Der Lärm der Stille – Vom Schweigen und Wandern

Schweigend laufen oder laufend schweigen? Meiner Wanderung auf dem Hildegard von Bingen Weg werden ein paar Tage Schweigeexerzitien vorausgehen. Wie fühlt sich tagelange Stille an? Was macht sie mit dir? Ich werde es herausfinden. #hildegardvonbingenweg #schweigexerzitien #stille #schweigen #ruhe #wandern #fernwandern #hildegard-von-bingen-weg #idaroberstein #bingen

Von Schritten in die richtige Richtung, von Hiking und Heiligen, Gurus und Gebetsbüchern, Kopf aus und Gedanken-Jukebox an, von Stille und Stillbrüchen, Pilgerpfaden und Klostergärten, von laufend schweigen oder schweigend laufen und von 1.000 Fragen im Kopf, etwa der, was ich künftig mit Tatort-Til gemein haben werde (Februar 2020)

Na, das hat doch toll geklappt mit der herbeigesehnten Ruhephase. Schon nach wenigen (um genau zu sein vier) Wochen digitalem Stillsein plappert es schon wieder aus mir heraus. Das Ergebnis ist dieser Beitrag und die daraus resultierende Frage: Ist es wirklich so schwer für mich, still zu sein?

Beängstigende Stille

Es fällt mir tatsächlich nicht leicht, den Mund zu halten. So, wie ich gern ausufernde Beiträge schreibe, begleitet mich auch sonst ein ausgeprägtes Mitteilungsbedürfnis. Kommunikation fällt mir leicht. Mit Kommunikation verdiene ich mein Geld. Kommunikation beschert mir Lacher, neue Bekanntschaften und lässt neue Ideen entstehen. Und so kommuniziere ich fröhlich vor mich hin, tagein, tagaus.

Wenn ich dann doch mal still sein will, jagen Gedanken durch meinen Schädel, spielt eine Jukebox in meinem Kopf Song um Song, diskutiere ich innerlich mit mir. Es dauert, bis es in mir still wird.

Das habe ich immer wieder beim Wandern festgestellt, wo oft Wochen vergehen müssen, bis in meinem Kopf nicht mehr jeder Eindruck innerlich kommentiert wird, ein zur Situation (un-)passendes Lied in mir erklingt, ich nicht mehr meine Schritte im Kopf zähle. Hundertzwanzig, -einundzwanzig, -zweiundzwanzig, -dreiundzwanzig.

Es dauert, bis ich mich im wahrsten Sinne des Wortes leer gelaufen habe.

Meseta Camino Frances Stille Weite Gedankengänge
18 Kilometer durch die Meseta auf dem Camino Francés. Völlig unpassend spielte die Jukebox in meinem Kopf dazu die Melodie des weihnachtlichen Little Drummer Boys. Den Kopf lief ich mir dennoch irgendwann leer.

Ist Stille etwas Beängstigendes für mich? Würde sie mich vielleicht auf andere Dinge lenken, die auch wichtig sind, auf die ich aber nicht stoße, solange ich einen wabernden Klangteppich darüber ausbreite?

Meine neue, tägliche Stille

Seit nunmehr 21 Tagen habe ich, zugegebenermaßen völlig ungeplant, eine tägliche Sendepause in mein Leben eingebaut. Die wundervolle Barbara, die ich auf dem ersten Teil meines Camino del Norte kennenlernen durfte, lud mich per WhatsApp zu einer Challenge mit dem klangvollen Namen „21 Days of Abundance“ (also 21 Tage der Fülle) ein.

Es handelt sich um tägliche, kurze Meditationen, begleitet von Aufgaben, die einem im Bestfall zu einem reicheren Leben verhelfen. Initiiert wurde die Challenge von Deepak Chopra, seines Zeichens in Amerika ansässige Koryphäe im Bereich Spiritualität und alternative Medizin mit indischen Background. Genau mein Ding. Nicht.

Ich gebe zu, dass sich bei mir zum Schlagwort „Spiritualität“ in der Regel eine ordentliche Portion Skepsis breitmacht. Vor meinem inneren Auge ziehen tibetische Gebetsfähnchen, leuchtende Rosenquarzsteine und Räucherstäbchen vorbei, die ich mit der ganzen, mir eigenen Rationalität lächelnd abtue.

Diesmal war es anders. Ich war anders. Ein bisschen neugierig, muss ich zugeben. Was hatte ich schon zu verlieren? Versuch macht klug, oder so ähnlich. Und so fand ich mich von da an jeden Morgen im Schneidersitz auf dem Holzboden meines Wohnzimmers ein, schloss die Augen und lauschte den Ausführungen des Meisters, wie es uns allen gelingen könne, ein Leben in mehr Fülle zu entwickeln.

