Camino Finisterre #4: Von Corcubion nach Fisterra

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Tag 16 auf dem Jakobsweg nach Finisterre mit REM und Alanis, tschechischem Hase-und-Igel, einem Kavá-Klatsch, viel Essen, noch mehr Trinken, einem Duett mit mir selbst und einem Schutzengel in Nachtschicht (18. Mai 2017, 10 + 7 Kilometer)

Die Grundstimmung im Schlafsaal nach dem gestrigen, wunderbaren Abend war so harmonisch, dass ich ganz hervorragend geschlafen habe, auch wenn ich heute überraschend früh aufwache. Es ist gerade mal halb sieben und ich bin hellwach. Hospitalero Antonios Worte, dass man von dem Torbogen die schönsten Sonnenaufgänge sehen könne, spuken mir durch den Kopf. Vielleicht habe ich ja Glück.

Eine bunte Wanderblume

Ich husche aus dem Raum und gehe nach unten, doch bin eindeutig zu spät dran. Die Sonne ist längst aufgegangen. Einmal wach, hocke ich mich an den Esstisch und kümmere mich um mein Tagebuch.

Um viertel nach sieben erscheint Antonio und erkundigt sich nach meinen Träumen. Ich muss passen, ich erinnere mich nur ganz selten daran. Plaudernd helfe ich ihm bei der Frühstücksvorbereitung. Wenig später sind Hana, Dan und Juan am Tisch versammelt. Während alle Drei schnell loswollen, lasse ich mir Zeit und genieße das Trödeln. Heute ist schließlich mein letzter Tag, den begehe ich mit Bedacht.

„Wir gehen schon mal vor, du überholst uns sowieso“, schmunzelt Hana und berichtet, dass ich ihnen bereits am ersten Tag hinter Santiago aufgefallen sei. Immer wieder sei ich mit einem fröhlichen Buen Camino auf den Lippen an ihnen vorbeigeflitzt. Mit meiner farbigen Kleidung habe ich sie an eine Blume erinnert.

Ich drücke die beiden lange, auch wenn wir uns sicher spätestens in Fisterra wiedersehen und hoffe inständig, dass ich meinen diesjährigen Weg mit diesen herzigen Menschen auf den Felsen am Leuchtturm ausklingen lassen darf.

Eine halbe Stunde quatsche ich noch mit Antonio und bedanke mich für seine unglaubliche Gastfreundschaft und schlendere um viertel vor neun gemütlich los. Ich habe keine Eile.

Mehr als einen Schluck vom Glück

Der Himmel ist blau, als ich am Torbogen vorbeikomme. Beherzt fülle ich meine ganze Flasche mit dem Wasser des Wunschbrunnens. Man weiß ja nie, wofür es gut ist, und Wünsche dürfen gern auch mehr als einmal in Erfüllung gehen. Außerdem schmeckte das Wasser gut.

Einen anderen Pilger, der gerade des Weges kommt, weihe ich in das Geheimnis des Brunnens ein. Lachend gönnt auch er sich einen Schluck vom Glück.

Meine Füße machen es mir wahrlich leicht. Vermutlich haben die Zellen abgespeichert, dass es heute eher ein Ausflug als ein richtiger Pilgertag wird.

Hase und Igel auf den letzten Metern

Beschwingt mache ich mich letztmals auf den Weg, der mich viel zu schnell durch Wälder in den nächsten Ort bringt, wo sich vor mir eine herrliche Bucht mit breitem Sandstrand erstreckt.

Meine Spuren im Sand

Am Wasser läuft eine Gestalt und bückt sich nach Muscheln. Erst bei genauerem Hinschauen erkenne ich Hana. Dan sitzt derweil gemütlich auf einer Bank und schaut ihr zu. Irgendwie war es klar, dass meine Tschechen nicht weit sein können.

Ich mache mich als Erste wieder auf den Weg, der mich kontinuierlich mit schönen Blicken auf das Meer versorgt.

