Camino Frances #33: Von Trabadelo nach O Cebreiro

1+
Camino Frances - Tag 33: Von Trabadelo nach O Cebreiro #caminodesantiago #camino #caminofrances #Santiago #fernwanderung #wandern #spanien #pilgern #santiagodecompostella #finisterre #fisterra #galicien #galicia #outdoor #outdoorblog #outdoorblogger #reiseblogger #wanderblogger #wanderblog #reiseblog #läuftbeiihr

Etappe 29 auf dem Jakobsweg verschafft mir einen letzten Höhenflug, begrüßt mich mit galicischem Dauerregen, bietet ganz großes Kino und ermöglicht mir eine Nacht mit den 77 Zwergen im Hobbit-Dorf zu den Klängen von Riverdance (29. Mai 2016, 20 Kilometer, 725 Höhenmeter)

Die Übernachtung Bett an Bett mit meinem ganz besonderen Freund Eisklötzchen-Ignorant ist eine helle Freude. Hell im wahrsten Sinne, denn der Schein seiner Taschenlampe begleitet mich durch die ganze Nacht, während er das Happening mit lautstarkem Schnarchen begleitet. Ich bin mehrfach kurz davor, seine Lampe eigenhändig auszumachen, doch er hält sie so eng umklammert, dass ich dazu wohl oder übel mehr Körperkontakt aufbauen müsste, als mir lieb wäre. Es ist mir selbst ein Rätsel, weswegen man auf rücksichtslose Menschen Rücksicht nimmt, aber gut. Ein paar zusätzliche Karmapunkte schaden vermutlich nie.

Dem Regen entgegen

Um sechs stehe ich auf. Ich will früh los, wissend, dass es erst ab zehn regnen soll. Mein Rucksack ist inzwischen trocken und meine Schuhe haben, dem Zeitungspapier sei Dank, einen nur noch leicht klammen Zustand angenommen. img_4110Draußen ist es zwar enorm wolkig, aber trocken, und so kann ich wenigstens heute ein Foto von dem hübschen, kleinen Kirchlein machen, das direkt vor meiner Herberge steht.

Der Camino führt mich durch Felder, am Horizont die grünen, galicischen Berge. Die werde ich heute noch näher kennenlernen. O Cebreiro, das legendäre Dorf, liegt auf der letzten, krassen Erhebung, die es auf dem Weg nach Santiago zu meistern gilt, auf 1300 Metern. Aktuell befinde ich mich ca. 575 Meter über dem Meeresspiegel. Das Wetter wird entscheiden, wie weit ich heute gehe. Vielleicht an den Fuß des Berges, vielleicht bis auf seine Hälfte, nach La Faba, eventuell sogar ganz nach oben. Ein Ziel habe ich wie immer nicht.

Zu meiner großen Freude komme ich um halb acht an einer offenen Bar vorbei. Heute ist Sonntag, mit so viel Glück hatte ich gar nicht gerechnet. Drinnen ist es dunkel, die Bedienung putzt noch die Reste von gestern weg, ist aber gern bereit, mir einen Kaffee samt O-Saft zu zaubern. Ich lese mich durch die nächsten Streckenabschnitte. Wie schön! Ein geradezu idyllisches Stück am Rande einer Autobahn wartet auf mich.

Als ich das Café verlasse, setzt augenblicklich Nieselregen ein, dabei ist es noch nicht mal acht. Auf den Wetterbericht ist auch kein Verlass – von wegen vor 10 Uhr kein Regen. Oder ist es so, dass in Galicien Niesel nicht als Regen zählt? Hier ist es nicht umsonst so grün. Der Region haftet der Ruf an, verregnet zu sein. Da das sanfte Tröpfeln aber im Vergleich zu gestern ein Witz ist, lasse ich mich leicht berieseln und den Poncho im Rucksack. Die Windjacke reicht. Unter dem Poncho schwitze ich eh fürchterlich. Wenn man nicht von außen nass wird, so mit Sicherheit von innen.

Mit Rucksack zu Fuß über die Autobahn

Wenig später habe ich das heutige Highlight erreicht. Ich stoße an die Autobahn (oder eine Straße, auf der wahrlich schnell gefahren wird). An der Seite sind Leitplanken, und die Autos brausen Spritzwasser aufschleudernd an mir vorbei. Als ich einen gelben Markierungspfeil sehe, der mich auffordert die Straßenseite zu wechseln, halte ich das erst für einen kleinen Scherz oder die Botschaft eines Selbstmörders. img_4111Doch so sehr ich mich auch wundere – ich muss hier tatsächlich rüber.

