Camino Frances #41: Von Santiago nach Finisterre

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Die letzten Tage vor der Heimreise vom Jakobsweg: Ich nehme mir einen Tag zum Trauern, beende ihn tanzend, lasse mich ans Ende der Welt verfrachten, verwandle mich in Barbie, verbrenne meinen Bikini und bin bereit für den Schlussakkord (6.-8. Juni 2016)

Tag Eins nach der Ankunft. Ich habe unglaublich schlecht geschlafen und erwache mit dem absoluten Blues. Weil das Wandern vorbei ist, weil Ben weg ist, weil der Regen gegen die Scheibe donnert, weil mein Hotelzimmer mich an einen x-beliebigen Businesstrip erinnert und weil ich einen ausgewachsenen Kater habe.

Das Leiden der ganzen Welt

Santiago im Regen
Das Wetter passt zu meiner Stimmung

Ich versuche, noch mal einzuschlafen, aber kann nicht. Zu viele Gedanken jagen mir durch den Kopf. Mich erwartet bereits eine Nachricht von Ben, der inzwischen tieftraurig am Flughafen sitzt. Kaum gelesen, schießen mir die Tränen in die Augen. Wir schreiben uns im Minutentakt. Insiderwitze wechseln sich mit echter Trauer ab.

Ich bin zu fertig, um mich um Frühstück zu kümmern. Erst Marias Bitte, ihr ein Zimmer in meinem Hotel zu buchen, treibt mich aus den Federn. Sie reist morgen ab und ein Bus zum Flughafen hält direkt vor dem Eingang meiner Unterkunft. Da es gerade trocken ist, gehe ich anschließend ein paar Schritte vor die Tür und setze mich in einen Park, um eine weitere Runde zu heulen. Es ist eine wahre Freude mit mir.

Ich nehme kurz darauf Maria in Empfang, fange natürlich wieder an zu weinen und rufe aus dem Hotelzimmer meinen Freund an, um auch ihm die Ohren voll zu heulen. Er ist großartig. Statt sich zu ärgern, dass ich wildfremden Männern hinterherheule und nicht nach Hause will, findet er genau die richtigen Worte. Ich solle mich einfach damit abfinden, dass heute ein Scheißtag sei. Der würde auch nicht mehr besser und das sei okay. Morgen, wenn ich nach Finisterre fahre, sei dann wieder ein guter Tag. Ich solle mich heute also einfach mal nach Herzenslust gehen lassen. Heulen habe doch auch was für sich und tue manchmal richtig gut.

Schwedischer Trost

Irgendwie hilft die Vorstellung, und er hat Recht! Die Tatsache, dass es überhaupt etwas zu heulen gibt, spricht doch dafür, wie dankbar ich sein darf, für das, was ich erlebt habe. Es wäre doch viel schlimmer, wenn man gleichgültig hier angekommen wäre und dieses Abenteuer nur ein Haken auf einer Liste wäre, den man dann jetzt auch mal machen kann.

Ich gehe raus, hole mir eine Kas Limon (super auf nüchternem Magen) und schlendere in Richtung Kathedrale. Die Engel-Orgel in SantiagoEs ist schon wieder voll, so dass ich es bei einem kurzen Rundgang durch die Kirche belasse und mir das Handauflegen an der Jakobus-Statue klemme. Die Kirche ist nicht unbedingt mein Fall. Sowohl die Engelhorden, die die Orgel bevölkern, als auch die Goldmassen, die über das gesamte Innere verteilt sind, erschlagen mich. In der Kathedrale von SantiagoDer Botafumeiro hängt regungslos von der Decke. Davor erneut Heerscharen von Pilgern und Gläubigen. Ich mache den Abflug.

Am Parador habe ich WLAN und bekomme sogleich eine Nachricht von Ben. Er sei zuhause angekommen, schreibt er. Es sei schrecklich. Leer, trostlos und er darin völlig fehl am Platz. Wenig später kommt das Geständnis, das ich befürchtet habe: die letzten Tage seien eine emotionale Achterbahnfahrt für ihn gewesen. Er habe sich schrecklich heftig in mich verliebt. In das Mädchen, das so gestrahlt habe und sich einfach mit ihrer ganzen, positiven Energie neben ihn gesetzt hätte. Er wisse einfach nicht, wie er über mich wegkommen solle. Ich sei die Liebe seines Lebens. Und was mache ich? Ich fange einmal mehr an zu weinen.

