IV (Rheinsteig) – Von Bad Hönningen nach Leutesdorf

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Tag 4 auf dem Rheinsteig besticht durch die lustige Welt der Tiere: täglich grüßende Murmeltiere, Brathähnchen im Gladiatorenkostüm, Synchronsprecherhirsche und die üblichen Verdächtigen: Drache, Schlange, Hase und Igel. (4. Oktober 2017, 23 km)

Ich wache heute morgen ausgeruht auf und bin bereit für mein Frühstück in der Rheinschanz. Ich habe mich nicht zu früh gefreut, denn im Speisesaal wurde ordentlich aufgefahren. Frischer Kaffee, Saft, ein Ei auf den Punkt, Brötchen, Brot, Aufschnitt, Käse, Joghurt – kein Wunsch bleibt unerfüllt.

Bei meiner morgendlichen Zigarette draußen komme ich ins Gespräch mit der Vierergruppe, die zuvor am Nachbartisch saß und auch zum Wandern hier ist. Sie kennen Einzeletappen des Rheinsteigs, aber können mir leider nichts zur heutigen Strecke sagen. Ich habe nach Lektüre der Wegbeschreibung dieser Etappe nicht das Gefühl, dass heute besondere Highlights auf mich warten, wenn man mal vom Limes absieht. Aber selbst das ist schlussendlich nichts anderes als eine alte Mauer. Das Beste an der Strecke ist mit Sicherheit ihre Kürze von knapp 19 km. Denke ich zumindest.

Und täglich grüßt das Murmeltier

Wieder drinnen kommt die nette Inhaberin sogar noch mal extra an meinen Tisch, um mich daraufhinzuweisen, dass es Plastiktütchen gibt, wenn ich mir etwas einpacken möchte. Ich hätte ja noch einiges vor und unterwegs wären die Möglichkeiten überschaubar. Ich bin dankbar für den Tipp und das Angebot und schmiere mir entsprechende Brote. Nach einer herzlichen Verabschiedung stiefle ich los. Es geht wieder vorbei an meinem Italiener von gestern, an den Kneipen, in die ich es nicht geschafft habe und dann in Richtung der Unterführung und zum Schloss des Jahres.

Ich weiß nicht, an welcher Stelle ich gepennt habe, aber nach einer Dreiviertelstunde befinde ich mich an exakt dem Aussichtspunkt, an dem ich gestern meinen Müsliriegel verzehrt habe. Und das war wohlgemerkt, BEVOR ich gestern am Schloss ankam. Wie es scheint, bin ich einen tollen Umweg gelaufen, noch dazu in die falsche Richtung. Auf diese Weise konnte ich das Schloss wenigstens noch mal von allen Seiten bewundern. Toll! So viel zum Thema „kurze Strecke heute“. Wenn eine Etappe mal unter 20 Kilometern ist, sorge ich einfach selbst dafür, wie gewohnt mehr zu laufen. Na dann.

Endlich auf dem richtigen Weg grüßen mich endlich mal wieder Weinstöcke. Ich ballanciere an der Kante zum Hang auf einem schmalen, steilen Weg, der mir immer wieder zurück auf das „schöne“ Bad Hönningen bietet. Ich bin seit fast zwei Stunden unterwegs, sehe aber immer das Gleiche. Es fühlt sich ein bisschen an wie „Und täglich grüßt das Murmeltier“.

Gladiator-Hähnchen zu Mittag

Nach einer kurzen Pause am achteckigen Pavillon mit Blick in die Ferne Richtung Ahrweiler geht es weiter. Kurz darauf verlasse ich die Wald- und Wiesenlandschaft und komme am oberen Rand von Rheinbrohl an, wo ein Anwohner seinen Balkon besonders ausgefallen in Szene gesetzt hat.img_7856

Es dauert nicht lange, und ich sehe erste Schilder, die auf die Römerwelt am Caput Limes hinweisen. Ich laufe eine kleine Schleife um eine Pferdekoppel herum und bekomme einen überraschenden Lachkrampf, als ich das Schild des nahegelegenen Schnellimbisses entdecke: Passend zum römischen Ambiente der Gegend ist das Maskottchen ein als Gladiator verkleidetes Brathähnchen. Noch Fragen?img_7857

Als ich dem Weg zwischen Feldern hindurch folge, sehe ich zum ersten Mal überhaupt auf dem Rheinsteig Menschen mit Rucksäcken von ähnlicher Größe wie mein eigener. Ein Ehepaar Ende 50 marschiert vor mir her. Ich überhole sie und grüße freundlich.

