Camino Frances #42: Ankommen ist anstrengender als Gehen

Wie fühlt es sich an, nach knapp sechs Wochen nach Hause zu kommen? Wie lange dauert es, bis man wieder Fuß gefasst hat? #jakobsweg #caminodesantiago #caminofrances #pilgern #pilgrim #fernwandern #fernwanderung #spanien #ankommen #läuftbeiihr

Meine Rückreise vom Camino dauert. Sie dauert statt fünf Stunden satte 13, beinhaltet unerwartete Zwischenstationen und endet mit dem Gefühl, dass nichts läuft, wie es soll. Die Rückreise aus Santiago ist symptomatisch für das, was nach dem Camino kommt. Es dauert, bis ich ankomme, es gibt überraschende Wendungen, und es verläuft alles andere als nach Plan. Und dennoch: der Camino ist vorbei, lang lebe der Camino.

Nachdem ich in epischer Breite geschildert habe, wie es ist, den Camino Frances zu laufen, möchte ich euch nicht vorenthalten, was danach war.

Wie fühlt es sich an, nach knapp sechs Wochen nach Hause zu kommen? Wie lange dauert es, bis man dort wieder Fuß gefasst hat? Was wurde aus den Menschen, die ich unterwegs getroffen habe? Würde ich es noch mal tun? Würde ich es anders tun? Gibt es etwas, das ich bereue? Was wurde aus mir?

Zwei Sterne deluxe

Zurück aus Finisterre gehe ich nachmittags mit Sabine auf Souvenirsuche. Ich möchte unbedingt ein Andenken an diese Reise haben, aber auf keinen Fall den üblichen Touri-Nepp mit gelben Muscheln und Comic-Pilgern. Ben macht via WhatsApp Witze, ich solle mir Ohrringe in Muschelform kaufen, so wie sie der Schweizer Langsam-Esser Urs trug, der unsere Geduld so auf die Probe gestellt hat. Ich entscheide mich klar dagegen.

In den Altstadtgassen Santiagos finde ich einen Schmuckladen, der wunderschöne Sachen hat, die mit schwarzen Steinen versehen sind – jahrtausendealtes, galicisches Holz. Hier muss ich nicht lange suchen. Mein Souvenir springt mich förmlich an. Da liegen Ohrstecker in Form von kleinen Sternen. Das sind meine, das weiß ich sofort.

Sie haben auf den ersten Blick bis auf ihren Stein überhaupt nichts mit dem Jakobsweg zu tun. Für mich versinnbildlichen sie meinen Weg aber umso mehr. Ich habe von meinen Mitpilgern mehrfach gehört, dass ich ihren Weg erhellt habe – da passt es doch ausgezeichnet. Sterne sind das Licht in der Dunkelheit und stehen damit stellvertretend für meine besondere Beziehung zu Ben. Ich kaufe sie und werde sie die nächsten zweieinhalb Jahre nicht mehr ablegen. Als ich einen von ihnen vor wenigen Wochen in einer Bar verloren habe, als ich meinen Rollkragenpullover auszog, war ich untröstlich.

Abschied von Santiago

Nach dem Shopping erfülle ich Sabine ihren Wunsch nach Tapas. Wir probieren uns durch die halbe Karte und verbringen einen tollen Mädchenabend. Es schmeckt genauso hervorragend, wie Sabine es sich vorgestellt hatte und ihr strahlendes, zufriedenes Gesicht freut mich immens. Keine Spur mehr von der unglücklichen Frau mit der schlechten Ausstrahlung, die mir wenige Wochen zuvor begegnet ist.  Sie hat in den letzten Tagen ihre Idee von der mobilen Suppenküche weiter konkretisiert und ist voller Tatendrang. Wow, was so ein Camino doch auszurichten vermag!

Ich erzähle ihr, was sich bei mir noch seit León zugetragen hat. Als ich von Ben und seinem Clockgirl-Bild berichtet habe, schaut sie mich mit einem wissenden Lächeln an. Mein Camino sei noch nicht vorbei, sagt sie. Sie sei gespannt, wie das mit mir und meinem Freund zuhause weitergehe. Ich erkläre ihr verwundert, dass Ben für mich absolut kein Partner-Potenzial habe und keine Gefahr für meinen Freund darstelle, auf den ich mich sehr freue. Sie lächelt nur weiter. Es habe sich längst etwas bei mir verändert. Vor wenigen Wochen habe ich immer von Kindern mit meinem Freund gesprochen, nun spräche ich nur noch von Kindern und selbst da sei ich mir nicht mehr sicher.