Auf dem Rückweg ins Hotel laufe ich Tina in die Arme. Ein kurzer Scan der Mehrfachmutti reicht aus, um mit festem Blick festzustellen, dass ich jetzt mal mitkomme. So gehe das nicht. Sie zerrt mich in eine Bar. Will wissen, ob ich heute schon irgendwas gegessen habe und bestellt für mich einen Kaffee, einen Whisky und etwas zu essen. img_4317Ich füge mich willenlos und muss wenig später feststellen, dass ich total unterzuckert war und dass die reine Tatsache, etwas im Bauch zu haben, durchaus hilft. Der Whisky tut sein Übriges. Es gibt also offensichtlich nicht nur Konter-Sekt, sondern auch Konter-Whisky.

Danach habe ich mich endlich wieder im Griff. Ich streune noch ein wenig durch Santiago und verbringe sicher eine Stunde auf dem Platz vor der Kathedrale. Immer wieder kommen Pilger an. Erschöpft, erfreut, erleichtert oder aber niedergeschlagen. Die ganze Klaviatur menschlicher Gefühle spielt sich auf diesem kleinen Fleck ab.

Jim ist James

Nachdem ich mit Whisky im Bauch noch ein paar Stündchen Schlaf nachgeholt habe, bin ich bereit für mein Abendessen mit Maria. Die Österreicherin reist morgen ab. Ich habe mir derweil für morgen Busse nach Finisterre rausgesucht. Tina wird ebenfalls dorthin aufbrechen, allerdings später als ich.

Maria und ich verbringen einen netten Abend mit Blick auf die Kathedrale. Das Wetter ist wieder umgeschlagen. Die Sonne lacht, und ich lache wieder mit -vor allem als wir drei Frauen beobachten, die zu Akkordeonmusik, die von einem Musikantentrüppchen an der Seite beigesteuert wird, untergehakt tanzend ihre Runden drehen.

Maria erzählt mir ein bisschen aus ihrem Leben, unterbricht aber plötzlich und ruft laut nach James. Sie hatte mir schon zuvor erzählt, dass sie ein paar Etappen mit einem Finnen und einem Ami unterwegs war. Ich staune allerdings nicht schlecht, als ich kapiere, dass sich hinter James der Amerikaner Jim verbirgt, dem Ben und ich eine neue Vita angedichtet hatten, gemäß der er todeskrank und mit einer raffgierigen, intriganten Gattin gestraft ist.

Gruppenbild vor dem Endpunkt des CaminosEr lief also die ganze Zeit unter falschem Namen bei uns. Aber das passt zu seiner offensichtlich auch generell falschen Identität – der Mann sieht nämlich top fit aus. Wir unterhalten uns zu viert und machen sogar noch ein Gruppenbild vor der Kirche. Ich schmunzle über die Zufälle des Caminos, wo dann doch immer wieder jeder jeden kennt. Das werde ich vermissen.

Und mit Blick auf die vielen Zufälle ist es somit auch nicht wirklich verwunderlich, dass ich auf dem Rückweg durch die erleuchteten Fenster eines Restaurants blicke und an einem der Tische Marco und Thijs entdecke. Ich husche noch mal schnell hinein, um mich ein letztes Mal von den beiden zu verabschieden. Auch sie reisen Morgen ab. Als sie mich zum Abschied umarmen, sagt einer von beiden „You really made a difference“.

Was für ein schönes Kompliment, und wie schön, wenn man sich überlegt, wie viele Caminos man wohl bewusst oder unbewusst beeinflusst hat und dass das eben nicht nur auf dem Jakobsweg passiert, sondern auch im normalen Leben der Fall ist.

Überraschendes Empfangskommando

Wie von meinem klugen Freund prognostiziert, ist der nächste Tag wieder einer von den Guten. Als ich wach werde, scheint die Sonne. Ich packe meine Siebensachen – es dauert doch etwas länger, wenn man zuvor die Möglichkeit hatte, sich komplett in einem Raum auszubreiten, ohne damit andere Menschen zu stören.

Völlig unerwartet erreicht mich eine Nachricht von Sabine, die ich seit León nicht mehr gesehen habe. Offensichtlich war sie mir auf den Fersen, denn sie kommt in einer halben Stunde in Santiago an, schreibt sie. Wissend um meinen Ankunftsschmerz von vorgestern, verspreche ich ihr, sie am großen Platz in Empfang zu nehmen. Ob ich eine Stunde früher oder später nach Finisterre aufbreche, ist egal. Mein Zimmer dort ist gebucht und ein Ticket für den Bus habe ich sowieso noch nicht.

