Caminho Portugues #5: Von Viana nach Caminha

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Tag 5 auf dem portugiesischen Jakobsweg: Ich übe mich in einer zweieinhalbstündigen Nulldiät, genieße die Eukapolypse, schließe Frieden mit dem Meer und versinke mit einem gutaussehenden Kerl in einem Swimmingpool aus Gin Tonic (7. Mai 2017, 28 Kilometer)

Der Frühaufsteherwahnsinn findet auch an diesem Morgen seine Daseinsberechtigung. Um halb fünf kramen schon wieder die Ersten. Ich trage es mit Fassung und erhebe mich schließlich ebenfalls. Morgenstund hat ja bekanntlich Gold im Mund und außerdem hängen wir hier in Portugal der regulären Uhrzeit um eine Stunde hinterher. So früh ist es also gar nicht.

Die Schönen, die Reichen und die Hungrigen

Ich starte allein. Die einen sind schon los, die anderen schlafen heute aus. Mucksmäuschenstill (oder so gut das machbar ist) entfleuche ich dem Pumakäfig. Es gibt einfach nichts ekligeres, als nach dem Verlassen eines viel zu kleinen Raumes, in dem zehn Menschen den Sauerstoff verbraten haben, diesen erneut zu betreten. Lässt sich nur leider nicht vermeiden, denn ich habe mich erst fertig gemacht, um nun meinen Kram zu holen.

Um zwanzig nach sechs verlasse ich Viana und sehe erneut niemanden. Schließlich ist Sonntag. Da wird ausgeschlafen. Ich mag es, die Landschaft für mich alleine zu haben, wenn der Tag anbricht.

Nach einem kurzen Verlaufen in Viana, finde ich den Weg zurück auf den Caminho und schon bald wird es naturbelassen. Ich scheine mich in der Nähe der Reichen und Schönen zu befinden. Nicht, dass ich jemanden sehe, aber die Palacios, die durch das Grün zu erahnen sind, fallen nicht gerade durch vornehme Zurückhaltung auf.

Ich bin Realist genug, um nach anderthalb Stunden zu erahnen, dass hier nirgends ein Kaffee für das Nata-Törtchen auf mich wartet, das ich seit gestern mit mir herumtrage. Da müsste ich schon bei dem ein oder anderen Gutsherren entlang des Caminhos anklopfen.

Lieber bleibe ich auf schmalen, aber sicheren Schleichwegen, denn von den Villas schlägt mir nicht selten das wenig einladende Gebell ihrer vierbeinigen Bewacher entgegen. Der Caminho ist heute wirklich bombastisch mit seinen verschlungenen Wegen, flankiert von alten Mauerstücken, Wald und dazwischen immer wieder kleinen Örtchen mit bunten Fassaden.

Nulldiät 2.5

Nach zwei Stunden erreiche ich gegen halb neun den Ort Carreçó, der in einer Grünanlage ein paar Bänke vorzuweisen hat und offensichtlich als Picknickplatz genutzt wird. Hier gibt es zwar kein Frühstück, aber eine kleine Pause gönne ich mir dennoch. Es ist an der Zeit.

Während ich genüsslich mein trockenes Nata mit etwas Wasser runterspüle, beobachte ich, wie ein ums andere Auto vorbeifährt. Was ist denn hier los? Die Rushhour aus dem Nichts überrascht mich doch sehr. Als ausgemachtes Schweinchen Schlau kombiniere ich messerscharf: sonntags, viertel vor neun, alle Insassen sehen sehr adrett aus, viele nicken mir zu, manche grüßen sogar (was übrigens erst seit zwei Tagen der Fall ist – vorher wurde ich immer angeschaut, als laufe ich nicht ganz rund). Zurück zu meiner Miss Marple Minute: Hier muss irgendwo die Kirche sein, schlussfolgere ich.

Und tatsächlich. Als ich mich nach einer Viertelstunde in Bewegung setze, dauert es nicht lang, bis ich sie passiere. Kurz spiele ich mit dem Gedanken, dem Gottesdienst beizuwohnen, entscheide mich aber nach einem vorwurfsvollen Magenknurren dagegen. Es soll heute warm werden, und 28 Kilometer laufen sich bekanntlich nicht von selbst.

