Harzer-Hexenstieg #5: Von Rübeland nach Treseburg

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Tag 5 auf dem Harzer Hexenstieg startet mit kaltem Kaffee aus der Leitung, schickt uns Robinson Crusoe, Tropenärzte und Cowboys, überraschende Aufstiegschancen und ein Leben auf dem Abstellgleis und übertrifft sich bei der Wegmarkierung selbst – kein Wunder, diesmal hat der Teufel seine Finger im Spiel (15. Juli 2018, 20 km + x)

In unserem Rübeländer Jugendzimmer aus den frühen Neunzigern wache ich um viertel nach sieben mit der sicheren Gewissheit auf, nicht mehr schlafen zu können. Ich möchte Julie nicht stören und stehe so geräuschlos wie möglich auf. Außerdem ist Sonntag und ich muss mich um den aktuellen Blog-Beitrag kümmern.

Kalter Kaffee aus der Leitung

Ich schnappe mir eins der Tütchen mit löslichem Kaffee samt Milch und Zucker, die ich für Notfälle dabei habe und angle mir im Bad einen Zahnputzbecher. Dann warte ich zunehmend ungeduldig darauf, dass das Wasser heiß wird. Nennen wir das Ergebnis mal vorsichtig „etwas mehr als lauwarm.“ Als klar ist, dass da nicht mehr gehen wird, rühre ich mir meinen Kaffee beherzt mit dem Finger an. Improvisation ist alles.

Am anderen Ende des Flurs habe ich gestern einen weiteren Ausgang entdeckt. Dahinter führt eine Treppe in Richtung Straße, wie ich nun feststellen kann. Auch wenn es vom Schönheitsaspekt her sicher noch steigerbar wäre, präsentieren sich mir hier gleich zwei große Pluspunkte: Sonnenschein und WLAN. Ich lehne die Tür mit Hilfe einer Matte an und mache es mir auf den Stufen gemütlich. Ab und an braust ein Motorrad durch die Kurve und lässt seinen Motor aufheulen.

Als der erste Kaffee alle ist, schleiche ich zurück in unser Zimmer und mache mir Nummer zwei. Ich bin mir nicht sicher, ob ich einfach so ein Kaffee-Junkie bin, dass ich mir das Gebräu sogar lauwarm schmecken lasse, oder ob diese Fertigmische besser ist als ihr Ruf. Im Bad treffe ich auf meine Freundin, die mich wenig später auf den Stufen einsammelt.

Um zwanzig nach acht sind wir im Speisesaal und diskutieren unseren körperlichen Gesamtzustand. Wir sind nach wie vor beide blessurenfrei. Das wollen wir bei einem ausgiebigen Frühstück feiern. Heute ist der große Saal gerammelt voll, denn auch die Festgesellschaft von gestern ist anwesend.

Zu einer Schlacht am kalten Buffet kommt es aber nicht. Es ist mehr als genug für alle da. Für Liebhaber des frischen Atems am Morgen gibt es Mett in rauen Mengen. Rohes Hack zu egal welcher Tageszeit ist mir nicht geheuer, aber morgens finde ich es eine absolute Zumutung. Wie gut, dass meine Freundin Vegetarierin ist – so sind wir gegenseitzig vor potenziellen Atem-Attacken des anderen gefeit.

Auf neuen (Um-)Wegen

Eine Stunde später machen wir uns um zehn auf den Weg. Ein Blick auf die stark befahrene Landstraße, die wir abwärts laufen müssten, ein weiterer auf die Wanderkarte, schon steht der Beschluss. Wir versuchen es mit dem Alternativweg, von dem die andere Wanderin gestern berichtet hat und klemmen uns ein Abenteuer auf der L-96.

Gleich in der Kurve auf der gegenüberliegenden Straßenseite geht es los. Ein breiter, aufgewühlter Forstweg ist unsere erste Herausforderung. Der Matsch unter unseren Füßen bewegt sich bei jeden Schritt mit. Ziemlich außer Atem erreichen wir nach gut zwanzig Minuten die Anhöhe.