Hat sie Recht? Ich kann es mir nicht vorstellen. Auch wenn die Vorstellung, nach Hause zu kommen, ziemlich gewöhnungsbedürftig ist, freue ich mich doch darauf. Zeit für ein neues Kapitel meines Lebens. Ich bin gespannt, wie mein Freund nach sechs Wochen für mich sein wird. Anfangs war er es, der meinte, er müsse sich vermutlich erst mal wieder an mich gewöhnen, wenn ich zurück sei, und ich hielt das für Quatsch. Nun hat es sich gedreht. Während er sich total auf mich und unseren gemeinsamen Alltag freut, glaube ich, dass ich mich erst mal wieder an ihn werde gewöhnen müssen, genauso wie daran, nicht mehr alle Entscheidungen spontan aus dem Bauch für mich alleine zu treffen.

Abreise mit Hindernissen

Morgens läuft alles genau so lange wie geschmiert, bis ich am Flughafen von Santiago ankomme. Mein Rückflug sieht eigentlich vor, dass ich in Barcelona umsteige und von dort direkt nach Hamburg fliege. Fünf Stunden und ich bin da. Soweit der Plan. Aber wenn ich irgendwas in den letzten Wochen gelernt habe, dann dass Pläne nicht immer aufgehen.

Ich dachte ja, dass der Atlantik die Klammer meines Jakobsweges sei, nachdem ich ohne Rucksack einen Tag in Biarritz fest saß und in Finisterre endete. Nun merke ich, dass die wahre Klammer meines Jakobswegs Flugchaos ist. Schnell zeichnet sich ab, dass die Maschine, die mich nach Barcelona bringen soll, mit so viel Verspätung hier ankommen wird, dass der Anschluss nicht mehr klappen wird.

Die Kommunikation am Flughafen ist absolut unterirdisch. Die bevorzugte Taktik des spanischen Billigfliegers Vueling ist Vogel Strauß. Wenn uns keiner sieht, kann uns auch keiner Fragen stellen. Das ändert sich auch nicht in Barcelona, wo alle Informationsschalter geschlossen sind. Nach viel Chaos, Hin und Her und einer beachtlichen Anzahl an ausrastenden Passagieren steht fest, dass aus fünf Stunden dreizehn werden. Nach Hamburg kommen wir nur mit einem Zwischenstopp in – Trommelwirbel – Palma de Mallorca.

Ich rufe meinen Freund an und will mir eine Runde Mitleid angesichts der bevorstehenden Strapazen holen. Es kommt zum Streit. Er ist total angefressen. Das habe er sich anders vorgestellt und anders geplant. Das sei ja richtiger Mist. Er habe sich extra frei genommen. Damit erwischt er mich auf dem völlig falschen Fuß. Er möge mich hier bitte nicht vollheulen, pampe ich ihn an, immerhin sei er gemütlich zuhause, während ich noch zehn Stunden an verschiedensten Flughäfen verbringen müsse. Wütend lege ich auf. Das geht ja gut los.

Spontantrip zum Ballermann

Die drei Caminos – Portugues, Frances, Norte

Ich habe inzwischen Jonas und Dietrich im Schlepptau, ebenfalls Pilger auf dem Rückweg nach Hamburg. Jonas ist den Camino del Norte gelaufen (und hat ebenfalls einen Blog), Dietrich war auf dem Portugues. Gemeinsam stehen wir am Schalter für die neuen Tickets an, gemeinsam checken wir unser Gepäck aus, um es wenig später wieder einzuchecken. Wir erzählen beim Essen von unseren jeweiligen Erlebnissen, zeigen uns Fotos und vertreiben uns bestmöglich die Zeit.

Um drei geht unser Flug. Zwischen lauter Pauschaltouristen stehen wir mit unseren Rucksäcken und Pilgeroutfits. Der Kulturclash könnte nicht größer sein. Next stop – Palma de Mallorca.