Die Freude ist groß, als ich sie wenig später am verabredeten Ort tatsächlich im Arm habe. Tränen fließen bei ihr. Sie sei so froh, dass ich da sei. Die ersten zehn Minuten auf dem Platz sei es ihr bescheiden gegangen, gesteht sie. Ich muss lachen und erzähle ihr von meiner Hauptrolle als Häufchen Elend bei der Ankunft und am Tag danach.

Irgendwie fühlen wir uns anschließend beide besser. Geteiltes Leid ist eben doch halbes Leid. Beim Blick auf Sabine muss ich lächeln. Wie hat sich diese anfangs so verbitterte Frau gewandelt. Sie strahlt Optimismus aus und eine freudige Gelassenheit. Keine Spur von der Person, die ich in Hornillo vor etwa drei Wochen das erste Mal traf. Das ist Camino. Trotz der Rückschläge, vielleicht auch gerade deswegen, ist sie stolz und zufrieden am Ziel.

Auf ans Meer

Es tut mir fast leid, nach einer Dreiviertelstunde weiter zu müssen, aber auf mich wartet das Meer am Ende der Welt. Wir verabreden uns für morgen zum Abendessen. Sabine hat die meiste Zeit über sehr sparsam gelebt, aber morgen möchte sie richtig schlemmen und endlich mal echte Tapas essen. Wie gut, dass ich da eine hervorragende Adresse kenne.

An der Bushaltestelle treffe ich nach dem Auschecken völlig überraschend Tina. Sie wollte eigentlich erst später los, ich früher, so treffen wir uns nun in der Mitte. Der Bus vor unserem Hotel bringt uns zum Busbahnhof, wo wir nach ein wenig Suchen den richtigen Bussteig nach Finisterre im Keller des Gebäudes erwischen.

Die Fahrt dauert dreieinhalb Stunden, und ich verbringe sie hauptsächlich damit, aus dem Fenster zu schauen, hinter dem mir immer wieder das Meer zuzwinkert. Die Route des Busses verläuft nur stellenweise parallel zum Camino, doch jedes Mal, wenn ich Leute mit Rucksack erspähe, überkommt mich eine Welle Neid. Es muss großartig sein, hier zu laufen. Das werde ich irgendwann nachholen, so viel steht fest.

Zwischendurch schreibe ich Ben, den heute sein erster Tag im Büro erwartet. Wir müssen dieses Stück gemeinsam machen, fordere ich, und er stimmt nur zu gerne zu. Meine Gedanken kreisen weiter um meinen schwedischen Freund. Ich hoffe so sehr, dass er in seiner positiven Camino-Energie bleiben kann und dass er sich auf die Suche nach einer passenden Frau macht und nicht zu lange an der Idee festhält, ich sei die Liebe seines Lebens. Und ich hoffe, dass wir Freunde bleiben werden.

Hotel-Pingpong in der Hitze

In Finisterre spuckt uns der Bus an zentraler Stelle aus. Das Wetter ist hervorragend. Tinas Hotel ist gleich um die Ecke, und wir trinken zusammen einen Kaffee auf der Außenterrasse, bevor ich mich auf die Suche nach meiner eigenen Unterkunft mache. Wie sich herausstellt ist die benötigte Adresse nicht richtig in Booking hinterlegt, so dass mich Google Maps fröhlich durch die Gegend schickt.

Während die Sonne von oben gnadenlos auf mich runterballert, laufe ich eine längere Straße immer wieder in beide Richtungen ab und fühle mich wie ein Tennisball, der von links nach rechts geschlagen wird. Passanten, die ich um Hilfe bitte, sind genauso ratlos wie ich. Das gibt es doch nicht! Erst in einem Restaurant kann man mir helfen.

Wenig später bin ich da. Im Gebäude wabert mir der Geruch von süßem Kaugummi entgegen. Ich weiß nicht, was es ist, aber in südlichen Ländern haben Putzmittel teilweise völlig andere Duftnoten als bei uns. Vielleicht schlägt ihnen unser allgegenwärtiger Zitrusduft genauso auf den Magen, wie mir das süße Etwas hier.

