VI (Mosel-Camino) – Von Klausen nach Schweich

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Tag 6 auf dem Mosel-Camino. Ein Dorf wehrt sich gegen das Aussterben, Audrey vermisst einen Acker und erlebt ihr persönliches Watergate und Weihnachten fällt dieses Jahr in den September. Oder kurz: du sollst den Tag nicht vor dem Abend verfluchen. (26.09.2017 – 28 km)

Nach einer erneut unruhigen Nacht betrete ich pünktlich zum Frühstück den Dorfladen im Erdgeschoss meiner Residenz und habe dort die Wahl zwischen verschiedenen Brötchensorten und Kaffeevariationen. Serviert werden sie mir von der netten Frau, die sich gestern telefonisch so gut um meine Anreise gekümmert hat. Der Laden ist voll.

Service-Tausendsassa

Es ist nicht einfach nur ein Laden, sondern eine Mischung aus Bäckerei, Supermarkt, Kiosk, Paketshop und Café, oder, wie man mir erzählt, der Versuch, das Leben auf dem abgelegenen Dorf am Laufen zu halten. Nur den von mir dringend benötigten Geldautomaten gibt es hier nicht mehr. Er wurde abgebaut, weil er sich nicht mehr rentierte.

Hier stehe ich und kann mit eigenen Augen sehen, was gemeint ist, wenn es heißt, dass die Versorgung auf den Dörfern immer schlechter wird. Wo denn der nächste Automat sei, will ich wissen, bekomme aber keine hundertprozentige Antwort. Die nächsten Geldautomaten liegen jedenfalls nicht auf meiner Strecke, so viel ist sicher. Es kann sein, dass es in Klüsserath noch eine Bank gibt, aber sicher ist man sich nicht. Ich bin total fassungslos. Wenn ich in Hamburg bin, komme ich allein auf dem Weg zur U-Bahn an drei Banken vorbei! Das ist wirklich bitter für die Leute hier.

Wird schon irgendwie gehen, denke ich und mache mich mit meinen verbliebenen 35 Euronen um viertel vor zehn auf den Weg. Gleich am Ausgang von Klausen komme ich an einer bunt lackierten Parkbank vorbei. Es handelt sich um eine Art selbst organisierte Mitfahrzentrale von Nachbarn für Nachbarn, vermutlich um die Mobilität vor allem der Älteren weiter zu gewährleisten und der Isolation ein Schnippchen zu schlagen. Ich bin auch in der Isolation und laufe im Nebel allein zwischen Feldern in Richtung des elf Kilometer entfernten Klüsserath.

img_7686Irgendwie fluppt es heute nicht so. Ich habe Bauchkrämpfe, bin müde, es ist bewölkt, und mir fehlt die Freude am Laufen. Und dabei habe ich gestern noch groß erzählt, dass es nach Tag drei steil bergauf geht. Steil aufwärts geht es natürlich trotzdem, wenn auch nicht unbedingt mit meiner Laune.

So zähle ich die Kilometer runter, von denen ausgerechnet heute so viele vor mir liegen. Mit 28 Kilometern ist es meine längste Etappe auf dem ganzen Mosel-Camino. Eine Unterkunft für heute Nacht habe ich auch noch nicht. Es soll ja spannend bleiben.

Die Vermessung des ganzen Felds

Die nebligen Feldwege gehen in neblige Waldwege über, doch nach anderthalb Stunden ist auch der Wald plötzlich zu Ende. Ich stehe vor einem abgeernteten Feld. Und jetzt? Der letzte Pfeil am Ausgang des Waldes sagte geradeaus. Geradeaus ist aber das Feld mit einem Gras bewachsenen Trampelpfad links daneben, an dessen Ende ein Zaun zur Seite gelegt worden ist. Ich mache ein paar Schritte gerade aus.