Der liebe Gott scheint es mir nicht übel zu nehmen, denn kaum bin ich den Kirchenhügel hinabgestiegen, finde ich eine versteckte Minibar. Hier stehen ein paar ältere Herren beisammen. Ich stelle mir vor, wie sie ihre Angetrauten an der Kirche abgesetzt haben, um jetzt ihren Stammtisch abzuhalten. Sehr freundlich werde ich begrüßt. Kein Wunder, ich senke den Altersdurchschnitt schlagartig um 30 Jahre.

Der Herr hinter dem Minitresen scheint ein Herz für kleine Pilger zu haben. Er freut sich, als meine Augen beim Anblick seiner Kaffeemaschine einen überirdischen Glanz bekommen. Natürlich hat er einen Galao, und etwas zu Essen gibt es ebenso. Das sonnige Stückchen Mauer gleich gegenüber ist besser als jeder Stuhl. Ich bin kurzfristig im Himmel. Nach zweieinhalb Stunden und zehn Kilometern ist die Nulldiät hiermit offiziell beendet. Eine Toilette und ein Stempel runden das Happening ab.

Durch die Eukapolypse ans Meer

Der nächste Abschnitt beschert mir große Freude, zumal ich freundlich mit den besten Wünschen begrüßt werde.

Wegweiser auf dem Caminho Portugues
Bom Caminho geht immer

Es geht weiter durch Eukalyptus, an Trockenmauern vorbei, mit Blick auf Herrenhäuser aus vergangenen Zeiten. Meine Phantasie geht mit mir durch, und ich male mir aus, wie es hinter den Wänden aussehen mag und was sich hier einst für Feste und Begebenheiten zugetragen haben.

Um halb elf sehe ich das Meer in der Ferne glitzern. Anders als an den ersten Tagen meiner Reise erfüllt mich sein Anblick diesmal mit Freude. Es ist wirklich herrlich, wenn es nicht so schwül ist.

Traumkulisse auf dem portugiesischen Jakobsweg Caminho Portugues

Ich mache an einer Bank Pause und sitze neben Chrissie, einer deutschen Pilgerin in meinem Alter. Sie erzählt, dass sie mit ihrer Mutter unterwegs ist. Mama ist schon über alle Berge, verrät die Tochter grinsend. Als sie beiläufig berichtet, dass sie gestern in Viana beim Friseur war, ist mir schlagartig klar, wen ich vor mir habe: die Tochter der Dame, die gestern in der Herberge so aufgeregt war, weil sie Betten für zwei Personen brauchte und dann auch noch zu meiner großen Erheiterung nach Jakobsmuskeln fragte.

Kurz führt der Caminho an einem Fluss vorbei, dann dauert es nur noch zwanzig Minuten, bis ich in Via Praia de Âncora ankomme. Auch hier scheint gerade ein Blumenfest zu sein, denn die Fassade der Kirche ist üppig dekoriert.

Ich besorge mir Obst und eine Dose eiskalten Eistee in einem nahegelegenen Supermarkt. Während ich meine Beute verstaue, spricht mich ein Herr an. Ob ich eine Pilgerin sei und einen Stempel wolle? Ich freue mich über sein Engagement, wenn auch das Ergebnis in meinem Credencial ausbaufähig ist. Damit habe ich nun zwei wirklich unspektakuläre Nachweise gesammelt, denn auch der Stempel aus der Minibar von heute Morgen ist nicht gerade ein Schmuckstück.

Der nette Mann rät mir, den offiziellen Caminho hier zu verlassen und stattdessen eine Abkürzung zum Meer zu nehmen. Dann könne ich direkt an ihm entlang weiterlaufen. Ich befolge seinen Rat und bin wenig später vom Anblick geplättet.

Traumhafte Bucht in Vila Praia Ancora, direkt am Caminho Portugues

Die Bucht aus feinstem Sand und die kleine Marina sind ausgemachte Postkartenmotive. Ich genieße das Urlaubsfeeling und erfreue mich erstmals am Golf von Biskaya. Wie anders ist meine Stimmung heute.

Die Marinha von Vila Praia Ancora am Caminho Portugues

Nachdem ich das Zentrum verlassen habe, finde ich eine Bank an der Strandpromenade, auf der ich es mir mit meinen Supermarktschätzen mit Blick aufs Meer bequem mache. Schuhe aus, Socken aus, Beine hoch.

