Fremdgehen mit… Norbert, 55, und Annette, 51, aus Rheinsheim

2+
In der 2. Ausgabe von „Fremdgehen mit“ erzählen Norbert und Annette vom Paar-Laufen auf dem Camino, Metamorphosen von Light-Pilgern zu echten Pilgern und Abbruchgedanken auf dem Monte do Gozo. #Camino #Erfahrungsbericht #Blogprojekt #Jakobsweg #Caminofrances #Moselcamino #läuftbeiihr

„Fremdgehen mit Norbert und Annette“ – oder über die Metamorphose von Light-Pilgern zu echten Pilgern, Winter bei unter 20 Grad, über deutsche Verwunderung, die Norberts großer Rucksack auslöst und Erleichterung, dass Annette nicht drinsitzt, über Abbruchgedanken auf dem Monte do Gozo, ein halbes Rind und eine Wanne Reis als Proviant und über die Wahl zwischen ewigem Schweigen und ewigem Zusammensein, Happy End inklusive.

 

Wer sind Norbert und Annette und wie kommen sie ins Wanderland?

Norbert gehört zu den Menschen, die lange klammheimlich meinen Blog gelesen haben und von deren Existenz ich nichts wusste, bis er sich Mitte Mai aus dem Nichts von mir per Kommentarfunktion auf der Webseite verabschiedete. Er wolle mir mitteilen, dass meine Beiträge ihm noch mehr Lust auf seinen eigenen, nun beginnenden Camino Francés gemacht hätten und dass er meine Idee der zum Stillsein verdonnerten WhatsApp-Gruppe einfach mal übernommen habe.

Teil dieses erlauchten WhatsApp-Kreises wurde ich natürlich nicht. So wusste ich nicht, wie es für Norbert war, als er von dannen gezogen war. Aber man sieht sich ja immer zweimal im Leben, denn mit meinem kleinen „Fremdgehen mit…“-Vorhaben bietet sich mir die Chance, aus erster Hand zu erfahren, wie es ihm ergangen ist. Norbert hat sich nämlich als einer der Ersten für dieses Projekt gemeldet.

Von Annette, Norberts Frau, erfuhr ich erst, als er mir die Antworten auf meine Fragen pflichtschuldigst binnen zwölf Stunden zurücksandte (er war auch hier mit Abstand der Schnellste). Als ich las, dass er mit seiner Lebensgefährtin gemeinsam auf dem Camino unterwegs war, schoss mir eine Idee durch den Kopf: Wie genial wäre es, wenn die beiden ihre Jakobsweggeschichte als Paar gemeinsam zum Besten geben würden?

Ich werde in meinen eigenen Erzählungen über den Camino ja nicht müde, zu unterstreichen, wie wahnsinnig gut ich es finde, alleine unterwegs zu sein: da könne man sein Tempo gehen, habe die ultimative Freiheit und vor allem gehe einem niemand länger als nötig auf die Nerven, weil man sich ja jederzeit abseilen könne.

Ich habe auf meinen Jakobswegen erlebt, wie Freundschaften kurz davor standen zu zerbrechen und sich Ehepaare in tagelanges Schweigen hüllten, weil einen der Camino doch noch mal vor ganz andere Herausforderungen stellt als das normale Leben.

Also bat ich Norbert, seine Annette zu fragen, ob sie bereit wäre, ihren Senf zu seinen Antworten dazuzugeben, so dass ich zwei Stimmen in einem Artikel hätte. Es war erst Montag – bei Norberts Tempo sollte das bis Ende der Woche locker machbar sein. Und siehe da: Annette musste nicht lange überzeugt werden. Wenn man einen Camino gemeinsam gegangen ist, kann einen so ein Fragebogen vermutlich wirklich nicht mehr aus der Ruhe bringen!

Bühne frei für ein Camino-Paar – Applaus für Norbert und Annette:

Harte Fakten & Standardfragen

Alle Pilger, die sich in diesem Projekt zu Wort melden, werden mir fünf feststehende Fragen beantworten und natürlich kurz verraten, wer sie sind und wann sie auf welchem/n Camino/s unterwegs waren.

Dann schauen wir uns doch mal an, mit wem wir es heute zu tun haben.