Google Maps ist mir diesmal auch keine Hilfe. Es zeigt mir lediglich, dass ich im absoluten Nichts stehe und verrät, in welcher Richtung Klüsserath liegt. Die nächsten, bei Google vermerkten Wege, sind in sicherer Entfernung. Ich versuche es also im Alleingang, gehe zurück zum Wald und entscheide, von dort rechts herum entlang des Feldes weiter zu gehen. Gesagt getan. Erinnerungen an gestern werden wach. Da hatte sich der Camino ja auch schon in einen ganz besonderen Feldweg verwandelt.

img_7687So laufe ich also immer geradeaus die Längsseite des Ackers ab, der übrigens das Ausmaß eines ausgewachsenen Fußballfeldes hat, bis mir an seinem Ende ein weiterer Zaun den Weg abschneidet. Toll. Also im 90 Gradwinkel nach links weiter. Vor mir sehe ich in der Ferne einen Bauernhof. Da wird dann ja wohl auch wieder ein Weg sein. Doch auch diesmal ende ich vor einem Zaun.

Ich ziehe ernsthaft in Erwägung, drüber zu klettern und stumpf auf den Hof zuzulaufen. Dazu müsste ich allerdings mitten durch eine Kuhweide. Das ist irgendwie auch keine Option. Nachher wohnt auf dem Hof so ein Durchgeknallter, der mich für einen Einbrecher hält und seinen Hund auf mich hetzt oder schlimmer noch, eins der Rinder verwechselt mich mit einem Torrero.

Selber, selber, lachen alle Kälber

Also zurück zur letzten Muschel am Waldrand und noch mal die Richtung checken. Und so bin ich 20 Minuten, nachdem ich auszog, den Acker zu umrunden, wieder am Ausgangspunkt. Bingo. Die letzte Muschel hat sich nicht bewegt. Sie zeigt immer noch stumpf geradeaus. Ich bin mal wieder zwischen Lachen und Fluchen hin und her gerissen. Ich stelle mir vor, wie mich jemand beobachtet hat, während ich hier mit meinem Rucksack akribisch den Acker vermessen habe. Das muss so unfassbar bescheuert ausgesehen haben.

Ich versuche es also noch mal und befolge einfach, was die Muschel sagt und gehe gnadenlos geradeaus auf den zu Boden gelegten Zaun zu. Et voila. An einem Obstbaum, der nur wenige Meter hinter dem Zaun steht, zwinkert mir die nächste Muschel schelmisch zu. Die habe ich vorhin übersehen.

img_7688Ich laufe an der Kuhherde vorbei und muss mir den wenig empathischen Blick zweier Kälber gefallen lassen. Die haben sich wahrscheinlich vorhin köstlich amüsiert, als sie mich über das Feld eiern sahen. Ich strafe sie mit dem herablassendsten Blick, den ich im Angebot habe. Take that, ihr Rindviecher. Eure Blicke können mir gar nichts anhaben! Da stehe ich aber so was von drüber. Der Umweg entlang des Ackers war absolut gewollt. Noch mal kurz mit großer Geste die Haare nach hinten geworfen, Krönchen gerichtet und weiter. Denen habe ich es gezeigt!

Um zwölf sind die ersten elf Kilometer geschafft, und ich bin in Klüsserath, wo einmal mehr Siesta herrscht. Die Touristeninfo in der Post hat Mittagspause. Also gleich zwei Niederlagen – weder ein Stempel, noch Bargeld. Ich werfe stattdessen einen kurzen Blick in die Kirche.

Als ich wieder heraustrete, stoße ich fast mit einem Ehepaar im gehobenen Alter zusammen. Ich frage sie nach einer Bank, doch leider können sie nicht helfen. Sie wissen aber immerhin, in welche Richtung ich später weiter muss, um zur Marienkapelle zu gelangen. Und dann erzählen sie mir, dass sie seit mehr als 30 Jahren hier urlauben. Sie wussten gar nicht, dass es einen Jakobsweg gibt. Ich sei aber tüchtig, wenn ich das ganz alleine mache, stellt die Frau fest, und ich muss ob der Wortwahl schmunzeln.