Als ich im nächsten Ort in einer Seitenstraße des Caminos ein Café ausmache, kann ich mir den Kaffee unmöglich verkneifen. Etwas Süßes gibt es gratis dazu, in meinem Fall ein kleines Stück Kuchen. Wie ich diese galicische Eigenheit mag. Ich lasse es mir schmecken und genieße diesen Tag, während im Hintergrund Alanis Morissette „One hand in my pocket“ schmettert. Den Song habe ich ewig nicht mehr gehört und bekomme gleich noch bessere Laune.

Nach einer Viertelstunde erklingen auf der sonst menschenleeren Straße Stimmen. Erneut sind es Hana und Dan, die ebenfalls einen kleinen Umweg zu Gunsten einer Tasse Kaffee in Kauf genommen haben. Großes Gelächter. Heute scheinen wir füreinander bestimmt zu sein. Ich komme mir ein bisschen wie bei der Hase und der Igel vor.

Fotografischer Liebesbeweis

Während ich noch ein wenig sitzen bleibe und im WLAN nach einem passenden Bus von Santiago nach Porto schaue, ziehen die beiden Tschechen weiter.

Zwanzig Minuten später bin auch ich wieder unterwegs und staune nicht schlecht, als mich urplötzlich erste Tropfen treffen. Wo kommen die denn jetzt her? Hoffentlich zum letzten Mal ziehe ich meine Kapuze über und gehe weiter. Auf mich wartet ein waldiges Stück, ausnahmsweise übrigens mal kein Eukalyptus, hinter dem es abwärts geht.

Der Regen verwandelt den Boden in kürzester Zeit in eine fiese Glitschpartie, und mir rutscht auf dem nun recht steil abfallenden Weg gleich mehrfach der Fuß weg. Einmal mehr bedanke ich mich bei meinen Wanderstöcken und dem Schutzengel, die alle einen Bombenjob machen.

Ich überhole Juan, den ich seit dem Frühstück nicht mehr gesehen habe und der ebenfalls mit vorsichtigen Schritten abwärts trippelt. Auch Dana und Han, beide stilecht mit Poncho, sammle ich wenig später auf.

Im Vorbeigehen rufe ich ihnen zu, dass ich im ersten schönen Café in Fisterra auf sie warten werde.

Während ich den Hügel weiter herunterlaufe, sticht mir ein Paar vor mir ins Auge, das sich beim Laufen liebevoll an den Händen hält, während man zu ihrer Linken Finisterre bereits deutlich sieht. Die Innigkeit, mit der sie sich halten, rührt mich, und ich schieße ein Bild von der Szene.

So möchte ich in 30 Jahren auch den Camino gehen

Als die beiden wenig später an einem Zaun stehenbleiben, spreche ich sie an. Die älteren Franzosen wirken ein wenig irritiert. Was will diese Frau von ihnen? Das erledigt sich binnen Sekunden, als ich ihnen mein Bild von ihnen zeige und erkläre, dass es mich so berührt habe, wie sie einträchtig dahingeschritten seien. Die beiden schauen sich verliebt an und bedanken sich strahlend, als ich anbiete, ihnen ihr Foto per E-Mail zukommen zu lassen.

Kavá-Klatsch

Ich verlasse den offiziellen Weg und laufe einfach den nächsten Kilometer direkt am Strand. Fisterra ist vielleicht noch drei Kilometer entfernt. Verlaufen kann man sich hier nicht mehr.

Ich bin bereit für das Ende, merke ich, und ich kann es richtig genießen. Zwischen den Muscheln am Boden findet sich zwar keine Jakobsmuschel, aber doch zwei hübsche Exemplare, die ich mit nach Hause nehmen werde.

Was wäre blauer Himmel ohne Wolken?

Um zwanzig vor zwölf bin ich am Ziel. Ich schlängele mich durch den Ort und gehe zielstrebig zum Hafen mit seinen Cafés und warte auf meine Lieblingstschechen. Als sie wenig später ankommen, verdrücken wir alle ein paar kleine Freundentränchen.

Ich übernehme die Bestellung. Gestern habe ich gelernt, dass das tschechische Wort für Kaffee Kavá ist. Da kann man doch mal das Beste aus zwei Welten zusammenbringen, denke ich, und ordere zum obligatorischen Kaffee auch noch drei kleine Flaschen Cava.

