VII (Mosel-Camino) – Von Schweich nach Trier

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Tag 7 auf dem Mosel-Camino, diesmal mit Frank Sinatra, Orgelkonzerten, einer menschlichen Wäscheleine, dem größten Gockel Triers und blutrünstigen Clochards. (27.09.2017 – 27+5 km)

Er ist da – der letzte Tag des Mosel-Camino ist angebrochen. Ich erwache wunderbar ausgeschlafen in meinem kuscheligen, super daunigen Bett. Kurzes Prüfen, aber nein, einen Kater von unserem gestrigen, kleinen Weingelage habe ich nicht. Mich erwartet ein opulentes Frühstück, das ich mutterseelenallein im Frühstücksraum zu mir nehme, wenn man von Frank Sinatra absieht, der pausenlos in meinem Kopf „And now, the end is near… I did it my way“ trällert. Auf Facebook erwartet mich bereits eine Freundschaftsanfrage von Dennis, der sich noch mal für den gemütlichen Abend bedankt. Ich bin ein kleines bisschen gerührt, muss ich zugeben.

Von Schnellstraßen, Adler-Denkmälern und Birnbäumen

Ein letztes Mal stopfe ich meine Siebensachen an ihren vorgesehenen Platz und mache mich auf den Weg. Die ersten Kilometer sind nicht unbedingt das, was man eine reizvolle Strecke nennt. Es geht im Nebel durch den Ort in Richtung eines Kreisverkehrs im Industriegebiet. Die Straßenschilder informieren mich, dass Trier auf direktem Weg gerade mal 14 km entfernt ist.

Da sieht man mal wieder, dass der Weg das Ziel ist, denn auf der mir zugedachten Strecke liegen gut doppelt so viele Streckenmeter vor mir. Aber dafür muss ich auch nicht in den Abgasen und mit nerviger Geräuschkulisse laufen. img_7698Nachdem ich hochkonzentriert eine Schnellstraße überquert habe, gelange ich in eine Wald- und Wiesenlandschaft und betrachte kurz darauf in der Nähe eines Parkplatzes fasziniert einen Wegweiser, demzufolge es nur noch bummelige 2.400 km bis Santiago sind. Lassen Sie mich kurz überlegen! … Nein… Muss nicht sein.

Neben dem Wegweiser prangt auf einem Sockel ein unfassbar hässliches Greifvogel-Mahnmal. Ich will die Scheußlichkeit gerade für die Nachwelt festhalten, als ein Herr mit Hund sich netterweise bereit erklärt, mich samt Wegschmuck zu knipsen. Das Bild bekommt einen Ehrenplatz in meiner Abstellkammer.

img_7700Weiter geht es, eine Anhöhe hinauf und an einem reich behangenen Birnbaum vorbei. Der Erste, den ich wahrnehme. Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland, rattert es in meinem Kopf los und ich muss an meine Freundinnen Miriam und Saskia denken, die genau wie ich diesen Erguss Fontan’scher Dichtkunst im Deutschunterricht auswendig lernen durften.

Ich warte kurz, aber irgendwie spricht keine Stimme aus dem Baum: „Lütt Dirn, Kumm man röwer, ick gew‘ di ’ne Birn.“ Ok, ich bin ja auch nicht im Havelland, sondern in Rheinland-Pfalz. Hier gibt es vermutlich eher flüsternde Rebstöcke, die murmeln „Ein Tröpfchen in Ehren, kann keiner verwehren“, oder so ähnlich.

img_7704Als ich den Wald erreiche, erfreue ich mich einmal mehr der märchenhaft-magischen Stimmung, die Nebel zwischen Bäumen in mir auslöst. Wie so oft bin ich mutterseelenallein und so stört niemand meine Träumereien von Hexen und Elfen, Prinzessinnen und verirrten Waisen. Ich genieße jeden Schritt und erreiche die ersten Ausläufer Triers: ich komme nach Quint und wenige Kilometer später geht es auch schon runter nach Ehrang.

Exklusives Orgelkonzert #1

img_7705Pflichtschuldig mache ich einen kleinen Abstecher in die Kirche, in der es sogar einen Stempel samt Kissen gibt. Was habe ich für ein Glück! Die bunt gefensterte Kirche erstrahlt nicht nur in verschiedensten Farben, sondern auch noch im Klang der Orgel. Der Organist probt offensichtlich, denn außer mir und ihm ist niemand da.

