Camino Frances #27: Von León nach San Martin del Camino

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Camino Francés - Tag 27: Von Leon nach San Martin #fernwanderung #wandern #caminodesantiago #camino #caminofrances #spanien #pilgern #kastilien #castillayleon #läuftbeiihr #leon #kathedrale

Etappe 23 auf dem Jakobsweg. Ich finde Zeus und Venus in einer katholischen Kirche, sehe ausreichend Bleiverglasung für ein ganzes Jahr, bekomme eine Reservistenstrafe, treffe den unbelehrbaren Sneaker-Boy und freue mich auf ein Wiedersehen (23. Mai 2016 – 26 Kilometer)

Nach einer herzlichen Verabschiedung von Barbara checke ich aus meiner Unterkunft aus und steuere zielstrebig das Café gegenüber an. Zu meinem Kaffee bekomme ich netterweise noch einen Churro (Fettgebäck-Kringel) umsonst. Mit so was kann man mir ja grundsätzlich große Freude bereiten. Pünktlich hole ich Marco und Thijs an ihrer Unterkunft ab und wir knöpfen uns die Kathedrale vor.

Herkules, Venus und die Frau mit dem Alabasterkrug

Die Kathedrale haut mich um, so unglaublich schön ist sie. Die Eingangsportale sind mit großer Liebe zum Detail gestaltet. Allein für ihre Betrachtung könnte man eine halbe Stunde einplanen!

Portal der Kathedrale von Leon, Camino Frances

Drinnen dann die berühmten Fenster, die in allen erdenklichen Farben im Licht funkeln. Wie mag das erst aussehen, wenn die Sonne scheint?

Fenster der Kathedrale von Leon, Camino Frances

Ich schlendere durch die Kirche, die in gerade mal 50 Jahren erbaut wurde und lasse sie auf mich wirken. img_4005

Der Bau einer Barock-Kuppel hätte sie fast zum Einstürzen gebracht. Der Bogen, der mitten in der Kirche angebracht ist und sie vermutlich stützt, ist unheimlich kunstvoll gearbeitet. img_4002Hier finden sich nicht nur christliche Symbole, sondern auch kleine, heidnische Götter.

Ich kann Herkules und Venus ausmachen. Zu gern würde ich das alles in Ruhe betrachten, denn hier gäbe es sicher noch sehr viel mehr zu entdecken. Ich werde mit Sicherheit noch einmal hierhin zurückkommen, denn Leon ist für mich auch im Rückblick die schönste Stadt auf dem zentralen Jakobsweg und lohnt definitiv auch mal einen Besuch außerhalb des Pilgerdaseins.

 

Als nächstes verliere ich mich im aufwändig geschnitzten Chorgestühl.

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Ein Vielzahl von Heiligen wurde hier ins Holz geschnitzt. Zwischen ihnen finde ich auch Marcos Maria Magdalena, zu erkennen an ihrem Alabsterkrug.

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Wenn wir doch bloß Zeit hätten und nicht noch 25 Kilometer laufen müssten. Ich weiß, das ist hier Jammern auf hohem Niveau, aber ich bin wirklich traurig, dass wir hier so im Zeitraffer durchrasen müssen. León steht auf der Liste der Städte, die ich noch einmal sehen möchte ganz weit oben.

Ein bunter Traum aus Bleiverglasung

95c46059-0174-4152-8362-0dbf14081f94Das Highlight der Kirche sind aber mit Sicherheit ihre viel gepriesenen Fenster. Ich habe noch nie etwas so Prächtiges gesehen. Die Nordseite, auf die die Sonne nie scheint, zeigt in ihren Fenstern Propheten und Szenen aus dem Alten Testament.

Die sonnenbeschienene, gegenüberliegende Seite widmet sich dem Neuen Testament. Anders als ihre Kollegen aus dem Alten Testament haben die hier abgebildeten Figuren durch Jesus das Licht bereits gesehen. Wie beeindruckend, einem Bauwerk so viel Symbolik mitzugeben.

Aber nicht nur die Fenster verleiten mich stellenweise dazu, den Mund sperrangelweit auf zu lassen. Auch in dieser Kirche gibt es einmal mehr viele wunderschöne Statuen.

Eine schwangere Maria rührt mich zu Tränen, weil sie so schön ist, so liebevoll schaut und so stolz ihre Hand auf ihren gewölbten Bauch gelegt hat. Gedankenverloren stehe ich vor ihr und denke an mich und meinen Freund und an mein kleines Patenkind, das noch nicht auf der Welt ist, aber Ende August kommt.

Schwangere Maria in der Kathedrale von Leon, Camino Frances

Nach einer Stunde Besichtigung im Schnelldurchlauf müssen wir laut Marco los. Wir werfen noch schnell einen Blick auf den Kreuzgang. Auch hier weiß man wieder gar nicht, wo man als erstes hinschauen soll. Wir sehen kunstvoll gearbeitete Figuren im Gang und aufwändige Stuckarbeiten im Gewölbe.

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Schnell greifen wir noch einen Stempel für den Credencial ab, dann machen wir uns auf den Weg.

