X (Rheinsteig) – Von Wellmich nach Kaub

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Tag 10 auf dem Rheinsteig – Learnings des Tages: was weniger als 30 Sekunden auf dem Boden liegt, ist noch gut, Katz und Maus kann man auch mit Burgen spielen, die Loreley singt nicht sondern baggert, auch Wein gibt es to-go und selbst nach einer Wanderung sind die Augen größer als der Mund (10. Oktober 2017, 27 km)

Alter, meine Füße führen gerade einen Dialog: „Au“, „Aua!“ „Au“, aber ich habe es geschafft: die Königsetappe St Goarshausen – Kaub sowie noch vier km An- und Abstieg nach Burg Maus vorweg. So fühlt es sich auch an. 27 km, 9,5 Stunden. Aber genug gejammert.

Mit diesen Worten beginnt mein WhatsApp-Tagesbericht am 10. Oktober 2017, und auch wenn die Erinnerungen an die einzelnen Details nicht mehr alle gleich präsent sind, kann ich mich an das vorwurfsvolle Pochen meiner Füße bestens erinnern. Apropos erinnern – die Berichte werden ab jetzt vermutlich kürzer, denn ich habe ab diesem Tag mein Tagebuch mit Missachtung gestraft und mich auch später nicht mehr aufgerafft.

Was auf dem Rheinsteig passiert ist, bleibt auf dem Rheinsteig oder so ähnlich, auch wenn ich natürlich versuchen werde, mich an möglichst viel zu erinnern und mich dabei von Wanderführern, Webseiten oder anderen Blogs zurück versetzen lassen. Nur Meditationen und bewusstseinserweiternde Drogen schließe ich aus. So wichtig sind die Details dann doch nicht.

Warten auf die Wirtin

Ich wache um 6:30 Uhr in „Zum Saustall“ auf. Nicht weiter verwunderlich. Wer um halb zehn aus Langeweile schlafen geht, ist früh wach. Passt aber eigentlich gut, denn heute erwartet mich ein langer Tag. Doch ausnahmsweise fängt der frühe Vogel den Wurm nicht. Ohne Wirtin Doris kein Frühstück und ohne Frühstück keine Wanderung. Also packe ich in Ruhe meine Sachen, föhne die letzten Spuren von Klammheit aus den frisch gewaschenen Klamotten und warten, dass es 7:45 Uhr wird.

Wenn ich mein Handy aus dem Klofenster halte, habe ich schwaches Internet. Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel. Ich sehe vor lauter Langeweile zu, wie sich die Spiegel Online Seite nicht aufbaut. Toll, wie man so seine Zeit rumkriegen kann. Es hat etwas geradezu Meditatives.

Pünktlich marschiere ich die Treppe nach unten und freue mich auf mein Frühstück. Aber hey, Abmachung hin oder her, das Frühstück ist natürlich weit davon entfernt, fertig zu sein. Ich erinnere an dieser Stelle noch einmal an die schweren Verhandlungen, die ich gestern mit Doris führte und bei denen wir uns in der Mitte trafen und auf viertel vor acht einigten.

Karriere als Küchenhilfe

Immerhin ist Doris schon da; gerade eingetroffen, um genau zu sein (der ein oder andere von euch hat das ja schon kommen sehen). Das gibt sie auch unumwunden zu: „Ich bin noch nicht soweit. Aber gut, dass du kommst, dann kannst du mir gleich helfen.“ Diese Frau schafft es wirklich immer, mich zu überraschen, aber was willst du machen.

Ich lasse mich also von Doris instruieren, welche Objekte ich von wo nach wo tragen darf. Sie hat mir gestern schon erklärt, dass sie körperlich nicht mehr in der Lage ist, am Tisch zu servieren, und so nehme ich erst mal alles von der Theke und verfrachte es auf meinem Tisch. Anschließend gehe ich in die Küche, um ihr weitere Ingredienzen abzunehmen.

Zwei Eier köcheln munter vor sich hin. Doris will sie gerade abschrecken, als ihr eins der schlüpfrigen Scheißerchen aus der Hand gleitet und zu Boden donnert. Das Gefluche ist groß, und ich stehe etwas unangenehm berührt daneben. So dringend brauche ich kein Ei, murmele ich.

