Caminho Portugues #8: Von O Porriño nach Arcade

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Tag 8 auf dem portugiesischen Jakobsweg: Singing in the rain und Carbonara e una Coca Cola bilden den musikalischen Rahmen eines Tages mit ungnädigen Kartoffeln, geschenkten Rosen, überraschenden Wiedersehen und der Erkenntnis, dass Männer stundenlang in Supermärkten abhängen können (10. Mai 2017, 22 Kilometer)

Obwohl wir vor zehn im Bett waren, schlafen wir bis sieben. Offensichtlich gab es tatsächlich einiges nachzuholen. Wir bleiben nicht länger als nötig bei Motzes und den zehn Verboten, nicht dass wir noch irgend etwas falsch machen! Das Wetter ist über Nacht umgeschlagen. Galizien begrüßt uns standesgemäß mit Regen, und ich scheine die einzige zu sein, die das freut. Spanien und Australien halten mich mal wieder für überdurchschnittlich bekloppt, aber damit kann ich leben. Hauptsache, die Hitze ist Geschichte.

Die ungnädige Kartoffel

Beschwingt starte ich mit Regenjacke in den Tag. Ich freue mich, dass ich meine beiden Begleiter einen weiteren Tag um mich haben werden. Da ist auf jeden Fall für ausreichend Gelächter gesorgt. Die erste Lachsalve erwartet mich dann auch gleich zum Frühstück.

Der Lektion der letzten Tage folgend, gehen wir natürlich zu erst frühstücken. Wie schön, dass ein Bäcker mit angeschlossenem Café bereits wenige Meter hinter der Herberge auf uns wartet. Toni will wissen, worauf ich Lust hätte. Ich seufze etwas von Omelette mit Tomaten und Käse und unser katalanischer Anführer erklärt dies zu seiner leichtesten Übung.

Nach einem kurzen Schwätzchen mit der Verkäuferin fragt er also artig, ob sie uns ein Bocadillo mit Tomaten einreiben könne und darauf eine Tortilla Francesa mit Käse zubereiten könne. Sie nickt, und unser kleines Trio reibt sich schon voller Vorfreude die Bäuche. Was sind wir doch für Glückspilze.

Fünf Minuten später erwachen wir jäh aus unseren Omelette-Fantasien. Vor uns stehen drei Bocadillos, auf denen sich eine schnöde, klassische Tortilla Española befindet, also die klassische Variante mit einer Menge Kartoffeln und ein wenig Ei, die es so in jedem Supermarkt zu kaufen gibt. Meine Enttäuschung ist riesig, und Toni beschwert sich umgehend.

Die Dame zuckt nur mit den Achseln. Sie habe nichts anderes. Also widmen wir uns ungnädig unserem Kartoffel-Ei-Desaster. Was ein echter Pilger ist, meckert nicht. Immerhin ist der Kaffee gut. Wenig später verlassen wir mit leichter Unbefriedigung O Porrino. Irgendwie ist un dieser Ort mit Blick auf das Essen nicht gerade wohlgesonnen, denken wir in Erinnerung an unseren gestrigen Restaurantbesuch. Also nichts wie weg hier.

Willst du diese Rose haben?

Ich habe heute konditionell Oberwasser. Das Wetter bekommt mir wahrlich, auch wenn das ständige Spiel Regenjacke an, Regenjacke aus ein wenig nervt. Auf dem Weg durch einen Ort, bricht Toni eine Rose von einem Strauch im Vorgarten ab. Mit großer Geste überreicht er sie mir.

Die Rose wandert fluchs in mein Haar. Wenig später wandern wir fluchs in eine Bushaltestelle. Es gießt nämlich urplötzlich wie aus Eimern.

Wir sitzen eine halbe Stunde rauchend in unserem Unterschlupf und werden ungeahnt zur Dorfattraktion. Die Anwohner, die an uns vorbeilaufen, haben ihren Spaß. So bekommen wir sogar noch als Dankeschön für unser Entertainment ein schönes Gruppenbild.

Singing in the rain und seine Freunde

Als der Regen weniger wird, setzen wir unseren Weg fort. Hugh und ich erfinden ein neues Spiel. Die lustige Umstände-Karaoke. Motto der nächsten Stunde ist es, zum Wetter passende Songs auszugraben und zu singen. Von Singing in the rain über Raindrops keep falling on my head bis I can’t stand the rain ist alles dabei. Die Zeit vergeht mal wieder wie von selbst.