Reservisten-Strafe auf dem Jakobsweg

Ach, hätte ich doch in meinen Reiseführer geschaut, bevor ich die Planung an Marco abgab oder wenigstens bevor wir losliefen. Stattdessen folge ich blind der blau wattierten Jacke des Niederländers, der wiederum von seinem GPS-Gerät geleitet, voranschreitet. Es geht bergauf, entlang der Straße und raus aus Leon.

Normalerweise verlässt der Weg dann recht bald die städtische Nähe, doch diesmal nicht. Wir bleiben an der Straße. Für ganze 25 Kilometer, wenn man die zehn Minuten rausrechnet, in der wir an so etwas ähnlichem wie Natur vorbei kommen und eine geschmacklose Pilgerfigur an einem kleinen Teich in Augenschein nehmen dürfen.

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Als ich bei einer Kaffeepause endlich in meinen Outdoorführer schaue, lese ich, dass diese Strecke nur echten Masochisten und Autoliebhabern sowie denen vorbehalten sei, die schlimm gesündigt hätten. Marco will von alledem nichts wissen. Papperlapapp. Diese Strecke sei 3,4 Kilometer kürzer als meine Alternativroute. Das wäre doch Schwachsinn, wenn man einen solchen Umweg laufe, wenn man auch schneller ans Ziel komme, nur weil es dann etwas schöner wäre. So schlimm sei das alles nicht.

Das sehe ich anders und erkenne für mich, dass das dann wohl meine Strafe für das Reservieren des Bettes ist, gegen das ich mich sonst immer so sträube. Ich füge mich also in mein Schicksal.

Jakobsweg für Masochisten und Sündiger - Camino Frances hinter Leon

Von halb zwölf bis halb sechs latschen wir durch die Tristesse, angetrieben von Marcos GPS, zwischendurch immer wieder von ihm informiert über unser aktuelles Durchschnittstempo (zwischen 5 und 5,5 km/h) und grundsätzlich ca. 30 Meter hinter Marco.

Ich kotze richtig schön ab. Was für eine Tortur. Das ist das erste und letzte Mal, dass ich mit den beiden laufe. Ich möchte weder den kürzesten Weg gehen, noch möchte ich Rekorde aufstellen und mir die ganze Zeit von Susi sagen zu lassen, wo es langgeht, ist auch nicht mein Ding. Für Thijs hingegen ist es nach eigener Angabe einer der entspanntesten Märsche, seit er auf dem Jakobsweg unterwegs ist, wie er mir erzählt, während wir versuchen, mit Marco Schritt zu halten. Der gibt sich heute ausnahmsweise mit einem Tempo unter 6 km/h zufrieden und fragt sogar ab und zu, ob es okay ist, während Thijs seinen Ohren nicht traut. Ich scheine einen wirklichen Stein bei Marco im Brett zu haben, sagt er, denn ihn würde er nie fragen, ob das Tempo okay sei.

Wir lachen beide und trotten – ach was – hetzen weiter hinter Marco her. Endlich bietet sich uns mal die Gelegenheit, länger miteinander zu sprechen. Thijs erzählt mir die unglaublichsten Geschichten aus 70 Jahre prallem Leben. Er berichtet anschaulich von seiner Zeit als Reiseführer (wo er Marco kennen gelernt hat – sie waren Kollegen) und erzählt von Abenteuern in Peru, auf den Galapagos Inseln, Kenia und Tansania. Ich mache mit ihm eine kleine Weltreise. Er spricht über seine Zeit als Fußball-Spieler und von dem herben Rückschlag, als er wegen einer Knieverletzung seinen Job als Fitnesstrainer an den Nagel hängen musste und dann auf Recht umschulte. Weil er zu der Zeit schon ein Haus hatte, das abbezahlt werden musste, brauchte er den Job als Reiseleitung, um das Geld aufbringen zu können. Und er erzählt, wie er bei den olympischen Spielen seine große Liebe kennengelernt hat. Mir schlackern die Ohren.

Ich bin ja eh ausgemachter Fan von Thijs, aber ich hatte keine Ahnung, was er alles erlebt hat. Endlich kommt er mal länger zu Wort. Ich bewundere ihn jeden Tag dafür, dass er neben Marco so ruhig bleibt und sich von dessen Temperament nicht in den Wahnsinn treiben lässt. Aber auch Marco lerne ich immer besser kennen und schätzen. Der Auswanderer, der in Santa Monica lebt, mag zwar einen Diktator und einen Klugscheißer in sich haben, aber er hat ein verdammt großes Herz. Und auch er taut langsam auf und gibt ein wenig von sich preis.

Der unverbesserliche Sneaker Boy

Um halb sechs kommen wir in San Martín an. Unsere Unterkunft ist okay. Es gibt eine große Rasenfläche mit Sitzgelegenheiten vor den Zimmern. Hier treffe ich Bo aus Schweden wieder, der sich sichtlich freut, mich zu sehen. Abendessen gibt es vor Ort. img_4016Die Hospitaleros haben eine riesige Paella gekocht, die es mit der Paella vom Eurovision Song Contest hinsichtlich ihrer Größe durchaus aufnehmen kann.