Doppelte Power, doppelter Regenbogen

Wer seid ihr?

Norbert, 55, und Annette, 51, aus Rheinsheim

Welche Caminos seid ihr wann gelaufen?

  • Camino Francés von Sarria nach Santiago (Juni 2015, 122 km)
  • Südpfälzer Jakobsweg von Speyer zum ehemaligen Kloster Hornbach (September 2017, 148 km)
  • Mosel-Camino von Koblenz nach Trier (September 2018, 145 km)
  • Camino Francés von Saint-Jean-Pied-de-Port (Norbert) bzw. von Astorga (Annette) nach Santiago (Mai/Juni 2019, 650 km bzw. 268 km)

Mit wem wart ihr unterwegs?

Camino ist bei uns Teamwork. Die ersten drei Kürzeren sind wir gemeinsam gelaufen. Bei dem „Großen“ ab Saint Jean ist Norbert mit seinem Freund Romanus in Saint-Jean gestartet, Annette kam dann in Astorga dazu.

Wieso seid ihr den Jakobsweg gegangen?

Annette: Wann ich zum ersten Mal die Idee hatte, dass ich mal den Camino machen will, weiß ich schon gar nicht mehr. Es war auf jeden Fall lange bevor ich Norbert kennengelernt habe; übrigens auch lange bevor das durch Hape Kerkeling zum Hype wurde.

Ich bin ein spiritueller Mensch, ich mag besondere Momente und das Erreichen von Santiago, das Weihrauchfass und die Erfahrung des Weges habe ich als Chance auf solche Momente gesehen. Letztendlich war es so eine Sache, von der man plötzlich weiß, dass man sie tun will, was aber eben noch lange nicht heißt, dass man sie dann auch wirklich tut. Ich habe einfach jemanden gebraucht, der mich schubst – und Norbert kann echt nett schubsen.

Norbert: Als ich meine Frau vor etwa fünf Jahren kennenlernte, kamen wir irgendwann auf das Thema Jakobsweg zu sprechen. Die nicht ganz unübliche Feststellung ihrerseits, „den wollte ich auch immer mal gehen“, quittierte ich nur mit: „Dann organisiere ich das mal.“

Gesagt getan. Im nächsten Sommer war es soweit. Wir machten uns auf den Weg. Na ja, also um genau zu sein, waren wir ehrlicherweise zunächst als „Tourigrinos“ am Start. Wir entschieden uns nämlich für eine Reise mit einem Veranstalter ab Sarria, Gepäcktransport und Hotel inklusive. Man könnte es auch „pilgern light“ nennen.

Jetzt das große ABER! Das war der Einstieg für uns beide. Hätten wir das damals nicht gemacht, wären wir den Weg wohl nie gegangen. Haltet also vielleicht kurz inne, bevor ihr zu sehr auf die Kurzstreckenpilger schimpft. Vielleicht verbergen sich dahinter die „echten Pilger“ von morgen.

Annette: Also ohne diese organisatorische Sicherheit hätte ich mich nie darauf eingelassen. Ich bin nicht der Typ, der einfach so drauflosläuft. Ich muss wissen, wo das Ziel ist und dass da ein Bett und eine Dusche auf mich warten.

Norbert: Es gibt noch eine weitere Geschichte, wieso wir auf den Jakobsweg wollten. Eigentlich sollte ein sehr guter Freund von uns diese Reise leiten. Er kam jedoch kurz zuvor ins Krankenhaus. Diagnose Hirntumor. Er musste sofort entfernt werden. Sein Schicksal gab unserem Camino erst recht einen besonderen Sinn.

Unsere Gedanken auf dem Weg waren fortan bei ihm, und wir zündeten unterwegs mehr als eine Kerze für ihn an. Was soll ich sagen? Mit Erfolg! Er ist inzwischen vollständig genesen und übrigens genau wie wir immer wieder unterwegs und inzwischen so ungefähr jeden Jakobsweg gegangen, sogar die Via de la Plata.

Generell sind Jakobswege für mich eine Mischung aus körperlicher Herausforderung und gleichzeitig geistiger und geistlicher Bereicherung. Die vielen Begegnungen auf dem Weg machen es besonders. Das alles zusammen macht in meinen Augen das „Suchtpotential“ so groß.

