Camino Frances #26: León

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Pausentag auf dem Jakobsweg. Der Ruhetag wird zur Tour de Force: ich bestaune Kirchen, sehe geheime Orte, finde Don Quichote mit vielen Zungen, reite eine Kuh, lerne, dass man ein Denkmal bekommt, wenn man sein Kind dem Wohle einer Stadt opfert und dass ich immer im Hier und Jetzt bin, auch wenn der Haussegen schief hängt (22. Mai 2016 – 10 Kilometer)

Oh, hohe Kunst des Ausschlafens. Endlich mal kein frühmorgendlicher Stress, sondern dank Oropax entspannt noch mal rumdrehen und eine weitere Runde dösen. Erst gegen halb neun erhebe ich mich aus meinem Bett. Mir geht es deutlich besser als gestern. Mit etwas Glück ist die Erkältung nun wirklich auf dem Rückmarsch.

Ich werfe eine Waschmaschine an und verdrücke zum Frühstück einen Teil der Riesen-Empanada. Den Rest gebe ich meiner englischen Mitbewohnerin Barbara, die sich total freut, weil sie sich jetzt gleich mit ihrem Mann trifft und im Gegenzug verspricht, meine Wäsche nachher aus der Maschine zu holen und zusammen mit ihren Sachen in den Trockner zu werfen. Das nenne ich doch mal einen guten Deal.

Um viertel vor neun bin ich an der kirchlichen Herberge der Benediktinerinnen, um im Café von gestern, das gleich gegenüber ist, meine tägliche Portion Koffein abzugreifen, bevor um neun die Stadtführung beginnt. Ich habe die Rechnung ohne den Wirt gemacht, denn auch der schläft heute aus und hat demnach geschlossen. Da die ganze Altstadt noch zu hat, mache ich auf dem Absatz kehrt und gehe wieder zurück zu meiner Unterkunft. Gegenüber gab es ebenfalls ein Café, und diesmal bekomme ich meinen Café con Leche. Wie gut, dass die Wege in León kurz sind.

Chillen mit zwei Minderjährigen

Punkt neun bin ich wie verabredet wieder am Plaza Santa Maria del Camino. Von meinen beiden niederländischen Weggefährten fehlt jede Spur. Ich habe heute nichts vor und bin daher ganz entspannt. img_3885Ich setze mich an den hübschen Brunnen mit den beiden pausbäckigen Putten, der es mir gestern schon angetan hat und lausche dem Vogelgezwitscher und dem Plätschern des Wassers. Was für ein herrlicher Tag. Und wie selten die Momente, in denen man einen Ort wirklich mal ganz allein für sich hat.

Später werde ich die Symbolik des Brunnens übrigens von unserem Professor entschlüsselt bekommen. Der Löwe ist (nicht sonderlich überraschend) das Wappentier der Stadt und die beiden Knaben symbolisieren die beiden Flüsse Leóns. Diese Symbole kann man überall in der Stadt finden, wenn man die Augen aufhält. Aktuell finde ich es einfach nur hübsch und verbringe eine Dreiviertelstunde mit Candy Crush und genieße meine seltene Privatsphäre.

Dann kommt doch noch Leben in die Bude. Ich hatte gerade gedacht, der Drops sei gelutscht und wollte meinen eigenen Rundgang starten, doch von wegen. Es nähert sich meine kleine Reisegruppe, Felipe, den Professor, haben sie im Schlepptau. Mit dessen Englisch ist es nicht allzu weit her. Marco macht den Simultandolmetscher. Er wird eine Menge zu tun bekommen, denn unsere Vorstellung, dass wir ein Stündchen lang etwas von León gezeigt bekommen, soll sich als großer, wenn auch hervorragender Irrtum herausstellen.

img_3889Felipe will uns seine Stadt zeigen. Und zwar komplett. Die ersten anderthalb Stunden schlendern wir durch die Gassen. An jeder Ecke gibt es etwas zu sehen und zu erklären. Ihre Entwicklung von der Gründung in der Römerzeit (68 nach Christus), über das Mittelalter, bis heute. Er will uns an allem teilhaben lassen. img_3893An den sprechenden Namen der Straßen, an der Symbolik der Stadt, den Bronzefenstern aus dem Mittelalter und antiken Überresten. img_3899Mein Lieblingsarchitekt Gaudí war auch nicht untätig und hat hier ein wenig geübt. Nach den anderthalb Stunden denke ich, dass es das nun war, aber nein, Felipe läuft gerade erst warm.