Ich muss noch mal an meinen Kollegen denken, der mir vor vier Tagen via WhatsApp einen ziemlichen Einlauf verpasste, damit ich endlich aufhöre, mich zu beschweren und das Meer genieße. Heute ist es ein Leichtes.

Portal ins Unbekannte

Als ich nach einer halben Stunde wieder unterwegs bin, hat der Caminho noch einmal eine kleine Kuriosität zu bieten. Ich finde in einem winzigen Wäldchen erleichtert Schatten. Inzwischen hat mich die Mittagssonne nämlich ordentlich im Griff. Kaum in den Wald hinein bin ich auch schon wieder hinaus. Kurz denke ich, ich hätte einen Sonnenstich. Zu meiner Linken steht plötzlich ein Gatter. Es befindet sich mitten auf der Wiese. Irgendwo im Nirgendwo. Völlig ohne Kontext, Sinn oder Verstand. Weit und breit kein Gebäude in Sicht.

Ich stelle es mir als ein Portal vor. Wenn man hindurch geht, landet man sicher an einem verwunschenen Ort. Das Experiment unterlasse ich dann aber doch lieber und bleibe auf dem Caminho.

Lawrence von Arabien ohne Kamel

Ich lege noch schnell einen kleinen Striptease hin und wechsle mein Oberteil. Ich brauche etwas mit Ärmeln. Die schulterfreien Tops, die ich eigentlich immer trage, sind bei diesen Temperaturen nicht sonderlich empfehlenswert. Der Rucksack scheuert auf der verschwitzten, nackten Haut. Anschließend ist es gleich besser, und ich bin gerüstet für die letzten fünf Kilometer.

Glaube ich.

Fünf Kilometer, oder bei meinem Tempo ungefähr eine Stunde und 15 Minuten, sollten doch entspannt machbar sein. Wir haben halb zwei. Die Sonne feiert ihr Dasein. Sie duldet keine Missachtung und dröhnt volle Fahrt voraus auf mich herunter. Vor mir liegt eine schnurgerade Straße, und der Caminho verläuft auf dem Fahrradweg. Schatten gibt es nicht. Ich komme mir vor wie Lawrence of Arabia. In meinem Kopf dudelt Schlager von brennend heißem Wüstensand. Wo ist ein Kamel, wenn man es braucht? Ich fühle mich an die Pilgerautobahn vom letzten Jahr erinnert. Damals habe ich mich ähnlich gequält, nur dass ich mit meinem Brass nicht alleine war.

So schnell, wie die ersten 23 Kilometer verflogen sind, so zäh vergehen die letzten fünf. Ich erkämpfe mir jeden Schritt, schleppe mich zunehmend dahin. Es ist so beschwerlich, dass ich mehr als anderthalb Stunden benötige, die sich noch dazu wie drei Stunden anfühlen. Die Bäume, die gepflanzt wurden, stehen momentan auf der falschen Seite des Weges, denn sie werfen in der Mittagssonne keinen Schatten.

Alle gehen, ich bleibe

Als ich Caminha um drei erreiche, freue ich mich zu früh. Der Caminho geht noch 20 Minuten auf viel zu schmalen Bürgersteigen durch die Hitze. Dann bin ich endlich am Ziel. Nachdem ich an einem beeindruckenden Wehrturm, dem Torre do Relogio, vorbeigelaufen bin, finde einen hübschen Platz mit vielen Cafés und falle auf eine Parkbank. Ich werde hier nicht weggehen, bis ich wieder halbwegs hergestellt bin. Die Herberge läuft mir schon nicht weg. Es ist ja noch vergleichsweise früh. So beobachte ich das Treiben um mich herum. Viele Locals, wenig Pilger. Hübsch ist es hier.

Die Herberge liegt etwas außerhalb des Ortes und ist alles andere als aufregend. Ein Schlafsaal im Keller einer ehemaligen Schule. Der Hospitalero macht die obligatorische Führung durch die Räumlichkeiten und scheint überrascht zu sein, als ich sofort ein Bett aussuche und keine Anstalten mache, wieder zu gehen. Wieso auch?

