Wir sind Eins

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Ein kleiner Blog feiert Geburtstag, lässt sich die letzten zwölf Monate durch den Kopf gehen, wird ein wenig sentimental, sehr stolz und will bald auf eigenen Beinen stehen.

Gestern auf der Couch hat es mich wie der Blitz getroffen. Mir fiel siedend heiß ein, dass ich fast einen wichtigen Geburtstag vergessen hätte. Ich bin extrem schlecht mit Daten – Jahrestage und Geburtstage dringen meist zu mir durch, wenn sie gerade vorbei sind.

Diesmal ist es gerade noch mal gutgegangen. Unglaublich, aber wahr, der Blog und ich werden heute tatsächlich ein Jahr alt. Wie die Zeit vergeht! Was bist du nur groß geworden! Worte, wie man sie sonst von der ältlichen Verwandtschaft kennt, passen auch in diesem Fall. Herzlichen Glückwunsch, kleiner Blog, du hast das Jahr überlebt.

Wie alles begann

Ich erinnere mich sehr gut daran, wie ich letztes Jahr allen Mut zusammennahm und beschloss, meinen eigenen Blog zu starten. Auslöser war die recht überschaubare Anzahl an Erfahrungsberichten über den Rheinsteig als Fernwanderung aus einem Guss und die sehr rar gesäten Blogs, die über den Mosel-Camino berichteten.

Blogs hatten mir zwei Jahre zuvor geholfen, mich über mein anstehendes Projekt Jakobsweg schlau zu lesen. Mir ging es weniger um das „Wo muss ich lang“ als um das so viel wichtigere „Wie fühlt es sich an“. Und so las ich die Berichte von Leuten, die diesen Weg vor mir gegangen waren, fieberte mit ihnen mit, erfuhr im Vorhinein, worauf ich würde achten müssen, las Packlisten und bekam auf der heimatlichen Couch einen Eindruck, was mir bevorstehen würde, worauf ich mich freuen könnte und wie es sich anfühlen würde, aus dem Rucksack zu leben.

Natürlich kann einem niemand die eigenen Erfahrungen abnehmen, auf alles vorbereiten und einen Dinge so fühlen lassen, wie man sie dann später selbst empfindet, aber man bekommt eine ungefähre Idee und im Bestfall jede Menge Inspiration. Hätte ich im Sommer 2018 solche Erfahrungsberichte vorab gelesen, hätten sie mir ein paar Überraschungen auf Deutschlands Wegen erspart. Ich hätte gewusst, dass ich mich auf ein recht teures Vergnügen einließe, dass es von Einsamkeit geprägt sein würde, dass das Frühstück in den meisten Fällen auch das Mittagessen wäre etc. Vielleicht hätte ich mich gegen das Projekt entschieden. Doch es gab sie nicht oder ich fand sie nicht.

Als ich 500 Kilometer später wieder zurück in Hamburg war, nahm ich mir vor, das zu ändern, von meinen Erlebnissen zu erzählen, meine Erfahrungen zur Verfügung zu stellen und vielleicht anderen das Projekt zu erleichtern oder sie im Bestfall sogar zu inspirieren – falls denn jemand meine Zeilen finden und lesen würde. Ein bisschen Zeit hatte ich, denn zwischen dem letzten Tag meiner Wanderung und dem ersten Tag im neuen Job lagen zwei Wochen – genug, um mit meinem Wanderblog zu starten.

Ein Dank an die Taufpaten

Ich habe immer gern geschrieben und wollte damit lange sogar meine Brötchen verdienen, aber es kam anders. Mit dem Blog holte ich mir dieses Hobby nun zurück. Gut für mich, dass eine gute Freundin bereits seit Jahren einen Literaturblog ihr Eigen nennt. Sie konnte mir bei den ersten Schritten helfen. Welcher Anbieter, was muss man beachten, wie geht das alles – danke, Miriam.