Abendspaziergang Fleet Hamburg Stille Fülle
Ein Moment der Stille und Fülle bei einem Abendspaziergang an einem der vielen Hamburger Fleete.

Was soll ich sagen? Es machte Spaß. Die täglichen Aufgaben brachten mich fast immer dazu, über mich selbst nachzudenken. Stellenweise schubsten sie mich aus meiner kleinen, gemütlichen Komfortzone. Nebenbei stellte ich fest, wie gut mir das Meditieren tat. Einfach mal 15 Minuten nichts tun. Gedanken schweifen lassen. Sich selbst etwas Gutes gönnen. Sich Zeit für nichts außer sich selbst nehmen.

Längst habe ich beschlossen, dass ich mir diesen kleinen Luxus auch nach Abschluss der Challenge erhalten möchte. Es gibt tolle Apps wie etwa den Insight Timer, der 32.000 kostenlose Meditationen in unterschiedlichsten Sprachen im Angebot hat.

Gedankenfeuerwerk

Ich räume ein, dass es mir gerade zu Beginn meiner Meditationen nicht gerade leicht fiel, die Aufforderung „lasse deine Gedanken kommen und gehen“ umzusetzen. Je stiller ich es in meinem Geist haben wollte, desto lauter und schneller schossen mir Gedanken wie Blitze durch den Kopf.

Ich muss noch Milch kaufen! Ist der Herd aus? Wann habe ich mich eigentlich das letzte Mal bei meiner besten Freundin gemeldet? Etwas juckt gerade heftig an meiner Stirn! Ich muss mich jetzt kratzen!

Ich verfluchte den Lärm in meinem Kopf, während ich dem indisch gefärbten Englisch des Meditationskönigs lauschte.  Was hatte er da gerade gesagt? Sprung zu Tag Acht. Es ging um unseren Hang, Dinge zu bewerten, was zu Unruhe im Geist führe. Ich verstand nur „Today I will judge nothing that knatterknatterknatter.“

Es ließ mich nicht los. Aus irgendeinem Grund wollte ich unbedingt wissen, was der Guru da nun nicht beurteilt sehen wollte, und so befragte ich Google. Ich suchte nach Chopra und „I will judge nothing“ und landete bei der Washington Post, die netterweise das komplette, erste Kapitel seines Bestsellers „Seven Spiritual Laws of Success“ veröffentlicht hatte. Hier fand ich meinen Satz. „Today I will judge nothing that occurs“ (Heute werde ich nichts, das passiert, bewerten).

Was das alles mit Wandern zu tun hat, fragst du dich? Wir befinden uns hier doch nach wie vor auf einem Wander- und nicht auf einem New-Age-Blog? Ja, das ist korrekt. Dieser kleine Exkurs hat tatsächlich eine Menge mit meiner Leidenschaft zu tun, denn genau die oben beschriebene Neugierde servierte mir meine nächste Wanderung auf dem Silbertablett.

Begegnung mit der Stille

Ich las das Kapitel und machte große Augen. Es ging um Stille, um die Erfahrung, den Kopf auf stumm zu stellen und darüber, wie bereichernd es sei, mehrere Stunden oder sogar ganze Tage still zu sein. Bei Chopras Beschreibung des Versuchs, Stille zu finden, fühlte ich mich geradezu bei meinen Meditations-Anfängen erwischt.

Ich las, dass die Absicht, die Mute-Taste im Kopf zu drücken und sich der Herausforderung von Stille zu stellen, anfangs den inneren Dialog noch zusätzlich befeuere, dass man den unglaublichen Drang verspüre, Dinge zu sagen, dass es manche Leute die ersten beiden Tage geradezu verrückt mache, sich nicht mitteilen zu dürfen.

Ich erfuhr aber auch, dass der innere Dialog irgendwann still würde und einem Zustand weiche, in dem wir die besten Ideen hätten, spürten, was gut für uns sei und in dem uns klar würde, was wir wirklich wollten.

Diese Schilderung erinnerte mich sofort an meine Fernwanderungen. Auch wenn ich diese selten in absoluter Stille gemacht habe, kenne ich das Gefühl der Klarheit, das sich unterwegs einstellt. Laufen hat etwas Meditatives, gerade wenn man es alleine tut. Kopf aus, Bauch an und alles wird grundsätzlich gut.