Verkehr von beiden Seiten, auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein pittoreskes Etablissement, das wie eine Autobahnraststätte aussieht. So stelle ich mir Wandern in der Natur vor. Einfach mal mit Gottvertrauen beherzt zu Fuß über die Autobahn, das ist also „dieses Pilgern“, von dem alle sprechen. Wie gut, dass Sonntag ist. Der Verkehr macht kurz Pause, und ich komme wohlbehalten auf der anderen Straßenseite an. Mit Rucksack rennen müssen, wäre jetzt nicht unbedingt mein Ding gewesen.

img_4112Danach verschwinde ich Gott sei Dank wieder auf einer Landstraße in der Natur. Und die Natur verschwindet in den tief hängenden Wolken. Gerade war noch einer der grünen, galicischen Berge vor mir, plötzlich wird er verschluckt. Und auch die Autobahnbrücke verschwindet vor meinen Augen. David Copperfield würde selbige vor Ehrfurcht weit aufreißen – also die Augen, nicht die Brücke. Es ist inzwischen zehn Uhr, aber die Tageszeit könnte man im heutigen Schummerlicht nicht erahnen. Ebenso gut könnte es sechs Uhr morgens oder acht Uhr abends sein.

Von Boxenstopp zu Boxenstopp

Ich komme genau im richtigen Moment in Vega de Valcare an, denn zur Abwechslung heißt es mal wieder Schleusen auf. Bei strömendem Regen rette ich mich ins nächstbeste Café. Ich ziehe kurz in Betracht, den Tag hier zu beenden und auf besseres Wetter zu warten, entscheide mich aber, meinem Bauchgefühl folgend, schnell dagegen.

Mit mir auf der Café-Terrasse sitzt ein Pärchen mit Rastas. Die beiden ziehen gemütlich an ihrem Joint und haben längst entschieden, es für heute gut sein zu lassen. Es ist gerade mal halb elf. Aufhören fühlt sich komisch an. Als der Regen wieder ein entspanntes Niesel-Aggregat angenommen hat, raffe ich mich auf. Es wäre schon schön, zumindest bis nach La Faba kommen. Dann hätte ich 300 Höhenmeter geschafft, und bis zum Gipfel stünden nur noch 400 aus.

Ich bin noch nicht lange unterwegs, als der Regen natürlich wieder stärker wird. Der nächste Ort, Herrerias, ist dummerweise eine halbe Stunde entfernt. Dort angekommen flüchte ich mich unter den Balkon eines Hauses am Straßenrand, der ein wenig Schutz bietet. Es ist wirklich ziemlich nervig. Gefühlt komme ich heute überhaupt nicht vom Fleck, weil ich dauernd Regenpausen einlege und mich von Unterschlupf zu Unterschlupf hangele, ohne Aussicht auf wirkliche Besserung. Frustriert verspeise ich meine trockene Brötchenhälfte, die vom Abendessen übrig ist, im Stehen, den Rucksack auf dem Rücken. Absetzen kommt bei der Nässe des Bodens nicht in Frage.

In mir sträubt sich nach wie vor alles, hier aufzuhören. Der kleine Ort wirkt wenig anziehend, auch wenn er angeblich eine kultige Herberge sein Eigen nennt. Ich befinde mich am Fuß des Berges. In mir Ringen Vorsicht und Ungeduld. Ich will weiter. Aber ist es wirklich eine gute Idee, bei diesem Wetter den steilen Aufstieg zu machen? Wird es sehr rutschig? Werde ich es bereuen? Wäre morgen nicht auch noch ein Tag? Wie lange machen meine Schuhe noch mit, bevor sie wieder von innen nass sind?

Aus der Mitte entspringt ein Fluss

Wer nicht wagt, der nicht gewinnt, oder so ähnlich. Der Ruf des Abenteuers ist lauter als die kleine Stimme der Vernunft. Um viertel vor zwölf hole ich tief Luft und beginne das Unternehmen Aufstieg. Schluss mit Zivilisation. Jetzt warten erst mal wieder ein paar Naturimpressionen auf mich. Und was für welche!