Zu meiner großen Freude führt uns der Camino heute durch eine Menge Nadelwald. Ich liebe es, über Pfade zu laufen, die von Tannennadeln gepuffert sind. Mit diesen Airbags an den Füßen kann man ja nur beschwingt voranschreiten. Da fliegen einem auch schon mal die Stöcke weg.

Diese Passage des Camino ist mit gelben Holzpfeilen markiert, über denen Muscheln angebracht sind, auf denen Namen stehen. Ich muss sehr lachen, als ich an einer Muschel vorbeigehe, auf der der Name Nico prangt. So heißt genau jener Kollege, der mir zu Beginn meiner Reise verbal so erfolgreich in den Hintern getreten hat, damit ich das Nörgeln einstelle. Ich kann es mir natürlich nicht verkneifen, ein Foto für ihn zu machen und daraufhin zu weisen, dass ich ihm zu Ehren kreativ geworden wäre.

Thema des Tages: Veränderung

Maria weiß auch nicht weiter

Die Gespräche im Wald werden ernster. Irgendwie dreht sich bei jedem von uns heute alles um das Thema Lebensveränderung. Uns alle beschäftigt die Frage, was als nächstes kommt. Toni braucht nach zwei Jahren endlich mal wieder einen Job und will weg aus Barcelona, hat aber das Henne-Ei-Problem. Das Risiko, erst irgendwohin zu gehen und dort einen Job zu suchen, scheint kompliziert, einen Job zu finden und dann zu gehen, ist nahezu unmöglich. Hugh will wegen seines nervigen Direktors an eine andere Schule und eigentlich will er auch weg aus Melbourne, aber jetzt, wo er die Brasilianerin kennengelernt hat und die beiden ihr künftiges Leben miteinander verbringen wollen, braucht er einen Ort, an dem sie weiterstudieren kann.

Und ich – ich weiß zumindest, dass ich in Hamburg bleiben will. Was den Job anbelangt, so spüre ich jetzt, so fern von allem, dass es Zeit wird, etwas anderes zu machen. Mein Chef kostet mich Kraft, und die Aufgaben fordern mich nicht mehr wirklich. Aber ich habe keine Ahnung, was ich dann machen soll. Unsere Branche ist sehr spezifisch und so ist das Wissen alles andere als generalistisch. Zur Konkurrenz zu gehen, reizt mich nicht. Aber finde ich etwas anderes, das ähnlich gut bezahlt ist, wenn ich meine Kompetenz aufgebe? Wie viel brauche ich eigentlich wirklich, um zu leben? Und was kann ich überhaupt?

Mitgehangen, mitgefangen

Um halb eins erreichen wir Redondela. Toni schnappt sich den erstbesten Spanier, der ihm begegnet und textet ihn zu. Ich weiß nicht, was er bespricht. Ob das hier Redondela ist? Wo man essen könne? Wo die Herberge ist? Aber irgendwas wird ihm schon einfallen. Er braucht offensichtlich spätestens alle zwei Stunden ein Gespräch mit hilflosen Passanten.

Der größere Ort gefällt uns allen nicht. Schnell ist es beschlossene Sache, weiterzugehen. Es ist viel zu früh und laut und dreckig, fast schon wie eine Kleinstadt, auch wenn der Ort nur 7.500 Einwohner zählt. Die hiesige Herberge wirkt wie eine Massenunterkunft und zieht uns wenig an.

Ich will sofort weiter. Die Rechnung habe ich aber ohne meine Jungs gemacht, denn die wollen erst einmal in Ruhe etwas essen. Eine schlechte-Laune-Welle spült mich fort. Ich habe einen völlig überzogenen, noch dazu recht unerklärlichen Wutball im Bauch und bin angepisst. Ich könne ja schon mal vorgehen, schlage ich vor, aber das kommt nicht in die Tüte. So lange würde ich wohl gerade noch warten können, finden die beiden. Bockig setze ich mich und bestelle mir demonstrativ nur einen Kaffee, während die beiden Burger essen. Eigentlich habe ich spätestens beim Anblick ebenfalls Hunger, würde das aber natürlich nicht im Traum zugeben.