Ich genieße diesen Moment. Musik und ich haben einfach eine sehr besondere Beziehung. Sie schubst mich immer rasant schnell aus dem Alltag in eine ganz andere Welt hinein. Ich höre eine Zeit lang gedankenversunken zu und verlasse die Kirche anschließend mit dem Wunsch nach einem guten Kaffee und Zigaretten. Kaffee ist tatsächlich auf dieser Wanderung viel zu kurz gekommen. Es gab einfach zu selten Möglichkeiten direkt auf der Strecke.

Bella ciao und die menschliche Wäscheleine

In einem anderen Blog habe ich gelesen, dass es im Ort eine Eisdiele gibt, die guten Kaffee anbietet. Kurz darauf finde ich den Laden. Ein waschechter Italiener kredenzt mir meinen Caffè Latte: „Prego, bella signorina, prego!“ Wäre ich ein Mann, wäre ich sicher mit Dottore angesprochen worden. Wie ich diese italienische Custom-Relation-Pflege am deutschen Kunden liebe. Da geht mir immer das Herz auf. Zigaretten verkauft der nette Herr leider nicht, aber auch so mache ich es mir auf einer der Holzbänke vor seiner Eisdiele mit Blick auf die gut befahrene Straße gemütlich.

Neben mir sitzt ein Mann Mitte 70 und schleckt genussvoll sein Eis. Wir kommen ins Gespräch, weil er wissen will, ob ich mit Rucksack wandere. Und dann erzählt er, dass er sicher 30 Jahre mit guten Freunden jährlich um den Bodensee gelaufen sei. Sein Highlight dabei war die menschliche Wäscheleine. Da haben seine Freunde und er die Wäsche nämlich an einer Schnur von Rucksack zu Rucksack gespannt, damit alles beim Laufen trocknet. Ein schönes Bild!

Der Kaffee ist übrigens richtig lecker und ich sehne mir eine Zigarette herbei. Diejenige, die mir Dennis dagelassen hat, ist bereits auf dem Weg drauf gegangen, als ich Pause an diesem unfassbar hohen Kreuz gemacht habe, das ein Lehrer gestiftet hat (wenn ich es richtig erinnere, war ein bisschen suspekt).

Von edlen Spendern und aufgeblasenen Gockeln

In dem Moment kommt ein rauchender Mann den Bürgersteig entlang gestiefelt. img_7706Ich spreche ihn einfach an und frage ihn, ob er wohl eine Zigarette für mich hätte. Das würde meinen Kaffee noch eine Stufe auf der Genussskala erhöhen. Er schaut mich an und sagt, ohne das Gesicht zu verziehen, nein. Dann greift er beherzt in sein Päckchen und drückt mir acht (ACHT!!) Kippen in die Hand. Man wisse ja nie, sagt er und zwinkert mir zu.

Ich tue mein Bestes, dieses Überangebot abzulehnen und betone stetig, dass eine reichen würde, aber er will nichts dergleichen hören. Als er weg ist, ziert ein breites Lächeln mein Gesicht. Die Geschenke-Happy-Hour scheint noch nicht vorbei zu sein.

Mit ausreichend Nikotin und Koffein im Blut nehme ich das letzte Stück in Angriff, warte an einer Bahnschranke geduldig auf die Durchfahrt des Zuges und dann geht es rechts ab, an einer kleinen Marienstatue in einem Mauerloch vorbei, langsam hoch. Ich halte die Augen offen. Dank der Mosel-Camino-Seite bin ich gewarnt. img_7708Es gibt eine angekündigte Umleitung wegen Forstarbeiten für diese Ecke, die mir ein paar Extrakilometer bescheren wird. Und da ist auch schon der erste Aushang. Jemand hat DIN A4 Zettel an Bäume geheftet, die auf die Umleitung hinweisen.

Eine Zeit lang wandere ich formschön neben der Autobahn auf der anderen Seite der Leitplanken, bevor ich wieder tiefer in den Wald eintauche. Von dieser Umleitung sind alle Wege betroffen und schon bald laufe ich auf ein verwirrt schauendes niederländisches Pärchen mit Rucksäcken auf, die auf dem Moselsteig unterwegs sind und nicht so recht wissen, was ihnen die Zettel sagen wollen. Ich frage, ob ich helfen kann und kläre sie über die Situation auf. Gemeinsam geht es weiter, bis wir nach einer Stunde an eine Straße gelangen.