Die Szenen am Gepäckband, wo ich zwischen singenden, betrunkenen Teilnehmern eines Junggesellenabschieds aus Wanne-Eikel meinen Rucksack vom Gepäckband fische, hätte ich mir wirklich nicht träumen lassen. Der Aufschlag in der Realität ist hart. Gerade noch Wälder und kleine Dörfer, jetzt ein Stern, der deinen Namen trägt. Wow.

Die zweieinhalb Stunden vor Abflug verbringe ich mit Jonas, einigen kühlen Cervecas und Wortspielereien rund um unsere verdammte Airline. Unser Highlight: „Wir sorgen für Vuelingsgefühle.“ Zwischendurch melde ich mich noch einmal bei meinem Freund und entschuldige mich. Um halb acht geht es endlich nach Hamburg. Hier endet mein Camino-Tagebuch.

Hallo Fremder

An das genaue Ankommen kann ich mich nicht mehr erinnern. Es war alles zu viel. Mein Freund stand im Ankunftsbereich und riss mich an sich. Wir lagen uns in den Armen, und statt romantischer Anwandlungen hatte ich das dringende Bedürfnis, ihn wegzuschubsen. Es fühlte sich in etwa so an, als ob ein Fremder mich in den Arm nähme. Als wir im Taxi saßen und er seinen Arm um mich legte, war da erneut dieses Gefühl. Es war, als würde mich plötzlich jemand Unbekanntes in der U-Bahn umarmen. Erneut musste ich den Impuls unterdrücken, seinen Arm wegzuschieben.

Ich war mir sicher, dass es an der Übermüdung lag. Ich hatte einen verdammt langen Tag hinter mir und kaute noch an all den Eindrücken aus den vergangenen Wochen. Das würde weggehen.

Es ging nie mehr weg. Nicht als ich unsere Wohnung betrat, die mein Freund überall mit Blumen dekoriert hatte, nicht als wir später im Bett lagen, nicht am nächsten Tag oder am übernächsten.

Ich konnte es mir nicht erklären. Und vor allem konnte ich es ihm nicht erklären. Ich ertrug seine Nähe nicht, fühlte mich total mies, erbat mir Zeit, mich zu akklimatisieren. Ich entschuldigte mich pausenlos, aber ich konnte nicht über meinen Schatten springen und zur Normalität zurückkehren. Er versuchte wirklich, Verständnis zu haben, und ich fühlte mich erneut mies.

Camino Blues

Ich hatte ein Standleitung zu Ben nach Schweden, telefonierte mit Rob, traf mich mit meiner Freundin, die ebenfalls den Camino gegangen war. Ich musste mit Menschen reden, die das Gefühlschaos im Ansatz nachvollziehen konnten, die wussten wie schwierig es ist, anzukommen. Mein Zuhause war kein Ort, an dem ich mich wohlfühlte. Ich war irgendwie fehl am Platz. Rob und Ben bestätigten, dass auch sie zu kämpfen hätten. Kati in Berlin war es ähnlich ergangen.

Mein Leben kam mir leer vor. Der Rhythmus des Caminos fehlte. Die Gespräche. Die Bewegung. Die Leichtigkeit. Ich hatte zwei Wochen Zeit, bevor ich wieder ins Büro musste. Es war ein verregneter Hamburger Juni. Das Wetter passte zu meiner Stimmung, zumindest dann, wenn ich allein in der Wohnung war. Sobald es halbwegs ging, trieb es mich nach draußen – in die Natur, ins Grüne, aufs Wasser. Hauptsache raus.

Wenn ich mich mit Freunden traf und von meinen Erlebnissen erzählte, kam das Leuchten in meine Augen zurück, die Stimmung ging steil aufwärts, die Begeisterung war wieder da. Ich musste meist an mich halten, um beim Erzählen nicht zu euphorisch zu werden. Ich wollte nicht rüberkommen wie so eine spirituell Durchgeknallte, wenn ich von Camino Magic etc. erzählte.

Kopf aus, Bauch an

Abends, wenn mein Freund von der Arbeit kam, versuchten wir das Unaussprechliche zu vertonen. Mir fehlten die Worte. Ich konnte ihm nicht erklären, was mit mir los war. Und ich konnte mir nicht erklären, woran es lag, dass ich absolut keine Verbindung zu ihm aufbauen konnte. Es tat mir in der Seele weh zu sehen, wie er unter meinem abweisenden Verhalten litt. Und dennoch gelang es mir nicht, so zu tun als sei alles okay.