Die schlechte Laune geht Gott sei Dank genauso schnell wie sie gekommen ist, und die Jungs haben ein Einsehen und beeilen sich mit dem Essen, damit wir den Ort schnellst möglich verlassen können.

Ist das Kunst oder kann das weg?

Wir streunen noch ein Weilchen durch bebautes Gebiet, dann dürfen wir wieder in einen Mischwald abtauchen, der zu überraschen weiß. Ich staune nicht schlecht, als ich unter meiner gegen den ständigen Nieselregen tief in die Stirn gezogenen Kappe zwei rote Sessel erspähe, die nur auf müde Wanderer warten.

Die Markierung neben den Stühlen ist mein persönliches Highlight. Sie sieht klar vor, dass man kurz Platz nimmt, bevor man weitergeht. Wäre nicht alles so nass, ich hätte mich ganz bestimmt hier niedergelassen.

Nur fünf Minuten später stehen wir dann vor einer beeindruckenden Sammlung Jakobsmuscheln in einem großen Rahmen. Die meisten sind beschrieben: mit Namen, guten Wünschen und Ortsangaben. Keiner von uns hat eine Muschel übrig, die man aufhängen wollte. Wir möchten unsere Erkennungszeichen gern weiter am Rucksack lassen.

Als nächstes erwartet uns ein duftender Wegabschnitt, der von Ginster flankiert wird.

Dann haben wir wenig später Blick auf einen großen See (strenggenommen handelt es sich um einen Meeresarm), an dessen Ufer Arcade liegt.

Santiago ist nun nur noch 75 Kilometer entfernt. Das sind drei bis vier Tagesetappen. Unglaublich.

Das Babyschildkrötenmassaker

Als wir den Abstieg zum Wasser geschafft haben, machen wir noch eine letzte Raucherpause in einer Parkbucht. Hugh ist vorbildlich wie immer und hebt seinen Zigarettenstummel auf, um ihn später wegzuwerfen. Toni und ich hingegen treten unsere Stummel achtlos aus und wollen gehen. Hugh hebt sie zu unserer Verwunderung demonstrativ auf. Das ist nicht das erste Mal heute. Der Spanier und ich vergessen uns nur irgendwie immer.

„You are killing baby turtles“, stellt Hugh vorwurfsvoll fest. Toni, hat keine Ahnung, was Turtles sind, ich frage mich, wo hier bitte kleine Schildkröten sind und was unser Aussie genau von uns will. Der hält uns daraufhin einen ungefragten Vortrag, der sich gewaschen hat. Wir wären Umweltverschmutzer. Das Gift unserer Kippen würde über das Grundwasser in den Ozean gelangen und die kleinen Schildkröten töten. So ernst das Thema ist und so Recht unser Biolehrer hat, so sehr muss ich über die Vorstellung von Schildkröten in unserer Hemisphäre schmunzeln.

Hugh muss dann auch einräumen, dass sein Bild mit Blick auf die ortsansässige Fauna noch ausbaufähig ist, aber von seiner Botschaft weicht er nicht ab. Toni und ich müssen versprechen, künftig unsere Ziesen ordentlich zu entsorgen. An dieser Stelle sei gesagt, dass ich mich wohl offensichtlich wirklich vor dem Fluch des Babyschildkrötenmassakers fürchte und seitdem auf Wanderungen immer einen kleinen Taschenaschenbecher mit mir herumtrage.

Australien-Deutschland 1:1

Nach einem kleinen Anstieg erreichen wir unsere Herberge, die in einem leuchtend roten Haus untergebracht ist.

Kleiner Pilgerschrein auf dem Weg nach Arcade, Gott sei Dank ohne Babyschildkröten

Nebenan ist ein Hotel, dessen Terrasse so verlockend aussieht, dass Hugh und ich direkt nach dem Einchecken dort einchecken. Toni kann gar nicht so schnell schauen, wie Australien und Deutschland vor einem Bier sitzen. Er schüttelt bei so viel Klischee nur den Kopf und geht duschen. Körperpflege heben Hugh und ich uns für später auf und genießen erst mal das kühle Blonde. Es steht 1:1 – nur Spanien liegt hinten.

