Camino Frances #36: Von Barbadelo nach Portomarin

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Etappe 32 auf dem Jakobsweg: ich starte mit Kaffee bei Sonnenaufgang, treffe Paradiesvögel, Hat-Boy, Andy Warhol und die Sommerjungs, erfinde das 90er Jahre ABC, lasse einen Meilenstein hinter mir und schlafe gleich neben Atlantis (1. Juni 2016, 22 Kilometer)

Pünktlich um sechs bricht in unserem Schlafsaal geschäftiges Treiben aus. Die französische Damengruppe setzt sich in Bewegung. Ich fluche innerlich, drücke meine Oropax noch etwas tiefer rein und drehe mich noch mal um. Was soll die Hektik?

Mein Leben als Glückspilz

img_4162Um sieben erhebe ich mich endlich und steuere nach der Katzenwäsche zielstrebig das Restaurant an, das mein morgendliches Elixier bereithält. Was für ein Ausblick. Die Sonne geht gerade über den Bergen auf. Niemand da, um die Begeisterung zu teilen, und so genieße ich sie ganz allein. Auch mal schön.

Mit Kaffee und O-Saft vor mir bewundere ich die nächste Viertelstunde still das Panorama. img_4163Ben taucht auf, Kaffee im Anschlag. Noch eine Gemeinsamkeit, denn auch der Schwede kann nicht ohne. Gemeinsam feiern wir unser Glückspilz-Dasein. Der Tag könnte wirklich schlechter beginnen.

Um acht geht es richtig los. Der heutige Abschnitt des Caminos ist bei strahlendem Sonnenschein ein absolutes Träumchen. Die Landschaft erinnert mich irgendwie an Bayern. Hügel, Kühe, heile Welt. Und wir mitten drin, mit Anlauf auf die letzten 100 Kilometer.

Man spricht Deutsch

img_4164Nach einer guten Stunde sind wir in einem Dorf mit einem Bauernhof, der eine hübsche Bar im Hinterhof hat. Ich muss mal und laufe an voll besetzten Tischen vorbei. Fühlt sich ein bisschen wie in einem Biergarten an. Und vor allem – man spricht Deutsch. Die „Pilger“ hier sind mit leichtem Gepäck unterwegs. Kleine Tagesrucksäcke soweit das Auge reicht. Ich tippe auf eine geführte Tour über die letzten 100 Kilometer. Die Stimmung ist ausgelassen.

Ich werde in der Schlange vor der Toilette von einer rüstigen Dame auf Deutsch angesprochen. Ich hätte ja einen großen Rucksack, habe sie vorhin gesehen. Ob ich schon länger unterwegs sei. Ich erzähle von knapp 700 Kilometern. „Und da hatten Sie das Ungetüm immer mit dabei?“ Ich muss lachen. Alles andere würde mir komisch vorkommen, erkläre ich ihr. Ich pilgere ja schließlich. Sie auch, darauf besteht die Dame. Sie seien hier mit einer netten Gruppe unterwegs seit gestern, und sie freuten sich schon auf Santiago. Wo ich denn heute absteigen würde? Ich sage ihr, dass ich das noch nicht wisse und immer so weit ginge, wie mich die Füße trügen. Erneutes Staunen auf der anderen Seite. Buen Camino, wünscht sie mir stolz, und ich gebe ihr den gleichen Gruß mit, schaffe es jedoch nicht, innerlich nicht in „echte Peregrinos“ und „Tourigrinos“ zu unterscheiden.

Als ich auf dem Rückweg an ihrem Tisch vorbeikomme, höre ich, wie sie ihre Truppe informiert. Das da (also ich) sei die echte Pilgerin, von der sie gerade gesprochen habe. Die echte Pilgerin nickt der Truppe freundlich zu, schießt derweil aber ein internes Stoßgebet nach oben, dass die hiesige Großgruppe bereits ein Hotel gebucht haben möge und mir bei der Unterkunftssuche nicht in die Quere komme.

