Camino Frances #38: Von San Xulián nach Ribadiso

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Etappe 34 auf dem Jakobsweg: eine Nacht auf hoher See, ein rückwärtsgewandter Anime-Rucksack, alles im Fluss, kein Angriff der Muhigrinos und immer wieder Camino-Blues (03. Juni 2016, 24 Kilometer)

Tag 38 und der damit vorletzte richtige Tag bricht an. Die Stimmung bei uns Peregrinos schwankt sekündlich zwischen Euphorie und Melancholie. Niemand kann sich so richtig vorstellen, dass wir bald da sind. Noch weniger können wir uns vorstellen, dass es so gut wie vorbei ist.

Eine Nacht auf hoher See

Was soll ich sagen? Die Nacht war wie immer so la la. Selbst die Tatsache, dass außer Ben nur Frauen im Raum waren, hat nicht zu mehr als vier Stunden Schlaf gereicht. Tina über mir hat sich die ganze Nacht über gedreht und gehustet, was dazu führte, dass ich mich wie auf hoher See gefühlt habe.

Interessanter Weise ist sie es, die mir heute Morgen vorwirft, dass sich das Bett die ganze Zeit bewegt habe, weil ich so viel über Bens vorabendliche WhatsApp gekichert hätte. Da habe sie kaum schlafen können. Ich schenke mir einen Kommentar. Ben flüstert mir zu, ich solle es ignorieren. Sie sei ein bisschen eifersüchtig, dass wir so viel Zeit miteinander verbringen. Ihm habe sie auch schon Vorhaltungen gemacht.

Dem zum Trotz sind der Schwede und ich bald darauf wieder als Duo unterwegs, weil Tina unser Tempo einfach zu schnell ist. Ich laufe inzwischen längst wie von selbst. Der Körper hat sich so daran gewöhnt, dass es mir eher komisch vorkommt, bald nicht mehr jeden Tag wenigstens 20 Kilometer zu Fuß zu gehen.

So ein Körper ist einfach nicht dafür gemacht, täglich stundenlang im Büro zu hocken. Ich fühle mich momentan unglaublich frei, vor allem im Kopf. Und diese Freiheit ermöglicht es, ein Auge für Details zu haben, offen auf andere Menschen zuzugehen und vor allem daran zu glauben, dass am Ende des Tages alles gut ist.

Wo ist la Mama?

Das Wetter meint es heute wieder gut mit uns. Die Sonne lacht und stattet uns binnen kürzester Zeit mit einem kleinen Schweißfilm aus. Während ich wie ein Duracell-Häschen Fuß vor Fuß setze, läuft es bei Ben alles andere als rund. Dauernd knickt mein Begleiter um, behauptet aber trotz schmerzverzerrtem Gesicht, dass alles okay sei. Ich könnte ihm eine reinhauen. Ich sehe sehr wohl, dass es nicht okay ist, zumal bei ihm mit jedem Umknicken ordentlich Gewicht auf den Knöchel knallt.

Um neun erreichen wir eine Bar im Nirgendwo. Gegenüber liegt eine große Wiese mit Tischen und Bänken im Sonnenschein. Perfekter Frühstücksspot. Mit Bocadillo und Kaffee lassen wir es uns gut gehen. Ein Italiener kommt an unseren Platz. Ben und er fallen sich in die Arme, wie zwei lang vermisste Brüder. Es ist immer faszinierend, wie nah man sich auf dem Camino ist, als dass einen wenige Tage Abstinenz zu ganz großen Gefühlen veranlassen.

Alberto ist mit seiner Mutter auf dem Jakobsweg unterwegs. Interessante Konstellation, wie ich finde. Ob wir sie gesehen hätten, will er besorgt von uns wissen. Ben bricht in wie ich finde unpassendes Gelächter aus. Es sei immer das Gleiche mit den beiden, erklärt er mir entschuldigend. Entweder Alberto suche seine Mutter, oder seine Mutter suche ihn. Der Sizilianer lacht ebenfalls. Ja, es sei ein schweres Los mit ihnen. Sie hätten einfach ganz unterschiedliche Tempi. Trotzdem haben sie es gemeinsam bis hierher geschafft. Ich bin beeindruckt.

