Caminho Portugues #4: Von Marinhas nach Viana do Castelo

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Tag 4 auf dem portugiesischen Jakobsweg. Ich komme endlich an, beschäftige mich mit meiner Blase, meinem früheren Leben als Koalabär und vermeintlichen Jakobsmuskeln, führe einen kleinen Regentanz auf, finde ein Café in Chafé, Erleichterung neben der Kirche und ein Bett im Emergency Room (6. Mai 2017, 21 Kilometer)

Ich habe ganz hervorragend geschlafen, bis um vier plötzlich die ersten Wahnsinnigen aufstehen. Es wird so viel geklappert und gekramt, dass auch ich mich notgedrungen um halb fünf erhebe. Ich lasse mir alle Zeit der Welt, packe leise zusammen, dehne mich, haue mir eine Magnesiumtablette ins Wasser und creme meine Füße wie jeden Morgen mit Hirschtalg ein. Der Tag kann kommen.

Meine Blase und ich

Als ich um halb sechs die Herberge verlasse, wird es gerade hell. Ich komme ohne Stirnlampe aus und genieße die Stille in den Dörfern. Die Gärten stehen in voller Blüte und es ist angenehm kühl, genau mein Wetter.

Die ersten fünf Kilometer komme ich ausschließlich durch bewohntes Gebiet, was etwas hinderlich ist, denn der halbe Liter Magnesiumwasser möchte gern raus. Verstohlen schaue ich mich nach einem halbwegs geschützten Plätzchen um, habe aber kein Glück, oder besser zu viel Anstand. Als ich an einem unbebauten Grundstück vorbeikomme, habe ich das Klopapier bereits griffbereit in der Hand, aber ich traue mich nicht. Überall um mich herum sind Fenster der Nachbarhäuser. Was sollen die Leute denken, wenn sie just in dem Moment nach draußen schauen?

Ich verkneife es mir und laufe hochkonzentriert weiter. Wie viele Kilometer meiner Wanderungen habe ich eigentlich damit verbracht, nach passenden Stellen zum pinkeln zu suchen? Irgendwie gehört das für mich inzwischen zum Wandern dazu. Alle reden von ihren Blasen, aber ich nur von meiner Blase. Nun gut.

Der regentanzende Waldschrat

Nach insgesamt sechs Kilometern verlasse ich die Dörfchen. Mir ist bisher genau ein Mensch begegnet. Ein Herr mit Hund, der Gassi ging. Ansonsten ist es offensichtlich für Portugiesen zu früh und für Pilger zu spät (die wollten ja bereits um halb fünf auf die Straße).

Es setzt Niesel ein. Und ich? Ich freue mich wie Bolle. Es ist angenehm erfrischend nach den letzten Tagen. Windjacke und Rucksackschutz reichen völlig, während ich Wald betrete. Nicht irgendein Wald, sondern Eukalyptus. Ich muss in einem früheren Leben Koalabär gewesen sein, denn meine Begeisterung ist grenzenlos, zumal mir mein kleines Outdoor-Buch einen der schönsten Abschnitte auf dem gesamten Caminho prophezeit.

Der breite Weg geht schnell in einen schmalen Waldweg über. Ein beeindruckender Wegweiser schickt mich weiter. Ich kenne ihn von einigen Bildern über den portugiesischen Jakobsweg.

Endlich Waldwege, endlich fühlt sich alles richtig an, endlich komme ich auf meiner Reise an und endlich schleppe ich mich nicht mehr vorwärts, sondern laufe federnden Schrittes. Es wird hügelig, und ich schließe mich dem Auf und Ab fröhlich an. Wenn ich jetzt noch ein Kaffee auftreiben kann, bin ich der glücklichste Mensch. Doch vorerst habe ich den Wald, der gibt mir ausreichend Endorphin.

Santiago kommt zu früh

Ich laufe in kleinem Abstand zu einem Fluss, den es kurz darauf zu queren gilt. Eine Ansammlung von Steinen wartet auf mich. Sie dient als Brücke. Wie schade, dass gerade niemand da ist, um mich zu fotografieren. Das wäre sicher ein tolles Bild. Doch auch so gefallen mir meine Schnappschüsse.