Wir stoßen fröhlich an. Das sei überhaupt nicht nötig gewesen, wird mir erklärt, aber ich sage augenzwinkernd, dass sie ja keine Ahnung hätten, wie glücklich ich sei, sie kennengelernt zu haben.

Finisher-Foto

Everything’s gonna be fine, fine, fine

Als ich zum WC gehe, dudelt in der Bar der Alanis Morissette Song, der bereits vor zwei Stunden in dem anderen Café lief. Jahrelang nicht mehr gehört, erklingt er heute gleich zweimal. Das kann doch kein Zufall sein!

Ich höre noch einmal genau auf den Text und muss breit grinsen. Story of my life:

I’m high but I’m grounded, I’m sane but I’m overwhelmed
I’m lost but I’m hopeful, baby
What it all comes down to
Is that everything’s gonna be fine, fine, fine
‚Cause I’ve got one hand in my pocket
And the other one is giving a high five

Ich bekomme das Strahlen nicht mehr aus dem Gesicht. Für mich ist klar, dass mir der Camino gerade meine ganz persönliche Botschaft schickt: Egal was du machst und wie du dich fühlt, es läuft auf genau eine Sache hinaus: alles wird gut, hervorragend, grandios und du darfst dem Leben einfach konstant High Fives geben.

Das ist nicht nur mein momentaner Gefühlzustand, das wird auch nach dem Camino das Motto meines Lebens bleiben (auch wenn ich mich vielleicht ab und an selbst daran erinnern muss), sagt mir mein Bauchgefühl, das ja sowieso immer Recht hat. Ich bin ein Glückskind und das weiß ich.

Lauthals und sehr zur Belustigung des Thekenpersonals singe ich den Rest des Songs mit. (Wer Alanis noch mal hören möchte, bitte hier entlang).

Mein persönlicher Farbflash

Nach unserem kleinen Aperitif machen wir uns auf Herbergssuche und werden in meiner auserkorenen, ungarischen Wunsch-Albergue fündig. Das Glück ist uns besonders hold, denn wir ergattern ein Dreierzimmer. Ich frage die beiden, ob sie das wirklich wollen, vielleicht möchten sie ja lieber etwas mehr Intimität und werde kopfschüttelnd eines Besseren belehrt. Sie würden sich wahnsinnig freuen, wenn wir hier als kleine Dreiergruppe nächtigen würden.

Wir verabreden uns für sechs Uhr. Die beiden wollen mich unbedingt auf einen Wein einladen, nachdem ich vorhin den Cava spendiert habe und dann werden wir zum Endpunkt, dem Null-Kilometer-Stein, aufbrechen. Die verbleibenden dreieinhalb Kilometer haben wir uns extra für den Abend aufgespart, denn optimaler Weise schaut man der Sonne beim Untergehen zu, während man auf den Klippen sitzt.

Im Pilgerbüro hole ich mir meine Fisterrana. Anders als in Santiago, wo die diesjährige Compostela auf den Namen Andrea ausgestellt wurde, gelingt es diesmal, das kunterbunte Dokument mit dem korrekten Namen zu beschriften.

Brief und Siegel

Bis heute habe ich keines meiner Jakobswegs-Andenken an irgendeiner Zimmerwand angebracht, und ich vermute, dass auch die Fisterrana, gemeinsam mit den beiden Compostelas und den vielen vollgestempelten Credencials in einem Regal ein eher unspektakuläres Dasein fristen wird. Mein Camino ist im Herzen, nicht auf dem Papier. Dennoch freue ich mich, wenn ich zwischendurch einen Blick auf meine Devotionalien werfe, vor allem auf die Stempelsammlungen.

Urlaubstag

Mein geplanter Abstecher in den Supermarkt fällt der hiesigen Siesta zum Opfer. So schlendere ich durch die kleinen, verwinkelten Gassen der Altstadt Fisterras und suche mir am anderen Ende eine hübsche Bucht, wo ich mich mit meinem Tagebuch auf einem großen Stein niederlasse. In der Sonne ist es richtig warm, nur leider verschwindet sie alle fünf Minuten.

Es fühlt sich an wie Urlaub. Der anstrengende Teil des Trips ist gelaufen. Vor meinem inneren Auge lasse ich den diesjährigen Camino noch einmal Revue passieren, denke an Gabi und Tina, an Toni und Hugh und an meine beiden Tschechen, mit denen ich diese Reise heute Abend offiziell beenden werde.