Nur Bares ist Wares, aber ich sitze auf dem Trockenen

Ich bewege mich also erstmal grob in die angezeigte Richtung, vorbei an fünf Männern, die gerade eine Auffahrt ausbessern. Ich frage erneut und diese Herren können mir tatsächlich helfen. Ja, es gäbe noch eine Bank im Ort. Da müsse ich in die entgegengesetzte Richtung laufen, das seien gute zehn bis 15 Minuten. Ich fluche innerlich und habe meine Gesichtsmuskeln wohl nicht so ganz unter Kontrolle, denn sie lachen mich aus. Wer so weit laufe, dem mache doch sicher ein Kilometer zusätzlich nichts aus. Wenn die wüssten, dass ich schon unnötigerweise den Fußballfeld-Acker vermessen habe!

An Tagen wie diesen ist jeder Kilometer extra auch eine extra Belastung. Zähneknirschend trotte ich also wieder zurück. Vorbei an der Post, an der Kirche, an einem Pizza-Chinesen (internationale Küche, ihr wisst schon) und finde die Bank. Na also. Mit Geld in den Taschen ist die Lage bereits deutlich besser. Einen Supermarkt kann ich dummerweise trotzdem nicht entdecken. Dabei brauche ich noch Wasser, und Äpfel wären auch nicht schlecht. In meiner Trinkflasche sind noch ungefähr 0,4 Liter und vor mir liegen gute 15 Kilometer. Heute ist tatsächlich das erste Mal, an dem ich morgens vergessen habe, meine zweite Flasche aufzufüllen.

Fragen kostet nichts – außer Überwindung

Erneut komme ich an den fünf Männern vorbei, diesmal mit einem Lächeln. Sie wünschen mir einen guten Weg und kurz überlege ich zu fragen, ob sie mir meine Flasche auffüllen können, aber dann ist es mir doch zu unangenehm. In fünf Kilometern bin ich in Ensch, da gibt es sicher eine Möglichkeit, denke ich mir.

Mein Weg zur Marienkapelle wird von einem sehr modernen Kreuzweg begleitet. Die einzelnen Stationen sind mit Mosaiksteinchen visualisiert, und wie immer geht es ordentlich hoch hinaus. Dafür ist der Blick von oben auf die Weinlage Klüsserather Bruderschaft umso schöner. Ich mache Pause, verzehre die Reste meiner Pizza Hawaii aus „Der Italiener“ und beobachte zwei Männer bei der Traubenlese. Um genau zu sein stiere ich eigentlich nur gierig auf ihren Kasten Wasser, der neben dem Traktor steht. Ich ziehe erneut in Erwägung, um Wasser zu bitten. Als ich wenig später an ihnen vorbei laufe, schauen sie jedoch nicht sonderlich freundlich, und es ist mir zu peinlich, also lasse ich es sein.

Als ich Richtung Ensch absteige, verpasse ich die nächste Gelegenheit. Eine junge Frau mit Baby auf dem Arm verlässt gerade ihr Haus und nickt mir zu. Wieder bin ich zu verlegen, um sie um Wasser zu bitten. Sie wirkt ziemlich gehetzt, und ich will keine Umstände machen. Wider Erwarten führt mich der Weg auch nicht durch den Ort hindurch, sondern ich streife nur die Ausläufer Enschs auf meinem Weg nach oben in den Wald.

Ob ich will oder nicht, meine Wassersituation wird immer mehr zu einem inneren Thema und bereitet mir zunehmend Sorgen. Wie kann man auch so blöd sein? Das kommt davon, wenn man morgens nicht ausreichend Flüssigkeit einpackt und sich wild Ortsnamen notiert, ohne die tatsächlichen Orte von denen, mit dem Hinweis „Gemarkung“ oder „Abzweig“, zu unterscheiden.

Fakt ist, dass der Mosel-Camino in der Regel nur an den Orten vorbei aber eben nicht durch sie hindurch führt. Klar könnte ich in sämtliche Orte absteigen, aber das wären Extrakilometer und meist auch weitere Höhenmeter, und dann ist noch lange nicht gesagt, dass es einen Supermarkt oder ein Gasthaus gibt. Mir reichen die Meter, die eh unvermeidlich jeden Tag Teil der Strecke sind. Vor mir liegen nun noch 13 km ohne ausreichend Wasser. Das ist semi-optimal.