Die Beschilderung ist weg und so versichere ich mich bei einem Herrn in seinem Schrebergarten, ob ich nach wie vor auf dem richtigen Weg sei. Ja, das passe. Vorbei an den wirklich hübschen Gärten in Richtung Trier Biewer. img_7709Kurz vorher muss ich allerdings noch mal heftig schlucken. Aus unerklärlichen Gründen hat sich jemand einen überdimensionierten Gockel (wir reden von mindestens zwei Metern Höhe) in seinen Schrebergarten gestellt, der in der Sonne zufrieden leuchtet und gefühlt 3/4 des Gartens einnimmt. Der Besitzer würde sich sicher bestens mit dem Ferrari-auf-dem-Dach-Typ in Enkirch verstehen!

Hinter Biewer mache ich mich ein wenig wehmütig an den letzten Anstieg, der mich auf einen Panoramaweg führt, der in ordentlicher Höhe direkt neben der Mosel durch den Wald verläuft und immer wieder tolle Ausblicke bietet. img_7710Inzwischen ist auch endlich die Sonne durchgekommen und ich genieße in meiner Pause die Wärme, ziehe meine Jacke aus, zippe die Hose auf kurz, esse, trinke, rauche und beobachtet zwei Eidechsen, die es mir gleich tun (was das Sonnen anbelangt – Essen, Trinken und Ausziehen schenken sie sich, Kippen haben sie vergessen).

Gegen 14 Uhr sehe ich erstmals Trier in der Ferne liegen. Wie immer, wenn ich mich einem Ziel nähere, beschleicht mich eine Mischung aus Melancholie und Stolz. Blick auf Trier vom MoselcaminoIch werde zwar noch ein bisschen brauchen, aber in spätestens zwei Stunden sind der Mosel-Camino und ich geschiedene Leute und 180 Kilometer liegen hinter mir.

Gegen drei verlasse ich den Wald und laufe schon kurz darauf neben einer stark befahrenen Straße zur Mosel herunter. Auf dem parallel verlaufenden Radweg geht es die letzten Kilometer in Richtung Stadt. Es ist ordentlich was los. Viele Leute sonnen sich am Ufer oder lesen auf den Parkbänken. Ich verlasse den Radweg nach links und komme an der Kirche Sankt Paulus vorbei. Erneut sitzt ein Organist unsichtbar an den Tasten. Hier liegt der Trierer „Lokal-Heilige“ Hieronymus Jaegen begraben, und die Kirche wird in wenigen Wochen der Profanierung anheim fallen.

Außenseiter im Hostel

Weiter geht es zum Kolpinghaus Warsberger Hof, wo ich gern übernachten möchte. Ich bin eigentlich davon ausgegangen, dass sich in einem Etablissement mit 172 Betten ja wohl ein Plätzchen finden lassen wird, aber die Rechnung habe ich ohne die vielen Schulklassen gemacht. Der Bumms ist voll. Gut, dass ich gestern noch von meinem Schulfreund ein paar Unterkunftstipps für Trier erhalten habe. Ich laufe also weiter zum hübschen Hauptmarkt, setze mich an den Brunnen in die Sonne und versuche, mich zu akklimatisieren.

Das klingt vielleicht komisch, aber nach mehreren Tagen in der Natur und in kleinen Dörfern wirkt selbst Trier wie eine Großstadt. Der wuselige Trubel und das hektische Rumgehetze der Leute überfordern mich latent. Ich rufe im Hostel Evergreen an. Ja, die haben noch Platz und zwar genau einen. Die Frau ist ein bisschen überrascht, als ich sage, dass ich in 20 Minuten da sein werde. Gesagt getan.

Das Hostel liegt zwar nicht im Epizentrum, aber auch nicht wirklich weit davon entfernt. Im Eingangsbereich draußen sitzt, all meinen Klischees entsprechend, ein zeckiges Kiffer-Pärchen und erwidert meinen Gruß nicht, sondern mustert mich stattdessen mit einem ziemlich abschätzigen Blick. Ich lächle freundlich in seinen zu langen Bart und ihre violetten Dreads und formuliere innerlich ein klitzekleines Fuck You. Die Dame an der Rezeption versorgt mich schnell mit dem Nötigsten: „Handtücher hast du ja sicher eh dabei, dann brauchst du keine von uns?“ Ja, habe ich, und zum ersten Mal kommen sie zum Einsatz.