Recycling der alten Römer

Nächste Station ist ein Museum. Wir sind genug durch die Straßen gelaufen. Es wird Zeit für handfeste Ausstellungsstücke. Das Museum für Stadtgeschichte hat Zeugnisse aus 2.000 Jahren unter seinem Dach, und Felipe kennt sie nicht nur alle, er kennt auch jeden. Dauernd wird er von anderen Einheimischen gegrüßt. Und wir drei Peregrinos mitten drin. img_3946Wir begutachten alte Steine aus der Römerzeit mit Epitaphen (Grabsprüchen), die in der Stadtmauer wiederentdeckt wurden (auch eine Art von Recycling), bewundern einen kunstvoll gearbeiteten Sarg aus dem Mittelalter mit lauter Figuren und Herzchen, aber später auch Gemälde aus der Renaissance. Nur als Felipe uns in einem antiken Rollenspiel parkt, das einem, leider sehr stümperhaft umgesetzt, den Ablauf einer römischen Zeremonie vermitteln soll, streiken wir. img_3903Ich bin neben dem mittelalterlichen Sarg besonders angetan von einer kleinen Jesusfigur, dem Elfenbein-Christus aus dem Mittelalter, in dessen Rücken eine Reliquie aufbewahrt wird.

Völlig reizüberflutet verlassen wir das Museum. Felipe will weiter, aber wir drei fordern eine Pause ein, die er uns lachend gewährt. Wir dürfen zehn Minuten in ein Café. Den Kaffee gibt es natürlich auf die Schnelle im Stehen. Wir müssen weiter, drängt er. Es gäbe noch so viel zu sehen.

Die vielen Zungen des Don Quijote

img_3907Unsere nächste Station ist ein wunderschönes Gebäude mit vielen Arkaden. Erst denke ich, dass es sich um einen ganz besonderen Innenhof handelt, doch dann werden wir die Treppen hinaufgescheucht. Vorbei an wunderschönen Glasfenstern steuern wir auf einen Raum zu, in dem eine beachtliche Anzahl von Vitrinen stehen.

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Die deutsche Ausgabe

Ich werfe einen Blick hinein und sehe einen wundervollen Einband eines Don Quijote de la Mancha Exemplars. Und noch einen und noch einen. Die aufgeschlagenen Bücher verfügen alle über ganz unterschiedliche Illustrationen. Wir befinden uns inmitten einer Sammlung verschiedenster Ausgaben des weltberühmten Romans von Miguel de Cervantes. Exemplare aus aller Herren Länder und Zeiten sind hier ausgestellt. Ich schlendere begeistert von Glasvitrine zu Glasvitrine und finde sogar eine Ausgabe in der altdeutschen Sütterlin-Schrift.

Zu Besuch bei San Marco

Ich hätte noch länger hierbleiben können, aber unser kleiner Kulturexpress steht schon wieder in den Startlöchern. Der nächste Programmpunkt wird per demokratischer Abstimmung getroffen. Wir wollen uns eine Kirche anschauen. Dummerweise gibt es davon einfach viel zu viele in León. In Anbetracht der Tatsache, dass wir in unseren eigenen Reihen einen Marco haben, fällt unsere Wahl auf das gleichnamige Kloster San Marco. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass wir den einen Kilometer dorthin im Sprint zurücklegen. Was wir nicht wissen: die Kirche schließt in einer Viertelstunde. img_3917Wir schaffen es gerade noch durch die Pforte und dürfen einen kurzen Blick riskieren, bevor wir gebeten werden, zu gehen. Da hilft selbst Felipes Professorenstatus nicht weiter. Macht nichts, erklärt uns der Spanier, von außen ist die Kirche sowieso viel spannender. Und mit etwas Glück könne er uns gleich noch etwas zeigen, das man sonst nicht ohne weiteres zu Gesicht bekäme.