Ist noch gut

Doch auf diese Diskussion lässt Doris sich nicht ein. Papperlapapp, sie hat ja extra zwei gekocht. Dummerweise kann Doris sich nur mit Mühe bücken. Ich übernehme das Aufwischen, natürlich nicht ohne vorher noch den gut gemeinten Ratschlag zu empfangen, dass ich dazu bitte Küchenrolle benutzen möge.

Das Danke hebt sie sich für bessere Zeiten auf und schickt mich an meinen Tisch. Sie selbst folgt, bewaffnet mit dem Brotkorb und dem übriggebliebenen Ei. Ich kann nicht mehr rekonstruieren, wie es passiert, aber eins der beiden Brötchen fällt ihr auf den Boden.

Was dann geschieht, ist legendär. Doris müht sich nach unten (ich bin ihr inzwischen zur Seite gesprungen), hebt das Aufbackbrötchen auf, begutachtet es von allen Seiten, pustet einmal drauf (ernsthaft!) und überreicht es mir mit dem Satz: „Ist noch gut.“

Ich muss ein hysterisches Kichern unterdrücken, versuche, ein neutrales Gesicht aufzusetzen und begutachte das Teigstück, als Doris in der Küche ist. Ich erspähe ein paar Fussel, etwas Staub und male mir aus, was sonst noch Delikates darauf zu finden sein wird. Schließlich entscheide ich, dass Dreck den Magen reinigt. Ich werde das Brötchen als Notfallration trotzdem einpacken, putze es aber vorsorglich mit meiner Serviette von allen Seiten ab.

Auszug aus dem Bundesgesetz guter Gastgeber

Wie immer morgens bin ich nicht sonderlich hungrig, esse ein bisschen und mache mich dann daran, mir den Rest für später einzupacken. Sofort ist Doris neben mir: „Was wird das denn, junge Dame?“

Ich schaue sie verständnislos an und erkläre, dass ich morgens nicht so viel essen kann und daher etwas für später einpacke. „Das ist nicht erlaubt!“ Und dann hält mir Doris einen Vortrag, dass der Wirt berechtigt sei, für ein Lunchpaket Geld zu verlangen. Ich schaue sie an, als habe sie Suaheli gesprochen. Lunchpaket?? Das ist mein Frühstück! Das ich bezahlt habe. Und das mit Verspätung kam. Und das, was ich da einpacke, ist ein dreckiges Brötchen, das zu viel Bodenkontakt hatte.

„Nein, nein“, fährt Doris fort. Selbst wenn der Wirt viel zu viel auftischt, habe er das gute Recht, alles wegzuwerfen. Als Gast einfach so etwas einpacken, das sei nicht erlaubt. Dazu gäbe es auch irgendeinen fancy Paragraphen im Bundesgesetzbuch guter Gastgeber oder so ähnlich.

Verhandlung mit dem Feind

Ich atme erst einmal tief in den Bauch, schaue Doris dann tief in die Augen und sage ihr, dass ich das für eine ziemlich absurde Regel halte. Ich füge mit einem Zwinkern hinzu, dass wir beide ja Gott sei Dank über solchen Dingen stünden. Und dass wir ja sicherlich nicht über ein Brötchen diskutieren wollen, das vor kurzer Zeit noch auf dem Boden lag. Dazu setze ich mein charmantestes Lächeln auf.

Ja, ihr sei das persönlich natürlich völlig egal, lenkt Doris ein. Sie wollte es mir nur sagen, damit ich anderswo nicht in Schwierigkeiten gerate. Ich muss derweil an all die netten Menschen denken, bei denen Brottütchen Teil des Frühstückequipments waren und denke mir meinen Teil.

Ich raffe mein illegal geräubertes Lunchpaket zusammen, verschwinde auf mein Zimmer, hole meinen Krams und will möglichst schnell los. Da wird schon im Befehlston nach mir gerufen. „Komm her! Das musst du dir ansehen!“ Doris steht vor ihrem Fernseher in einem Nebenraum der Küche, in dem zudem noch alte Haushaltsgeräte gesammelt werden. Im dritten Programm läuft eine Dokumentation über den romantischen Rhein.

Die lief gestern Abend schon, sagt Doris, und sie dachte sich schon, dass das was für mich sei und habe extra den Fernseher mit der Wiederholung angemacht. Ich bin fast schon gerührt. Und so schauen wir beide einträchtig auf die Loreley bei Traumwetter, hören von der in Asien weltberühmten Big Mama, die ein Ausflugslokal betreibt und die Doris natürlich kennt, und dann darf ich endlich los.