Ich hatte auf dem Camino zu meinem Bauchgefühl zurückgefunden. Ich hatte gelernt, wie wichtig es war, darauf zu vertrauen, weil ich dann immer gut fahren würde. Ausgerechnet Fräulein Kopfmensch hörte jetzt also auf ihren Bauch. Und mein Bauch hatte eine sehr klare Meinung zu meinem Freund: das fühlt sich falsch an.

Scherbenhaufen

Ich bin am 9. Juni aus Santiago zurückgekommen. Eine Woche später trennte sich mein Freund von mir. Ich habe nichts versucht, ihn umzustimmen, als er morgens sagte: „Ich halte das nicht mehr aus, Audrey. Deine Ablehnung macht mich fertig. Du hast dich so unglaublich verändert. Ich muss mich selbst schützen, ich kann das nicht mehr. Das war’s, ich mache Schluss.“

Wow.

Damit hatte ich nicht gerechnet. Vor meinen inneren Augen brach ein Kartenhaus zusammen. Zweieinhalb gemeinsame Jahre, unsere gemeinsame Wohnung, unsere gemeinsamen Zukunftspläne samt Kindern.

Mit einem Satz in Rauch aufgelöst. Zack. Das war’s. Ich hätte protestieren können, um ihn kämpfen können, darauf beharren, dass eine Woche Unwohlsein ein billiger Trennungsgrund nach zweieinhalb Jahren sei. Ich tat nichts dergleichen.

Und mein Bauch? Der nickte zufrieden. Es fühlte sich tatsächlich richtig an, auch wenn es fürchterlich wehtat.

Der Camino geht weiter

Kaum war die Trennung ausgesprochen, waren der Druck und die Anspannung, die das Miteinander der letzten Tage so unerträglich gemacht hatten, weg. Mir war, als hätte jemand einen Hinkelstein von meiner Schulter genommen. Wir wohnten weiter zusammen. Die meiste Zeit waren wir wie gute Freunde. Unsere Wohnung verwandelten wir vorerst in eine WG. Mein nun Exfreund sagte, ich solle mir Zeit lassen. Bis ich etwas Schönes gefunden hätte, könnten wir hier zusammen wohnen. Ich war extrem erleichtert, denn der Hamburger Immobilienmarkt ist nicht gerade der Einfachste. Das Zusammenleben klappte erstaunlich gut. Wir waren immer schon ein gutes Team.

Wir redeten viel, versuchten weiter zu verstehen, was da genau passiert war. Wieso keiner von uns beiden versucht hatte, die Trennung rückgängig zu machen und woran genau wir eigentlich gescheitert seien. Wir entdeckten in den Gesprächen viel über uns und viel darüber, was wir von unseren Partnern erwarteten. Doch es dauerte, bis ich für mich eine wirkliche Antwort hatte.

Eines Nachmittags schoss mir völlig aus dem Nichts der Satz durch den Kopf, der mich auf dem Camino am meisten aufgeregt hatte. Es war der Satz, den mir Niederländer Marco immer wieder gepredigt hatte: „You are always in the here and always in the now.“ Und plötzlich verstand ich. Ich verstand, dass dieser Satz alles erklärte, was schief gelaufen war. Ausgerechnet der Camino schickte mir die Antwort.

Mein Ex-Freund und ich waren schon immer sehr verschieden. Wir hatten fast nichts gemeinsam außer unserer Vorstellung von der Zukunft, wollten ein ähnliches Lebensmodell, wünschten uns beide Kinder, mit denen wir gern eher ländlich wohnen würden. Und so schmiedeten wir Pläne. Wir waren immer in der Zukunft, aber wir waren nie im Hier und Jetzt, wo uns so wenig verband. Schon vor dem Camino hatten wir Witze darüber gemacht, wie wenige, gemeinsame Interessen wir hatten, dazu kam noch unser Altersunterschied.

Der Camino hatte mir mit Ben gezeigt, wie wichtig es mir ist, einen Seelenverwandten an der Seite zu haben. Wie sehr hatte ich es genossen, jemanden zu treffen, der einige meiner großen Leidenschaften teilte, sei es nun Musik oder auch das Wandern, und mit dem ich über alles reden konnte.

