Caminho Portugues #9: Von Arcade nach Portela

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Tag 9 auf dem portugiesischen Jakobsweg mit Katzenfutter in der Wüste, einem Besuch bei Square-Dance-Mary und Don Pulpo, einer Reunion mit Hindernissen, der Erfindung von Kill the Peregrino, dem besten Abend, Wein statt Weinen und einer weitreichende Entscheidung (11. Mai 2017, 22,5 Kilometer)

Nachdem uns Toni gestern mit seinen Kochkünsten begeistert hat, revanchiert sich Hugh wie angekündigt und bereitet uns das beste Frühstück auf dem gesamten Jakobsweg. Als ich die Küche unserer Herberge betrete, brutzelt der Australier bereits am Herd.

Es gibt geröstetes Brot, dazu Omelette mit Käse, Tomaten und Zwiebeln, frischen Kaffee und Orangensaft. Ich bin im Himmel.

Die drei Deutschen, die gestern bereits unser abendliches Festmahl bestaunt haben, fragen mich, wo ich diese Rundumverpflegung gebucht hätte, und ich witzele, es gäbe die Website Rent a Camino Cook. Es geht uns so gut, dass wir die Zeit völlig aus den Augen verlieren und die Herberge eine halbe Stunde später verlassen, als wir eigentlich dürfen. Da aber niemand da ist, der sich beschweren könnte, stört es uns nicht weiter.

Kapuzenschwenken

Das Wetter orientiert sich am Vortag und hat auch heute immer wieder Schauer im Angebot. Kapuze an, Kapuze ab ist unser häufigste Bewegung. Beim Verlassen des Ortes sehen wir einen der für Galicien typischen kleinen Kornspeicher. Gott sei Dank sind gleich drei Pfeile rechts von ihm. So verläuft sich keiner.

Typischer Kornspeicher in Galizien am Caminho Portugues

Es geht über eine Brücke, und ich genieße den Blick auf den See, der eigentlich das Meer ist. Die Stimmung hier ist ganz besonders.

Ich lasse die anderen ziehen und genieße den Anblick und die Ruhe. Mein Kopf ist unruhig genug, denn ich wälze Gedanken. Ich habe vorhin eine Nachricht von meiner Kollegin bekommen. Sie sei froh, dass ich mich endlich eingegrooved habe und angekommen sei. Aus meinen täglichen Statusberichten via WhatsApp geht für mein Stimmungswandel offensichtlich deutlich hervor. Schon krass, wenn ich überlege, was für ein Miesepeter ich an den ersten Tagen war.

Der Weg nimmt nun ordentlich Fahrt auf und geht recht steil nach oben. Uns erwarten wieder hauptsächlich Feld- und Waldwege. Die Pilger vor und hinter mir sehen im Regen aus wie eine Perlenkette mit ihren bunten Ponchos und Regenschutzhüllen.

Hugh ist vor uns, während Toni und ich in der nächsten kleinen Ortschaft heiß diskutieren, ob wir den offiziellen Weg entlang der Straße nehm, oder uns nach einem alternativen Weg entlang des Flusses umschauen. Plötzlich quietscht jemand meinen Namen und völlig unerwartet steht Krystina, meine Lieblingstschechin, vor mir. Mit ihr habe ich überhaupt nicht gerechnet. Ich habe sie das letzte Mal an dem Abend gesehen, als ich Hugh kennengelernt habe. Damals entschied sie sich für den Küstenweg über Vigo. Es war nicht klar, ob und wann wir uns noch einmal sehen.

Wie alte Freunde fallen wir uns in die Arme und feiern unser Wiedersehen. Tina will genau wie ich auf der Straße bleiben, weil es hier zumindest ab und an die Möglichkeit gibt, sich unterzustellen. Toni läuft allein am Fluss entlang. Wir beiden Mädels fangen an zu sabbeln. Es gibt einiges zu erzählen. Tina war mit einem älteren Spanier unterwegs, was sie ziemlich anstrengte, weil sie kein Spanisch und er kein Englisch sprach. Endlich versteht sie wieder jemand. Ich erzähle im Gegenzug von unserem Trio Infernale. Tina freut sich sehr, dass ich die beiden Jungs getroffen habe.