Bei meiner nächsten Raucherpause in einer Schutzhütte schließen die beiden wieder zu mir auf, und wir kommen ins Gespräch. Sie sind aus Köln und nehmen sich den Rheinsteig Stück für Stück vor. Nachdem sie das, wie sie mehrfach betonen, schönste Stück rund um Assmanshausen und Rüdesheim vor ein paar Jahren gemacht haben, rollen sie den Weg nun von vorn auf. Diesmal sind drei Tage vorgesehen. Sicher sehen wir uns im Laufe des Tages noch, denn sie wollen ebenfalls in Leutesdorf übernachten.

Wer rastet, der rostet

Obwohl eigentlich Regen gemeldet ist, habe ich unfassbares Glück. Zwar hängen die Wolken tief und die Wege sind stellenweise nass, aber irgendwie husche ich offensichtlich zwischen den Schauern hindurch. An einem Aussichtspunkt habe ich einen von vielen großartigen Ausblicken über den Rhein. Ich kann mir ungefähr vorstellen, wie das erst bei Sonnenschein und blauem Himmel aussehen muss.

IMG_7863Die nächste Pause mache ich in einer Schutzhütte auf einer Streuobstwiese, in deren Nähe auch Don Quichote und Sancho Panz rasten (und rosten) und erfreue mich an einem meiner Bad Hönninger Brote. Ich bin inzwischen absoluter Fan. Die Hütten schützen hervorragend gegen Wind und Wetter und bieten mir persönlich immer Gelegenheit, meinen Rucksack trocken auf einer der Bänke darin abzustellen, wenn ich mal kurz um die Ecke muss.

In solchen Situationen beneide ich wirklich Männer, die einfach in voller Montur irgendwo stehen bleiben können. Die Variante, sich mit einem 12-Kilo-Rucksack hizunhocken, steht nun mal nicht zur Diskussion. An dieser Stelle von daher herzlichen Dank an all die Menschen, die sich um die Instandhaltung der Hütten kümmern.

Schrei aus der Hölle

img_7874Gegen halb zwei verschlägt es mich erneut in einen tiefen, geradezu verwunschenen Wald. Es fällt kaum Licht hinein, und ich mache mir einen Spaß daraus, in die umgefallenen Baumstämme auf dem Boden Phantasiewesen zu interpretieren. img_7876Ich finde sowohl einen Drachen als auch eine Schlange.

Immer wieder begegnen mir hier Tagestouristen. Auf dem Rheinsteig ist definitiv mehr los als auf dem Mosel-Camino, auch wenn Fernwandern auch am Rhein wohl noch nicht wirklich populär ist. Vielleicht kommt das ja eines Tages noch . Ein paar Wandergenossen würden mir wohl gefallen, vor allem abends. Am alleine Essen konnte ich bisher noch nichts Verlockendes entdecken.img_7877

Und während ich noch so vor mich hin sinniere und dabei ein bisschen Musik höre, fahre ich plötzlich zusammen. Ganz in meiner Nähe habe ich ein lautes Geräusch gehört, dass ich nicht einordnen kann. Ich mache schlagartig meine Musik aus und lausche. Nichts.

Ich gehe weiter. Vielleicht habe ich es mir nur eingebildet? Da höre ich es erneut. Ich zucke zusammen. Es ist ein archaisches Geräusch, das ich so noch nie gehört habe, irgendwas zwischen Kuh und Löwe. Und es ist verdammt nah! Kurz darauf höre ich es wieder – diesmal kommt es von der anderen Seite. Der Sound fährt mir gemeinsam mit dem Schrecken neuerlich in die Glieder. Ich beobachte, wie ich mein Tempo unbewusst verdreifache. Alles auf Autopilot. Ich muss raus aus dem Wald. Da. Schon wieder. Diesmal wieder ganz in der Nähe.