Es ist herrlich kühl, und ich laufe heute ganz sicher nirgendwo mehr hin. Ich habe die Duschen für mich allein und bin anschließend halbwegs fit. Für mich ist sonnenklar, dass ich zu dem kleinen Platz zurück will, um mich um mein leibliches Wohl zu kümmern. Inzwischen ist auch Pilger Nummer Zwei eingetroffen, ebenfalls deutsch, ebenfalls im Eimer.

Ich will gerade aufbrechen, als ich plötzlich eine vertraute Stimme höre. Und tatsächlich, wenige Minuten später schaue ich in das verschmitzte Gesicht und die funkelnden Augen Tinas aus Tschechien. Mit ihr habe ich gar nicht gerechnet. Die Freude ist beidseitig, hält aber nur kurz an. Tina will noch weiter an der Küste entlang gehen und muss dazu gleich um die Ecke mit einem Boot auf die andere Seite nach Spanien übersetzen. Sie macht hier nur kurz Pause. Ich bin ein wenig traurig, dass ich sie so schnell wieder verlieren werde. Wer weiß, wann sich unsere Wege wieder treffen? Aber wenn es sein soll, wird es sein. Ich habe letztes Jahr so viele Leute immer wieder aus den Augen verloren und dann doch wiedergetroffen.

Caminho Crush

Nach einem Bom Caminho und einer Umarmung für Tina mache auch ich mich vom Acker. Ich biege gerade aus der Straße der Herberge Richtung Stadtzentrum ab, als mir ein gutaussehender Typ in meinem Alter mit Rucksack entgegenkommt. Offensichtlich bin ich noch nicht ganz Herr meiner Sinne. Ich strahle ihn jedenfalls im Vorbeigehen an. Er schaut etwas verdutzt, während ich mich frage, ob ich eigentlich noch ganz dicht bin. Schnell setze ich meinen Weg fort, komme aber nicht umhin, mich zu fragen, ob er in der Herberge bleiben wird. Nein, ich werde nicht zurückgehen, um ihn zu überzeugen. Was sein soll, wird sein. Das wäre ziemlich lächerlich.

Kurze Zeit später sitze ich mit einem Sagres-Bier auf dem Dorfplatz. Der Hamburger in Sandwichform ist bereits in Arbeit. Meine Hitzepickel erleben ein kleines Revival. Sie scheinen aus einer Kombination von Schweiß und Unzufriedenheit zu entstehen. Wenn mir der Caminho beschwerlich erscheint, tauchen sie als Fuß- bzw. Beinnote auf und unterstreichen den Gesamtzustand.

Caminho Feierabend in Caminha

Ein Swimmingpool voll Gin

Nachdem ich den Hamburger in kürzester Zeit eingeatmet habe, macht sich das übliche Fresskoma breit. Ich könnte sofort schlafen, wäre es nicht noch so früh. Aber bei aller Liebe, halb sechs ist absolut keine Option. Während ich mich frage, was ich mit meiner vielen Zeit anstelle, entdecke ich plötzlich Mr. Gutaussehend auf dem Platz. Diesmal ohne Rucksack, dafür in Begleitung des deutschen Pilgers, den ich vorhin in der Herberge getroffen habe. Die beiden stehen etwas unschlüssig herum, sehen mich aber nicht und setzen sich auf die andere Seite des Platzes.

Ich wollte ja sowieso weiter, wieso dann nicht einfach mal das Café wechseln, denke ich mir und begrüße wenig später den deutschen Pilger wie einen lange vermissten Freund. Dem anderen sage ich ganz beiläufig Hallo und hoffe, dass er sich nicht an die Irre erinnert, die ihn von einem bis zum anderen Ohr grinsend kurz vor der Herberge begrüßt hat. Ich setze mich dazu und löse damit ich noch ganz nebenbei ein Kommunikationsproblem, denn der Deutsche spricht nur wenig Englisch, während Mr. Gutaussehend ausschließlich selbiges im Angebot hat.

Hugh kommt aus Australien. Tasmanien, um genau zu sein. Er hat gerade den Camino Frances hinter sich und hat nach einem kurzen Abstecher nach Madrid und Marokko entschieden, dass er mit dem Jakobsweg noch nicht fertig ist. So läuft er nun gleich noch einen. Das Gefühl, nicht ankommen zu wollen, ist mir aus dem letzten Jahr noch sehr vertraut. Wenn man so lange gelaufen ist, bekommt man ein wenig Alltagsabneigung, vielleicht auch Angst, wie es weitergehen soll.