Trotz unserer Begeisterung über das Wiedersehen müssen wir schon bald feststellen, dass wir einfach nicht das gleiche Tempo haben. Tina will deutlich langsamer laufen als ich. Und so trennen sich unsere Wege auf den sieben Kilometern nach Pontevedra vorerst wieder.

Zu Besuch bei Square-Dance-Mary

Um zwölf bin ich in der Stadt. Wie immer überfordert mich der Rummel und der Geruch der vielen Autos, und so flüchte ich mich in eine kleine Kirche, die von außen eher aussieht wie ein Turm.

Capela da Virxe Peregrina de Pontevedra am Caminho Portugues

Drinnen bin ich doch ein wenig überrascht, als ich plötzlich vor Square Dance Mary stehe.

Capela da Virxe Peregrina de Pontevedra an Caminho Portugues, Jakobsweg

Die hiesige Marienstatue, die Virgen Peregrina, trägt einen Hut, der mich irgendwie an die Südstaaten erinnert. Es soll wohl eigentlich ein Pilgerhut sein, wenn auch kein besonders zeitgemäßer. Der Grundriss der Capela da Virxe Peregrina de Pontevedra ist übrigens an eine Jakobsmuschel angelehnt. Ich bitte die heilige Pilgerin um ihren Segen und gehe.

Wieder draußen mache ich mich auf die Suche nach einem Café und werde an einem Platz in der Nähe eines Konvents direkt am Jakobsweg fündig.

Regen setzt wieder ein. Stimmt, wir hatten uns ja länger nicht gesehen. Wie gut, dass es eine große Markise gibt. Mit dem ganzen Zeug, das ich dabei habe, ist es mir immer unangenehm, mich in einem Café auszubreiten, vor allem wenn die Sachen nass sind.

Das Beste an meinem Markisenplatz ist aber, dass jeder Peregrino an mir vorbei muss. Es wäre also doch gelacht, wenn ich meine kleine Reisgruppe hier nicht wiederfände. Denke ich und lächle. Der Kellner bringt mir zu meinem üblichen Set aus Kas und Kaffee netterweise noch etwas Süßes.

Ich kann mein Glück gar nicht fassen, aber er gibt mir zu verstehen, dass er sich einfach freut, dass ich da bin. Und ich möge mich erholen. Das tue ich.

Als nach einer halben Stunde keine Spur von Hugh, Toni oder Tina zu erkennen ist, werde ich langsam nervös. Die werden doch nicht genau in dem Moment an mir vorbeigelaufen sein, als ich bei Square-Dance-Mary war? Ich versuche, ruhig zu bleiben, aber es gelingt mir nicht. Das Café hat Gott sei Dank WLAN, und so kann ich Toni eine Nachricht schreiben. Er ist der einzige, dessen Nummer ich habe. Während ich auf eine Antwort warte, bekomme ich völlig unerwartet noch eine Nachricht der Kollegin, die mir bereits heute Morgen schrieb.

Eine weitreichende Entscheidung

Nach einem einleitenden Satz, in dem sie schreibt, dass sie und mein Chef sich nur noch anschreien und alle genervt sind, folgt ein Foto. Da sitzen Leute aus meinem und aus ihrem Team am Tisch, vor sich Wein- und Biergläser. Unter dem Bild steht nur ein Satz: wir gehen jetzt einen trinken.

Ich bin ziemlich geschockt. Wie genervt müssen sie sein, wenn sie sich zum Mittagessen einen reinstellen? Was ist da los? Ich stelle fest, wie meine Gedanken wieder anfangen, um den Job zu kreisen und wie meine gute Laune schlagartig sinkt. Und während ich da sitze und brüte, macht es endlich Klick im Kopf. Die Arbeit ist der Grund, aus dem ich meinen Jakobsweg zu Anfang nicht genießen konnte. Ich war bis zum Hals im Jobstress und das hat mir tatsächlich den Weg verleidet.