Zaubertempler

Ein Typ mit riesigem Templerkreuz um den Hals gesellt sich dazu. Er hat große Ähnlichkeit mit Vincent Raven, einem abgetakelten Magier, der mal bei irgendeiner TV-Show mitgemacht hat und der einen krächzenden Raben auf der Schulter trug. Der Kerl hier unterhält sich ausschließlich mit den beiden Jungs. Ich bin absolut Luft für ihn. Vermutlich kann auch er zaubern. Ich warte darauf, dass ein schwarzes Federvieh auf der Schulter des Unsympathen landet, aber nichts geschieht.

Dafür stolpern plätzlich Tina und Albertos Mama gemeinsam auf unsere Picknick-Wiese. Großes Wiedersehen auch an dieser Stelle zwischen der Signora und Ben. Albertos Mutter schimpft parallel mit ihrem Sohn, dass sie versucht habe, ihn anzurufen, er aber nicht ans Telefon gegangen sei. Sie habe sich verlaufen und Gott sei Dank hätte Tina sie aufgesammelt, sonst wäre sie inzwischen vermutlich verhungert. Auf ihren Sohn sei ja kein Verlass. Spricht sie und küsst ihren Jungen. Ein letztes Mal genieße ich die Sonne, dann geht es für Ben und mich wieder los, Gott sei Dank ohne den letzten Templer, der will nämlich lieber alleine laufen.

Ein Animerucksack auf Reisen

Es geht weiter durch Eukalyptus- und sonstige Wälder, bis wir uns gegen halb elf einer alten, römischen Brücke nähern, die hinein nach Melide führt. img_4181Ich muss an Puenta la Reina denken, einer der schönsten Brücken auf dem Weg, nicht weit hinter Pamplona. Wie lange das her ist. Das war in der ersten Woche, als die Anzahl der gelaufenen Etappen noch einstellig war, man sich aber dennoch wie ein erfahrener Pilger fühlte, weil man bereits 100 Kilometer in den Beinen hatte. Inzwischen sind es fast 750.

Auf dem Weg vor uns beobachten wir bereits seit zehn Minuten mit einer gewissen Faszination das Treiben eines anderen Pilgers. Er läuft den wahrlich nicht sonderlich steilen Weg rückwärts hinunter, und Ben und ich fragen uns, was das soll. Es mutet wirklich extrem sonderbar an.

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Ohne Worte

Die Krone setzt dem Ganzen aber der Rucksack des Typen auf. Nicht nur, dass er von der Größe gerademal für das Pausenbrot eines Grundschülers reichen würde, ihn zieren zudem auch noch zwei Manga-Figuren auf rosafarbenem Grund, wie wir entdecken, als wir immer näher kommen. Hat er eine Schulklasse ausgeraubt? Ist es ein Zehnjähriger, gefangen im Körper eines Mittvierzigers? Sind wir dehydriert?

Wir nähern uns dem trubeligen Zentrum des Städtchens. Mein Reiseführer empfiehlt, hier Pulpo, den typisch galicischen, gekochten Kraken zu essen, aber weder Ben noch mir ist nach einem Mittagessen mit acht Armen. So halten wir Ausschau nach einer netten Bar.

Ein Bier vor vier

Wir bleiben auf dem Camino, wie uns Streetart in Form einer kleinen Muschel mit Gesicht und Pilgerstab auf einem Laternenpfeiler deutlich macht. img_4182Weil mein Mitpilger dringend mal ausruhen und seinen überlasteten Knöchel schonen soll, lassen wir uns wenig pittoresk auf der kleinen Terrasse eines Cafés, gleich an einer stark befahrenen Straße, nieder. Ben gefällt mir heute nicht. Er ist sehr schweigsam und hat offensichtlich schlechte Laune. Unser Gespräch kommt nicht so recht in Gang, und ich wünsche mir kurz, alleine zu sein. Ich selbst bin bester Dinge und seine Griesgrämigkeit zieht mich runter.