Mir war klar, dass ich wohl kaum davon ausgehen könnte, dass andere Leute meine Beiträge von selbst finden würden, sondern dass ich da schon selbst für sorgen müsste. Ich nutzte erst Twitter, später Instagram und Facebook-Gruppen, um Fernwanderungs- oder Jakobswegbegeisterte ausfindig zu machen. Gut für mich, dass ich mit der @SchlimmeHelena eine Freundin habe, die auf Twitter ordentlich Gewicht hat und die netterweise meine ersten Gehversuche retweetete. Und dann ging es auch schon los. Ende Oktober beobachtete ich fasziniert, wie erste Klicks auf dem Blog landeten und die Follower bei Twitter langsam mehr wurden.

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Immer noch mein Lieblingsbild vom Mosel-Camino

Als ich anfing, hatte ich mir vorgenommen, nach Fertigstellung der Mosel-Camino-Beiträge zu entscheiden, ob ich weitermachen würde. Ich machte weiter, denn der Spaß am Schreiben blieb und es gab tatsächlich Leser. Als sich dann auch der Rheinsteig dem Ende näherte, erhielt ich erste vorsichtige Nachfragen, wie es danach weitergehen würde. Man freue sich jede Woche auf einen neuen Bericht. Ich hatte mich das selbst schon gefragt und schnell stand fest, dass ich mir als nächstes die Wanderung vorknöpfen würde, die alles verändert hatte, ohne die ich nie auf den Geschmack von Fernwanderungen gekommen wäre und ohne die es also auch diesen Blog nicht gäbe: meine 800 Kilometer auf dem Camino Frances von Saint Jean Pied der Port nach Santiago.

Herzensangelegenheiten

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Tag 1: Camino Frances

Mit den Berichten über diesen Weg habe ich noch mal ein neues Level an Freude erreicht. Es ist eine kleine Zeitreise und ich wundere mich oft selbst, wie gut ich die einzelnen Tage erinnern kann, die immerhin zweieinhalb Jahre zurückliegen. Meine vielen Fotos, die WhatsApp-Nachrichten und vor allem mein Tagebuch unterstützen. Doch je mehr ich mich unter der Woche mit der jeweiligen Etappe beschäftige, desto mehr Details fallen mir wieder ein, Details, die ich nirgendwo notiert habe. Und mit der Erinnerung stellt sich auch das Gefühl wieder ein, das ich auf dem Jakobsweg hatte, eine Zeit, die ich als die wohl beste meines Lebens betrachte.

Dieser Weg war ein ganz besonderes Erlebnis, und ich freue mich, genau dieses nun mit anderen zu teilen. Ich wusste anfangs nicht, ob ich so viel Persönliches preisgeben wollte. Ich war mir auch nicht sicher, ob es wirklich Menschen gäbe, die Lust hätten, sich Woche für Woche mit mir von Etappe zu Etappe zu hangeln. Wir reden hier immerhin über mehr als 40 Tage. Es gibt sie. Und es werden immer mehr. Völlig verrückt.

Es geht soweit, dass mir (fremde) Leute Samstags schreiben, dass sie sich auf den nächsten Tag freuen, weil da wieder ein Beitrag kommt oder mich Sonntags bei Twitter antickern, wie lange es denn bitteschön noch dauert, bis ich endlich die aktuelle Etappe hochlade (Ralph!). Ich kann gar nicht sagen, wie sehr mich das freut, auch wenn mich meine eigene Disziplin an dem ein oder anderen Sonntag nervt.

Immer wieder sonntags

Ich habe mir letztes Jahr vorgenommen, einmal in der Woche zu veröffentlichen; steter Tropfen und so. Der Sonntag hat sich seit Woche Drei gehalten. Egal ob im Urlaub, beim Wandern, mit Kater oder absoluter Lustlosigkeit: ich habe in 52 Wochen nur einmal NICHTS am Sonntag veröffentlicht. Zu meiner Ehrenrettung sei gesagt, dass ich an dem Tag kein Internet hatte.