Die Entscheidung ist schlagartig glasklar da. Ich werde meinen Job kündigen, sobald ich zurück bin. Viel zu lange bin ich dort, viel zu lange habe ich mich für die Kollegen verantwortlich gefühlt und bin weiterhin geblieben, viel zu lange habe ich mich über meinen Chef geärgert und viel zu lange langweilt es mich, mir Konzepte für Kunden auszudenken und Präsentationen zu halten, die ich rauf, runter, vorwärts und rückwärts beten kann. Ich habe keine Ahnung, was ich als nächstes machen werde, aber ich beschließe in diesem Moment, mir meine Lebensfreude nicht von einem Job versauen zu lassen. Ich werde etwas finden. Und ich bin recht überzeugt, dass ich künftig keine leitende Funktion mehr möchte. Ich will wieder nur für mich verantwortlich sein.

Kaum ist die Entscheidung gefallen, spüre ich, wie mir gefühlte drei Kilogramm von den Schultern purzeln. Ich grinse von einem Ohr zum anderen. Noch ist es nur in meinem Kopf, aber ich merke bereits jetzt, wie es mich befreit. Um gleich Nägel mit Köpfen zu machen, antworte ich meiner Kollegin, dass sie mir mit dem Foto sehr geholfen habe. Ich hätte soeben beschlossen, zu kündigen. Spätestens am 30. September sei mein letzter Tag. Das sind noch fast vier Monate, aber das werde ich auch noch überstehen.

Reunion mit Hindernissen

Inzwischen hat mir Toni geantwortet. Er säße mit Hugh vor der Kirche. Was bin ich erleichtert, als ich antworten kann, ich sei gleich um die Ecke in einem Café. In meiner schlimmsten Vorstellung waren sie über alle Berge, und ich hätte keine Möglichkeit, mich von Hugh zu verabschieden.

Wer denkt, dass wir uns nun wenig später wiederhaben, täuscht sich so wie ich. Das spanische Mañana gewinnt. 20 Minuten später hocke ich immer noch allein in meinem Café. Die Rechnung ist längst bezahlt, und so schreibe ich erneut. Ja, sie seien immer noch vor der Kirche. Mir ist inzwischen recht kalt, und so gehe ich ihnen entgegen und sammele sie ein. Endlich hat wieder alles seine Ordnung und ich meine Gentlemen um mich versammelt.

Niemand will bleiben. Stadt ist irgendwie nicht so unsere Sache. Hinzu kommt, dass ich von einer besonderen Herberge mit Kult-Charakter gelesen habe, die nur elfeinhalb Kilometer entfernt ist. Das sind drei Stunden, die sind locker drin.

Katzenfutter in der Wüste

Auf dem Weg aus Pontevedra überkommt Hugh wieder eine seiner legendären Hungerattacken. Toni schaut mich mit hochgezogenen Augenbrauen an, als der Australier immer einsilbiger und nöliger wird. „The boy is hungry“, sagt er ernst. Zu seinem großen Erstaunen, brechen Hugh und ich in Gelächter aus. Toni lässt sich davon nicht beirren. Er findet eine völlig unscheinbare Bäckerei und besorgt Brot. Mit großer Geste setzt er an einem kleinen Brunnen seinen Rucksack ab und erklärt uns, er habe „very beautiful food“ im Rucksack. Ein Geschenk von Peter aus Wien, das er seit Caminha mit sich herumträgt. In einer hübschen, kleinen Dose wartet Fischpaté auf uns, beautiful, ist sich der Spanier nach wie vor sicher.

Mit meinem Spork (einem Gerät, das Löffel und Gabel vereint und an der Seite noch schneiden kann) bestreicht er ein Stück Brot und reicht es nach Down Under. Während er das nächste Häppchen schmiert, wispert mir Hugh verschwörerisch „Cat Food“ zu und verdreht die Augen. Ich kriege mich kaum noch ein, als er an Toni gewandt bestätigt, dass es wirklich absolut beautiful sei und auch „more better“ als irgendetwas, das er jemals zuvor verköstigen durfte. Toni strahlt. Ich kichere. Alles wie immer. Meine letzten beiden Pick Up! runden unser Festmahl ab. „Beautiful desert“, sagt Toni. Wer kann da schon mithalten? Katzenfutter in der Wüste gibt es wahrlich nicht jeden Tag.