Vorhang auf, Auftritt Camino-Magic

Ich tauche in den Wald und greife auf das alt bewährte Antifrust-Rezept Singen zurück. So bringe ich Kilometer um Kilometer hinter mich, bis ich plötzlich Stimmen höre und abrupt sämtlichen Gesang einstelle. Kurz darauf sehe ich sie. Drei Wanderer haben es sich auf einer Bank bzw. einem Klappstuhl an einem Aussichtspunkt gemütlich gemacht und schnabulieren fröhlich ihr Picknick. Ich grüße freundlich und bin schon fast wieder außer Hörweite, als mir ein „Buen Camino“ hinterher geschmettert wird.

Bei dem altvertrauten Pilgergruß muss ich schmunzeln und gehe noch einmal zu den Dreien zurück. Wir kommen ins Gespräch. Der Mann hat meine Muschel entdeckt, und es stellt sich heraus, dass er 2015 den Camino Frances gelaufen ist. Wir tauschen uns über die unterschiedlichen Pilgererfahrungen dort und hier aus, und ich frage bei der Gelegenheit noch einmal nach, wann der nächste Ort komme. Das sei Schweich in ca. 12 Kilometern, wird meine Befürchtung bestätigt. Mein Gesicht spricht wohl einmal mehr Bände und auf Nachfrage erzähle ich von meinem persönlichen Watergate.

Und siehe da: wer spricht, dem kann geholfen werden. Mein Pilger-Kompagnon grinst. Das träfe sich hervorragend. Sie hätten eh zu viel Wasser für ihren Hund dabei, da könnten sie mir problemlos etwas abgeben. Und zack, ist meine 0,5-Flasche wieder randvoll. Ich kann mein Glück gar nicht fassen. Ob ich sonst noch etwas bräuchte? Sie hätten hier eine ganz tolle Riesentomate aus Omas Garten. Das seien die besten Tomaten im Umkreis. Oma im Klappstuhl strahlt. Das kann ich natürlich nicht ablehnen. Eine Riesentomate ist ja fast dasselbe wie ein Apfel. Ich bedanke mich sicher zehn Mal und gehe beschwingt weiter.

Als ich kurz darauf an einer Menge aufgeschichteter Holzstämme vorbei komme, lasse ich mich darauf zum Tomatenverzehr nieder. Nicht lange und ich höre aufgeregtes Geplapper. Zwei Damen fortgeschrittenen Alters kommen des Weges und bleiben beim Anblick meines Rucksacks stehen. Ich erzähle vom Wanderabenteuer, und sie erzählen, dass sie seit über 70 Jahren befreundet sind und immer schon gern spazieren gegangen sind. Die Ältere der beiden ist Mitte 80, erzählt sie mir. Hätte ich bei ihrem Anblick niemals gedacht und auch nicht bei der Lebhaftigkeit, mit der sie erzählt. Wie wünsche ich mir, dass mir das Leben ähnlich mitspielt und ich in dem Alter noch so fit bin.

Wunder, die Zweite

img_7689Mein nächster Anhaltspunkt ist das Zitronenkrämerkreuz, wo um 16-irgendwas ein italienischer Händler ermordet wurde. Sein Sohn ließ daraufhin das Kreuz errichten.

Als ich den Ort gegen 15 Uhr erreiche, traue ich meinen Augen nicht: mitten auf dem Tisch des Rastplatzes liegen ernsthaft zwei Äpfel. Diese sind offensichtlich nicht weit vom Stamm und somit direkt auf den Tisch gefallen, wo sie nun auf mich warten. Hatte ich mir nicht vorhin Äpfel gewünscht? img_7690Ich Glückspilz.

Zufrieden setze ich mich auf die Bank und verspeise mein Geschenk. Man muss die Feste ja schließlich feiern, wie sie (also die Äpfel) fallen. Ich beobachte Hornissen, die um den Eingang ihres Nestes tanzen, bin beeindruckt von den reich behangenen Apfelbäumen und genieße die warmen Sonnenstrahlen und die Ruhe in dieser Idylle.