Ich entdecke den guten Nordes Gin, eine meiner nachhaltigsten Camino-Erfahrungen, auf der Karte. Dieses Elixier aus Galizien hat es mir mit seinem Orangenflavour angetan, seit ich ihn das erste Mal ca. 200 km vor Santiago probiert habe. Hugh, der offen für Neues ist, schließt sich gerne an. Wenig später sitzt jeder von uns vor einem Swimmingpool voll Gin Tonic.

In Gedanken stoße ich auf Kati an. Meine liebe Mitpilgerin aus dem letzten Jahr hat gestern Santiago erreicht, nachdem sie im Vorjahr abbrechen musste. Auch diesmal hatte sie zu kämpfen, hat es aber mit ein wenig Unterstützung geschafft.

Marathon Man

Mein australischer Freund ist nach dem ersten Schluck begeistert. Toller Drink und überhaupt, toller Tag. Was ist er doch froh, heute ein Bett gefunden zu haben. Das sah gestern ganz anders aus. Da musste er 53 Kilometer laufen. Dem deutschen Pilger und mir fällt alles aus dem Gesicht. 53 Kilometer? So voll, dass man eine solche Strecke laufen müsste, kam es uns bisher gar nicht vor! Hugh berichtet daraufhin von seinem unfreiwilligen Marathon.

Als er gestern nach 27 Kilometern bereits zur Mittagszeit sein Ziel erreichte, schien es ihm zu früh, um aufzuhören. Er war noch fit und wollte noch ein wenig weiter. Dummerweise hat er für den Caminho Portugues keinen Reiseführer. Vom Frances wusste er, dass eigentlich alle drei bis fünf Kilometer eine Herberge kommt. Nicht so auf dem Stück, auf dem er gestern unterwegs war. Die nächste Unterkunft kam erst nach weiteren 25 (!) Kilometern.

Schlimm genug, ging die Pechsträhne des Australiers noch weiter, denn die Herberge im Ort war voll. Das gleiche galt für die umliegenden Hostels. Weil er wirklich nicht mehr konnte, nächtigte er in einem Apartment für Sage und Schreibe 100 Euro, was ihm einen unfreiwillig heftigen Knacks in der Urlaubskasse bescherte. Unser hiesiger Hospitalero sei über seine Begeisterung für die simple Albergue total verwundert gewesen, meint er grinsend. Aber ein Bett für unter 10 Euro war perfekt.

Wiedersehen mit Caminho-Freunden

Wir sitzen noch eine Zeit zusammen, dann geht es zurück in die Herberge, die sich inzwischen ordentlich gefüllt hat. Fast alle Betten sind belegt. Zwischen den Pilgern entdecke ich zwei alte Bekannte: Peter aus Salzburg und Toni aus Barcelona. Sie waren gestern in der gleichen Unterkunft wie ich. Peter wollte eigentlich schon abreisen, hat aber noch spontan um einen Tag verlängert. Er ist mit Toni zusammen am Strand entlanggelaufen. Die beiden waren sogar schwimmen, erzählen sie mir begeistert.

Zusammen mit Hugh und zwei Ukrainerinnen, die ihren Frizzante mit mir teilen, sitzen wir bis weit nach zehn am Tisch zusammen. Es gibt unendlich viel zu lachen, zumindest für uns. Diejenigen, die schon schlafen wollen, bedanken sich vermutlich bei uns, aber es beschwert sich niemand. Ich schaue mir unsere internationale Runde an und atme innerlich durch. Endlich habe ich meinen Camino zurück.

Zähneputzen für die Lunge

Toni spendiert mir draußen eine Mentholzigarette. Die habe ich ewig nicht mehr geraucht und bin total angetan von der Kühle, die sich Zug um Zug in mir ausbreitet. Er drehe immer selbst, sagt Toni, außer abends, da rauche er eine Mentholkippe. Das sei dann das Zähneputzen für die Lunge.

Dann erzählt mir der Spanier in Ermangelung vieler englischer Vokabeln mit Händen und Füßen von sich. Er habe vor ein paar Jahren (vielleicht auch Monaten?) einen radikalen Cut gemacht. Nach einem Leben mit viel Geld, Drogen und Partys sei es ihm zu viel geworden. Toni konnte mit den leeren Gestalten, die er seine Freunde nannte, nichts mehr anfangen und kappte von heute auf morgen alle Bande.

