Camino Frances #39: Von Ribadiso nach Pedrouzo

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Etappe 35 auf dem Jakobsweg: kleine Dame, große Stimme, Dornröschen schläft, Karrierechancen als Testimonial und der Anfang vom Ende (4. Juni 2016, 23 Kilometer)

Hier ist er, der letzte richtige Tag. Morgen sind wir in Santiago, und heute sind wir völlig übermüdet. Das unmenschlich laute Schnarchen, das mich gestern Abend so erzürnt hat, blieb uns durchgehend erhalten. Um halb drei bin ich einmal durch den dunklen Saal zur Toilette gewankt und habe kurz überlegt, dem Kerl im Bett unter Ben ein Kissen aufs Gesicht zu drücken, damit die Tortur endlich aufhört. Schlafentzug wird nicht umsonst in manchem Regime als Foltermethode angewandt. Ich kann nicht sagen, ob ich zwischendrin irgendwann mal länger am Stück geschlafen habe. Es fühlt sich jedenfalls nicht so an.

Kleine Dame, große Stimme

Um halb sechs ist plötzlich Schluss mit dem Schnarchen. Dennoch kehrt keine Ruhe ein, denn jetzt kramt die Person unter Ben ihre Sachen zusammen. Ich setze mich ruckartig in meinem Hochbett auf. Es fühlt sich an, als hätte mich jemand einmal komplett durchgeschüttelt. Ich bin verspannt, todmüde und habe ausnahmsweise richtig schlechte Laune. Ich möchte den Übeltäter mit eigenen Augen sehen. Noch eine Nacht werde ich ganz sicher nicht in seiner Gegenwart zubringen, also muss ich herausfinden, wer das war.

Die Holzverschläge vor den Fenstern lassen ein wenig Morgendämmerung zu uns hereinschlüpfen. Es sind nur Schemen zu erkennen, aber sie reichen aus, um das menschliche Sägewerk zu enttarnen. Endlich erhebt sich die Person aus dem Bett unter Ben. Als sie steht, fallen mir beinahe die Augen aus dem Kopf. Ich hatte einen großen, übergewichtigen, alten Mann erwartet, mindestens zwei Meter lang und anderthalb Meter breit. Nichts ist. Da steht eine Frau. Eine sehr kleine Frau noch dazu.

Ist es wirklich möglich, dass ein so kurzer Körper so viel Resonanzraum bietet, dass er zu solchem Krach in der Lage ist? Und dann, in der Dämmerung des anbrechenden Tages, dämmert es auch mir: Das ist nicht irgendeine Frau. Ich habe sie schon einmal gesehen. Sie sang damals ein Lied aus ihrer südamerikanischen Heimat bei unserem Eurovision Song Contest.

Das ist die Peruanerin, die in der Herberge von Bercianos mit Thijs in einem Zimmer gelegen hat und ihn fast in den Wahnsinn getrieben hat. Ich kann mich an sein schmerzverzerrtes Gesicht erinnern, als er am nächsten Morgen von der kleinen, peruanischen Nachtmusik erzählte. Und daran, dass ich ihm im Anschluss ein Paar Ohrstöpsel geschenkt habe, damit er beim nächsten Mal irgendetwas hat, das er dem Krach entgegensetzen kann.

Die anderen Südamerikanerinnen sehen zu, dass sie nicht mit ihr in ein Zimmer geraten, hatte Thijs damals erzählt. Ich kann sie nach meiner eigenen, nächtlichen Erfahrung wahrlich verstehen. Ich muss fast schon wieder lachen. Man trifft sich immer zweimal auf dem Camino. Welch ein Glück, dass sie heute erstmals mit mir ein Zimmer geteilt hat, obwohl sie offensichtlich im gleichen Tempo unterwegs war wie ich. Dass es kein Revival geben wird, steht außer Frage. Jetzt weiß ich, wie sie aussieht. Uns beide wird man ganz sicher nie wieder in den gleichen Raum stecken.