Vorerst ist die Steigung noch human, während ich mich der faszinierenden Hügellandschaft nähere. img_4114Die satte, grüne Weite ist bei Sonnenschein vermutlich traumhaft, denn selbst jetzt, mit all dem Niesel, hat sie ihren Charme. Überall blüht es gelb und weiß, darüber hängen die Wolken und ich gefühlt alleine mittendrin.

Nach zweieinhalb Kilometern ist Schluss mit gemächlichem Anstieg. Es geht plötzlich steil bergauf, und ich komme ordentlich ins Keuchen. Doch wie so häufig habe ich meine helle Freude daran. Berghoch ist für mich deutlich abwechslungsreicher als stumpf geradeaus. Und fast immer werden die Mühen außerdem mit Aussichten belohnt. Fast immer. Heute vermutlich nicht.

Der Camino verläuft nun mitten durch einen Wald. Ich liebe solche Strecken! Überall grün, es riecht würzig, und die vielen Bäume schützen mich halbwegs vor dem Regen. Trotzdem werde ich mit ausreichend Wasser konfrontiert. In der Mitte meines Weges entspringt inzwischen ein kleiner Fluss, denn das Wasser hat für seinen Weg nach unten den Jakobsweg mit seinen Steinen auserkoren. Links und rechts davon ist wenig vertrauenswerweckender, tiefer Matsch. Ich habe die Wahl, entweder bei jedem Schritt zu schlingern, oder aber die Füße gezielt ins Wasser zu stellen, auf die Gefahr hin, nasse Socken zu kriegen, dafür aber auf Steinen zu gehen, die ich sehen kann.

Ich entscheide mich für Variante zwei. Das ist mir immer noch lieber, als auszurutschen. Meine Taktik geht auf und bringt mich erstaunlich gut voran. Ich überhole eine heftig keuchende Frau, die auf Deutsch vor sich hin flucht, so dass ich ein paar Sätze mit ihr wechsle. Sie habe Rückenprobleme, das sei ihr hier viel zu anstrengend und so weiter. Ich nicke ihr aufmunternd zu und tröste sie, dass es sicher gleich geschafft ist und wir uns in Kürze oben wiedersehen werden. Ich möchte mich in meinem Flow nur ungern stören lassen und gehe weiter. Sie wird auch ohne mich ankommen.

Nach insgesamt einer Stunde sehe ich La Faba. img_4116Obwohl ich heute fast niemanden getroffen habe, sind wie aus dem Nichts zwei pilgernde Herren vor mir. Bei dem einen handelt es sich um Jim, den Amerikaner, der gestern mit mir und dem Engländer in der Bar auf der Terrasse gesessen hat. Er ist heute mit einem Finnen unterwegs. Zufrieden verschnaufen wir kurz gemeinsam. Diese Mischung aus Stolz und Müdigkeit ist unbezahlbar. Jim bietet netterweise an, ein Foto von mir zu machen, und ich revanchiere mich.

Rauchzeichen beim Wiedersehen

Im Ort angekommen stürme ich, nach Zucker lechzend, in die nächste Bar. Ich brauche Kaz Limon. Drinnen ist es muckelig warm, und ich fühle mein Blut nach der Anstrengung und in Kombination mit der Wärme pulsieren. Der Barkeeper lacht, als ich begierig meine Limonade in mich hineinschütte. Schneller als gedacht ist die Dose leer, und ich gönne mir der Einfachheit halber gleich eine weitere, mit der ich zum Rauchen nach draußen gehe. Auf dem Weg zum Nikotinschub entdecke ich plötzlich ein bekanntes Gesicht an einem der Tische.

Ben, der sympathische Schwede von gestern, sitzt zusammen mit einer Blondine mit zwei Zöpfen an einem Tisch. Ich gehe kurz zu ihnen. Er erkennt mich und strahlt über das ganze Gesicht. „Your name is Ben and you are from Sweden“, sage ich stolz. Er grinst und antwortet: „And you are Audrey and I owe you a cigarette.“ Richtig, ich hatte ihm ja gestern eine ausgeborgt, das hatte ich fast vergessen.