Egoshooter für unterwegs

Die nächsten fünf Kilometer legen wir vorwiegend auf Straßen zurück. Gott sei Dank, denn der Spanier fährt wie eine gesenkte Sau und interessiert sich nicht für kleine Peregrinos am Straßenrand. So nett einem die Einheimischen im direkten Eins zu Eins begegnen, so rücksichtslos verhalten sie sich, sobald sie ein Steuer vor der Nase haben.

Hugh und ich entwickeln eine Geschäftsidee. Egoshooter boomen ja sowieso. Wieso nicht mal ein Computerspiel erfinden, bei dem man Auto fährt und möglichst viele Pilger am Straßenrand ummähen soll? Für die unterschiedlichen Nationalitäten gibt es dann Punkte. Ein Spanier bringt einen Punkt, ein Deutscher zwei. Für exotischere Länder gibt es Bonuspunkte. 10 für kleine Tschechen und 50 für Aussies. Immer wenn ein Pilger erfolgreich überfahren wurde, erklingt die Nationalhymne. Toni ist begeistert. Sobald ein Auto vorbeifährt, springt er taumelnd zur Seite und schreit „One point for Spain“, um im Anschluss die Hymne zu pfeifen.

Auf diese Weise gelingt es uns, das eher langweilige Stück schnell zurückzulegen. Danach erwarten uns endlich wieder zweieinhalb Kilometer durch Wald, in diesem Fall sogar mit einem kleinen Bach, der die Wege herrlich sumpfig macht.

Die Fab Four und Herr Tintenfisch

Bester Laune erreichen wir um halb vier San Amaro, einen klitzekleinen Ort, der aber schon am Ortseingang zu Tonis großer Freude mit der galicischen Spezialität Pulpo wirbt und außerdem reklamiert, den ältesten Stempel auf dem Jakobsweg zu haben. Obwohl wir nur noch knapp zwei Kilometer von unserer Stimmungsherberge entfernt sind, kehren wir noch einmal ein, zumal der Name des Ladens, Meson Don Pulpo, einfach genial ist. Wenn es etwas zu trinken gibt, können Hugh und ich schlecht nein sagen, wenn es etwas zu essen gibt, ist Toni sofort am Start. Here we come.

Wir sitzen gerade bei Herrn Tintenfisch vor Kas, Rotwein und Pulpo, als hinter mir ein Quieken zu vernehmen ist. Krystina ist wieder da. Sie fällt uns allen um den Hals und macht es sich an unserem Tisch gemütlich. Tina strahlt wie immer über das ganze Gesicht. Wenn sie hereinkommt, geht jedes Mal die Sonne auf, und sie hat wirklich immer gute Laune. Witzigerweise ist genau das wenig später die Kurzcharakteristik, die sie mir attestiert. Ich würde immer lachen und sei stets gut drauf.

Ein Gedankenblitz schießt mir durch den Kopf. Hugh und Tina ergänzen sich als meine Camigos. Ich habe mich von ihr verabschiedet und anschließend den Australier kennengelernt. Nun taucht sie ausgerechnet in dem Moment wieder auf, in dem Hughs Abschied bevorsteht und schließt die Lücke. Was für ein wundervoller Zufall. Als die Jungs in ein Gespräch vertieft sind, fragt mich Tina beiläufig, ob da etwas zwischen mir und Hugh laufe. Wir hätten so eine vertraute Nähe miteinander. Ich bin mehr als belustigt. Wenn mit irgendjemandem hier absolut nichts gehen wird, dann mit dem schwerverknallten Australier, der Tag und Nacht an seine Brasilianerin vom Camino Frances denkt.

Tina bleibt dabei, dass da etwas Besonderes zwischen uns sei. Sie hätte bereits bei ihrer ersten Begegnung mit Hugh gedacht, dass er unbedingt Audrey kennenlernen müsse. Ich staune nicht schlecht.