Ein Männlein steht im Walde

Ben, Tina und ich gehen weiter, trennen uns aber wie so häufig, weil Tina schnell federn lassen muss, während Ben und ich mit Siebenmeilenstiefeln loslegen. Wir kommen gut voran, auch wenn es inzwischen ganz schön warm ist. Bei 25 Grad zu laufen, bin ich gar nicht mehr gewohnt.

img_4165Aus der Ferne hören wir unbekannte Klänge, die sich, als wir um die Kurve gebogen kommen, klären. Mitten im Wald steht ein Gaita-Spieler, der, in galicische Tracht gekleidet, seinem Dudelsack-ähnlichen Instrument klagende Laute entlockt. Es wirkt irgendwie deplatziert.

Ich muss an die deutsche Großgruppe hinter uns denken. Die wird sich über den galicischen Lokalkolorit sicher freuen. Da wird einem richtig was geboten, auf den letzten Kilometern bis nach Santiago. Auch wir bleiben kurz stehen und hören ihm zu, wenn auch leicht irritiert. Wenn er sich schon mitten in den Wald stellt, sollte ihm zumindest ein wenig Aufmerksamkeit zuteilwerden.

Auf der Hut

Danach geht es auf einem schmalen Pfad durch einen Wald weiter. Immer wieder müssen Ben und ich hintereinander her gehen, um an den anderen Pilgern vorbeizukommen. Es ist tatsächlich deutlich mehr los als noch in den vergangenen Wochen.

Als ich gerade wieder zu einem Überholmanöver ansetze, halte ich inne. Vor mir läuft eine Dame mit einem unverwechselbaren Hut, der mit Blumen, Federn und einem gelben Pfeil dekoriert ist. Das ist unverkennbar Ursula aus Österreich, die bei Kati und mir in Navarrete einen so bleibenden Eindruck hinterlassen hat, und die ich zuletzt vor einer Woche kurz vor Astorga getroffen habe. Eine Woche ist wie eine Ewigkeit auf dem Camino.

Ich freue mich riesig, sie zu sehen, und wir plaudern kurz. Ursula ist mein Name entfallen. Das wäre wahrlich nicht ihre Stärke, sagt sie entschuldigend. Schon als Kindergärtnerin sei ihr das früher auch immer so gegangen, woraufhin sie einfach alle Kinder mit Schatzi angesprochen habe. Ich kichere über diese pragmatische Lösung. Ursula ist mit einem jüngeren Italiener unterwegs und bestens gelaunt. Ein paar kleinere Stückchen sei sie mit dem Bus übersprungen, um sich das Stück rund um O Cebreiro zu schenken. Sie habe den Weg ja bereits dreimal gemacht. Da müsse man nicht mehr jeden Zentimeter mitnehmen. So ist sie wieder vor mir gelandet. Ich finde es immer wieder verrückt, wie unterschiedlich die gleichen Distanzen sind, je nachdem wie man sie zurücklegt. Was man sich an einem Tag mühsam zu Fuß erläuft, schafft man motorisiert in einer knappen halben Stunde.

Meilenstein erreicht

img_4167Ben und ich nehmen das nächste Stück in Angriff. Mir ist ein wenig langweilig, und wie mein Blick so durch die Gegend streift, sehe ich auf einmal im Sonnenschein etwas über eine Steinmauer flitzen. Als ich genauer hinschaue, entdecke ich eine Eidechse, die sich in drei Farben tarnt und deren blauer Kopf mich absolut entzückt.

Es ist das erste Mal, dass ich so einen Paradiesvogel sehe. Was für ein Geschenk. Beglückt über mein Erlebnis laufe ich weiter.

img_4168Nur fünf Minuten später erwartet mich das nächste Highlight, denn da ist er auf einmal, der Pfeiler, der uns sagt, dass wir gerade die legendäre Hundert-Kilometer-Marke geknackt haben. Vor uns liegen nur noch 99,930 km, so weiß der Stein. Unfassbar! Wir sind wirklich bald da. Maria hatte mir vor zwei Tagen ein Foto von hier geschickt, und nun bin ich ebenfalls da. Ganz ohne Bus oder sonstigen Hilfestellungen. Auf meinen eigenen Beinen hierher gelaufen.