Außer einer Mühle gibt es hier rein gar nichts.

Blick von der Mitte der „Brücke“

Es bleiben mir noch ein Kilometer Wald, dann bin ich leider wieder an einer Asphaltpiste, die mich recht steil hinauf nach Santiago führt. Dass ich dieses Jahr so schnell ankomme, hatte ich nicht erwartet. Doch der kleine Ort heißt wie sein großer Bruder in Spanien und der gleichnamige Schutzpatron wartet in einer der letzten Wegbiegungen auf mich. Wir zwinkern uns zu wie alte Bekannte.

Um halb neun bin ich oben. Der Regen hat sich längst verabschiedet, und die Sonne kommt raus. Das schönste an der für diesen kleinen Ort doch recht imposanten Kirche sind mit Abstand die Sanitäranlagen im Nebengebäude. Meine Erleichterung lässt sich kaum beschreiben. Manche Dinge erledigt man dann doch lieber nicht im Wald.

Kirche in Santiago, Portugal, am Caminho Portugues

Ich sage dem lieben Gott anschließend noch kurz guten Tag, denn die Kirche ist geöffnet. Während dies auf dem Camino Frances keine Erwähnung wert wäre, gestaltet es sich auf diesem Weg anders. Die portugiesischen Kirchen sind leider sehr häufig verschlossen.

Kaum bin ich wieder unterwegs, bietet sich mir ein toller Blick ins Tal. Die Regenwolken nehmen feierlich Abschied, und ich winke meinen Freunden hinterher. Sie haben mich wahrlich nicht gestört.

Café in Chafé?

Die nächste Stunde verbringe ich wieder im Wald. Der Caminho führt nun wieder talwärts und der Eukalyptus bleibt mir gewogen. Ich erinnere mich noch gut, wie ich bei der ersten Begegnung vor gut einem Jahr erst dachte, die Bäume seien krank, weil sich ihre Rinde schält. Inzwischen weiß ich es besser.

Eukalyptus in seiner Bestform entlang des Caminho Portugues

Um halb zehn zeichnet sich wieder eine Ortschaft ab. Ich bin nun seit dreieinhalb Stunden ohne Koffeinzufuhr unterwegs. Beim Anblick des Ortsschildes ist meine Freude riesig. Denn aus der Entfernung glaube ich kurz, dass hier ein Café besonders imposante Außenwerbung betreibe. Doch schnell muss ich einsehen, dass der Ort selbst Chafé heißt. Manchmal steht zwischen mir und meinem größten Glück ein schnödes H.

An einer Straßenkreuzung – selbst mein Reiseführer spricht von „endlich“ – entdecke ich eine kleine Bar. Sie ist alles andere als idyllisch. Verkehrsgünstig gelegen, mit wenig Charme gestaltet, aber hey, sie haben das Elixier, das ich seit drei Stunden herbeisehne. Kurze Zeit später hocke ich mit breitem Grinsen vor meiner dampfenden Tasse. Eine portugiesische Schweinerei aus Blätterteig, Käse und Schinken leistet mir Gesellschaft.

Und Schwupps, ist man da

Als ich wieder unterwegs bin, erwarten mich erneut Dörfchen und eine Mischung aus Asphalt, Kopfsteinpflaster und kleinen Pfaden. An einer Stelle ist der Weg so schmal, dass ein Traktor, der vor mir angehalten hat, extra ein Stück zurücksetzt, damit ich samt Rucksack an ihm vorbeikann. Bom Caminho, wünscht der Bauer.

Nach einer Stunde lädt die Kirche in Anha zu einem erneuten Päuschen ein. Ich bin so früh unterwegs, dass ich wahrlich keine Eile habe. Drinnen läuft Meditationsmusik, und so lasse ich den prunkvollen (man könnte auch das Wort kitschig in den Mund nehmen) Raum auf mich wirken und genieße seine Kühle.