Einige der größten und wichtigsten Entscheidungen der letzten Jahre habe ich unterwegs oder gleich im Anschluss an eine Fernwanderung getroffen. Beim Laufen, vor allem auf den langen Caminos, besaß ich immer ein ausgeprägtes Bauchgefühl, auf das ich mich verlassen konnte und wusste instinktiv, was gut für mich war und was ich wollte.

Das Gesetz der Anziehung

Eine der zentralen Botschaften aus den Meditationen ist, dass, je mehr wir uns mit etwas beschäftigen, wir es desto eher anziehen. Es kommt zu uns. Das ist „The Law of Attraction“, das Gesetz der Anziehung.

Wir kennen das eigentlich alle. Kaum beginnt man, sich mit einem Thema auseinanderzusetzen, springt es uns von allen Seiten an. Wir denken fest an jemanden und wenig später meldet er sich. Je weniger wir krampfhaft nach etwas suchen und uns darauf versteifen, desto eher kommt es zu uns, behauptet der Guru. So wie einem der Name, den man vergessen hat, genau dann wieder einfällt, wenn man aufhört, verbissen darüber zu grübeln.

Als ich das Kapitel über Stille lese, suche ich eigentlich gar nichts und dennoch fällt mir etwas vor die Füße, was mich unterschwellig seit ein paar Monaten umtreibt: die Antwort auf die Frage, welche Wanderung ich als nächstes machen werde.

Schon beim Lesen der Ausführungen über Stille spüre ich, dass es genau das ist, was ich machen will. Ich will ein paar Tage in Stille verbringen. Schweigend. Ich will es, weil ich weiß, was für eine riesige Herausforderung da auf mich wartet und weil ich jetzt schon fühle, dass es mir gut tun wird, mal wieder meine Komfortzone zu verlassen. Hinter dieser Herausforderung wartet eine beeindruckende Erfahrung auf mich, das spüre ich einfach.

Ich gehe ins Kloster

Meinen Urlaub möchte ich auf keinen Fall ausschließlich schweigend verbringen, sondern definitiv auch noch wandern. Was liegt also näher, als nach einer Möglichkeit zu suchen, beides zu kombinieren? Ich erinnere mich an meine zweite Nacht auf dem Mosel Camino, als ich im Kloster Engelport zwei Menschen traf, die gerade (und stellenweise zu meinem Bedauern) ihre Schweigeexerzitien beendet hatten. Das Thema hat mich seitdem nicht losgelassen.

Klöster üben auf mich grundsätzlich eine große Faszination aus. Nicht, dass ich mir auch nur annähernd vorstellen könnte, allem Irdischen abzuschwören (hallo?) und Nonne zu werden. Aber die festen Abläufe und Routinen, die Gemeinschaft, wie auch die Musik vermitteln mir ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit. Zu gern wollte ich immer schon mal ein paar Tage in dieses Leben eintauchen. Wann immer ein Camino die Möglichkeit bot, habe ich in Klöstern übernachtet und die besondere Atmosphäre dort genossen.

Da ich den Mosel Camino schon kenne, scheidet das Kloster Engelport als Stille-Insel aus. Es dauert aber maximal drei Sekunden, bis mir eine Alternative in den Kopf schießt.

Auf dem Rheinsteig bin ich am Kloster der Hildegard von Bingen bei Rüdesheim vorbeigelaufen, habe dort sogar kurz pausiert. Ich erinnere mich an die schöne Anlage inmitten der Weinberge, an die innen so farbenfrohe Kirche und an das integrative Café, in dem ich Kuchen, Kaffee und Schorle bestellt habe. Ich erinnere mich an vereinzelten Sonnenschein – der erste nach vielen trüben Tagen am Rhein.

Abtei St Hildegard in den Weinbergen bei Rüdesheim, Ort der Stille
Mein Wahlort der Stille. Aus der Rheinsteig-Perspektive sieht man leider nicht, wie idyllisch das Kloster in den Weinbergen liegt.

Ein Blick auf die Webseite der Abtei bestätigt, dass es dort neben spezifischen Schweige-Gruppenveranstaltungen jederzeit für Gäste die Möglichkeit gibt, „eine Zeit der Stille bei uns zu verbringen.“

Das ist perfekt, denn wie es der Zufall will, ist das Kloster Endpunkt eines Pilgerweges, der in Idar-Oberstein beginnt und den ich seit dem Abschluss des Camino Francés auf meiner Bucket List habe: der Hildegard von Bingen-Weg. Mitpilgerin Kati hat ihn damals recherchiert, und wir wollten ihn zusammen laufen. Ich hoffe, sie nimmt mir nicht übel, wenn ich ihn ohne sie gehe.

Schweigend laufen oder laufend schweigen?