Er überreicht mir unter Blondies skeptischem Blick feierlich eine Zigarette. Sie schaut mich an, sagt etwas zu ihm, das ich nicht verstehe und lacht dann. Auf meinen fragenden Blick erklärt sie mir in gebrochenem Englisch, dass ich ein pinkfarbiges Gesicht habe. Ja, du mich auch, denke ich innerlich und lasse mich und meine Kaz Limon von Ben zum Rauchen vor die Tür begleiten. Ob das seine Freundin ist? Sie scheint älter zu sein als er, wenn auch schwer zu schätzen.

Vor der Tür tauschen wir uns über die heutige Strecke aus. Ben hat sichtlich Spaß am Aufstieg, auch wenn der recht korpulente Typ komplett durchgeschwitzt ist. Er erzählt mir von seiner Leidenschaft für die Berge. Je höher, je besser. Er war bereits am Aconcagua in Argentinien unterwegs. Wohin ich heute gehe. Ich berichte von meinem heutigen Dilemma. Eigentlich hätte ich schon viel früher aufgrund des Regens aufhören wollen, dann war die Idee, hier zu bleiben und nun hätte ich herausgefunden, dass die hiesige Unterkunft erst um zwei öffne und dazu müsse ich noch eine Stunde warten, darauf hätte ich keine Lust. Es ist gerade mal kurz vor eins, und ich bin noch überraschend fit, also werde ich noch weiter gehen.

Ben und Blondie werden ebenfalls noch ein Stück laufen. Sie haben eine Herberge hinter O Cebreiro im Blick. Schade, denke ich mir, dann verlieren wir uns also erneut. Mir macht die Unterhaltung mit Ben großen Spaß. Er ist genauso alt wie ich und spricht hervorragend Englisch. Bis hinter O Cebreiro zu laufen, kommt für mich aber nicht in Frage und so gehen wir rein, ein jeder zurück an seinen Tisch.

Kaum sitze ich, fliegt die Tür auf, und die deutsche Dame, die ich im Wald überholt habe, kommt, gefühlt auf allen Vieren, rein. Sie sieht mich, steuert meinen Tisch an und sinkt dann völlig erschöpft, nieder. Ich gehe für sie zur Theke und organisiere etwas zu trinken. Als sie wieder sprechen kann, teilt sie mir mit, dass sie die Faxen dicke habe. Sie werde keinen Schritt mehr tun und sich ein Taxi kommen lassen, dass sie nach O Cebreiro hinauffahren soll. Gern könne ich mit. Ich schüttle energisch den Kopf. Das ist für mich absolut keine Option, reine Prinzipiensache. Ich habe mir vorgenommen, jeden Schritt auf dem Weg aus eigener Kraft zu machen. Außerdem geht es mir hervorragend. Ich bin ausreichend erholt, um auch noch Herr über die letzten Kilometer zu werden. O Cebreiro, here I come.

Per Du mit den Bergziegen

Auf felsigem Untergrund winde ich mich höher und höher. Für einen ganz kurzen Moment kommt sogar die Sonne raus. Ich merke jetzt doch, dass ich das ein oder andere Korn gelassen habe und gehe sehr bedächtig immer weiter hinauf. Den Gedanken, mich mit Musik voranzupeitschen, verwerfe ich schnell wieder. img_4118Es ist zu schön hier, um sich berieseln zu lassen. Da lasse ich mich doch lieber von oben berieseln. Richtig. Der Regen setzt mal wieder ein. Erneut habe ich Glück, denn auch am Ortseingang von Laguna de Castilla gibt es eine Unterstellmöglichkeit. Ich überbrücke die Zeit mit einer Zigarette. Zwanzig Minuten später wird der Regen weniger. Also weiter.

Wie sich herausstellt, war ich da wohl ein wenig zu optimistisch. Der Niederschlag hat ein Minipäuschen eingelegt, um sich zu sammeln, denn kaum bin ich in sicherer Entfernung vom Unterstand, fängt es an zu schütten. Ich fluche leise vor mich hin, muss aber gleichzeitig lachen. Es ist nicht mehr weit nach O Cebreiro. Ich werde in absehbarer Zeit dort sein, wenn auch vermutlich ziemlich nass. Doch die Bauernregel des Tages tritt auch diesmal ein: Kommt der Regen dir zu nah, geh schnell in die nächste Bar. Zu meiner Rechten taucht völlig unerwartet eben diese auf, also nichts wie hin.