So sehr ich manchmal freitags stöhne, wenn ein Beitrag noch nicht fertig ist und ich dann wohl einen Abend zuhause bleibe, statt auszugehen, so sehr hilft mir dieses Ritual und das Wissen, dass Leute auf den Beitrag warten, dann auch wirklich dran zu bleiben. Der Großteil meiner Texte entsteht übrigens in der U-Bahn auf dem Weg zur Arbeit oder zurück nach Hause. Das Finetuning mache ich dann am Wochenende. Insgesamt investiere ich ungefähr acht Stunden pro Beitrag, Twitter und Co miteingerechnet. Kurz und knackig liegt mir einfach nicht. Von Anfang an war klar, dass ich im Tagebuch-Stil jede Etappe separat vertexten werde. Und gerade die leicht überflüssigen Details drum herum sind es ja, die es hoffentlich für den Leser nachvollziehbar machen. Mein einmaliger Versuch, eine 4-Tages-Tour in einem Beitrag abzufrühstücken, ist gnadenlos gescheitert.

Daten und Fakten

Und jetzt ist ein Jahr rum. 57 Artikel, 17.550 Klicks und 5.300 Besucher später kann ich die Resonanz immer noch gar nicht fassen. Der Blog hatte Aufrufe auf allen fünf Kontinenten und Leser aus 55 Ländern, darunter Exoten wie Ghana, Bolivien, Taiwan oder Nicaragua. Die Top 5 sind Deutschland, Österreich, Niederlande, USA und die Schweiz. Die meisten Leser kommen über Facebook, gefolgt von Suchmaschinen, WordPress und Twitter. 43 von ihnen haben den Blog sogar abonniert.

Der meist geklickte Beitrag ist mein Start auf den Camino Frances, obwohl der noch gar nicht so alt ist.

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Der Rheinsteig hatte auch seine Highlights

Der Rheinsteig ist hingegen nicht so wirklich populär, aber vielleicht kommt seine Zeit ja noch.

Es gab 431 Likes und 297 Kommentare. Die meisten Reaktionen erhielt ich auf zwei Artikel, die nichts mit Wandern zu tun hatten: mein Beitrag über Heimat und der Bericht über das Reiseblogger-Barcamp.

Am häufigsten kommentierten Aurora und Ralph, zwei Menschen, die ich beide noch nie persönlich getroffen habe, die mir aber auf digitale Art ans Herz gewachsen sind. Mit Aurora verbindet mich der Rheinsteig, denn auch sie hat ihn Etappe für Etappe erwandert und darüber auf ihrem Blog berichtet, allerdings verteilt über mehrere Monate. So gerieten wir in einen regelmäßigen Austausch, der bis zu einem Telefonat führte, in dem sie mich um Gepäck-Tipps für eine Mehrtageswanderung bat und sich später per guter, alter Postkarte bei mir bedankte.

Ralph hat mich angeschrieben, als er gerade im Bus von Berlin nach Koblenz saß, um mir mitzuteilen, dass das an meinem Blog läge. Nachdem er und seine Begleitung die Berichte über den Mosel-Camino gelesen hätten, sei die Wahl auf diese Fernwanderung gefallen. Ich bekam dann von unterwegs immer wieder Updates über ihre Tour, was mich sehr gefreut hat. Was für ein tolles Gefühl, jemanden so inspiriert zu haben!

Zukunftsmusik

Jetzt ist das Jahr rum, Audrey im Wanderland aus den Kinderschuhen raus. Der nächste Schritt, vor dem ich ein wenig Muffe habe, ist der Umzug des Blogs auf seine eigene Domain. Die Vorbereitungen laufen gerade an. Ich fand die WordPress-Gratis-Variante für den Anfang wirklich großartig. Sie ist absolut idiotensicher und gerade wenn man noch nicht weiß, ob und wie lange man Spaß an seinem eigenen Blog habt, ist das ein perfekter Einstieg. Bei mir wird es jetzt Zeit für ein bisschen mehr Selbstständigkeit.

Wie geht es weiter? Sicher ist, es geht weiter. Mit dem Camino Frances werde ich Anfang nächsten Jahres fertig sein. Von hinten drängeln schon der portugiesische Jakobsweg, den ich im Frühjahr 2017 gelaufen bin, der Harzer-Hexen-Stieg aus diesem Sommer und meine gerade erst erfolgten 13 Tage auf dem Camino del Norte, die ich teilen will. Das allein ist Stoff für ein weiteres Jahr.