Ich versuche, mir meine berufliche Zukunft vorzustellen. Was werde ich künftig machen, welche Kollegen werde ich haben, was für ein Unternehmen, welche Branche? Und wie wird mein Arbeitgeber, mein Team und die Menschen in meinem direkten Umfeld auf meine Kündigung reagieren? Obwohl ich wirklich keine Ahnung habe, was mich erwartet, bin ich total entspannt, denn „what it all comes down to, is that everything’s gonna be fine, fine, fine.“

Auf dem Rückweg in die Herberge hat der Supermarkt geöffnet. Ich besorge für unser spätes Picknick Brot, Chorizo, Schinken, Käse und Oliven. Außerdem finde ich Siglo, den Wein im Jutesäckchen, den mir Ben letztes Jahr kredenzt hat und der seitdem mein Wein für besondere Camino-Momente ist.

Der Anfang vom Ende

Schon um fünf gehen Hana, Dan und ich zum Hafen. Uns ist ein wenig langweilig, da können wir auch gleich los. Schnell sitzen wir vor der angekündigten Flasche Wein.

Als sie meine Picknick-Ausbeute für später entdecken, schimpfen sie. Ich hätte heute Mittag bereits den Sekt und Kaffee bezahlt, es passe ihnen nicht, dass sie heute Abend schon wieder auf meine Kosten essen und trinken würden. Ich lache sie aus und sage, dass mir das egal sei und sie das über sich ergehen lassen müssten, sie seien eben meine Camino-Familie.

Auf dem Platz entdecke ich verschiedene Bekannte. Als Erste sehe ich Yvette, die Niederländerin, die ich in Negreia an meinem ersten Tag auf dem Camino Finisterre in der „Herberge der unfreundlichen Menschen“ getroffen habe. Wir fallen uns lachend um den Hals und quatschen, bis ich aus dem Augenwinkel ein weiteres, bekanntes Gesicht erspähe: Yolande, die tolle Französin, die letztes Jahr am gleichen Tag wie ich in Santiago angekommen ist und mit der Hugh, Toni und ich so lange Wein getrunken haben. Auch hier ist die Freude groß.

Als ich zu Hana und Dan zurückkehre, empfangen sie mich mit einem warmen Lächeln. Es sei unglaublich, wie viele Menschen ich kenne und dass all diese Menschen so unglaublich positiv auf mich reagieren würden. Ich hätte eine Gabe, Menschen zu öffnen und für mich zu gewinnen, und sie seien unglaublich glücklich, dass ich den letzten Abend mit ihnen verbrächte.

Und das ist unser Stichwort. Es wird Zeit für den Anfang vom Ende.

It’s the end of the world

Um halb sieben machen wir uns an die letzten dreieinhalb Kilometer, die ich in meinen bequemen Turnschuhen beschreite. Vor der Pilgerstatue, an die ich mich noch gut vom letzten Mal erinnern kann, mache ich mit jedem der beiden ein Erinnerungsfoto.

Danach gehe ich alleine ans Ende der Welt.

Es ist bewegend und herrlich, ein Abschied und ein Ankommen.

Meine Gedanken wandern zu letztem Jahr, als ich mit Kristina aus Schweden hier war. Damals war bestes Wetter, wir hatten den Tag schwimmend am Strand verbracht und wurden zum Abschluss mit einem wundervollen Sonnenuntergang beschenkt.

Und während ich noch meinen Erinnerungen hinterherhänge, ist es plötzlich geschafft. Vor mir steht der Null-Kilometerstein, dahinter der bekannte Leuchtturm. Diese Stelle habe ich letztes Jahr nicht gefunden, weil ich zu früh in Richtung der Felsen abgebogen bin.

Schlussakkord am Ende der Welt

Du bist ein Geschenk

Mich zieht es zu den Felsen. Der Wind pfeift, je höher ich steige. Die Wolken besiegen die Sonne immer mehr. Es wird zunehmend grau, doch in mir ist es hell und so bunt wie auf der Fisterrana.