Am Nachbartisch sitzt eine Gruppe lärmender Niederländer. Ich komme nicht umhin, kurz mit ihnen zu plaudern, weil ich sie daraufhinweisen möchte, dass ich sie verstehe. Wie sich herausstellt, sind sie aus Nord Limburg und in Gruppe auf dem Jakobsweg unterwegs. Heute gönnen sie sich mal eine richtige Unterkunft und sind im Hotel hier abgestiegen. Gut für uns, sonst wäre die Herberge voll.

Nach dem Duschen sitze ich noch ein wenig in der Sonne auf der Terrasse. Die Plastikliegestühle trocknen langsam in den Strahlen, während ich mich mit drei deutschen Pilgern unterhalte. Toni kommt raus, um seine Schäfchen zu versammeln. Er habe die Küche inspiziert. Sie sei gut genug ausgestattet, um hier seine legendären Spaghetti Carbonara zu zaubern. Vorher müssten wir aber einkaufen. Hugh und ich trotten daher wenig später gehorsam hinter ihm her hinab nach Arcade.

Der längste Einkauf der Welt

Was einfach klingt, gestaltet sich als immense Herausforderung. Ich war in meinem ganzen Leben vermutlich noch nie lange in einem Supermarkt. Es handelt sich um ein sehr großes Exemplar. Nach den vielen Tagen in Tante Emma Läden scheinen meine beiden Boys überfordert von der Vielfalt. Immer, wenn ich glaube, wir seien endlich so weit, fällt einem von beiden noch etwas ein, dass man unbedingt mitnehmen müsse. Ein Sack Flöhe hütet sich definitiv leichter.

Nachdem Toni also seine Carbonara machen wird, hat Hugh beschlossen, uns morgen früh mit Frühstück und Rührei zu verwöhnen. Er und ich geraten in eine hitzige Diskussion, wie man denn nun selbiges zubereitet. Ich bin der festen Überzeugung, dass es dazu Milch brauche. Hugh schaut mich an, als hätte ich gesagt, wir bräuchten noch eine Prise Strychnin. Was ich denn mit Milch wolle? In ein gutes Rührei gehöre nun wahrlich keine Milch. Aber Zwiebeln und Tomaten. Und ehe ich mich versehe, ist der Australier Down Under, bzw. irgendwo in der Tiefe der Regale verschwunden.

Toni kommt derweil mit einem breiten Grinsen von der Frischetheke wieder. Er habe etwas „much special“ erhalten. Die Dame (natürlich ein „good wife“) habe ihm ein Geschenk gegeben und ihm eine Köstlichkeit als Dessert geschenkt, die es nur hier gebe. Ich frage schon gar nicht mehr nach, sondern nicke appatisch. Ich würde nach einer Dreiviertelstunde diesen Konsumtempel gern endlich wieder verlassen.

Ob ich die Zutaten für den Salat besorgt habe, will Toni wissen. Von einem Salat höre ich zum ersten Mal. Eine Viertelstunde später sind dann auch endlich alle Zutaten für selbigen im Wagen, inklusive Äpfeln. Kommando von Toni. Und wie ich schon sagte, ich stelle keine Fragen mehr.

Am Weinregal entdecke ich meinen absoluten Lieblingsrotwein Siglo und packe zwei Flaschen ein. Diesen Rioja habe ich das letzte Mal vor einem Jahr auf dem Felsen von Finisterre getrunken. Kurz wandern meine Gedanken zu Ben. Ihm verdanke ich die Entdeckung dieses Weines. Ich frage mich, wie es ihm wohl inzwischen geht. Bevor ich zu nachdenklich werden kann, schieben mich die Jungs zur Kasse. Toni schüttelt den ungläubig den Kopf, als er die beiden Weinflaschen entdeckt. Wir seien zwei Leute! Der Katalane rührt Alkohol nicht mehr an. Ich vermute, es gab Zeiten, wo er deutlich zu viel davon hatte. Hugh und ich erklären, dass man nie wisse, wer noch alles komme und das zwei Flaschen demnach das mindeste seien.

An der Kasse erhebt sich vor allem von Hughs Seite lauter Protest, als ich die gesamten Einkäufe bezahle. Ich kürze die Diskussion ab: Toni koche heute Abend, Hugh morgen früh; da sei es nur fair, dass ich bezahle, wenn ich schon nichts mache. Dann ist es endlich verbracht. Der längste Einkauf der Welt ist offiziell beendet.