Bloß keine Pfeile und Muscheln übersehen – bei dem Riesenteil im Hintergrund kein Problem

Was war euer schönster Moment?

Norbert: Zweifelsfrei die Pilgermesse in Santiago im Juni 2015. Wir saßen im Seitenschiff der Kathedrale, als das Weihrauchfass vorbereitet wurde und Minuten später an uns vorbeiflog. Das war wirklich ein unvergessliches Erlebnis. Somit ist es besonders schade, dass in diesem Jahr die Kathedrale von innen renoviert wird und es dort derzeit keine Pilgermesse gibt.

Die diesjährige Ankunft in Santiago habe ich dafür umso intensiver auf dem Platz genossen. Als der Dudelsackspieler sein Spiel begann, während wir durch die Torbogen den Platz betraten, war es um mich geschehen. Eigentlich nicht weiter erwähnenswert, dass ich in diesem Moment nicht nur nah am Wasser gebaut war, sondern mich quasi mittendrin befand.

Annette: Egal, wem ich von der Pilgermesse erzähle, ach was, selbst wenn ich nur daran denke, bekomme ich eine Gänsehaut.

Was war das schlimmste Erlebnis?

Norbert: Dieses Jahr startete ich mit meinem Freund Romanus in Saint-Jean-Pied-de-Port. Wir beide sind seit vielen Jahren befreundet. Er ist Priester und hat Annette und mich getraut. Wir hatten im Job miteinander zu tun und haben irgendwann gesagt: „Das machen wir zusammen“. Romanus ist vor vier Jahren schon mal den ganzen Weg gegangen und war insofern der perfekte Begleiter.

In Lorca, also nach guten hundert Kilometern, hat es mich dann erwischt. Ich hatte eine Riesenblase unter dem rechten Fuß, bei der sich die Haut so übereinander geschoben hat, dass ich etwas davon wegschneiden musste. Das führte leider zu so starken Schmerzen, dass ich nicht mehr laufen konnte. Ich habe echt in Erwägung gezogen, aufzugeben.

Romanus hat mich aufgerichtet – nicht nur mit Jodtinktur aus der Apotheke, sondern mit seiner Freundschaft und Zuwendung. Ein Mitpilger aus Kanada (seines Zeichens gebürtiger Belgier), der selbst mit dem Auto unterwegs war, um das Gepäck seiner Frau zu transportieren, brachte mich ins 18 Kilometer entfernte Villamajor de Monjardín. Er tat das ohne Zögern und ohne etwas dafür zu nehmen.

So eng liegen schlimmstes Erlebnis und tolle Augenblicke auf dem Camino beieinander. Nach einem weiteren Tag Aussetzen ging es dann, auch Ibuprofen sei Dank, wieder weiter.

Annette: Das ereignete sich, bevor ich dazukam. Die Bilder seiner Verletzung über WhatsApp zu sehen und dann „Fernberatung“ zu machen (ich bin irgendwie vom Fach), das tat mir fast selbst weh. Genauso, wie zu spüren, dass Norbert am Rande des Aufgebens war und ich absolut nichts für ihn tun konnte.

Ich selbst hatte 2019 kein wirklich schlimmes Erlebnis. Wir sind nur an einem Tag nass geworden (nass werden ist für mich ein bisschen schlimm – vielleicht war ich in meinem vorherigen Leben eine Katze?), und es hat nur zu einer klitzekleinen Blase an der kleinen Zehe gereicht, was nicht weiter schlimm war. 2015 sah das anders aus, aber dazu dann mehr bei der nächsten Frage.

Wie war das Ankommen in Santiago für euch?

Norbert: Beim ersten Mal in 2015 hatte meine Frau echte Probleme. Aufgrund verschiedener Umstände standen wir mit der damaligen Gruppe auf dem Monte do Gozo bei kühlem, windigem Wetter und warteten auf eine Frau aus der Reisegruppe. Diese Dame hatte bereits im Vorfeld mehrfach genervt. Nun tauchte sie erst gar nicht auf.