Gedankenverloren wie in Meditation sitze ich, umringt von meinen Picknick-Schätzen, eingemummelt auf meinem Felsen und schaue auf das Meer. Die Weite. Die Ruhe. Das Glitzern.

Auch Hana und Dan haben sich ihren eigenen Platz gesucht. Ich beobachte, wie sie sich lächelnd an den Händen halten und sich tief in die Augen schauen. Schnell konzentriere ich mich wieder auf die Schönheit, die sich vor mir ausbreitet, ich will nicht stören.

Umso überraschter bin ich, als die beiden plötzlich feierlich unmittelbar vor mir stehen. Sie hätten etwas für mich, sagen sie.

Letztes Jahr hätten sie genau hier gestanden und sich gegenseitig etwas geschenkt. Dieses Jahr würden sie stattdessen mir etwas schenken wollen, weil ich so ein Schatz sei und ein so gutes Herz hätte und weil ich einfach ein Geschenk für sie gewesen sei. Ich muss schlucken, als Hana ein papierenes Tütchen hervorholt. Das Geschenk sei aus Fatima, erklärt sie mir. Dorthin sind die beiden vor knapp einer Woche mit dem Bus gefahren, um den Papst zu sehen. Das war am 13. Mai. Da kannten wir uns noch gar nicht.

Im Tütchen finde ich ein Armband aus schwarzem und rotem Garn, das mit Strasssteinchen besetzt ist. Sie hätten es mitgenommen, ohne genau zu wissen für wen, sagt Hana. Heute Nachmittag wäre ihnen dann klar geworden, dass dieses Armband immer schon für mich bestimmt gewesen sei. Ich muss mich heftig zusammenreißen, um nicht loszuheulen. Beide nehmen mich in den Arm und drücken mich fest. Zum Abschluss küsst mich jeder auf den Mund (was mich dann doch ein wenig überrascht). Wenig später brechen sie auf, Hana friert.

Ich bleibe. Auch wenn es heute definitiv keinen Sonnenuntergang geben wird, habe ich mir vorgenommen, bis zur Dunkelheit auszuharren. Das bin ich diesem besonderen Ort schuldig.

Soloauftritt

Während es um mich herum langsam dunkel wird, lerne ich Australierin Solveig kennen, an der ich heute ebenfalls mehrfach vorbeigelaufen bin. Ich teile Brot, Käse und Wein mit ihr, sie gibt mir Schokolade. Für jemanden, der so viel reist wie sie, empfinde ich sie als extrem verschlossen. Sie hat Dan, Hana und mich beobachtet und fragt, ob wir den ganzen Weg gemeinsam gelaufen seien, wir wirkten so vertraut.

Ich erzähle von unserer intensiven Kurzbekanntschaft und dass das für mich eines der Geheimnisse des Caminos sei, dass man Menschen so schnell so intensiv kennenlerne. Solveig schaut verwundert. Sie sei den kompletten Frances gewandert, habe aber kaum Leute getroffen. Irgendwie wundert mich das nicht. Ein jeder kriegt, was er sendet. Das gute, alte Resonanzprinzip.

Als auch sie sich verabschiedet, bin ich alleine mit den Bergziegen, die überall herumflitzen, während die Wolken am Horizont fest zusammenhalten und nur in ganz kleinen Lücken ein Strahlen durchlassen. Ich bin trotzdem oder gerade deswegen absolut fasziniert von dem Schauspiel, das ich ganz allein genießen darf, denn hier oben ist wirklich niemand mehr.

Ich stimme ein Lied an. Dona Nobis Pacem, meinen Camino Song.

Mit fester, klarer Stimme beginne ich den Kanon und singe ihn immer und immer wieder. Es hat etwas Meditatives. Selten traue ich mich, allein so laut zu singen. Hier ist es mir egal, hier gehört es hin, und hier passiert etwas ganz Besonderes: der Wind trägt meine Stimme zu mir zurück, so dass ich mit mir selbst zweistimmig singe.

Unweigerlich bekomme ich eine Gänsehaut und kann mich dem Zauber nicht entziehen. Das ist ein ganz besonderer Moment, das spüre ich. Und selbst heute, mehr als zwei Jahre später, höre ich noch den Klang meiner Stimme und der zweiten Stimme, die zu mir zurückkommt.