Internationales Matratzenlager

Vom Haus des Herrn Tintenfisch ist es nicht mehr weit zur Herberge, die wir nach unserer ausgiebigen Pause um fünf erreichen. Kurzer Schock beim Ankommen. Alle Betten sind belegt. Wir staunen nicht schlecht, immerhin gibt es hier 16. Wir hätten nicht erwartet, dass so viele Leute einen Abstecher zu der Unterkunft machen. Bevor wir nervös werden, beruhigt uns Hospitalero Jorge, der zu meiner Beruhigung keine hohen Schuhe trägt, wie sein gleichnamiges TV-Pendant. Er habe noch ein phantastisches Matratzenlager, dort sei noch genug Platz. Und heute Abend gäbe es hier selbstgekochtes Essen für alle.

Bevor wir uns auf den Weg machen, bewundern wir die Wand in der Herberge, die mit einem beeindruckenden Bild bemalt ist, auf dem sich hunderte Pilger verewigt haben.

Anschließend gehen wir über den Rasen zum Gebäude gegenüber, in dem sich unser Lager befindet. Wir sind absolut begeistert, denn ausnahmsweise nächtigen wir alle ebenerdig. Die Diskussionen, wer oben schlafen muss und wer nach unten darf, bleiben uns erspart. Das Allerbeste ist aber mit Sicherheit, dass ausnahmsweise mal niemand unsere Schlafstätte ins Wanken bringen wird und dass beim Umdrehen nichts quietschen wird.

Als wir unsere Wäsche aufhängen, entdecken Toni und ich eine Hängematte, in der wir die wohl entspannteste Zigarette des Tages rauchen. Wir legen uns quer hinein, liegen mehr auf als nebeneinander und schaukeln rauchend, total laid back auf und ab. So lässt es sich wahrlich aushalten, zumal endlich die Sonne durch die Wolken kommt.

Abschiedsfeier mit Wein statt Weinen

Kaum geduscht, besorgen Hugh und ich uns eine Flasche Rotwein, die man in der Herberge erwerben kann. Wir haben uns vorgenommen, seinen letzten Abend ordentlich zu begießen. Da muss man auch schon mal früher anfangen. Toni schüttelt nur wieder den Kopf und sucht das Gespräch mit anderen Leuten, während sich Alfons aus Rosenheim zu uns gesellt, ein sehr lustiger, unterhaltsamer Typ. Als Hugh mal kurz den Rotwein entsorgt, fragt auch er mich, ob wir beide ein Paar seien. Langsam frage ich mich, was wir eigentlich ausstrahlen.

Ich mag den Australier unheimlich gern, finde ihn auch wirklich attraktiv, aber seit er mir von seiner Sao Paolo-Lady erzählt hat, ist der Drops für mich gelutscht. Ich freue mich nur nach wie vor, einen so guten Gesprächspartner zu haben. Wir reden über unsere Eltern, Hugh erzählt vom Wandern in Tasmanien und legt mir erneut nah, endlich mal nach „Oz“ zu kommen. Ich unke, dass ich künftig vielleicht mehr Zeit haben werde, als mir lieb ist und teile ihm meinen frisch getroffenen Entschluss mit, den Job zu kündigen. Ring frei für die zweite Weinflasche. Diese Entscheidung ist nun wirklich etwas, auf das man anstoßen kann, findet der Australier.

Um sechs gibt es Essen. Im großen Zimmer stehen Tische und Bierbänke dicht an dicht, um uns alle unterbringen zu können. Jorges Frau hat Salat, Spaghetti und Tortilla für uns gezaubert. Dazu gibt es – claro que si – Rotwein. Die Hütte ist brechend voll. Wir sehen die zehn niederländischen Pilger von gestern wieder (kein Wunder, dass alle Betten belegt sind) und freuen uns dann mega, als plötzlich Jolande und ihre Freundin neben uns sitzen.

Jolande erzählt mir, dass Rob, der niederländische Pilger, den ich vom Sehen auf dem Camino Frances kannte und mit dem die Französin Santiago erreicht hat, sich tatsächlich gemeldet hat. Sie hat ihm gestern Abend noch ein Foto von mir geschickt, und er konnte sich tatsächlich an mich erinnern. Da sieht man mal wieder, wie unglaublich klein die Welt ist.

Die Stimmung ist ausgelassen. Wir haben uns viel zu erzählen und lachen uns zwischendurch immer wieder scheckig.