Ich werfe einen Blick hinter mich, aber ich kann nichts sehen. Klingt so ein wütendes Wildschwein? Ist das Vieh hinter mir her? Sind es mehrere? Kreisen sie mich gerade ein? Spinne ich? So gern ich Wald mag und mich hier auch eigentlich immer sicher fühle, so unentspannt bin ich jetzt gerade. Hier stimmt was nicht. Ich habe wirklich Schiss und so hetze ich weiter und bin unfassbar erleichtert, als der Wald mich ausspuckt. Ich bin in Nieder-Hammerstein. Schlagartig senkt sich mein Puls. Ich bin in Sicherheit.

Tierische Synchronsprecher

Dann höre ich das Geräusch erneut. Noch mal tief durchatmen, Audrey, um dich rum sind Häuser, dir kann nichts passieren. Was war das erste, was dir durch den Kopf schoss, als du es hörtest? Genau. Das war „röhren“ und wer röhrt? Das Wildschwein oder der Hirsch?

Ich komme an einem Anwohner vorbei, der gerade sein Auto wäscht. Als er mich freundlich grüßt, nutze ich die Gelegenheit und hake bei ihm nach. Ob er die Geräusche gehört habe? Er lacht und bestätigt mir, dass es sich tatsächlich um zwei Hirsche handle. Die stünden hier jeden Tag und unterhielten sich, aber man sähe sie fast nie. Ob ich mich erschreckt habe, fragt er augenzwinkernd. Ich muss lachen und beichte mein Wildschweingemetzel-Szenario. Er erzählt, dass dieses Geräusch früher in Horrorfilmen genutzt wurde, um Monster zu vertonen. Das wundert mich überhaupt nicht!

Die Faszination über das Erlebte, setzt ein, als ich weiter gehe. Röhrende Hirsche in freier Wildbahn, was für ein Glück! Das erlebt man ja wahrlich auch nicht aller Tage. Mit genug Abstand zwischen mir und der vermeintlichen Gefahrenzone, finde ich es geradezu romantisch.

Streuobst-Zerstreuung

Weiter geht es, durch den Ort und zwischen Weinstöcken parallel zu Bundesstraße und Rhein flach geradeaus, bis es bei Ober-Hammerstein wieder aufwärts geht (konnte man sich beim Ortsnamen ja auch irgendwie denken). Den Abstecher zur hiesigen Burg spare ich mir. Wanderer aus Stein bei Oberhammerstein am RheinsteigDafür nutze ich die nächste Picknickbank zur Rast. Ein Wanderer aus Stein leistet mir Gesellschaft.

Der Rheinsteig führt nun über eine Streuobstwiese, und auch ich bin irgendwie zerstreut, denn auf einmal ist von der Markierung keine Spur mehr. Vor mir gehen verschiedene Wege in verschiedene Richtungen. Ich habe keine Ahnung, wo ich hin soll und gehe den Weg bist zum steinernen Wanderer noch einmal zurück. Diesmal versuche ich mein Glück, indem ich mich links halte, komme aber an der gleichen Stelle heraus, wie zuvor, auch wenn ich diesmal über die Streuobstwiese gelaufen bin.

Ich verzichte auf weitere Experimente und befrage Google. Die Adresse meiner Unterkunft in Leutesdorf hilft bei der Navigation und nach einer Stunde quer durch Weinberge bin ich da.

Gastronomie-Tipp Dönermann

Wie vereinbart, rufe ich die Dame, die das Zimmer vermietet, an. Sie verspricht mir, sich gleich auf den Weg zu machen. Das dauere aber ein bisschen aufgrund ihres Rollators, erklärt sie mir. In meinem Kopf fahren sämtliche Senioren Achterbahn. Tatsächlich kämpft sich knapp 15 Minuten später eine Dame mit schweren Knochen die Straße entlang. Sie schließt nach einer kurzen Begrüßung die Eingangstür auf, und wir gehen durch den Flur direkt wieder nach draußen auf die Rückseite des Gebäudes, wo sich ein kleiner Anbau befindet, mein Reich.