Ich kann einen gewissen Stolz nicht unterdrücken. Das muss man erst mal schaffen.

Das 90er-Jahre-ABC

Um uns die Zeit zu vertreiben, erfinden Ben und ich ein Spiel. Da wir sowieso die ganze Zeit über Musik aus den 90ern sprechen, können wir auch ein kleines Quiz daraus machen. Und so stellen wir uns vor die Herausforderung, abwechselnd musikalische Künstler aus dieser Zeit aufzuzählen und dabei dem Alphabet zu folgen. Ace of Base macht den Anfang, es folgen die Backstreet Boys, Culture Beat und Dr. Alban. Wie ich den nehmen könne und nicht Don Henley, will Ben wissen. Ich schaue ratlos. „Boys of Summer?“, fragt mich der Schwede. Ich sage, dass ich den Song nicht kenne. Das sei völlig unmöglich. Das sei einer der besten Songs aus der Zeit, und ich kenne ihn garantiert, ist sich Ben sicher. Er würde ihn mir später vorspielen.

img_4170Die Zeit vergeht. Um uns herum sieht es immer noch aus wie in Bayern. Auch wenn es hier wunderschön ist, habe ich heute kaum Augen für die Natur um mich rum. Vielleicht hat man sich irgendwann sattgesehen, vielleicht ist es aber auch die Ablenkung, wenn man nicht alleine ist. Ich finde es heute jedenfalls recht anstrengend zu laufen. Muss an der Hitze liegen. Auf unserem aktuellen Stück gibt es wenig Schatten und das Kopfsteinpflaster unter uns macht es nicht leichter.

Zwischen Portomarin und mir liegen noch zehn Kilometer, und ab jetzt geht es mal mehr und mal weniger steil runter, aber immer nach unten. Ich stöhne innerlich und setze stoisch einen Fuß vor den anderen, während wir mal wieder an einer Kuhwiese vorbeigehen. Auf dem ganzen Camino habe ich fast keine Kuh gesehen, heute hole ich alles auf – Bayern, sag ich ja.

Ich merke, dass ich zunehmend gereizt bin. Mir ist heiß, mir ist fad und ich bin müde. Endlich zeichnet sich ein Ort vor uns ab. Und als hätten die Einwohner von Mercadoiro das gewusst, finden wir auf einer Veranda am Ortseingang eine Styroporkiste, in der es gegen Spende Obst und Getränke gibt. Ich bin hellauf begeistert und bediene mich. Kaltes Wasser ist wirklich was Feines an einem Tag wie heute.

Ein Pfosten hängt am Baume

Ein Typ mit weißem Hut kommt auf uns zugelaufen. Sein Rucksack lässt auf einen Pilger schließen, seine Jogginghose Marke Schnellficker, seine stylische Sonnenbrille und die Kopfbedeckung legen aber eher nahe, dass es sich um einen Pfosten handelt, zumindest in meiner Wahrnehmung.

Selbiger stellt uns dazu passend eine selten dämliche Frage: ob es hier lang nach Portomarin gehe. Ich verdrehe innerlich die Augen, Ben bleibt gelassen und bestätigt freundlich. Hat-Boy nickt wissend und geht weiter. Tourigrino, zische ich. Ben bricht in Gelächter aus, und ich weihe ihn in das von Marco begonnene Spiel ein, neue Worte rund um Peregrino zu kreieren. Wir erfinden gleich noch zwei weitere Untertypen: den Pissigrino, der, in der Regel männlich, gerne mal den Wald begießt und den Matagrino, ein Pilger, der seine Wanderstöcke weit von sich gestreckt hält, damit niemand an ihm vorbei kann.

Wir nehmen die letzten fünf Kilometer nach Portomarin in Angriff. Ich sehe, wie jemand vor uns versucht, an einen Ast zu gelangen und dazu immer wieder hochspringt. Es sieht ein wenig seltsam aus. Als wir uns nähern, erkenne ich Hat-Boy und bin erneut mit Augenverdrehen beschäftigt. Was läuft schief bei dem?