Bonjour Tristesse

Ich ziehe mich an und verlasse den Ort der Vorhölle. Ben ist ebenfalls wach und setzt sich schnell in Bewegung, als er sieht, dass ich aufstehe. Ich steuere mit meinem Gepäck die Bar von gestern an. Ich brauche Kaffee. Heute noch dringender als an sämtlichen anderen Tagen. Am liebsten hätte ich auch noch zwei Streichhölzer, um sie mir zwischen die Augenlider zu klemmen.

Die Koffein-Dosis erledigt ihren Job nicht mal ansatzweise. Als Ben zu mir stößt, bin ich schweigsam wie ein Grab. Wer mich kennt, weiß, dass das ein sehr seltener Zustand ist. Wir schweigen uns an. Tina ist bereits wie angekündigt unterwegs, damit sie nicht wieder den ganzen Tag alleine laufen muss. Wir holen sie bestimmt ein.

„What a night“, stöhnt mein schwedischer Wegbegleiter. Ich verdrehe nur die Augen und gähne zur Bestätigung. „Hast du sehen können, wer das war?“ Ich beschreibe die peruanische, kleine Nachtmusik. Ben glaubt zuerst, dass ich ihn auf den Arm nehme, als ich etwas von einer 1,55 Meter großen Lady erzähle. Die nächsten 15 Minuten malen wir uns aus, wie wir uns an ihr rächen könnten. Uns will nur nichts einfallen, womit man ihr gebührend Leid verschaffen könnte, ohne ihr ernsthaft weh zu tun.

Obwohl ich hier noch stundenlang sitzen und mich bemitleiden könnte, mahne ich zum Aufbruch. Wir wollen heute so nah wie möglich an Santiago herankommen, damit wir es morgen in die Pilgermesse schaffen. Ben hat inzwischen seinen Rückflug gebucht. Er wird übermorgen ganz früh zurückfliegen. Wir müssen also vor dem Mittag in Santiago sein, um den feierlichen Abschluss unserer Reise gemeinsam zu begehen. Morgen. Wie das klingt!

img_4198Um halb acht setzen wir uns in Bewegung. Mein Kopf bläst Trübsal. Mich überkommt eine unfassbare Melancholie. Ich sehe Ben nur noch zwei Tage, dann verschwindet er aus meinem Leben. Ich habe das Gefühl, ihn seit Ewigkeiten zu kennen und könnte jetzt schon heulen. Mein Gegenüber plagen offensichtlich ähnliche Gedankengänge. Wir reden nicht darüber, laufen missmutig los, durch hübsche Wälder, die uns völlig kalt lassen. Es ist alles gesagt. Es ist nichts gesagt. Wir trauern. Jetzt schon. Und schweigen beharrlich weiter. Meine Beine fühlen sich an wie Beton und eine kleine Blutblase unter meinem Fuß macht Ärger. Ausgerechnet am vorletzten Tag. Ben knickt schon wieder gefühlt alle 100 Meter um. Es macht keinen Spaß.

Musik Marsch

Nach knapp zwei Stunden machen wir Pause in A Calzada. Hier finden wir eine Bar mit netter Außenterrasse entlang der alten, rustikalen Hausmauer. Obwohl es noch früh ist, ist es schon sehr voll.

Nach dem Kaffee versuchen wir uns an unseren üblichen Spielen, um voran zu kommen. Doch egal ob Wer bin ich, Lebenslaufroulette oder Musik-ABC – nichts begeistert uns. Wir schleppen uns dahin. Nach sieben Kilometern, ich sitze gerade auf einem Stein vor einem wunderschönen, bunt bepflanzten Haus, schlage ich eine Taktikänderung vor. Jeder für sich soll laute Musik hören. Das ist zumindest bei mir immer ein Erfolgsgarant. Und in der nächsten Bar, die offen ist, bestellen wir uns dann ein Bier.