Ich werde versuchen, im nächsten Job etwas mit Musik zu machen, schießt es mir durch den Kopf. Es gibt nichts, das mich so erfüllt wie Musik, das mich emotional so abholt, mich so bereichert, mir so viel Kraft schenkt, meine Stimmung so zu lenken vermag und das mich so erfüllt.

Ein Schutzengel macht Nachtschicht

Um halb elf ist es dann soweit. Ein letztes, dramatisches Aufleuchten am Himmel, dann ist die Vorstellung beendet, und auch ich stelle den Gesang ein und schenke mir den letzten Rest Rotwein ein.

Zwei Flaschen sind leer und da Hana, Dan und Solveig jeder nur ein Glas wollten, befindet sich demnach mehr als eine Flasche in meinem Bauch.

Dass sich der Rotwein nicht nur in meinem Bauch befindet, sondern auch in meinem Kopf, stelle ich fest, als ich mich um elf erhebe. Es ist stockfinster, nur meine Stirnlampe leuchtet mir den Weg. Beim stillen Sitzen ist mir meine Betrunkenheit entgangen, doch jetzt stelle ich augenblicklich fest, dass ich die Lampen ganz schön anhabe. Herzlichen Glückwunsch, Audrey. Da hast du ja gut aufgepasst.

Von den Felsen komme ich noch gut runter, doch mein Torkeln lässt sich nicht übersehen, als ich in Richtung Straße abbiege. Schlangenlinien sind eine Beschönigung, wir reden von ausgemachtem Zickzackkurs. Lachanfälle und kalte Schweißausbrüche geben sich die Klinke in die Hand, als ich zum wiederholten Male in die Leitplanke zu meiner Linken taumele.

Klare Sicht geht wirklich anders

Leicht panisch setze ich mich auf den Boden und überlege, was ich tun soll. Zwischen mir und meinem Bett liegen dreieinhalb Kilometer. Ich muss nüchtern werden und stürze das Wasser, das ich noch dabei habe, herunter. Auch wenn ich es nicht sehe, weiß ich, dass die Leitplanke zu meiner Linken den Fußweg von der Straße abschirmt, während mich zu meiner Rechten nichts schützt. Da geht es relativ steil abwärts. Zwar nicht ins Meer, aber einen Abhang hinunter, auf dem man sich mit Sicherheit auch ordentlich wehtun kann.

Fünf Minuten später mache ich kleine, vorsichtige Schritte, die Hand an der Leitplanke. Es fühlt sich an wie eine Ewigkeit, bis ich endlich die ersten Laternen Fisterras sehe und keinen Abgrund mehr neben mir fürchten muss.

Voll und ganz und zufrieden

An einem Getränkeautomaten ziehe ich mir eine Dose Kas, mit der ich mich schließlich auf der Borsteinkante vor meiner Herberge niederlasse. Der Zucker hilft, wieder klar zu werden und auch klar zu sehen, welchem Risiko ich mich vorhin ausgesetzt habe.

Mit ein wenig Verspätung bedanke ich mich bei meinem Schutzengel, der heute eine Nachtschicht einlegen musste. Hätte er nicht dafür gesorgt, dass ich Linksdrall hatte, wäre die Sache sicher nicht ganz so glimpflich ausgegangen.

Im Herbergszimmer knipsen Hana und Dan sofort das Licht an, kaum dass ich durch die Türe bin. Sie wollen sich vergewissern, dass alles in Ordnung sei. Sie hätten nicht schlafen können, weil sie ein komisches Gefühl hatten. Ich bitte sie, schnell weiterzuschlafen, sie müssten Morgen um sieben los und mache das Licht aus, in der Hoffnung, dass die beiden meinen leicht derangierten Zustand nicht sehen, der mir etwas peinlich ist. Dann krieche auch ich ins Bett.

Das war er also, mein Caminho Portugues mit seinem ganz besonderen Abschluss.

Ich bin voll (ja, sehr passend) und ganz (ja, Gott sei Dank auch das) zufrieden.

 

Kommentare und Feedback

Mein Abstieg nach Fisterra war bei Gott keine Glanzleistung. Wann hast du zuletzt etwas ziemlich Dummes gemacht?