Als der Schwede ein Bier zu seiner Cola bestellt, schaue ich ihn ziemlich skeptisch von der Seite an. Es ist gerade mal elf Uhr. Mein Blick kommt richtig gut an. Ob es ein Problem gebe? Ich verkneife mir eine Belehrung, weise aber vorsichtig darauf hin, dass es elf Uhr sei. Ja, genau, elf Uhr, die perfekte Zeit für das erste Bier, zischt es neben mir. Ich übe mich in Meditation.

Ein Gutes hat die Bar allerdings. Gegenüber befindet sich ein Zigarettenladen. Da ich schon wieder seit 24 Stunden bei Ben mitrauche, bin ich froh, dass ich wenig später meinen persönlichen Engpass beheben kann. Der Laden bietet nicht nur Zigaretten feil, sondern auch Parfüm und Touri-Nepp. Eine engagierte Promoterin möchte mich unbedingt zu einem neuen Duftwässerchen überreden, das es gerade im Sonderangebot gibt. Ich frage mich, ob wir komisch riechen oder ob ihr einfach nicht klar ist, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ich ein völlig unbrauchbares Glasfläschchen nach Santiago schleppe, eher gering ist. Mit ausreichend Glimmstängeln, aber ohne sonstige Beigaben, verlassen wir den Laden. Das Bier hat seine Wirkung nicht verfehlt. Grummelgriesgram neben mir taut langsam wieder auf.

Tag der offenen Tür

Ich bin dankbar, als wir das Stadtleben hinter uns lassen. Kaum unterwegs führt der Camino über Felder an einer kleinen, romanischen Kirche vorbei. Dieses Juwel ist normalerweise geschlossen, doch ich habe großes Glück.

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Santa Maria de Melide

Ein Lehrer ist mit seiner Schulklasse dort, und so kann ich einen Blick hineinwerfen. Ben bleibt lieber vor der Tür. Er fände Kirchen doof. Ich finde Ben doof und gehe allein. Mich erwartet eine Überraschung. Es gibt wunderschöne Fresken, die leider auf dem Foto nicht zur Geltung kommen, weil das Licht geradewegs durch das Fenster scheint. Dafür erinnert mich der Umriss, den das Licht zaubert, an die Silhouette eines Pilgers mit Hut und Umhang. Sieht das außer mir noch jemand?

Wenn ich die Ausführungen des Lehrers vorn richtig verstehe, handelt es sich um eine Templerkirche. Ich bestaune die aufwendigen Verzierungen und entdecke ein Templerkreuz gleich über dem kleinen Fenster, vor dem das Kreuz steht, das von der Sonne angestrahlt etwas Übernatürliches bekommt. Ich wäre gern noch ein bisschen sitzen geblieben, aber will Ben nicht zu lange vor der Tür stehen lassen und verlasse das Kleinod.

Draußen versuche ich, dem Schweden zu erklären, was er verpasst, doch zu mehr als einem Blick durch die Tür und einem lakonischen „Aha, eine Kirche“ ist er nicht zu bewegen. Ich bin leicht genervt. Kann er seine miese Laune bitte woanders platzieren? Da ich heute sowieso fitter bin als er, nehme ich keine weitere Rücksicht auf Mr. Umknick und laufe mein normales Tempo. Bald ist Ben abgeschlagen hinter mir, und mein Ärger über ihn löst sich Schritt für Schritt in Luft auf. Es ist so herrlich heute. Die Sonne, der Duft von Eukalyptus, selbst die vielen Pilger stören mich nicht.