Umso empörter bin ich, als auf einmal ein Golf den Wanderweg entlang geknattert kommt. Wie kann man denn hier bitteschön mit dem Auto lang düsen? Der Rowdy hält nur wenige Meter von mir entfernt und lässt den Motor laufen, während er sich am Kofferraum zu schaffen macht, aus dem er eine Leiter holt. Also doch kein Rowdy, sondern vielleicht der Besitzer der Apfelbäume? Doch der Mann geht nicht zu einem der Obstbäume, sondern macht sich mit einer Heckenschere an den Sträuchern zu schaffen und schneidet stellenweise Zweige zurück. Ich schaue immer noch verwirrt zu, als ich von meinen Wasser-Rettern überholt werde. Kurz darauf sind sie mit dem Golffahrer im Gespräch, der im Anschluss zu mir herüber geschlendert kommt.

Auf welchem Weg ich denn unterwegs sei? Moselsteig oder Mosel-Camino? Wie sich herausstellt, handelt es sich um den Weg-Paten. Der Herrr ist Mitglied des Eifelvereins und verantwortlich für die Markierung auf diesem Stück des Weges. Gerade hat er Zweige zurückgeschnitten, die die Schilder verdeckten. Wo ich denn gestartet sei und wie ich mit der Markierung zurechtkomme, will er wissen. Ich sage wahrheitsgemäß, dass heute alles ganz hervorragend geklappt habe, wenn man von meiner kleinen, selbst verschuldeten Acker-Irrfahrt absieht, erzähle aber auch, dass ich zuvor immer wieder mal Probleme gehabt hätte, weil die Markierung gefehlt habe.

Er verrät, dass das größte Problem von anderen Pilgern herrühre. Die würden nämlich ganz gern ein Schild für den heimischen Partykeller mitnehmen und seien bestens gerüstet mit Schraubenzieher und Co. unterwegs. Ich bin sprachlos. So viel Dummheit bzw. Ignoranz ausgerechnet von den Leuten, die selbst wissen, wie wichtig die Markierung ist! Er erzählt mir, dass er mehrmals im Jahr die Strecke abgehe und die Markierung prüfe und ausbessere. Er sei eigentlich nur für den Moselsteig zuständig, aber er teile sich die Aufgabe mit dem Kollegen, der sich um den den Camino kümmere. Alles ehrenamtlich, versteht sich. Ich bin schwer beeindruckt und bedanke mich direkt mal im Namen aller Pilger und Wanderer für sein Engagement.

Zimmerservice im Wald

Wo ich denn heute noch hinlaufe. Ich sage ihm, dass es noch bis Schweich gehe. Ob ich denn schon eine Unterkunft habe? Als ich verneine, lacht er. Er wohne nämlich in Schweich, und wir würden das jetzt folgendermaßen machen: „Sie laufen die zweieinhalb Stunden nach Schweich und wenn Sie da ankommen, habe ich eine Unterkunft für Sie.“ Ich schaue ihn nur sprachlos an. „Ich gebe Ihnen jetzt meine Nummer. Wenn Sie an der Kirche sind, rufen Sie mich an, und ich hole Sie da ab.“ Ich gebe dem großartigen Mann meine Nummern, bedanke mich ungefähr fünf Mal und ehe ich mich versehe, sitzt er in seinem Golf und braust von dannen. ICH FASSE ES NICHT. Was ist denn los heute?

Erst fängt der Tag so mau an, und dann verwandelt er sich plötzlich in Weihnachten? Wasser, Tomaten, Äpfel, Unterkünfte. Alles fällt mir in den Schoß. img_7692Ich strahle nur noch und denke mir meinen Teil. Ich bin eben doch auf einem Jakobsweg unterwegs. Da passieren solche Dinge. Nicht hinterfragen. Das ist Camino-Magic. Einfach dankend annehmen.