Seitdem sei er auf der Suche. Nach sich, nach seinem Leben, nach dem Sinn. Erst vor ein paar Wochen habe er sich entschieden, eine weitere Zäsur zu setzen und sei die Via de la Plata, rund 1000 Kilometer von Sevilla nach Santiago, gelaufen. Dort angekommen, erkannte er, dass er noch nicht so weit sei und entschied, noch einmal zu gehen und fuhr spontan nach Porto und startete den Jakobsweg dort. Es ist wirklich krass. Er ist heute schon der Zweite, der mir erzählt, dass er den ersten Camino um einen weiteren verlängert hat.

Wenig später gehen wir dann doch mal alle ins Bett. Morgen geht es für mich in die Grenzstadt Valença. Die ersten 100 km sind somit geknackt, und Spanien ist nur noch einen Steinwurf entfernt. Ich bin gespannt, ob ich die anderen wiedersehen werde.

 

Kommentare und Feedback

Kennst du das Gefühl, dass man manchmal wie von selbst läuft und lange Strecken kurz erscheinen, während ein eintöniges Stück sich ewig in die Länge zieht? Ich höre dann immer Musik und lasse mich bestenfalls von den Rhythmen mitreißen. Alternativ zähle ich Schritte. Was ist dein Trick gegen die Tristesse?

Warst du auch auf diesem Stück des Caminho Portugues unterwegs? Was hast du dort erlebt? Ich freue mich wie immer sehr über deine Nachricht.

Zeitreise

Vorwärts: Möchtest du wissen, wie es weitergeht? Dann komm mit mir von Caminha nach Valença, wo der Tag mit einem Drama in drei Akten startet, quer durch den Gemüsegarten und den Supermarkt führt und auf den illegalen Pfaden der Autonomen zur Herberge mit einem berühmten, deutschen Autoren.

Rückwärts: Du fragst dich was Jakobsmuskeln sind und was ich gestern mit Toni und Peter bereits erlebt habe? Dann komm noch mal mit von Marinhas nach Viana do Castelo und sei dabei, wenn ich mich mit meiner Blase und meinem früheren Leben als Koala beschäftige, einen kleinen Regentanz aufführe und ein Bett im Emergency Room ergattere.

Hast du den Anfang verpasst? Dann starte mit mir im schönen Porto.

Ich muss das weitersagen
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11 Gedanken zu „Caminho Portugues #5: Von Viana nach Caminha&8220;

  1. Wie gewohnt ein sehr unterhaltsamer Beitrag, bei dem sich mir die Frage aufdrängt, ob du dann auch zur Abkühlung ins Glas gesprungen bist.
    Sollte ich einmal ein eintöniges Stück Weg überwinden müssen, denke ich meist an etwas Schönes oder – wenn Vorbegeher Bilder veröffentlicht haben -mich an die Fotos zu erinnern, wie etwa: Ja, das müsste hier gewesen sein…
    Lg und weiter so,
    Bernhard

  2. Schön, dass ich selbst in deinem Portugiesischen Weg einen Platz finde 😘 ich erinnere mich sogar noch an das Gin-Bild als Fern-Prost 😊

    1. Für wichtige Menschen ist eben immer Platz, Schatz.
      Wo du schon mal da bist, kannst du dir mal Bernds Anfrage unten anschauen? Er wollte wissen, wie der Weg durchs Landesinnere war. Merci 😉

  3. Liebe Audrey,Ihr „Roman“ war wieder sehr spannend, ich sehe immer alles sehr lebendig vor mir, macht Spaß zu lesen….

    1. Das freut mich, Vera. Sonntag geht es weiter. Und ansonsten gibt es ja noch den ein oder anderen schon „fertigen“ Roman, falls zwischendurch Langeweile aufkommt

  4. Ich werde mich aus meiner Rolle als regelmäßiger Leser deiner Camino-Berichte für ca 6 Wochen verabschieden…. Warum wohl – freue mich auf den Camino Frances…
    Deine Geschichten haben mir noch mehr Lust gemacht und deine Idee der „stillen“ WhatsApp Gruppe habe ich aufgegriffen. Weiter so mit dem tollen Blog!

Und was sagst Du?