Unterwegs überhole ich auf einmal Passau-Olli und seinen Freund, den Pfarrer. Die beiden kenne ich aus der Casa Paderborn in Pamplona, habe sie aber bewusst das letzte Mal in Burgos gesehen. Erstaunlich, dass wir offensichtlich immer mehr oder weniger gleichauf waren, uns aber gar nicht begegnet sind. Ich halte mich nicht lange im Gespräch auf. Es läuft heute einfach zu gut. Ich möchte weiter und höre nach längerer Zeit mal wieder Musik. Ich bin ganz bei mir, platzend vor Glück.

Welt- und Wegschmerz

Um viertel vor eins taucht aus dem Nichts eine Bar auf. Die Vorstellung einer kalten Kas Limón ist zu verlockend, um vorbeizugehen. Ich habe Glück, noch einen Tisch zu finden, denn der Laden brummt. Wenig später, ich sitze gerade vor meinem Zuckerschub, kommt auch Ben an und lässt sich verschwitzt auf dem Stuhl neben mir nieder. Ob alles okay sei, will er wissen. Ich sage ihm, dass mir seine schlechte Laune vorhin ordentlich auf den Keks gegangen sei, sonst aber alles in Ordnung wäre.

Ben entschuldigt sich. Er hätte das vorhin nicht an mir auslassen sollen, aber die Vorstellung, dass heute der vorletzte Tag sei, mache ihn fertig. Er wolle nicht nach Hause, nicht zurück in sein altes Leben, aber er wisse auch nicht, ob er in der Lage sei, es zu verändern. Die Vorstellung, wieder in den alten Trott zu kommen, mit seiner Freundin und dem Bürojob, sei der Horror. Schlimmer sei nur noch die Vorstellung, mich künftig nicht mehr zu sehen. „I really like you, Audrey.“

Ich versuche mich, so gut es geht, in Optimismus und zitiere meinen niederländischen Wegabschnittsgefährten Marco ausgerechnet mit dem Satz, der mich damals in Léon zur Weißglut getrieben hat: „We are always in the here and always in the now.“ Ben möge sich die letzten, schönen Tage nicht damit versauen, über das, was gegebenenfalls in der Zukunft passiert, zu sinnieren. Momentan seien wir noch auf dem Camino, noch sei ich da und noch hätten wir den Luxus, nichts tun zu müssen, außer zu laufen, ein Bett zu finden und ausreichend zu essen und zu trinken. Ich sei eine kluge Frau, wird mir bestätigt, er werde es versuchen.

Wie Jim todkrank seine Frau überlistete

Wir sind gerade im Aufbruch, als eine bekannte Gestalt zusammen mit einer lärmenden Gruppe die Bar betritt: Hat-Boy, unser posierender, italienischer Foto-Suchti. Sein Outfit ist unverkennbar. Weißer Hut, gestreifte Sportjoggerhose, das Handy zum nächsten Selfie gezückt. Ben und ich sehen kichernd zu, dass wir Land gewinnen, bevor wir ein Gruppenbild machen müssen.

Die verbleibenden anderthalb Stunden verbringen wir mit meinem Lebenslaufspiel. Wusstest du eigentlich, dass Hat-Boy Make-Up-Artist und ansonsten von Beruf Sohn ist, frage ich Ben. Er finanziere seinen Camino mit Papas Kreditkarte und werde nach dem Jakobsweg endlich sein Coming Out haben und dann hoffentlich als Modedesigner durchstarten.

Als nächstes erwischt es den Amerikaner Jim, der bei unserem Kennenlernen mit uns in der Bar saß. Wir wissen beide absolut nichts über ihn, sind aber schon sehr bald davon überzeugt, dass Jim ein Vermögen mit irgendwelchen Kleinteilen für PCs gemacht habe. So habe er seine Frau kennengelernt, die allerdings weitaus weniger scharf auf Jim als auf dessen Geld war und ihn schon seit längerem nach Strich und Faden betrüge. Jim, bei dem vor anderthalb Jahren eine tödliche Krankheit diagnostiziert wurde, sei ihr auf die Schliche gekommen. Damit sie nicht an sein Vermögen komme (sie haben keinen Ehevertrag, weil Jim an die wahre Liebe glaubt), lasse er sich nicht scheiden, sondern versuche, in dem einen Jahr, das ihm noch bleibt, möglichst viel Geld in Europa zu verknallen.