Diese Situation wiederum führte dazu, dass Annette kurz davor war, zehn Kilometer vor dem Ziel ans Aufgeben zu denken. Kein Scherz und wirklich alles andere als lustig. Das hat unsere damalige Ankunft in Santiago nicht gerade zu einem Feuerwerk gemacht.

Annette: Das ist echt noch nett formuliert! Von dem dummen Rumstehen in der Kälte, um auf die „Dame“ zu warten, hat einer meiner Muskeln an der Hüfte total zugemacht. Bei jedem Schritt hat es dann mehr geschmerzt. Am Ortsrand von Santiago habe ich tatsächlich ein Taxi in Erwägung gezogen. Ich hätte am liebsten einfach alles hingeschmissen. Aber das will man dann nach der ganzen Strecke natürlich auch nicht. Also habe ich die Zähne zusammengebissen, ein paar Tränchen weggedrückt, das Krönchen geradegerückt und bin weitergetapst.

Ich weiß nicht mehr, wie ich die letzten Kilometer geschafft habe. Ich wollte nur noch in der Ecke liegen und meine Ruhe haben. Ein paar Stunden später ging es dann wieder, aber die Ankunft war tatsächlich nicht so, wie ich mir das vorgestellt hatte.

Norbert: Umso mehr haben wir es in diesem Jahr genossen, Hand in Hand und ganz bewusst anzukommen. Das war so, wie es sein sollte. Emotional einfach der Hammer. Wir lagen uns zu dritt in den Armen und haben den Moment ganz tief genossen.

Annette: GENAU SO WAR DAS! So hatte ich mir das vorgestellt … nein eigentlich war es in der Realität noch sehr viel besser als in meiner Vorstellung.

Geschafft! Die Camino-Family vor der Kathedrale in Santiago: Norbert, Annette und Romanus

Der Jakobsweg in fünf Hashtags

#malwiedererden #immeranders #unterwegssein #menschenbegegnen #erlebnispur

 

Die Qual der Wahl-Fragen

Kommen wir zu den fünf Fragen, die sich Norbert und Annette aus einer Liste von 20 ausgesucht haben. Damit es von Woche zu Woche ein wenig Abwechslung gibt, sind die nämlich jedem Pilger selbst überlassen. Weil sich in diesem Fall zwei Leute einbringen, durften sie sich noch an zwei weiteren Fragen austoben. Außerdem habe ich den beiden noch eine „Zusatzfrage“ aufs Auge gedrückt: Ich wollte wissen, wie es für sie war, den Camino als Paar zu laufen, und damit geht es dann auch gleich als Erstes los:

Wie war es für euch als Paar, den Weg gemeinsam zu laufen?

Norbert: Ich fand es nicht anstrengend. Im Gegenteil – ich habe das Gefühl, dass wir uns gut ergänzen. Bei unserem ersten Camino haben wir übrigens vorher scherzhaft gesagt: entweder wir reden danach kein Wort mehr miteinander, oder wir heiraten. Naja – wir sind bei Variante zwei gelandet.

Annette: Wir sind glücklich verheiratet, auch noch drei Caminos später. Wie Norbert schon anfangs gesagt hat: ich wollte den Jakobsweg immer schon laufen, aber alleine hätte ich mich das niemals getraut, und mein innerer Schweinehund ist dafür auch viel zu groß. Außerdem würde ich mich dann wirklich einsam fühlen, und das war ich in meinem Leben lange genug. Für mich ist Camino zusammengehen der Ausdruck von WIR.

Norbert: Noch eine kleine Ergänzung zum gemeinsamen Laufen. Den ersten Teil des Camino Francés bin ich ja dieses Jahr mit Romanus gelaufen. Da hatte ich im Vorfeld durchaus Zweifel, ob es funktioniert. Und was soll ich sagen, es hat funktioniert! Ich denke, der Trick ist, jedem seinen Raum zu geben.

Man muss nicht die ganze Zeit nebeneinanderhergehen. Man macht das zwar über lange Strecken, aber man trifft ja auch andere Pilger, mit denen man ins Gespräch kommt, oder einer bleibt stehen und macht Fotos, während der andere das manchmal gar nicht mitkriegt. Dann geht man weiter allein vor sich hin, und es ist okay. Das Geheimnis ist aus meiner Sicht GELASSENHEIT.