Bist du vielleicht selbst bis Finisterre gelaufen? Wie hast du dich vom Weg verabschiedet? Mit Pauken und Trompeten oder mit Ruhe und Gelassenheit? Hat dir mein Weg und die Berichte darüber gefallen?

Ich freue mich wie immer sehr, wenn du dich mit einem Kommentar verewigst.

Zeitreise

Rückwärts: Hast du unseren tollen Abend gestern gar nicht miterlebt? Dann geh mit mir zurück von Olveiro nach Corcubion und finde märchenhaft vernebelte Sinne, himmlische Chören, spirituelle Geschenken, einen Wunschbrunnen und zwei Koteletts für fünf Esser.

Zurück auf Los: Du fällst quasi mit der Tür ins Haus, weil du plötzlich mit mir auf den Felsen in Finisterre bist, aber den Weg hierher gar nicht gelesen hast? Dann komme gern noch mal mit auf den portugiesischen Caminho oder  auf den Camino Frances.

Ich muss das weitersagen
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8 Gedanken zu „Camino Finisterre #4: Von Corcubion nach Fisterra&8220;

  1. Danke, ein wunderschöner Abschluß…und ja, was wären wir ohne unsere Schutzengel, die immer auf uns aufpassen.

    Ich könnte immer pilgern, denke jeden Tag dran und freue mich immer auf Sonntag.

    Nur, jetzt bist du angekommen, wie geht es jetzt weiter?

    Liebe Grüße von eine deiner Lieblingsleserinnen aus Köln,

    Michaela

    1. Liebe Michaela,
      nächste Woche gibt es noch einen „Was wurde aus“-Bericht, aber danach bin ich grad selbst etwas unsicher.
      Mir scheint es momentan noch etwas früh, den Camino del Norte zu schreiben, zumal ich ihn ja überhaupt erst nächstes Jahr beende.

      Aber – so blöd es klingt – mehr habe ich nicht mehr 🤷🏻‍♀️ Und eigentlich würde ich gern weiterhin jede Woche etwas veröffentlichen.

      Mir spukt noch eine andere Idee im Kopf herum. Ich würde gern anderen Pilgern meinem Blog als Plattform bieten, um ihre eigenen Erfahrungen anhand von vorgegebenen Fragen zu erzählen. Das wäre vielleicht auch für die Leser spannend, wenn sie nicht immer alles durch meine Brille lesen „müssten“. Was meinst du?

      Schönen Sonntag
      Audrey

  2. Es war mal wieder so schön, dich Woche für Woche auf dem Camino begleiten zu können.
    Und wenn du eigentlich weiterschreiben möchtest, warum fängst du nicht einfach mit dem Camino del Norte schon mal an?
    Gruß, Aurora

      1. Guten Morgen Audrey, es ist sechs Uhr morgens und ich sitze gerade auf der Fähre ⛴ nach Donoussa, meiner griechischen Lieblingsinsel und habe mit Freude deinen Bericht gelesen. Hat sich deine Eingebung etwas mit Musik 🎶 machen zu wollen, realisiert? Bin neugierig 😊
        Freue mich irgendwann mal wieder was von dir zu hören.
        Herzliche Grüße – Martina

        1. Liebe Martina,
          Hab einen wundervollen Urlaub auf deiner Insel!
          Es sah kurz so aus, als würde sich die Musik verwirklichen lassen, doch dann wurde doch nichts daraus. Ich habe etwas anderes gefunden und bin damit sehr zufrieden. Die Musik bleibt einfach in meinem Herzen – das ist wie mit dem Schreiben. Manchmal hat es Vorteile, die Dinge, die man liebt, ausschließlich als Hobby zu pflegen und nicht, weil man damit Geld verdienen will/muss.
          LG

  3. *Warnung* Das wird jetzt ein längerer Text. Ist beim Tippen irgendwie ausgeufert 🤔

    Liebe Audrey,

    vor allem anderen muss ich dir erst einmal ein Kompliment machen – in der, zumindest der deutschsprachigen, Blogwelt kenne ich niemanden sonst, der/die ihre Erlebnisse auf Pilgerwegen so lebhaft schildert, wie Du es tust. Vor allem auch regelmäßig und vollständig – viele andere Blogs haben auch toll angefangen, sind aber leider mittendrin, aus welchen Gründen auch immer, abgeknickt. Die Art, wie Du schreibst, liest sich, als wäre man selbst dabei gewesen. Bitte mach weiter so.