Gesagt, getan. Ein jeder fummelt seine Kopfhörer zurecht und Abmarsch. Der Beat tut, was ich mir von ihm versprochen habe. Kaum musikalisch untermalt, laufe ich mit deutlich mehr Schwung. Die Travelling Wilburys schieben mich nach vorn. Auch für Ben funktioniert diese Variante. Wir kommen endlich wieder gut voran. Die Sonne lacht und ich versuche Marcos Here & Now Regel zu beherzigen und mir nicht den heutigen Tag vom anstehenden Ende morgen versauen zu lassen, doch es gelingt nur halbwegs.

T-Shirt Punk

Gegen halb zwölf, wir sind in Salceda, taucht die versprochene Bar auf. Es gibt sogar gleich mehrere entlang der Straße, doch mir ist sofort klar, welche ich besuchen möchte: die Casa Verde, aus der nicht nur laute Punk-Musik ertönt, sondern die auch mit der wohl wunderlichsten Inneneinrichtung aufwarten kann:

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Deckenschmuck in der Casa Verde in Salceda

Von der Decke hängen überall bunte T-Shirts, auf denen handgeschriebene Sprüche und gute Wünsche stehen. Auch die Wände sind über und über mit Kram behangen.

Ich besorge uns das angekündigte kühle Blonde, und wir setzen uns nach draußen und beobachten die anderen Pilger. Neben uns lärmt eine mehrköpfige spanische Frauengruppe. Mit dem Bier steigt endlich auch die Stimmung bei uns beiden.

Ich betrachte meinen schwedischen Freund. Dann schaue ich an mir herunter und fange schallend an zu lachen. Ben muss mitlachen, ohne zu wissen was los ist. Ich zeige an uns herunter und kichere. Ben trägt heute ein himmelblaues Shirt. Ich bin in pink unterwegs. 58443b09-2297-4634-bf49-8d643d03c07b Die Hersteller von Outdoorklamotten scheinen es stereotyp zu mögen.

Die Spanierinnen schauen immer wieder zu uns rüber und lachen ebenfalls. Ich frage die eine Dame, ob sie ein Bild von uns machen könne, was sie gerne tut. Wir seien ein wirklich tolles Paar, sagt sie. Man könne sehen, dass wir sehr verliebt seien. Und wir würden wirklich gut zueinander passen.

Ich schaue sie verwirrt an und erkläre ihr, dass wir Camino-Freunde seien und sonst nichts. Sie glaubt mir nicht. Ben strahlt. Ihn scheint es im Gegensatz zu mir nicht im Geringsten zu stören, zumal ich zunehmend das ungute Gefühl habe, dass er sich in mich verliebt hat. Wieso muss eigentlich immer alles so kompliziert sein?

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Mal wieder Wandertag

Wir brechen auf und schlängeln uns gemeinsam mit viel zu vielen anderen Pilgern den Camino entlang. Mich nervt der Trubel. Ich bin völlig übermüdet, und das Bier mag zwar meine Laune verbessert haben, aber wacher bin ich davon sicher nicht geworden. Selbst der Geruch von Eukalyptus kann mich nicht begeistern. Die Blase unter meinem Fuß tut bei jedem Schritt weh und meine Beine fühlen sich unglaublich schwer an. Genauso wie ich. Das Gefühl von Leichtigkeit, das mich sonst so zuverlässig begleitet und mich oftmals geradezu über den Camino schweben ließ, ist meilenweit entfernt. Kopf und Körper sind bleiern und schwer.

Dornröschen schläft

Einige Kilometer weiter und eine Pause später kommen wir in Pedrouzo an. Was für ein elendiges Scheißkaff. Es besteht gefühlt aus genau einer ewig langen, stark befahrenen Hauptstraße, an der sich Bar an Restaurant reiht. In einem treffen wir auf Tina. Es ist uns heute nicht gelungen, sie einzuholen, so dass sie erneut allein unterwegs war. Sie hat sogar schon zu Mittag gegessen, so schnell war sie und ist noch immer fit wie ein Turnschuh. Wenn es nach ihr ginge, würden wir noch ein paar Kilometer dranhängen. Das kommt für mich wirklich nicht in die Tüte. Ich gehe nirgendwo mehr hin, bin stehend k.o., und auch Ben will nicht weiter.