Es ist grandioses Wanderwetter. Die Sonne scheint wie eigentlich an fast jedem Tag unserer Tour. Schnell wird es warm und wir zippen unsere Hosenbeine ab. Während ich auch noch meine Weste ausziehe, muss die arme Julie weiterhin ihr langärmliges Shirt tragen. Sie hat sich auf dem Weg zum Brocken einen ganz bezaubernden Sonnenbrand geholt. Vor uns liegt ein verlassener Feldweg.

Wir sind hier ganz allein und genießen die Ruhe und das Vogelgezwitscher. Ich lasse Julie und ihrem Bauchgefühl und Orientierungssinn den Vortritt. Damit fahren wir bisher prima.

Die erste Aussicht rechtfertigt unsere verschwitzten Gesichter: wir sind schon wieder ganz schön weit oben.

Als wir um die nächste Kurve biegen, präsentiert sich uns sogar der Brocken in sicherer Entfernung. Wow! Ich finde es immer wieder faszinierend, wenn man überlegt, dass wir die dazwischenliegenden Kilometer in wenigen Tagen zu Fuß bewerkstelligt haben. Da darf man ruhig stolz sein. Sind wir und machen Pause.

Wandern wie Robinson Crusoe

Als wir nach einer halben Stunde aufbrechen, erwartet uns pures Abenteuer. Wir scheinen nach längerer Zeit die Ersten zu sein, die hier entlangwollen. Der Weg, beziehungsweise die Grasschneise, die vor uns liegt, ist kaum auszumachen.

Brennnesseln versperren uns den Weg. Ich montiere flugs meine Hosenbeine an die Hose. Julie wagt es ohne und muss prompt ein paar Kratzer in Kauf nehmen. Von einer Beschilderung ist nichts mehr zu sehen. Tatsächlich landen wir in einer Sackgasse und müssen wenig später umkehren. Hier kommen wir nicht weiter.

Kurzerhand laufen wir zurück, vorbei an unserem Pausenpunkt und reden uns die Sache schön: ohne diesen Umweg hätten wir den tollen Blick auf den Brocken verpasst. Die unberührte Natur um uns herum tut ihr übriges, um uns zu entschädigen.

Beim zweiten Anlauf haben wir mehr Glück bei der Wegfindung und schaffen es vom Plateau hinunter. Hoffentlich führt der Weg tatsächlich nach Neuwerk. Die Beschilderung wurde wohl ähnlich lange nicht ausgebessert, wie der Weg nicht begangen wurde.

Wir hören Stimmen und kurz frage ich mich, ob wir gleich auf Robinson Crusoe stoßen, der vor langer Zeit auf diesem Hügel abgesetzt wurde und seitdem nach dem Ausweg sucht.

Von Cowboys und Tropenärzten

Der Weg meint es jetzt Ernst mit dem Abstieg. Wobei Weg auch diesmal nach einem kurzen Auftritt als stattlicher Feldweg die Übertreibung des Jahrhunderts ist.

Wir waten durch recht matschigen Untergrund und meinen neben dem anhaltenden Geplapper nun auch noch Geplätscher auszumachen, können aber beides nicht ganz recht zuordnen.

Das Schöne an diesem Pfad ist mit Sicherheit die Blumenwelt um uns herum, die stellenweise manns- bzw. frauhoch den kleinen Schleichweg säumt.

Inzwischen zeichnet sich neben uns ein kleines Bächlein ab, das den feuchten Untergrund und die Geräuschkulisse erklärt und nur wenige Minuten danach laufen wir endlich auch auf das plappernde Paar auf. Vor uns sehen wir einen Herrn mit Tropenhut, der in Begleitung einer Dame ist, die ihre zippbare Hose geschlitzt trägt. Sie sieht aus wie Cowboy mit Chaps und läuft auch ähnlich anmutig. Ich grinse in mich hinein. Was für ein wunderliches Paar.

Wir überholen sie und gelangen wenig später wir wieder auf einen richtigen Weg, der uns auf den letzten Metern bis in den Ort erhalten bleibt. Wir sind in Neuwerk, einem idyllischen Örtchen. Hier hätte ich sehr viel lieber meine Nacht verbracht, als im etwas trostlosen Harzbauden-Komplex, aber irgendwie wurde mir bei meiner Online-Recherche keine Übernachtungsmöglichkeit angezeigt.