I’m a Barbie Girl

img_4340Der Checkin ist schnell erledigt, dann bringt mich der Herr von der Rezeption hoch, um mir mein Zimmer zu zeigen. Oben angekommen muss ich an mich halten, um nicht gleich mit einem Zeugen an meiner Seite in unbändiges Gelächter auszubrechen.

Ja, ich hatte gelesen, dass die Zimmer alle eine sehr „individuelle Note“ hätten, aber mit dem, was mich hier erwartet, habe ich nicht gerechnet. Ich bin im Zimmer von Barbie gelandet: pinkfarbene Kissen, eine rosa Lampe und Teppiche in der gleichen Farbe, dahinter eine wildgeblühmte Tapetenwand und zu allem Überfluss Handtücher, die zu einem Herz gefaltet sind und zudem von pink Plastikblumen flankiert werden.

img_4341Im Bad wird das Konzept gnadenlos weiter fortgesetzt. Hier wartet ein Handtuchschwan im Waschbecken und auch hier gibt es Plastikblumen. Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten, aber man kann dem Hotel nicht vorwerfen, es habe sich keine Mühe gegeben.

img_4342Ich funktioniere die Blumen kurzerhand um und bastle mir einen Kranz für die Haare. Wie gut, dass ich mein pinkfarbenes Shirt anhabe. So kann ich in diesem Zimmer mehr oder minder verschwinden. Mimikry war der biologische Fachbegriff dafür, wenn ich mich recht entsinne.

Mit dem dezenten Styling einer Drag-Queen schicke ich Fotos nach Hause. Der ein oder andere dort fürchtet vermutlich, ich sei übergeschnappt.

Endlich Strandurlaub

img_4351Ich verlasse mein Zimmer und gehe zurück in den Ort und durch verwinkelte, kleine Gassen an den Strand. Mit Tina bin ich in der hübschen Bucht verabredet, die alles bietet, was man sich von einem perfekten Strand wünscht.

Wir schauen aufs Meer, das an der einen Seite von einem alten Fort flankiert wird. Hinter uns ist eine Bar, in der wir uns Getränke besorgen können. Es ist recht ruhig und wir genießen das Faulenzen. Das Atlantikwasser ist angenehm kühl, als ich schwimme.

Bucht von Finisterre / Fisterra
Mein kleines Paradies

Einzig mein Bikini sorgt für Ärger. Er will einfach nicht an Ort und Stelle bleiben. Zwischen mir und ihm fehlen ein paar Kilo. Ich nehme dies zum Anlass, ihn heute Abend den Flammen zum Opfer fallen zu lassen. Wir wollen unseren Camino traditionell beenden und gegen neun die letzten 3,5 Kilometer zum Leuchtturm in Angriff nehmen, in dessen Nähe auch der Null-Kilometer-Pfeiler steht. Auf den Felsen dort sitzen Abend für Abend Pilger, bewundern den Sonnenuntergang und verbrennen etwas, das sie nach ihrer Reise nicht mehr benötigen.

Um ehrlich zu sein, gibt es eigentlich nichts, was ich verbrennen möchte. Meine Sachen haben die Reise prima überstanden und sind alle noch in Ordnung. Dinge, die ich nicht gebraucht habe, habe ich bereits während meines Caminos in den Herbergen am Weg zurückgelassen. Doch die Vorstellung, nichts zu verbrennen, schmeckt mir nicht. So trifft es den Bikini. Ben hat uns seine kurze, dreckige Hose dagelassen, die es, mit einem riesigen Loch zwischen den Beinen, tatsächlich hinter sich hatte. Wir sollen sie für ihn verbrennen.

Licht am Horizont

Während wir uns beim Sonnen genüsslich von einer Seite auf die andere drehen, ist natürlich auch er Thema. Tina gibt zu, was ich lange vermutet hatte. Sie war zwischenzeitlich ganz schön eifersüchtig auf mich. Doch spätestens, als sie festgestellt habe, wie Ben aufgeblüht sei, habe sie sich damit arrangiert. Erst dadurch habe sie für sich erkannt, wie wichtig es war, auch mal alleine unterwegs zu sein. Davor habe sie sich vorher extrem gescheut, sagt sie lachend, aber es habe ihr die Augen geöffnet und gezeigt, wie stark sie eigentlich ist.