Nach diesem kurzen Zwischenstopp dauert es nur noch eine Stunde bis zum Tagesziel. Der Caminho büßt nun leider weiter an Attraktivität ein. Es geht hauptsächlich durch Ortschaften. Immerhin kann ich noch den ein oder anderen hübschen Blick erhaschen. Ob mein Bild im Ortsteil Bella Vista geschossen wurde, weiß ich nicht mehr. Passen würde es, denn der Blick, der sich mir bietet, ist wahrlich schön.

Vom Winde verweht

Dann sehe ich, viel früher als gedacht, Viana do Castelo vor mir. Über dem Städtchen, das auf das Mittelalter zurückgeht, thront die schöne Basilika Santa Luzia, die aber leider abseits des Weges liegt. Ich werde sie leider nicht aus der Nähe zu Gesicht bekommen, denn anders als gedacht wird der Rest des Tages wie im Flug vergehen.

Um kurz vor zwölf liegen zwischen mir und meiner künftigen Unterkunft nur noch 500 Meter imposantes Brückenwerk. Das Konstrukt aus 2.000 Tonnen Stahl wurde einst von Eiffel errichtet. Leider habe ich kein Bild im Angebot, auf dem man sie wirklich gut erkennen kann. Wie gut, dass es Wikipedia gibt, da ist sie zu bewundern.

Was gut aussieht, macht mir bereits nach kürzester Zeit arg zu schaffen. Die Brücke ist stark befahren. Der untere Teil steht den Zügen zu, die das Konstrukt ordentlich durchschütteln. Oben teilen sich Autos, Radfahrer und Fußgänger die Beletage. Der Fußgängerweg ist zwar abgetrennt, aber mir altem Höhenangstkandidaten schlottern auch so die Knie. Als Tüpfelchen auf dem I pfeift ein heftiger Wind, der so viel Kraft hat, dass ich meine Kappe abnehmen muss, damit sie mir nicht vom Kopf geweht wird und außerdem meine Stöcke festklammern muss, damit sie nicht wegfliegen. Um Mut anzusammeln, singe ich laut vor mich hin. Der Kanon Dona Nobis Pacem muss wie so häufig herhalten, wenn ich mich unwohl oder besonders wohl fühle.

Ich überstehe das Abenteuer und folge der Wegbeschreibung einer Abkürzung in meinem Buch eine Seitentreppe hinunter. Wenig später stehe ich vor dem Konvent, in dem ich übernachten möchte. Leider öffnet es um drei, dabei haben wir erst halb eins. Ein etwas muffeliger Mönch hat ein Einsehen. Wir dürfen unsere Rucksäcke hier lassen. Im Vorraum, in dem ein Klavier steht, das mich magisch in seinen Bann zieht, sitzen sicher schon zehn Leute, die sich ihrer Wanderschuhe entledigen. Der Geruch ist ausbaufähig. Ich trolle mich wieder nach draußen und rauche in der Sonne mit Blick auf die Brücke.

In bester Gesellschaft

Oben kämpft sich eine bekannte Gestalt durch die Windböen. Die sieht doch aus, wie die nette Tschechin aus der Herberge von gestern, denke ich. Auch sie entdeckt mich und winkt mir zu. Ich gebe ihr mit Rufen und Zeichen zu verstehen, wo sie von der Brücke runter muss, um zur Herberge abzukürzen. Wenig später steht sie vor mir. Wir freuen uns total, dass wir uns hier treffen. Kristýna, kurz Tina, lässt genau wie ich ihren Rucksack im Konvent.

Schnell ist es beschlossene Sache, dass wir uns derweil gemeinsam das Städtchen anschauen, auf der Suche nach einem Café. Mit Tina habe ich nämlich eine Schwester im Geiste, wenn es um Kaffee geht. Ihre Liebe geht sogar so weit, dass sie ihren eigenen, kleinen Kaffeekocher im Gepäck hat.

Viana do Conde ist wirklich hübsch und heute noch um eine Attraktion reicher, und damit meine ich nicht meine Begleitung und mich. Hier ist Festa das Rosas, ein Blumenfest.