Wandlandkarte

Nach dem Essen werden wir gebeten, uns an der beeindruckenden Wand zu verewigen. Hunderte von Pilgern haben ihre Heimatorte an der Wand hinterlassen.

Als ich genau hinschaue, finde ich – Geografie, setzen, Sechs – gleich neben Bilbao, einen Eintrag aus St. Pauli. So setze ich mein Eppendorf gleich daneben und auch die anderen schreiben sich an die Wand.

Um zehn verabschiedet sich Jorge. Er zeigt uns, wo der Wein steht und bittet uns, unseren Obolus in eine kleine Kasse zu werfen. Wir zahlen ca. fünf Euro pro Flasche. Ein totales Schnäppchen. Später werde ich diesen wirklich sehr, sehr leckeren Wein im Supermarkt für weniger als zwei Euro finden und häufiger mal eine Flasche für Abends mitnehmen. Mit ausreichend Getränk versorgt, sitzen wir bis halb eins zusammen. Ein würdiger Abschied für den lieben Hugh.

Im Laufe des Abends komme ich noch mit Karin ins Gespräch. Sie ist mit einer Kollegin unterwegs, die bereits mehrere Caminos gegangen ist. Karin ist extrem genervt. Sie haben sich jetzt schon mehrfach gestritten. Die Deutsche ist dabei zu entdecken, dass sie ihren eigenen Weg gehen muss. So hat sie sich heute Abend erstmals soweit von ihrer Begleitung emanzipiert, dass sie noch geblieben ist, obwohl die andere schon ins Bett wollte. Ich mache ihr Mut, das letzte Stück nach Santiago für sich zu gehen. In ihrem Tempo und mit den Pausen ihrer Wahl.

Eremiten im Massenschlafsaal

Um halb eins machen auch wir uns alle auf den Weg ins Bett bzw. Matratzenlager. Der Mülleimer, an dem wir vorbei kommen, zeugt von einem gelungenen Abend. Sieht so aus, als müsste Jorge morgen Nachschub holen. Es ist kein Tropfen mehr übrig.

Im Schlafsaal hockt trotz der späten Stunde das deutsche Pärchen und stellt sofort das Gespräch ein, als wir den Raum betreten. Die beiden sind Ende zwanzig und wirklich seltsam, weil sie sich mit niemandem, aber wirklich niemandem unterhalten, nicht grüßen und auch nicht reagieren, wenn man sie anspricht. Sie waren als einzige nicht beim Essen und scheinen unbedingt zu zweit sein zu wollen. Wieso um Himmelswillen steigt man dann nicht in einer Pension ab? Und wieso macht mich das überhaupt wütend? Der Wein tut was er soll, bringt die Gedanken zum Schweigen und die Augen zum Zufallen. Buenas Noches – hicks.

Nachsatz – wir hinterlassen Spuren

Eppendorf hat übrigens überlebt, denn meine liebe Kati hat sich bei ihrem Aufenthalt in diesem Jahr auf Spurensuche begeben und hat mit aller Detektivarbeit, die sie leisten konnte, den denkwürdigen Eintrag noch aufspüren können und mir ein Beweisbild geschickt. Zwei Jahre später habe ich also tatsächlich immer noch Spuren auf dem Camino hinterlassen, genauso wie die tollen Menschen, die ich unterwegs getroffen habe, bei mir Spuren hinterlassen haben.

Auch wenn ich mit Toni, Hugh und Tina unterjährig kaum noch Kontakt habe, sind sie spätestens jetzt wieder sehr präsent und begleiten mich ein zweites Mal auf dem Weg. Alle drei haben mir gern erlaubt, ihre Geschichten, Namen und Bilder für meine Erzählung zu nutzen. Das wohl Schönste für mich aber war die Geschwindigkeit, mit der sie sich zurückgemeldet haben und die zu Herzen gehende Freude, dass ich mich gemeldet habe. Das hat mich fast schon sentimental werden lassen.

Ich war seitdem weder in Prag, noch in Barcelona oder in Oz, aber ich weiß, dass ich an jedem dieser Orte jederzeit ein Bett und einen Freund hätte. Das ist wundervoll.