Es ist halb zwölf, und wir machen ein weiteres Päuschen in der überdachten Bushaltestelle gleich neben der Brücke. Der Schatten ist zu verlockend. Kurz nach uns kraxeln auch der Tropenarzt und sein Cowboy vorbei, schlagen aber eine andere Richtung ein.

Im Hexenland

Um zwölf setzen wir unseren Weg fort. Die Brücke führt uns in den kleinen Ort.

Wir laufen quer durch Neuwerk. Der Hexenstieg wurde von den Anwohnern liebevoll mit allerlei Hexenfiguren dekoriert, die nun vor den Eingängen sitzen und auf Wanderer warten.

Vor einem Haus sitzen drei ältere Damen, die uns freundlich grüßen. Wir unterhalten uns kurz. Sie freuen sich, dass ihre Außendekoration bei uns auf so viel Gegenliebe stößt. Eine der Damen erklärt sich netterweise bereit, ein Foto von uns zu schießen. Nachdem wir sie in die Funktionsweise dieses modernen Geräts eingewiesen haben, drückt sie ab und vermeldet stolz, dass sie ihren Enkeln davon berichten wird. Oma und Technik. Wir widerum freuen uns über einen der wenigen Schnappschüsse, der uns beide zeigt.

Überhaupt meint es der Weg gut mit uns. Wir sind dankbar, die Alternative über den Weißen Stahlberg gegangen zu haben. Das war wirklich eine tolle Strecke.

Auch der nun folgende Abschnitt ist ganz nach unserem Gusto. Es geht immer entlang der Bode, die sich hier auf gleicher Höhe mit uns durch den Wald windet.

Auf dem Hexenstieg entlang der Bode

Der Hexenstieg präsentiert sich als kleiner, verwunschener Pfad und wir nehmen ihn beschwingt. So hatte ich mir das vorgestellt. Gutgelaunt stiefeln wir durch den Wald, der uns heute ganz allein zu gehören scheint.

Im Gegensatz zu gestern bin ich heute voll im Flow. Ich genieße die Zeit mit meiner Freundin und erfreue mich an der hübschen Umgebung. Wir queren Wurzelwerk und laufen auf dem federnden Waldweg. So könnte es für meinen Geschmack immer weitergehen.

Als wir an einem Baum mit Elfenleiter vorbei kommen, macht Julie eins der wie ich finde schönsten Fotos auf der gesamten Wandertour. Das Bild hat es jedenfalls unter die zwölf schönsten des vergangenen Jahres geschafft und ist Teil meiner diesjährigen „Wanderausstellung“, meinem Beitrag zur Fotoparade des Blogs Erkunde die Welt.

Inzwischen wird das Wasser zu unserer Rechten immer breiter. Wir nähern uns einem Seitenarm des Stausees, zu dem auch die Wendefurther Talsperre gehört.

Auf dem Hexenstieg kurz vor Wendefurth

Überraschende Aufstiegschancen

Heute ist Sonntag und inzwischen sind auch andere Leute unterwegs. Gut für uns, denn beinahe hätten wir eine Abfahrt verpasst. Wir haben uns heute auf eine hauptsächlich flache Etappe eingestellt und wären daher definitiv an dem steil aufsteigenden Pfad vorbeigelaufen. Doch ein aufmerksames Ehepaar, das hier gerade pausiert, spricht uns an. Wenn wir auf dem Hexen-Stieg bleiben wollten, sollten wir besser hier hochgehen.

Julie und ich betrachten den Pfad mit natürlicher Skepsis. So viel zum Thema „flach“. Wir entdecken die Markierungshexe und fügen uns klaglos in unser Schicksal. Der Hexenstieg schickt uns binnen kürzester Zeit 100 Höhenmeter nach oben. Wir leisten keuchend Folge. Als kleine Wiedergutmachung gibt es wilde Himbeeren und Brombeeren am Wegesrand, und wir bedienen uns wie schon am ersten Tag unserer Tour.