img_3919Aber zurück zum Konvent. Diese Begrifflichkeit wird dem gigantischen Bau nicht gerecht. Was als Haupthaus des Santiago-Ordens begann und schnell um eine Kirche und ein Pilgerhospital erweitert wurde, bekam in Spaniens goldenem Zeitalter (16. Jahrhundert) unter Karl V ein kleines Make-Over verpasst. Der war, positiv formuliert, ein ambitioniertes Kerlchen. Im linken Teil des Gebäudes ist heute übrigens ein Parador. Das ist eine spanische Luxushotelkette, die in staatlichem Eigentum ist.

img_3923Meine niederländische Compañeros sind fasziniert von den Erzählungen über Karl V, der auch in ihrer Geschichte eine große Rolle gespielt hat. Ich höre irgendwann nicht mehr zu und lasse den Pomp einfach auf mich wirken. Während wir vor einer Statue eines müden Pilgers sitzen und zuhören, bietet eine spanische Familie an, ein Foto von uns allen zu machen. Wie es der Zufall will ist einer der beiden Jungs aus Deutschland und macht gerade einen Schüleraustausch. Wir unterhalten uns kurz, weil er wissen will, was wir hier machen, und ich erkläre den Jakobsweg im Schnelldurchlauf.

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Heil, Caesar

Anschließend knöpft sich Felipe die Fassade des Gebäudes vor. Da gibt es wahrlich viel zu entdecken. Sämtliche politische Lichtgestalten der Geschichte ließ Karl dort anbringen – von Caesar, über Karl dem Großen, bis hin zu den Vertretern seiner buckligen Verwandtschaft, um sich selbst nicht etwa in eine Reihe mit ihnen zu stellen, sondern als die bessere, weil ausgereiftere Version derer, also eine Art Krone der Schöpfung.

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Karl, der Große

Ambitioniert. Sag ich ja.

Immer wenn man denkt, nun habe man endlich alles Relevante erspäht, fällt einem ein weiteres Detail auf. So thront über dem Eingang zur Kirche etwa unser Wegbegleiter und Schutzheiliger, img_3930Jakobus, dargestellt als der Drachentöter.

Dank Felipes guten Connections dürfen wir anschließend in den Teil der Kirche, der eigentlich zum Parador gehört. Durch ein paar Türen im Hotel gelangen wir zum Konvent der Jakobusritter. Auch hier gibt es wieder einiges zu bestaunen. 5c1aa83d-f58a-4108-9b1e-1f87b305c87eEin Kreuzgang rund um einen pittoresken Garten zieht mich in seinen Bann. Es ist hier so friedlich. Die gewölbten Decken sind mit lauter kleinen Kreuzen dekoriert, Figuren schmücken die Ausläufer jedes Bogens aus, und wir finden nicht nur Adam und Eva. Auch der Schlange wurde hier ein eigenes Denkmal gesetzt. In den Bögen stehen Heiligenstatuen. Mir fallen fast die Augen aus dem Kopf.

Als wir den Ort verlassen, klingelt Felipes Handy. Seine angesäuerte Frau ist am anderen Ende der Leitung. Wo er um Himmels Willen stecke. Das Essen sei kalt. Es sei inzwischen halb drei! Felipe entschuldigt sich, dass er an dieser Stelle wohl abbrechen müsse. Bevor er uns verlässt, erzählt er uns aber noch schnell die Geschichte von Guzmán, el Bueno. Bei der Verteidigung der Stadt Tarifa griff der Anführer der Mauren zu üblen Mitteln. Er verschleppte Guzmáns Sohn und drohte, ihn vor den Stadtmauern zu töten, wenn er nicht Einlass bekäme. Guzmán ließ sich nicht erpressen, warf dem Mauren sein Schwert zu, auf das er seinen Sohn töte. Der Maure Schritt zur Tat, aber Guzman rettete die Stadt. Seine riesige Statue würden wir sicher später noch sehen.

Cowboys and -girls

Völlig geplättet steuern wir ein Café an und lassen erst mal die ganzen Eindrücke sacken. Was für eine Stadttour! Eine halbe Stunde verbummeln wir mit Kaffee, Wasser und Bocadillos, dann hat Marco Hummeln im Hintern. Es gibt schließlich noch viel zu sehen, auch wenn wir Felipe nicht mehr an unserer Seite wissen. Wir haben die Kathedrale noch nicht bestaunt, müssen Guzmáns Statue aufspüren und wer weiß, was wir sonst noch so verpasst haben.