Katz und Maus

Die Loreley ist nur ein Teil dessen, was mir heute bevor steht. Mehr oder weniger vor der Haustür beginnt der steile Aufstieg zur Burg Maus. Warmlaufen ist heute nicht. Es geht gleich in die Vollen. Ich keuche den Berg hoch und bin froh, dass ich allein bin. img_8009

Nach einer knappen Stunde oben angekommen, gibt es abgesehen von einem pompös mit einem Adler (nicht etwa mit einer Maus) verzierten Tor nicht allzu viel zu erkunden. Die Burg ist in Privatbesitz. Sie verdankt ihren Namen übrigens dem arroganten Schlossherrn von Burg Katz, der die Nachbarsburg despektierlich als Burg zweiter Klasse, Burg Maus, taufte.

What goes up, must come down. Wie immer. Und so führt der Rheinsteig kurz darauf wieder hinab und durch den Wald hinein nach St. Goarshausen. Ich laufe auf schmalen Treppenstufen zwischen Häusern hindurch und runter Richtung Bahnschranke. Dabei komme ich am Rewe vorbei und überlege kurz, hinein zu gehen und mich zu erkundigen, wieso in aller Herrgotts Namen, es keinen fertigen Hefeteig mehr gibt.

Dreiburgenblick passt auf keine Postkarte

Hier stellt sich die Gewissensfrage. Nehme ich eine Abkürzung und erspare mir den knackigen Auf- und Abstieg des Patersbergs und verzichte damit auch auf den so beeindruckend klingenden „Dreiburgenblick“, oder ziehe ich durch? Ich entscheide mich knallhart für Variante zwei und ziehe durch (was ich – Spoiler – noch bereuen werde). Man muss ja an seine Grenzen gehen, denke ich mir übermütig.

Und so laufe ich immer hoch, hoch, hoch, bis ich den Ort erreiche und an den Mauern eines großen Gebäudes entlang laufe. Ich stelle mir vor, dass es ein Sanatorium für Schwerreiche ist, die hier ihre letzten Atemzüge tätigen. img_8012Um halb zwölf erreiche ich den Aussichtspunkt. Die drei Burgen kann ich bei dem trüben Wetter erahnen – eine links (Burg Katz), eine rechts (Burg Maus) und eine geradeaus (die auf der anderen Rheinseite über St. Goar gelegene Ruine Rheinfels).

Auch das Festivalgelände bei der Loreley zeichnet sich von hier bereits schimmernd ab. Der Blick ist allerdings bei diesem Wetter eher mittelmäßig und auf ein Foto passt die viel gepriesene „Postkartenansicht“ auch nicht.

Ich weiß, ich wiederhole mich, aber einmal mehr bin ich mir sicher, dass es vermutlich der Oberhammermegaausblick wäre, wenn die Sonne scheinen würde.img_8013 So denke ich nur: Wieso bist du hier raufgekraxelt und hast unnötiges Pulver verschossen? Denn nun geht es natürlich wieder runter und zwar steil nach St. Goarshausen. Hier war ich doch vor anderthalb Stunden schon mal?

Und weil der Rheinsteig so ein lustiges Kerlchen ist, geht es im direktn Anschluss natürlich wieder nach oben. Nicht umsonst hieß es in der Etappenbeschreibung der Königsetappe, „keine andere ist länger und addiert mehr Höhenmeter auf.“ In deren Kalkulation war der Auf- und Abstieg zu Burg Maus noch gar nicht inkludiert.

Ich schlängele mich also zwischen den Häusern St. Goarshausens hindurch und später auf lang gezogenen Treppenstufen nach oben in Richtung Burg Katz. Als ich die Burg erreiche, lese ich ein freundliches „Betreten Verboten“, grummele etwas in mich hinein und gehe sofort weiter. Somit gibt es keine fotografische Nahaufnahme der Burg. Ich bin im Streik.

Als einzige Lebende im Geisterort

Mein nächster Meilenstein heißt Loreley. Zumindest muss ich diesmal nicht wieder erst nach unten, sondern bleibe auf der Höhe und bewege mich langsam weiter aufwärts. Es geht durch ein Wohngebiet in Heide und vorbei an einem Schulgelände. Was für ein abgeschiedener Ort für eine Schule. Offensichtlich sind Herbstferien, denn ich höre und sehe keine Schüler. Das macht das ganze fast schon ein bisschen unheimlich.