Auf der Spitze des Schieferbergs angekommen hören wir den Stausee eher, als dass wir ihn sehen. Das Jauchzen von Badenden ist zu vernehmen. Ab und an sehen wir Wasser blitzen. Die dicht stehenden Bäume versperren aber die Sicht auf mehr. Wir malen uns zur Motivation aus, wie wir uns später am Ufer ein kaltes Getränk genehmigen werden. Derweil begleiten uns wie bereits in den letzten beiden Tagen wieder zahlreiche Schmetterlinge.

Einer fliegt Attacken auf uns und landet anschließend immer wieder mit einer Vollbremsung vor unseren Füßen. Auch bei ihm handelt es sich um ein Exemplar, das mir bisher in freier Wildbahn noch nicht begegnet ist. Seine schwarzen Flügel werden von einem cremefarbenen Band umrandet. Es handelt sich wohl um einen Trauermantel.

Auf dem Abstellgleis

Wir folgen dem Weg und werden vor lauter Begeisterung über die vielen Schmetterlinge vorerst nicht stutzig, als die Markierungen mit der Hexe ausbleiben. Der Forstweg führt inzwischen wieder sanft abwärts, und wir laufen wie von selbst, bis wir auf einmal in einer Sackgasse stehen. Der Weg endet hier. Es geht nicht weiter.

Um dieses ausweglose Szenario noch symbolisch zu unterstreichen, liegt auf dem Waldboden ein Stück verrosteter Kette, das vermutlich von einem Panzer oder ähnlichen Gefährt stammt. Auf den ersten Blick sieht es aber aus wie eine Schiene. Wir befinden uns auf dem Abstellgleis.

Julie und ich nehmen diesen kleinen Scherz der Hexe mit äußerst wenig Humor. Den Anstieg konnten wir noch weglächeln, aber nun haben wir den besagten Tropfen auf dem heißen Stein: wir stehen im absoluten Nirgendwo und werden mal wieder umkehren müssen.

Der Hexenstieg sei ein wirklich schöner Weg, befindet meine Freundin, aber aufgrund der oft lückenhaften Markierung verliere man leider zwischendrin den Spaß. Ich schließe mich aus vollem Herzen an. Es ist wirklich frustrierend. Wir wandern hier ja nicht auf einem unbekannten Abenteuerpfad, da kann das doch nicht so schwer sein in aller Herrgottsnamen.

Picknick unter den Augen des Teufels

„Ich gehe keinen Schritt mehr, ich mache jetzt hier Pause“, verkündet meine Freundin und lässt sich trotzig neben dem Stück Rost nieder. Ich schließe mich an. Das Kaltgetränk am Stausee ist mir gerade auch eindeutig zu weit entfernt. Wer weiß, wann wir da ankommen.

Julie fängt an zu kichern und zeigt auf eine Baumkrone auf der gegenüberliegenden Seite. Kein Wunder, dass wir mal wieder vom Weg abgekommen seien, hier wohne der Teufel, sagt sie. Ich folge ihrem Fingerzeig und muss ebenfalls lachen. Ein Baum überragt seine Artgenossen. Aus seiner Krone ragen zwei weiß schimmernde Äste empor, die aussehen wie Teufelshörner.

Der Teufelsbaum mit seinen Hörnern

Nach zwanzig Minuten in der Sonne packen wir unseren Kram zusammen und machen uns auf den Rückweg. Wir haben noch ein niederländisches Ehepaar beobachtet, dass sich wie wir verlaufen zu haben scheint, aber sich einen Alternativweg durch das Gestrüpp gesucht hat. Wir gehen lieber zurück.

Die Sonne knallt, als wir Schritt für Schritt den Weg genau beäugen und die verpasste Markierung zu finden. Wir kommen zurück zu der Kurve, in der wir vorhin vom Trauermantel angeflogen wurden. In dem Moment taucht ein Herr aus dem Waldstück auf. Gefühlt kommt er mitten aus dem Gestrüpp.