Irgendwie finde ich die Fragen trotzdem ein bisschen blöd und bin kurz versucht zu fragen, ob ich das Zimmer dann zu einem vergünstigten Tarif bekomme, schenke mir das aber. Lächeln und Winken. Mein altes Motto auch an diesen Tagen. Sie hat übrigens nur für heute ein Zimmer, sagt sie mir auf meine Nachfrage. Morgen sind sie komplett ausgebucht. Damit ist dann nun wirklich ein für alle Male entschieden, dass ich morgen per Schiff nach Bernkastel zurückfahre. Auf Stadt habe ich gerade eh nicht so viel Lust.

Finale für den finalen Stempel

Mein Reich ist ein Gruppenzimmer mit Doppelbett und einem Stockbett. Ich habe wie so häufig in den letzten Tagen den Raum ganz für mich allein und entscheide mich für das große Bett. Das Nötigste wird ausgepackt, dann dusche ich kurz und gehe wieder nach draußen. Ich bin noch nicht am Endpunkt meines Weges angekommen. Die Abtei St. Matthias ist noch mal ca. 3,5 km entfernt ist, weil sie praktischer Weise am anderen Ende der Stadt liegt. Dort werde ich dann meinen finalen Stempel bekommen. Ich muss da nicht zwingend in Wanderschuhen und mit Rucksack hin. In den Joggingschuhen läuft es sich definitiv besser.

Aus dem Park neben den römischen Kaiserthermen, die einen Steinwurf von meinem Hostel weg sind, rufe ich meine Kollegin an. Danach raffe ich mich auf und mache ich mich auf mein letztes Stückchen Mosel-Camino – sicher das am wenigsten schöne Stück des gesamten Weges. Ich laufe immer weiter an einer stark befahrenen Straße entlang, die wirklich absolut gar nichts zu bieten hat. Es geht stumpf gerade aus. Das Klingeln meines Handys ist da eine willkommene Abwechslung. Es ist Christoph, mein Schulfreund, der schon mal vorsichtig ankündigt, dass er es heute Abend vermutlich nicht schaffen wird. Schade. Wir haben uns seit Jahren nicht gesehen, aber sein Kind kränkelt, da machste nix.

Der Endpunkt des Mosel-Caminos: Die Abtei St. Matthias in TrierDann dauert es nicht mehr lange, bis ich die Abtei St. Matthias erreiche. Ich überquere einen weiten Vorplatz, registriere, dass das Pfarrbüro zu meiner Linken, in dem man ebenfalls den besagten Stempel bekommen kann, Mittwochs geschlossen hat und so gehe ich direkt in die Kirche. So schmuck sie von außen ist, so clean ist sie von innen. Ich schlendere in aller Ruhe durch das Kirchenschiff und auf den Sarkophag zu, der mittig vor dem Altar platziert ist. Ob hier der gute Sankt Matthias liegt?

img_7716In der Kirche ist kein Mensch und ich frage mich, wie ich an den letzten Stempel kommen soll. Nirgends liegt ein Stempelkissen aus. Etwas ratlos stehe ich herum, als ich Stimmen höre, die aus der Tiefe zu mir empor schallen. Ach so, links und rechts vom Sarkophag geht es in die Krypta. Und so nehme ich die Stufen nach unten, wo ich in dem niedrigen Kellergewölbe zwei Frauen antreffe, die gerade einen Stuhlkreis zusammenschieben. Ich schaue ein wenig unschlüssig, und sie fragen, ob ich etwas suche.

Ich erzähle, dass ich meinen Camino beendet habe und auf der Suche nach jemandem bin, der mir den letzten Stempel geben kann. Was für ein Zufall: die eine der beiden Frauen kann. Sie ist nicht nur, wie ich im Gespräch herausfinde, für das Läuten der Glocken zuständig, sondern weiß auch, wo der Stempel zu finden ist. Kurzerhand nimmt sie mich mit in die Sakristei. Wie schön. Hier wäre ich normalerweise sicher nicht gelandet. Sie stellt viele interessierte Fragen zu meiner Wanderung, und wir lachen gemeinsam über mein bravouröses Abenteuer „allein als Frau“. Nachdem sie geläutet hat, erzählt sie mir, wie besonders diese Kirche sei. Dies sei nämlich die einzige Abtei nördlich von Rom, in der die Krypta eines Apostels sei. Ich muss zugeben, dass ich keine Ahnung hatte. Ich wusste ehrlich gesagt noch nicht mal, dass besagter St. Matthias der Apostel Matthias war. Aber man lernt ja nie aus.