Lange Beine im Morgenlicht – da weiß man, wofür man aufgestanden ist.

Würdet ihr den Weg noch einmal gehen?

Norbert: Ich muss zugeben, dass man unmittelbar danach zunächst nicht gleich wieder los will – also ich zumindest nicht. Aber nach ein paar Tagen oder Wochen packt es einen dann doch wieder. Ich zitiere meine Frau: „Naja wenn man den Bericht von Katalin so liest, dann steht der Caminho Portuguese auch noch auf unserer Liste. Vielleicht laufen wir den 2021 zusammen mit meiner Tochter, denn dann ist Heiliges Jahr.

Wie erging es euch, als ihr wieder zuhause wart?

Annette: Irgendwie bin ich reichlich schnell wieder im normalen Leben angekommen. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich mich nahezu sofort in die Nachbereitung stürze, will heißen: Wäsche waschen, Sachen wegräumen, Post lesen. Ich hoffe immer noch, dass ich lerne, Erfahrungen wie den Camino nachklingen zu lassen. Norbert ist da anders gestrickt, und ich muss zugeben, dass ich ein wenig neidisch bin.

Norbert: Ich fand das Ankommen daheim durchaus schwierig. Während man sich auf dem Weg um nichts außer das Laufen kümmern muss, gilt es zuhause gleich wieder, den Alltag zu bewältigen. Das überforderte mich gerade zu Beginn ein wenig. Da bewundere ich Annette, wie sie gleich wieder alles managt. Ich selbst gerate da schon mal ein wenig unter die Räder.

Inwieweit hat euch der Weg verändert?

Norbert: Da komme ich auf meinen ersten Hashtag zurück. Der Camino erdet mich. Ich rege mich nicht mehr so über Kleinigkeiten im täglichen Leben auf. Ich denke über die Werte des Lebens nach. Gesundheit ist zum Beispiel so ein wichtiger Wert, den ich inzwischen wieder ganz anders zu schätzen weiß. Die Tatsache, dass ich den Weg gehen konnte, ist für mich ein großes Glück. Also ja, der Weg hat mich verändert.

Annette: Mir hat der Weg ein ums andere Mal gezeigt, dass man alles erreichen kann, auch wenn man sich das am Anfang gar nicht vorstellen kann. Ich habe immer wieder gedacht, das schaffe ich nie. Aber mit Norbert zusammen bin ich, beziehungsweise sind wir, dann eben doch immer angekommen.

Auf welches Teil in eurem Rucksack hättet ihr auf keinen Fall verzichten wollen, und was war absolut überflüssig?

Norbert: Ich hatte sage und schreibe fünf (!) Paar Wandersocken dabei. Zwei hätten echt gereicht. Auf den Hoodie, den ich mir kurz vor der Reise gekauft habe, hätte ich jedoch auf keinen Fall verzichten wollen. Ob abends als „Freizeitkleidung“ oder morgens als Unterzieher bei drei Grad – er war absolut unverzichtbar!

Annette: Ich habe grundsätzlich viel zu viel Essen dabei. Meine „Apfelsammlung“ war in diesem Jahr legendär. Ich habe gefühlt zehn davon mit zurück nach Deutschland geschleppt. Außerdem immer dabei waren Bonbons, Müsliriegel, kleine Dauerwürste, belegte Brötchen, irgendwas mit Schokolade (am liebsten Schokokekse), ein halbes Rind und eine Badewanne voller Reis. Okay, Rind und Reis waren ein Scherz, aber sonst stimmt alles.

Absolut unverzichtbar war für mich hingegen meine pinkfarbene Flauschweste. Ich bin eine totale Frostbeule. Alles unter 20 Grad ist für mich Winter.

Am 100-Kilometerstein. Wie gut, dass die pinkfarbene Flauschweste mit von der Partie war – und natürlich auch Romanus.

Kopf oder Bauch, Etappen planen oder draufloslaufen, reservieren oder Zufallsprinzip – wie geht ihr vor?