Noch einmal tauche ich in den Wald ab, dann komme ich an einem Gelände vorbei, das ich recht schnell als die Sommerrodelbahn identifizieren kann. Niemand rodelt. Nur ein Mann mit Hund streift am Parcours entlang. Ich sag ja – Geisterort. Vermutlich eins dieser Fleckchen Erde, an denen das Leben einst tobte, bis alle Einwohner an einer geheimen Krankheit starben.

Ich umrunde die Bahn, laufe auf eine Straße zu und nähere mich nun dem Tourismus-Zentrum. Unschwer zu erkennen, denn von weitem sieht man bereits den Parkplatz. Auch komisch, wie sich Einsamkeit und Trubel hier die Klinke in die Hand geben.

Die Loreley verlegt sich aufs Baggern

img_8015Ich lasse mich kurz irritieren, denn ein Schild weist darauf hin, dass es eine geänderte Wegführung aufgrund von Baumaßnahmen am Plateau gibt. Wie mich solche Schilder immer verwirren können. Ich bin gelinde gesagt zu dämlich zum Kartenlesen und weil ich das weiß, versetzt mich jedes Schild mit Kartenauszug in eine Art Grundpanik.

So gehe ich also erst einmal im Kreis und versuche zu verstehen, wo ich denn eigentlich lang soll. Ich fürchte inzwischen, dass ich das Plateau nie erreichen werde und mache mir Gedanken, wie ich nicht ans Ziel der heutigen Etappe komme, statt einfach erst mal stumpf auf den Parkplatz zu zu gehen, auf dem ja ordentlich Betrieb ist. Diese Blitzidee kommt mir erst ein paar Minuten später.

Ich schlendere über den Busparkplatz und halte zielstrebig auf das Gebäude zu, in dem sich die Information und ein Café befinden. Dort gönne ich mir eine Cola. Zu selten sind die Möglichkeiten, unterwegs irgend etwas käuflich zu erwerben. Vor Ort erkundige ich mich noch einmal, wie ich gleich weiterlaufen soll, und die Dame an der Info holt mir extra eine Karte und kringelt es mir ein.

Jetzt aber erst mal aufs Plateau. Schließlich ist das einer der prominentesten Punkte auf der ganzen Strecke. Ich bahne mir meinen Weg vorbei an Baggern und anderem schweren Gerät und teile mir dann mit ca. 20 Leuten den Blick auf den Rhein.

img_8016Tja. Wenn man oben steht, könnte es irgendein Ausblick auf den Rhein sein. Da es hier so voll und wuselig ist, bleibe ich nur kurz. Es ist hier alles andere als idyllisch. Keine blonde Zauberin, die auf der Kante sitzen könnte, um die Schiffer zu verwirren, kein Märchen aus uralten Zeiten. Die Loreley ist im Zeitalter von Tinder angekommen, und es wird gebaggert.

Es ist inzwischen halb zwei und vor mir liegen noch 15 Kilometer. img_8017Zwölf habe ich geschafft. Erst zwölf, um genau zu sein. Also noch nicht mal die Hälfte. Und dabei bin ich doch extra früh gestartet. Die Tatsache, dass zumindest die schlimmsten Steigungen bis auf eine geschafft sind und es die nächsten anderthalb Stunden erst mal fast gerade aus gehen wird, beruhigt mich nur bedingt. Ich laufe zurück zum Ausgangspunkt des Loreley-Abenteuers, dem Aufsteller mit der angekündigten geänderten Wegführung.

Die Loreley legt ihre falsche Fährte

Irgendwie finde ich nach den Anlaufschwierigkeiten dann aber doch auf den rechten Weg zurück und erreiche kurz darauf den Weinlehrpfad Loreley. img_8018Hurra, endlich wieder Weinbaugebiet. Das habe ich ein wenig vermisst, war es doch ständiger Begleiter meines Mosel-Caminos.

Ich schlendere am Hang entlang und lasse mich so sehr belehren, dass ich den Moment verpasse, wo ich eine Abzweigung hätte nehme sollen. Stattdessen steuere ich zielstrebig auf ein Hütte zu, mache Mittagspause (schöner Gruß zurück an Doris in Wellmich, das Lunchpaket tut, was es soll) und folge danach dem Pfad durch die Weinreben abwärts.