Als sie mich im Anschluss einlädt, mit ihnen die Eucharistie zu feiern, kann ich nicht ablehnen, auch wenn meine Lust sich in Grenzen hält. Sie war so nett zu mir, Christoph hat mir eh schon so gut wie sicher abgesagt und irgendwie gehört ein Abschlussgottesdienst für mich zum Jakobsweg dazu. Spannend finde ich vor allem, dass die Messe in der Krypta abgehalten wird.

Ich begleite sie wieder nach unten, wo inzwischen ungefähr fünfzehn Leute im Stuhlkreis sitzen. Die meisten sind damit beschäftigt, emsig auf ihre Schuhe, den Boden oder die Wand zu schauen. Ich muss ein wenig grinsen. Immer wieder interessant, wie unwohl sich viele Menschen fühlen, wenn sie alleine und auf engem Raum mit anderen Menschen zusammen sind. Ich sage nur Fahrstuhl. Ich mache mir ja immer einen Spaß daraus, die Leute dann umso konkreter anzuschauen.

Von Sarkophagen und Poltergeistern

Um viertel nach sechs geht der Gottesdienst los. Anders als in Engelport läuft diesmal alles mehr oder weniger so ab, wie ich es von zuhause kenne, wenn wir mal davon absehen, dass wir in einem kalten Kellergewölbe im Kreis sitzen, verschiedene Gräber im Rücken. Es herrscht eine ganz besondere, sehr intime Atmosphäre und ich fühle mich an die ersten Christen erinnert, die sich ja auch oft in Höhlen oder Katakomben trafen, um nicht entdeckt zu werden. Die Messe nimmt ihren Lauf und wir beten und singen (zählt ja bekanntermaßen doppelt).

Der Pfarrer bereitet gerade alles für die Wandlung vor, als ich zum ersten Mal ein komisches Geräusch höre. Irgendetwas quietscht und poltert, dann ist es wieder still. Kurz darauf das gleiche quietschende Geräusch gefolgt von Gerumpel. Diesmal etwas näher. Wieder Stille. Ich muss ein hysterisches Kichern unterdrücken, als ich mir vorstelle, wie hinter mir irgendeiner keine Lust mehr hat, in seinem Grab zu ruhen. Der Pfarrer macht unbeirrt weiter. Ich konzentriere mich gerade wieder auf die Zeremonie, als es erneut poltert und das langgezogene Quietschen erklingt. Ok. Diesmal haben es auch die anderen gehört, denn es kommt ganz aus der Nähe.

Erste Blicke schießen durch den Raum, doch niemand kann den Auslöser identifizieren. Nur der Pfarrer lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Ein weiteres Poltern, Schritte, Quietschen. Da kommt offensichtlicih jemand die Stufen in die Krypta runter. Wie gebannt starre ich nach rechts und endlich manifestiert sich das Geräusch. Herein geschlurft kommt ein Mann mit wirren, langen Haaren, einem geschlossenen Schirm in der Hand, den er wie ein Schwert vor sich her trägt und mit einem Hackenporsche, den er quietschend hinter sich her zieht. Jeder von uns (mit Ausnahme des Pfarrers, versteht sich) starrt zu dem Mann, offensichtlich ein Clochard, der immer wieder einen Schritt nach vorne macht, Regenschirm voraus, Hackenporsche hinterher, Pause, sammeln, nächster Schritt.

Wir alle schauen natürlich längst wieder nach vorn und tun, als sei es das Normalste der Welt, dass während der Wandlung ein offensichtlich verwirrter Stadtstreicher samt Trolley die Stufen zur Krypta herunterpoltert. Das Programm vorne läuft nach wie vor unbeirrt weiter. Wir sind inzwischen bei „dies ist mein Blut, das für euch und für alle vergossen wird, zur Vergebung der Sünden.“ Ich bewundere den Geistlichen wirklich, dass er so gnadenlos durchzieht.