Tina schmollt kurz, entscheidet sich dann aber, gemeinsam mit uns hier zu bleiben. Es hätte mich auch wirklich gewundert, wenn sie ein einziges Mal ohne uns gegangen wäre. Wir finden eine Unterkunft, die abseits der Hauptstraße gelegen ist und eine große Terrasse hat. Ben und Tina wollen etwas trinken gehen, ich will nur noch schlafen, auch wenn ich es ärgerlich finde. Den letzten, richtigen Tag müsste man doch eigentlich etwas feierlicher ausklingen lassen. Ben verspricht, mich in zwei Stunden zu wecken. Ich solle erst mal ein wenig Schlaf nachholen.

Der Schlafsaal ist hell und modern. Drinnen treffe ich Anne. Sie saß gestern zusammen mit den anderen Deutschen auf den Stufen zum Fluss. Als sie mich erkennt, kommt sie an mein Bett. Sie müsse sich bei mir entschuldigen, sagt sie. Ich bin etwas irritiert. Wir kennen uns ja gar nicht. Sie habe mich die letzten Tage immer wieder auf dem Camino gesehen: diese große Frau mit dem geraden Gang und dem türkisen Rucksack, energiegeladen und bester Laune, erzählt sie mir. Sie sei sich sicher gewesen, dass ich maximal seit León unterwegs sei, so mühelos, wie das bei mir immer ausgesehen habe. Und dafür habe sie mich nicht sonderlich gemocht.

Als sie nun gestern von Wolfgang und Olli erfahren habe, dass ich seit Saint Jean unterwegs sei, habe sie sich ziemlich mies gefühlt, gesteht sie mir. Und ich habe ihren Respekt. Wenn sie der Hersteller meines Rucksacks, Deuter, sei, würde sie mich glatt als Testimonial buchen. Ich muss herzlich lachen. Meine Theorie, dass wir alle unsere Geschichten rund um unsere Mitpilger stricken, wird endlich bestätigt. Ich finde es total süß von Anne, dass sie glaubt, sich für ihre unausgesprochenen Gedanken entschuldigen zu müssen. Und ich finde es toll, dass sie ihren Eindruck von mir mit mir teilt. Energie und Leichtigkeit sind genau das, was mir heute fehlt. Anne huscht aus dem Raum, und ein paar Minuten später bin ich wie ausgeschaltet und falle in einen tiefen Schlaf.

Erwachsenengetränke und Kinderessen

Als um halb sechs mein Handy klingelt, fahre ich erschrocken aus dem Tiefschlaf auf und muss mich erst mal sortieren. Wo bin ich? Wieso ist es draußen hell? Warum ist es hier so still? Wo sind die anderen? Bens Anruf war wirklich nötig. Ich hätte sonst vermutlich durchgeschlafen und wäre irgendwann mitten in der Nacht wachgeworden. Die beiden Schweden sind nach wie vor in der Bar. Ich schlage vor, mich auf den Weg zu ihnen zu machen, ich müsse sowieso noch Zigaretten kaufen, da meine alle seien.

Nein, müsse ich nicht, sagt Ben. Er habe mir zwei auf meinen Rucksack gelegt. Ich solle mich damit in Ruhe auf die Terrasse setzen und wach werden, er sammle mich dann gleich auf und gehe mit mir zurück in die Bar. Ich bin sprachlos. Wie nett ist dieser Typ? Und so packe ich mich samt Tagebuch und einer Fanta auf die Terrasse und schreibe eine Runde, bis Ben auftaucht. Wir quatschen noch ein wenig in Ruhe. Zu selten sind die Momente, wo man wirklich mal alleine ist. Erst dann gehen wir in die Bar zu Tina zurück.