Bilder und Skulpturen werden mit Blütenblättern versehen

Auf dem Marktplatz wimmelt es nur so von Ständen, an denen Menschen in folkloristischer Tracht lauter leckere Dinge verkaufen. Eine weitere Folkloregruppe singt. Wir sind absolut begeistert und testen uns durch die Kostproben. Ich ergattere etwas, das wie Reibekuchen aussieht und aus Fisch und Ei besteht. Mega lecker.

Tina begutachtet die Leckerbissen

Gleich um die Ecke werden wir dann auch Café-technisch fündig. Wir bestaunen von unserem Platz in der Sonne das hübsche Rathaus und die imposanten Blumenstatuen.

Es dauert nicht lange, bis wir ins Gespräch vertieft sind. Hier zeigt sich der Caminho von seinem bekannten Gesicht. Tiefe Gespräche, weit weg von Smalltalk, ergeben sich auf Jakobswegen immer erstaunlich schnell. Tina erzählt, sie lebe momentan in Polen, wo sie für eine NGO arbeitet, ihr Freund wohnt in Österreich, und sie stellt sich, ähnlich wie ich, die große Fragen nach der Zukunft, vor allem der beruflichen. Bald sind wir in einer lebhaften Diskussion, was man tun kann, wenn man nicht weiß, was man tun soll.

Die Zeit vergeht im Flug, denn als nächstes kommt das Gespräch natürlich auf den Camino. Ich erzähle mit leuchtenden Augen von meinem 2016er Abenteuer, Tina hört mit leuchtenden Augen zu. Überhaupt, diese Augen. Die Frau ist unglaublich. Auf ihrem Gesicht tut sich so viel, ihre Augen sind wie funkelnde Seen, ihr Lachen geht von einem Ohr zum anderen, und sie strahlt eine solche Herzlichkeit aus, dass man sich gleich zu ihr hingezogen fühlt. Ein absoluter Herzensmensch. Um halb drei machen wir uns widerwillig auf den Weg zurück zum Konvent, da wir uns nicht sicher sind, ob die Reihenfolge, mit der wir angekommen sind,  bei der Bettenvergabe eingehalten wird. Nicht, dass uns nachher noch jemand die Schlafstätte wegnimmt.

Die berühmten Jakobsmuskeln

Alle Sorgen sind unberechtigt, denn alle haben sich brav gemäß der Reihenfolge ihrer Rucksäcke aufgestellt. In der Schlange warten wir auf unsere Registrierung. Es ist das immer gleiche Prozedere: Geld raus, Credencial raus, Ausweis raus, unterschreiben, Papierüberzüge für Kopfkissen und Matratze in Empfang nehmen und ein Bett suchen.

Eine Dame in der Schlange treibt mich in den Wahnsinn. Sie ist vermutlich Ende 50 und sehr, sehr aufgeregt. Schon lange bevor sie an der Reihe ist, schaut sie sich immer wieder um und murmelt hektisch in einem Misch aus Deutsch und Englisch vor sich hin, dass sie noch jemanden erwarte. Als sie endlich an der Reihe ist, erklärt sie dem Hospitalero holpernd, aber mit sehr lauter Stimme, dass ihre Tochter noch in der Stadt sei und gleich komme. Sie sei also zwei. Wieso denken Leute eigentlich immer, man verstehe Fremdsprachen besser, wenn sie lauter sprächen? Ob man hier im Kloster auch Jacob Muscles kriegen kann, will sie nun wissen. Während meiner Nase ein kichernder Grunzer entfährt und Tina herzhaft auflacht, schaut der Mönch recht planlos. Was Jakobsmuskeln sind, weiß er wohl nicht.

Ich stelle mir derweil vor, wie man beim Pilgern Jacob-Muscels entwickelt und dann als kleiner Muskelprotz von weitem als Peregrino erkannt wird. Irgendwann hat sie es jedenfalls geschafft. Sie bekommt ihren Muschelanhänger und darf nach einigem Hin und Her sogar für zwei Personen bezahlen, obwohl man in den kirchlichen Herbergen eigentlich nur so viele Betten bekommt, wie man Köpfe hat. Die ganze Schlange weiß inzwischen, dass der Kopf der Tochter beim Friseur ist und ist dankbar, als die Dame endlich fertig ist.