 

Kommentare und Feedback

Geht das nur mir so, dass man sich beim Wandern erst sortiert und dann neuausrichtet? Irgendwie bekomme ich nirgends so dermaßen den Kopf frei, wie beim Laufen.

Was für Entscheidungen hast du schon getroffen, nachdem du länger unterwegs warst? Gibt es sonst etwas, das du gern loswerden möchtest? Bist du vielleicht auch dieses Stück des Caminho Portugues gelaufen? Was hast du erlebt? Ich freue mich wie immer sehr über deine Nachricht.

Zeitreise

Vorwärts: Du möchtest wissen, ob wir nach so viel Wein morgen überhaupt noch laufen können? Dann komm doch mit von Portela nach Herbón und sei dabei, wenn einen falschen Fünfziger feiere, einen Kuss verweigere und mit purer Willenskraft ins Kloster gehe, wo ich Teil eines Oscar-reifen Selfies bin.

Rückwärts: Hast du den gestrigen Auftakt des Camino Culinario etwa verpasst? Dann geh mit mir von O Porriño nach Arcade und begleite mich musikalisch mit Singing in the rain und Carbonara e una Coca Cola, erfahre, was es mit der ungnädigen Kartoffel und geschenkten Rosen auf sich hat und wieso Männer stundenlang in Supermärkten abhängen können.

Du willst back to the roots? Hier startet mein Abenteuer in Porto.

Ich muss das weitersagen
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3 Gedanken zu „Caminho Portugues #9: Von Arcade nach Portela&8220;

  1. Oh du liebe Audrey, ich war auch bei Jorge in der Herberge. Super nett wars dort. Ich hab mich an der Wand verewigt, eigentlich war es meine Wanderbegleitung die das für uns erledigt hat. Und obwohl ich 2019 im April lief, hatte ich auch ein Paärchen… allerdings haben die schon mit anderen gesprochen zumindest die Frau der kerl hat weder deutsch noch englisch gesprochen … ein Franzose… aber was unangenehm für alle war, und drumm wieder die Frage warum nimmt man sich keine Pension… sie haben im selben Bett im Stockbett geschlafen… neben mir… rund herum haben sie sich einen sichtschutz gebaut… und ich will gar nicht wissen was da passiert ist… ich hab mich in meinen Schlafsack vergrochen und meine Kopfhörer in die Ohren gesopft das ich ja nur keinen laut mitbekomme… diese Erlebnisse hat ja scheinbar jeder mit einem Begleiter mal auf dem Camino *gggg* freu mich wieder von dir zu lesen 🙂 Ella

  2. Hallo Audrey,

    mir geht es ganz genauso, wie Dir – nicht nur, dass ich beim Laufen/Wandern/Pilgern den Kopf frei bekomme, ich kann mich dabei auch auf wirklich wesentliche Entscheidungen fokussieren, die ansonsten immer entweder hintenüber fallen oder nur nebenbei getroffen werden.

    Eines war bei mir anders — ich hatte gekündigt, weil mir alles berufliche zum Hals wieder raus ging und meine erste Entscheidung _danach_ war es, für einen kompletten „Reset“ den Camino Francés zu pilgern – und mir dann auf dem Weg überlegen, wie es für mich weitergehen soll. Dazu kam, dass ich auch geographisch wieder zurück ins Rheinland wollte, um wieder näher bei meiner Familie und Freunden zu sein (bin in Hessen nie richtig heimisch geworden…).

    Ich habe unterwegs auch ganz, ganz viele Pilger getroffen, denen es ähnlich ging oder die zumindest überlegen, sich beruflich zu verändern. Ich glaube, es liegt an unserer hektischen Zeit, in der das Genießen einfach immer viel zu kurz kommt, dass viele Menschen den Freiraum des/eines Jakobsweges suchen, um ihrem Leben einen Stubbser in eine neue Richtung zu geben.

    Ich freue mich für Dich, dass Du den Camin(h)o nach Deinen Anlaufschwierigkeiten so richtig genießen kannst. …und mich packt beim Lesen auch gleich wieder das Camino-Fieber….

    Ultreia,
    Stefan

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