Norbert: Sowohl als auch. Reservieren war zu Beginn meines Weges im Mai nicht notwendig. Später gab es dann aber durchaus einige Orte wie León, Astorga oder Burgos, wo jede Menge neuer Pilger einsteigen. Da ist Reservieren für mich unverzichtbar, vor allem wenn man zu zweit oder dritt unterwegs ist.

Gut, dass Norbert reserviert hat. So kann er sich in León vor dem Convento de San Marco schön mit dem anderen Pilger entspannen.

Auch mit Blick auf die Streckenplanung kann ich nur sagen: Die Mischung macht’s. Am Abend vorher plane ich gerne den nächsten Tag, aber ich organisiere nicht weiter im Voraus. Es geht auch mal Plan B statt A, sprich: wenn es gut läuft, gehe ich auch schon mal einen Ort weiter. Als meine Frau dann ab Astorga dabei war, war Vorbuchen Standard. Sie kann nicht anders. Jeder tickt eben auf seine Weise.

Annette: Das hat er ganz gut beschrieben. Ich kann ohne Plan einfach nicht. Ich brauche die Sicherheit, dass Bett und Dusche auf mich warten. Offensichtlich bin ich ein wenig zwanghaft.

Wovor hattet ihr die größte Angst?

Norbert: Ganz eindeutig vor der ersten Etappe von Saint-Jean-Pied-de-Port über die Pyrenäen nach Roncesvalles. Ich war mir nicht sicher, ob ich gut genug vorbereitet bin. Im Nachhinein war es einfach nur schön.

Annette: Ich hatte Angst, dass ich es nicht schaffe. Das klingt jetzt reichlich seltsam, aber es sind ja tatsächlich immer wieder Menschen auf dem Weg gestorben. Okay, ich stelle gerade fest, dass ich offensichtlich nicht nur ein wenig zwanghaft, sondern auch ab und an ein wenig irrational bin.

Wie habt ihr euch auf den Camino vorbereitet?

Norbert: Ich habe das Glück, dass ich manchmal in der Pfalz und Eifel sein kann. Dort bieten sich die Traumpfade als Trainingsstrecken geradezu an. Sobald ich dort mit meinem großen Rucksack unterwegs bin, staunen die anderen Leute nicht schlecht. Wenn man dann erzählt, was man vorhat, kommen die üblichen Reaktionen. „Ach ja, das wollten wir ja auch immer schon mal, aber leider…“ und dann wird vom kranken Wellensittich bis keine Zeit wegen Oma alles herangezogen, was nicht niet- und nagelfest ist.

Annette: Was soll ich machen – er schleppt mich halt immer mit (nein, nicht in seinem großen Rucksack).

„Letzte Worte“ bzw. was möchtet ihr anderen Pilgern mit auf den Weg geben?

Life is now! – passt total und stand auf einem Stein am Camino.

Und: Machen ist wie Wollen – nur krasser (das stand auf keinem Stein, stimmt aber trotzdem)

 

Kommentare, Fragen und Feedback

Wie hat euch die Geschichte von Norbert und Annette gefallen? Könnt ihr euch vorstellen, mit eurem Partner einen Jakobsweg zu laufen? Und wie ergeht es euch, wenn ihr nach Hause kommt? Seid ihr da eher „Typ Annette“ und kommt sofort bestens im Alltag klar, wenn auch ein klein wenig auf Kosten eures Camino-Feelings, oder geht es euch wie Norbert, und ihr fühlt euch ein wenig mit dem normalen Leben überfordert?

Habt ihr Fragen an die beiden? Schreibt sie gern in die Kommentarfelder. Ich bin mir sicher, sie werden ab und zu vorbeischauen und ein Auge auf diesen Beitrag haben.

Wie gefällt euch der Projektauftakt? Möchtet ihr vielleicht selbst mitmachen und eure Geschichte auf diese Weise teilen? Dann meldet euch gern – sei es hier auf dem Blog, auf Facebook oder per Mail an audreyimwanderland@gmail.com. 

 

Weitere Eindrücke aus dem Wanderland

Ihr seid hier heute zufällig gelandet und fragt euch, wer diese Audrey ist, auf deren Blog ihr euch befindet?