Während Tina zielstrebig in das gleiche Zimmer geht, wie die hektische Dame, beschließe ich sofort, dass ich auf jeden Fall den anderen nehmen werde. Die Frau sabbelt mir einfach zu viel. Ihrer Sprachmelodie nach zu urteilen, bin ich mir recht sicher, dass sie wie ich aus NRW kommt. Wir sind da ja nicht nur mit Singsang sondern auch einem erhöhten Mitteilungsbedürfnis gesegnet (da nehme ich mich gar nicht aus). Trotzdem oder gerade deshalb gehe ich lieber in das zweite Zimmer, in dem sich bereits drei ältere Herren ausbreiten, auch wenn das vielleicht bedeutet, dass sie heute Nacht wundervoll schnarchen werden.

Die Macht vom Niederrhein

Ich springe erst unter die Dusche, dann wasche ich draußen meine Klamotten im Becken. Die Wäscheleine verläuft entlang der Klosterwand. Das Bild der Sportklamotten und Schlüppis ist göttlich, zumal die meisten von uns auf der Bank gleich darunter in der Sonne sitzen. Im Schatten der Unterwäsche.

Beim Rauchen komme ich mit Peter aus Salzburg ins Gespräch. Heute ist sein letzter Tag, erzählt er wehmütig. Er wollte den Caminho einfach nur mal austesten und bereut inzwischen, dass er nicht noch länger bleiben kann. In der Zwischenzeit kredenzt mit Tina einen selbstgekochten Kaffee aus ihrem kleinen Kocher. Es könnte uns wahrlich schlechter gehen.

Eine Stunde später steht Gabi im Hof. Unser Wiedersehen ist herzlich, wir fallen uns in die Arme. Leider funkt es zwischen ihr und Tina nicht so richtig. Landsleute müssen sich ja nicht zwangsläufig verstehen, das kenne ich selbst nur zu gut. So gehen Gabi und ich später allein zum Abendessen. Sie spricht nicht besonders gut Englisch, Tina wiederum kein Deutsch, da wäre die Kommunikation sowieso schwierig geworden.

Als wir gegen acht wieder im Konvent ankommen, sind alle Schlafplätze belegt. Ich treffe nicht nur die beiden Französinnen wieder, mit denen ich gestern Abend Essen war, sondern auch noch meine ganz besonderen Freunde vom Team-Bollerwagen. Das Paar, das bereits gestern am Limit war, ist vom Tag gezeichnet. Ich erinnere mich an die holprigen Wege heute und an das Auf und Ab. Das ist mit dem Gefährt sicher nicht ohne. Entsprechend gut ist die Stimmung wie auch der körperliche Zustand der beiden.

Sie ist gerade dabei, das Bett über mir zu beziehen. Augen- bzw. nasenscheinlich war sie bisher noch nicht duschen. Die Geruchsschwaden, die zu mir herunterwehen, sind schwer zu ertragen. Während es mich noch leicht schaudert, kommt er ins Zimmer und blafft sie an, sie solle gefälligst duschen gehen, sie stinke wie ein Schwein. Wenn das so weitergehe, sei sie gleich allein im Zimmer. Mir bleibt der Mund offenstehen. Bei aller Begeisterung für die Vorstellung, dass sie sich gleich wäscht, passt mir sein unflätiger Ton nullkommanull. Ich mische mich nicht ein, schaue ihn aber so unfreundlich an, wie ich kann. „Ist doch wahr“, höre ich ihn murmeln.

Als beide geduscht haben, erlebe ich mein grünes Wunder. Sie haben sich einträchtig in Gladbacher Fanklamotten gewandet. Von Kopf bis Fuß, versteht sich. Ich bin sprachlos. Sollte ich mir noch unsicher gewesen sein, ob die beiden wirklich aus meiner alten Heimat stammen, bricht die Macht vom Niederrhein nun mit aller Gewalt über mich herein. Ich bin zu neugierig, um erneut auf ein Gespräch zu verzichten. Der gemeinsame Fußballverein bietet da natürlich einen guten Ausgangspunkt.