Als wir auf gleicher Höhe sind, spricht er uns an, ob wir ein Foto von ihm machen könnten. Ben ist erneut der nettere Mensch. Ob Ben ihm helfen und ihn hochheben könne, damit er an den Ast gelange, fragt Hat-Boy. Sein Wille geschehe. Ben hebt den Südländer samt Rucksack hoch, der hängt daraufhin in voller Montur am Ast und ruft „Photo, please.“ Auch diesen Wunsch erfüllt der Schwede neben mir, während ich innerlich ein kleines Lied anstimme: Ein Pfosten hängt am Baume, ganz still und stumm. Er hat ein ganz bezauberndes Hütchen um.“

Wir setzen unseren Weg fort, und ich kriege mich die nächsten zehn Minuten nicht mehr ein, schwankend zwischen Gelächter und Kopfschütteln über den Italiener mit Hut. Der Weg geht nun noch mal richtig steil abwärts. Wir landen an einer Weggabelung samt Schild. Im Angebot die Varianten flacher, weiter und einfacher und steil, schwierig und kurz. Für mich ist total klar, dass ich lieber ein paar Extrameter mache, als dort hinunter zu kraxeln. Ben schließt sich mir an.

Zwei Minuten später steht Hat-Boy neben uns und will wissen, was das Schild uns sagen wolle. Wer lesen kann, ist klar im Vorteil, denke ich, erkläre ihm dann aber die Optionen. Hat-Boy will den schwierigen Weg gehen. Er ist vermutlich an seinem zweiten Tag, da ist die Abenteuerlust noch ausgeprägter als bei uns Camino-Urgesteinen.

Next Stop Atlantis

img_4171Wir werden nun sanft abwärts geführt, durchqueren noch einen weiteren Wald und sehen dann schon den riesigen Stausee, der direkt vor Portomarin liegt. Unter den Wassermassen befindet sich das alte Portomarin, das geflutet wurde, um dem See Platz zu machen. Je näher wir dem Ort kommen, desto mehr kann man erkennen, dass spanische Neubauten ähnlich charmelos sind wie ihre deutschen Nachbarn.

Der Camino führt uns direkt an den See. Vor uns liegt eine endlose Brücke, die es zu queren gilt. Mir ist wie immer, wenn ich als Fußgänger lange Brücken zu Fuß überschreiten soll, nicht ganz wohl zumute. Etwas skeptisch beäuge ich die Konstruktion. img_4172Überraschenderweise hält sie, als ich einen Fuß vor den nächsten setze. Bloß nicht nach unten schauen. Gott sei Dank ist es heute nicht windig, so schaffe ich es an den Ortsrand auf der anderen Seite des Sees, ohne unangenehm aufzufallen.

Dort angekommen erwarten uns noch gefühlt 50 Stufen hinauf nach Portomarin. Und wer lauert mitten auf den Stufen? Natürlich Hat-Boy. Er hat eine arme Frau dazu abkommandiert, Fotos von ihm zu schießen. Er posiert, was das Zeug hält und ruft ihr immer wieder „Photo, please“ zu. Vor ihm hat sich bereits eine beachtliche Schlange Menschen gesammelt, die alle geduldig warten, bis Hat-Boy sich in allen verfügbaren Posen hat für die Ewigkeit einfangen lassen. Ich könnte ihm eine reinhauen und gehe, ohne eine Miene zu verziehen, die Stufen hoch und versaue dabei vermutlich sein Bild.

Oben angekommen sinke ich in den Schatten eines großen Baumes und lehne mich mit dem Rücken an seine Rinde. Ich kann nicht mehr. Keine Ahnung, was das soll. Wir haben 22 Kilometer gemacht, das ist jetzt echt keine Riesennummer. Ben schaut mich mitleidig an und fragt, ob ich eine Kas Limon möchte? Ich schaue ungläubig zu dem schwedischen Riesen. Er würde mir schnell eine holen, ich könne mich derweil ja ein bisschen ausruhen und auf unsere Rucksäcke aufpassen. Ich nehme dankend an.