Die Entscheidung zugunsten des Abenteuers in zwei Teilen ist in diesem Moment getroffen. Nahtlos schließt sich die erste, große Frage an. Was fühlt sich besser für mich an? Sieben Tage zum Kloster laufen und mit der damit erwanderten Ruhe und inneren Ausgeglichenheit in die Stille gehen, oder lieber erst ein paar Tage Schweigen und im Anschluss langsam aus der Stille zurück ins normale Leben laufen? Letzteres scheint mir die bessere Variante. Aber ist der Weg überhaupt in beide Richtungen markiert?

Das Gesetz der Anziehung zeigt sich mir erneut, denn mir fällt meine Kollegin aus Frankfurt ein, die ich vor wenigen Wochen bei einem teamübergreifenden Meeting kennengelernt habe. Sie teilt meine Leidenschaft für Fernwanderungen und hat mir vom Hildegard von Bingen-Weg vorgeschwärmt. Damals hörte ich ihr nur zu und sagte, dass ich den auch noch auf dem Zettel hätte. Jetzt verwandelt sie sich dankenswerterweise in meine persönliche Expertin, die genau die Informationen hat, die ich brauche. Sie wird wissen, ob der Weg in beide Richtungen markiert ist. Zeitgleich schreibe ich der Abtei eine E-Mail, in der ich mein Interesse sowie meine vielen Fragen schildere und um Rat bitte.

Beide Seiten melden sich binnen 24 Stunden. Meine Kollegin bestätigt, dass man in beide Richtungen laufen könne und eine freundliche Dame aus dem Kloster befindet, den Pilgerweg auf den Spuren der heiligen Hildegard mit einigen Tagen im Kloster zu verbinden, sei ein schöner Gedanke.

Das ist aber auch schon alles. Sie gibt mir weder Tipps hinsichtlich der Reihenfolge von Schweigen und Laufen, noch hinsichtlich der perfekten Länge einer solchen Auszeit, verrät aber, dass in der Regel Einzelgäste kämen, die an den Gebetszeiten vom Kirchenschiff aus teilnehmen würden und einfach in Stille für sich beten, lesen und Spaziergänge machen würden. Wäre ja auch zu einfach gewesen, wenn man mir verraten würde, wie man es „richtig“ macht.

Stille, aber wie?

Schnell verstehe ich, dass es darum geht, was sich für mich richtig anfühlt. Das Angebot der Abtei besteht in erster Linie darin, der Stille einen Raum zu geben, beziehungsweise einen Raum für Stille anzubieten. Das ist in unserer heutigen Zeit wohl eine der größten Herausforderungen.

Wo finden wir den Luxus von Stille, wo sind wir abgeschottet von den vielen, äußeren Einflüssen? Natürlich könnte ich einfach sieben Tage wandern und dabei nur das Nötigste sprechen. Aber ich will mehr.

Statue Hildegard von Bingen
Hildegard von Bingen-Statue vor ihrer Kirche. Ähnlich wortkarg werde ich sein, wenn ich dort bin.

Meine Kollegin will derweil wissen, wieso mir die beidseitige Markierung wichtig sei. So ist sie die Erste, der ich von meinem geplanten Schweigeunterfangen erzähle. Ihre Reaktion haut mich um. Gesetz der Anziehung, par excellence. Das sei eine tolle Idee, schreibt sie. Sie selbst habe mal eine Woche lang in einem Kloster in Bayern geschwiegen.

Ich fasse es nicht. Ich war der festen Überzeugung, niemanden zu kennen, der längere Schweigeexerzitien gemacht habe und keine zwei Wochen, bevor die Idee in mir zu wachsen beginnt, kreuzt diese Lady aus dem Nichts meinen Weg. Da hat das Universum wirklich gut aufgepasst und die Situation hervorragend eingefädelt. Ich brauche dringend persönliche Erfahrungen, denn so sehr mich dieses Projekt anspornt, so sehr schießen sicher tausend Fragen durch meinen Kopf.

Stille und Stillbrüche?

Wie bereitet man sich auf so etwas vor? Was muss man vorher klären, weil man anschließend nicht mehr sprechen kann? Wie ist es, tagelang kein Wort zu sagen? Wie läuft so ein Tag überhaupt ab? Kontrolliert einen jemand? Gibt es so etwas wie Regelverstöße, Stillbrüche sozusagen?