Entgeistert schauen wir ihn an, als er seelenruhig hinter sich deutet und sagt, dass dort der Hexenstieg verlaufe. Er hat unsere rätselnden Gesichter richtig gedeutet. Ja, hier verliefen sich einige, sagt er gelassen und geht weiter.

Abbiegen für Experten – der offizielle Weg geht rechts zwischen den Sträuchern hindurch.

Mir entfährt ein kleiner Fluch, dass das ja wohl nicht deren Ernst sein könne. Die vom Herrn angewiesene Richtung ist von hier aus wirklich nicht als Hexenstieg auszumachen. Im Winter mag man das Pfädchen entdecken, doch momentan, wo alle Bäume und Sträucher in vollem Blätterwerk stehen, fällt es nicht weiter auf.

Die erste Markierung taucht übrigens erst gute zehn Meter später auf und ist von unserem Punkt nicht auszumachen. Ausnahmsweise trifft uns also mal keine Schuld. Ein Pfeil auf dem Boden oder ein kleiner Poller mit Hexe wäre an dieser Stelle wirklich empfehlenswert.

Zum Wände hoch gehen

Durch den Wald geht es nun steil abwärts in Richtung Wendefurter Talsperre. Zwanzig Minuten später liegt sie vor uns. Wir queren den imposanten Bau und genießen den Blick auf das Wasser.

Blick auf die Wendefurther Talsperre vom Hexenstieg

Vor uns befindet sich Deutschlands einzige Möglichkeit, senkrecht eine Staumauer hinunter zu laufen. Ein Mutiger macht sich gerade angeseilt auf den Weg abwärts.

Stausee samt Bootsverleih

Wir schauen kurz zu, werfen dann einen Blick auf das bei diesem Traumwetter voll besetzte Café und die fröhlich schaukelnden Tretboote und entscheiden uns gegen eine weitere Pause. Es ist bereits halb drei, und wir haben gerade mal zehn Kilometer plus Umwege auf dem Tacho, was nach vier Stunden wahrlich keine Glanzleistung ist. Vor uns liegen noch mindestens weitere acht Kilometer. Falls wir nicht erst um sechs unser Ziel erreichen wollen, müssen wir ein wenig auf die Tube drücken.

Das lustige Musikanten-Quiz

Es geht zurück zur Bode. Von nun an folgt ihr der Hexenstieg über Altenbrak bis nach Treseburg. Was idyllisch klingt, entpuppt sich als das langweiligste und ermüdendste Stück des ganzen Weges, zumindest für mich, denn wir laufen fast ausschließlich auf einem Teerweg, der sicher einen wunderbaren Fahrradweg abgibt. In mir steigen bereits nach wenigen Metern sehnsüchtige Gedanken an den öffentlichen Nahverkehr auf, der uns sicher auch nach Treseburg bringen würde.

Wir erhöhen das Tempo. Auf diesem Stück muss man sich wahrlich keine Gedanken machen, wo man seine Füße aufsetzt, denn es gibt weit und breit kein Hindernis auf dem trostlosen Asphalt. So flitzen wir entlang der Bode, meine Stimmung auf einem absoluten Tiefpunkt. Ich bin so froh, dass meine Freundin dabei ist. Ihr scheint die Asphalthölle nichts auszumachen und sie motiviert mich von Kurve zu Kurve.

Ich bin vermutlich eine großartige Begleitung, denn ich beschwere mich im Fünfminutenrhythmus. Ablenkung muss her, denn der Spaß hier wird sicherlich noch zwei Stunden andauern. So erzähle ich Julie vom 90er-Jahre-ABC, das ich auf dem Jakobsweg mit meinem schwedischen Begleiter Ben immer dann gespielt habe, wenn wir Zeit überbrücken mussten. Im Wechsel muss man für jeden Buchstaben im Alphabet eine Band oder einen Sänger aus den 90ern finden. Julie legt sogleich mit Ace of Base vor. So vergeht die erste Stunde. Wir kommen gut voran, machen aber kein einziges Bild.