Nach 15 Minuten fange ich an, mich latent zu wundern. Dieser Abstieg war gar nicht angekündigt. Ich prüfe noch einmal die Streckenbeschreibung und muss feststellen, dass ich auf dem Holzweg bin. Also wieder zurück und zack – wieder eine halbe Stunde verschenkt.img_8019

Die nächsten anderthalb Stunden entschädigen mich und lassen den Ärger schnell vergessen. Es geht tatsächlich relativ flach geradeaus, was nach dem ganzen Gekraxle Wunder wirkt. Ich werde durch Felder weitergeleitet und laufe bei Leisefeld am Gasthaus Rheinsteig-Rast vorbei, das mitten im Nichts liegt und geschlossen hat.

img_8024Anschließend erwarten mich wieder Panorama-Bilderbuch-Ausblicke auf den Rhein zwischen grünen Hügeln. Wenn ich zurück schaue, wird mir deutlich vor Augen geführt, wie weit ich bereits gelaufen bin.

Nach anderthalb Stunden gibt es einen Abstieg. Das muss der Abstieg ins Urbachtal sein, der als besonders steil angekündigt wurde. Dummerweise ist er es nicht. Das heißt leider auch, dass ich doch noch nicht so weit bin, wie ich eigentlich dachte.

Meine imaginäre Beißschiene

img_8025Einen Kilometer später ist es dann aber soweit. Es geht hinunter ins Urbachtal, wo mich der Weg auf schmalen Pfaden am Bach entlang leitet. Kaum angekommen, geht es gmütlich wieder hoch, diesmal wirklich mit manierlicher Steigung. Das reicht mir trotzdem.

Ich bin inzwischen ziemlich platt. Ich habe achtzehn Kilometer und etliche Höhenmeter in den Beinen. Vor meinem inneren Auge winken bedrohlich die noch ausstehenden Rosssteine, eine mit Eisentritten und Seilen gesicherte Kletterstelle.

Ich ertappe mich dabei, wie ich zunehmend nur noch um des Vorwärtskommens willen laufe und nicht mehr, weil ich die Natur und die Bewegung so genieße. Beißen nennt man das im Sport und ja, ich bin kurz davor, eine Kauschiene verschrieben zu bekommen.

Die Schweiz läuft mit

Im Wald laufe ich auf einen älteren Herrn, sicher Mitte 70, auf, der mit einem Minirucksack bestückt, langsam seiner Wege geht. Er ist total versunken und erschreckt sich, als ich ihn überhole. Er habe mich gar nicht kommen hören, lacht er. Wie weit ich heute gehe und ob ich wisse, ob man die Rosssteine umgehen könne. Er sei sich nicht sicher, ob er das schaffe.

Der Herr ist Schweizer und seit einigen Tagen auf dem Rheinsteig unterwegs. In Kaub hat er in der Jugendherberge übernachtet und ist heute früh mit den Öffis nach St. Goarshausen gefahren. Er will noch bis Dörscheid, einem Ort drei Kilometer vor Kaub. Eigentlich hätte er wieder in Kaub übernachten wollen, aber er hat schon heute Morgen eingesehen, dass das zu anstrengend wird und sein Zimmer in der Jugendherberge gecancelt.

Ob das dann nicht vielleicht etwas für mich sein könnte, fragt er, als er hört, dass ich noch keine Übernachtung habe. Er selbst hat in Dörscheid etas reserviert. Mist, mit dem Thema Unterkunft habe ich mich heute gar nicht beschäftigt. Da ich bei Doris keinen Handy-Empfang hatte, fiel dieser Schritt aus und unterwegs habe ich es schlichtweg vergessen. Ich hoffe einfach mal, dass in der Herberge noch Platz für mich ist und ich nicht in irgendeinem Stall unterkommen muss.

Gemeinsam begutachten wir den Wanderführer des Herrn und versuchen zu erkennen, ob er auch ans Ziel gelangt, wenn er den Waldweg hochgeht und die Rosssteine auslässt. Er beschließt, es zu versuchen.

Ich mache mir ein wenig Sorgen. Sollte es nicht klappen, ist er ganz allein auf einem Forstweg unterwegs und irgendwann wird es dunkel. Er selbst nimmt es gelassen. Wird schon klappen, sagt er und lässt mich ziehen.

Hängen in Stahlseilen

Der Wald weicht und ich lauf ein wenig entlang Hangkante mit Blick auf den Rhein, bis ich nach acht Stunden Wanderung die besagten Rosssteine erreiche. Aufstieg zu den Rosssteinen am RheinsteigVor mir liegt ein felsiger, unebener Pfad, der nicht sonderlich vertrauenserweckend aussieht und sich auf die Spitze hochwindet.