Freunde bleiben

Drei Monate wohnten wir noch gemeinsam in unserer WG. Es war eine gute Zeit. Ich assistierte sogar bei seinen ersten Tinder-Bemühungen. Und was soll ich sagen: es war offensichtlich ein voller Erfolg. Noch während wir zusammen in unserer Wohnung lebten, lernte er eine Frau kennen. Auch wenn er es eigentlich so schnell nicht wollte, hat es gefunkt. Die beiden sind bis heute zusammen. Sie wohnen in unserer alten Wohnung, und ich freue mich wirklich, dass sie ihn gefunden hat.

Er und ich haben uns auch nach meinem Auszug noch ein paar Mal getroffen und sind aus heutiger Sicht beide dankbar und heilfroh, dass es so gekommen ist. Man stelle sich vor, ich wäre nicht auf den Jakobsweg gegangen und wir wären vorerst zusammengeblieben, hätten Kinder bekommen und zu einem späteren Zeitpunkt festgestellt, dass wir nicht zusammenpassen. Dann wären diese kleinen Menschen in unsere Trennung involviert worden.

Ich selbst habe nach drei Monaten meine absolute Traumwohnung gefunden. Ich liebe diese Wohnung, und es ist bis heute zu schön, um wahr zu sein, dass dieser wunderbare Ort mit seinen netten Nachbarn auf mich gewartet hat. Also auch an dieser Front alles in Butter.

Was sonst noch geschah

Joballtag

Im Büro bin ich vermutlich all meinen Kollegen gehörig auf die Nerven gegangen. Einer meiner Lieblingssätze in der Anfangszeit war „Wir sind alle keine Herzchirurgen.“ Angebliche Probleme und Herausforderungen meines Teams oder von Seiten der Geschäftsleitung kamen mir absolut lächerlich vor. Ich war viel zu entspannt, um mich von so etwas stressen zu lassen. Einen Großteil der „Probleme“ lachte ich einfach weg.

Ich versuchte, den Fokus auf die Dinge zu legen, die mir Freude machten. Angesichts der großen Veränderungen in meinem Privatleben schien es der falsche Zeitpunkt, mich jetzt auch noch im Job zu verändern. Dabei hatte ich mir auf dem Camino Antworten auf die Frage „was möchte ich in Zukunft machen“ erhofft. Stattdessen hatte ich ungefragt Antworten auf die Frage „Mit wem möchte ich meine Zukunft verbringen“ bekommen.

Die äußeren Werte

Die ersten Begegnungen mit meinem Kleiderschrank waren höchst amüsant. Was hatte ich mich auf den letzten Camino-Tagen auf den Geburtstag einer Freundin gefreut, der zwei Tage nach meiner Ankunft gefeiert würde. In meinen Wanderklamotten verzückte mich bereits der Gedanke an eine normale Jeans. Für den Abend wollte ich aber nach langer Zeit mal wieder richtig Gas geben. Es gab da dieses eine Kleid, das ich noch nie getragen hatte, weil es immer ein wenig zu eng war. Das würde ich anziehen.

Welche Ernüchterung als ich es anzog und es einfach viel zu weit war. Genau wie so ungefähr alle Klamotten, die ich besaß. Kein Wunder. Ich hatte unterwegs zehn Kilo verloren. So wenig wog ich zum letzten Mal mit 16. Gott sei Dank hatte ich wie fast jede Frau ganz hinten im Kleiderschrank Dinge aufbewahrt, die nicht mehr passten und vermutlich auch nie mehr passen würden. Genau diese viel zu enge Hose rettete mir im wahrsten Sinne des Wortes den A…

Das Wandern hatte aber nicht nur meinen Körper verändert, sondern mir auch eine überraschende Fitness beschert. Als ich das erste Mal joggen war, lief ich die Runde, die ich sonst mit Müh und Not zustande brachte, wie von selbst. Es gelang mir sogar aus dem Stand, 7,5 Kilometer um die Alster zu laufen. Da hätte ich vorher einige Pausen machen müssen, um rumzukommen.