15 Minuten später ist Ben mit zerknirschtem Gesicht zurück. Er habe überall geschaut, aber sämtliche Lokalitäten hätten keine Kas, nur Fanta Limon im Angebot gehabt. Irgendwann habe er aufgegeben und mir selbige gekauft. Das sei hoffentlich auch okay. Ich möchte ihm um den Hals fallen. Genüsslich zische ich die kalte Zuckerbombe weg, während Ben sich das erste Bier genehmigt. Wir liegen vor den Toren der Stadt und die Vorstellung, auch nur einen Schritt mehr zu machen, ist absolut undenkbar. Nach 15 Minuten Regeneration äußere ich meine Gedanken laut.

Auch wenn ich ursprünglich bis hinter Portomarin wollte, um bloß nicht dort zu bleiben, wo alle bleiben, stehen weitere acht Kilometer nicht mehr zur Diskussion. Ich schlage in meinem schlauen Büchlein nach und finde den Hinweis auf eine hiesige Unterkunft mit Garten. Das wäre doch was an einem so schönen Tag. Zwanzig Minuten nach uns erreicht auch Tina die Stufen. Ich hatte fast vergessen, dass sie ja auch noch Teil unserer Gruppe ist. Manchmal wünschte ich, sie wäre es nicht. Die Zeit mit Ben ist immer so lustig. Sobald Tina da ist, findet die Hälfte der Unterhaltung auf Schwedisch statt, und ich werde das Gefühl nicht los, dass sie es mir ein wenig übel nimmt, dass ich ihren Landsmann so vereinnahme.

Tina kann mit der Vorstellung, für heute am Ziel zu sein, bestens leben. Gemeinsam gehen wir weiter bergauf in Richtung Kirche, auf der Suche nach unserer Pension. Wir haben Glück. Es gibt noch Platz, und wir ergattern für 13 Euro pro Nase ein Dreierzimmer inklusive Handtüchern und Laken. Oh wundervolle Luxuswelt. Nach dem Duschen und Wäschewaschen suchen wir den Garten auf. Es ist großartig. An der Hausmauer steht ein Getränkeautomat mit kaltem Bier und es gibt stabiles WLAN. Ben wirft Spotify an und wir hören uns durch die musikalische Zeitreise, die wir auf dem Weg hierher von A bis Z auf die Straße geschrieben habe.

Die Sommerjungs, oder Geburt einer Camino-Hymne

„Und jetzt hör gut zu“, rät mir der Schwede. Es ertönt eine markante Gitarre. Und dann packt mich auch schon der Beat. Natürlich kenne ich den Song. Ich stehe vom Tisch auf, mein Dosenbier in der Hand und tanze im Garten. Das also ist „The Boys of Summer“. Ich hatte den Song verdrängt, aber ja, er ist bärenstark. Er wird mich ab diesem Moment nie wieder verlassen. Er ist der Song meines Caminos. Ein Song, der mir auch jetzt, zwei Jahre und drei Caminos später noch ein Lächeln aufs Gesicht zaubert, der mich sofort zum Tanzen bringt, der immer dabei ist, wenn ich an der Jukebox stehe. Ein Wegbegleiter ist geboren. Die Sommerjungs und ich werden uns noch oft treffen, und immer wird beim Klang der Zeilen ein kleiner Gedanke das Land verlassen und schwedischen Boden betreten.

Bauen nach Zahlen – die nummerierte Kirche

Als der Getränkeautomat kein Bier mehr hat, entscheiden wir uns, in den Ort zu gehen. Wir haben Hunger, und ich möchte mir die Kirche noch genauer anschauen. Ihre Steine sind nummeriert. Als der Stausee angelegt wurde, wollten die Einwohner die Kirche vor der Flutung retten, und so wurde sie Stein für Stein abgetragen und im neuen Portomarin eins zu eins wieder aufgebaut. img_4173Wenn man nah genug an der Mauer steht, kann man sehen, dass die Steine der Kirche nummeriert sind. Was für eine verrückte aber erfolgreiche Geschichte.