Ich merke, wie ich einen kleinen Adrenalinstoß bekomme, denn ich bin nicht 100% schwindelfrei. Tief in den Bauch atmen. Noch mal sammeln. Beherzt greife ich mir das Stahlseil, muss aber schnell feststellen, dass das mit Stöcken semi-gut funktioniert. Kurz entschlossen werfe ich die Stöcke auf die Anhöhe vor mir, schnappe mir das Seil und klettere hoch.

Es geht ganz gut, auch wenn die Stahlkordel recht locker hängt und wackelt. Ohne Seil wäre es aber sicher deutlich gruseliger. Als ich die Stufen geschafft habe, sind vor mir nur noch nackte Schieferfläche. Irgendwie packe ich auch diese. Die Stöcke werden wieder nach vorn geworfen, und ich bewege mich stellenweise auf allen Vieren, was mit Rucksack mittelmäßig spaßig ist.

Wenig später erreiche ich erfolgreich eine Statue, die (vermutlich) den heiligen Christopherus zeigt, mit dem Jesuskind auf den Schultern.img_8029 Ich werfe einen zaghaften Blick hinter mich. Der Ausblick ist umwerfend. Wenn man nicht ganz schwindelfrei ist, muss man aber eher zusehen, dass er einen nicht umwirft.

Hier wäre jetzt endlich mal die richtige Stelle für Panoramabilder gewesen, aber das hätte vorausgesetzt, dass meine Arme nicht zitterten. Ich habe einen Versuch unternommen, weil ich es so amüsant fand, dass es auf der anderen Rheinseite in Oberwesel zwei Kirchen gibt, die bis auf ihren Farbanstrich absolut gleich aussehen und den Ort von links und rechts einrahmen. Das Bild ist wenig überraschend verwackelt. Ich Höhenschisser!

Es ist vollbracht. Ich bin auf dem letzten Plateau bei der Alten Burg (einer Schutzhütte) angekommen. Wenig später liegt vor mir flaches Ackerland. Wenn man hier lang läuft, kann man sich gar nicht vorstellen, dass man eben noch geklettert ist.

Should I stay or should I go?

In der Ferne sehe ich eine andere Gestalt durch die Felder laufen. Ob das meine Schweizer Bekanntschaft ist? Ich hoffe es. Nur noch drei Kilometer bis Dürscheid – ich erwäge ernsthaft, die Etappe dort zu beenden. Es wäre mehr als verlockend, für heute aufzuhören. Meine Wanderungen dauert inzwischen neun Stunden an. Dazu laufe ich seit 17 Tagen mindestens 20 Kilometer am Tag, wenn man von der kleinen Hochzeits-Unterbrechung einmal absieht.

Mein Körper ist an seiner Grenze. Wieso musste ich unbedingt diesen blöden Dreiburgenblick mitnehmen? Die Höhenmeter hätte ich mir echt sparen können. Während ich noch Pro und Contra abwäge, komme ich immer näher an die Person heran, die ich vorhin noch von weitem sehen konnte. Es ist tatsächlich der Herr aus der Schweiz. Ich bin wirklich erleichtert. Wir unterhalten uns noch einmal kurz.

Am Ortseingang macht sich bei ihm leichte Sorge breit. Man habe ihm gesagt, dass seine Unterkunft direkt am Rheinsteig läge, aber nun sei nichts in Sicht. Ich erinnere mich an meinen Westerwald-Tag und beruhige ihn, dass er vermutlich einfach nur auf dem Rheinsteig bleiben muss und dann dort ankommen wird. Das Hotel sei bestimmt am Ortsende und der Rheinsteig führe einmal um das Dorf herum.

Davon will er nichts wissen. Ich glaube, er ist ähnlich bedient wie ich und will kein Risiko mehr eingehen. Er entscheidet, dass er durch das Dorf laufen wird, um die Unterkunft zu suchen. So trennen sich unsere Wege am Ortseingang.

Ich selbst habe mich inzwischen entschieden. Ich laufe wie geplant bis nach Kaub. Es sind nun auch nur noch vier Kilometer, sprich eine Stunde. Das kriege ich auch gerade noch hin. Sonst geht mein Plan für die restlichen Tage nicht auf. Morgen stehen nämlich erneut 27 Kilometer an. Wenn ich stattdessen 31 machen muss, wird das nichts.