Ich erfahre schnell eine Menge, vor allem als er mal kurz den Raum verlässt, um etwas aus dem Bollerwagen zu holen. Sie hat Probleme mit der Bandscheibe, erzählt sie, aber immer den Traum vom Jakobsweg gehabt. Deswegen seien sie mit dem Karren unterwegs. Sie kann ihr Gepäck nicht tragen. Doch das Ziehen des Wagens stellt sich als schwieriger und anstrengender heraus als gedacht. Sie hätten sich jetzt schon mehrfach heftig gestritten und so langsam frage sie sich, ob das wirklich der richtige Mann sei. Ich habe Mitleid mit dem Häufchen Elend über mir, aber wirklich warm werde ich nicht mit den beiden. Ich sage ihr, dass es doch auch eine gute Erkenntnis sei, falls es scheitern würde. Dann wüssten sie es zumindest. Außerdem bestünde doch durchaus die Chance, dass sie das gemeinsame Unterfangen enger zusammenschweißen würde.

Emergeny Room

Die letzten zwei Stunden vor dem Zubettgehen verbringe ich draußen. Gabi unterhält sich mit Händen und Füßen mit einem Spanier namens Toni, den sie gestern kennengelernt hat. Das Englisch der beiden befindet sich auf vergleichbarem Niveau doch irgendwie schaffen sie es trotzdem oder gerade deswegen, sich gut zu verständigen. Peter und Toni kennen sich ebenfalls. Gefühlt kennt sowieso jeder Toni. Nur mir ist er bisher noch nie begegnet. Mein Versuch, mit ihm zu sprechen, scheitert. „You much quick“ und ein Achselzucken ist alles, was er für mich übrig hat. Ich achselzucke zurück. Um diese Uhrzeit ist es mir zu anstrengend, möglichst langsam und mit Anfängervokabular Englisch zu sprechen.

Als ich um zehn in den Schlafsaal gehe, ist die Hölle los. Ich befinde mich urplötzlich in der Kulisse von Emergency Room. Es riecht nach Tigerbalm, Latschenkiefer und Eukalyptus. Um das Bett eines Mädchens aus Litauen stehen die drei älteren Herren aus Spanien und beraten sich. Toni kommt dazu. Großes Hallo bzw. Hola, fragende Blicke, Diskussion. Die Litauerin hat, wie sich herausstellt, eine riesige Blase unter jedem Fuß. Wie wir erfahren, hat sie die Wanderschuhe genau einmal getragen, bevor sie den Caminho begonnen hat. Ich fasse mir bei so viel Naivität gedanklich an den Kopf. Manche Leute sind echte Optimisten.

Chefarzt, Oberarzt, Wunderheiler und eine Patientin. Der normale Caminho-Wahnsinn

Team Spanien diskutiert derweil, wie man nun am besten vorgehe. Das Verfahren mit der Nadel aufstechen und den Faden über Nacht drin lassen, bekommt die höchste Punktzahl. Die Litauerin wird blass im Gesicht. Sie will nicht, dass ihr Fuß aufgestochen wird, aber die Spanier interessiert das nicht. „You go, you do“ erklärt ihr Toni, was wohl so viel heißen soll wie: Wenn du weiterlaufen willst, machen wir das jetzt. Sie gibt nach. Es ist halb so schlimm, auch wenn sie ordentlich jammert. Wie immer wird unter den Pilgern geteilt. Der eine hat etwas Nähgarn und eine Nadel, der nächste Jod zum Desinfizieren und der Dritte holt die selbstgemachte Zaubersalbe der Ehefrau.

Ich kannte bisher immer nur die Varianten Blase lassen und Compeed rauf oder aber aufstechen und gut. Vom Trick mit dem Faden hingegen höre ich zum ersten Mal. Das Gute daran ist, dass die Flüssigkeit entlang des Fadens ablaufen kann und die Blase über Nacht trocknet. Wieder was gelernt. Um halb elf liegen endlich alle im Bett, und es wird geschlafen. Die Gladbacherin über mir dreht sich unruhig hin und her, und ich wanke mit ihr. Wahrscheinlich zermartert sie sich gerade den Kopf, wie es weitergehen wird.