Zum Essen landen wir in einer Pizzeria, müssen aber noch ein wenig warten, weil die Küche erst um acht öffnet. So lange trinken wir noch etwas. Schon wieder. Das fällt mir tatsächlich unangenehm auf. Seit ich mit den beiden Schweden unterwegs bin, ist mein Alkohol-Konsum exorbitant gestiegen. Anders als die beiden verzichte ich zwar tagsüber beim Laufen auf Bier oder Wein, aber nach Ankunft schließe ich mich dann doch gern an. Die Mengen, die dabei vernichtet werden, gerade von Ben, sind aber wirklich nicht für den täglichen Gebrauch anzuraten. Ich bin froh, als unser Essen serviert wird und wir uns zwischenzeitlich den Pizza- und Pasta-Gelüsten hingeben können. Endlich mal wieder was im Magen.

Auf einen Gin mit Andy Warhol und The Butcher

Ben möchte noch einen Versuch unternehmen, meinen galicischen Gin aufzutreiben, und wir tingeln im Anschluss von Bar zu Bar und haben erneut erst kein Glück. Doch dann, in der wirklich allerletzten Kaschemme, erspähe ich die ersehnte Flasche in der Auslage. Obwohl der Laden alles andere als ansprechend ist, gehen wir hinein.

Drinnen sitzen genau zwei Gäste, beides eher seltsame Gestalten, an der Theke. Wir werden erstaunt gemustert. Peregrinos trauen sich hier offensichtlich auch nicht alle Tage rein. Als wir unsere Gin Tonic Copas (wir reden von Gläsern von der Größe eines Kinderkopfes) vor uns haben, schaue ich mir meine Umgebung etwas genauer an. Die Dame an der Theke links von mir ist unglaublich. Sie trägt eine glitzernde, dunkelgrüne Plastik-Jacke und hat zudem eine unglaubliche Ähnlichkeit mit Andy Warhol. Ich kann gar nicht mehr wegschauen.

Ben und Tina wollen wissen, was mit mir los ist. Ich flüstere, dass ich es unglaublich finde, dass wir hier Bein an Bein mit dem jungen Warhol sitzen. Ob sie sich der Ehre eigentlich bewusst seien. Es dauert nicht lange, bis bei den beiden der Groschen fällt und schwedische Lachsalven durch den Raum wabern. Wir sind laut genug, als dass eine weitere Person auftaucht. Sie scheint bisher in der Küche gewesen zu sein. Durch die Tür kommt eine grobschlächtige Frau mit fettigen Haaren, stark übergewichtig und mit einer fleckigen Schürze um den Leib. Na, wenn das die Köchin ist, dann Prost Mahlzeit. Gut, dass wir schon gegessen haben. Diese Dame könnte sicher auch Karriere als Metzgerin machen. Sie würde die Tiere vermutlich mit bloßer Hand erwürgen.

Als unser Getränk leer ist – meine beiden Mitläufer sind übrigens wie erwartet hellauf entzückt vom Geschmack des Gins – ziehen wir es dann aber doch vor, den Laden zu verlassen und ein weniger rustikales Ambiente aufzusuchen. Nicht dass die Köchin noch auf komische Ideen kommt. Und so lassen wir Andy Warhol allein an der Theke zurück. Tina verabschiedet sich ebenfalls. Sie möchte ins Bett.

Ausgeschlossene Sache

Ben und ich suchen uns eine neue Bar. Wir wollen noch ein wenig miteinander reden. Ich registriere, wie sehr ich seine Nähe suche und frage mich, was es ist, das mich so anzieht. Optisch ist Ben definitiv nicht mein Typ: zu kräftig, zu tätowiert, zu lange Haare. Auch sein Hang zu viel Alkohol und das Wissen um die Antidepressiva, die er nehmen muss, machen ihn von außen betrachtet nicht gerade zum Traumtypen. Die Tatsache, dass wir beide vergeben sind, rundet das Ganze eigentlich perfekt ab. Und dennoch fühle ich mich stark zu diesem Mann hingezogen. Ich habe in der Nacht sogar geträumt, dass er mich aus einem brennenden Haus gerettet und auf seinen Armen nach draußen getragen hat. Völlig verrückt.