Wie immer bei dem Spiel muss ich mich selbst daran erinnern, dass das alles frei erfunden ist. Nicht dass ich Jim beim nächsten Wiedersehen mit mitleidigem Blick anschaue und ihn ermutige, häufiger ins Casino zu gehen.

Alles im Fluss

Wir müssen noch einmal ordentlich bergauf, dann geht es abwärts. Gegen drei erreichen wir, immer noch über unsere erfundenen Lebensläufe kichernd, das Dorf  Ribadiso. Es ist der Ort unserer Bestimmung. Das wird uns gleich klar, als wir eine kleine Brücke überqueren und lauter Pilger entdecken, die wenige Meter entfernt auf Stufen am Fluss sitzen und bester Laune ihre Füße im Wasser des Rio Iso kühlen. Das wollen wir auch.

Die hübschen Steinhäuschen mit den blauen Fensterrahmen stellen sich tatsächlich als die öffentliche Herberge heraus. Wir sind begeistert. Hier bleiben wir ganz sicher. Passau-Olli und Wolfgang winken mir bereits vom Fluss aus zu. Sie haben sich einen guten Platz gesichert.

Ben und ich atmen bei der guten Nachricht, dass es noch Betten gebe, merklich auf. Wir sagen der Hospitalera, dass wir noch eine weitere Pilgerin erwarten, die aber später komme. Ob wir für sie schon zahlen dürften, damit auch sie hier unterkommen könne. Die Dame schüttelt entschuldigend den Kopf. First come, first serve. Reservieren ist nicht. Aber es gäbe noch ausreichend Plätze, unsere Freundin würde sicher noch etwas finden.

Wir haben Tina seit heute Morgen nicht mehr gesehen. Ben ruft sie an und erklärt ihr, wo sich unsere Unterkunft befinde und dass wir hier auf sie warten. Sie ist noch eine knappe Stunde entfernt, verspricht aber, einen Zahn zuzulegen. Er hat ein latent schlechtes Gewissen. Bis wir hier angekommen sind, haben wir uns keine Sekunde gefragt, wo die Schwedin wohl stecke.

Ich habe da inzwischen weniger Skrupel. Tina ist Mitte Fünfzig, die kommt schon klar. Außerdem ist es allerhöchste Eisenbahn für sie, ihren eigenen Weg zu gehen. Abgesehen davon habe ich wirklich keine Lust mehr, auf sie Rücksicht zu nehmen. Ich habe heute ja schon deutlich gespürt, wie sehr mich Bens Stimmungsschwankungen verärgert haben, da muss ich mir nicht auch noch das schwedische Geplapper gönnen.

Wenn man sich zu sehr an andere Leute bindet, kann das auch Nachteile haben. Seit ich mit den beiden unterwegs bin, lerne ich zum Beispiel überhaupt keine anderen Leute mehr kennen. Und selbst den größten Seelenverwandten geht irgendwann der Gesprächsstoff aus. Ich habe es immer genossen, alleine zu laufen. Das ist mir heute, als ich eine Stunde ohne Gesellschaft war, wieder aufgefallen.

Die Muhigrinos kommen

Ich bin gerade mit Duschen und Waschen fertig und mache mein Bett, als von draußen lautes Getöse zu hören ist. Irgendjemand schreit herum und dazwischen ertönt immer wieder ein kreischiges Muhen. img_4186Ich stürme ans Fenster. Tatsächlich, da treibt jemand eine Kuhherde den Camino entlang, allerdings in Gegenrichtung. Auf der Brücke direkt neben unserer Herberge, laufen drei Kühe. Vor und hinter der Brücke drücken sich die Pilger an die Seite, um dem Rindvieh Platz zu machen. Man weiß ja nie, ob eins von ihnen schon immer von einer steilen Karriere als Stier geträumt hat und die Pilger samt Stöcken mit Matadoren verwechselt.