Morgen machen die beiden einen Pausentag, hat sie erzählt, und ich muss gestehen, dass ich nicht ganz traurig bin, dass sich unsere Wege dann wieder trennen werden. Der Umgangston der beiden stört mich. Seine pampige Art ist genauso nervig, wie ihre hohe, weinerliche Stimme. Die beiden sind nicht die einzigen, die ich morgen verlieren werde. Peter reist ab und Gabi macht nur zehn Kilometer. Für mich geht es also alleine weiter in Richtung Caminha.

Das passt schon. Eine richtige Bezugsperson mit besonderem Draht habe ich bisher sowieso noch nicht. Vielleicht ist das die Quittung dafür, dass ich mir unbedingt Einsamkeit gewünscht habe. Nun habe ich sie. Camino provides, es wird sich schon alles finden, denke ich, als ich einschlafe.

 

Kommentare und Feedback

Kannst du meine Begeisterung über den einsetzenden Nieselregen teilen oder hast du nur verständnislos den Kopf geschüttelt? Und wie ist eigentlich dein Verhältnis zu Mitreisenden? Freust du dich über Gesellschaft oder ziehst du es vor, alleine unterwegs zu sein?

Warst du auch auf diesem Stück des Caminho Portugues unterwegs? Was hast du dort erlebt? Ich freue mich wie immer sehr über deine Nachricht.

Zeitreise

Vorwärts: Willst du wissen, wie es weitergeht und ob meine blendene Laune anhält? Dann komm doch mit von Viana nach Caminha und sei dabei, wenn ich eine zweieinhalbstündigen Nulldiät durchziehe, die Eukapolypse genieße, Frieden mit dem Meer schließe und mit einem gutaussehenden Kerl in einem Swimmingpool aus Gin Tonic versinke.

Rückwärts: Hast du mein erstes Zusammentreffen mit meinen grünen Freunden verpasst? Dann komm noch mal mit von Fão nach Marinhas und erfahre, dass feuchte Träume nicht immer ein Happy End haben, sich bei mir aber dennoch endlich alles zum Guten wendet und das auf gerade mal sieben Kilometern.

Möchtest du meinen portugiesischen Jakobsweg von Anfang an nachlesen?

Ich muss das weitersagen

14 Gedanken zu „Caminho Portugues #4: Von Marinhas nach Viana do Castelo&8220;

  1. Das ist wieder so lustig geschrieben. Besonders bei der Stelle mit Chefarzt, Oberarzt und Wunderheiler musste ich herzhaft lachen. Auch an die Brücke und den Wind kann ich mich gut erinnern.

    1. Ich glaube, auf der Brücke ist einfach immer Wind. Egal, von wem ich etwas gelesen habe, es hat immer ordentlich geweht 😊
      Und bei der Kommentierung des Fotos musste ich selbst grinsen – fehlte nur noch ein professioneller Schamane. Aber der ist mit dem Wunderheiler abgetan

  2. Also als Kölner hätte ich mich beim Anblick der schwarz-weiß-grünen Trikots wohl spontan als Engländer ausgegeben 😀

    Freut mich, dass Du Deinen Camino-Rhythmus jetzt gefunden zu haben scheinst. Aber wenn die ersten Tage nicht so toll waren, kann es ja auch nur immer besser werden. Bei der Beschreibung des Treibens in/vor den Herbergen kommt bei mir schon wieder die Camino-Sehnsucht hoch. Bin ein bisschen neidisch…

    Auf meinem Frances hatten übrigens die meisten Kirchen geschlossen. Keine Ahnung ob aufgrund der Jahreszeit oder weil ich einfach nur Pech hatte…?

    Bom Caminho!

  3. Hey Audrey,

    ich mußte wieder mal schmunzeln. Ich habe auf dem Camino auch immer abends nach dem Duschen das Trikot mit der Raute getragen. Auch, wenn man sich so gleich outet – es hat durchaus einige nette Kontakte gebracht…. Auch bin ich von der fortwährenden Blasen-Behandlungs-Diskussion fasziniert. Es gibt übrigens eine Reihe von Fachleuten, die von der Faden-Methode energisch abraten. So kann über den Faden nicht nur das Wundwasser ablaufen – es gelangen ungehindert auch Keime in die Wunde. Aber jeder, wie er mag….