Carbonara e una Coca Cola

Zurück in der Herberge ist die Rollenverteilung schnell geklärt. Toni übernimmt das Kommando, Hugh und ich befolgen seine Anweisungen, allerdings nicht ohne uns erst einmal ein Glas Wein einzuschenken. Der Australier zeigt eine beeindruckende Performance beim Hacken der Kräuter. Er erzählt, dass seine Mutter Kochen unterrichtet und er sich einiges abschauen konnte. Ich putze derweil den Salat. Da kann man aus Tonis Sicht nicht allzu viel falsch machen.

Es dauert nicht lange, bis es wirklich ganz hervorragend riecht. Schnell ist der Tisch gedeckt. Toni entdeckt Inga, das litauische Mädchen aus Emergency Room, an dessen Blasenbehandlung er erfolgreich mitgewirkt hat. Natürlich ist sie herzlich eingeladen, mit uns zu essen.

Auch andere Peregrinos schauen bewundernd auf unser Abendessen. Die drei Deutschen, die ebenfalls am Tisch sitzen und ihre Instant-Nudeln verspeisen, merken an, dass ich ein wahrer Glückspilz sei. Wir haben inzwischen auch noch für Musik gesorgt und der Tisch wird im Laufe des Abends immer voller.

Wie gut, dass wir noch das magische Dessert haben. Toni packt seine Beute aus. Es handelt sich um eine gelierte Masse in einem hellen Braunton, die süßlich riecht. Toni kann mir nicht sagen, was es ist. Die good wife an der Frischetheke hat empfohlen, es zu Käse zu essen. Wie gut, dass mein Reiseführer eine galicische Spezialität erwähnt hat, Quittengelee. So kann ich das Rätsel zumindest für mich und mit Hilfe von Google Translate auch für alle anderen lösen.

Audrey (sehr vorteilhafte Perspektive), Toni Jolandes Freundin, Jolande und Hugh

Wir nehmen Musik, Wein und Zigaretten mit nach draußen auf die Veranda. Zwei ältere Französinnen haben sich zu uns gesellt und freuen sich, als wir ihnen ein Glas anbieten. Hugh und ich grinsen – da haben wir also doch alles richtig gemacht, als wir zwei Flaschen Wein gekauft haben. Im Hintergrund singt Manu Chao sein Clandestino. Bei der Textzeile „Marihuana Illegal“ fängt Jolande an zu lachen. Sie kiffe ab und zu, erklärt sie uns und habe dieses Lied genutzt, um ihre Kinder ordnungsgemäß aufzuklären.

Die beiden Frauen tragen immens zu unserer Erheiterung bei. Ich liebe es, wenn sich nach Tagen wie heute unterschiedlichste Menschen um einen Tisch versammeln und gemeinsam essen, trinken und über das Leben philosophieren. Das ist wohl einer der Gründe, wieso ich vom Camino einfach nicht loskomme. Wo erlebt man schon eine solche Dichte an good peoples?

Digitales Wiedersehen

Die Französin erzählt uns von ihrem ersten Weg. Der hat sie so begeistert, dass sie nun, ein Jahr später, ihre Freundin eingepackt hat. Wie ich, ist sie letztes Jahr den Frances gelaufen. Was machen wir für große Augen, als wir feststellen, dass wir nicht nur zur gleichen Zeit unterwegs waren, sondern tatsächlich am gleichen Tag angekommen sind. Wir haben uns in der ganzen Zeit nie getroffen.

Jolande wischt sich durch die Fotos auf ihrem Handy und zeigt mir stolz ihr Ankunftsbild. Eine Gruppe von sicher 15 Leuten posiert vor der Kathedrale. Und dann muss ich blinzeln. In der Gruppe entdecke ich ein bekanntes Gesicht. Ich erkenne den großgewachsenen Niederländer. Kati und ich haben ihn und seinen Freund mehrere Tage in Folge immer wieder überholt und uns von ihnen überholen lassen. Wir nannten die beiden damals Hase und Igel. In der Herberge in Belorado sind wir mit ihnen ins Gespräch gekommen. Über diese beiden habe ich an dem Abend beim Essen Wim kennengelernt, ohne den ich es ein paar Tage später niemals durch den Matsch nach Burgos geschafft hätte.