Ihr habt den Beitrag gelesen und würdet gern en détail wissen, wie sich so ein Jakobsweg anfühlt? Dann könnt ihr meine Reisen Etappe für Etappe nachlesen:

Ich muss das weitersagen
2+

16 Gedanken zu „Fremdgehen mit… Norbert, 55, und Annette, 51, aus Rheinsheim&8220;

  1. Toll geschrieben. Auch wir sind seit 2016 als Paar auf den Caminos und Fernwanderwegen unterwegs, 2016 von SjpdP nach Santiago, 2018 von Porto nach Santiago und 2019 waren wir im Tramuntana Gebirge auf Mallorca unterweg. Und ja, für uns ist es optimal zu Zweit zu laufen, zu erleben und zu teilen. Und wie Ihr schon beschreibt, wir laufen nicht jeden Meter nebeneinander her, es entzerrt sich durch Fotografieren, einfach nur Gucken und Staunen und an den Nachmittagen finden wir unseren Gleichschritt, um gemeinsam Anzukommen. Wir sind jetzt dabei, unsere nächste Tour im kommenden Jahr auf der Via Tolosana zu planen. Allein die gemeinsame Vorfreude (und das Thema ist bei uns dauerpresent) ist eine Riesenbereicherung in unserem Alltag.

    1. Freut uns, dass ihr euch freut 😂
      Scherz beiseite – wir haben ein paar Informationen geliefert, das Schreiben ist schon unverkennbar von Audrey. 👍🏻
      Danke für die Blumen und euch weiter viel Spaß beim gemeinsamen Erlebnis.
      Norbert

  2. Sehr schön geschrieben. Ich gehe nächstes Jahr im Juli meinen ersten Camino. Den portugiesischen, Central. Erst eine Woche alleine von Porto, wahrscheinlich bis Valenca, dann kommt mein Partner dazu und es geht für zwei Wochen gemeinsam weiter. Liebe Grüße – Martina

  3. Liebe Anette, lieber Norbert,

    vielen Dank für das Teilen Eurer Geschichte!

    Ihr habt das genau richtig gemacht bzw. tut es immer noch – ich glaube, dass viele, die gemeinsam pilgern, es zu sehr erzwingen wollen. Dabei ist es aber schwierig, wenn nicht unmöglich, immer und überall im gleichen Takt unterwegs zu sein, das muss ja dann irgendwann zu Frust führen. Dem anderen Raum zu geben, ist wahrscheinlich der Schlüssel.

    Viele Grüße
    Stefan

  4. Schön, den Weg mal aus der Sicht eines Paares zu erleben. Hat mir wirklich Spaß gemacht euren Bericht zu lesen. 🙂
    Danke Audrey, dass wir uns auch weiterhin Sonntags auf spannende und unterhaltsame Pilgergeschichten freuen können!
    LG aus Berlin

    1. Gern geschehen – ich freu mir ja selbst nen Keks 🙂
      Und die Befürchtung, dass es eine Schnapsidee war, löst sich langsam auch in Luft auf! Dank euch, versteht sich

  5. wieder mal ein Bericht über den Jakobsweg, der meinen Kopf zum Nachdenken und meine Beine zum Gehen verleiten will.
    Vielen Dank dafür, liebe Annette und lieber Norbert!
    Tausend Dank auch an Audrey für ihre tolle Idee!

  6. Liebe Anette, lieber Norbert,
    man merkt gleich, dass Ihr ein eingespieltes Team seid und durch Gegensätze harmoniert. Ich bin wohl eher Typ Norbert, nicht alles zuende planen und auch mal improvisieren. Für das Planbare ist in meiner Beziehung mein Gatte zuständig und macht es auch viel lieber als ich 😉
    Und der Spruch: Machen ist wie Wollen – nur krasser! wird bei mir nächstes Jahr auch umgesetzt, und zwar auf dem portugiesischen Jakobsweg. LG SonjaM

    1. Liebe Sonja,
      So hat jeder seine Stärken und Schwächen 😁 Portugal reizt uns auch noch … wir denken über 2021 nach wegen Heiligem Jahr. Mal sehen, wer da die Planung übernimmt 😎
      LG Annette & Norbert

Und was sagst Du?