In Raum befinden sich Bett (inklusive Gummibärchen auf dem Kopfkissen), Kleiderschrank und ein Esstisch. Zudem gibt es ein kleines Bad. Das Beste ist aber sicher meine eigene „Terrasse“ – im Außenbereich stehen Stühle und ein Tisch samt Aschenbecher für mich bereit. Wann ich frühstücken wolle, ist die Abschlussfrage meiner Gastgeberin. Daran anschließend erfolgen weitere Frühstücksspezifika. Ob es irgendwas gäbe, das ich nicht möge und wie ich mein Ei gerne hätte. Das würde sie mir dann morgen alles vorbeibringen.

Ich erkundige mich noch nach den gastromischen Möglichkeiten vor Ort. Sie guckt etwas sparsam. Also der Dönermann die Straße runter sei nicht schlecht. Da würden sie selbst auch immer bestellen. Außerdem gäbe es noch ein Restaurant am Rhein. Das sei es dann aber. Dann geht sie, und ich breite mich auf der Terrasse aus. Kurz danach inspiziere ich das Bad und nachdem ich geduscht habe, stromere ich durch Leutesdorf. Ich bin schnell durch damit, denn hier sagen sich Hase und Igel echt noch persönlich gute Nacht.img_7882

Als Highlight hat der Gasthof mit dem besagten Restaurant am Rhein heute geschlossen. Dönermann, here I come. Als ich mich zwischen den vielen Pizzasorten endlich entschieden habe, bin ich dem dem Typen hinter der Theke mehr als dankbar. Er fragt, ob er die Pizza schneiden soll. In dem Moment fällt mir auf, dass es in meiner Unterkunft ja gar keine Küche, also vermutlich auch kein Besteck gibt.

Mit meinem Pizzakarton unter dem Arm mache ich noch einen Abstecher bei der Tankstelle und kaufe mir Dosenbier und Schokoriegel. img_7883Es geht doch nichts über gesunde Ernährung! Die Dame an der Kasse schaut mich verwundert an. Outdoorklamotten, Pizza unter dem Arm, aber kein Auto. Ja, man kann hier tatsächlich auch zu Fuß hinkommen, um sich basiszuversorgen.

Wieder zuhause angekommen mache ich es mir mit meinem Festmahl (die Pizza war wirklich lecker!) gemütlich und schaue im Anschluss noch im Bett einen Film auf dem iPad. Ich bin wirklich froh, dass ich das Ding schon die ganze Zeit mit mir herum schleppe. Ich hätte sonst sehr lange Abende gehabt.

Wenig später fallen mir wie den grauenhaften Schlafpuppen aus meiner Kindheit auch schon die Augen zu.

Zeitreise

Vorwärts: Du willst wissen, wie es weitergeht? Komm doch noch auf eine Etappe mit und geh mit mir von Leutesdorf nach Rengsdorf.

Rückwärts: Du hast den gestrigen Tag verpasst? Dann komm mit von Orsberg nach Bad Hönningen und sei wenn ich Landfriedensbruch begehe, Riverdance aufführe, für eine Brasilianerin gehalten werde und Aug in Aug mit dem „Tanzclub Hölle“ schlafe.

Hast du den Anfang verpasst und möchtest die ganze Wanderung nachlesen? Dann geht es hier entlang zu Etappe eins von Bonn nach Königswinter.

Kommentare und Ergänzungen

Warst du selbst auf dem Rheinsteig unterwegs? Hast du dich immer sicher gefühlt oder gab es für dich auch schon Situationen, in denen dir der Schreck in die Glieder gefahren ist? Kennst du meine heutige Etappe? Was hat dir gefallen, was eher nicht so und gibt es noch etwas zu ergänzen?

Ich freue mich wie immer über deinen Kommentar.

Ich muss das weitersagen
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9 Gedanken zu „IV (Rheinsteig) – Von Bad Hönningen nach Leutesdorf&8220;

  1. Kennst du den „Hiking Hook“? Das ist ein kleiner Aufhängeriemen für Rücksäcke, mit denen man den Ranzen bei feuchter Witterung oder dreckigem Boden an einen Baum oder über eine Astgabel hängen kann, wenn man mal für kleine Mädchen muss 🙂

Und was sagst Du?