Wie löst man Alltagssituationen, beispielsweise beim Essen? Hält man einen Zettel hoch, auf dem steht „Können Sie mir bitte mal die Kartoffeln reichen“ oder „Ich hätte gern noch etwas Kaffee“? Darf man mit sich selbst sprechen? Darf man singen? Wie kriegt man die Zeit rum? Gibt einem jemand Denkaufgaben wie in meiner kleinen Meditations-Challenge? Gibt es Programm für meinen inneren Til, den Schweiger? Oder passiert nichts von all dem und ich bekomme lediglich einen Raum, in dem Non-Kommunikation möglich ist, in dem ich aber selbst die Spielregeln aufstelle?

Kneifen gilt nicht

Ich werde in den nächsten Wochen in Ruhe mit meiner Kollegin telefonieren und ihr Löcher in den Bauch fragen. Vielleicht kreuzen ja noch weitere Menschen meinen Weg, die diese Erfahrung bereits gemacht haben. Vielleicht gibt es ja sogar unter meinen Lesern jemanden, der weiterhelfen kann.

Der Urlaubsantrag für zwei Wochen Ende Mai ist jedenfalls genehmigt, Familie und Freunde weihe ich langsam ein, um mir den Weg zurück zu erschweren. Spätestens mit diesem Beitrag wird es schwierig zu kneifen.

Ich fühle, wie richtig sich diese Idee anfühlt. Diese besondere Mischung aus magischem Angezogenwerden und Respekt, wenn nicht gar Angst habe ich das letzte Mal verspürt, als ich beschloss, den Camino Frances zu laufen. Auch damals überkamen mich abwechselnd Freudes- und Panikwellen. Und wie wir alle wissen, war das eine der besten Sachen, die ich jemals gemacht habe.

Seilbahn Rüdesheim
Blick von der Abtei ins Rheintal und auf die Seilbahn nach Rüdesheim

Ich werde über meine Erkenntnisse und Ängste zum Thema Schweigen in den nächsten Wochen berichten, genauso wie über die Planung meines Weges. Vor allem letzterer und die dazugehörige Heilige bekommen dann mit Sicherheit etwas mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Ich freu mich drauf!

 

Sekundärliteratur

Ein Journalist der Zeit hat den Selbstversuch gewagt und über vier Tage der Stille in einer Gruppe geschrieben. Auch seine größte Angst war die vor der beschnittenen Kommunikation. Seine Aufs und Abs schildert er ansehnlich in diesem Beitrag aus dem Jahre 2012.

Wer neugierig auf den Wanderweg ist, wird bei der lieben Annik von Misses Backpack fündig, die ihn bereits vor seiner offiziellen Eröffnung im September 2017 gelaufen ist.

Unterwegs auf dem Hildegard von Bingen Pilgerwanderweg von Idar-Oberstein nach Bingen

Feedback und Kommentare

Was hältst du von meinem Unterfangen?
Kannst du verstehen, was mich reizt, oder glaubst du, dass ich nun völlig den Verstand verloren habe?
Würde dir die Vorstellung, einfach mal ein paar Tage den Mund zu halten, ähnliches Kopfzerbrechen bereiten wie mir? Was wäre für dich ein klares Verlassen deiner Komfortzone?

Kennst du das Gefühl, dass dich etwas magisch anzieht, obwohl es dir auch eine ordentliche Portion Respekt, wenn nicht gar Angst, abnötigt?
Bist du den Hildegard-von-Bingen-Pilgerwanderweg vielleicht sogar selbst schon gelaufen und hast Tipps für mich?

Ich freue mich wie immer sehr, wenn du mir einen Kommentar hinterlässt.

Ich muss das weitersagen

20 Gedanken zu „Der Lärm der Stille – Vom Schweigen und Wandern&8220;

  1. Ich wäre gern dabei – und zwar unsichtbar! Und schweigend dich beim Schweigen begleiten.

    Wir sollten im Kloster den Anfang machen… alles, was sich dort im Kopf ansammelt, können wir bei der anschließenden Wanderung aus-denken. 😉

    Im Ernst: viel Erfolg, das ist für eine Quasselstrippe ja mal eine echte Challenge.

    Grüsze aus B
    Ralph

    1. Das mit dem Zu-ende-Denken ist tatsächlich der Grund, wieso ich letztlich erst Schweigen und dann Laufen will. Ich bin fest davon überzeugt, dass einem Gedanken kommen oder man Dinge findet, an denen man noch ein bisschen rumkauen will.
      Die Vorstellung nach der Stille in einem vollen ICE nach Hause zu sitzen, fühlt sich jedenfalls seltsam an.
      Aber ja, es ist eine Challenge, aber irgendwie ist es auch genau das, was mich so triggert.