    Ich bin „damals“ nach meinem Francés noch zwei Tage in Santiago geblieben, es fühlte sich für mich richtig an. Nachdem ich einen Monat lang darauf zugelaufen bin, wollte ich nicht gleich wieder weg. Natürlich hatte ich überlegt, auch nach Finisterre mit dem Bus zu fahren. Aber da a) Santiago mMn eine wirklich schöne Stadt ist, b) ich strahlendes Wetter hatte und c) die Stadt im November so leer war, dass ich mich nicht erschlagen gefühlt habe, hatte ich mich dagegen entschieden. Das war für mich völlig in Ordnung, weil *mein* Camino dort auch zu Ende war. Nur hinfahren, um Finisterre mal gesehen zu haben? Hielt ich damals für nicht sinnvoll. Aber auch jetzt im Rückblick kann ich nicht sagen, dass es ein „Fehler“ gewesen wäre, nicht am Ende der Welt gewesen zu sein. Für den Anschluss an meinen Caminho Portugues (Wann auch immer der sein wird, Knie-OP sei Dank…) ist es aber fest eingeplant. Vielleicht sogar noch 1-2 Tage mehr, nach Muxia. Spätestens nach Deinem Blog-Beitrag weiß ich: Ich will da auf jeden Fall hin! Vielen Dank für das miterleben dürfen.

    Ich habe zu Hause eine große „Erinnerungs“-Kiste stehen. Da kommt alles von irgendwann, irgendwo, irgendwem rein, an das ich mich gerne zurückerinnere. Konzertkarten, Postkarten, Mitbringsel, der Stein, den ich leider nicht am Cruz de Ferro ablegen konnte und eben auch die Pilgerurkunde und meine Pilgerpässe. Die Kiste wird langsam zu klein… Aber ich würde mir die Urkunde auch nicht an die Wand hängen. Am besten noch ganz prominent, dass sie direkt gesehen wird, sobald man die Wohnung betritt? Nee, nicht wirklich. Allerdings habe ich mir u.a. aus vielen Fotos, Herbergsstempeln und Urkunde eine kleine Collage am PC gebastelt, die ausgedruckt in A2 bei mir im Arbeitsszimmer an der Wand hängt. Wenn es mal wieder zu viel wird, kann ich dann 5 Minuten lang draufschauen, an das Camino-Feeling denken und dann geht es meistens wieder. Ansonsten hänge ich von meinen Urlauben – wenn überhaupt – nur je ein Foto auf. Aber beim Camino konnte ich mich nicht entscheiden, also sind es einige Dutzend wild verteilt auf einmal 😀

    Liebe Grüße
    Stefan

    1. Lieber Stefan,

      was für ein schöner, längerer Text. Danke, dass du dir die Mühe gemacht hast, ein solches Pamphlet zu verfassen. Ich freue mich sehr, wenn mir auch die ein oder andere Röte ins Gesicht schießt, wenn ich mir dein Kompliment durchlese.
      Santiago ist ein super Ankomm-Ort. Finisterre ist ein ebensolcher, aber ganz anders, weil es nicht ganz so wuselig zugeht und man auf den letzten Tagen tatsächlich noch die Chance hat, alles ein wenig sacken zu lassen. Als Verlängerung eines Caminho Portugues eignet es sich ganz hervorragend. Muxia sicher ebenso. Wenn ich (vermutlich im nächsten Frühjahr) den Norte zu Ende laufen (bin bis La Cardidad gekommen), werde ich auch nach Muxia gehen. Der Ort fehlt noch auf der Liste.

      Schauen wir mal – auch mit Blick auf „was passiert als nächstes auf dem Blog“ 🙂 Ich würde gern auch künftig jeden Sonntag etwas veröffentlichen.
      Aber nahtlos von Portugal an die Nordküste, fühlt sich grad noch nicht ganz richtig an. Dazu ist es noch zu frisch. Aber das mag sich in 2 Wochen anders anfühlen.

      LG

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