Ganz in Ruhe und mit ausreichend Wasser laufe ich die verbliebenen neun Kilometer nach Schweich. Am verwitterten Landwehrkreuz, das man erreicht, nachdem man mehr oder weniger erfolgreich quer durch eine mit Gras bewachsene Wiese gestiefelt ist, treffe ich noch einmal auf meine Wasserspender, die auch so gut wie am Ziel sind, und wir verabschieden uns.

Ich kann Schweich hören, bevor ich es sehen kann.img_7694 Die Zivilisation hat mich wieder und zwar mit dem Dröhnen der Motoren auf der nicht weit entfernten Autobahn. Erst da realisiere ich, in welch abgeschiedener, ruhigen Welt ich die letzten Tage zugebracht habe. An der Schutzhütte Rupperoth mache ich eine letzte Raucherpause, vertilge eine kleine Tüte Nüsse, die ich seit Tag Eins mit mir spazieren getragen habe und genieße den Schatten, bevor ich durch die Weinberge nach Schweich laufe.

Durch eine Fußgängerunterführung hindurch, kann ich schon bald die Kirche sehen. Dort angekommen, zücke ich wie verabredet mein Handy. Oh weia, fünf Anrufe in Abwesenheit. Mein neuer Freund hat mehrfach versucht, mich zu erreichen. Sogar auf der Mailbox ist er: „Hier ist der Mann, den Sie im Wald getroffen haben…“ Er wolle kurz mit mir Rücksprache halten, weil er ein Zimmer für mich gefunden und provisorisch reserviert habe. Ich solle mich so schnell wie möglich melden, denn die Reservierung halte nicht ewig. Das war vor einer Stunde. Ich rufe sofort zurück und gebe Bescheid, dass ich vor der Kirche bin.

Ringen mit Gott und Teufel

Während ich vor dem Gotteshaus (geschlossen) auf meinen Helden warte, beobachte ich ein seltsames Schauspiel. Ein offensichtlich verwirrter Mann mit löchrigen Socken nimmt immer wieder ein paar Meter vor der Kirche Anlauf, taumelt auf selbige zu und bremst dann abrupt an der Tür und führt Selbstgespräche. Vielleicht sind es ja auch Zwiegespräche, und ich kann den anderen (Gott, Teufel, was weiß denn ich) nicht hören. Wie ein Preisboxer geht er immer wieder neu in Position, sammelt sich und stürmt auf die Pforte zu, um dann wieder im letzten Moment zu bremsen. Mir ist das Ganze ein wenig unheimlich, zumal er immer mehr in meine Nähe taumelt.

Gott sei Dank taucht in dem Moment aber auch schon mein Retter auf, begrüßt mich überschwänglich, schnappt sich meinen Rucksack und verfrachtet ihn im Kofferraum des Golfs. Kaum sitze ich, drückt er mir drei Angebote von Unterkünften in die Hand. Er war extra in der Touristeninfo und hat Preise eingeholt. Ich hatte eigentlich gedacht, dass er jemanden kennt, und es ist mir etwas unangenehm, dass er sich so viel Mühe gemacht hat. Ach Quatsch, das mache er doch gern, tut er jegliche Bedenken ab. Er würde mir das Zimmer samt Frühstück für 40 Euro bei einem Winzer empfehlen. Er kenne die Leute. Die seien schwer in Ordnung und auch wenn die Vinothek heute Ruhetag habe, bekäme ich mit Sicherheit noch ein Glas, dafür würde er persönlich sorgen.

Und dann brausen wir los, denn für ihn ist es Ehrensache, dass er mich bis vor die Haustüre des Weingut Wallerath fährt. An der Tür klärt er noch mal alle Details mit Beate, der Inhaberin, die ihm bestätigt, dass sie auf jeden Fall ein Glas Wein für mich übrig hat, das habe ich mir ja schließlich redlich verdient. Ich verabschiede mich herzlich von Herrn Lauströer. Wenn ihn jemand kennt oder trifft, bitte schön grüßen! Der Mann ist Gold wert.