Dort sitzen auch die drei Spanierinnen, die heute Mittag das pink-blaue Foto gemacht haben. Wenig später läuft sogar Hat-Boy mit seiner Italo-Gang an uns vorbei, leider ohne den markanten, weißen Hut. Wir ordern Gin Tonic. Ich trinke ganz schön viel in letzter Zeit. Ben trinkt eindeutig zu viel. Kaum sind die Getränke da, nähert sich eine Dame unserem Tisch. Ob wir Alberto gesehen hätten? Seine Mutter ist einmal mehr auf der Suche nach ihm. Ich muss kichern. Manchmal ist der Camino wirklich wie „Und täglich grüßt das Murmeltier“.

Bis halb neun sitzen wir auf der Terrasse. Dann wollen Ben und ich etwas essen und Tina ins Bett. Da die Bar kein Essen mehr anbietet, gehen wir ganz oldschool in eine schäbige, kleine Pizzeria, die wohl hauptsächlich in Lieferservice macht. Zu meiner großen Freude gibt es Pizza Hawaii, oder Tropical, wie sie hier heißt. Das war meine absolute Lieblingspizza als Kind, und auch heute kann ich ihr nur schwer wiederstehen, auch wenn ich mir beim Bestellen immer ein wenig unerwachsen vorkomme.

Der Anfang vom Ende

Unser letzter Abend verläuft wie gehabt. Wir necken uns, reden ernst und zwischendurch kassiere ich lange, intensive Blicke. Dazu passend erhalte ich eine Nachricht von meiner Freundin zuhause, die meinen heutigen WhatsApp-Beitrag mit „was für ein tolles Pärchen“ kommentiert und sich freundlicherweise anbietet, sich künftig um den Typen auf dem Bild zu kümmern, da ich ja bekanntermaßen glücklich vergeben sei. Ich frage mich mal wieder, was genau das mit Ben und mir ist. Wieso denken alle, wir seien zusammen? Und wieso sind wir so aufeinander fixiert? Vermutlich ist es eine Mischung aus gemeinsamen Erlebnissen, einer starken Grundsympathie und fünfeinhalb Wochen Isolation.

Ich schaffe meine Pizza nicht und lasse mir das letzte Viertel einpacken. So ist gleich für mein Frühstück gesorgt. Dann will ich ins Bett. Wir werden morgen richtig früh aufstehen, denn wir wollen um sechs loslaufen, um ja ausreichend Zeit zu haben, es in die Pilgermesse zu schaffen, die um zwölf beginnt. Eine letzte Zigarette auf der Terrasse mit Ben. Ein letztes Gespräch vor dem Schlafengehen Ein letztes Mal Massenunterkunft. Die letzten Male häufen sich. Heute ist der Anfang vom Ende. Ich merke, wie mir Tränen in die Augen steigen. Ben schaut mich besorgt an. „I don’t want it to stop“, murmele ich. Er nickt und nimmt mich lange und fest in den Arm. Die meisten von uns möchten wohl nicht, dass es vorbei ist.

Um halb zehn liege ich im Bett, wälze mich von links nach rechts, sicher zur großen Freude von Ben, der direkt unter mir liegt. Es ist unglaublich warm und stickig im Raum. Mein Schlafsack ist viel zu dick, selbst nur mit dem Inlay ist es mir zu warm. Gedanken schießen durch meinen Kopf. Wir haben das Ende unserer Reise erreicht. Das Ziel, auf das wir vor knapp sechs Wochen alle so hingefiebert haben und das in so großer Ferne lag, ist plötzlich nur noch 20 Kilometer entfernt. Wie fühlt man sich wohl, wenn man dieses Ziel erreicht?

Ich habe vor 39 Tagen mein bekanntes Leben hinter mir gelassen, um mich einem Abenteuer zu stellen. Nun fühlt es sich an, als würde ich das Gleiche erneut tun. Mein bekanntes Leben auf dem Camino hinter mir lassen und in ein Abenteuer aufbrechen, das mein altes Leben heißt und das sich plötzlich nicht mehr so vertraut anfühlt. Wie wird das werden?