Auch wenn ich Hase und Igel danach nie mehr gesehen habe, war zumindest der eine der beiden die ganze Zeit in meiner unmittelbaren Nähe. Schon verrückt. Jolande findet die Geschichte ebenfalls unglaublich. Sie macht ein Foto von mir und schickt es an ihren Weggefährten. Vielleicht erinnert er sich ja ebenfalls.

Alles hat ein Ende

Als der Wein ausgetrunken ist, machen wir uns auf den Weg ins Bett. Zum ersten Mal in diesem Jahr schlafe ich im oberen Stockbett. Unter mir liegt Toni, und ich habe auf diese Weise einen guten Blick auf Hugh. Ich kann schon verstehen, dass sich die Brasilianerin in ihn verliebt hat. Er ist ein super Typ.

Morgen trennen sich die Wege unseres Trios vermutlich. Hugh muss diesmal weiter gehen, damit er Freitag in Santiago ist. Er fliegt von dort nach Paris, um noch ein bisschen europäisches Sightseeing zu machen. Auch Toni will endlich mal wieder mehr als 30 km laufen. Ich selbst habe wenig Lust, so weit zu pilgern. Mir geht es momentan prima, da möchte ich den Körper nicht schon wieder aus dem Gleichgewicht bringen.

Die Vorstellung, meine zauberhaften Begleiter so schnell schon wieder zu verlieren, schmeckt mir hingegen gar nicht. Aber wie immer werden wir sehen, was der Camino bringt. Es kommt ja sowieso grundsätzlich anders, als man denkt und jeder Abschied ist die Begrüßung einer neuen Person.

 

Kommentare und Feedback

Wie verpflegst du dich, wenn du unterwegs bist? Gehst du essen oder kochst du selbst? Und wenn du dich selbst verpflegst, was sind deine bevorzugten Gerichte? Bist du dieses Stück des Caminho Portugues selbst gelaufen? Was hast du dort erlebt? Ich freue mich wie immer sehr über deine Nachricht.

Zeitreise

Vorwärts: Jetzt fragst du dich, welche neue Person bei mir aufschlagen wird? Dann geh mit mir von Arcade nach Portela und genieße Katzenfutter in der Wüste, besuche Square-Dance-Mary und Don Pulpo und bezeuge die Erfindung des Egoshooters „Kill the Peregrino“.

Rückwärts: Hast du dich gefragt, wer oder was Motzes und die zehn Verbote sind? Dann komm doch noch mal mit von Valença nach O Porriño und gehe mit mir über die Brücke der verlorenen Stunde, lerne endlich much better English und sei Henne im Korb.

Zurück auf Los: Willst du das Abenteuer von Anfang an verfolgen? Dann folge mir hier nach Porto.

Ich muss das weitersagen
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2 Gedanken zu „Caminho Portugues #8: Von O Porriño nach Arcade&8220;

  1. Oh wie schön, es ist Sonntag und wieder eine wunderschöne Geschichte vom Camino.Freue mich jeden Sonntag drauf! Herzlichen Dank.
    Bin den Camino im Oktober gelaufen, wir haben meist das Pilgermenü gewählt, am liebsten Lachs.
    Und wenn wir dich mal gekocht haben, hat das Einkaufen ewig gedauert und war sogar teurer als essen zu gehen, dabei haben wir nur Rührei und,Salat gemacht.Grins! Aber so einiges fällt dann nich zusätzlich in den Wagen.
    Ja und gedauert hat es ewig, meiner Laune war das nicht zuträglich, deshalb sind wir dann doch schnell wieder zum Einkehren übergegangen.Das war bei 2 Wochen kein Thema, aber wenn man länger unterwegs ist, könnte es auch eintönig werden.

    Im Herbst geht es wieder auf den camino portuges, diesmal die Küstenvariante.
    Ja, es hat definitiv einen Suchtfaktor! Ich liebe diese Form von Urlaub.

    Und jetzt freu ich mich schon auf nächsten Sonntag, danke!!

    Herzliche Grüße aus Köln nach Hamburg,

    Michaela

Und was sagst Du?