Sie erzählt, dass sie mit Ben irgendwo, bevor sie mich kennengelernt hätten, in einem Café gewesen seien (ich glaube, es hieß Café La Fé). Auf den Tischen wären an jedem Sitzplatz papierene Platzdeckchen gewesen, auf denen ein immer anderes Schlagwort als frommer Wunsch an den pausierenden Pilger stand. Auf Tinas Exemplar stand „Baila“, tanzen. Damit habe sie viel anfangen können, sagt sie mir, denn sie möchte künftig wieder mehr Leichtigkeit und Freude in ihr Leben lassen und Dinge tun, die ihr Spaß machen und dazu zählt tatsächlich auch, wieder häufiger zu tanzen.

Auf Bens Platzdeckchen habe Licht gestanden. Das habe sie tief bewegt, weil sie dem jungen Mann mehr Licht in seinem Leben wünscht. Seine dunklen Gemälde, die Heavy Metal Musik, die Horrorfilmsammlung und natürlich die Depression – er brauche unbedingt mehr Licht. Und dann sagt sie mir etwas sehr Schönes: „You have been his light, Audrey!“ Ich kriege schon wieder feuchte Augen und gehe schnell ins Wasser, aber ja, sie hat Recht. Ich sehe es so ähnlich. Vielleicht bin ich ja der Leuchtstreif am Horizont, Wie treffend, dass die beiden ausgerechnet diese Schlagworte von der guten Fee im Café bekommen haben.

Feuerball und Feuer überall

img_4354Als es langsam kühler wird, verschwinden wir noch kurz im Supermarkt und decken uns mit Tapas und Martins Lieblingswein für unser Abendessen auf den Felsen ein. Um halb acht machen wir uns auf den Weg und schlendern noch einmal am hübschen Hafen vorbei, wo wir eine Kleinigkeit essen.

img_4353Hier kann man es wirklich aushalten. Es gibt einen Platz mit direkten Blick auf das Wasser, an dem mehrere Restaurants um Kundschaft buhlen. Man könnte glauben, man sei an einem normalen Urlaubsort, wären da nicht so viele Menschen mit Rucksäcken und Outdoor-Klamotten.

img_4358Dann folgen wir ein letztes Mal den gelben Pfeilen und Muscheln, die uns zum Faro führen, dem Leuchtturm am Ende der Welt. Diesmal bin ich bereit für das Ende und genieße diese letzten dreieinhalb Kilometer. Immer wieder warten tolle Ausblicke auf das Meer.

img_4360Ein Pilger aus Stein hat sich vom Meer weggedreht und schaut uns entgegen – uns und den vielen, anderen Leuten, die auf dem Weg hier hoch sind, um ihren Camino zu beenden. Die Stimmung ist nicht mit der in Santiago zu vergleichen. Es ist ruhiger. Vielleicht sogar ein wenig spiritueller. Auch wenn viel los ist, bleibt es unaufgeregt. Als wären die Pilger mehr bei sich.

Als wir um halb zehn am Leuchtturm ankommen, wirken die Felsen um uns herum wie Wimmelbilder.

Felsen in Finisterre Fisterra
Wimmelbild – finde die Pilger

Überall lassen sich kleine menschliche Punkte ausmachen. Allein oder in Gruppe sitzen die Pilger aus allen Ländern am Schlusspunkt ihres Weges und warten auf den Sonnenuntergang.

 

Auch wir finden ein gutes Plätzchen, das wir uns nur mit einigen Ziegen teilen müssen. img_4456Neben uns geht es steil abwärts. Der Atlantik tobt. Mich fasziniert seine Kraft. Ich muss an Biarritz denken, wo vor sechs Wochen alles begann. Auch da saß ich am Atlantik. Voller Vorfreude auf das, was kommen würde. Und heute sitze ich hier, mit all den Erlebnissen im Rücken und bin zumindest gespannt auf das, was vor mir liegt. Ich kann momentan nicht sagen, was und wie es sein wird, habe aber noch Katis Satz aus Burgos im Kopf: Wahrscheinlich merkt man erst im Nachhinein, was der Camino mit einem gemacht hat.

img_4460Gegen zehn beginnt das Naturspektakel, während Tina und ich uns durch spanische Tapas-Spezialitäten schlemmen und mit dem leckeren Rotwein anstoßen, den wir durch Ben kennengelernt haben. Wir beobachten, wie sich der Himmel einfärbt und der Feuerball in immer dunklerem Orange für uns leuchtet.