  2. Das bewege ich seit Jahren in mir und doch habe ich es noch nicht umsetzen können. Ich bin sicher kommunikativ, aber oft begegnet mir auch- “red in ganzen Sätzen”. Vieles mache ich mit mir aus. So beneide ich Dich also. Und glaube sowieso, dass wir uns am meisten entwickeln, wenn wir unsere Komfortzonen verlassen. Ich bin gespannt, wie es Dir ergeht. Und es wird kein richtig und kein falsch geben, nur Deinen Weg der Stille. Und wahrscheinlich geht es nicht um Pläne, Vorhaben, Regeln, sondern eher ums Loslassen, sich vertrauen und dem Leben anvertrauen. Respekt und möge Die das begegnen, was Dich weiterbringt. Viele Grüße Jette

    1. Hallo liebe Audrey,
      erst mal Kompliment für deine herausragende Sprachgewandtheit. Und dazu noch ein Riesen-Thema, das du dir vornimmst. Gerade für dich als liebevoll lustige Quasselstrippe vor dem Herren besonders herausfordernd. Mir würde es ähnlich gehen wie dir, mit den gleichen Gedanken. Aber du hast durch deine einsamen Wanderschaften schon gute Grundlagen. Ich bewundere deinen Mut, diese (selbst gesteckte) Herausforderung anzunehmen. Ich nehme zumindest den ersten Teil deines Beitrags als Anregung für mich. Stichwort Meditation. Und wer weiß, vielleicht schaffe ich bald auch den Sprung zur Schweigsamkeit und inneren Einkehr. Ein Schweigekloster wäre ein Anfang. Ich werde deine Pläne weiterverfolgen. Bleib am Ball.
      Bussi, Simone

      1. Liebe Simone,

        ich freu mich sehr über dein Feedback, vor allem, weil du dich da offensichtlich ganz gut in mich hineinversetzen kannst 🙂 Ja, ich bin auch sehr gespannt, was mich da erwartet und werde definitiv berichten – vorher wie nachher. Ob es mutig, wahnsinnig oder einfach nur eine hervorragende Idee ist, wird sich zeigen.
        Dir viel Spaß beim Meditieren! Ich hab festgestellt, dass ich nach einer Woche langsam „drin“ war, also gib nicht zu schnell auf.

        Bis bald mal wieder!
        Audrey

  3. Hallo Audrey,
    ein Freund von mir war vergangenes Jahr eine Zeit lang schweigen. Allerdings war das eher fernöstlich-meditativ geprägt. Ich kann ihn trotzdem gerne einmal ansprechen und nach Infos fragen.

    Großartige Idee auf jeden Fall. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es vergleichbar ist mit dem Zustand beim Langstreckenwandern, wenn man sich den Kopf „leer gelaufen“ hat. Aber da hat man ja immerhin noch damit zu tun, einen Fuß vor den anderen zu setzen und brauchst nicht nur die Wand anzuschauen 😅 Ich bin eine echter Kopfmensch, täte mich damit bestimmt schwer. Weniger mit dem schweigen, als vielmehr nichts zu tun zu haben.

    Aus dem Bauch heraus würde ich persönlich wohl erst Wandern und dann ins Kloster. Dann hat der obligatorische A****loch-Wandertag keine Chance, die Stimmung zu ruinieren. Das Auspowern versetzt einen vielleicht auch schon in eine bessere Grundstimmung. Auf der anderen Seite ist von 100 auf 0 runterzufahren sicherlich auch schwierig… Aber Du machst das schon!

    Viel Erfolg, Spaß (sofern das geht…) und dass Du findest, was Du suchst
    Viele Grüße
    Stefan

    1. Hey Stefan,
      Bitte frag deinen Freund mal! Ich bin dankbar für sämtlichen Input!
      Ich glaube tatsächlich, dass erst Schweigen und die Erkenntnisse dann rauslaufen, mein besserer Weg ist!
      Und ja, ich hoffe stark auf irgendeine Art von „Begleitprogramm“, mit dem ich mir die Zeit vertun kann 🙂

      Wenn du was rausfindest, lass uns mal telefonieren. Das steht eh immer noch aus! Du bist einer der wenigen „Fremdgehen-Kandidaten“, mit denen ich kein persönliches Wort gewechselt habe.
      Ein Unding!

      Liebe Grüße

      1. Melde Vollzug, habe eben Rückmeldung bekommen:
        http://www.dhamma.org – auf der Seite gibt es schon einige Infos.