Ich gehe mit Ben hinaus an den Fluss und setze mich zu Olli und Wolfgang, die Teil einer größeren, deutschen Gruppe sind, in die Sonne. Der Schwede hat Bier besorgt. Natürlich. Die Stimmung ist auch bei den Deutschen zwischen himmelhochjauchzend und melancholisch-betrübt. Tina ist inzwischen ebenfalls angekommen und berichtet uns, wie sie sich auf einmal inmitten einer Kuhherde wiederfand. Ich zeige ihr die Bilder von den Muhigrinos. Wir kennen die Kollegen, wenn auch aus sicherer Entfernung. Auf den Treppenstufen werden Gruppenbilder gemacht und Olli erklärt sich netterweise bereit, auch eins von uns zu machen.img_4190

Während Ben seinen geschwollenen Fuß im kalten Wasser kühlt und Tina schimpft, dass sie heute den ganzen Tag alleine laufen musste, verziehe ich mich auf die Wiese und sonne mich. Zum dritten Mal kommt mein Bikini zum Einsatz. Soll mal keiner sagen, ich hätte den umsonst mitgenommen, auch wenn er inzwischen unangenehm schlackert. Wenig später kommt Ben mit zwei Dosen Bier zu mir rüber und wir chillen gemeinsam, bis Alberto auftaucht. Die beiden unterhalten sich, nachdem wir geklärt haben, dass keiner von uns Albertos Mutter gesehen hat.

Kein geschnittener Pony

Wir essen in einem Restaurant, das gleich gegenüber unserer Unterkunft ist, auf einer riesigen Terrasse zu Abend. Wie so häufig vergisst Tina mit steigendem Pegel und zunehmender Müdigkeit angeblich, dass ich kein Schwedisch kann. Immer wieder richtet sie das Wort an mich, und ich verstehe nur Smörrebröd. Es nervt. Ich merke, dass ich gerade schnell gereizt reagiere. Vermutlich ist das meine Art von Camino Blues.

Als es halb neun ist, warten Ben und ich ungeduldig darauf, dass Tina endlich ins Bett geht, doch den Gefallen tut sie uns nicht, sondern klebt wie eine Klette an uns. Es gibt keine Möglichkeit, sich abzuseilen. Ich hole mir drinnen einen Gin Tonic an der Bar. Wenig später kommt auch Ben, ebenfalls genervt. Wir verabreden, dass wir uns in zehn Minuten auf einer Bank, die wir zwischen den Steinhäuschen auf dem Gelände der Albergue gesehen haben, treffen. Wir sagen einfach, dass wir ins Bett gehen. Tina schläft in einem anderen Raum.

Zurück am Tisch löst sich das Problem dann von selbst. Die Schwedin will sich schlafen legen. Sie möchte morgen vor uns los, um zu vermeiden, dass sie einen weiteren Tag alleine unterwegs ist. Vom Fluss klingt Geschrei und Gejauchze zu uns hoch. Es ist die italienische Gruppe rund um Hat-Boy, die sich gegenseitig ins Wasser schubsen und dabei einen riesigen Radau veranstalten. Es untermauert meine Vorstellung, dass der Camino für sie eine Art Abenteuerurlaub ist. Die Schlafräume unserer Albergue gehen großteils zum Fluss raus. Das Gejohle wird den Pilgern, die sich an die allabendliche Bettruhe halten, vermutlich den Schlaf rauben.