Wir wollen gerade unseren kleinen Haufen anzünden, als die beiden Spanier, die ganz in unserer Nähe sitzen, uns bitten, das zu lassen. Sonnenuntergang am Kap Fisterra / FinisterreSie zeigen auf ein weißes Auto, das ganz in der Nähe parkt, und erklären uns, dass es der Guardia Civil gehöre, die vor Ort zu verhindern versuche, dass gezündelt werde. Die verstünden da wenig Spaß, erklären uns die Herren. Und so warten wir geduldig, während wir beobachten, wie die Polizisten dafür sorgen, dass sämtliche Feuer, die noch kurz zuvor brannten, auf der Stelle gelöscht werden.

Um halb elf ist die Sonne im Meer verschwunden. Pastellfarbene Streifen erinnern noch an sie, dann sind auch diese weg. Das gleiche gilt für die meisten Pilger und selbst für die Guardia Civil. Tina und ich sind zufrieden. Dann also auf zum zweiten Anlauf. So schnell geben wir uns nicht geschlagen.

Wir haben einen Auftrag zu erfüllen, doch der gestaltet sich komplizierter, als ursprünglich angenommen. Der Rotwein, der während unseres Picknicks teilweise auf Bens kaputter Hose gelandet ist, macht es nicht leicht, mein beinahe leeres Feuerzeug ist keine echte Unterstützung und der Wind, der auf dem Felsen pfeift, behindert uns zusätzlich. Doch in Tina ist der Kampfgeist erwacht. Auf ihre Bitte hin reiße ich eine leere Seite aus meinem Tagebuch, zünde sie an und halte sie an die Flammen. img_4394

Tina liegt fast bäuchlings davor und pustet unermüdlich, in der Hoffnung so etwas wie Glut zu erzeugen. Endlich fängt die kaputte Hose an zu qualmen. Eine Viertelstunde erzeugen wir nichts als Rauch und ein wenig Glut. Unsere Augen tränen, denn je nachdem wie der Wind gerade steht, bekommen wir die volle Ladung ab. Wir wollen schon alles mit Wasser übergießen, als unser Häufchen endlich Feuer fängt. Es ist elf Uhr abends und während die kleinen Flammen zwischen uns hin und her tanzen, verabschiede ich mich von meinem Camino.*

Ich werde wiederkommen. Da bin ich sicher.

 

Zeitreise:

Rückwärts: Du hast meine emotionale Achterbahn bei der Ankunft in Santiago verpasst? Dann geh noch mal mit mir von Pedrouzo nach Santiago und sei dabei, wenn ich Karriere als Heulsuse, Knecht Ruprecht, Etheldred und als Brücke mache, mutterseelenallein vor der Kathedrale stehe, später einem Silberfass beim Fliegen zuschaue und mit dem größten Camino-Geschenk ins Leben entlassen werde.

Du bist hier heute durch Zufall gelandet und möchtest das Abenteuer von Anfang an erleben? Dann geht es hier entlang.

Kommentare und Ergänzungen

Bist du selbst in Finisterre gewesen? Bist du gelaufen oder auch mit dem Bus gefahren? Was war es für dich? Eine Attraktion, etwas Spirituelles, die Möglichkeit, das Ende noch ein wenig hinauszuzögern? Hast du noch etwas zu ergänzen oder zu korrigieren? Was hat dir an der Etappe gefallen, was eher nicht so? Ich freue mich wie immer über deinen Kommentar.

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*Nachtrag zum Verbrennen in Fisterra

In meiner idyllischen Berichterstattung von unserer kleiner Feuerstelle ist ein Punkt völlig untergegangen, auf den mich Steffen aus Fisterra aufmerksam gemacht hat: Es ist ein blöder, vor allem aber unnötiger „Brauch“, in Finisterre auf den Felsen irgend etwas zu verbrennen. Neben der Umweltverschmutzung besteht die Gefahr von um sich greifenden Bränden.

Solltet ihr selbst nach Fisterra kommen, macht es wie ich im Jahr darauf: genießt den untergehenden Feuerball, verbrennt eure schlechten Gedanken, aber kokelt nicht auf den Felsen rum. Die Natur wird es euch danken und besorgte Bürger wie Steffen ebenfalls.