Ein aufgedrängtes Gespräch entwickelt sich zum abendfüllenden Thema

Ich bekomme eine kleine Haustour, werde mit dem Prinzip des Weinschranks vertraut gemacht, auf den Raucherbalkon geführt und betrete dann mein Zimmer. Oh, wie freue ich mich auf die Dusche und auch über die kleine Gummibärchen-Tüte, die auf dem dicken, daunigen Kopfkissen liegt. Beate hat auch noch Tips für mich, wo ich später Essen gehen kann.

Nach dem Duschen zieht es mich auf besagten Balkon, bevor ich zum Abendessen aufbreche. Dort sitzt bereits ein jüngerer Mann, der an seinem Handy rumspielt. Ich frage ihn, ob wir uns den Aschenbecher teilen könnten, und er schiebt ihn mir rüber. Er wirkt nicht, als ob er darauf gewartet habe, ein Gespräch zu führen und will vermutlich bloß seine Ruhe haben, aber ich bin so dankbar, endlich mal wieder auf Gesellschaft zu stoßen, dass ich alles daran setze, ihn in selbiges zu verwickeln.

An seinem Akzent beim Antworten höre ich, dass er Niederländer ist, und so habe ich als halbe Holländerin einen Einstieg. Er hat keine Chance. Das Gespräch wird ihm aufgedrängt. Doch schon nach kurzer Zeit taut er merklich auf. Dennis arbeitet in der Nähe von Trier und wohnt hier unter der Woche. Schnell sind wir mitten in Geschichten aus unserem jeweiligen Leben. Ich erzähle von meinem heutigen Tag und den unglaublich vielen Geschenken, und Dennis berichtet, dass er auch gerade eine richtige Glückssträhne erwischt hat und sich selbstständig gemacht hat.

Schnell entscheide ich, dass Essen überbewertet wird und dass ich viel lieber mit Dennis quatschen möchte. Ob er mit mir eine Flasche Wein trinken wolle, will ich wissen. Für mich sei das eh zu viel. Er stimmt lachend zu, und so machen wir uns über eine Flasche feinherben Riesling vom Annaberg her. Er stiftet die Zigaretten und wir rauchen uns durch den Abend und lassen kein Thema aus.

Wir reden über Glück, über Mut, über Tüchtigkeit und über das Schicksal. Er zeigt mir Fotos seiner kleinen Tochter, die in Holland bei ihrer Mutter wohnt und die er sehr vermisst, wir sprechen über berechtigte und unberechtigte Vorurteile (sein Vater ist Marokkaner), entscheidende Wegabzweigungen im Leben, niederländisches Fernsehen, und über Menschen und Erlebnisse, die uns geprägt haben.

Ich erzähle von meinem ersten Jakobsweg und dass ich dort so viele beeindruckende Leute getroffen haben, die bereit waren, große und kleine, traurige und schöne Momente aus ihrem Leben mit mir zu teilen und oft am Ende des Gesprächs völlig überrascht waren, was sie mir da alles anvertraut haben. Der Satz „das habe ich bisher nur meiner Frau und meiner Mutter erzählt“, fiel dabei mehrmals und ich war immer sehr berührt, wenn sie mir instinktiv vertraut haben.

Der schönste Abend in vier Monaten

Wir sitzen inzwischen im Dunkeln im Schein von Zigaretten und Lichterketten. Dennis muss schmunzeln. Er habe überhaupt nicht vorgehabt, so lange auf dem Balkon zu bleiben.  Eigentlich wollte er in dem Moment, als ich rauskam, instinktiv reingehen. Er habe es nicht so mit Leuten und sei nicht besonders gesellig. Außerdem unterstelle er den Menschen gerne mal das Schlechteste. Sein Schwager ziehe ihn damit immer auf.

Irgendwie wisse er auch nicht, was passiert sei. Irgendwas habe ich wohl an mir, das Vertrauen einflöße. Ich sei so offen und positiv, und er habe einfach eine super gute Zeit hier draußen und freue sich, nach Wochen endlich mal wieder Gesellschaft zu haben. Normalerweise verbringe er seine Abende mit dem Handy. Wir sitzen noch bis viertel nach zehn zusammen, bis es zu kalt wird und wir beide müde werden. Als wir zusammenpacken, stattet mich Dennis noch mit einer Zigarette für morgen aus. Und dann bedankt er sich. Das sei sein schönster Abend in vier Monaten gewesen, gute Nacht.