Definiere Spaß

Ich bin eigentlich immer gern ausgegangen. In Bars sitzen, tanzen, schäkern ist eine meiner Kernkompetenzen. In den ersten Wochen nach meiner Rückkehr hatte ich aber wirklich meine Schwierigkeiten damit. Der erste Abend feiern mit meiner Freundin endete abrupt. Kaum drinnen, ging ich rückwärts aus der Bar wieder raus. Ich fand es dort unerträglich. Der Smalltalk war mir mindestens genauso zuwider wie die aufgerüschten Leute, die alle damit beschäftigt waren, sich möglichst gut in Szene zu setzen, sei es mit Schlüsseln teurer Autos, beeindruckenden Uhren am Handgelenk oder besonders tief ausgeschnittenen Oberteilen.

Eine meiner schönsten Erfahrungen auf dem Camino waren die Gespräche mit Tiefgang. Innerhalb kürzester Zeit sprach man über die Dinge, die wirklich wichtig sind, kam sich nah und verzichtete auf unnötige Masken. Hier war die erste Frage nach „Wie heißt du?“ das übliche „Und, was machst du so beruflich?“, um dann möglichst schnell die passende Schublade für das Gegenüber zu öffnen, wo man es sorgfältig gelabelt, verstauen konnte. Es war unerträglich und ich wollte sofort raus.

img_4508Ich setzte stattdessen mit genau dieser Freundin meine Camino-Vorhaben um. Ich wollte wieder häufiger neue Sachen ausprobieren, und so ließ ich mir von ihr zeigen, wie Stand-Up Paddling funktioniert. Wir schnappten uns an einem der sonnigen Tage ein Board und paddelten über die Alster. Was für ein Spaß!

Auch sonst versuchte ich, meiner Erkenntnis treu zu bleiben, dass die kleinen Dinge die Besten sind. Wie hatte ich unterwegs mit Rob und später auch mit Ben überlegt? Für einen richtig guten Abend braucht man nur img_4635-1Menschen, die man mag, im Bestfall eine Flasche Wein und wenn man richtig Glück hat, gibt es sogar Musik! Und so saß ich viele Abende im August in meinem Lieblingspark und unterhielt mich mit meiner Freundin, den Blick aufs Wasser gerichtet, im Hintergrund eine Spotify-Playlist mit lauter Gute-Laune-Songs und in der Hand ein Glas Gin Tonic oder Wein. Im Rückblick war 2016 einer der besten Sommer meines Lebens.

Was wurde aus…?

Ich habe zu den meisten meiner Camino-Begleiter noch Kontakt, und das freut mich außerordentlich.

b303b20e-3529-446a-970d-b53be77751c8Kati ist inzwischen eine wirklich gute Freundin geworden, die ich auch im normalen Leben noch häufig treffe. Unser erstes Wiedersehen in Berlin werde ich nie vergessen, weil wir ungefähr fünf Minuten damit beschäftigt waren, gegenseitig unser Aussehen zu feiern. Schon verrückt, wenn man sich plötzlich in „normalen“ Sachen mit ein bisschen Make-Up gegenübersteht.

Mit Rob habe ich noch WhatsApp-Kontakt, habe es aber leider immer noch nicht geschafft, ihn mal in den Niederlanden zu besuchen. Er wohnt inzwischen nicht mehr in Rotterdam, denn er hat nach dem Camino eine tolle Frau kennengelernt und ist zu ihr gezogen, hat sogar im Jahr darauf mit ihr den portugiesischen Jakobsweg erfolgreich absolviert.

Auch von Maria und Thijs höre ich immer wieder mal über WhatsApp oder Facebook. Keiner von ihnen war seitdem auf dem Camino, aber was noch nicht ist, kann ja noch werden.

Wim, der den Camino in drei Stücken gelaufen ist, hat ein Jahr später sein Ziel erreicht.

Sie alle verbindet, dass sie diesen Blog lesen. Auch das ist ein wahres Fest für mich. Mein Highlight war immer, wenn einer von ihnen unter meinen Erzählungen kommentiert hat, und ich bin dankbar, dass ich sie hier erwähnen durfte.

Marco hat sich vor ein paar Tagen bei mir gemeldet, um mir zu sagen, dass er sich im Frühjahr, ca. 1000 Tage nach seinem ersten Camino, zum zweiten Mal auf den Weg machen wird. Diesmal wird es der Camino del Norte und er geht alleine. Wenn der Zufall richtig, richtig groß ist, könnte es sein, dass wir uns treffen, da ich ebenfalls im Mai mein zweites Stück von eben diesem Weg machen möchte.