Die Mischung aus Stärke, Verletzlichkeit und viel Humor, gepaart mit einer extremen Kreativität und einer riesigen Liebe zur Musik sind es wohl, die mich so ansprechen. Ich habe hier einen Seelenverwandten kennengelernt, und ich bin unendlich danbar.

Um halb elf machen wir uns auf den Rückweg. Ein Vorteil unserer Unterkunft: Schlafenszeit ist erst um elf. Wir haben sogar einen eigenen Schlüssel. Also theoretisch. Momentan haben wir leider nichts, denn Tina hatte den Schlüssel und ist mit selbigem gen Bett entschwunden. Als wir an unserer Albergue ankommen, müssen wir mit Schrecken feststellen, dass die Eingangstür bereits zu ist. Was für ein Mist. Wir sind ausgesperrt.

Um der Situation noch ein wenig mehr Drama mitzugeben, hat Ben sein Handy in unserem Zimmer gelassen, während mein Gerät leider kein Guthaben mehr hat (es ist 2016, das EU Roaming ist zu dieser Zeit leider noch nicht umsonst). Anrufen ist also nicht. Was nun?

Wir gehen auf die Straße zurück und versuchen uns zu erinnern, welches unser Zimmer ist. Vielleicht können wir Steinchen dagegen werfen? Aber es gibt keine Steinchen, und wir wissen leider auch nicht mehr genau, welches Zimmer uns gehört. Ben ruft Tinas Namen, doch sie reagiert nicht. Schöner Mist. Vermutlich hat sie Oropax drin. Da darf man einmal bis elf aufbleiben, kommt überpünktlich nach Hause und steht dann wie bestellt und nicht abgeholt vor der Tür.

Ich gehe um das Grundstück und habe Glück. Die Tür zum Garten steht offen. Schnell schlüpfe ich hindurch. Ein älterer Herr ist gerade dabei, die Tür zum Speisesaal abzusperren. Als ich ihn anspreche, ist er ein wenig verdutzt und fragt sich vermutlich, wer wir sind, woher wir kommen und was wir hier genau machen. Mein Spanisch ist aber inzwischen gut genug, als dass ich ihm klarmachen kann, dass wir Gäste sind, dummerweise nur keinen Schlüssel dabei haben. Er lässt uns netterweise rein.

Oben angekommen, begrüßt uns ein Tina’sches Konzert. Immer wieder beeindruckend, welcher Sound aus diesem kleinen Körper kommen kann. Kaum liege ich, runde ich das Ganze mit einem quietschenden Bett ab, das jedes Mal aufheult, wenn ich auch nur ansatzweise die Richtung ändere. Und so versuche ich, mich möglichst nicht zu bewegen. Es gelingt mehr schlecht als recht, aber irgendwann schlafe ich ein.

Zeitreise:

Vorwärts:  Du möchtest wissen, was als Nächstes kommt?  Dann begleite mich doch von Portomarin nach San Xulián und erlebe, wie ich 50 Shades of Peregrino erfinde, mir einen Esel mit Strohhut wünsche, Schneewittchen, die Hexe von San Xulián und Robin Williams treffe und von einem Gemälde völlig aus der Bahn geworfen werde.

Rückwärts: Du hast verpasst, wie ich gestern mein Herz an Fatdog verloren habe, von Schweizer Langsamkeit in den Wahnsinn getrieben wurde und den Tag mit einer Sangria am Pool als 5 Sterne Deluxe Tourigrino beendet habe? Dann komm noch mal mit von Triacastela nach Barbadelo.

Du bist hier heute durch Zufall gelandet und möchtest das Abenteuer von Anfang an erleben? Dann geht es hier entlang.