        Du darfst Dich natürlich bei Fragen auch direkt bei Ihm melden, seine Kontaktdaten packe ich aber nicht hier in den Kommentar. Lieber per Mail, wenn ich nachher zu Hause bin. Oder dann gleich persönlich am Telefon. Wird nämlich wirklich Zeit 😉

        Völlig unpassend, aber ich habe einen komischen Humor – jedenfalls muss ich bei Deinem „Darf ich mal die Kartoffeln haben“-Schild an Wile E. Coyote denken. Nur dass das Abendessen in Deinem Fall hoffentlich ohne die für gewöhnlich explosiven Zwischenfälle abläuft 😅

  4. Liebe Audrey,

    welch wunderbare Idee und Herausforderung du dir vorgenommen hast.
    Ich selber habe vor 3 und vor 2 Jahren je ein Wochenende geschwiegen. Was da im Innern abgeht, wow…mir hat dabei Bewegung gutgetan, besonders wenn ich plötzlich total wütend wurde. Zum Schluss haben wir das Schweigen mit einem Lied gebrochen, was einfacher war als einfach loszubabbeln. Wobei ich überhaupt keine Lust hatte zu reden. Vielleicht war ich ja auch noch nicht fertig 😉 Andere aus der kleinen Gruppe sprudelten sofort über vor Worten und Erlebnissen.
    Mir hat es jedenfalls sehr gut getan. Es ist auf jedenfall eine wunderbare Erfahrung… raus aus der Komfortzone…ohne Medien – aber ganz wichtig war für mich mein Tagebuch und meinen Lieblingsstift.
    Ich bin gespannt was du zu berichten hast.
    Alles Liebe & herzliche Grüße aus Düsseldorf
    Angela 🍀

    1. Danke, Angela, so ähnlich stelle ich es mir tatsächlich auch vor.
      Stift und Notizbuch sind gesetzt! Eine Gruppe werde ich wohl nicht haben – das wäre irgendwie beruhigend. Aber so soll es wohl sein – Herausforderungen sind ja dazu da, erst mal nicht zu einfach zu wirken.
      Habe gerade mit einer guten Freundin telefoniert, die mich anschließend mit lauter tollen Büchern und Podcasts versorgt hat, die ich mir dass reinziehen kann 🙂
      Wie kommt man denn halbwegs unfallfrei durch den Tag, wenn man nicht spricht? Hat man immer ein Blatt Papier und einen Stift am Mann? Stichwort „darf ich mal die Kartoffeln haben“?

      1. Guten Morgen liebe Audrey,
        Unfallfrei durch den Tag ist gut formuliert 😉du wirst ja Blickkontakt mit den Menschen um dich herum haben, dann geht deine nonverbale Kommunikation recht einfach. Mit Händen & Füßen kannst du dich bestimmt viel ausdrücken oder?
        Es gibt ja noch die Schweigevariante ohne jeglichen Blickkontakt. Da rate ich dir von ab…
        ansonsten, du machst es freiwillig weil du es willst und falls es dich innerlich zerreißen sollte, dann gibt es bestimmt einen Ansprechpartner innerhalb des Klosters wo du dein Schweigen kurzfristig brechen darfst/kannst.
        Was ich spannend fand war das Essen ohne Ablenkung. Es schmeckt alles viel intensiver, da ich mit einen wacheren Bewusstsein gegessen habe.
        Ich glaube, dass schreibe ich mir auch nochmals auf meine Liste was ich alleine angehen möchte und mal nicht in der Gruppe.
        Liebe Grüße
        Angela 🍀🔆🖐🏻

  5. Hey 🙂
    die Idee ist toll!!! Ich hab vor meinem Camino Frances 8 Tage ignatianische Schweigeexerzitien gemacht. Das war super!
    Hast du dir auch schon mal überlegt Exerzitien zu machen?
    Die Erfahrung, welche man bei Exerzitien macht, ist bei den meisten noch um einiges tiefer, als wenn man „nur“ schweigt 😉
    LG Caro

    1. Hi Caro,
      vielen Dank für deinen Input. Schön, dass du so gute Erfahrungen für dich rausziehen konntest.
      Das erste (und einzige) Mal Exerzitien war zu Schulzeiten. Ich kann mich an eine Meditation erinnern, die bei mir Erstaunliches zum Vorschein gebracht hat. Damals ging es um den glücklichsten Moment und es stellte sich heraus, dass das war, als ich mit 10 Jahren zu Weihnachten mein Klavier geschenkt bekam.
      Ich wäre durchaus an einer etwas geführteren Veranstaltung interessiert. Allerdings muss ich mich ein bisschen nach dem richten, was das Kloster anbietet, da bei allem Interesse am Schweigen, für mich das Wandern zentraler Punkt ist. Aber bis Ende Mai ist ja noch ein bisschen Zeit, und ich werde sicherlich den Kontakt zu den Schwestern bis dahin intensivieren.
      Ich habe z.B. gesehen, dass es durchaus die Möglichkeit gibt, eine der Damen als Gesprächspartner für sämtliche Lebens- und Glaubensfragen zur Seite gestellt zu bekommen. Auch das erscheint mir durchaus reizvoll. Vielleicht gibt es ja ein 1:23-Modell (1 Stunde reden, 23 Stunden Schweigen). Wird sich alles zeigen.
      LG
      Audrey