Schattenseiten

Was wurde aus Ben, fragt sich der ein oder andere. Sind wir gemeinsam in den Sonnenuntergang geritten? Habe ich doch erkannt, dass er der Richtige war? Haben wir uns wiedergesehen? Sind wir gemeinsam nach Finisterre gelaufen?

Die Geschichte hat leider kein Happy End.

In den ersten Wochen hatten wir täglichen Kontakt. Ben war meine Camino-Arterie und ich seine. Außerdem haben wir uns noch zweimal getroffen. Beim zweiten Mal haben wir sogar ein paar Tage gemeinsam Urlaub gemacht. Anfangs genoss ich den kontinuierlichen Austausch, zwischendurch dachte ich sogar, ich sei verliebt. Ab einem gewissen Punkt wurde mir die Erwartungshaltung des täglichen Sprechens jedoch zu viel. Ich wollte mein tatsächliches Leben führen und nicht ein digitales Parallelleben aufbauen, bei dem der andere eifersüchtig wird, wenn man ausgeht.

Die Camino-Wirkung hatte bei Ben nachgelassen. Die Dunkelheit kam zurück. Der Plan „nur Freunde“ funktionierte nicht für ihn. Im Urlaub erlebte ich, was es heißt, Stimmungsschwankungen zu durchlaufen. Von jetzt auf gleich konnten sie kommen, und ich stand in ihrem Zentrum wie unter einer Gewitterwolke, war schuld am Unglück, weil ich seine Gefühle nicht erwiderte. Wenig später schien dann wieder die Sonne, und alles war gut. Es war zermürbend. Ich versuchte, den Freund wiederzufinden, den ich auf dem Camino getroffen hatte, aber er entglitt mir zunehmend.

Als ich zurück in Deutschland war, passierte etwas, das für mich so krass war, dass ich den Kontakt von jetzt auf gleich komplett abbrach. Das habe ich nie mehr rückgängig gemacht, weil es für uns beide besser ist. Dennoch denke ich noch oft an ihn, frage mich, wie es ihm geht, was aus seinem Leben geworden ist, ob er seine Dämonen im Griff hat. Gerade in den letzten Wochen, in denen ich über unsere gemeinsame Zeit geschrieben habe, kam einiges wieder hoch, und es stimmt mich nach wie vor traurig.

Ich habe mich, als ich mit dem Blog anfing, gefragt, ob ich ihn weglassen soll. Es fühlte sich falsch an, denn er gehört essenziell dazu. Er war im Rückblick einer der Hauptauslöser für das Ende meiner Beziehung, und dafür danke ich ihm.

Ich glaube, ich habe ihn auf dem Camino in seiner besten Form erlebt, so sehr bei sich, so voller positiver Energie. Dieses Bild halte ich fest, und ich wünsche ihm von Herzen, dass er dahin zurückfindet.

Würde ich es noch mal tun und warum?

Ich habe es wieder getan. Mehrfach sogar. 2017 im Frühjahr bin ich von Porto nach Finisterre gelaufen, im Herbst des gleichen Jahres auf dem Mosel Camino von Koblenz nach Trier. Ende September 2018 habe ich mich an das erste Stück des Küstenjakobswegs von Irun bis Santander getraut und war begeistert.

Ich liebe die Freiheit, die mir der Camino gibt. Indem ich mich auf das wirklich Allernötigste reduzieren muss, werde ich offen für die wichtigen Dinge. Ich stelle immer wieder fest, wie wenig es braucht, um eine gute Zeit zu haben, entdecke, was mir wirklich Spaß macht und komme so Schritt für Schritt, von Camino zu Camino, mir selbst näher.

Ich habe es durchaus auch mit „normalem Fernwandern“ versucht und bin den Rheinsteig gelaufen, später auch den Harzer Hexen-Stieg. Das Laufen tut mir immer unglaublich gut, die Reduzierung ebenso. Aber diese Wege konnten nicht mit dem Mithalten, was mir auf jedem Jakobsweg passiert ist, denn es fehlten die Menschen. Ich glaube fest daran, dass auf dem Camino nichts ohne Grund passiert und dass einem die Gefährten geschickt werden, die man gerade braucht. Ob man sie erkennt und ob man sie anhört, bleibt jedem selbst überlassen.