Nach Wein schrei’n am Weinschrein

Einen Kilometer später taucht der Rheinsteig unterhalb eines Gasthofs wieder aus dem Wald auf. Ich bin mir sicher, dass das die besagte Schweizer Unterkunft ist und überzeugt, dass mein Weg der Kürzere war. Aber der Herr wird es schon packen. Ich packe es ebenfalls. Immer wieder habe ich Blick auf den Rhein und sehe Kaub bereits vor mir.

img_8031Mit Burg Pfalzgrafenstein, die mitten im Rhein liegt, ist es schwer zu übersehen. Aus vier Kilometern werden schlussendlich fünf. Ein Schild warnt vor dem regulären Abstieg, der sehr anspruchsvoll sei und Trittsicherheit voraussetze. An jedem normalen Tag wäre ich, ohne mit der Wimper zu zucken, diesen Weg gegangen. Mit meinen inzwischen leicht wackligen Beinen erscheint es mir vernünftiger, einen Kilometer mehr zu machen, dafür aber nicht erneut zu klettern und im schlimmsten Fall zu stürzen.

Meine Umleitung führt durch Weinberge und geleitet mich sanft abwärts. Ich bereue den Umweg wahrlich nicht. Pünktlich um sechs habe ich das Ziel vor Augen, und es erwartet mich ein echtes Highlight.Weintresor bei Kaub am Rheinsteig

Am Weinhang ist ein kleiner Schrein angebracht. Ich ahne es. Das muss einer dieser besagten Weintresore sein, von denen mir in Traben-Trarbach erzählt wurde. Vorsichtig öffne ich die Holztüren und tatsächlich, es finden sich kleine Flaschen und Gläser. Für gerade mal 2,50 Euro erstehe ich einen Riesling. img_8033So viel Zeit muss sein.

Ganz in der Nähe steht eine Bank. Dort mache ich es mir mit meinem Fläschchen gemütlich. Ich genieße die Aussicht, meinen Riesling und lege die Beine hoch. Ich kann mich nicht erinnern, mich jemals so über einen Wein gefreut zu haben. Und er hilft enorm bei meiner Regeneration.

Zwanzig Minuten später nehme ich die verbliebenden zwei Kilometer trotz schmerzender Füße geradezu beschwingt. Von wegen Alkohol sei keine Lösung!

Ist noch Platz da?

Als ich um kurz nach halb sieben Kaub erreiche, fängt es bereits langsam an zu dämmern. Zielstrebig peile ich die Jugendherberge an. Die Dame am Schalter schaut mich mit schlechtem Gewissen an. Sie seien voll, sagt sie zerknirscht. Ich fasse es nicht. Damit habe ich wirklich nicht gerechnet.

Ich erzähle von dem Herrn aus der Schweiz, und sie weiß gleich, wen ich meine. Sie hätten eine Schulklasse da und das Zimmer, das der Herr storniert habe, sei schon vor zwei Stunden weggegangen. Sie wünscht mir viel Glück bei der Suche, irgend etwas werde ich schon finden.

Ich versuche, innerlich nicht zu heftig zu jammern. Parallel zu den Bahnschienen durchlaufe ich den Ort und verschaffe mir einen Überblick über potenzielle Unterkunftsmöglichkeiten. Als ich alles gesehen habe, versuche ich mein Glück beim Hotel Deutsches Haus. Das dazugehörige Restaurant ist voll.

Die Kellnerin schaut mich leicht verwirrt an, als ich nach einem Zimmer frage und wendet sich an den Herrn hinter der Theke. Ich schicke ein kleines Stoßgebet aufwärts, dass es bitte, bitte noch ein Bett für mich gäbe. Der Herr macht nicht viel Aufhebens, ja, hat er, hier, Schlüssel, hinten Treppe hoch, fertig. Dann verschwindet er wieder hinter der Theke und wendet sich dem zu zapfenden Bier zu. Ich möchte ihm um den Hals fallen, da ist er schon weg. Ein Königreich für ein Bett und ich bin Königin.

Als ich mein Zimmer aufschließe, bin ich überrascht, wie groß der Raum ist. Ich springe in Nullkommanix unter die Dusche und könnte heulen vor Begeisterung, als ich in einem Körbchen auch noch kühlendes Gel für die Füße entdecke. Wie immer halten die Kräfte quasi unmittelbar nach dem Duschen wieder Einzug. Dafür, dass ich gerade noch am liebsten sofort schlafen gegangen wäre, bin ich nun erstaunlich fit und vor allem hungrig. Ich habe ja nichts als Doris Frühstück (und Lunchpaket, ja, das habe ich wohl bis an mein Lebensende gelernt) intus. Also schnell nach unten.

