle ich keine Melancholie in mir aufsteigen, bei dem Gedanken, dass diese Wanderung sich dem Ende zuneigt. Ich bin stolz, dass ich die ganze Strecke gelaufen bin, aber diesmal ergreift mich keine Wehmut, morgen das letzte Mal zu laufen.

Ich freue mich wirklich, zurück nach Hamburg zu fahren und auch auf die Zwischenstation bei meiner Freundin in Bonn und auf den Abstecher zu meinen Eltern. Es sind nur noch gut zwei Wochen, dann beginnt mein neuer Job. Dafür, dass ich anfangs dachte, sechs freie Wochen seien unheimlich lange, ist die Zeit wie im Flug vergangen.

Ich bereue ein wenig, dass ich mich entschieden habe, gleich zum 1. November mit der Arbeit loszulegen. Ich war der Meinung, dass ein freier Monat November mit Hamburger Schietwetter nicht wirklich erstrebenswert sei. Jetzt denke ich, dass ich eigentlich dringend Zeit benötige, um mich von den Strapazen der Wanderung zu erholen. Ich bin nämlich auch heute wieder dauererschöpft und meine Beine zittern immer noch, als ich die Treppe hoch zu meinem Zimmer nehme. Irgendwie habe ich mich ein wenig übernommen. Kein Wunder bei 500 Kilometern und 15.000 Höhenmetern rauf und auch wieder runter innerhalb von gerade mal drei Wochen.

Auf meinem Zimmer angekommen, schaue ich noch kurz fern, bevor ich schlafen gehe. Der Blick auf die Wetter-App stimmt mich dann doch noch einmal freudig. Morgen soll die Sonne scheinen, und ich finde, nach den vielen, grauen Tagen, ist das ein würdiger Abschluss für den Rheinsteig.

Finale, oh-ho, Finale, oh-ho-ho-ho! Meinen letzten Tag auf dem Rheinsteig findest du hier, denn es geht von Schlangenbad nach Wiesbaden

Willst du wissen, was gestern los war? Na dann lies doch von Assmannshausen nach Oestrich-Winkel

4 Gedanken zu „XIII (Rheinsteig) – Von Oestrich-Winkel nach Schlangenbad&8220;

  1. Auch wenn du das Wandern ein wenig satt hattest, schwingt doch die Melancholie mit. 😉 Hut ab vor 500 km in 3 Wochen! Wahrscheinlich kommt jetzt nur noch ein Beitrag zum Rheinsteig, nicht wahr? 🙁
    Was mich jetzt aber mal interessieren würde, was wäre wohl gewesen, wenn du noch mehr Zeit gehabt hättest und du noch 500 km hättest wandern wollen? Kommt man irgendwann an den Punkt, wo man nicht mehr aufhören kann? Verändert man sich selbst, die Einstellung zu Leuten und Gegend?

    P.S. In der Kneipen scheinst du immer die Aufmerksamkeit der Einheimischen zu erregen. 😉

    1. Richtig erkannt – noch einer und dann war es das.
      Zumindest mit dem Rheinsteig.
      Aber danach will ich mir meinen ersten Jakobsweg vornehmen. Das waren über 40 Tage und 800km und sicher die aufregendste aller bisherigen Wanderungen. Ich freue mich tierisch, die zu vertexten. Hoffe dass mein Tagebuch mir hilft, mich so gut zu erinnern, dass ich dann auch wirklich ansprechend nacherzählen kann 😊
      Und, um deine Frage zu beantworten, da war es wirklich so, dass ich ruf hätte weiterlaufen können. Und dass ich an Tag eins nach der Wanderung den halben Tag in Santiago heulend verbracht habe. Weil alles vorbei war. Weil sich meine Mitpilger in alle Winde zerstreuen würden. Der Weg hat mich mehr verändert, als ich zu der Zeit gedacht hätte. Das merkt man manchmal erst im Nachgang oder sehr viel später 😊

      P.S. Wann kriege ich eigentlich die Antworten auf meine Fragen gebloggt?

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