Mit zunehmender Besorgnis sehe ich aus dem Augenwinkel, dass unser Zaungast immer näher kommt und immer noch seinen geschlossenen Schirm nach vorne ausgereckt hält. Ich frage mich, ob er gleich auf den Pfarrer losgeht? Der macht sich für die Kommunion bereit und stellt sich mit der Hostienschale in Position; die Dame, die meinen Ausweis gestempelt hat, steht daneben und hält den Kelch mit dem Wein, schaut aber lange nicht so ungerührt wie ihr Chef.

Im Blutrausch

Der Pfarrer will gerade dem Ersten im Kreise die Hostie reichen, als Mr. Hackenporsche dazwischen geht. Der Pfarrer, die Hostie bereits in der Hand, sieht ihn unwirsch an, hebt dann jedoch routiniert das Stückchen Brot und sagt „Der Leib Christi“, wird aber unterbrochen. Der Clochard winkt ihn zu sich heran und versucht zu flüstern, lallt  aber so laut, dass man es sicher sogar noch in den Sarkophagen hören kann: „Ischbinnurwegendembluthier. Dem Blut!“ Fingerzeig in Richtung Weinkelch.

Ich verschlucke mich fast vor unterdrücktem Lachen. Das ist Comedy vom Feinsten. Das wird mir niemand glauben. Niemand. Ischbinnurwegendembluthier. Grandios! Der Pfarrer behält weiter die Ruhe und sagt sachlich, dass die Kirche allen offen stehe, er wie jeder andere auch zur Feier eingeladen sei und Wein bekommen werde. Aber, strafender Blick, erst wenn er an der Reihe sei. Und dann beginnt er seelenruhig, die Hostien zu verteilen. Ihm folgt auf dem Fuße die Dame mit dem Wein.

Heute ist übrigens das erste Mal, dass ich Wein aus dem Kelch trinke. Schon beeindruckend, so ein Goldkelch besetzt mit Edelsteinen. Und ich muss zugeben, dass ich einigermaßen froh bin, dass Kollege Clochard nicht bereits vor mir aus selbigem Gefäß geschlabbert hat. Ganz am Ende, nach einem skeptischen Blick der Glockenläuterin und einem zustimmenden Nicken des Pastors, bekommt unser angetrunkener Kollege dann sein Tröpfchen. Kaum ausgetrunken, schnappt er sich seinen Hackenporsche und macht sich grußlos vom Acker. Wir hören ihn länger, als wir ihn sehen.

Wenig später ist die Messe gelesen. Der denkwürdige Auftritt ist natürlich Thema Nummer 1 und wird auf dem Weg aus der Kirche heiß diskutiert. Ich verlasse die Abtei im Gespräch mit einem Mann, der genau wie ich befürchtete, der Mann würde mit seinem Schirm auf den Geistlichen losgehen und der selbst schon im Kopf alle Szenarien einmal durchgespielt hatte, um ihn zu überwältigen. Als er hört, dass ich gepilgert bin, erzählt er mir noch von allen möglichen Kirchen in Trier und will mich gar nicht mehr weglassen. Ich will aber gern vor Einbruch der Dunkelheit wieder im Zentrum sein und mache mich auf den Weg.

Ciao Pilger, Hallo Tourismus

Diesmal laufe ich an der Mosel entlang, weil ich mir diese reizlose Straße nicht noch einmal antun möchte. img_7717In der einsetzenden Dämmerung gehe ich am Wasser vorbei und navigiere mit Google zum Hauptmarkt. Ich bin etwas unschlüssig. Ursprünglich hatte ich vor, mir heute die Porta Nigra anzuschauen, ein paar Kirchen zu besuchen und noch ein wenig durch Trier zu schlendern. Aber irgendwie habe ich keine rechte Lust mehr, außerdem ist es fast dunkel, und es war ein langer Tag.

Mit meinem Abstecher zu Sankt Matthias bin ich heute locker 30 km gelaufen. Ich husche noch schnell in den dm, um mir neue Miniaturausgaben von Deo, Creme und Duschgel zu kaufen (hat alles heute morgen die Biege gemacht) und entscheide mich zugunsten meines Hostels, wo ich mir etwas Wärmeres anziehe.