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Im Uhrzeigersinn: Kuh, Audrey, Thijs, Marco

Wir finden einen Weg zurück in die Stadt, der am Fluss entlang führt und schlendern gemütlich durch die Sonne. Gerade ist mal kurz Ruhe eingekehrt, da entdecke ich zwei Holzkühe am Wegesrand. Keine Frage, dass ich mich auf die eine raufschwingen muss. Und weil es ein so großartigesg Motiv ist, folgen mir auch die beiden Herren. Wie es sich für echte Cowboys und -girls gehört, kommt es zum Shooting, wenn auch nur zum Fotoshooting.

Als wir unseren Weg in Richtung Stadt einschlagen, stehen wir tatsächlich plötzlich im Schatten der überdimensionalen Statue zu Ehren des guten Guzmán. img_3955Von kleinen Wasserfontänen umgeben holt er aus, um uns sein Schwert entgegenzuschleudern.

Als wir dann endlich vor der weltberühmten Kathedrale ankommen, gibt es einen kleinen Rückschlag. Sie hat leider schon geschlossen. Wir entscheiden spontan, dass wir sie uns morgen früh anschauen werden, auch wenn das heißt, dass wir erst später aus León aufbrechen können. Aber die Stadt verlassen, ohne in der Kirche gewesen zu sein, kommt absolut nicht in Frage.

Marco hat die rettende Idee: sie haben eine sehr nette Hospitalera in ihrer Unterkunft. Die wird er bitten, dass sie uns hilft, für Morgen drei Betten im nächsten Ort zu reservieren. Ich muss zugeben, dass ich kurz innerlich zucke. Reservieren ist auf meiner Geht-gar-nicht-Liste ganz oben. In Anbetracht der Situation diagnostiziere ich mir aber mildernde Umstände und stimme zu.

Schiefer Haussegen

Während die beiden Herren in die Unterkunft gehen, um das kurz zu klären, warte ich in einem Café und nutze die Zeit, um meinen Freund anzurufen. Das Gespräch läuft leider ganz anders ab, als erwartet. Er ist gerade auf Mallorca und schreibt an seiner Masterarbeit, weil er zumindest ein bisschen Urlaubsgefühl in dieser stressigen Zeit haben will. Als ich wissen will, wie es läuft, kommt es völlig aus dem Nichts zum Streit. Ich könne mir meine Höflichkeitsfloskeln schenken. Es würde mich doch eh nicht interessieren. Nie würde ich mal weiter nachfragen.

Wir reden aneinander vorbei. Ich verstehe sein Problem nicht, er meine Situation nicht. Ich erlebe jeden Tag so viel und möchte die Eindrücke mit ihm teilen. Für mich ist jede WhatsApp, die ich ihm schicke, ein Beweis dafür, dass ich an ihn denke. Er hingegen wirft mir vor, dass das total faktenorientierte Berichte seien. Unsere Beziehung sei gerade völlig oberflächlich.

Ich bin total vor den Kopf gestoßen. Ich denke jeden Tag mit einem warmen Gefühl an ihn, zünde immer wieder in den Kirchen Kerzen an, in der Hoffnung, dass unser Projekt aus zwei mach drei nach meiner Rückkehr erfolgreich sei. Aber anders als er bin ich natürlich nicht in unserer Wohnung, in unserem Alltag. Ich habe hier so viele Eindrücke zu verarbeiten, dass ich gar nicht dazu komme, Dinge in Frage zu stellen oder zu durchdenken. Wieso auch. Ich dachte, alles sei prima. Hab ich mich wohl getäuscht. Der Stress durch die Masterarbeit kommt sicher noch on top, zumal ich inzwischen seit vier Wochen weg bin. Mein Freund ist für mich eine Konstante. Dass sich diese Konstante in meiner Abwesenheit vielleicht auch ändert, ist mir bisher nicht in den Sinn gekommen. Frustriert und verärgert beende ich das Gespräch.