Kommentare und Ergänzungen

Bist du selbst den Jakobsweg gelaufen? Warst du vielleicht sogar zur gleichen Zeit unterwegs wie ich? Hast du auf dem Weg oder abends mit anderen Pilgern Musik gehört? Was ist deine Camino-Hymne? Ich freue mich wie immer über deinen Kommentar.

Ich muss das weitersagen
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7 Gedanken zu „Camino Frances #36: Von Barbadelo nach Portomarin&8220;

  1. Das ist für mich alles nachvollziehbar. Wir (meine Frau und ich) waren 2016 ebenfalls auf dem CF. Du vermittelst mit Deinen Berichten eine Stimmung, die wir so ähnlich auch empfunden haben. Die „Panik“ anzukommen hat uns veranlaßt die Etappen vor SdC zu verkürzen.
    Evtl. klappt es nächstes Jahr erneut mit dem CF.
    Mal sehen…..
    Bin schon gespannt auf die nächste Etappe :-)))

    1. Hey Matten, schön, dass du mitliest und ja, Anfangs ist es die Panik, kein Bett zu bekommen, später dann die Panik anzukommen.
      Wann in 2016 seid ihr gelaufen? Wir waren demnach ja im gleichen Jahr unterwegs. LG Audrey

      1. Hallo Audrey, wir sind am 02.05. in Pamplona gestartet. Pyrenäenschisserei fanden wir okay, da Mitpilgern nur von miesem bis schlechtem Wetter in den P. erzählten. Die Überquerung haben wir dann 2017 nachgeholt.
        In Leon mußten wir 14 Tage aus gesundheitlichen Gründen unterbrechen: meine Frau hatte sich ne üble Angina eingefangen.
        Am 17.06. haben wir dann die Compostela bekommen.
        Wir sind dann nach 2 Nächten weiter nach Fisterra. Das war noch mal eine schöne Zugabe.
        Von Deinen Mitpilgern habe ich niemanden erkannt, evtl. haben wir die junge Moderatorin in Santibañez de Valdeiglesias getroffen. Da bin ich mir aber nicht sicher.

        1. Hallo Matten,
          das ist jetzt wirklich verrückt. Ich habe gerade noch mal nachgeschaut: ich bin ebenfalls am 2. Mai in Pamplona angekommen. Erstaunlich, dass wir uns nicht unterwegs getroffen haben! Mit dem Wetter in den Pyrenäen hast du Recht. Das war durchwachsen. Ich bin am 29. April in Saint Jean los und ich hatte Traumwetter (sieht man ja auch auf den Bildern bei Etappe 1). Der nächste Tag war komplett verregnet, was den Abstieg nach Zubiri ziemlich beshwerlich machte. Eine Freundin von mir ist zwei Tage nach mir gestartet und musste die Pyrenäen-Etappe bei Regen und Schnee machen. Was für mich eine der schönsten Etappen war, war für sie eine ziemliche Zumutung. Ich bin bis heute dankbar, dass ich bei so tollem Wetter loslegen durfte. Schönen Sonntag dir, Audrey

  2. Hallo Audrey
    Die Pyrenäenetappe ist wirklich super. Wir sind sie im letzten Jahr gegangen. Die erste Etappe von SJPdP bis Orisson war neblig und regnerisch. Am nächsten Tag hatten wir super Wetter. War anstrengend, aber wunderschön. Die Aussicht haben wir genossen. Leider haben wir die „zivile“ Schlussetappe verpasst und den steilen Abstieg erwischt. Da sind wir trotz Trekkingstöcke arg ins Rutschen gekommen. Meine Frau ist so gar gestürzt. Gottseidank war es „nur“ eine Hautabschürfung. Wir könnten den Camino fortsetzen.
    Dass wir am selben Tag in Pamplona gestartet sind, ist schon ein Zufall!!
    Wir sind früh, also so gegen 7.00 Uhr los und haben dann in Uterga Rast gemacht. Übernachtet haben wir in Obaños. Da waren in unserem Hostal aber nur noch drei Französinnen.
    Naja, verpasst:-(((
    Vielleicht auf einem anderen Weg.
    BC
    Martin

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