An der langen Theke ordere ich Kaz Nummer 3 und gönne mir außerdem eine Empanada. Ich bin nicht die einzige, die hier Zuflucht sucht. Um mich herum hängen Ponchos, Regenschutzvorrichtungen für den Rucksack und Regenkleidung über den Stühlen. Ob ich hier auch übernachten wolle, fragt mich der Wirt. Ich lehne dankend ab. Es sind nur noch 2,5 Kilometer, und nun möchte ich auch auf dem Gipfel nächtigen.

Zum letzten Mal für heute heißt es fertig machen, Kräfte sammeln und los. Ich werfe meine dauerklamme Jacke über. Ich habe das Rumsitzen satt. img_4120Draußen regnet es immer noch. Der Ausblick von der überdachten Terrasse ist gigantisch. Um mich herum sind überall dunkelgrüne Berge, dazwischen gelbe, rosafarbene und weiße Schatten von Blühpflanzen. Bei gutem Wetter ist eine Übernachtung in diesem abgeschiedenen Nest mit Sicherheit die Mühe wert. Das Panorama kann man bestimmt stundenlang bewundern.

img_4119Um kurz nach zwei mache ich mich an die verbliebenen 140 Höhenmeter zum Gipfel. Entsprechend steil bleibt die Strecke. Ich betrete galicischen Boden, bekomme es aber irgendwie nicht mit. Der berühmte, oft abgebildete Grenzstein entgeht mir jedenfalls. Ich will nur noch ankommen. Eine halbe Stunde später ist es soweit. Ich kraxele das letzte Stück auf einem felsigen Weg nach oben. An Regentagen wie heute ist das nicht die schlechteste Wegbeschaffenheit. Immerhin ist man hier trittsicher unterwegs und das kann ich brauchen, denn, man kann es bereits erahnen, inzwischen gießt es zur Abwechslung mal wieder wie aus Eimern.

Bei den 77 Zwergen

Mir ist das völlig egal. Ich kann O Cebreiro sehen, meine Hose ist klatsch nass, und meine Laune ist bestens, denn ich habe es tatsächlich geschafft. Der letzte der besonders krassen Aufstiege auf dem ganzen Jakobsweg ist hiermit bezwungen. Bravo.

Völlig durchweicht betrete ich die öffentliche Herberge. Nachdem ich registriert worden bin, zeigt mir einer der Hospitaleros, wo ich meine zugegebenermaßen dreckigen Treter abstellen kann. Im Regal stehen meterweise Schuhe. Ich frage mich, wo all diese Menschen sich heute den ganzen Tag versteckt haben? Gefühlt waren nicht allzu viele unterwegs.

Der Schlafsaal übertrifft alles bisher Dagewesene. Es handelt sich um einen riesigen Raum, in dem mindestens 40 Stockbetten stehen, die 80 Menschen Platz gewähren. Das wird sicher schön heute Nacht, wenn ein jeder seine Gase und Geräusche in die Luft bläst.

Die Stimmung im Saal ist bestens. Um mein Bett verteilt sich eine Gruppe von sicher zehn Italienern, die mit ordentlich akustischem Wumms kommunizieren. Ich bin gerade zu müde, um mich irgendwie einzubringen.

Die Duschen verdienen noch eine eigene Erwähnung, denn eine solche Installation habe ich noch nie gesehen. Es handelt sich um sechs Verschläge in einem unbeheizten Raum, die weder Türen noch Vorhänge haben. Ich traue meinen Augen kaum, als ich mit meinen sieben Sachen durch die Tür komme und auf eine nackte Dame unmittelbar vor mir schaue. Hinter mir betritt eine weitere Frau den Raum. Sie sieht mein Gesicht, ich das ihre und gemeinsam mit der duschenden Dame brechen wir in schallendes Gelächter aus. Wie gut, dass der Spaß wenigstens nach Geschlechtern getrennt ist! Gewöhnungsbedürftig bleibt es dennoch.

img_4121Mit nassen Haaren und frisch gewaschenen Klamotten gehe ich zurück in Richtung Schlafsaal. Wie soll ich das bloß trocken kriegen? Da alle Wäscheständer belegt sind, drapiere ich meinen Kram entlang meines Hochbettes. Ich bin nicht die einzige. Überall hängen Klamotten, Ponchos und Handtücher in allen erdenklichen Farben von den Betten herunter. Es sieht fast aus wie am zweiten Tag in Zubiri, nur dass dort 30 statt 80 Leute ihre Schlafplätze verziert hatten.