Als Thijs und Marco zurückkommen und begeistert bestätigen, dass wir alle morgen ein Bett im nächsten Ort haben, kann ich mich nicht so richtig freuen. Was los sei, will Marco wissen. Ich sage, ich hätte mich gerade mit meinem Freund gestritten und das ärgere mich. Er geht auf das Thema gar nicht ein und fragt mich lediglich „Where are you?“ und ich so: „??? In Leon?!“ Darauf sagt Marco: „No, you are here.“ Er wartet kurz, fragt mich dann, wie spät es sei, bzw. sagt: „What time is it?“ Ich schaue also pflichtschuldigst auf mein Handy und sage, es sei sechs Uhr. Er schaut mich zweifelnd an und sagt: „No, it is now.“

Dumme Sprüche sind genau das, was mir gerade fehlt, aber Marco lässt sich nicht beirren. „We are always in the here and always in the now.“ Und ich sei mit meinen Gedanken gerade weder im Hier noch im Jetzt. Ich argumentiere dagegen an, dass ich natürlich gedanklich gerade woanders sei, aber ernte nur ein Schulterzucken. Ich solle aufhören, mich über etwas zu ärgern, dass ich im Hier und Jetzt nicht lösen könne.

Wir nehmen die letzte Kirche in Angriff, San Isidoro, ein Meisterwerk romanischer Baukunst.img_3963 Im Vergleich zu dem, was wir heute schon gesehen haben, kann sie nicht mehr punkten, auch wenn ich später gelesen habe, dass sie über fantastische Wandmalerei verfügt, die ich offensichtlich einfach nicht gesehen habe. Thijs und ich sind fertig vom Tag und gehen recht schnell wieder raus, und so hocken wir vor der Kirche, während Marco drinnen nach der nächsten Maria Magdalena Ausschau hält. Ich mag den gut aussehenden Niederländer, der eine solche Ruhe ausstrahlt und immer sanft und gut gelaunt ist. Ich habe ab dem Moment, wo ich ihn getroffen habe, große Sympathien für Thijs gehegt. Umso mehr habe ich mit ihm gelitten, wenn er müde war oder auch, als er krank war.

Unsere Unterhaltung nimmt schnell eine überraschende Wendung, denn er erzählt mir von seiner Frau, die in der Zeit, bevor sie ihn kennenlernte, einen schrecklichen Schicksalsschlag verkraften musste. Als er zu Ende erzählt hat, schaut Thijs mich verwundert an und sagt, diese Geschichte habe er eigentlich noch niemandem anvertraut. Er wisse gar nicht, wieso er mir das gerade erzählt habe. Dabei sei es noch nicht einmal seine, sondern die Geschichte seiner Frau. Ich fühle mich geehrt, so wie ich mich eigentlich immer geehrt fühle, wenn mir Menschen ihre Geschichten anvertrauen (einer der Gründe, weswegen diese Geschichte auch hier nicht weiter ausgeführt wird).

Nicht viel später kommt Marco aus der Kirche und hat für heute genug gesehen. Wir gehen noch gemeinsam in einem Restaurant essen, das sich direkt hinter dem Engel-Brunnen befindet. Ich finde eine richtig gute Option zum obligatorischen Pilgermenü, denn hier gibt es ausgefallene Salate. Ich bestelle einen riesigen Berg Grünzeug, der mit einem Haloumi-artigen Käse und Obst daherkommt. Großartig. Ich freue mich wie ein Schnitzel. Wir verabreden uns für morgen. Ich werde die beiden an ihrer Herberge abholen, und dann schauen wir uns die Kathedrale an.

Die Kunst des Pläneschmiedens

Es ist inzwischen kurz vor neun, und ich gehe zurück in meine Herberge. Was für ein Tag das war! In meinem Zimmer ist außer Barbara niemand. Wir sind hier heute zu zweit. Begeistert zeige ich ihr die vielen Fotos von meiner Stadtführung und will dann wissen, wie der Tag mit ihrem Mann war. Barbara strahlt mich an. Sie sagt, sie habe an meinen Ratschlag gedacht und sich vorgenommen, den Moment zu genießen, statt sich nur selbst zu bemitleiden. Und das sei ihr hervorragend gelungen. Sie hätten am Anfang und am Ende ihres Treffens geweint, der Rest des Tages sei traumhaft gewesen. Außerdem hätten sie mein Stück Empanada geteilt. Sie sei mir so dankbar. Ich schiele auf die Wäsche, die gefaltet auf meinem Bett liegt und finde, dass wir aber so was von quitt sind.