Ich muss das weitersagen

18 Gedanken zu „Camino Frances #41: Von Santiago nach Finisterre&8220;

  1. „… und hinterm Horizont geht’s weiter …“
    Deine bunten Wanderabenteuer sind gerade jetzt am trüben Jahresanfang mein Licht an meinem Horizont :-).
    Gut gemacht. Sehr gut.
    LG R

  2. Liebe Audrey,
    es ist vollbracht! Ich kann deine emotionale Achterbahn bei der Ankunft in Santiago de Compostella und beim Abschied vom Camino und seinen Menschen sehr gut nachempfinden und habe beim Lesen der letzten beiden Berichte mit dir zusammen die Tränchen verdrückt. Vielen, lieben Dank für deine Gabe, zu schreiben, die Menschen zu berühren, zu erheitern und Licht in ihr Leben zu bringen.
    Ich bin nicht traurig, dass es zu zu Ende ist, denn ich weiß, es geht ja weiter…. 🙂
    Gruß, Aurora

    1. Liebe Aurora, ich danke dir von Herzen für deine lieben Worte, die mich nicht unberührt lassen. Es hat Spaß gemacht, die Reise noch mal zu machen, vor allem in Begleitung neuer Mitpilger, nämlich euch.
      Es wird weitergehen, wo viel steht fest, vielleicht aber etwas weniger unterhaltsam, da wir auf die anderen Mitwirkenden verzichten müssen. LG

  3. Liebe Audrey,
    mich haben deine authentischen Berichte jedesmal berührt. Soviel Leben, soviel Echtheit und soviel Begeisterung, das lässt einen so richtig und ganz dabei sein.
    Ich verstehe diesen Ben nur zu gut. Ich hätte mich sicher auch verliebt in dich. Deine Lebensfreude, dein Lachen tut jedem gut. Du wirst damit leben müssen, dass dich viele Männer gernhaben und auch, dass dich manche gern haben möchten. 😘
    Ich wünsche dir, dass du dir den aussuchst, der es am meisten verdient, mit dir zusammen zu sein. Auch dafür Buen Camino! 😀

    1. Lieber Gerhard,
      du kommst ja mit einem ganzen Blumenstrauß! Das freut mich sehr, danke. Ich möchte da ein bisschen gegenwirken. Wir Pilger kennen es ja vermutlich alle, dass wir auf dem Camino oft die bessere Variante unseres Selbst sind. Einer der Gründe, wieso es uns immer wieder hinzieht. Ich kann ein ganz schönes Ekel sein, frag meinen Freund. Und dabei handelt es sich weder um den damaligen noch um diesen Ben. Aber ich will nicht vorgreifen 😉

      P.S. Die Kommentare tauchen beim ersten Mal erst auf, nachdem ich sie durchgewunken habe. Wenn man einmal erfolgreich einen Kommentar auf dem Blog hinterlassen hat, geht es ab dem zweiten gleich online.

  4. Hallo Audrey,
    wenn ich die Fotos von Deinem Hotelzimmer sehe, denke ich warst Du im „Ancora“, oder.
    Ich war auch da. Nur mein Zimmer war grün.

    1. Hab grad nachgeschaut – ja, du hast Recht. Hast du noch Bilder von deinem?
      Hattest du auch so hübsche Plastikblumen und den Popcorn-Putzmittel-Duft?
      Jemand anderes schrieb mir, es gäbe das auch in weiß/grau. Ich glaube das irgendwie nicht 😂

      1. Ja, hab noch Bilder (kann ich die hier hochladen?) und wir hatten auch Plastikblumen. An den Duft kann ich mich nicht erinnern. Vielleicht auch besser so.

  5. Auch wenn es schon viele geschrieben haben, möchte ich dir auch danken für deine wunderbar geschriebenen, authentischen und ehrlichen Berichte. Wirklich jedes deiner Gefühle konnte ich sehr gut nachempfinden, was definitiv auch an deiner tollen Schreibweise liegt. Mir werden die Berichte auch sehr fehlen, und ich freue mich sehr auf deine nächsten Wanderungen!
    Viele Grüße, Nonah

    1. Hey Nonah, auch wenn ich das schon mehrfahr geschrieben habe, freue ich mich über jede so tolle Rückmeldung wie deine! Also Danke!
      Und keine Sorge, es wird auch an jedem nächsten Sonntag etwas zu lesen geben 🙂
      Nächste Woche kommt der “Camino und dann – was wurde eigentlich aus…”-Beitrag und danach kann dann was Neues anfangen. Kurzer Abstecher in den Harz, bevor es dann nach Portugal geht 😊

Und was sagst Du?