Ben und ich gehen mit unserem Gin Tonic zu der besagten Bank. Hier stören wir niemanden, wenn wir noch etwas länger reden. Eigentlich wollte der Schwede hier ein Versprechen einlösen und meinen inzwischen viel zu lang gewachsenen Pony schneiden. Er hat aber nur eine Nagelschere dabei und traut sich nicht so recht. Die Schere ist zu klein, und das Licht schon zu dämmerig. Da müsse ich wohl doch noch bis Santiago warten. Oder bis Finisterre, sage ich mit einem schelmischen Grinsen.

Ich versuche Ben seit Tagen davon zu überzeugen, noch mit mir ans Ende der Welt zu kommen. Ich habe zwar nicht mehr genug Zeit, dorthin zu laufen, aber mit dem Bus hinfahren, möchte ich auf jeden Fall. Er wiederum muss aus irgendwelchen Gründen in drei Tagen zurück in Schweden sein. Da er seinen Flug aber immer noch nicht gebucht hat, versuche ich es beharrlich weiter.

Eine Nacht im Sägewerk

Wir sitzen noch eine Stunde auf der Bank und reden über alles Mögliche, bis uns die Kälte gegen elf in den Schlafsaal treibt. Die Kakophonie, die uns erwartet, stellt alles bisher Erlebte in den Schatten. Unter mir ist jemand, der laut schnarcht, aber unter Bens Bett liegt jemand, der unfassbare Geräusche fabriziert. Der ganze Raum vibriert. Außer den beiden Schnarchern scheinen alle anderen Pilger wach oder zumindest in einem unruhigen Schlaf. Es wird erstaunlich viel gewälzt.

Fasziniert lausche ich auf das Aufheulen neben meinem Bett. Unglaublich, dass ein Mensch solche Laute produzieren kann. In meiner Vorstellung liegt dort ein zwei Meter großer, mindestens 150 Kilo schwerer, kettenrauchender, uralter Herr mit langem Bart. Ich hasse ihn. Sehr. Das Schnarchen dringt durch die Oropax. Ich versuche zu schlafen, aber es will mir nicht so recht gelingen. Das wird eine kurze Nacht, so viel ist sicher.

Zeitreise

Vorwärts: Bist du so gespannt, wie ich, wer der schnarchende Übeltäter ist? Dann geh mit mir von Ribadiso nach Pedrouzo, wo ich in einen Dornröschenschlaf falle, Karriere als Testimonial machen soll und dem Anfang vom Ende nichts entgegenzusetzen habe.

Rückwärts: Du hast verpasst, wie Ben und ich uns gestern wie die Teenager WhatsApp von Bett zu Bett geschickt haben? Und dass mich ein Gemälde völlig aus der Bahn geworfen hat, weißt du auch nicht? Dann komm doch noch mal mit von Portomarin nach San Xulián und sei dabei, wen ich mit einem Esel mit Strohhut auf den Camino gehen möchte und Schneewittchen, die Hexe von San Xulián und Robin Williams treffe.

Du bist hier heute durch Zufall gelandet und möchtest das Abenteuer von Anfang an erleben? Dann geht es hier entlang.

Kommentare und Ergänzungen

Bist du selbst den Jakobsweg gelaufen? Wie ist es dir kurz vor dem Ziel ergangen? Konntest du es kaum abwarten oder hättest du die Ankunft am liebsten immer weiter in die Ferne geschoben? Warst du vielleicht sogar mit mir auf diesem Stück unterwegs? Hast du noch etwas zu ergänzen oder zu korrigieren? Was hat dir an der Etappe gefallen, was eher nicht so? Ich freue mich wie immer über deinen Kommentar.

Ich muss das weitersagen
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Ein Gedanke zu „Camino Frances #38: Von San Xulián nach Ribadiso

  1. Liebe Audrey, diese Kirche mit dem Pilgerfenster ist wirklich wunderhübsch. Ich wäre auch hin und weg gewesen.
    Ich wünsche dir ein wunderschönes Weihnachtsfest!
    Alles Liebe, Myria Aurora

Und was sagst Du?