Ich werde wohl kaum durch die Tür kommen und da weiter machen, wo ich aufgehört habe. Meinen Freund küssen, meine normalen Klamotten anziehen, ins Büro fahren, abends vor dem Fernseher sitzen, Nachrichten schauen, Geschäftsreisen machen, so als wäre nichts gewesen. Das scheint mir von hier aus betrachtet gerade alles so unbekannt und falsch, dass sich keinerlei Freude auf zuhause einstellen will. Ich wälze mich weiter von links nach rechts, während ich in meinem Kopf Gedanken wälze.

Heute habe ich unterwegs aufgeschnappt, dass nicht gesagt ist, dass das große Weihrauchfass in der Kirche geschwungen werden wird. Angeblich passiert das nur einmal die Woche. Ob das an Freitagen oder Sonntagen so ist, wusste derjenige nicht sicher. Ansonsten fliegt es nur, wenn jemand 300 Euro dafür zahlt. Ich bin fassungslos und hoffe inständig, dass wir es erleben dürfen. Dieses symbolträchtige Bild gehört für mich so sehr zum Camino wie das Laufen selbst. Es muss einfach passieren. Irgendwann finde ich in einen unruhigen Schlaf.

Zeitreise:

Vorwärts: Jetzt willst du doch sicher wissen, wie es ist, in Santiago anzukommen? Dann geh mit mir die finale Etappe von Pedrouzo nach Santiago und sei dabei, wenn ich illegale Beweisbilder mache, mutterseelenallein vor der Kathedrale stehe, Karriere als Heulsuse, Knecht Ruprecht, Etheldred und als Brücke mache und das größte Camino-Geschenk überhaupt erhalte.

Rückwärts: Du hast unseren Aufenthalt in der hübschen Albergue am Fluss gestern verpasst und damit auch das grauenhafteste Schnarchen auf dem ganzen Camino? Dann komm doch noch mal mit von San Xulián nach Ribadiso und erfahre, wieso man Berge rückwärts runterlaufen sollte, was man macht, wenn Kühe eine Brücke blockieren und wie der todkranke Jim seine Frau überlistete.

Du bist hier heute durch Zufall gelandet und möchtest das Abenteuer von Anfang an erleben? Dann geht es hier entlang.

Kommentare und Ergänzungen

Bist du selbst den Jakobsweg gelaufen? Wie war es für dich, als du so kurz vor dem Ziel warst? Hast du dich auf die Ankunft gefreut? Konntest du es kaum erwarten, endlich wieder nach Hause zu kommen? Oder fühlte sich auch dein altes Leben auf einmal fremd an? Warst du vielleicht sogar mit mir auf diesem Stück unterwegs? Hast du noch etwas zu ergänzen oder zu korrigieren? Was hat dir an der Etappe gefallen, was eher nicht so? Ich freue mich wie immer über deinen Kommentar.

Ich muss das weitersagen

6 Gedanken zu „Camino Frances #39: Von Ribadiso nach Pedrouzo&8220;

  1. Liebe Audrey,
    ich kann mir das fast nicht vorstellen, 40 Tage zu Fuß unterwegs zu sein. Mehr als einen Monat lang. Ich bewundere dich dafür und freue mich für dich, dass dir die Wanderung so leichtfüßig gelang.
    Ich wünsche dir für 2019 noch viele weitere schöne Wanderungen, Glück im Privaten und vor allem Gesundheit.
    Liebe Grüße
    Aurora

    1. Liebe Aurora,
      rückblickend kann ich es mir auch kaum noch vorstellen, aber nach 20 Tagen ist man so warm gelaufen, dass es wie von selbst geht.
      Ich wünsche dir ebenfalls alles erdenklich Gute für 2019, einen heilen Fuß und viel Erfolg für dein Buch!
      LG
      Audrey

  2. Danke das du deinen Blick auf den Camino mit uns teilst. Ich werde ihn nächstes Jahr im Herbst angehen und bin schon total gespannt.
    Gruß, Marc

    1. Hi Marc, reden wir von diesem nächsten Jahr oder tatsächlich erst 2020? Wann auch immer es losgeht, Buen Camino für dich und danke für deinen Kommentar. Es freut mich immer massiv, wenn ich direktes Feedback bekomme 😊

Und was sagst Du?