Im Dorf der Hobbits

Draußen kommt die Sonne raus, und ich mache mich auf Entdeckungsreise durch den Ort. Der ist absolut zum Knutschen. img_4122Alle Gebäude sind aus den gleichen grauen Steinen, einige von ihnen sind rund gebaut und haben Strohdächer. Laut Wanderführer geht diese Bauweise noch auf die Kelten zurück. Es sieht aus wie bei den Hobbits. Die Bewohner sind allerdings alle von normaler Größe.

Nach meinem Rundgang komme ich hinter der Herberge, auf einer Bank, die sich perfekt für Raucher eignet, mit Antonio, einem Italiener in den Fünfzigern, ins Gespräch. Ich habe ihn noch nie gesehen. Er kann ein paar Brocken Deutsch und zieht seinen Namen herrlich italienisch in die Länge – An-toooo-nio. Voller Leidenschaft erzählt er mir in einem Misch aus Deutsch, Französisch, Englisch und Italienisch von seiner bisherigen Reise. Seine Augen funkeln, seine Stimme überschlägt sich stellenweise. Der ganze Mann ist hundert Prozent Begeisterung. Selbst wenn ich keine seiner Sprachen verstünde, würde seine Botschaft bei mir ankommen. Es ist schon verrückt, was dieser Weg mit uns allen macht.

Ganz großes Kino

img_4123Plötzlich wird es dunkel. Ein Blick nach oben verheißt nichts Gutes, denn über uns zieht eine dunkle Front auf. Interessanterweise stapeln sich die Regenwolken wie ein dunkles Band direkt über uns, während dahinter nach wie vor die Sonne scheint. Die Perspektive erinnert mich ein wenig an eine Kinoleinwand mit dem dunklen Streifen an Kopf und Fuß. Antonio und ich schaffen es gerade noch vor dem Gewitter nach drinnen, dann blitzt und kracht es los. Was für eine Kulisse! Durch das Panoramafenster der Herberge kann man dem Unwetter beim Austoben zuschauen. Ich hoffe, dass nicht mehr allzu viele Pilger unterwegs sind und nun kalt erwischt werden.

Putzige Pulpos und eine Runde Riverdance

img_4124Gegen acht mache ich mich mit meinem Tagebuch im Gepäck auf die Suche nach einer Bar. Ein gemalter Tintenfisch erleichtert mir die Wahl. Auch wenn ich nicht so auf Pulpo stehe, animiert mich das putzige Tierchen, den Laden zu betreten. Drinnen ist es urig gemütlich. Es läuft galicische Volksmusik, die ein bisschen wie Riverdance klingt. Schade, dass der Kellner nicht mit seinen Schuhen im Rhythmus klappert, wenn er serviert. Der Dudelsack scheint in der lokalen Musik ein wichtiges Instrument zu sein, auch das war mir nicht bekannt.

img_4127Ich sitze ausnahmsweise alleine an meinem Tisch, esse einen Eintopf, trinke Wein und schreibe Tagebuch, denn in der Bar gibt es, wie schon in der Herberge, kein WLAN. So komme ich endlich mal wieder dazu, meine Erlebnisse festzuhalten. Ich hoffe nur, dass sich niemand zuhause Sorgen macht, weil ich heute nicht meinen allabendlichen Bericht verschicken kann.

Satt und leicht angeschickert, verlasse ich die Bar und streune noch einmal durch den kleinen Ort. img_4128Was für ein verwunschenes Plätzchen! Selbst die Kirche fügt sich optisch zu hundert Prozent in das Gesamtbild ein. Sie bewahrt den sagenumwobenen Heiligen Kelch Galiciens. Der Legende nach füllte sich dieser mit Blut, als sich der Pfarrer an einem Tag mit scheußlichem Wetter über einen Bauern lustig machte, der extra den langen Weg auf sich genommen hatte, um der Messe zu lauschen, weiß mein schlaues, gelbes Outdoor-Büchlein zu berichten.

img_4125Neben der Kirche steht die Büste eines Herrn zwischen Platten, die wie Gräber wirken. Hier wurde dem Erfinder des zur Markierung des Jakobsweges allgegenwärtigen, gelben Pfeils ein Denkmal gesetzt.