Ich würde außerdem gern die Menschen, die ich auf meinen Jakobswegen getroffen habe und von denen einige tatsächlich mitlesen (Grüße u.a. an Rob, Maria, Kati, Thijs und Wim, von denen ich es weiß), über ihre Erfahrungen berichten lassen, würde gerne eine Blogparade zum Jakobsweg machen und zudem denke ich immer wieder darüber nach, meine Beiträge in einem Podcast nachzuerzählen. Eine offizielle Facebook-Seite will ich auch noch starten. Und und und.

Das Alles wäre nicht passiert, wenn die Resonanz nicht so toll gewesen wäre. Ich danke euch für euer Lesen, eure Anmerkungen, Korrekturen, Ideen, Fragen und dafür, dass ihr Woche für Woche wiederkommt. So macht Schreiben wirklich Spaß.

Ich muss das weitersagen
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13 Gedanken zu „Wir sind Eins&8220;

  1. Liebe Audrey,

    herzlichen Glückwunsch zum Bloggeburtstag! Gut, dass der Blog dieses erste schwere Jahr überstanden hat und damit die vielleicht größte Hürde genommen hat, um ein erfülltes, langes Leben zu haben. Ich gebe zu, nicht jeden deiner Beiträge zu lesen, allerdings erfreut mich dein lebendiger Schreibstil jedes Mal aufs Neue, wenn ich es denn doch tue! Vielen Dank dafür.

    Ich bin sicher, wir sehen uns bald mal wieder – in dem halben Jahr hat sich auf unseren beiden Newcomer-Blogs ja viel getan. Ein weiterer Austausch wäre klasse!

    Liebe Grüße
    Romy

    1. Romy, vielen Dank für deine Glückwünsche, wir sehen uns auf jeden Fall wieder. Du wirst schließlich immer in die Geschichte eingehen als mein erstes Blogger Blind Date. Vielleicht kommst du ja zum nächsten Reiseblogger-Barcamp vom 12.-14. April?
      Schönes Wochenende,
      Audrey

  2. Liebe Audrey,
    herzlichen Dank für die liebe Resonanz zur Resonanz.
    Und nun bin ich sogar noch Protagonist in deinem Projekt geworden, das freut mich ganz besonders. 🙂
    Ich hoffe, die Fernseh-Scouts und Reisebuch-Verleger finden dich im nächsten Jahr… du liebst ja auch das Publikum – und das darf doch gern noch viel größer werden. Verdientermaßen. Viel Erfolg weiterhin.
    Liebe Grüße aus B
    Ralph

    1. Lieber Ralph, die Resonanz auf die Resonanz ist ja wohl das mindeste. Deine Nachricht hat mich damals wirklich über die Maßen gefreut. Ob ich Fernseh-Scouts und Reisebuch-Verleger auf mich aufmerksam machen möchte, weiß ich noch gar nicht. Ich bin ja aktuell sogar immer noch skeptisch, Kooperationen zu machen, weil ich es wichtig finde zu schreiben, weil es mir so gut gefallen hat, nicht weil mir jemand Anreise und Unterkunft gestellt hat 🙂

  3. Gratullation zum ersten Jahr. Dein Blog gab mir eine Menge Motivation für meinen eigenen Camino und dafür, meinen verstaubten Blog wieder aufleben zu lassen. Du hast wirklich ein super Konzept, von dem ich kräftig abgekupfert habe. Ich hoffe, das ist OK. Ich denke, da kommt noch viel.

    1. Danke, Markus. Ich werde deiner Bitte, mir deinen Blog mal en Detail anzuschauen, bald mal nachkommen. Dann mache ich mir einen Eindruck davon, wie sehr du abgekupfert hast. Mal schauen, ob ich das dann schmeichelhaft oder unverschämt finde 😉

  4. Liebe Audrey,
    stimmt, es war im letzten Oktober, als ich deinen allerersten Beitrag las. Ich erinnere mich noch gut. Seitdem bin ich süchtige Anhängerin der Sonntagszeitung, … äh Blogbeiträge 🙂
    Meinen herzlichen Glückwunsch zu deinem Bloggeburtstag!
    Gruß
    Aurora

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