Das Virus hat mich voll erwischt. Auf dem Camino bin ich die beste Version meines Selbst, stelle ich fest. Offen, voller positiver Energie, im Austausch mit immer anderen Menschen, verbindend, inspirierend, ausgeglichen, ruhig. Vollkommen bei mir. Im Mai geht es weiter – ich freu mich drauf.

 

Zeitreise

Hast du meinen Weg von Saint Jean bis nach Santiago verpasst? Dann komm mit mir auf die Reise – es geht hier entlang.

Kommentare und Ergänzungen

Wie ist es dir nach deinem Jakobsweg ergangen? Hast du dich schwergetan, klarzukommen oder warst du froh, endlich wieder zuhause zu sein? Was sind deine Kernerkenntnisse und welche Erfahrung oder welche Menschen möchtest du im Rückblick nicht missen? Kannst du dir vorstellen, einen weiteren Camino zu laufen und wenn ja, was ist es, das dich zurückzieht?

Ich freue mich wie immer, wenn du deine Gedanken mit mir teilst.

10 Gedanken zu „Camino Frances #42: Ankommen ist anstrengender als Gehen&8220;

  1. Liebe Audrey, ich habe deine Camino Berichte verschlungen.So authentisch!
    Danke für dein „Danach“.

    Ich selbst bin auch Camino-süchtig.Die Verbindung von unbeschreiblich schöner Natur, den unterschiedlichsten Menschen, das Unterwegs sein mit 6 Kilo Leichtigkeit lässt mich nicht mehr los.

    Keine andere Urlaubform ist intensiver, bereichernder als 2 Wochen ( mehr ging bisher nicht) Camino mit den spannenden Begegnungen, Eindrücken, Selbst-Erfahrungen.

    Mein Traum ist es, den Camino Frances einmal ganz zu gehen und allein.

    Danke dir für deine tolle Seite.Wirklich mega!!!

    Michaela aus Köln

  2. Hallo Audrey
    Habe deinen Rückkehrbericht aus Santiago resp. Ankunftsbericht gelesen. Sehr bewegend. Das Herz war freigelegt durch den Camino und hat den weiteren Weg ‚gewusst‘. Ist das nicht wunderbar? – Freue mich auf weitere Lektüre deiner Seite.
    Herzliche Grüsse aus Noch-Hamburg

    1. Josef!! Ich freue mich riesig, von dir zu hören. Es war so toll, dich heute kennenzulernen. Du hast mir wirklich Lust auf die Schweiz gemacht (zumal ich noch nie da war, wenn man von einem Jobtermin in Männesee absieht).
      Und wie freue ich mich, dass du gleich mal nachgeschaut und gelesen hast. Danke!!

    1. Sollte ich mich an die Schweiz ran trauen, bist du der Erste, der es erfährt. Und dann will ich „deine“ Herberge in St. Gallen besuchen! Gute Rückreise

      1. Sankt Georg hat hauptsächlich viele Bars unter der Regenbogenflagge. Die sind sicherlich auch teilweise gemütlich, aber ob dir danach ist, weiß ich nicht so recht. Es gibt einen Jazz-Laden in der Innenstadt , den Cotton Club (https://cotton-club.de/wordpress/). Allerdings sind da tatsächlich meist Konzerte, keine Ahnung, ob man da jetzt noch hingehen kann.
        Hätte ich gewusst, dass du heute Abend gelangweilt in Hamburg bist, hätten wir uns gern auf ein Glas Wein treffen können.

  3. Danke dir. Habe nun gesehen, dass in dem von dir genannten Ort morgen um 11h Musik à la Django Reinhard gespielt wird. Das wäre was.
    Habe eine Paëlla genossen und werde doch bald zur Unterkunft gehen.
    Habe zuerst nicht realisiert, dass du aus Hamburg stammst.
    Ich bin noch bis etwa 15h in der Stadt, bevor es auf die Heimreise geht.

    1. Habe deinen Mail gesehen, da ich wieder wach war.
      Du arbeitest ja hart für deinen Blog. Aber was Spass macht, macht nicht müde.
      Kommst du mit zum Konzert um 11h? – das wäre schön.
      Gute Nacht und gute Erholung!

Und was sagst Du?