Seine Spuren leiten mich hoffentlich auch morgen wieder sicher weiter. Ich muss zugeben, dass ich vor dem Tag noch mal ordentlich Respekt habe. Berg rauf ist eine Sache, Berg runter die andere, meist kniffeligere, vor allem aber anstrengendere Angelegenheit. Der Weg wird nach all dem Regen sicher ziemlich schlammig sein. Wie gut, dass alle drei bis fünf Kilometer ein Ort kommen wird. So kann ich mir ganz in Ruhe überlegen, wie weit ich gehen möchte und kann.

Auf den letzten Metern

Rob hat sich vorhin gemeldet. Er hat ein großes Stück mit dem Bus übersprungen, weil ihm sein Schienbein nach wie vor Probleme bereitet, und ist jetzt in Palas del Rei, 65 Kilometer vor Santiago. Er läuft jeden Tag zehn bis 15 Kilometer, das klappt ganz gut und auf diese Weise erhält er dann doch noch seine Compostela. Auch Maria hat mir geschrieben. Sie hat sich heute per Taxi bis kurz vor Sarria fahren lassen. Den Aufstieg hierher hätte sie vermutlich nicht geschafft. Von dort wird sie, ähnlich wie Rob, in kleinen Etappen bis nach Santiago laufen. Vernünftige Entscheidung, wie ich finde. Nun sind die beiden also wieder vor mir. Ob ich sie noch mal sehe?

Im Bestfall schaffe ich es morgen bis Triacastela. Dann wäre ich Übermogen bereits in Sarria, seines Zeichens Ausgangspunkt für all jene, die nur die letzten 100 Kilometer laufen, um die Compostela zu erlangen. Ab dann wird es mit Sicherheit wieder voller. Die Vorstellung, bereits in einer Woche in Santiago zu sein, ist verrückt. Was bin ich froh, diesen Weg gegangen zu sein. Doch zu behaupten, dass er mir Antworten gegeben hätte, wäre falsch. Ich glaube, ich hatte einfach keine wirklichen Fragen.

Zeitreise

Vorwärts:  Möchtest du wissen, wie die Nacht mit so vielen Leuten in einem Zimmer ist und wie weit ich es steil abwärts schaffe? Dann komm mit mir von O Cebreiro nach Triacastela und sei dabei, wenn ich Gott sei Dank keine schlafenden Hunde wecke, schwedischen Katzenjammer unterrichte, auf einen Riesen im Nebel treffe und den Gin des Lebens suche.

Rückwärts: Du hast keine Ahnung, wieso ich so erleichtert war, dass meine Schuhe heute Morgen trocken waren, und den Eisklötzchen-Ignoranten hast du auch verpasst? Dann komm noch mal mit mir von Cacabelos nach Trabadelo und finde außerdem heraus, wie ich nass bis auf die Haut meinen ganz eigenen, schrägen Camino Duro gelaufen bin.

Du bist hier heute durch Zufall gelandet und möchtest das Abenteuer von Anfang an erleben? Dann geht es hier entlang.

Ich muss das weitersagen
1+

5 Gedanken zu „Camino Frances #33: Von Trabadelo nach O Cebreiro&8220;

  1. Holla die Waldfee, was für ein vollgepackter Tag. Langsam bereue ich es, noch keine Kaz Limon probiert zu haben. Gibt es dunkle Kanäle, über die das Zeug nach Deutschland geschmuggelt wird?

    1. Leider nein, aber ich habe genau diese Überlegungen auf dem Küstenweg angestellt – Selbstständigkeit im Im- und Export-Business wäre doch super!
      Pepsi ist der Hersteller, aber offensichtlich hat keiner außer mir entsprechende Gelüste 😳

    2. Hm… yummy.. Ich schmecke es auf der Zunge, wenn ich das lese:

      „Kas is the brand name of soft drink produced by PepsiCo. It is made in grapefruit, orange ( yellow), lemon (greenish-yellow), bitter (herbal extracts), and apple flavors. Kasfruit juices …
      Flavour: Orange, Lemon, Apple, Guarana, Guarana with Acerola, Guarana with Mar…“

      Gibts auch als KAS Bitter ..

Und was sagst Du?