Durchhalteparolen bis zum Traumhaus

Nach einer Stunde sind wir in Altenbrak, wo die Nord- und die Südvariante des Hexenstiegs wieder zusammenkommen. Im Ort gibt es die angeblich beste Räucherforelle, doch uns fehlen Zeit und Lust, um uns ein eigenes Urteil zu fällen. Dazu müssten wir über die Brücke in den Ort, während der Hexenstieg diese Seite der Bode vorsieht.

Neben einem Parkplatz lasse ich mich auf eine Bank fallen. Der Weg macht mich mürbe, ich brauche noch mal eine kleine Verschnaufpause, wechsle noch mal die Socken und versorge meine Füße mit einer neuen Ladung Hirschtalg. Julie wartet geduldig, während ich weiter leise vor mich hin meckere, dass dies das langweiligste Stück aller Zeiten sei. Es nützt nichts. Bekanntermaßen kommt man nicht von selbst ans Ziel.

Meine Freundin schickt das Musikquiz in die nächste Runde. Diesmal knöpfen sich unsere Köpfe die Achtziger vor, während sich unsere Füße die letzten Kilometer vornehmen. Es geht noch einmal durch den Wald. Ich setze mich von Julie ab und versuche, meine schlechte Laune wegzulaufen. Es gelingt halbwegs.

Der Weg wird hier noch einmal etwas spannender. Ich kann mich dunkel daran erinnern, dass ich gespannt war, was hinter der nächsten Biegung auf mich wartet und dass man den ein oder anderen Ausblick hatte, doch leider bleibt es aufgrund fehlender Bilder und ohne Tagebuch nicht mehr als eine diffuse Erinnerung. Vielleicht kann da jemand anderes ergänzen.

Dann ist es endlich geschafft. Der Hexenstieg ist in Treseburg angekommen. Die ersten Häuser des Ortes, die uns vom anderen Bodeufer begrüßen, sind wahrlich zauberhaft. Julie und ich verlieben uns in ein Exemplar, das gleich an der kleinen Brücke liegt. Hier würden wir wirklich gern bleiben.

Traumhaus in Treseburg am Hexen-Stieg

Leider sieht unsere Urlaubsplanung das nicht vor. Unser Hotel Zur Luppbode liegt im Ortskern.

Scheiß drauf, wir sind da

Wir beobachten Erwachsene und Kinder, die die äußerst flache Bode mit hochgekrempelten Hosen queren. Diese Erfrischung würde uns auch gefallen, aber wir wollen ans Ziel. Dann kommen wir einfach nachher noch mal her und essen in einem der Restaurants zu Abend, denken wir. Dass wir, nachdem wir unsere Unterkunft erreicht haben, nirgends mehr hingehen werden, sei an dieser Stelle verraten.

Entlang der Straße machen wir uns auf den Weg ins Ortszentrum. Wir verlieren die Bode kurz aus dem Blick, bevor wir sie erneut kreuzen. Um viertel nach fünf stehen wir vor unserem Hotel Luppbode, das sich als hübsches Fachwerkhaus entpuppt. Dafür, dass wir für die ersten zehn Kilometer so lang gebraucht haben, haben wir das Stück ab Wendefurth wirklich in Rekordzeit hinter uns gebracht.

Entsprechend platt sind wir nun. Ich kann mich an der Rezeption nur mit viel Anstrengung auf den Beinen halten. Die phlegmatische, junge Dame hinter der Theke kommt mir mit ihrem Tempo nicht gerade entgegen. Sie hat sehr viel Zeit. Wir zwar auch, aber es zieht uns beide unter die Dusche..

Endlich können wir in unser Zimmer. Auch heute wird unser Geschmack nicht ganz getroffen. Der Raum ist in dunklen Rottönen gehalten, die Einrichtung ist funktional, die Deko fällt in den Bereich „hat sich stets bemüht“. Es mag Menschen geben, die auf Nippes und hölzerne Aufsteller stehen, die das Wort Home bilden. Ich zähle nicht dazu.

Das Bad bewirbt sich in der Kategorie „Kleinste Nasszelle“ des Weges und gewinnt mit etwas Vorsprung vor dem Badezimmer von De Orchidee in Altenau. Was uns hier beiden einen Schauer über den Rücken jagt, ist die grobschlächtige Karte, die uns davon abhalten soll, das Klo zu arg zu verwüsten.