    Freue mich schon auf den nächsten Sonntag und die nächste Etappe!

        1. Alles andere hätte mich gewundert. Außerdem hieß der Gute nicht Marcus.
          Ich hatte gestern nur kurz diesen Gedanken, wie die beiden zufällig auf den Blog stoßen und das gar nicht lustig finden 😊😂

  4. Hallo Audrey,ich möchte mich kurz vorstellen, mein Name ist Vera Wilden,ich bin eine Freundin von Annelie, sie hatte am Donnerstag Geburtstag,dort habe ich Ihre Mutter getroffen,und mich mit ihr über Ihre Tour unterhalten. Sie hat so begeistert von Ihnen und die Wanderung erzählt, das ich jetzt auch Ihren Block verfolge. Sie hat mir erzählt,dass sie Sonntags begeistert liest,was alles gewesen ist auf Ihrer Wanderung,und ich muss sagen,es liest sich wie ein Roman….richtig lustig und Spannend. Vor Jahren habe ich das Buch von Hape Kerkeling gelesen,der ja auch den Jakobsweg gegangen ist, das hat mich so begeistert,dass ich den Wunsch verspürte dieses Abenteuer auch mal zu erleben. 😁Inzwischen habe ich es mir aber abgeschminkt. Ich wünsche Ihnen noch viel Spaß, und Ausdauer,werde jetzt immer alles lesen, liebe Grüße Vera

    1. Liebe Vera, so einen Wunsch sollte man sich wahrlich nicht abschminken!! Vielleicht überlegen Sie es sich ja anders, wenn sie mit dem Lesen fertig sind 😊
      Der portugiesische Weg ist zum Beispiel recht kurz und nicht so herausfordernd. Träume muss man umsetzen. Das wäre zumindest mein Tipp.
      Viel Spaß bei der Lektüre und danke für die Rückmeldung.
      Alles Liebe,
      Audrey

  5. Hallo Audrey,
    habt ihr- also Gabi und du – euch auch über die zentrale Route unterhalten, von der sich Gabi verabschiedet hat? Fand sie ihn wirklich nur öde oder gab es noch andere Probleme mit dem Weg? Erfreut hat mich beim Lesen, dass es auch durch ein nettes Waldstück ging, und die beiden letzten Tage bei dir die Stimmung nach oben drehte.
    Liebe Grüße
    Bernhard

    1. Wenn die Stimmung erst mal oben ist, bleibt sie da auch. Ab jetzt eitel Sonnenschein 😉
      Gabi fand den Weg öde, mehr weiß ich nicht. Meine Freundin Kati ist ihn vor zwei Wochen gegangen. Ich kann sie gern fragen. Oder sie schreibt Dir hier. Mal sehen

      1. Entschuldigt, ich habe den Kommentar jetzt erst gelesen. Natürlich helfe ich gern weiter! Kurze gesagt: Ich fand die zentrale Route ganz und gar nicht öde 🙂
        Ich bin die ersten 1,5 Tage die Küstenroute gelaufen (Vila de Conde) und dann auf die Zentralroute gewechselt, damit ich wenigstens ein bißchen Meer habe. Sonst hätte ich wahrscheinlich einen ähnlichen Koller bekommen wie Audrey 😀
        Der Übergang von Vila de Conde nach Rates führt entlang wenig befahrener Landstraßen und ist nicht der schönste Abschnitt, aber danach wird man mit Feldern, Wäldern, immer mal wieder kleinen An-/Abstiegen und Dörfern und hübschen Kleinstädten belohnt.

        Wenn noch Fragen sind, sagt gern Bescheid 🙂
        LG,
        Kati

        1. Danke für die Rückmeldung! Es dürfte also eine Frage des Durchhaltevermögens sein, ob man den Weg nicht schon nach zwei Tagen abbricht und zur Küste läuft. Dass An- und Abstiege dabei sind, finde ich gut, da hat man ab und an auch mal eine brauchbare Aussicht übers Land.

          LG
          Bernhard

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