Ich gehe mit einem Gefühlsgemisch aus Dankbarkeit, Rührseligkeit und Riesling ins Bett. Ich freue mich so sehr, dass Dennis mir begegnet ist und mir einen so schönen Abend geschenkt hat. Und irgendwie freue ich mich vor allem, dass ich an diesem Tag der guten Gaben auch selbst etwas zurückgeben durfte und ihm eine gute Zeit geschenkt habe. In mein dickes Daunenbett gekuschelt wird mir bewusst, dass morgen bereits der letzte Tag auf dem Mosel-Camino anbricht.

Wehmut überkommt mich. Ich habe mich wirklich in die Gegend verliebt. Es ist so wunderschön hier. Deutschland ist so wunderschön. Und wir schweifen alle immer so weit in die Ferne. Ich bin dankbar für diesen Tag. Für die Tage, die ich hatte und für die, die noch vor mir liegen. In vier Tagen bin ich auf der Hochzeit zweier Freunde eingeladen und werde in normalen Klamotten unterwegs sein, werde Freunde treffen, Musik hören, gutes Essen genießen und mitten in der Zivilisation sein. Aber bis dahin genieße ich noch diese unglaubliche Freiheit, mit nichts als meinem Rucksack unterwegs zu sein.

Ich freue mich auf Trier, wo ich als Kind häufiger Urlaub gemacht habe und bin gespannt, was ich noch wiedererkennen werde. Vielleicht treffe ich mich sogar noch mit einem Schulfreund, wenn er es einrichten kann. Und dann fahre ich schön Touri-mäßig mit dem Boot nach Bernkastel zurück und statte Olli einen Besuch ab. Er weiß, dass ich mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit vorbeikommen werde und hat bisher keine Anfragen von anderen Pilgern. Läuft also. Und nächste Woche bin ich dann, wenn alles klappt, auf dem Rheinsteig unterwegs. Und jetzt Augen zu.

 

Zeitreise

Vorschau: Du willst wissen, ob ich es bis Trier schaffe? Bis ich ankomme, passiert noch einiges. Was genau? Das findest du heraus auf der Strecke von Schweich nach Trier.

Rückblick: Du hast gar nicht mitbekommen, wie ich es nach Klausen geschafft habe und kennst die Bilder aus Bernkastel nicht? Dann schau doch vorbei auf dem Abschnitt von Traben-Trarbach nach Klausen.

Kommentare und Ergänzungen

Warst du auch auf dem Mosel-Camino unterwegs? Wie war der Weg für dich? Hast du Gesellschaft gehabt oder warst du die meiste Zeit allein? Kennst du meine heutige Etappe? Was hat dir gefallen, was eher nicht so?

Ich freue mich wie immer über deinen Kommentar.

Ich muss das weitersagen
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4 Gedanken zu „VI (Mosel-Camino) – Von Klausen nach Schweich&8220;

  1. Ich hätte zu gern gesehen, wie die Kühe Dich beim Umranden des Feldes beobachtet haben – nach dem Motto: „Was macht sie denn da nur?“ Aber Du bist ja reichlich für den extra Weg entlohnt worden, schöner Bericht mal wieder!

  2. Auf dem Jakobsweg passieren die unglaublichsten Geschichten, wie deine Begegnung mit dem netten Mann, der dir mit der Unterkunft geholfen hat. Manche Pilger nennen sie „kleine Wunder“. Auf jeden Fall hat der Jakobsweg etwas Besonderes an sich, wenn man offen dafür bleibt. Liebe Grüße, Dario

    1. Hallo Dario, das sehe ich genauso. Ich hatte auf jedem meiner Jakobswege Geschichten, die kleinen Wundern glichen. Oder ich war für andere Menschen ein ebensolches. Ich glaube, dass einem so etwas alltäglich widerfährt, wir es aber nur selten mitschneiden, weil wir eben nicht immer offen dafür sind. Danke für deine Rückmeldung

Und was sagst Du?