Vermutlich fand der, der sie aufhing, es lustig, wir finden es nur eklig, denn die Postkarte erklärt uns nicht wie üblich, man möge bitte im Sitzen pinkeln, sondern reimt irgendwas zusammen, bei dem das Wörtchen Scheißen nicht zu kurz kommt. Leider habe ich das entsprechende Foto gelöscht, so dass ich diese letzte Weisheit nicht mit euch teilen kann. Aber drauf geschissen, um mal im Kontext zu bleiben.

Last Minute Festmahl

Während Julie duscht, recherchiere ich die gastronomischen Highlights und werde schnell fündig. Das Restaurant Zur Jägerstube bekommt hervorragende Kritiken und ist praktischerweise nur wenige Häuser entfernt. Es ist kurz vor sieben, und wir geben Gas. Man schließt um zwanzig Uhr, und wir wissen nicht, wie lange die Küche auf hat. Wenn wir irgendetwas in den letzten Tagen gelernt haben, dann dass im Harz frühzeitig die Bürgersteige hochgeklappt werden.

Es ist nach wie vor mild und wir setzen uns auf der Terrasse, wo wir von einer freundlichen Dame begrüßt werden. Ihre Speisekarte lässt des Deutschen gutbürgerliches Herz höher schlagen. Die Dame des Hauses berät uns gern. Julie entscheidet sich für Fisch, ich für Schnitzel. Zufrieden sitzen wir wenig später vor unseren Getränken und lassen den Tag Revue passieren. Gerade der erste Teil bis zum Stausee war traumhaft.

Es gesellen sich weitere Wanderer dazu. Anders als ich es kenne, suchen sie aber keinen Kontakt. Das Pärchen will offensichtlich unter sich bleiben. Ein Backpacker mit erstaunlich viel Gepäck taucht auf. Wir hören, wie er der Bedienung wenig später erzählt, dass er mit dem Zelt unterwegs sei. Ich bin davon immer beeindruckt. Mir wäre es einfach zu viel zu tragen und außerdem würde ich gerade in der freien Natur nachts vermutlich kein Auge zumachen.

Wenig später bekommen wir unser Essen, das wirklich ganz hervorragend ist und in gefräßiger Stille genossen wird. Es gibt nichts Besseres, als sich nach einem langen Wandertag so zu belohnen. Wir lassen den Abend auf der Terrasse ausklingen. Die nette Dame lässt angesichts der vielen Gäste einfach länger auf.

Das Finale unseres Abends bildet das WM-Finale zwischen Kroatien und Frankreich, das wir vom Bett aus verfolgen. Wie jeden Abend überfällt uns schon früh die bleierne Wandermüdigkeit. Gut, dass bei dem klaren 4:2 keine Verlängerung nötig ist.

Time to say goodbye

Wahnsinn, wie die Zeit vergeht. Wenn wir an die vielfältigen Eindrücke und Landschaften zurückdenken, ist es wirklich erstaunlich, dass wir gerade mal fünf Tage gewandert sind und morgen am Ziel sind. Was für eine fgute Entscheidung, zusammen zu gehen, sinniere ich. Wenn ich an die vielen langen Abende auf dem Rheinsteig denke, ist das diesmal regelrechtes Partyprogramm. Dass Julies Lauftempo meinem gleicht, ist ein angenehmer Begleiteffekt. So konnten wir fast immer gleichauf oder wenige Meter auseinander laufen. Perfekt, wenn man abwechselnd reden und schweigen will und auch da waren wir uns einig.

Wir freuen uns auf morgen. Da erwartet uns mit dem Bodetal das Highlight unseres Weges. Die Pläne für danach sind inzwischen ebenfalls finalisiert. Anfangs waren wir ja noch unsicher, ob meine Freundin erst ihr Auto in Osterode holt und wir dann nach Quedlinburg oder Goslar fahren. Die Zugfahrt nach Osterode würde drei Stunden dauern und die Rückfahrt mit dem Auto von dort nach Quedlinburg würde auch noch mal mit knappen anderthalb Stunden zu Buche schlagen. Das ist ein Touristentag in normalen Klamotten irgendwie nicht wert, findet Julie. So werden wir morgen die zehn Minuten mit dem Zug von Thale nach Quedlinburg fahren und übermorgen jede in ihre Richtung heimwärts aufbrechen. Aber jetzt wird geschlafen.