Ich falle ins Fresskoma

Der Theken-Mann grinst mich an: „Sie hätte ich ja fast nicht erkannt. Sie sind ja nicht mehr vergleichbar mit dem müden Häufchen Elend von eben.“ Er hätte mich vorhin nicht weiter aufhalten wollen. Die Rheinsteigwanderer, die in Kaub ankämen, wären in der Regel völlig platt. Ich erzähle, dass ich in Wellmich gestartet bin und deswegen umso größeren Hunger hätte. Dagegen kann er etwas unternehmen, sagt er.

Die Karte ist überraschend vielfältig, und ich habe so großen Appetit, dass ich mich für eine Flädle-Suppe mit Einlage UND Bandnudeln mit Pfifferlingen entscheide. Außerdem gibt es ein Weizen und eine Cola. Er lacht erneut über meine Doppelbestellungen, kommentiert sie aber nicht weiter und bringt alsbald Getränke und Suppe.

Wie sich herausstellt, habe ich mich komplett verzockt. Die Suppe hat so viel Einlage, dass ich danach schon ziemlich satt bin (keine Ahnung, ob er der Küche gesagt hat, dass es eine Wanderin aufzupeppeln gilt). Die Bandnudeln schaffe ich noch bis zur Hälfte, dann stehe ich kurz davor zu platzen. Mein neuer Freund schaut sich die Bescherung an und fragt sofort, ob ich den Rest einpacken möchte. Ich nicke begeistert. Kalte Bandnudeln als Mittagessen sind eine bombige Aussicht für morgen.

Ich schreibe noch ein bisschen Tagebuch (hänge ordentlich hinterher) und falle dann ins Bett. Morgen will ich bis fünf Kilometer vor Rüdesheim nach Assmanshausen. Mal schauen, ob das hinhaut.

Zeitreise

Vorwärts: Nach so einem Tag kann nicht mehr viel kommen, denkst du? Von wegen. Etappe Elf hat wackelige Beine, verlassene Partystätten, kalte Pasta und gute Gesellschaft im Angebot und lässt mich kurz von einem Ende als Wasserleiche (alb)träumen. Lies nach auf dem Weg von Kaub nach Assmanshausen.

Rückwärts: Hast du den Beitrag zum gestrigen Tage vielleicht noch gar nicht gelesen? Dann hast du das Drama vom Vortag mit meiner Wellmicher Gastgeberin ja verpasst. Auf geht es von Osterspai nach Wellmich.

Hast du den Anfang verpasst und möchtest die ganze Wanderung nachlesen? Dann geht es hier entlang zu Etappe eins von Bonn nach Königswinter.

Kommentare und Ergänzungen

Warst du selbst auf dem Rheinsteig unterwegs? Wie hast du dir die Königsetappe eingeteilt? Und Hand aufs Herz – hättest du Doris Bodenbrötchen gegessen? Was hat dir gefallen, was eher nicht so, und gibt es noch etwas zu ergänzen?

Ich freue mich wie immer über deinen Kommentar.

7 Gedanken zu „X (Rheinsteig) – Von Wellmich nach Kaub&8220;

  1. Herrlich!! Aber diese Doris ist wirklich eine unmögliche Type…
    Ich komme mir ja direkt beschämt vor, wenn ich mir vor Augen halte, dass ich für den Weg den du an einem Tag gewandert bist, drei Etappen gebraucht habe 🙂

    1. Glaub mir, beim nächsten Mal würde ich zwei daraus machen. Das war ein bisschen zu viel. Die nächsten Tage habe ich drunter gelitten.
      Und Doris war ein Original! Ich bin froh, dass ich sie getroffen habe. Endlich mal wieder ein bisschen Action in den Blogberichten. Die Rheinsteig-Etappen sind manchmal ein bisschen fleischlos, weil ich so wenig Zwischenmenschliches sammeln konnte.
      War übrigens sehr froh über deine detailreichen Berichte. So konnte ich mich an das ein oder andere besser erinnern.
      Ist dir eigentlich aufgefallen, dass wir exakt den gleichen Baum hinter der Loreley geknipst haben?

Und was sagst Du?