Auf dem Weg dorthin meldet sich Christoph noch mal und sagt mir wie erwartet endgültig ab. Sein Kind will sich nicht beruhigen, und er möchte seine Frau jetzt nicht damit allein lassen. Ist schon in Ordnung. So herausragende Gesellschaft wäre ich heute wohl eh nicht mehr gewesen. Das chinesische Restaurant Dimsum gegenüber hat online überraschend gute Bewertungen bekommen hat, und so gehe ich kurz entschlossen dorthin essen. Abgesehen von mir gibt es noch genau einen weiteren Gast, und einmal mehr finde ich es recht unschön, meine frittierten Klebereisbällchen mit Saté-Sauce und die gedämpften Maultaschen alleine zu essen.

Zurück in meinem Zimmer packe ich meinen Kram und stelle mir den Wecker auf viertel nach sieben. Ich habe noch keine Fahrkarte und das Boot nach Bernkastel legt um neun ab. Da ich nicht abschätzen kann, wie viel am Anleger los sein wird, sollte ich wohl besser spätestens um zehn nach acht aus dem Hostel ausgecheckt sein. Frühstück muss ich mir unterwegs auch noch besorgen, mal abgesehen von dem Pflicht-Selfie, das es noch vor der Porta Nigra zu schießen gilt.

Ich freue mich jetzt schon auf das Wiedersehen mit meinem Lieblingsort. Und auf Olli und seine Freundin bin ich auch gespannt. Ich hoffe, dass mein Bauchgefühl mich nicht trügt und ich mich nicht bei einem Triebtäter einquartiere. Freitag bin ich dann schon in Bonn und kann hoffentlich bei meiner Freundin im Basecamp einmal meine Sachen waschen. Handwäsche ist die eine Sache, Maschinenwäsche samt Trockner die andere.

Samstag ist dann die Hochzeit und am Sonntag geht es theoretisch gleich weiter auf den Rheinsteig. Für Sonntagnacht habe ich sogar schon vor Wochen ein günstiges Zimmer in Königswinter geschossen. Sollte ich mich doch gegen das Abenteuer Rheinsteig entscheiden, dann sei es drum. Ganz sicher bin ich mir nach wie vor nicht, dass ich die gerade absolvierten knapp 180 km noch einmal um weitere 320 km verlängern möchte. Aber das kann ich mir in den nächsten Tagen in Ruhe überlegen, zumal es ja auch noch die Variante Teilstück laufen gibt. Dummerweise liegen mir halbe Sachen nur nicht so wirklich.

 

Zeitreise

Vorwärts: Mache ich wirklich eine Bootstour auf der Mosel, handelt es sich bei Olli um einen Mitpilger oder einen durchgeknallten Psyco? Finde es heras aus dem Rückweg von Trier nach Bonn.

Rückwärts: Du bist Quereinsteiger oder sehr vergesslich. Sämtliche Highlights der Strecke sowie die Camino Magic, die drum herum passierte, findest du auf meinem Weg von Klausen nach Schweich.

Kommentare und Ergänzungen

Warst du auch schon auf dem Mosel-Camino unterwegs? Wie war es für dich? Bist du ihn am Stück gelaufen oder Etappe für Etappe?

Was war die lustigste Begebenheit, die du erlebt hast? Kennst du meine heutige Etappe? Was hat dir an meinem Bericht gefallen, was eher nicht so?

Ich freue mich wie immer über deinen Kommentar.

Ich muss das weitersagen
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2 Gedanken zu „VII (Mosel-Camino) – Von Schweich nach Trier&8220;

  1. Hallo Audrey, ich freue mich, dass Du meinem Blog Reisen2go folgst. Noch mehr habe ich mich gefreut, ein paar Deiner Camino-Erlebnisse zu lesen, bei denen ich viel Bekanntes, aber auch Neues gelesen habe. Werde mich heute Abend mal an ein paar weitere Beriche von Dir machen. Sie gefallen mir. Werde Dich auch mal auf Facebook suchen und Dir eine Freundschaftsanfrage senden. Mich interessiert, wo Du noch so wandern wirst. Viele Grüße
    Thomas

    1. Hallo Thomas, ich bin zufällig auf Pinterest auf dich gestoßen, als ich nach dem MoselCamino geschaut habe. Und bevor ich es wieder vergesse, hab ich euch gleich mal dingfest gemacht 😊

Und was sagst Du?