  6. Liebe Audrey, das ist ein schönes und mutiges Projekt! Schweigen und Wandern gehen, wenn man alleine unterwegs ist, oft ohnehin zusammen. Für mich wäre das „Klappe halten“ gar nicht so schlimm, sondern eher das „nichts hören“. Wahrscheinlich hätte ich nach ein paar Tagen Stimmen im Kopf 🙂
    Ich wünsche dir viel Freude bei dieser Tour!

  7. Liebe Audrey,
    was soll ich sagen? Zufall?
    Seitdem ich auf dem Rheinsteig die Hildegard Abtei bei Rüdesheim gesehen und betreten habe, geht es mir emotional mit Klöstern so, dass sie mich anziehen, so als müsse ich noch irgendeine karmische Aufgabe erfüllen!? Und besonders Hildegard von Bingen und ihr Weg. Vor einiger Zeit hatte ich mir schon überlegt, den Hildegard-von-Bingen Pilgerweg zu laufen und da ist mir im letzten Sommer, als ich auf der Rückfahrt vom Saar-Hunsrück-Steig durchs Nahetal nach Hause fuhr, in der Touristeninformation von Herrstein ein besonderer Wanderführer ins Auge gesprungen, der mich magisch anzog und den ich seitdem besitze: Annette Esser – Pilgerbuch: Hildegard von Bingen Pilgerwanderweg
    Meine Fußschmerzen fingen an dem Tag an, an dem ich das Kloster in Bingen betreten habe.
    Was soll mir das sagen?
    Ich wünsche dir ganz tolle Erfahrungen auf deinem Weg und werde vielleicht einmal von deinen Blogberichten profitieren, wenn ich selber auf Hildegards Spuren unterwegs sein werde.
    Liebe Grüße
    Myria Aurora

  8. Nachtrag:
    Mir geht es insgesamt aber nicht so sehr ums Schweigen. Wenn ich wandere, lenke ich mich ganz bewusst nicht mit Musikhören o.Ä. ab, sondern lausche den Geräuschen des Waldes. Mir wird nicht langweilig, ich habe ja meine Gedanken! Allerdings rede ich ziemlich häufig vor mich her – mit imaginären Personen, wenn ich mir z.B. gerade irgendein Gespräch vorstelle und meine Antworten dann laut ausspreche. Oder ich rede mit den Vögeln in der Natur oder sage einem Baum, wie schön ich ihn finde. Andere denken das nur, bei mir blubbert es eben raus 🙂

    Vielen Dank für den Tipp zu Anniks Blog!

    1. Liebe Aurora,

      es freut mich, dass ich da einen Nerv bei dir getroffen habe. Ob dahinter eine karmische Aufgabe wartet oder etwas anderes, kann ich nicht sagen. Aber mir geht es tatsächlich schon lange so, dass ich dieses Leben spannend finde. Vielleicht lag es an „Geschichte einer Nonne“ mit Audrey Hepburn, den ich als Kind mal gesehen habe? 😉
      Hildegard von Bingen hat mich auch immer wieder fasziniert. Ich mag starke Frauen, die auf ihr Rollenbild pfeifen und sich an die Dinge heranwagen, die sonst nur Männern zugestanden waren. An dem Tag auf dem Rheinsteig haben mich da gleich zwei Frauen beschäftigt, Hildegard und Karoline von Günderrode (letztere wollte genauso ambitioniert dichten und schreiben wie ihre männlichen Romantik-Kollegen) und beide begegneten mir auf der Etappe.

      Den Wanderführer habe ich bisher noch nicht, aber vielleicht lege ich ihn mir noch zu. Das hängt ein wenig davon ab, wie viel Hilfe ich von der Naheland Touristik bei der Streckenplanung bekomme. Deine Fußschmerzen haben hoffentlich nichts mit alldem zu tun und gehen einfach demnächst für immer weg.

      Und was das Schweigen angeht, so ist das vermutlich mein karmischer Auftrag – mal sehen, wohin es führt. Ich werde auf jeden Fall berichten.

      Liebe Grüße,
      Audrey

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