An meinem Tisch sitzen ein Koreaner, der mir Fotos seiner verschneiten Heimat sitzt, ein Mann aus Singapur, zwei Italiener und zwei Deutsche. Der eine von ihnen hat eine salbungsvoll ruhige Art an sich, die mich fast in den Wahnsinn treibt. Der andere, ein Typ Anfang 20, ist das genaue Gegenteil. Er ist seit zwei Tagen unterwegs und völlig angeknipst. Er fragt mich dauernd Sachen, die ich nach fast vier Wochen auf dem Jakobsweg natürlich gern beantworte, nur um dann von ihm gebremst zu werden, denn de facto weiß er eh alles besser. Sein Cousin ist nämlich auch schon den Jakobsweg gelaufen (um genau zu sein ganze 200 Kilometer).

Es kommt zum Mini-Eklat als mich der Typ auslacht, weil ich in richtigen Wanderschuhen laufe. Das sei ja totaler Quatsch. Die brauche man nicht. Sein Cousin habe den Jakobsweg (ich wiederhole mich, 200 Kilometer) nur mit Sneakern gelaufen und deswegen habe er selbst NATÜRLICH ebenfalls nur Turnschuhe mitgenommen.

Ich verkneife mir eine scharfe Antwort genauso wie lautes Gelächter und sage nur huldvoll, ein jeder müsse den Weg auf seine Art gehen, lasse aber nicht unerwähnt, dass ich schon an vielen Stellen froh war, meine robusten Wanderschuhe dabei zu haben – etwa in den Pyrenäen, die sein Cousin ja nicht gemacht habe, oder auch immer dann, wenn es auf Schotter abwärts ging oder wenn es matschig war. Sneaker-Boy nimmt es zur Kenntnis, bleibt aber vorerst bei seiner Meinung. Die wird er in wenigen Tagen schmerzlich revidieren, aber ich will nicht vorgreifen.

Wiedersehen mit alten Freunden

Nach dem Essen sitze ich noch mit Thijs und Marco, die beim Essen an einem anderen Tisch gelandet waren, zusammen. Während wir quatschen, erhalte ich eine Nachricht von Rob. Er ist nach wie vor in Astorga. Das ist mein angepeilter Zielort für morgen. Rob laboriert gerade an einer Schienbeinentzündung herum, die ihn vom Laufen abhält. Die Umstände sind zwar unschön, aber ich freue mich tierisch, meinen Lieblingsbegleiter wiederzusehen. Er möge den Rosado schon mal kalt stellen, trage ich ihm auf. Ich werde natürlich in seiner Unterkunft absteigen und dann machen wir uns einen schönen Abend.

Zeitreise

Vorwärts: Du willst wissen, wie das Wiedersehen mit Rob wird? Dann komm mit mir von San Martin nach Astorga, wo ich die schönste Liebesgeschichte auf dem ganzen Jakobsweg höre, gleich zwei alte Bekannte wiedertreffe, einen zusätzlichen Stein in meinen Rucksack packe und feststellen darf, dass mein Leben offensichtlich ziemlich großartig ist.

Rückwärts: Du hast diesen Beitrag zufällig gefunden und wunderst dich, wieso wir heute Morgen im Schnelldurchlauf die Kirche angeschaut haben, obwohl wir gestern einen Pausentag hatten? Dann komm noch mal mit nach León und schau dir klassische Touri-Bilder an, besichtige mit mir Kirchen, finde geheime Orte, reite eine Kuh, lerne, dass man ein Denkmal bekommt, wenn man sein Kind umbringen lässt und dass man immer im Hier und Jetzt ist, auch wenn der Haussegen schief hängt.

Bist du heute zum allerersten Mal hier, hast keine Ahnung, wer Rob ist und möchtest lieber bei der ersten Etappe anfangen? Dann geht es hier entlang.

Kommentare und Ergänzungen

Warst du selbst schon mal auf dem Jakobsweg unterwegs? Hast du auch Leute getroffen, die alles besser wussten? Was wäre dein persönliches Camino-Learning, das du anderen gern mit auf den Weg geben würdest? Und wie sehr verlässt du dich auf die gelben Pfeile? Reichen sie dir oder sicherst du dich lieber mit Technik ab? Warst du vielleicht sogar mit mir auf diesem Stück unterwegs? Hast du noch etwas zu ergänzen oder zu korrigieren? Ich freue mich wie immer über deinen Kommentar.

Ich muss das weitersagen
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5 Gedanken zu „Camino Frances #27: Von León nach San Martin del Camino&8220;

  1. Cliffhanger kommt wohl noch 😆. Gute Rückreise vom Norte.
    Mittlerweile gelernt: Jeder Tag auf dem Camino ein völlig neuer, anderer Tag.
    R

  2. Hi Audrey a few rectifications. Marco lives in Santa Monica Los Angeles. I met my wife during the Olympics of 1984 in Los Angeles Thanks for being discrete and for your extensive report of events

Und was sagst Du?