 

Kommentare und Ergänzungen

Bist du selbst auf diesem Stück des Hexenstiegs unterwegs gewesen? Hast du den Weg immer gefunden oder warst du zwischendurch auch eher auf dem Abstellgleis? Wie hast du dir die Strecke eingeteilt. Hast du vielleicht noch zusätzlich Übernachtungstipps? Wie hat dir die heutige Etappe gefallen? Hast du noch etwas zu ergänzen?

Ich freue mich wie immer, wenn du deine Erlebnisse teilst oder einen Kommentar zu meinem Beitrag hinterlässt.

Zeitreise

Vorwärts: Jetzt willst du doch sicher sehen, wie unser Siegeseinzug in Thale verläuft? Dann komm mit auf den schönsten Abschnitt des gesamten Hexenstiegs durch das wunderbare Bodetal von Treseburg nach Thale und mach mit beim Genusswandern im Grand Canyon Deutschlands, triff wollüstige Riesen, mutige Prinzessinnen, fliegende Pferden und Wanderer in Flipflops.

Rückwärts: Bist du zufällig hier gelandet und hast unseren Weg von Drei Annen Hohne nach Rübeland verpasst? Dann komm doch noch mal mit, wenn wir uns so talentiert bei der Wegsuche anstellen, dass die Hexe uns mit der Popcorn-Tüte in der Hand sprachlos zuschaut.

Willst du zurück auf Los und den Hexenstieg von Beginn an mit mir laufen? Dann geht es hier zu Etappe Eins

Ich muss das weitersagen

5 Gedanken zu „Harzer-Hexenstieg #5: Von Rübeland nach Treseburg&8220;

  1. War zwar noch nicht auf dem Hexenstieg in Thale, aber wir haben dort mal einen Kurzurlaub gemacht über Ostern in der wunderschönen Jugendherberge, lange her. Aber die Herbergsmutter hat noch ordentlich geschimpft das den ganzen Winter über kein Schnee lag und als wir morgens am Ostersonntag die Gardinen in unserem Zimmer öffneten gab´s die große Überraschung mit 25cm Neuschnee 🙂

    Julie ist Vegetarier? Ich bin immer wieder erstaunt das auf Fleisch verzichtet wird, aber Fisch gegessen wird… find ich irgendwie merkwürdig, aber gut… werd ich wohl als Geniesser nie verstehen 🙂

  2. Ich musste schmunzeln, als ich erkannte, dass ihr um zwölf Uhr genauso lange gewandert seid, wie ihr pausiert habt. Was für ein gemächlicher Start in den Tag!
    Betreff Markierungen: Manchmal ist es so, dass im Sommer einzelne Markierungen von Astwerk verdeckt ist. Hattet ihr keine Karte oder Wanderführer (falls es dergleichen gibt) mit dabei? Wenn ich zu wenige Markierungen vorfinde, kann ich dann immer noch abgleichen, ob der tatsächliche Wegverlauf mit dem beschriebenen übereinstimmt. Andererseits ist eben so der zusätzliche Stoff für berichtenswerte Abenteuer zusammengekommen. Nicht auszudenken, wenn dir der Abschnitt vor dem Stausee ähnlich viel Spaß gemacht hätte, wie jener danach…

    Herzliche Wanderergrüße
    Bernhard

    1. Ich finde auch, dass Verlaufen ein wenig dazu gehört. Das lehrt einen Demut 😉
      Wobei diese besagte Stelle vermutlich nur im Winter gut markiert gewesen wäre. Ich hatte gerade die App aktiviert, aber wenn der Herr nicht dem Gebüsch entstiegen wäre, hätte ich es vermutlich trotzdem nicht kapiert 🙂

Und was sagst Du?