Barbara holt tief Luft und sagt, sie müsse mir noch etwas erzählen. Sie habe seit gestern viel nachgedacht und wisse nun, was sie mit den ihr verbleibenden zwei Wochen tun werde. Sie würde morgen nach Astoria fahren und dort auf ihren Mann Bob warten und im Anschluss nach Santiago aufbrechen und da als Freiwillige in einer Herberge arbeiten, bis ihr Mann ebenfalls dort ankomme. Gemüse schneiden, putzen und Auskunft erteilen, das könne sie ja alles. Ich freue mich so sehr, denn ich spüre ihre positive Energie. Sie kann es kaum erwarten. Dann nimmt sie meine Hand und drückt sie. Meinetwegen habe sie aufgehört herumzujammern, sagt sie und dafür wolle sie sich bedanken. Das habe ihr den entscheidenden Schub versetzt.

Einmal mehr denke ich, dass der Jakobsweg für jeden etwas bereithält, auch wenn es erst mal gar nicht danach aussieht. Ich freue mich sehr für meine englische Mitbewohnerin, dass sie das Unternehmen Camino hoffentlich doch noch für sich positiv abschließen kann. Zu gern wüsste ich, ob der Plan aufgegangen ist. Ich habe sie nie wieder gesehen.

Ich selbst melde mich noch mal bei meinem Freund. Ich möchte nicht im Streit mit ihm zu Bett gehen. Man soll das Beste aus dem Moment machen, das habe ich ja selbst gerade noch gepredigt. Diesmal läuft das Gespräch wesentlich besser. Wir erklären beide noch einmal ruhig unsere jeweilige Situation. Ich glaube, er fühlt sich gerade etwas vernachlässigt und wenn ich ganz ehrlich zu mir bin, hat er vielleicht gar nicht so unrecht. Ich erzähle zwar viel von ihm und denke an ihn, aber ich habe weiß Gott nicht jeden Abend das Bedürfnis, mich bei ihm zu melden. Dazu gibt es einfach zu viel Ablenkung um mich herum. Als ich auflege, geht es mir jedenfalls deutlich besser als vorher.

Zeitreise

Vorwärts: Du denkst, du hast jetzt alles gesehen, was man in León sehen kann? Von wegen. Das Highlight der Kathedrale fehlt doch noch. Schau sie dir mit mir an und gehe anschließend mit mir von León nach San Martín del Camino, und erfahre, wieso es sich sogleich rächt, wenn man ein Zimmer reserviert, wieso einen ein GPS-Gerät in den Wahnsinn treiben kann und triff Sneaker-Boy.

Rückwärts: Du hast diesen Beitrag eher zufällig gelesen und fragst dich, wieso ich eine Stadtführung bekommen habe und was genau Barbaras Problem war? Dann komm doch einfach noch mal mit von Mansilla nach León und sei dabei, wenn mich das Wanderfieber packt, ich mir viel Glück kaufen kann, kein blaues Wunder erlebe, und in einen Dan Brown Roman abtauche.

Bist du heute zum allerersten Mal hier und möchtest lieber bei der ersten Etappe anfangen? Dann geht es hier entlang.

Kommentare und Ergänzungen

Warst du selbst schon mal auf dem Jakobsweg unterwegs? Hast du dir Pausentage gegönnt? Falls ja – kennst du das Gefühl, an diesen Tagen mindestens genauso viel zu laufen wie an den Wandertagen? Warst du in León? Was hat dir am besten gefallen? Warst du vielleicht sogar mit mir unterwegs? Hast du noch etwas zu ergänzen oder zu korrigieren? Ich freue mich wie immer über deinen Kommentar.

Ich muss das weitersagen
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6 Gedanken zu „Camino Frances #26: León&8220;

    1. Den Gedanken mit deinen vielen, so schön erinnerten Details wollte ich auch gerade als Kompliment äußern, also schließe ich mich hier nur allzu gern an.
      Wie machst du das nur?

Und was sagst Du?